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Verwirbelte Verantwortung

Eine Woche vor dem Traditions-Derby des FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund bemüht sich „Bild“ weiterhin redlich, die Stimmung auf ein ungesundes Niveau anzuheizen. Nachdem „Sportbild“ dem Dortmunder Profi (und erklärtem BVB-Fan) Kevin Großkreutz in einem Fragebogen einen Seitenhieb auf den Gelsenkirchener Konkurrenten untergejubelt hatte und sich daraus eine Schlagzeile zurechtbog (BILDblog berichtete), kann „Bild“ heute in der Ruhrgebietsausgabe folgendes berichten:

KLOPP SCHÜTZT GROSSKREUTZ: "Ich habe schallend darüber gelacht"

Wirbel um den Kinderheim-Spruch von Kevin Großkreutz. Gestern schaltete sich sogar BVB-Trainer Jürgen Klopp (42) ein…

Das ist natürlich auch eine Art von Journalismus: Erst Windmaschinen aufstellen und dann den „Wirbel“ beschreiben — fast so wie Feuerwehrmänner, die selber Brände legen.

„Eingeschaltet“ hat sich Klopp übrigens gestern, als er auf einer Pressekonferenz auf den „Fall Großkreutz“ angesprochen wurde. Und sich alsbald die Pressevertreter selbst vornahm:

… und die Freunde hier schaffen es tatsächlich, heute so’n Ding draus zu machen, um anschließend uns alle dazu aufzufordern, Ruhe zu bewahren, damit die Zuschauer sich nicht gegenseitig rund um so’n Spiel auf den Kopf hauen. (…)

Dann schafft Ihr’s jetzt tatsächlich, da so’n Thema draus zu machen — find ich beeindruckend, weil wir müssen anschließend dafür sorgen: „Ja, so war’s doch gar nicht gemeint …“ (…) Bin ich gespannt, wie wir das hinkriegen.

„Bild“ tut unterdessen so, als falle der Veröffentlichungstermin eines „Sportbild“-Fragebogens in den Zuständigkeitsbereich des Spielers:

Jetzt der dritte Großkreutz-Akt – nur eine Woche vorm nächsten Revier-Derby.

So richtig erfolgreich scheint „Bild“ beim Anheizen aber nicht zu sein: Den Satz

Was für Klopp ein Scherz ist, empfinden viele Schalke-Fans als erneute Provokation von Großkreutz

untermauert „Bild“ mit keinem einzigen Beispiel — dabei hätte sich in Schalker Fan-Foren sicherlich der ein oder andere böse Kommentar über Großkreutz gefunden.

Allerdings auch Einschränkungen wie diese:

Wobei man hier mal wieder sehr schön die perfide Stimmungsmache der BLÖD sehen kann: Sie titeln „Peinlicher Spruch von Großkreutz… der BxB-Profi heizt die Stimmung an, hat er denn nix gelernt?“ , obwohl es sich um eine VORFORMULIERTE ANTWORTMÖGLICHKEIT in einem Sportblöd-Fragebogen handelt! Erst locken sie erwiesene geistige Tiefflieger auf derlei Aussagen und dann zündeln sie, um dann hinterher „unschuldig“ auf Großk*** zu verweisen… Wahrscheinlich hoffen sie insgeheim auf „richtig schöne“ Derbyausschreitungen, die sie dann genüßlich ausschlachten können.

Bei derlei Methoden kann ich gar nicht so viel essen, wie ich k**zen möchte! Und weder Schalker noch Dortmunder Fans sollten darauf reinfallen.

