„… und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso“

Bloggen für BILDWir hatten das — in vorweihnachtlicher Zeit — ja schon mal gefragt: Wie oft trifft es dieses arme Boulevardblatt? Kaum ist ein Artikel erschienen, wird „Bild“ vorgeworfen, er sei von vorne bis hinten falsch – oder von hinten bis vorne. Und wem glaubt man? „Bild“ etwa? Eher nicht – und das mit gutem Grund. Nur werden wir ab und zu das Gefühl nicht los, „Bild“ doch irgendwie in Schutz nehmen zu müssen…

Aber beginnen wir einfach wieder wie so oft:

Gestern sah die Titelseite der „Bild“-Zeitung so aus:

„Bild“ berichtete über Konrad Göckel, Kandidat der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ und von Beruf „Bundestags-Chauffeur“ (genauer: Angestellter des Fuhrunternehmens RocVin, das gelegentlich auch Bundestagsabgeordnete chauffiert). Laut „Bild“ durfte Göckel nämlich „ab sofort keine Politiker mehr fahren“. Ihm bliebe „nichts als ein Auflösungsvertrag“ seines Arbeitgebers, weil er in der TV-Show auf die Frage des Moderators Günter Jauch, welche Abgeordneten freundlicher seien, „die Höhergestellten oder die Hinterbänkler“ geantwortet hatte: „Je höher, desto arroganter.“

In „Bild“ begründete Göckels Chef die angebliche Kündigung u.a. mit der in Göckels Anstellungsvertrag festgeschriebenen „absoluten Verschwiegenheitspflicht“. Das kann man einleuchtend finden.

„Bild“ fand’s nicht — und war damit nicht allein. Nicht nur der in „Bild“ herbeizitierte Jauch hatte „kein Verständnis dafür, dass Herr Göckel (…) seinen Job verlieren soll“, zahlreiche andere Medien, darunter auch „Spiegel Online“, machten sich gestern vormittag ebenfalls die „Bild“-Geschichte um „Wer wird Millionär?“ und Bundestag zueigen.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse. Im Kölner „Express“ fand sich unter der Überschrift „Bei Jauch gelästert: Fahrer ist Bundestags-Job los“ alsbald ein erstes Dementi des Chauffeur-Chefs:

„Aber der Fahrer hat uns gebeten, nach seiner Aussage in der Show aus der Schusslinie genommen zu werden“, so RocVin-Geschäftsführer Manfred Reuter zum EXPRESS. Gekündigt worden sei ihm nicht: „Wir haben uns in beiderseitigem Einvernehmen geeinigt. Und über diese Einigung bewahren wir Stillschweigen.“

Wenig später legte der „Münchner Merkur“ mit einem zweiten, anderslautenden und weitaus weniger diskreten Dementi nach:

„Die Sache ist so kompliziert, die kann man mit wenigen Worten nicht erklären“, sagt der Chef von Konrad Göckel (…) am Telefon. Deshalb will er auch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Am liebsten würde er über den Fall nicht mehr sprechen – „die Presse schreibt doch eh, was sie möchte, und die ‚Bild‘-Zeitung sowieso.“ (…) Der Auftritt bei „Wer wird Millionär“ werde für den Chauffeur keine Konsequenzen haben, versichert der Chef (…): „Wir haben Herrn Göckel nicht entlassen. Wir haben unseren Mitarbeiter nur aus der Schusslinie genommen. Er ist in Urlaub gegangen. (…) Der Vorgang wurde von der Zeitung konstruiert. Wir lassen die Sache auf sich beruhen.“ Konrad Göckel entstünden durch seine Äußerungen keine Nachteile. „Wir sehen nicht, wo das Problem liegen soll.“ Er habe seinen Angestellten zunächst in Urlaub geschickt, bis sich die Wogen glätten: „Er hat mir heute Morgen gesagt, dass er von allen Seiten bedrängt wird und dass ihm die Sache über den Kopf wächst. Das ist menschlich doch verständlich.“ Kamerateams belagern den Quiz-Kandidaten, zu Hause wird er mit Telefonanrufen bombardiert. „Er möchte am liebsten abtauchen — und diese Möglichkeit haben wir ihm gegeben“, sagt sein Chef.
(Hervorhebung von uns.)

Und spätestens als die Dementis über die Nachrichtenagenturen AP und AFP verbreitet wurden, fand die Angelegenheit noch größere Beachtung, wurde vielerorts eilig nachgebessert, bereits Veröffentlichtes neu- und umgeschrieben. Sueddeutsche.de wusste dem „Tohuwabohu“ in einem sichtlich kopflos den Ereignissen hinterherklappernden (inzwischen komplett überarbeiteten) Artikel zwischenzeitlich immerhin noch hinzuzufügen:

Der Kandidat [Göckel] schweigt momentan. Jetzt sitzt er, so sein Bruder auf Anfrage, beim Anwalt und lässt sich beraten.

