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Es ist etwas faul …

Ganz Deutschland diskutiert über Hartz IV.

erklärte „Bild“ am vergangenen Freitag mit dem üblichen Understatement und ließ es sich nicht nehmen, einen eigenen Beitrag zur Diskussion zu liefern, der knapp ein Viertel der Titelseite einnahm:

Macht Hartz IV faul?

Diese Frage war für „Bild“ ungefähr so rhetorisch wie die, mit denen der große Seite-2-Artikel begann:

Muss es eine verschärfte Arbeitspflicht für Arbeitslose geben, wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch fordert? Haben Hartz-IV-Empfänger keine Lust zu arbeiten? Oder lohnt es sich schlicht für viele nicht mehr, überhaupt eine Arbeit anzunehmen?

Gleich drei O-Töne hat die Zeitung eingesammelt (von Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt, CDU-Wirtschaftsexperte Michael Fuchs und FDP-Sozialexperte Pascal Kober), die alle der Meinung zu sein scheinen, dass die Menschen die Lust am Arbeiten verlieren, wenn die Hartz-IV-Bezüge zu hoch sind bzw. jemand, der arbeitet, nicht „wirklich mehr“ verdient.

Um dieses „wirklich mehr“ zu qualifizieren, hat „Bild“ drei Beispielfamilien erfunden und für sie verglichen, was sie als Berufstätige und als Bezieher von Arbeitslosengeld II bekommen. Wenig überraschendes Ergebnis: Laut „Bild“ bekommt, wer arbeitet, nur wenig mehr — oder gar gleich weniger — als der vergleichbare Hartz-IV-Empfänger.

Allein: „Bild“ rechnet falsch. Der Paritätische Wohlfahrtsverband wirft „Bild“ vor, bei den Arbeitnehmern Wohngeld und Kinderzuschlag „systematisch unterschlagen“ zu haben. Familien, die so wenig verdienen, hätten darauf allesamt Anspruch und damit durch die Bank rund 500 Euro mehr zur Verfügung als mit ALG II.

„Bild“ widersprach, nannte den Vorwurf „grob irreführend“ und wies darauf hin, dass jemand, der die „Aufstockung“ seines Gehaltes mit Arbeitslosengeld II beantrage, Wohngeld und Kinderzuschlag nicht mehr beantragen dürfe. Was „Bild“ aber dabei unterschlägt: Mit diesen zusätzlichen Einnahmequellen erreichen die Beispielfamilien auch ohne diese „Aufstockung“ (die ihnen dann ohnehin nicht zustünde) höhere Summen als von „Bild“ angegeben. Der Wohlfahrtsverband nennt die Verteidigung von „Bild“ daher „wiederum völlig falsch und damit bewusst irreführend“.

„Bild“ gibt das Einkommen der Beispielfälle nach den Berechnungen des Wohlfahrtsverbandes um jeweils mindestens 200 bis 250 Euro zu niedrig an. Bei richtiger Berechnung wüchse der Abstand der Einnahmen der arbeitenden Familien gegenüber denen, die nur von Hartz IV leben, auf jeweils rund 500 Euro im Monat.

Doch die „Bild“-Zeitung blieb auch am Samstag ihrer Linie treu: Sie ließ „Betroffene“ zu Wort kommen, die erklären, dass sie arbeiten gehen, obwohl sie „läppische 52 Euro mehr“ bekommen als ihnen bei Hartz IV zustünden. Passend dazu veröffentlichte das Blatt einen angeblichen Leserbrief mit folgendem Inhalt:

Ich bin 40, Krankenpfleger, Langzeitarbeitsloser aus gesundheitlichen Gründen (Psyche). Ich warte jetzt erst mal die Neuregelungen ab. Nach 10 Jahren lohnt es sich für mich nicht, wieder einzusteigen. Im Juni war ich eine Woche auf Helgoland. Im September und Dezember auf Mallorca. April-Urlaub ist schon gebucht. Also, geht doch!
H. R., Hamburg (E-Mail)

Am Montag dürfen sich Hartz-IV-Empfänger in „Bild“ „wehren“:

Dass Hartz-IV-Empfänger „NICHT allesamt faul“ seien, hatte Nikolaus Blome aus dem Hauptstadtbüro von „Bild“ schon am Freitag in seinem Kommentar geschrieben.