Offenbar wollte man nicht mal beim FC Schalke selbst auf den Zug aufspringen, den „Bild“ so schön ins Rollen zu bringen versucht:

Die Königsblauen schütteln ob des neuen Vorfalls nur mit dem Kopf. Neuer: „Dazu sage ich nichts mehr…“

Das stand jedenfalls so ähnlich auch schon gestern in der Zeitung:

Nun der provozierende Heim-Spruch. Und Neuer? Der gibt sich cool: „Dazu sage ich nichts mehr.“

Drei Mal bezeichnet „Bild“ im Artikel die von Kevin Großkreutz angekreuzte Antwortmöglichkeit im „Sportbild“-Fragebogen als „Kinderheim-Spruch“. So auch im letzten Satz des Artikels:

Großkreutz und der Kinderheim-Spruch – gestern hat Klopp ihm ein striktes Interview-Verbot erteilt. Bis zum Derby…

Und was das für ein Interview-Verbot war, erklärt Klopp vielleicht am Besten selbst im Wortlaut auf der Pressekonferenz:

Ich werde [Kevin] raten, einfach mit niemandem mehr über dieses Spiel zu sprechen. Sollten irgendwelche Interviews abgemacht sein, sind die in diesem Moment abgesagt, zum Thema Schalke. Weil er anscheinend machen kann, was er will, es wird anschließend ‘ne Riesengeschichte draus gemacht, weil er nun mal ‘n Dortmunder ist. Und deswegen wird’s keine Geschichte geben. Und ich bin am Überlegen, ob wir meine Termine, die in diesem Bereich abgeschlossen wurden, ob wir die nicht auch absagen. Es ist einfach zu gefährlich: Man kann nicht oft genug drüberlesen, um nicht anschließend ‘ne Geschichte zu machen, die man vier Tage wieder glattbügeln muss.

Und ich finde es so wichtig, dass es in diesem Spiel nur um Fußball geht und um nichts anderes; dass jeder dafür in der Verantwortung steht. Und ich werde meine Spieler darauf hinweisen, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden. Ich werde ihr gerecht werden — und dann gibt’s Menschen, die wir nicht beeinflussen können, die müssen ihr aber auch gerecht werden. Und das ist anscheinend nicht so leicht.

Offensichtlich steht dem verantwortungsbewussten Verhalten von „Bild“ vor allem eines im Wege: das Fehlen von Verantwortungsbewusstsein.

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Kurz korrigiert (499 & 500)

Kein Schwein will Spiele von Hertha BSC sehen, erklärt „Bild“ heute in der Berliner Ausgabe:

Das letzte Liga-Heimspiel gegen Mainz (1:1) wollten nur noch 3715 Fans sehen. Saison-Minusrekord.

Nun weiß man nicht, wie viele Zuschauer beim Spiel gegen Mainz auch Fans waren, aber selbst davon dürften es mehr als 3.715 gewesen sein. Im Stadion waren jedenfalls 36.715 Menschen, wie mehrere Quellen übereinstimmend berichten.

* * *

Jetzt wurden Liebesbriefe von John F. Kennedy († 38) an eine schwedische Geliebte veröffentlicht.

Anders als „Bild“ heute behauptet, ist John F. Kennedy nicht im Alter von 38 Jahren gestorben, sondern mit 46. Da muss wohl jemand den US-Präsidenten beim Googeln mit seinem Sohn John F. Kennedy, Jr. verwechselt haben, der 1999 mit 38 tödlich verunglückt ist.

Mit Dank an Horst, Basti, Martin K., und H.

Nachtrag, 19. Februar: Bild.de hat beide Fehler korrigiert.

Jeder nur ein Großkreutz

Sie sind Sportjournalist, es sind nur noch zehn Tage bis zum Derby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund und es liegt noch nicht genug Spannung in der Luft? Nichts, worüber Sie berichten könnten?

