Das besondere „Bild“-Mitgefühl

Was mag in Eltern und Freundin des Todes-Piloten vorgehen? Sind sie mit der Tat des Sohnes nicht gestraft genug?

Gemeint sind in diesen zwei Fragen die Eltern und die frühere Freundin von Andreas L., dem Co-Piloten des Germanwings-Flugs 4U9525. L. hatte im März vergangenen Jahres ein Flugzeug in die französischen Alpen gelenkt, wodurch er und 149 weitere Menschen ums Leben kamen. Die oben zitierte Passage stammt aus einem Artikel, den „Bild“ und Bild.de am Dienstag veröffentlichten:



(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Der Mann, der Anzeige gegen die Eltern von Andreas L. erstattet hat, hat bei dem Unglück vor 16 Monaten seine Tochter und sein Enkelkind verloren. Der Lebensgefährte seiner Tochter ist ebenfalls gestorben. Die „Bild“-Medien schreiben dazu:

Der schwere Vorwurf des Düsseldorfer Unternehmers: Die Eltern [von L.] hätten sich mitschuldig gemacht. […]

Konkret geht es um die zahlreichen Arztbesuche des kranken L[.]. Eltern und Freundin hätten davon gewusst und den späteren Amok-Piloten zu den Medizinern begleitet, ihn jedoch nicht davon abgehalten zu fliegen, so die Anzeige. […]

Sein juristischer Beistand, Klaus Brodbeck, zu BILD: „Die Anzeige ist für uns die einzige Möglichkeit, dass in diese Richtung ermittelt wird.“ Für ihn komme der Straftatbestand der Beihilfe zur fahrlässigen Tötung in 149 Fällen in Frage.

Und nun fragt das Dreierautorenteam von „Bild“ also mitfühlend, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon genug gestraft seien.

Dass „Bild“-Mitarbeiter sich ums Wohlbefinden von Angehörigen von Tätern sorgen, ist, gelinde gesagt, überraschend. Gerade im Fall von Andreas L. Denn die „Bild“-Medien hatten wenige Tage nach der Tat von L. kein Problem damit, auch seine Eltern in den Fokus der Berichterstattung zu zerren:

Autor Tim Sönder nannte in dem Artikel die Berufe der beiden Eltern und ließ einen „Trauma-Experten“ eine Ferndiagnose über sie anstellen.

Nur wenige Tage später ging es in einem weiteren Artikel noch einmal um das Ehepaar L.:

Erneut wurden die Berufe genannt, dieses Mal von „Bild“-Mitarbeiter Philipp Blanke. Er ließ den „Trauma-Experten“ ebenfalls zu Wort kommen. Und bei seiner Recherche hat er offenbar auch im Umfeld der Familie rumgeschnüffelt — eine Nachbarin der Großeltern von L. erzählt in dem Text nämlich über die Kindheit des Piloten.

Nun kann man Andreas L. aufgrund seiner Tat als Person der Zeitgeschichte sehen. Doch seine Eltern sind kein Teil dieser Tat, dieses zeitgeschichtlichen Ereignisses. Sie haben das Recht auf Privatsphäre.

Davon unabhängig sollte man ihnen auch ein Recht auf Trauer zugestehen. Neben dem Verlust ihres Sohnes müssen sie auch verarbeiten, dass dieser für den Tod vieler weiterer Menschen verantwortlich ist. Doch wie soll das funktionieren, wenn die „Bild“-Medien jede Kleinigkeit nutzen, um über ihren Sohn zu berichten? Zum Beispiel wenn sich ein früherer Bekannter im Fernsehen über ihn äußert …

… oder wenn die „Tagesschau“ zum Jahrestag des Unglücks sein Gesicht nur verpixelt zeigt …

… oder wenn „Bild“ einen Mann findet, der genauso heißt wie ihr Sohn:

Sie müssen mit ansehen, dass Bild.de Fotos vom Grab ihres Sohnes veröffentlicht. Und dass Bild.de aus angeblichen privaten E-Mails ihres Sohnes zitiert:

Und dass Bild.de, gerade erst vor zwei Wochen, Fotos aus Ermittlungsakten veröffentlicht, die die private Wohnung von L. …




… und auch sein Kinderzimmers im Haus der Eltern zeigen:

Autor des Artikels ist Mike Passmann. Passmann ist es auch, der am Dienstag mit seinen zwei Kollegen fragte, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon gestraft genug seien.