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Falschfahrer auf der sechsspurigen Autobahn

Am Mittag gab Eintracht Frankfurt bekannt, dass Trainer Armin Veh seinen auslaufenden Vertrag für ein weiteres Jahr verlängern wird:

Armin Veh bleibt Trainer von Eintracht Frankfurt. Nachdem in der vergangenen Woche die Vertragsmodalitäten festgelegt wurden, hat Cheftrainer Armin Veh dem Vorstandsvorsitzenden von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen, am heutigen Morgen mitgeteilt, dass er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr, bis 2014, verlängern wird.

Eine Nachricht, die für Leser und Mitarbeiter von "Bild" überraschend kommen dürfte. Allen voran für Alfred Draxler, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung und Sportchef der "Bild am Sonntag". Der gab sich nämlich am 16. März in seiner Kolumne "Nachgehakt" gut informiert und war sich sicher, dass Veh den Verein verlassen werde:

Veh nach Schalke! Sagt er es schon am Montag?

Und mit "sicher" meinen wir "richtig, richtig sicher":

Denn dass Veh gehen wird, das ist so sicher wie die Tatsache, dass Bruchhagen keinem Hündchen etwas zu Leide tun könnte. Seine Entscheidung hat der Trainer auch schon zwei, drei Vertrauten im Verein mitgeteilt. Nur offiziell ist sie noch nicht!

Doch das könnte jetzt ganz schnell gehen. Holt Frankfurt Sonntag im Heimspiel gegen Stuttgart mindestens einen Punkt, dann gehen Insider davon aus, dass Veh in der kommenden Woche seinen Abschied verkünden wird. […]

Und was macht Veh? Sein Weg nach Schalke ist inzwischen schon so breit wie eine sechsspurige Autobahn. Auf Schalke fragten sich einige nach dem glanzvollen Derby-Sieg gegen Dortmund schon, ob Aushilfs-Trainer Keller vielleicht doch der Richtige sein könnte. Doch das bittere Champions-League-Aus gegen Galatasaray hat solche Gedanken endgültig zerstreut.

Keller macht seine Sache zwar viel besser, als nach den ersten Spielen befürchtet – aber der neue Schalke-Trainer heißt Veh. Wie gesagt: Nur offiziell ist es noch nicht…

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 21.25 Uhr: Auf der Facebook-Seite seiner "Nachgehakt"-Kolumne schrieb Draxler am Abend:

Liebe Freunde von "Nachgehakt", Armin Veh verlängert in Frankfurt und ich gratuliere meinem Freund Heribert Bruchhagen. Meine Info, dass Veh nach Schalke geht, war also falsch und es tut mir leid, dass ich sie viel zu früh veröffentlicht habe. Dass Veh vor zwei Wochen der Eintracht noch definitiv erklärt hat, dass er geht, tut dann auch nichts mehr zur Sache. Sorry!

Das Stilmittel im vorletzten Satz nennt man übrigens "Paralipse".

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taz  taz.de  

Immer diese Abschreiber!

Es scheint, als habe das "EU-Gericht" einen würdigen Nachfolger gefunden:

Auf dem Laufsteg von Pop und Politik stolziert die Riege der Sitzenbleiber. Allen voran Edmund, der Obersitzenbleiber. Ihm folgen Wulff, Westerwelle und Steinbrück. Wowereit ist natürlich immer dabei und nun auch Kretschmann. Man könnte in dieser Riege einen Beweis für die lockere Koppelung von Schulerfolg und Karriere sehen.

So begann Reinhard Kahl ("Gründer des Netzwerks der Bildungserneuerer und Lernaufwiegler 'Archiv der Zukunft'") vergangenen Dienstag seinen Kommentar in der "taz", der gestern auch auf taz.de veröffentlicht wurde.

Aufmerksame BILDblog-Leser wissen natürlich längst: Anders, als viele Medien seit Jahren berichten, sind Guido Westerwelle und Klaus Wowereit ("natürlich immer dabei") in ihrer Schulzeit nie sitzengeblieben.

Man könnte in dieser Legende einen Beweis für die Recherchefaulheit von Journalisten sehen.