Kein Problem, bauen Sie sich einfach Ihre Schlagzeile selbst — „Sportbild“, „Bild“ und Bild.de zeigen in einer konzertierten Aktion, wie es geht:

  • Gehen Sie zu dem Dortmunder Spieler, von dem überliefert ist, dass er „Schalke wie die Pest hasst“ und der schon beim letzten Derby für Diskussionen gesorgt hatte.
  • Legen Sie ihm einen Fragebogen vor, dessen Antwortmöglichkeiten möglichst großes Konfliktpotential bieten, und hoffen Sie auf das Beste:
    2. Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird ... dann kommt er ins Heim
  • Übergeben Sie das Thema an Deutschlands meistgeklicktes „Nachrichten-Portal“ und drehen Sie richtig auf:

    BVB-Star Großkreutz in einem Fragebogen: Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim. KEVIN GROSSKREUTZ: Dortmund-Profi ledert wieder gegen Schalke. Dortmunds Kevin Großkreutz ist schon länger das Hass-Objekt aller Schalke-Fans. 10 Tage vor dem Revier-Derby gießt der Jung-Profi erneut Öl ins Feuer.  mehr ...

    Peinlicher Spruch von BVB-Star Kevin Großkreutz (21)!

    10 Tage vor dem Derby Schalke gegen Dortmund macht sich Großkreutz bei den königsblauen Anhängern richtig unbeliebt.

    Verzichten Sie nicht auf selbsterfüllende Prophezeihungen:

    Großkreutz heizt die Stimmung an. Hat er denn nichts gelernt?

    Im letzten Sommer machte sich der Dortmunder schon zum Hass-Objekt aller Schalke-Fans.

    Für den Fall, dass der Artikel komplett gelesen wird, können Sie gegen Ende auch noch Ihre Hände in Unschuld waschen:

    Jetzt die nächste überflüssige Provokation in Richtung Schalke. Übrigens: Mit „Stimme ich ihn um“ und „Gibt es keinen Fußball-Gott“ gab es zwei viel harmlosere Alternativen.

  • Am nächsten Tag übernimmt dann einfach die regionale Print-Ausgabe:

    Großkreutz spottet: Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, dann kommt er ins Heim!

    Erinnern Sie die Leser auch noch mal daran, um wen es da eigentlich geht:

    Die nächste Anti-Königsblau-Aktion von Großkreutz (stand vor seiner Karriere als Fan auf der Dortmunder Südtribüne), der sich offen zu seiner Schalke-Allergie bekennt: „Die sind mein Feindbild Nr. 1. Ich hasse Schalke wie die Pest!“

  • Wenn die ersten anderen Trash-Portale auf das Thema anspringen (und dabei dankenswerterweise die Information unterschlagen, dass „kommt er ins Heim“ eine vorgegebene Antwortmöglichkeit war), können Sie sich entspannt zurücklehnen und bis zum Derby über die „angeheizte Stimmung“ schreiben.

Mit Dank an Marcus H.

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Entsetzliche Bilder, exakt so dargestellt

Am 6. April 2008 veröffentlichten „Bild am Sonntag“ und Bild.de das Foto einer nackten Kinderleiche auf einem Obduktionstisch: Es zeigte die fünfjährige Lea-Sophie, die ihre Eltern verhungern ließen. Die Redaktion, die behauptete, lange über das Für und Wider der Veröffentlichung diskutiert zu haben, hatte ihre Entscheidung damals mit dem Satz begründet: „Denn wir wollen, dass so etwas nie wieder in Deutschland passiert!“ (BILDblog berichtete).

Genützt hat der selbstlose Einsatz nichts: Am 11. März 2009 fanden Notärzte und Polizisten in einer Hamburger Wohnung die Leiche der neun Monate alten Lara-Mia — „jämmerlich verhungert“, wie „Bild“ am Samstag in der Hamburger Regionalausgabe kommentierte.

Der Text von Christian Kersting beginnt mit den Worten:

Die Bilder sind entsetzlich, brennen sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein.

Und weil „Bild“ die Gedächtnisse von Notärzten, Polizisten und anderen mit dem Fall betrauten Personen offenbar nicht ausreichten, hat man sich dazu entschieden, das Bild („Der kleine Körper ist völlig abgemagert“) auch noch in die Gedächtnisse der Leser am Frühstückstisch einzubrennen.

