Archiv für WAZ

Kurz korrigiert (509)

Es gibt einiges zu korrigieren seit der vergangenen Ausgabe. Fangen wir also am besten direkt an …

***

… und zwar mit „Björn Böhning“, der gar nicht Björn Böhning ist. Heute in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Björn Böhning (39), Chef der Senatskanzlei, steht am Kofferband und wartet

Die Person, die „am Kofferband“ steht und „wartet“, ist nicht Böhning, sondern „Tagesspiegel“-Redakteur Sidney Gennies. Beide hatten Berlins Bürgermeister Michael Müller in die Partnerstadt Los Angeles begleitet — Böhning in seiner Rolle als Chef der Berliner Senatskanzlei, Gennies als Journalist.

***

Auch mit USA-Bezug, allerdings ein etwas anderes Metier:

Screenshot Bild.de - Vor den Augen seiner Kinder - Wrestling-Irrer springt wieder vom Zehn-Meter-Käfig

Über den Ausdruck „Wrestling-Irrer“ lässt sich sicher streiten, schließlich handelt es sich um Shane McMahon, der nicht nur professioneller Wrestler ist, sondern auch der Sohn des „WWE“-Eigentümers Vince McMahon, und dem einigermaßen klar sein dürfte, was er da so macht. Eindeutiger ist die Sache beim angeblichen „10-Meter-Käfig“, der beim sogenannten „Hell in a Cell“-Match traditionell 20 Fuß hoch ist, was umgerechnet etwas mehr als sechs Meter sind. Deswegen sprechen die meisten Redaktionen auch von „20 feet“ beziehungsweise einer „Sechs-Meter-Bruchlandung“. Nur bei Bild.de kommen noch mal vier Meter obendrauf.

***

Zehn Jahre obendrauf gab’s für France Gall, von der „WAZ“:

Ausriss WAZ - Heute vor 80 Jahren (1947) wurde France Gall geboren.

Wir haben mehrmals nachgerechnet und kommen zu dem Schluss: Entweder handelt es sich um eine Meldung vom 9. Oktober 2027, oder die „WAZ“-Redaktion hat Schwierigkeiten mit Zahlen. Die französische Sängerin France Gall wurde gestern jedenfalls 70 Jahre alt.

***

Apropos „WAZ“: Die heißt laut sportbild.de nicht mehr „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, sondern „Westfälische Allgemeine Zeit“:

Screenshot sportbild.de - Wer wird neuer Trainer bei den Bayern? Seit dem Rauswurf von Carlo Ancelotti brodelt die Gerüchteküche. Jetzt kommt ein neuer Name ins Spiel: Laut der WAZ (Westfälische Allgemeine Zeit) wird auch Louis van Gaal (66) als neuer Coach im Umfeld des Rekordmeisters diskutiert.

***

Aber zurück zum Jahreszahlen-Durcheinander. So eines hat auch Bild.de hinbekommen — bei dieser Geschichte:

Screenshot Bild.de - Nur null zu null gegen Peru - Messi und Argentinien vor WM-Aus

Heute Nacht entscheidet sich, ob die argentinische Nationalmannschaft und Lionel Messi bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland dabei sind. Bild.de schreibt dazu:

Dennoch ist die Quali aus argentinischer Sicht bisher eine einzige Enttäuschung!

Und es droht ein doppeltes Drama: Argentinien wäre zum ersten Mal seit 47 Jahren nicht bei einer WM-Endrunde dabei.

Da die Fußball-WM nicht alle 3,917 Jahre stattfindet, sondern alle vier Jahre, wäre Argentinien zum ersten Mal seit 48 Jahren „nicht bei einer WM-Endrunde dabei.“

***

Ebenfalls Fußball, ebenfalls ein einfacher Rechenvorgang, den Bild.de nicht hinbekommt. Nachdem FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller gegen den FSV Mainz 05 getroffen hatte, schrieb die Redaktion:

Überragend: Es ist der 200. Scorer-Punkt in Müllers Bundesliga-Karriere (87 Tore, 103 Vorlagen) — und das in nur 261 Spielen!

Tatsächlich hat Müller bisher 97 Bundesliga-Tore geschossen. Die 200 Scorer-Punkte stimmen also — vorausgesetzt die 103 Vorlagen, die Bild.de nennt, sind korrekt. Andere Statistiken sagen allerdings, dass Müller seltener Vorlagengeber in der Bundesliga war.