Blome und „Bild“ wünschen sich aber offenbar eine Reduzierung der Hartz-IV-Sätze:

Die Ansprüche zu erhöhen, unter dem Strich also mehr Geld für Hartz-IV-Haushalte zu geben, das ist keine Lösung. Sondern das Gegenteil.

Dafür rechnen sie auch schon mal falsch.

Mit Dank an Ceggis, Joachim R., Kristin H. und Andreas.

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Auf Kreuzzug in Nigeria

Die Lage in Zentral-Nigeria ist extrem unübersichtlich. Hunderte Menschen sollen in der vergangenen Woche bei Massakern zwischen Christen und Moslems in der Stadt Jos ums Leben gekommen sein. Was genau vorgefallen ist, ist ebenso unklar wie der aktuelle Auslöser der Unruhen. „Spiegel Online“ schreibt:

Eine Version der Geschichte: Militante Muslime hätten Christen nach dem Sonntagsgebet aufgelauert. Andere Quellen besagen, der Streit habe begonnen, als christliche Jugendliche in ihrem Viertel gegen einen Muslim vorgegangen seien, der versucht habe, sein bei Unruhen 2008 niedergebranntes Haus wieder aufzubauen. Und wieder andere sagen, es sei um den Bau einer Moschee in einem christlich geprägten Viertel gegangen.

Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ berichtet seit Tagen ähnlich. Die evangelische Nachrichtenagentur epd zitierte am Donnerstag den katholischen Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, mit der Einschätzung, dass die Auseinandersetzungen „sehr wenig mit Religion zu tun haben“: „Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.“ Kaigama habe die Gerüchte, dass seine Gemeinde nach der Messe am Sonntag angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sei, dementiert: „Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.“

Wie gesagt: Die Lage in Zentral-Nigeria ist extrem unübersichtlich. Aber das würde nicht ahnen, wer am vergangenen Samstag den Bericht der papsttreuen konservativen deutschen Tageszeitung „Bild“ las:

Moslems jagen Christen

Ist das nicht praktisch? „Bild“ muss gar nicht wissen, was passiert ist. „Bild“ kann auch so allein aufgrund der Religionszugehörigkeit zwischen Tätern und Opfern unterscheiden. Die Moslems sind die Bösen.

Mit Dank an Arne H.

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Posthum gealtert II

Bloggen für BILDAls vergangene Woche die frühere TV-Moderatorin Petra Schürmann starb, verkündeten die meisten Medien übereinstimmend, dass sie 74 Jahre alt geworden war. „Bild“ und Bild.de jedoch gaben das Alter der Verstorbenen konsequent mit 76 an, was wir sehr merkwürdig fanden und deshalb aufschrieben.

Die Münchener „tz“ berichtete am vergangenen Freitag, einen Tag nach Schürmanns Tod, in ihrer Online-Ausgabe:

Ein Geheimnis, das Petra Schürmann wohl ins Grab mitnehmen wollte, ist wohl gelüftet: das um ihr Alter. Die Behörden nennen als ihr Geburtsdatum den 15. September 1933. Demnach wurde Schürmann 76 und nicht 74 Jahre alt.

Am Samstagmorgen wurde in Schürmanns Wikipedia-Eintrag ihr Geburtsdatum korrigiert, aber Klarheit herrschte immer noch nicht, wie dpa wenige Stunden später tickerte:

Seit dem Wochenende geben mehrere Zeitungen das Sterbealter Schürmanns nicht mehr mit 74, sondern mit 76 Jahre an. „Die Behörden nennen als ihr Geburtsdatum den 15. September 1933″, schreibt die Münchner „tz“. Letzte Klarheit darüber soll es spätestens am Dienstag geben. Wie Bestatter Schmid der dpa sagte, werde das genaue Geburtsdatum auf den dann verteilten Sterbebildchen schwarz auf weiß gedruckt stehen. „In den Todesanzeigen werden Sie darüber nichts finden“, sagte er.