Dabei war „Bild“ natürlich nicht so blöd, noch einmal Fotos unbekannten Ursprungs zu verwenden und damit eine weitere – hilf- wie folgenlose – „Missbilligung“ des Deutschen Presserats wegen Verletzung der Würde des Opfers zu riskieren — Nein!

Man gab einfach eine fast fotorealistische Zeichnung in Auftrag, die die Fotos brutalst möglich detailreich wiedergibt, großflächig in der Zeitung und auf der Startseite von Bild.de:

Wie viel Schuld tragen die Behörden am Tod der kleinen Lara-Mia?

Neben der Zeichnung steht:

BILD-Zeichnerin Nora Nowatzky hat die Situation exakt so dargestellt, wie sie auf den Fotos in den Akten zu sehen ist. Der kleine Körper ist völlig abgemagert. So fanden Notärzte und Polizisten das Mädchen.

Wie „Bild“ an diese Fotos gekommen ist, konnten Polizei und Staatsanwaltschaft auf unsere Anfrage nicht erklären — nur, dass sie nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen seien.

Mit Dank an Daniel K., Eagle und Sarah H.

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Rhetorische Fragen

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Rammsteinalte Geheimnisse

In ihrer Dresdner Regionalausgabe schreibt „Bild“ heute:

VOR DEN KONZERTEN IN DRESDEN: 10 Geheimnisse über RAMMSTEIN

Heute und morgen stehen die Hard-Rocker von Rammstein in der Messe Dresden vor je 10 000 Gästen auf der Bühne. BILD verrät zehn Geheimnisse, die sie über die Band noch nicht wussten:

Aus Platzgründen war leider kein Platz mehr für einen weiteren Halbsatz, den wir an dieser Stelle aber gerne nachreichen:

BILD verrät zehn Geheimnisse, die sie über die Band noch nicht wussten, wenn sie auch sonst noch nie etwas von ihr gehört haben:

In welchen Bands die Mitglieder zuvor gespielt haben, welchem Genre ihre Musik „offiziell“ (vom Ministerium für Schubladendenken) zugerechnet wird und dass Sänger Till Lindemann eine Pyrotechniker-Lizenz hat, dürfte jedem Menschen bekannt sein, der sich ein bisschen intensiver für das Thema interessiert — oder mal einen Blick in die Wikipedia-Artikel über Rammstein und Lindemann geworfen hat.

Wirklich geheimnisvoll ist dagegen, wie „Bild“ zu dieser Behauptung kommt:

1999 wurden Kruspe und Lindemann in den USA verhaftet, weil sie bei dem Titel „Bück dich“ unzüchtige Bewegungen auf der Bühne machten. 100 Dollar Strafe, 6 Jahre auf Bewährung.

Zum einen betrug die Bewährungszeit sechs Monate, zum anderen war es nicht Gitarrist Richard Kruspe, der mit Lindemann verhaftet wurde, sondern Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz, wie die Band selbst in einem Interview erzählte.

Das zehnte „Geheimnis“ könnte natürlich für Fans ohne Karte interessant sein …

Obwohl die Tickets für die Konzerte in Dresden innerhalb weniger Tage ausverkauft waren, gibt es nun durch die Freigabe von Produktionssperrungen noch Karten (71,25 Euro) auf www.rammstein.de. Die Tickets gelten vor und nach dem Konzert als DVB-Fahrschein.

… aber die haben es vermutlich schon vor einer Woche auf der offiziellen Website der Band gelesen.

Mit Dank an Maik H. und Stefan W.

Nachtrag, 15.13 Uhr: Leser Willi weist uns darauf hin, dass „Bild“ einen weiteren Fehler gemacht (bzw. aus der Wikipedia übernommen) hat: Keines der Rammstein-Mitglieder hat je bei Das Auge Gottes gespielt, wie man auf der Website der Band nachlesen kann. Gitarrist Richard Kruspe war kurzzeitig bei der Formation namens Elegantes Chaos dabei, von der dann ein anderes Bandmitglied zu Das Auge Gottes gegangen ist.