***

Und zum Abschluss noch eine falsche Bild.de-Rechnung. Zu den Gehältern in der ARD schreibt das Portal:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 333 Euro!

Nein.

Mit Dank an Peter H., Peter S., Daniel P., Marco F., Lothar Z., Pippo, @BoehningB und @JuergenKuehner, für die Hinweise!

WAZ, waz.de  

Den bot zum Gärtner machen

Wirklich sicher sind wir auch nicht, was Donald Trump meinte, als er gestern in einer Rede im US-Bundesstaat Florida sagte: „You look at what happened last night in Sweden“. Mit irgendeinem Vorfall in Schweden wollte Trump seinen Zuhörern klarmachen, wie wichtig seine verschärften Einwanderungsgesetze seien, und wie schnell unkontrollierte Einwanderung zu Terroranschlägen führen könne. Nur: In Schweden ist „last night“ nichts Dramatisches passiert, das im Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik des Landes steht.

Es gibt die Vermutung, dass der US-Präsident Schweden mit dem pakistanischen Sehwan verwechselt haben könnte, wo es tatsächlich gerade erst einen Selbstmordanschlag mit vielen Toten gab.

Wir haben aber noch eine andere Theorie, wie Donald Trump auf die Schreckensmeldung aus Schweden gekommen sein könnte: Zwischen zwei Hasstiraden gegen die US-Medien hat er sich einmal durch Twitter geklickt und ist auf den Account der „WAZ“ gestoßen.

Dort steht seit gestern morgen:

Und auch wenn man dem Link folgt und nur die Überschrift des Artikels liest, denkt man noch, es sei in irgendeinem schwedischen Supermarkt etwas Schlimmes passiert:

Wir können Sie aber beruhigen: Es gab kein „Geiseldrama im schwedischen Supermarkt“, also nicht in echt. Samstagabend lief im „ZDF“ bloß ein neuer Krimi mit Walter Sittler. Der spielt in Schweden. Und in der Folge von gestern gab es auch eine Geiselnahme im Supermarkt. Das ist alles.

Was erstmal nach ganz dämlichem Clickbaiting aussieht, dürfte an der Automatisierung der „WAZ“-Twitterei liegen. Denn die Redaktion aus Essen schreibt ihre Tweets in der Regel nicht selbst — ein Auto-Twitterer („(bot)“) übernimmt die Arbeit. Und der greift sich immer nur die Überschrift eines Artikels und schickt diese dann samt Link an die 213.000 Follower.

So wirkt ein Filmplot dann schnell wie eine ernste Nachricht. Und landet in einer Rede von Donald Trump. Oder auch nicht.

Mit Dank an @Amoebication für den Hinweis!

Nachtrag, 20. Februar: Vielleicht lagen wir mit unserer „WAZ“-Twitter-Theorie doch daneben. Donald Trump hat sich inzwischen dazu geäußert, was er mit „You look at what happened last night in Sweden“ meinte — er schreibt, er habe sich dabei auf eine Sendung von „Fox News“ bezogen.

Mit Dank an Sebastian für den Hinweis!

WAZ  

Ihr EUmel! (4)

Manchmal werden wir gefragt, ob die ständige Auseinandersetzung mit anderer Leute Fehler nicht auch Auswirkungen auf die eigene geistige Gesundheit habe. Die Antwort lautet: leider ja.

So saß ich gestern mit ein paar Freunden in einem Café zusammen, das Gespräch kam auf den Relaunch der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ („WAZ“), die seit letzter Woche ein sechsspaltiges Layout hat, kein siebenspaltiges wie zuvor. Jemand griff nach einer ausliegenden „WAZ“ und blätterte sie eilig durch, um den Bochumer Lokalteil genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Gib mir noch mal den Mantel“, sagte ich, denn mir war, als hätte ich aus dem Augenwinkel für den Bruchteil einer Sekunde etwas gesehen, das nicht richtig sein konnte.

Und, fürwahr:

EU-Gericht verurteilt Türkei

Also, noch einmal für die Leute bei der (optisch wirklich ganz hübsch gewordenen) „WAZ“: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist kein „EU-Gericht“!

Vielleicht brauche ich doch mal Urlaub!