Und so geschah es dann auch am Dienstag:

Erst auf den unter den Gläubigen verteilten Sterbebildchen wurde indessen das Geheimnis um das wahre Alter der bisher einzigen deutschen „Miss World“ gelüftet. Petra Schürmann war zwei Jahre älter als bislang angegeben. Sie wurde 76 und nicht 74 Jahre alt.

Petra Schürmanns beste Freundin Uschi von Bayern, die bis zuletzt an ihrer Seite war, hatte am Montag in der Münchner „Abendzeitung“ verraten, dass diese 1933 geboren worden war:

Sie ist mit 76 gestorben, hat sich bewusst nie jünger gemacht. Allerdings, als eine Zeitschrift sie mal um zwei Jahre verjüngte, hat sie das nicht dementiert.

Damit hat sie allerdings mindestens so viele Fragen aufgeworfen wie beantwortet: Seit wann Petra Schürmann unter falschem Alter geführt wurde, lässt sich nur schwer eingrenzen. Bei ihrer Wahl zur Miss World 1956 wurde sie noch als 23-Jährige gehandelt, aber die deutschen Zeitungen gingen seit mindestens 1996 davon aus, dass sie 1935 geboren sei.

Uns bleibt somit nur, vor „Bild“ den Hut zu ziehen: In diesem Fall hatte die Zeitung einfach mal Recht.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Springer provoziert Schmerzensgeld

Das Landgericht Berlin hat die Axel Springer AG dazu verurteilt, dem Berliner Anwalt Johannes Eisenberg ein Schmerzensgeld von 20.000 Euro zu zahlen. Das bestätigte ein Gerichtssprecher gegenüber BILDblog. Es geht um diverse Veröffentlichungen in der „Bild“-Zeitung und in dem Blog kai-diekmann.de, das Springer für den „Bild“-Chefredakteur betreibt.

Kai Diekmann und die von ihm geleitete Zeitung führen seit einiger Zeit eine Art Rachefeldzug gegen Eisenberg, der im Namen prominenter und nicht-prominenter Mandanten in vielen Fällen erfolgreich gegen falsche oder unzulässige „Bild“-Berichte vorgegangen ist. Eisenberg vertrat auch die Tageszeitung „taz“, als Diekmann sie wegen einer Satire über eine (erfundene) missglückte Penisverlängerung auf Unterlassung und Schmerzensgeld verklagte. Vor Jahren hat Eisenberg der „Bild“-Zeitung bereits erfolgreich untersagen lassen, Fotos von ihm zu veröffentlichen.

Diekmann und „Bild“ haben dennoch (oder gerade deshalb) immer wieder in besonders provozierender Weise über Eisenberg berichtet. „Bild“ stellte ihn zum Beispiel als „Alien“ dar, Diekmann veröffentlichte unter kaidiekmann.de Anwaltsschreiben Eisenbergs und machte sich über die Tippfehler darin lustig. Obwohl Gerichte die Veröffentlichungen immer wieder untersagten, ließ Springer nicht von dem verhassten gegnerischen Anwalt ab.

Nach Angaben von Eisenbergs Kanzlei begründete der Vorsitzende der Pressekammer in der heutigen Gerichtsverhandlung die Verhängung des Schmerzensgeldes damit, dass der Springer-Verlag auch nach den Verbotsverfügungen nicht damit aufgehört habe, Eisenbergs Persönlichkeitsrechte nachhaltig weiter zu verletzen.

Eisenbergs Kompagnon Stefan König interpretiert die Entscheidung so:

Das Urteil macht nachhaltig deutlich, dass auch ein mächtiger Medienkonzern die Persönlichkeitsrechte eines Gegners zu respektieren hat, der mutig und konsequent immer wieder gegen dessen Rechtsverletzungen vorgeht.

Springer kann gegen das Urteil in Berufung gehen.

