Wie „Bild“ einmal keinen Schatz fand

— Ein Gastbeitrag von Daniel Schleusener —

“Bild jagt den Maya-Schatz” — so nannte „Bild“ die Aktion, die sich über einige Tagen hinzog. Die Zeitung hatte eine Expedition nach Guatemala gesandt, die dort – genauer im Izabal-See – einen Goldschatz lokalisieren und ganz nebenbei auch Atlantis finden sollte. Ich habe diese Berichterstattung für ein englischsprachiges Blog über Mesoamerika verfolgt und unter anderem Gespräche mit dem deutschen Botschafter in Guatemala und zwei deutschen Mayanisten geführt.

Der Mann, der „Bild“ auf die Spur des vermeintlichen Schatzes gebracht hat, ist Joachim Rittstieg, ein pensionierter Realschullehrer für Mathematik und Sport, der sich seit 40 Jahren mit den Maya beschäftigt. Nach seiner Theorie liegt im Izabal-See unter einer Schlammschicht nichts anderes als Atlantis, die sagenumwobene Stadt. Rittstieg nennt sie Atlan und behauptet, dies wäre der Name der alten Maya-Hauptstadt gewesen. Inzwischen sei sie untergegangen, aber er sieht in verschiedenen Inschriften Beweise dafür, dass sie existiert hat und dass sie auch mal eine Wikinger-Stadt war. Dies alles will Rittstieg durch die Entschlüsselung des Codex Dresdensis, einer der wenigen erhaltenen Maya-Handschriften; Platons Atlantisbeschreibung, Gesprächen mit drei Maya-Priestern, sowie durch die Neuübersetzung der Edda herausgefunden haben. Mit Hilfe von Satelliten- und Sonaraufnahmen sei sogar die Schatzkiste bis auf 10cm Genauigkeit lokalisierbar.

Rittstieg behauptet, die Maya hätten im Jahre 666 v. Chr. 2.156 goldene Tafeln mit ihren Gesetzen besessen, die ein Gesamtgewicht von acht Tonnen hatten. In der Chronologie Mesoamerikas fällt das Datum in die sogenannte mittlere Präklassik. Archäologische Funde sehen keinen Beweis dafür, dass die Maya zu dieser Zeit mit Gold gearbeitet hätten, auch nicht im kleinen Stil. Der Fund von acht Tonnen Gold in einer im Jahre 666 v. Chr. untergegangenen Stadt wäre für Mesoamerikanisten und Mayanisten – gelinde gesagt – überraschend und unerwartet. In meinem Blog habe ich mich ausführlicher mit Rittstiegs Theorie und ihren Hintergründen beschäftigt.

Atlantis, Wikinger und Maya-Gold — wäre man im Internet auf diese Geschichte gestoßen, hätte man wohl etwas gelächelt, den Kopf geschüttelt und es als esoterisches Geschwurbel nordisch-germanozentrischer Prägung abgetan. „Bild“ hielt die Geschichte allerdings für plausibel und wollte ihre Wahrheit auf einer Expedition mit fragwürdigen Methoden beweisen.

Am 28. Februar kündigte „Bild“ daher eine Expedition nach Guatemala an. Mit sechs Mann wollte man den Maya-Schatz jagen. Was „Bild“ dazu bewogen haben könnte, den Ausführungen von Herrn Rittstieg zu glauben, ist mir bis heute schleierhaft. Aber da waren sie nun in Guatemala und daheim erstellte die Redaktion eine fesche Schatzkarte mit dem ersten Hinweis, dass es hierbei um Atlantis geht:

Schatzkarte

Im Artikel sagte uns Herr Rittstieg noch einmal, dass er den Schatz auf 10cm genau lokalisieren kann. Also nichts wie ab zum See, könnte man meinen. Doch da gab es ein kleines Problem: „Bild“ hatte offenbar keinerlei Genehmigung für irgendwelche Expeditionen, Tauchgänge oder archäologische Ausgrabungen.

Dafür hatte „Bild“ eine Idee, wie der Maya-Schatz aussehen könnte, und zeigte noch vor Beginn der Expedition das Aussehen des Schatzes. Und welche Bilder benutzt die Redaktion, um einen Schatz zu illustrieren, der vor 2600 Jahren untergegangen ist? Bilder von Masken, die etwa 700 Jahre alt und definitiv nicht mayanisch sondern mixtekisch sind. Beide Masken sind im Museo Nacional de Oaxaca zu sehen:

  • Bild 1 der Galerie zeigt Mictlantecuhtli. Diese Maske wurde nicht vor 1300 fertiggestellt, also knapp 2000 Jahre nach dem angeblichen Untergang von Atlantis
  • Bild 13 zeigt ebenfalls eine Maske, aus dem frühen 14. Jahrhundert. Sie zeigt den Gott Xipe Totec.
  • Bild 3 zeigt nicht, wie behauptet, den Maya-Kalender — es ist überhaupt kein Kalender! Was dort zu sehen ist, ist der aztekische Sonnenstein mit dem Gott Tonatiuh in der Mitte. Ihn als Maya-Symbol zu benutzen, zeugt davon, wie uninformiert „Bild“ tatsächlich ist.