Negatives emotionales Potential aus der Kindheit

Frage: 374 Studentinnen und Studenten (im Folgenden: „Studenten“) besuchen im Wintersemester die Mathematik-Vorlesung für Lehramtsstudenten an der Universität zu Köln. 305 von ihnen treten zur Abschlussklausur an, doch nur 22 bestehen diese. An der Nachklausur nehmen 242 Studenten teil, von denen 79 bestehen. 6 weitere Studenten melden sich krank und dürfen eine weitere Nachklausur schreiben. Wie hoch ist die Durchfallquote der Vorlesung?

Boah, okay, das ist fies. Zählen die 69 Studenten, die zur Prüfung zugelassen waren, aber gar nicht erschienen sind, mit? Ich sag mal nein. Wer nicht antritt, kann ja weder bestehen noch durchfallen.

Rechnung: (22+79) / 305 * 100 = 33,1147541
100 – 33,1147541 = 66,8852459

Ach, verdammt, da sind ja noch die Krankmeldungen. Da weiß ich gar nicht, wie viele von denen bestehen. Bei meiner Rechnung ja null. Und wenn alle sechs bestehen …

Rechnung 2: (22+79+6) / 305 * 100 = 35,0819672
100 – 35,0819672 = 64,9180328

Antwort: Die Durchfallquote liegt zwischen 64,9 und 66,9 %.

Oh, Mist. Oder hätte ich die 79 Leute aus der Nachklausur in Relation zu den 242 setzen müssen, die dazu überhaupt nur erschienen sind? Ach nee, die anderen sind ja auf jeden Fall durchgefallen. Oder? Verdammt, warum hab ich mich nur für Mathe als Nebenfach entschieden?

Was Studenten an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen kann, ist für „Spiegel Online“ kein Problem: Die Hochschulredakteure dort setzen einfach die 22 Studenten, die im ersten Anlauf bestanden haben, ins Verhältnis zu den 374 Studenten, die für die Klausur zugelassen waren, und kommen so auf eine noch viel beeindruckendere Zahl:

Proteste nach harter Mathe-Klausur: Durchfallquote 94 Prozent

„Spiegel Online“ schließt sich damit der Lesart von „Kölner Stadtanzeiger“, „WAZ“ und WDR 5 an, die in den letzten Wochen und Monaten über den Fall berichtet hatten.

Das Seminar für Mathematik und ihre Didaktik der Uni Köln hatte sich schon vor Erscheinen des „Spiegel Online“-Artikels in einer ausführlichen Stellungnahme (PDF) zu den Vorwürfen der Studenten geäußert.

Neben Einlassungen zur Zahl der bestandenen Klausuren („Damit werden am Ende der Veranstaltung 101 bis 107 diesen Modul bestanden haben“) gibt es einen ziemlich langen Teil zur Presseresonanz:

Die Skandalisierung eines solchen Ereignisses nimmt für uns eine neue Qualität an, wie sie uns bislang nur von englischen Kollegen berichtet wurde. […]

Unerträglich ist es für uns jedoch zu lesen, wenn Studierende, Journalisten, Leserbriefschreiber, Blogger und andere – meist ohne Kenntnis der Hintergründe – denken, den Grund für den Ausgang der Klausur in der Person der Dozentin ausgemacht zu haben. Sie schädigen den Ruf einer ausgewiesenen Dozentin. Seit dem Bekanntwerden des Klausurergebnisses wurde die Dozentin in der Öffentlichkeit persönlich angegriffen. […] Eine Teilnehmerin der Vorlesung schrieb am 29.02.2012 in einem Leserbrief: „Wie kann es sein, dass eine Professorin lehrt, die anscheinend keinerlei Interesse an den Studenten beziehungsweise ihren Zielen hat?“. Von ihr hat die Dozentin sieben E-Mails mit Mathematikfragen erhalten, die sie alle nachweisbar freundlich und sachlich beantwortet hat. Sie hat auch einige unfreundliche und sogar grob beleidigende E-Mails von Studierenden erhalten. Diese hat sie noch am selben Tag oder in einem Fall am folgenden Tag ausführlich beantwortet. Dies alles kann belegt werden. Diese Studierenden haben sich bis heute nicht von ihrer Aussage in der Zeitung distanziert, noch dafür entschuldigt.