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Der Staatsfeind, der kein „Staatsfeind“ war

Es gibt viele Mythen über die „Bild“-Zeitung.

Zu den besonders hartnäckigen gehört der, dass die Leute, die bei „Bild“ arbeiten, vielleicht ein bisschen skrupellos sind, aber wenigstens gut recherchieren können. Und der, dass in „Bild“ zwar viel Quatsch steht, man sich aber auf den Sportteil verlassen kann.

Andererseits ist auch der Irrglaube nicht auszurotten, dass „Bild“ sich aufgrund eines Gerichtsurteiles wegen ihrer vielen Falschmeldungen nicht mehr „Zeitung“ nennen dürfe.

Und dann ist da noch die ungleich brisantere Behauptung, dass „Bild“ den Studentenführer Rudi Dutschke als „Staatsfeind Nr. 1″ bezeichnet habe, womöglich gar am 11. April 1968, dem Tag, an dem Josef Bachmann ein Attentat auf Dutschke verübte.

Es sind scheinbar verlässliche Quellen, die diese Version verbreiten. Die Nachrichtenagentur AFP zum Beispiel, die zum 30. Todestag Dutschkes meldete:

Die Antwort von Politik und Medien auf den Herausforderer war scharf. Die „Bild“-Zeitung nannte ihn „Staatsfeind Nr. 1″. Das war am Tag, als auf ihn geschossen wurde, am 11. April 1968.

Und der evangelische Branchendienst „epd Medien“, der anlässlich des Umzugs der „Bild“-Zeitung nach Berlin am 15. Mai 2007 berichtete:

Die so genannte Generation der 68er ging gegen „Bild“ und Springer auf die Straße, wobei die Abneigung weitgehend auf Gegenseitigkeit beruhte. Am 11. April 1968 etwa bezeichnete „Bild“ den Studentenführer Rudi Dutschke als „Staatsfeind Nr. 1″. Am selben Tag wurde ein Attentat auf Dutschke verübt, Kritiker gaben „Bild“ dafür eine Mitschuld.

Die ARD, „Wikipedia“, Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth — sie alle erzählen dieselbe Geschichte. Und ein Nutzer des Freiburger Internet-Portals „Fudder“ empört sich in dessen Forum: „BILD lügt immer noch — auch 40 Jahre danach“, weil der Artikel von diesem Tag in dem Archiv fehlt, das die Axel Springer AG gerade im Internet mit angeblich allen Berichten ihrer Zeitungen aus der damaligen Zeit veröffentlicht hat.

Der Artikel fehlt aus einem anderen Grund. Es gibt ihn nicht.

In der „Bild“-Zeitung vom 11. April 1968 (Berlin-Ausgabe, Abbildung links) kommt Rudi Dutschke nicht vor. Wir haben uns selbst davon überzeugt.

Nach Angaben von Rainer Laabs, dem Leiter des Unternehmensarchivs, finden sich auch zu keinem anderen Zeitpunkt Spuren eines solchen Artikels: „Wir haben sehr intensiv, aber ohne Ergebnis, danach gesucht.“

Eine ähnliche Formulierung stand allerdings auf einem Plakat, das bei einer Anti-Studentenbewegungs-Demonstration am 21. Februar 1968 laut „Welt“ von Bauarbeitern hochgehalten wurde. „Volksfeind Nr. 1 — Rudi Dutschke, raus mit dieser Bande“ hieß es dort. Das Springer-Blatt „B.Z.“ sprach in einem Kommentar von einem „Schönheitsfleck“ der von ihr im übrigen unterstützten Kundgebung:

#Denn

Weitere Stellen hat Laabs, der das „Medienarchiv68″ zusammengestellt hat, nicht finden können.

Es spricht alles dafür: „Bild“ und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.

Andererseits kann auch kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass sie ihn — auch ohne ihn wörtlich als solchen zu bezeichnen — genau so behandelt haben. Das hat selbst Thomas Schmid, damals Teil der Studentenbewegung und heute als „Welt“-Chefredakteur mit der Relativierung der Verantwortung des Verlages beschäftigt, eingeräumt. 1999 nannte er Springer in der „Welt“ treffend:

das Haus, dem die von [Dutschke] so stark geprägte Revolte so massiv zusetzte und das ihn in vielen Veröffentlichungen zum Volksfeind und Monster entstellte.