Außerdem hat Bild.de exakt die Hälfte der Fehler im Absatz über die amerikanische Verhaftung korrigiert:

1999 wurden Kruspe und Lindemann in den USA verhaftet, weil sie bei dem Titel "Bück dich" unzüchtige Bewegungen auf der Bühne machten. 100 Dollar Strafe, 6 Monate auf Bewährung.

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Kai Diekmanns „Sorgen“ (2)

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann muss damit leben, dass man über ihn sagt, er habe im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf 2004 dafür gesorgt, dass sein Blatt für den CDU-Kandidaten Ole von Beust trommelte. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Diekmann war bereits in zwei Instanzen mit dem Versuch gescheitert, dem NDR diese Formulierung zu untersagen. Zuletzt hatte er Beschwerde dagegen eingelegt, dass das Hanseatische Oberlandesgericht keine Revision gegen sein Urteil zuließ (BILDblog berichtete). Diese Beschwerde wies der VI. Zivilsenat des BGH jetzt ohne nähere Begründung ab*.

Es ging in dem Rechtsstreit nicht um die Frage, ob „Bild“ für Ole von Beust getrommelt hat. Es geht allein darum, ob und wie Diekmann persönlich für die Wahlwerbung durch seine Zeitung „gesorgt“ hat. Diekmann und seine Anwälte meinen, dass die Formulierung in einem Beitrag des Medienmagazins „Zapp“ vom 13. Februar 2008 nur bedeuten könne, dass Diekmann „konkrete Anweisungen zu einer positiven Berichterstattung über Ole von Beust gegeben haben soll“. Das bestreitet Diekmann aber. Er behauptet auch, in keiner Weise Einfluss auf die Redaktion genommen zu haben, positiv oder negativ über den CDU-Mann zu berichten.

Das Oberlandesgericht hatte das in seinem Urteil für irrelevant gehalten. Die Formulierung, er habe dafür „gesorgt“, bedeute nur, dass Diekmann „im Rahmen seiner Tätigkeit als Chefredakteur die (positive) Berichterstattung gebilligt und ihre Veröffentlichung ermöglicht hat“.

Diekmanns Anwälte widersprachen dieser Interpretation in ihrer Beschwerde und bemängelten noch etwas anderes: Die Unterstellung, ein Chefredakteur „sorge dafür“, dass ein Politiker systematisch im Blatt bevorzugt werde, stelle auch „eine erhebliche Ehrbeeinträchtigung“ dar, formulieren sie ohne erkennbare Ironie.

Der BGH aber lehnte ihren Antrag ab, das Urteil der Berufungsinstanz aufzuheben und dem NDR die Formulierung zu untersagen. Der von Diekmann angezettelte Rechtsstreit ist damit nach fast genau zwei Jahren für ihn erfolglos beendet.

*) Der BGH stellte nur fest, dass die Rechtssache weder grundsätzliche Bedeutung habe, noch der Fortbildung des Rechts oder der Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung diene.
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Brangelinas schwere Trennkost

Es sind besonders rührende Momente, wenn die „Bild“-Zeitung gelegentlich den Eindruck zu erwecken versucht, dass es ihr wichtig sei, ob die Sachen auch stimmen, die sie so druckt.

So schrieb der frühere Popjournalist Alexander von Schönburg, der heute für „Bild“ täglich die erste letzte Seite füllt, vor zwei Wochen an die „lieben Leser“:

Die Gerüchte um Brad Pitt und Angelina Jolie ernähren seit Monaten eine ganze Industrie. Bücher, Zeitschriften, Internet-Blogs. Wir haben darauf verzichtet, jedes neue Gerücht zu verbreiten.

