Wunschzettel an die „Bild“-Redaktion


Sebastian Walther, 25, ist BILDblog-Leser. Nach eigenen Angaben hat der freiberuflicher Journalist und Discjockey „das Gefühl, dass er mit zunehmendem Alter mit seinen Wunschzetteln immer später dran ist. Zu seinen Auftraggebern zählt auch der Axel-Springer-Verlag. Er ist schon gespannt, was das neue Jahr in dieser Hinsicht bringt. An den Weihnachtsmann glaubt der Braunschweiger schon lange nicht mehr, wohl aber das Wunder der Weihnacht. Mit besonders viel Freude würde er also im Januar einen BILDblog-Eintrag über seinen erfüllten Wunschzettel (nebenstehend) lesen. Falls es damit nichts wird: Mit seiner Liste für Ostern hat er bereits begonnen.“

Von Sebastian Walther

Geschätzte Kollegen am Axel-Springer-Platz,

ich weiß, Ihr habt nichts zu verschenken. Außer vielleicht, man heißt Dieter Bohlen. Aber umsonst scheint es bei „Bild“ nichts zu geben. In vier Tagen ist Weihnachten, ich möchte es trotzdem versuchen. Vielleicht bin ich damit bereits zu spät, vielleicht auch längst zu alt, aber auch ich habe einen Wunschzettel.

Eine Titelseite wünsche ich mir. Eine Überschrift, die schreit. Etwas Markerschütterndes, das die Schuhe auszieht und die Socken gleich mit. Ist doch sonst auch kein Problem. Wie wäre es mit dem „Bild“-Lieblingsthema: Soziale Gerechtigkeit kübelweise, der erhobene Zeigefinger in dicken, fetten Lettern. Zum Fest in hellem Grün bitteschön. Etwa „510 Millionen verpulvert“ könnte er lauten, „Arbeiten und trotzdem arm“ würde auch passen oder „9.000 ohne Job“. Nicht packend genug? Es fehlen Witz und Esprit? Wie wäre es stattdessen mit:

"Ich PIN dann mal weg"
Einen packenden Aufmacher zum Niedergang der „grünen Post“, wie Ihr den Briefdienstleister PIN AG heute nennt, das hätte ich mir gewünscht. Nach einer knappen Kurzmeldung gestern, gibt es in der heutigen Ausgabe immerhin einen Bericht dazu. Nur mündet der wieder, man hat es geahnt, im bösen Buben Mindestlohn. Das der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe jedoch von Zustellern berichtet, die für 40 Stunden pro Woche mit monatlich gerade mal 400 Euro entlohnt werden, ist Euch keinen Buchstaben wert. Sieht so der Kampf im Dienst des kleinen Mannes aus? Was jedoch schreit da heute stattdessen von Seite 1: die kleine Schwester von Britney Spears ist schwanger. Mit 16! Und nur wenige Zeilen darunter, räkelt sich Miriam im Wasser. Bedeckt durch eine „klitzekleine Hürde“.

Wenn wir also schon dabei sind, liebe Redaktion, nutzt doch bitte die besinnliche Zeit, um die moralische Wünschelrute wieder neu zu justieren. Irgendwie will das kein stimmiges Bild ergeben: Miriam im Bikini auf dem Titel, „knisternde Verbindung“ auf Seite 14: „Direkt + ohne Vorspiel“ geht es dort zur Sache, mit dabei ist „Resi (69)“. Und auf den anderen Seiten weidet man sich genüsslich an vermeintlichen Schändern, Sadisten oder Perversen. Wo genau hängt denn nun das Gewissen — Keller oder Parterre? Die „sexhungrige Nachbarin verführt Jungen“ auf Seite 6. Bei soviel Schweinkram kann man getrost auf eine Anonymisierung verzichten. Hat sie ja auch nicht besser verdient.

Einen dritten Wunsch, den kann ich mir zum Schluss nicht verkneifen. Sicher, es ist immer wieder beeindruckend mit wie vielen Superstars Welt- und Lebemann Körzdorfer (hat der Mann eigentlich keinen Vornamen?) per Du ist. In der heutigen Ausgabe darf Comedian Atze Schröder in eurem Blatt Imagepflege betreiben. „Der bekannteste TV-Pudel“ gewährt wahrlich Einblicke in sein Leben. Endlich erfahre ich, dass er „Bücherwurm“, „DVD-Freak“ und „Windsurfer“ ist. Kein Wort jedoch, zum gerichtlichen Namensstreit des Atze Schröder, der untersagen ließ, dass man diesen Mann des öffentlichen Interesses mit seinem richtigen Namen nennt. Überhaupt scheint Körzdorfer seine „Begegnungen“ generell in Samthandschuhen zu tippen. Das ist gelebte Nächstenliebe, der Geist der Weihnacht weht über den Axel-Springer-Platz.

 
BILDblogger für einen Tag ist morgen Jens Weinreich.

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