Nachtrag, 19. Januar. Der Wikipedia-Eintrag ist, nach ein bisschen Hin und Her, korrigiert worden.

Posthum gealtert

Eigentlich wollten wir ja nicht mehr über falsche Altersangaben bei „Bild“ berichten. Die sind nämlich immer noch so häufig, dass man dafür ein eigenes Blog einrichten könnte.

Aber die Vehemenz, mit der „Bild“ und Bild.de Petra Schürmann (†74) mit ihrem Tod um zwei Jahre haben altern lassen, ist schon bemerkenswert:

Die frühere Fernsehmoderatorin starb im Alter von 76 Jahren in ihrem Haus in Starnberg. Die Klinik Großhadern bestätigte am Donnerstag entsprechende Informationen der Münchner "Abendzeitung".

Petra Schürmann († 76) ist tot. Sie starb um halb zwei in der Nacht zu Donnerstag in ihrem Haus in Starnberg.

Der 21. Juni 2001. Sommerbeginn. Ein Tag, der dem Leben von TV-Moderatorin Petra Schürmann († 76) eine tragische Wendung geben sollte .

Petra Schürmann ist tot. Die Moderatorin starb in der Nacht zum Donnerstag in ihrem Haus am Starnberger See im Alter von 76 Jahren.

Freunde und Kollegen erinnern sich an Petra Schürmann (†76): Sie war ein wunderschöner Mensch ...

„Bild“ ist immerhin so konsequent, auch ein anderes Geburtsdatum zu nennen als alle anderen Quellen:

(*15.09.1933)

Nun kann es natürlich sein, dass „Bild“ mehr weiß als alle Anderen. Das dann aber noch nicht sehr lange: Im vergangenen Frühjahr, als „Bild“ und Bild.de zuletzt über Frau Schürmann berichteten, war sie dort noch 73.

Große Sorge um Schauspielerin Petra Schürmann (73). Ihre Freunde sind in Alarmstimmung!

Traurig erinnert die Geschichte von Peter Alexander an einen anderen Fall: Den der TV-Moderatorin Petra Schürmann (73).

Mit Dank an Big J, John H. und Stefan W.

Nachtrag, 20. Januar: „Bild“ wusste tatsächlich mehr als die meisten Anderen — mehr dazu hier.

„Und was qualifiziert Sie so als Journalist?“

Seit im vergangenen November bekannt wurde, dass Kristina Köhler neue Bundesfamilienministerin wird, steht eine Frage im Raum:

Kann man ohne Kinder eine gute Familien-Ministerin sein?

Sie ist jung, ledig, kinderlos – und künftig die Mutter der Nation. Kristina Köhler (32, CDU) ist Deutschlands neue Familienministerin. Ist die Hessin diesem Job gewachsen?

(Bild.de, 28. November 2009)

„Ihre Vorgängerin im Amt, Ursula von der Leyen, ist siebenfache Mutter. Sie sind ledig und kinderlos. Was qualifiziert Sie als Familienministerin?“

(„Bild am Sonntag“, 29. November 2009)

„Frau Ministerin Köhler, Sie sind 32 Jahre jung, kinderlos – was befähigt Sie, das Familienministerium zu führen?“

(„Welt am Sonntag“/„Berliner Morgenpost“, 6. Dezember 2009)

„Frau Köhler, Sie sind 32, kinderlos und noch ledig. Was qualifiziert Sie, das Familienministerium zu leiten?“

(„Bild“, 14. Januar 2010)

Trotz der immer gleichen Fragen blieb Frau Köhler bei ihren Antworten ausgesucht höflich, bemühte sich aber im Gegenzug um ähnlich große Unoriginalität:

Ich habe mich sowohl in meinem Studium als auch in meiner bisherigen Arbeit im Innenausschuss immer mit gesellschaftlichen Themen befasst. Vor allem habe ich mich um Integration von Migranten und den Kampf gegen Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus gekümmert. Das sind Themen, die auch in meinem Ministerium von entscheidender Bedeutung sein werden.