Und das stimmt ja auch. „Bild“ und „Bild am Sonntag“ haben garantiert nicht jedes neue Gerücht verbreitet, vermutlich noch nicht einmal jedes alte. Nur, zum Beispiel, diese:

Sehr verliebt: Angelina Jolie (33) und Brad Pitt (45)
(10. Januar 2009)

Dunkle Wolken über der Beziehung von Brad Pitt und Angelina Jolie. Wie das US-Magazin „Star“ berichtet, soll die Schauspielerin ihren Lebensgefährten mit einem Kindermädchen im Bett erwischt haben. Jolie soll daraufhin ausgerastet sein und Pitt geschlagen haben.
(15. März 2009)

Angelina Jolie (33) plant, ein indisches Kind zu adoptieren.
(1. April 2009)

Schauspielerin Angelina Jolie (33) ist bei den Dreharbeiten zu ihrem neuen Film „Salt“ zusammengebrochen. (…) Angeblich isst Jolie morgens und abends nichts. Grund dafür soll eine Beziehungskrise mit Brad Pitt (44) sein.
(8. April 2009)

Angelina Jolie (33) soll im dritten Monat schwanger sein (…).
(17. April 2009)

Hat die überschlanke Angelina Jolie (33, hat sechs Kinder, davon drei leibliche) nur eine Erbse zu viel genascht oder ist da gar Nachwuchs unterwegs?
(19. April 2009)

Pfeifen Sie auf die Gerüchte! Brad Pitt (45) und Angelina Jolie (33) haben keine Liebeskrise. Nein, SIE ist nicht schwanger. Hier sehen wir den Fotobeweis – das Paar beim stinknormalen, gemeinsamen Family-Einkauf.
(22. April 2009)

Die Gerüchte verdichten sich: Laut der neuen Ausgabe der US-Zeitschrift „InTouch“ haben sich Angelina Jolie (33) und Brad Pitt (45) getrennt. Grund dafür sei Brads angebliche Wiedervereinigung mit seiner Ex-Frau Jennifer Aniston (40). Der Beweis für das erneute Aufflammen der Beziehung: Brad trägt wieder eine Kette, die er von Jennifer vor Jahren geschenkt bekommen hat.
(9. Mai 2009)

BILD: Wollen Sie die Trennungsgerüchte kommentieren?
Er ist ein schöner Mann mit gesunder Haut, aber müden, blauen Augen.
Brad: „Was soll ich sagen? Wir verfolgen das nicht! Wir lesen das nicht! Das hat mit Wahrheit nichts zu tun.“
(23. Mai 2009)

Läuft da wieder was [bei Jennifer Aniston] mit Brad Pitt? Angeblich kriselt es zwischen ihm und Angelina Jolie. Angeblich traf er sich gerade mit Jen in New York. Nun strahlt sie wie frisch verliebt.
(14. Juni 2009)

Ein glückliches Paar sieht anders aus, oder? Bei der „Inglourious Basterds“-Premiere in Hollywood zeigten sich Brad Pitt (45) und Angelina Jolie (34) mal wieder recht uneinig: Sie wollte schon zum roten Teppich stöckeln, er lieber am Auto bleiben. Ihr genervter Blick spricht Bände, er hält sie trotzdem am dürren Ärmchen fest. Die Frage, über die derzeit ganz Amerika tuschelt, ist wohl: Wie lange halten sich die beiden noch gegenseitig fest?
(16. August 2009)

Die sechsfachen Eltern Angelina Jolie (34) und Brad Pitt (45) träumen von zwei weiteren Kindern. Ein Baby möchten sie adoptieren. Eins möchte Jolie selbst austragen.
(17. Oktober 2009)

Angelina Jolie (34) will ein Kind aus Syrien adoptieren. Brad Pitt (45) soll nach Angaben des „OK!Magazin“ nicht begeistert sein.
(12. November 2009)

Nach einem Streit mit Brad Pitt (45) soll Angelina Jolie (34) einen Nervenzusammenbruch erlitten haben. Angeblich wiegt die Schauspielerin nur noch 50 Kilogramm.
(13. November 2009)

Angelina Jolie & Brad Pitt: Ist ihre Liebe am Ende? (…) Angeblich nervt Brad an Angelina hauptsächlich ihr krankhafter Kontrollwahn. Selbst die bevorstehende Trennung wird generalstabsmäßig geplant. Sie soll der Öffentlichkeit als „freundschaftlich“ verkauft werden.
(30. November 2009)