Am 2. März ging „Bild“ auf Guatemala los und meldete prompt, dass „im ganzen Land das Schatzfieber ausgebrochen“ ist. Als Beweis soll je ein Bericht aus den Zeitungen „Nuestro Diario“ und „Prensa Libre“ taugen. Es ist allerdings etwas unglücklich, dass Bild.de beide Screenshots zeigt:

Die Titelseite von Nuestro Diario: "Deutsche kommen, um nach dem Schatz zu suchen"

So lässt sich nämlich nachvollziehen, dass die Zeitungen berichten, dass „Bild“ keine Genehmigung für irgendwelche archäologischen Aktivitäten habe. Offizielle Stimmen werden genannt, so Érick Ponciano von der Dirección General del Patrimonio (etwa das Nationale Kulturamt), der bestätigt, dass die Expedition uneingeladen und ohne Genehmigung für etwaige Ausgrabungen kommt. Ohne Genehmigung würde es aber keine Grabungen geben. Auch Mónica Urquizú vom Institut für Anthropologie und Geschichte von Guatemala kommt zu Wort. Auch sie bestätigt noch einmal: Die Maya nutzten in besagter Epoche kein Gold und der Codex Dresdensis enthält keinen verstecken, entschlüsselbaren Code.

Die „Prensa Libre“ meldet außerdem, dass der Schiffsverkehr auf dem Izabal-See, in dem Atlantis liegen soll, nun von der Marine kontrolliert werde. Auch „Bild“ berichtet, die Soldaten würden den See „überwachen, damit keine heimlichen Schatzsucher das Gold der Maya stehlen können.“ Gemeint ist damit wohl vor allem „Bild“ selbst, aber die Zeitung erweckt lieber den Eindruck, das Militär würde das Gebiet sperren, damit „Bild“ ungestört fischen kann.

Pflichtgemäß meldet sich am 3. März Erich von Däniken zu Wort, der bei einer Geschichte über die Maya natürlich nicht fehlen darf. Er ist sich sicher, dass im Izabal-See ein phänomenaler Schatz liege. Dabei handele es sich aber nicht nur um Gold, sondern „um in Stein gemeißelte Botschaften aus der tiefen Vergangenheit“. Derart motiviert gibt es für die Expedition natürlich kein Halten mehr und sie bricht umgehend auf.

Weil das Militär auf dem Izabal-See seine Runden dreht, geht es nach Copán, einer alten Maya-Stätte. Als Begründung führt „Bild“-Reporter Claas Weinmann über Twitter aus, dass Joachim Rittstieg in Copán Hinweise auf den Schatz vermute. Weshalb er überhaupt noch Hinweise auf einen Schatz braucht, den er angeblich auf 10 cm genau lokalisieren kann, lässt er offen.

Irgendwann muss „Bild“ dann doch einmal zum See, auch trotz des Militärs. So geht die Expedition kurzerhand auf ein Privatgrundstück und taucht dort ein bisschen. Denn es gilt, den Beginn einer 9 km langen Brücke über den See zu finden, die vor 2600 Jahren das Festland und Atlantis miteinander verbunden haben soll.

Dabei scheint es sich um das gleiche Grundstück zu handeln, von dem Rittstieg berichtet, er habe dort 1987 „die Trasse der alten Brückenzufahrt zur versunkenen Hauptstadt“ entdeckt. 1990 fand er dort außerdem nach eigenen Angaben „eine antike Wasserleitung, Brückenreste“ und 2002 die „‚heiße Quelle‘ Platons“ und „auch die antiken Wasserleitungen“. Dennoch werden diese ungeborgenen Fundstücke jetzt mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn gezeigt. Es ist von dickem Schlamm die Rede, der allerdings Dinge am Ufer nicht betreffen kann.

Claas Weinmann teilte per Twitter mit, dass es nun auf den See gehen würde. Und dann das:

Letzte Vorbereitungen auf dem Expeditions-Katamaran. Heute könnte ein großer Tag werden. Schon irgendein kleiner Hinweis wäre sensationell.

Militärboot taucht auf. Beiboot setzt zu unserem Katamaran über.

Ruhige, aber lange Diskussion. Bin gespannt, was jetzt passiert.

Tauchverbot! Beiboot begleitet unser Schiff zurück.

Am 8. März wissen die Leser jedenfalls, dass der See auch für „Bild“ gesperrt ist und in der nächsten Zeit nicht getaucht wird. „Bild“ wusste mindestens seit dem Treffen mit dem Botschafter am 2. März, dass das Militär illegale Schatzsucher daran hindern würde, zu tauchen. Der deutsche Botschafter, der bei dem Treffen anwesend war, erklärte mir in einer Mail vom 10. März, dass die Expeditionsgruppe im Gespräch mit einem Abteilungsleiter im Kulturministerium gesagt habe, dass am Izabal-See keine Ausgrabungen geplant seien.