(„Bild am Sonntag“, 29. November 2009)

Das mit den 32 Jahren, das wird sich ja im Laufe der Zeit ändern. Ich bin jetzt Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und Sie werden schwerlich jemanden finden, der all diese Bereiche in einer Person vereinigt. Ich habe mich im Studium und auch in meiner bisherigen Funktion im Innenausschuss intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, daran knüpft mein jetziges Amt gut an.

(„Welt am Sonntag“/„Berliner Morgenpost“, 6. Dezember 2009)

Das mit den 32 Jahren wird sich ja im Laufe der Zeit ändern. Ich bin jetzt Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und Sie werden schwerlich jemanden finden, der all diese Bereiche in einer Person vereinigt. Ich habe mich in meiner bisherigen Funktion im Innenausschuss intensiv mit gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt und war beim CDU-Grundsatzprogramm für Familie zuständig – daran knüpft mein jetziges Amt gut an.

(„Bild“, 14. Januar 2010)

Mit Dank auch an Stephan K.

Eigento

Seit die „Tagesthemen“ im Juni 2008 eine falsche Deutschlandfahne eingeblendet haben, hat „Bild“ die Nachrichten der ARD genau im Auge — vielleicht sogar noch ein bisschen genauer, seit der Axel Springer Verlag sauer auf „ARD aktuell“ ist.

Am Wochenende hatten die Beobachter von „Bild“ endlich mal wieder was entdeckt, was sie der „Tagesschau“ am Montag sofort aufs Brot schmieren konnten:

Verlierer: Wieder mal Erdkunde-Probleme bei der "Tagesschau"! Diesmal traf es das Emirat Katar am Golf. Dessen Hauptstadt Doha machte die ARD gestern früh zu "Dohar". Die peinliche Panne sprach sich auch in der Delegation von Außenminister Westerwelle herum, dessen Arabien-Reise der Beitrag betraf. BILD meint: Oha(r)!

Ja, was für peinliche Volltrottel da bei der ARD sitzen. Wo doch jeder Depp weiß, dass die Hauptstadt Katars Doha heißt.

Also: Von dem Menschen mal ab, der für „Sportbild“ – deren Internetauftritt seit November eine Unterseite von Bild.de ist – die Sport-Termine für den letzten Dezember zusammengestellt hat:

Reiten (bis 23.12.): Weltcup, Springen in Dohar (Katar)

Mit Dank an Thomas H.

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Sinkflug nach oben

Die Düsseldorfer Regionalausgabe von „Bild“ ließ am Dienstag die Sektkorken knallen:

Airport Düsseldorf: 18,1 Millionen Passagiere in 2009. Flughafen feiert neuen Rekord! ÜBERFLIEGER Düsseldorf

Für den Flughafen ist die Krise schon vorbei! Durch seinen Passagier-Rekord im zweiten Halbjahr 2009 landete der Airport mit insgesamt 18,1 Millionen Passagieren erneut auf der sensationellen Bestmarke von 2008 (Vorjahr 17,8 Millionen).

Überraschenderweise vermeldet der dpa-Ticker auf Bild.de (witzigerweise im Kölner Regionalteil) heute das exakte Gegenteil:

Flughafen Düsseldorf mit leichtem Passagierrückgang

dpa hat die Zahlen vermutlich von der Pressestelle des Düsseldorfer Flughafens, die heute ihre offiziellen Zahlen veröffentlichte und dabei mitteilte:

Rund 17,8 Millionen Passagiere wurden 2009 am drittgrößten deutschen Airport gezählt [...] . Dies entspricht einem leichten Rückgang von zwei Prozent bei den Passagierzahlen [...] .

Die 17,8 Millionen Passagiere aus 2009 weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der „Bild“-Angabe „(Vorjahr 17,8 Millionen)“ auf; die von „Bild“ als „sensationelle Bestmarke“ gefeierte Zahl von 18,1 Millionen taucht dagegen in der Verkehrsbilanz 2009 gar nicht auf.