Mit Dank an Michael F.

n24.de  

Tod durch Copy & Paste

Es kann eigentlich nicht so schwer sein: Agenturmeldung lesen, "Kopieren", "Einfügen", vielleicht noch eine neue Überschrift und einen neuen Vorspann ausdenken — fertig ist die Nachricht.

Am Sonntag veröffentlichte dpa einen Artikel, dessen erster Absatz so aussah:

23 Jahre saß er unschuldig hinter Gittern, doch kaum war er in Freiheit, machte sein Herz nicht mehr mit: Der 58-jährige David Ranta, Opfer eines New Yorker Polizeiskandals, hat kurz nach der Haftentlassung einen Infarkt erlitten. Das berichtete die «New York Times» am Sonntag unter Berufung auf Rantas Verteidiger Pierre Sussman. Demnach wurde Ranta schon am zweiten Tag in Freiheit in ein New Yorker Krankenhaus eingeliefert. Dort sei er wegen verstopfter Arterien am Herzen operiert worden. Die Ärzte rechneten damit, dass ein weiterer Eingriff nötig ist.

Das Einzige, was die Leute bei n24.de mit dem Text gemacht haben, war, die Anführungszeichen auszutauschen.

Na gut: Und sie haben ihm einen neuen Vorspann spendiert:

23 Jahre lang saß er unschuldig im Gefängnis, dann kam der US-Amerikaner David Ranta frei. Er wurde Opfer eines Polizeiskandals, am zweiten Tag in Freiheit verstarb der 58-Jährige in New York.

Davon, dass David Ranta "verstorben" sein soll, steht in dem dpa-Artikel allerdings kein Wort. Und bei der "New York Times" auch nicht. Es geht ihm inzwischen auch schon wieder deutlich besser.

Aber dafür hätten sie bei n24.de die Meldung ja irgendwann lesen müssen, die sie da online gesetzt haben.

Mit Dank an Fabian S.

Nachtrag, 21.20 Uhr: n24.de hat den Vorspann geändert. Der zweite Satz lautet nun:

Am zweiten Tag in Freiheit brach der 58-Jährige in New York zusammen — Herzinfarkt.

Europa, Geschäftsmodelle, Gala

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Die Krisenmacher"
(cicero.de, Petra Sorge)
Journalisten würden eine Spaltung Europas geradezu herbeischreiben, glaubt Petra Sorge: "In den Zeitungsspalten und Abendsendungen tobt der Krieg bereits. Völlig übertrieben, wie wir mittlerweile wissen. (…) Neben den Bildern dummer, undankbarer Zyprioten und imperialer Russen gibt es noch ein drittes, das die Medien verbreiten: die Despotie Europa."

2. "Über die Paywall hinaus"
(medienwoche.ch, Mathias Menzl)
Auf den Medienwandel reagieren die Medienhäuser so fantasielos wie die Musikindustrie, sie versuchen alte Modelle in eine neue Zeit zu übertragen. In einem langen Beitrag notiert Mathias Menzl einige Ideen für neue Geschäftsmodelle.

3. "Das ultimative Handbuch für Nachrichtenportale: So verlinkt man aus sozialen Netzwerken richtig"
(tobiasgillen.de)
Tobias Gillen erklärt Nachrichtenportalen, wie man richtig verlinkt.

4. "Phänomen 'Blick-Girl'"
(srf.ch, Video, 3:19 Minuten)
Journalisten des Westschweizer Fernsehens übernehmen für einen Abend die Hauptausgabe des Deutschschweizer Fernsehens. Und kümmern sich in einem Beitrag um das "Blick"-Girl, das es in ihrem Landesteil nicht gibt. "Halbnackte Frauen in der Tagespresse und sogar auf der ersten Seite. Für die Romands eine anrüchige Angewohnheit."

5. "Willi Winkler und der Ulf-Poschardt-Mythos"
(umblaetterer.de, Josik)
In einem Text für die "Gala" zitiert Willi Winkler Ulf Poschardt, aber ohne ihn zu namentlich zu erwähnen.

6. "Was Journalisten verdienen"
(wasjournalistenverdienen.tumblr.com)
Siehe dazu auch "Who pays writers?" (whopays.tumblr.com).

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