Und weiter:

[Der Abteilungsleiter im Kulturministerium] hat keine Einwände gegen die Fahrt zum Izabal-See erhoben; allerdings solle doch bitte von eingehenderen Untersuchungen vor Ort ohne Erlaubnis abgesehen werden – was zugesichert wurde.

Tatsächlich hat „Bild“ aber wirklich etwas gefunden! Also eigentlich nicht „Bild“ direkt, sondern ein Fischer. Und es ist auch kein Gold, sondern ein ziemlich unspektakuläres Tongefäß. Aber immerhin: man hat jemanden gefunden, der ein Gefäß aus dem See gefischt hat. Also schreibt man folgerichtig am besten:

Gehört dieser Tonkrug zum Schatz der Maya?

Ersten Schätzungen zufolge sei er mehrere hundert Jahre alt. Nicht schlecht, dann fehlen ja nur noch 2000 mehr. „Bild“ gibt das zur Überprüfung an Experten und hat seitdem nicht mehr darüber berichtet.

Zwischenzeitlich meldeten sich weitere kritische Stimmen zu Wort. Die deutschen Mesoamerikanisten sprechen in ihrer Stellungnahme vom 7. März von einer „skandalösen Vorgehensweise“ und „Effekthascherei“. Allerdings haben die Wissenschaftler sich zunächst etwas von „Bild“ anstecken lassen und auch dem Botschafter Dr. Schäfer Vorwürfe gemacht, diese inzwischen aber zurückgenommen.

Schäfer schreibt mir, er habe – anders als „Bild“ es erahnen ließ und die Mesoamerikanisten es verstanden – mit dem Besuch im Kulturministerium nicht den Zweck verfolgt, „den Prozess der Genehmigung der ‚Expedition‘ abzukürzen“.

Schäfer weiter:

Ich finde es bedauerlich, dass in der Stellungnahme der Eindruck erweckt wird, als hätte ich dazu beigetragen, die guatemaltekischen Behörden in irgendeiner Weise zu hintergehen oder unter Druck zu setzen.

In den folgenden Tagen bemühte sich „Bild“ um Genehmigungen, von denen klar war, dass sie nicht zu bekommen sein würden. Denn die Verantwortlichen in Guatemala wissen sehr gut, was eine Theorie ist und was Wunschdenken. So wusste der Botschafter auch zu berichten:

Breit publiziert wurden aber auch die Kommentare guatemaltekischer Fachleute, die die These vom Maya-Gold im Izabal-See rundum verwarfen und auf die grundlegenden Widersprüche zu der gesamten Maya-Forschung hinwiesen.

„Bild“ zog also am 10. März die Konsequenzen und reiste wieder ab. Im Abschieds-Artikel übernahm das Team wie gewohnt keine Verantwortung für all die Unhöflichkeiten und Umstände wie z. B. das Militärschiff, das wahrscheinlich auch heute noch seine Runden auf dem Izabal-See dreht.

Rittstieg fasst im Gegenteil die Reise im „Bild“-Artikel so zusammen:

Wir haben alles in unserer Macht Stehende unternommen, drei Taucher eingeflogen und sogar einen Schamanen befragt. Jetzt liegt es an der Regierung von Guatemala, den Schatz zu bergen.

Den Schatz, von dem die Regierung nicht annimmt, dass es ihn gibt.

Die „Bild“-Expedition bindet immer noch wichtige lokale Ressourcen, die man woanders sicher gut gebrauchen könnte. Zwei Drittel der Bevölkerung von Guatemala leben in Armut und wegen „Bild“ muss die Marine ein Schiff auf dem See patrouillieren lassen. Fischer werden kontrolliert. Das Expeditionsteam erhielt Polizeischutz, obwohl Drogenbanden ihr Unwesen treiben. Der deutsche Botschafter wurde involviert. Usw. usf.

Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Guatemala. Der Erhalt der Maya-Stätten sichert Einkommen und Besucher. Im schlimmsten Fall werden wegen solch einer Aktion die eigentlichen Maya-Stätten zerstört, um an das versteckte Gold heranzukommen, welches es aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht gibt.

Um es mit den Worten der deutschen Mesoamerikanisten zu sagen:

Archäologen haben bislang in mühevoller Aufklärungsarbeit vor Ort immer wieder darauf hingewiesen, dass die antiken Maya-Stätten keineswegs Goldschätze enthielten, und mussten zudem mit Gerüchten kämpfen, sie würden Schätze illegal außer Landes schaffen. Die BILD-Goldsuche macht diese Arbeit mit einem Schlag zunichte.

„Bild“ erklärt hingegen im letzten Artikel: „BILD bleibt dran!“

Bitte nicht!

Daniel Schleusener widmet sich auf seinem Blog „The Complete Mesoamerica (and more)“ geschichtlichen, kulturellen, archäologischen und kuriosen Themen rund um Mesoamerika. Unterstützt wird er dabei durch Historiker, Mayanisten und – natürlich – dem Internet.

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