Allerdings ist jetzt nicht mehr schwer zu erraten, woher die Zahl stammt:

18,1 Millionen Passagiere starteten und landeten 2008 am Flughafen Düsseldorf.

Die zwei „Bild“-Autoren haben es im Werberausch für den Flughafen geschafft, aus dem leichten Rückgang einen „neuen Rekord“ zu machen — indem sie die Zahlen von 2008 und 2009 verwechselt haben und damit Rauf mit Runter.

Mit Dank an Guido K.

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Kopfloser Horrorjournalismus

Es gibt Unfälle, die sind an Grausamkeit kaum zu überbieten: Am 4. Januar gegen 23 Uhr prallte ein 20-jähriger Pkw-Fahrer auf der Hauptstraße im niedersächsischen Seckenhausen frontal gegen einen LKW-Anhänger, der auf der Fahrbahn abgestellt war. Der Kleinwagen schoss unter dem Anhänger hindurch, das Dach wurde dabei abgerissen, der Fahrer verstarb noch an der Unfallstelle. Es gibt Medien wie den „Weserkurier“, die sich bei einem solchen Unfall an die Fakten halten, die auch durch eine Polizei-Pressemitteilung belegt sind.

Und es gibt die „Bild“. Deren Berichterstatterin Astrid Sievert musste offenbar noch ein wenig an der Horror-Schraube drehen:

Horrorunfall: Autofahrer geköpft

Auch im Text lässt Sievert die Leser wissen, wie der „Horror-Unfall“ konkret ausgesehen hat: „ER WURDE GEKÖPFT“ steht dort in fetten Lettern. An anderer Stelle ist zu lesen, dass der junge Autofahrer „mit rund 100 km/h“ in den Tod raste.

Wie die Horror-Berichterstatterin der „Bild“ zu ihren Beobachtungen kam, ist unklar. Möglicherweise hat sie sich von „Nonstop-News“ inspirieren lassen, einem Bereitschaftsdienst für Blut- und Blechschaden-Berichterstattung auf dem platten niedersächsischen Land. Die Reporter, die kurz nach dem Unfall zur Stelle waren und in ihrer Filmausbeute unter anderem eine „Totale der Unfallstelle mit viel Blaulicht“ anzubieten haben, berichten: „Der Fahrer war offenbar bei dem Aufprall in Kopfhöhe sofort getötet worden.“ Fest steht: Von einer Enthauptung kann keine Rede sein. „Die Pressemeldung der Polizei Diepholz ist maßgeblich und richtig. Der Fahrer wurde nicht geköpft“, stellt Thomas Gissing, Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Diepholz, gegenüber BILDblog klar. Wäre der „Bild“-Berichterstatterin bei ihrer Arbeit nicht der eigene Kopf abhanden gekommen, hätte sie sich übrigens selbst denken können, dass die Darstellung vom „geköpften“ Autofahrer nicht stimmen kann — immerhin heißt es in der Polizeimeldung, dass der Fahrer „noch an der Unfallstelle“ verstarb und nicht „sofort tot“ war.

Und auch die Geschwindigkeit, mit der sich der 20-Jährige auf den Anhänger zubewegte, ist nicht klar: Im „Weserkurier“ konnte die Polizei dazu keine Angaben machen. Polizeisprecherin Jutta Stricker vermutet jedoch, dass der Kleinwagenfahrer langsamer als die 100 km/h gefahren war, die „Bild“ behauptet. Die Situation sei ohnehin nicht nur mit hoher Geschwindigkeit gefährlich: Wenn sich so ein Hindernis auftue, sei eine Reaktion ohnehin schwer möglich, sagte Stricker dem „Weserkurier“.

Aber warum bei den Fakten bleiben, wenn sich ein grausamer Unfall mit gewissen verbalen Verrenkungen noch grausamer machen lässt – das denkt man sich offenbar auch hier, hier oder hier.

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