Auch von Journalisten wurde ihr unterstellt, Dinge gesagt zu haben wie „Ihr habt nicht mal das Niveau einer fünften Klasse.“ (Stadt-Anzeiger) oder dass sie die Studierenden für ‚zu blöd‘ halte und ihnen ‚ein beschränktes Denken‘ (WAZ) unterstelle. Diese angeblichen Zitate passen nicht zu ihrem nachweisbar großen Engagement. Wenn sie dieser Haltung wäre, würde sie nicht bis 21 Uhr freiwillig und unbezahlt Tutorien anbieten, um die aus der Schule mitgebrachten Defizite zu bearbeiten. Dass es diese Defizite gibt, hat sie allerdings sehr wohl angesprochen. Studierende, die behaupten, die Hilfe der Dozentin nicht in Anspruch genommen zu haben, weil sie sich eingeschüchtert fühlten, haben auch die Sprechstunden der Mitarbeiter und Hilfskräfte nicht besucht. Selbst in seriösen Medien (WDR 5, Deutschlandfunk) finden sich falsche oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Der dortige Verweis auf den kulturellen Hintergrund der Dozentin (‚Was sie hier verlange entspräche dem Niveau der neunten Klasse in ihrer Heimat Rumänien, meinte sie gegenüber den Studierenden in ihrer Vorlesung.‘) stimmt in Anbetracht der ausgiebigen Erfahrungen der Dozentin an deutschen Universitäten und ihrer perfekten Beherrschung der deutschen Sprache nachdenklich.

Die Dozentin dieser Vorlesung hat sich weit über das von ihr geforderte Maß eingesetzt. […] Die E-mail Korrespondenz mit den Studierenden ist nachweisbar freundlich und auf die Sache bezogen – selbst dann noch, wenn sie mit frustrierten, polemischen Äußerungen von Studierenden konfrontiert wurde. […]

Die vielen Beschimpfungen der Dozentin durch Menschen, die sie gar nicht kennen, können wir uns vor allem nur durch das negative emotionale Potential erklären, dass Mathematikunterricht in Deutschland bei vielen Menschen in ihrer Kindheit erzeugt haben muss. Aber genau hier können wir nur mit mathematisch kompetenten Lehrerinnen und Lehrern Abhilfe schaffen.

Mit Dank an Thomas F.

WAZ  

Ebony And Irony

Die Hälfte der neuen Ärzte in Westfalen-Lippe sind Ausländer.

Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ („WAZ“) hat in ihrer Hattinger Lokalausgabe deswegen heute den Gastbeitrag eines Mediziners veröffentlicht, der als Privatdozent an der Ruhr-Universität Bochum lehrt.

Der Text liefert ein paar Hintergründe, stellt ein paar Zahlen zum Vergleich nebeneinander und erklärt, was entscheidend sei: die „Einsicht aller Beteiligten in die Relativität der eigenen Kulturstandards, Werte und Normen“. Er schließt mit den Worten, Hattingen stelle seine Weltoffenheit unter Beweis.

Das unterscheidet Hattingen von den Überschriftenmachern der „WAZ“:

Schwarze Männer in weißen Kitteln

Mit Dank an Sarina S.

Nachtrag, 20.30 Uhr: In ihrem Internetportal „Der Westen“ hat die „WAZ“ die Überschrift zu einem unverfänglicheren „Ärzte aus aller Welt“ abgeändert.

Urbane Legenden über Political Correctness (2)

Die Falschmeldung, dass die BBC die Bezeichungen „vor Christus“ (BC) und „nach Christus“ (AD) abgeschafft und durch die religionsneutralen Formulierungen „vor / nach unserer Zeitrechnung“ (BCE / CE) ersetzt habe, zieht Kreise.

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (Neue OZ) berichtete groß in ihrer Samstagsausgabe:

LONDON. Die BBC streicht die Geburt Jesu aus dem Programm: Moderatoren sollen bei Zeitangaben nicht mehr die Begriffe „vor Christus“ und „nach Christus“ verwenden. Damit will der Sender auf die Sensibilitäten anderer Ethnien Rücksicht nehmen. Doch im Jahr 2011 nach der Geburt jenes Mannes, der nicht mehr genannt werden darf, regt sich viel Protest.

