Archiv für Januar 27th, 2012

AFP  

AFP sieht Sterne

Nachdem die meisten Journalisten inzwischen einigermaßen begriffen haben, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kein „EU-Gericht“ ist, können wir uns dem nächsten Thema der Medienerziehung widmen: Hollywood.

Der „Walk of Fame“ besteht aus mehr als 2.400 Terrazzo-Sternen, mit denen verdiente Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie ausgezeichnet werden. Hand- und Fußabdrücke werden traditionell in der Umgebung des Kinos „Grauman’s Chinese Theatre“ hinterlassen und haben – neben der vergleichbaren Ehre und der räumlichen Nähe – nichts mit dem „Walk of Fame“ zu tun.

(BILDblog vom 21. Februar 2011)

Das muss man nicht wissen, aber es ist vielleicht hilfreich, wenn man als Reporter über eines von beiden berichten soll.

Die Agentur AFP hat es trotzdem probiert:

Rund zweieinhalb Jahre nach seinem Tod hat US-Popstar Michael Jackson einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame erhalten. Jacksons Kinder Paris, Prince und Blanket verewigten am Donnerstag bei der Zeremonie mit Schuhen und den berühmten perlenbesetzten Handschuhen ihres Vaters dessen Fuß- und Handabdrücke im Zement auf dem Hollywood Boulevard im kalifornischen Los Angeles.

Ja, die zwei Sätze mit „Stern“ und „Fuß- und Handabdrücke im Zement“ stehen da direkt hintereinander. Nein, das scheint bei AFP niemand gewundert zu haben.

Schon am 6. Januar hatte die Agentur verkündet:

PARIS, PRINCE und BLANKET, Michael Jacksons Kinder, wollen dafür sorgen, dass ihr Vater rund zweieinhalb Jahre nach seinem Tod einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame erhält. Mit Hilfe von Schuhen und der berühmten Handschuhe des King of Pop werden sie bei der Zeremonie am 26. Januar dessen Fuß- und Handabdrücke im Zement auf dem Hollywood Boulevard verewigen, teilten die Organisatoren mit.

Jetzt schafft AFP es sogar, in einem Video noch einen Schritt weiter zu gehen:

Während Jacksons Kinder mit betonverschmierten Händen zu sehen sind, sagt der Off-Sprecher „ein Stern für Michael Jackson“.

Und zu den Bildern des noch feuchten Betons mit den frischen Abdrücken darin erklärt er ungerührt: „Der Stern von Michael Jackson liegt in der Nähe der Sterne von Hollywoodlegenden wie Marilyn Monroe, Humphrey Bogart und Bette Davis.“ Man muss schon sehr ahnungslos sein, um so einen Clip zu veröffentlichen.

Der AFP-Unsinn steht jetzt etwa bei der „Frankfurter Rundschau“, dem „Donaukurier“ und dem ORF online.

Bei „Welt Online“ haben sie immerhin irgendwann gemerkt, dass das mit dem Stern ziemlicher Unsinn ist, faseln aber immer noch vom „Walk of Fame“. Einen klaren Schnitt hat „Spiegel Online“ vollzogen und den AFP-Text durch eine treffende dpa-Meldung ersetzt.

Den Stern auf dem tatsächlichen „Walk of Fame“ hat Michael Jackson übrigens schon 1984 bekommen.

Mit Dank an Basti, Simon P., Dennis M. und AW.