Ausgerechnet an dem Tag, an dem in Amerika das Enthüllungsbuch „Brangelina — The Untold Story“ auf den Markt kam, zeigten sich Brad Pitt (45) und Angelina Jolie (34) demonstrativ zutraulich. In dem Buch wird ihre Beziehung als zerrüttet beschrieben. Und wie reagieren die beiden? Sie wählten das Restaurant „Dolce Vita“ in Beverly Hills für ihren Ausflug. Das angesagteste Lokal der Stadt. Mit Paparazzi-Garantie. Eine raffinierte Methode, böse Gerüchte zu dementieren.
(3. Dezember 2009)

Nachdem „Bild“ all diese Gerüchte über Angelina und Pitt nicht ignoriert hatte, fand Alexander von Schönburg, dass „Bild“ die Gerüchte über Angelina und Pitt nicht länger igorieren könnte, und schrieb also:

Die Gerüchte um Brad Pitt und Angelina Jolie ernähren seit Monaten eine ganze Industrie. Bücher, Zeitschriften, Internet-Blogs. Wir haben darauf verzichtet, jedes neue Gerücht zu verbreiten. Aber jetzt schreibt auch die „Times“ darüber. Und langsam glauben auch wir: kein Rauch ohne Feuer.

Das mit der „Times“ war der „Bild“-Zeitung ganz doll wichtig. Sie titelte auf Seite 1: „Angelina Jolie & Brad Pitt: Alles aus!“ und erwähnte in dem Artikel das Blatt, das sie „die seriöse Londoner ‘Times'“ nennt, immer wieder als Quelle:

Die „Times“ nennt auch die Trennungsmodalitäten. Pitt und Jolie hätten sich darauf geeinigt, das in den letzten fünf Jahren (die Dauer ihrer Beziehung) verdiente Vermögen zu teilen. Jeder bekommt knapp 40 Millionen Euro. Auch das Sorgerecht der sechs Kinder (drei adoptierte, drei leibliche) soll geteilt werden.

Laut „Times“ kam es Anfang Januar nach einem lautstarken Streit in dem New Yorker Restaurant „Alto“ zum endgültigen Bruch. Seitdem sind die beiden nicht mehr gemeinsam aufgetreten. (…)

Die „Times“ berichtet, Pitt habe versucht, Jolie zu psychiatrischer Behandlung zu überreden. Sie leide seit drei Jahren unter Depressionen. Jolie wiederum hasse es, dass Pitt regelmäßig Marihuana rauche.

Und das alles berichtet die „seriöse ‘Times'“? Ja und Nein. Die „Times“ (genauer: die „Sunday Times“) hat nur nacherzählt, was ihr unseriöses Schwesterblatt „News of the World“ unter Berufung auf „ungenannte Quellen“ geschrieben hat. Für jede einzelne der Behauptungen, die ihr „Bild“ zuschreibt, gibt die „Sunday Times“ entweder die „News of the World“ oder das berüchtigte halbseidene US-Magazin „National Enquirer“ als Quelle an.

Ist das nicht süß? Die „Bild“ verlässt sich bei wirklich wichtigen Themen wie dem Liebesleben von Angelina Jolie und Brad Pitt nicht mehr auf Boulevardzeitungen, sondern nur noch auf Zeitungen, die sich auf Boulevardzeitungen verlassen.

Die Anwälte von Jolie und Pitt haben jetzt angekündigt, rechtlich gegen die „News of the World“ vorzugehen. Deren Bericht, den alle abgeschrieben haben, stelle erstens eine Verletzung ihrer Privatsphäre dar und sei zweitens: falsch.