Was die Autorin mit „Ethnien“ meint, wenn es doch um Religionen geht, ist nicht ganz klar, aber ohnehin ist das alles falsch — wie der aufmerksame Leser des Artikels immerhin erahnen kann, wenn er weiterliest bis zu der Stelle, an der plötzlich nicht mehr von einem Verbot, den Namen Jesu zu nennen, die Rede ist: „(…) jede Redaktion darf selbst entscheiden, welche Variante sie nutzt (…).“

Die BBC überlässt ihren Mitarbeitern also die freie Entscheidung. Die BBC-Religionsseiten im Internet haben sich dafür entschieden, die religionsneutralen Bezeichnungen zu verwenden, die im Schulunterricht in England und Wales ohnehin seit fast zehn Jahren verwendet werden. Die Entscheidung dieses BBC-Ressorts wurde schon vor Jahren getroffen und veröffentlicht, ist aber offenbar erst jetzt von Kritikern der BBC und der angeblichen „Political Correctness“ entdeckt worden, die sie für eine sehr wirkungsvolle Desinformationskampagne nutzen.

Auch die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) wollte die längst widerlegte Mär glauben und packte eine kurze, falsche Meldung, die offenbar von derselben Autorin stammt wie die „Neue OZ“-Version, sogar auf ihre Titelseite:


Foto: pottblog.de

Sicherheitshalber ordnete die WAZ die Sache gleich noch für ihre Leser in einem Kommentar auf Seite 2 ein, der zu dem Schluss kommt:

Diese epochale Entscheidung beruhigt uns sehr. Zeigt sie uns doch, dass es nicht nur hierzulande politisch überkorrekte Bedenkenträger gibt, die Probleme vor allem dort suchen, wo sie keinen stören.

Er meint mit den beunruhigenden „Bedenkenträgern“ selbstverständlich nicht die Leute, die ein Problem damit haben, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Großbritannien seinen Redakteuren die Wahl lässt, und die der BBC vorschreiben wollen, wie sie in jedem Fall die Jahrenzahlen angeben muss. Und immerhin war es die WAZ, die das „Problem“ der Bezeichnung der Zeitenwende in einem kleinen Teil des BBC-Angebotes im Vergleich zu all den anderen Problemen auf der Welt wichtig genug fand, um es auf die Titelseite zu packen und einen Kommentar dafür zu verwenden.

Der vollständige Kommentar wurde übrigens noch am Freitagabend von der Nachrichtenagentur dapd weiterverbreitet, die offenbar aus irgendwelchen Gründen annahm, die WAZ-Leute kennten sich aus mit dem, was sie kommentieren.

Mit Dank an Benedikt und den Pottblogger!

Nachtrag, 5. Oktober. Die falschen Behauptungen wurden auch vom „Bonner Generalanzeiger“ („Neue Zeiten bei der BBC: Jesu Geburt wird nicht mehr genannt“), der „Kölnischen Rundschau“ („Bei der BBC wird Jesu Geburt nicht mehr genannt“) und dem „Mannheimer Morgen“ („Christus fliegt aus dem Programm“) verbreitet.

Im „Westen“ nichts Neues

Seit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 musste Deutschland Reparationszahlungen für den ersten Weltkrieg ableisten, die letzten Zinsen werden übermorgen fällig.

Nicht ganz so lange, sondern erst seit dem 28. September 2010 steht auf „Der Westen“ ein Artikel aus der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, der wie folgt beginnt:

Essen. Reparationszahlungen belasten den Bundeshaushalt bis heute. Dieses Jahr überweist Berlin die letzten 70 Millionen. Beinahe hätte das auch John Babcock noch mitbekommen.

Der Kanadier John Babcock war der letzte Veteran des Ersten Weltkriegs. Er starb im Februar dieses Jahres.

Seit dem 29. September weist ein Kommentator darauf hin, dass diese Behauptung so falsch ist:

Nur eine Korrektur, John Babcock war der letzte KANADISCHE Veteran des ersten Weltkriegs! Es gibt aber noch drei lebendige – alles Briten.
#2 von Thomas , am 29.09.2010 um 07:47

Hier noch der Link dazu:

http://en.wikipedia.org/wiki/
Last_surviving_World_War_I_veteran_by_country
#3 von Thomas , am 29.09.2010 um 07:49

Mit seiner Einschätzung „alles Briten“ liegt „Thomas“ zwar falsch (es handelt sich um einen Briten, eine Britin und einen US-Amerikaner), aber die Drei leben eben noch. Erst wenn zwei von ihnen gestorben sind, wird man wissen, wer wirklich der letzte Veteran des Ersten Weltkriegs war.