Nachtrag, 19.55 Uhr: So „klar“ wie von uns behauptet war der Schnitt bei „Spiegel Online“ leider doch nicht: Zwar ist die dort verwendete dpa-Meldung richtig, aber „Spiegel Online“ hat auch einen fehlerhaften AFP-Absatz stehen lassen:

Der Stern des King of Pop befindet sich in Nachbarschaft zu den Sternen von Filmlegenden wie Marilyn Monroe, Humphrey Bogart und Bette Davis. (…)

AFP selbst hat unterdessen um 19.17 Uhr eine Berichtigung verschickt:

+++ Berichtigung: Durchgehend heißt es nun richtig, dass Jackson nicht mit einem Stern auf dem Walk of Fame, sondern mit Hand- und Fußabdrücken auf dem Hollywood Boulevard geehrt wurde. +++

2. Nachtrag, 28. Januar: AFP hat das Video bei YouTube entfernt. Dafür hat sich „Bild“ heute auf den „Walk of Fame“ verlaufen:

In den (Hand)schuhen des Vaters!<br />
Los Angeles. Für die Ehrung von Michael Jackson (verstorben 50) auf dem "Walk of Fame" nahm Tochter Paris (13) seine berühmten Pailletten-Handschuhe und verewigte den Abdruck auf dem Hollywood Boulevard. "Walk of Fame": Paris verewigt die Handschuhe ihres toten Vaters Michael Jackson

Weltwoche, Merkur, Feinschmecker

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Dschungelcamp und das ‘Leben danach'“
(sueddeutsche.de, Andreas Bernard)
Andreas Bernard beleuchtet das Leben der Kandidaten nach „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“. „Die eigentliche Krise droht, wenn ein Kandidat nach seiner Abwahl ins mondäne Hotel Palazzo Versace zurückkehrt, gut hundert Kilometer vom Drehort entfernt, und erfahren muss, wie weit seine eigene Wahrnehmung der vergangenen Tage von der kunstvoll zusammengeschnittenen Fernsehrealität abweicht.“

2. „Ab-Turner“
(kessel.tv, Thorsten W.)
Thorsten W. macht auf einen sich durch viele Medien ziehenden Fehler aufmerksam, der den Kandidaten für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters betrifft: „Schuld ist wahrscheinlich wie so oft eine ungeprüft übernommene Agenturmeldung.“

3. „Ein trautes Paar“
(zeit.de, Peer Teuwsen und Ralph Pöhner)
Zwei ehemalige Mitarbeiter schreiben über die Schweizer „Weltwoche“: „Parteipolitisch engagiert ist die Weltwoche, und ihre Gesinnung teilt sie mit der Volkspartei. Aber ein schlichtes SVP-Blatt ist sie schon deshalb nicht, weil ihre Loyalität eher Christoph Blocher gilt – nicht der Organisation.“

4. „Stark durch Widerspruch“
(freitag.de, Michael Angele)
Michael Angele spricht mit Christian Demand und Ekkehard Knörer von der Zeitschrift „Merkur“. „Schirrmacher marschiert mit dem FAZ-Feuilleton moral­trompetend nach links – und morgen vermutlich wieder in die andere Richtung. Eine solche Kurzatmigkeit ist nichts für den Merkur, obwohl wir natürlich immer auch auf die Diskurslagen in den Feuilletons reagieren werden.“

5. „Von den Vorzügen, ein Feinschmecker zu sein“
(magda.de, Philipp Maußhardt)
Gastrokritiker Philipp Maußhardt wird von seinen Freunden nicht mehr zum Essen eingeladen. „Und wenn es dann doch einmal gelingt, jemanden zu überreden, dann werde ich meist schon an der Haustüre abgepasst, und der Gastgeber macht ein zerknirschtes Gesicht. Die Kartoffeln seien leider zu weich gekocht oder der Schmorbraten angebrannt. Ich rede dann beruhigend auf ihn ein und sage Sätze wie ‘Passiert mir auch ständig’ oder ‘Hauptsache, der Wein ist gut’.“

6. „Wie Apple zukünftige Journalisten kauft“
(deutsche-mittelstands-nachrichten.de)
Ein Foto, das Studenten in einem Hörsaal mit Apple-Laptops zeigt, stammt ursprünglich aus dem Jahr 2007. „Kein anderes Unternehmen versteht es so gut, sich in den Köpfen von Verlagen und Journalisten so festzusetzen wie Apple.“