PS: Wir hier bei BILDblog haben keinen blassen Schimmer, ob Jolie und Pitt in Wahrheit zusammen sind oder nicht und aus welchem Land das nächste Kind stammen wird, das sie adoptieren werden oder nicht, falls Jolie wieder schwanger ist oder nicht. Das ist etwas, das wir mit „Bild“ gemein haben.
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Ein bisschen angereichert

Die Leserschaft von „Bild“ muss dieser Tage zweifelsfrei den Eindruck gewinnen, die Welt stehe ganz unmittelbar vor einem Atomkrieg im Nahen Osten — wenn, ja wenn die USA, Israel und die Weltgemeinschaft dem als „Irren von Teheran“ verschrieenen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (für „Bild“ eindeutig ein „Diktator“) nicht bald den Krieg erklärten.

Von Tag zu Tag überschlagen sich „Bild“ und Bild.de mit neuen und immer schriller werdenden Alarmmeldungen, Skandalnachrichten und vermeintlichen Insiderberichten, angereichert mit immer bedrohlicher klingendem Zahlenmaterial zu Urananreicherung und zu Sprengkopftechniken.

So erklärt „Bild“ heute etwa:

Der Irre von Teheran entsetzt die Welt

Am Morgen (…) befahl Diktator Ahmadinedschad grinsend im Staatsfernsehen die Herstellung hochangereicherten Urans: „Beginnen Sie die 20-Prozent-Anreicherung!“

Damit steht für Experten endgültig fest: Der Iran will die Bombe! Um jeden Preis!

Nun ist keineswegs ausgeschlossen, dass Ahmadinedschads Regierung die Herstellung von Atomwaffen plant. Und selbstverständlich ist die fehlende Bereitschaft der iranischen Behörden zur Kooperation mit der Internationalen Atomenenergieorganisation IAEA höchst beunruhigend, vor allem angesichts der innen- und regionalpolitischen Instabilität.

Aber: Die medial inszenierte Anweisung Ahmadinedschads, nun Uran auf 20 Prozent anzureichern, ist keineswegs ein Indiz dafür, dass der Iran „jetzt“ und „um jeden Preis“ eine Atombombe entwickeln wollen würde. Ganz davon abgesehen, dass zu einer Atombombe neben dem Willen auch ein gerüttelt Maß an Know-How gehört, über das der Iran nach seriösen Einschätzungen zumindest bislang noch nicht verfügen soll.

Interessanterweise ist das auch „Bild“ bekannt: Zehn Zentimeter neben dem Wort „20-Prozent-Anreicherung“ darf nämlich der umstrittene Allround-Experte Michael Wolffsohn in einem Interview erklären, dass erst „hochangereichertes Uran (85%)“ eine Atombombe ermögliche. (Wobei der Historiker hinzufügt, dass der Iran seine Fabriken nutzen wolle, um das 20-prozentige Uran „heimlich weiter anzureichern — für Atomwaffen“ und somit die Atombombe „in etwa einem Jahr“ haben werde).

Auch bei Bild.de klärt ein Kasten auf:

Was bedeutet die jetzt angekündigte Uran-Anreicherung auf 20 Prozent?

Die Anreicherung auf 3,5 Prozent für den Einsatz in Kernkraftwerken kann der Iran inzwischen selbst bewerkstelligen. Für den Einsatz in medizinischen Reaktoren – etwa für die Krebstherapie – wird ein Anreicherungsgrad von 20 Prozent benötigt. Uran gilt dann bereits als hoch angereichert.

Es wird befürchtet, dass der Iran in einer weiteren Stufe Uran noch höher anreichern könnte, um schließlich Atombomben bauen zu können. Dafür ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent erforderlich.

Deshalb will die Weltgemeinschaft schon die niedrigere Anreicherung nicht im Iran selbst zulassen, sondern im Ausland aufbereitetes Uran liefern.

All dieses Wissen hielt „Bild“ aber nicht davon ab, die Sachlage abzukürzen:

Irans Diktator Mahmud Ahmadinedschad hat Befehl gegeben, hochangereichertes Uran zur Entwicklung von Atomwaffen im eigenen Land herzustellen.

Mit Dank an Eagle.

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