Aha. Die „Bild“-Zeitung jedenfalls, deren Berichte sonst zu gern unkritisch übernommen werden, war plötzlich die Übeltäterin. FAZ.net behauptete gar auf der Startseite unter dem Stichwort „Medien-Ente“, die „Bild“-Behauptung sei „falsch“* — auch wenn der dazugehörige „FAZ“-Artikel lediglich behauptete:

Der Haken an der Sache: Göckel sei überhaupt nicht entlassen worden, erklärte der Geschäftsführer des Fuhrunternehmens (…). Man habe lediglich mit dem Fahrer gesprochen. Dies bestätigt auch Göckel selbst. Man habe ihn auf seine Äußerung angesprochen, im Beisein des Betriebsrats. Man habe über Konsequenzen wie eine Abmahnung oder eine Suspendierung nachgedacht, auch der Begriff „Auflösungsvertrag“ sei einmal gefallen. Was folgte, sei allein eine Abmahnung gewesen. Für „Bild“ stellt sich die Sache allerdings wie folgt dar: Göckel sei entlassen worden, und zwar am Mittwoch, am Donnerstag — dem Tag der Geschichte also — sei die Entlassung zurückgenommen worden. Das aber bestreitet Göckel im Gespräch mit dieser Zeitung vehement: Es habe keinen Auflösungsvertrag gegeben.

Und gegen Abend dann dackelte auch noch die „Rheinische Post“ hinterdrein, um zu berichten, dass Göckel „nach Rücksprache mit seinem Anwalt (…) wegen der Medienberichterstattung keine rechtlichen Schritte einleiten“ wolle.

Uff? Immerhin hatte „Spiegel Online“ (unter Beteiligung der ehemaligen „Bild“-Redakteurin Patricia Dreyer) die Sache da aber schon ganz ordentlich und ausgeruht zurechtgerückt.

Dort wird dann auch deutlich, dass Göckels unbedachte Worte offenbar weitreichendere Folgen für ihn hatten, als sein Arbeitgeber im Nachhinein beteuerte, denn:

Am Nachmittag (…) bestätigte der Sprecher des Bundestages, Christian Hoose, SPIEGEL ONLINE, dass die RocVin GmbH der Bundestagsverwaltung bereits vor Veröffentlichung des „Bild“-Artikels mitgeteilt habe, dass Herr Göckel keine Parlamentarier mehr chauffieren werde.

Im Nachhinein muss man „Bild“ trotzdem einiges vorwerfen. Nach unseren Informationen wurden eingeholte Statements, die den Sachverhalt in Teilen womöglich schon im Vorfeld hätten weniger irreführend wirken lassen können, für die Berichterstattung nicht verwendet; anderes wurde zugespitzt: So findet sich für die Schlagzeilenbehauptung, der Chauffeur sei „gefeuert“ worden, im Artikel selbst keinerlei Indiz, keine Quelle. Und dass „Bild“ berichtete, ohne mit dem Betroffenen selbst, „den BILD (…) nicht erreichte“, gesprochen zu haben, bleibt irritierend.

Aber dass die im Laufe eines Tages immer wieder nachgebesserten Dementis des Fuhrunternehmers für andere Medien offenbar geradezu reflexhaft eine höhere Glaubwürdigkeit haben als der dementierte „Bild“-Artikel selbst, den viele zunächst einfach nur nachgebetet hatten, kann man beileibe nicht nur „Bild“ vorwerfen.

Dort hatte man sich öffentlichkeitswirksam über arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen einen Mann empört und war dabei fraglos übers Ziel hinausgeschossen. Ob’s aber ohne „Bild“ für Göckel heute auch so ein positives Ergebnis gegeben hätte (siehe Ausriss), fragt niemand.
 

 
*) Nachtrag, 17.6.2007: Anders als z.B. „Münchner Merkur“ und sueddeutsche.de ruderte die „FAZ“ am Samstag, einen Tag nach Erscheinen des FAZnet.-Textes in der Druckausgabe, in einer kurzen Meldung zurück: „Der Bericht in der ‚Bild‘-Zeitung hat wohl doch den Umschwung bei der Kündigung des Bundestagsfahrers Konrad Göckel bewirkt, auch wenn er und der Geschäftsführer der Firma RocVin, Norbert Tietke, welche die Fahrbereitschaft stellt, dies gegenüber dieser Zeitung dementierten. Ein Sprecher des Bundestages hatte ‚Bild‘ zuvor jedoch bestätigt, dass die Firma RocVin schon vor der Veröffentlichung mitgeteilt habe, Göckel werde keine Parlamentarier mehr fahren. (…)“

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