Obwohl die Leserkommentare offensichtlich gelesen werden (einige von ihnen wurden nämlich gelöscht oder editiert), hat der „Westen“ den Fehler bisher nicht korrigiert. Aber zwei Tage sind natürlich ziemlich wenig, verglichen mit mehr als 90 Jahren.

Mit Dank an Stefan M.

Was von der Loveparade übrig blieb

Irgendwann sind die Journalisten auf die Idee gekommen, dass die Stimmung, die man als „Sprachlosigkeit“ bezeichnen könnte, am Besten abgebildet werden kann, indem man sie beschreibt, kommentiert und abfotografiert. Dass man dem stillen Entsetzen und der Trauer eine laute Mischung aus Information, Mutmaßung und Klickstrecken entgegensetzen sollte, weil man den nahezu unmöglichen Prozess des Verstehens so vielleicht erzwingen kann.

„Bild“ kann deshalb heute, rund einen Tag, nachdem Polizei und Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen begonnen haben, bereits das „Todes-Protokoll“ der Ereignisse von Duisburg vorlegen. Die Zeitung kann sichtlich verstörte Jugendliche befragen, die einen Freund verloren haben, und eine traumatisierte Überlebende berichten lassen:

"Auf meinen Beinen lagen zwei Leichen!"

Daneben die Fotos von fünf Verstorbenen (auf Bild.de sind es inzwischen mehr), die die Redaktion zumindest teilweise offensichtlich aus dem Internet übernommen hat. Auf einem anderen Foto ist exakt das zu sehen, was die Bildunterschrift verspricht:

Ein Mädchen und ein junger Mann beim gemeinsamen Versuch, eine leblose Person zu reanimieren.

Schon seit dem frühen Samstagabend hatte Bild.de in Bildergalerien notdürftig abgedeckte Tote gezeigt („Die Hand im Tode verkrampft. Auch dieser Mann wurde bei der Panik vermutlich zerquetscht.“, „Ein Foto, das Gänsehaut vermittelt – zwei Tode am Haupteingang.“, „Die Leiche eines jungen Ravers liegt abgedeckt im Müll.“, usw. usf.).

Doch Bild.de zeigte auch diese auf den ersten Blick harmlose Luftaufnahme:

Fotomontage vom Festival-Gelände.

Das Foto, das inzwischen entfernt wurde, zeigt fahrende Autos auf der gesperrten Autobahn 59, kahle Bäume im Hochsommer, Menschengruppen, die mehrfach im Bild sind und vieles mehr — mit anderen Worten: Es ist eine ziemlich schlecht gemachte Fotomontage. Und das, wo die Menschenmassen auf den Originalfotos vom Festivalgelände beeindruckend genug gewesen wären.

Auch wenn die mehr als einhundert Beschwerden, die allein bis zum heutigen Mittag beim Deutschen Presserat eingegangen sind, sich „bisher alle“ gegen die Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de richteten, waren dies längst nicht die einzigen Medien, die Fotos von Opfern veröffentlichten. Bilder von Schwerverletzten, unter Schock stehenden Personen, Rettungsmaßnahmen und Leichentüchern, unter denen Gliedmaßen hervorschauen, gab (und gibt) es auch auf express.de, stern.de, derwesten.de zu sehen. „RP Online“ anonymisierte immerhin die meisten erkennbaren Gesichter, ebenso wie Bild.de bei den Fotos seiner „Leserreporter“.

Bemerkenswert auch das Titelbild der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ heute, auf dem die Arme eines toten Menschen zu sehen sind — und die Idee, die Ereignisse vom Wochenende ausgerechnet mit einer Karikatur zusammenfassen zu wollen.

Mit Dank an die vielen, vielen verschiedenen Hinweisgeber!

Keine Wettkönige fürs Schloss Bellevue

Tageszeitungen leiden darunter, aufgrund ihres langwierigen Produktionsprozesses immer wieder Nachrichten-Ereignissen hinterherzuhinken. Deshalb ist die Versuchung groß, etwas als Tatsache vorwegzunehmen, das in Wahrheit noch gar nicht feststeht. Das ist nicht ohne Risiko.

Selbst die nicht für Zögerlichkeit oder Angst vor übertriebenen Zuspitzungen bekannte „Bild“-Zeitung mochte am Donnerstag noch nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Favoritin Ursula von der Leyen tatsächlich die Kandidatin der Regierungsparteien für das Amt des Bundespräsidentin werden würde. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ wollte dagegen sogar darauf wetten:

Das „Hamburger Abendblatt“ hätte nicht dagegen gehalten und verstieg sich in die Formulierung, Ursula von der Leyen sei „am Ziel ihrer Träume“:

Und der „Berliner Kurier“ sah das Rennen (angesichts der Bildauswahl offenbar leider) als gelaufen an:

Besonders bitter ist es natürlich für die WAZ, dass ihre Schlagzeile aufgrund des Feiertages in Nordrhein-Westfalen auch heute noch als aktuelle Ausgabe an den Kiosken liegt.

(Titelbilder via „Meedia“.)

WAZ  

Künstliches Koma

Im Internet herrscht mal wieder helle Aufregung. Grund ist ein Artikel bei derwesten.de, dessen Überschrift besorgniserregend klingt:

Sucht: Junge Union lädt Jugendliche zum Koma-Saufen ein

Im gedruckten Bochumer Lokalteil der „WAZ“ lautete die Überschrift etwas anders („Empörung wg. JU-Angebot zum Koma-Saufen“), aber der Text ist identisch: Die Junge Union Bochum habe mit einem „im Internet kursierender[n] Aufruf an junge Leute ab 16 Jahren“ für „helle Empörung“ gesorgt.

„Der Westen“ ergänzt noch, das Angebot „gleicht nahezu einer Aufforderung zum Koma-Saufen“, und beide Texte sind sich einig:

Es klingt wie Koma-Saufen: Die entsprechenden Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, sie gelten nur bis 23.30 Uhr, die Party beginnt aber erst ab 22 Uhr.

Plakat der Jungen Union BochumDas könnte man in der Tat glauben, wenn man die (nicht nur im Internet verbreitete) Einladung zur „Wahlparty“ kurz vor der Kommunalwahl liest. Die unglückliche Formulierung „Gutscheine gültig bis 23:30 Uhr“ bedeutet aber nicht etwa, dass die Gutscheine nach 23:30 Uhr verfallen, sondern – wie in der Discothek Playa auch sonst üblich – dass man sie nur bis halb Zwölf bekommt — sie bleiben dann gültig, bis die Disco schließt.

Auf der Website der Jungen Union Bochum heißt es in der Einladung auch:

Die JU stellt klar, dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf.

Dieser Satz war übrigens zwischenzeitlich aus dem Web-Auftritt der Jungen Union verschwunden, was man uns auf Anfrage mit einem „Fehler beim Copy & Paste“ erklärte.

Die Junge Union stellte im Gespräch mit BILDblog auch noch einmal klar, dass man bei der Planung der Veranstaltung eng mit den Bochumer Behörden zusammenarbeite und vor Ort besonders auf die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften achten werde. Im Übrigen könne man mit den Gutscheinen natürlich auch alkoholfreie Cocktails kaufen, die sonst „sechs, sieben Euro“ kosteten.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob solche Veranstaltungen ein probates Mittel sind, um Jugendliche an die Politik heranzuführen (die Junge Union spricht davon, die jungen Leute „dort abzuholen, wo sie stehen“) — so wie man auch darüber diskutieren kann, ob die „WAZ“ darauf hätte hinweisen sollen, dass die Leiterin der Jugend- und Drogenberatung Krisenhilfe, Silvia Wilske, die sich in der Zeitung „maßlos“ über die Wahlparty „geärgert“ hatte, SPD-Kandidatin für die Bezirksvertretung in Bochum-Weitmar ist.

Inzwischen hat „Der Westen“ übrigens eine Stellungnahme der Jungen Union veröffentlicht. Nach Aussage des Pressesprechers hatte die „WAZ“-Redaktion keinerlei Kontaktversuche unternommen, bevor sie behauptete, die Junge Union lade zum Koma-Saufen ein.

Mit Dank auch an Jens M. für das Foto.

Nachtrag, 21. August: Der Artikel, in dem die Junge Union selbst zu Wort kommt, steht heute auch auf der ersten Seite des gedruckten Lokalteils.

Übrigens ein ganzes Stück größer und auffälliger als der erste Artikel: