Empörung über Amoklaufprävention

Schenkt man dieser knackigen Schlagzeile aus der Stuttgarter "Bild"-Ausgabe Glauben, dann werden Amokläufer bald noch präziser und tödlicher agieren:

Amok-Ausschuss fordert Schießtraining für Schüler

Wahnsinn, oder? Da fragt man sich doch, wie so ein gemeingefährlicher "Amok-Ausschuss" dazu kommt, derartige Forderungen zu stellen. Ganz einfach: Am 8. März stellte der Sonderausschuss "Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen – Jugendgefährdung und Jugendgewalt" seinen rund 880 Seiten starken Abschlussbericht vor. Der Ausschuss wurde eingerichtet, um der Politik Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen und langfristigen Prävention von Amokläufen und Jugendgewalt zu geben. Dementsprechend finden sich unter den 39 Empfehlungen aus acht Themenbereichen unterschiedlichste Vorschläge, die von der Fortbildung pädagogischen Personals über Waffenzugangsbeschränkungen bis hin zu Sicherheitsmaßnahmen an Schulen und der Stärkung des Erziehungsauftrages von Eltern reichen.

Unter "6. Gewaltprävention im Sportjugendbereich – Modellprojekt Biathlon" heißt es laut Pressebericht des baden-württembergischen Landtags, aus dem auch Bild.de zitiert:

Der Sonderausschuss Winnenden möchte die erfolgreiche Jugendarbeit in den Sportschützenvereinen stärken, indem insbesondere der Gewaltpräventionsgedanke noch intensiver betont wird. Ein projekthaftes Angebot in einer Sportart scheint dabei zielführend. Besonders geeignet ist aus Sicht des Sonderausschusses die Sportart Biathlon, da neben den Schützenverbänden des Landes auch die baden-württembergischen Skiverbände (Winterbiathlon) sowie die Leichtathletikverbände (Sommerbiathlon) in das Projektvorhaben einzubinden sind.

Der kreativ-verquere Gedankensprung von "Bild"-Autor Markus Piechotta, aus gewaltpräventiver Jugendarbeit innerhalb der Vereine ein verpflichtendes Schießtraining für Jugendliche zu machen, muss schon fast bewundert werden:

In dem Papier (…) fordern die 18 Abgeordneten auch Schieß-Unterricht für Jugendliche!

Entsprechend einseitig fällt bei Bild.de dann auch die Beschreibung der Reaktion der Angehörigen und des Aktionsbündnisses Winnenden aus:

Die Angehörigen der Opfer sind entsetzt.

Dass das Aktionsbündnis Winnenden, eine Initiative der Eltern der Amokopfer, die Empfehlungen des Stuttgarter Ausschusses "in weiten Teilen" (abgesehen von obengenanntem Vorschlag im Sportschützenbereich) begrüßte, erwähnt Piechotta mit keinem Wort.

Allerdings wäre es auch irgendwie inkonsequent gewesen, wenn "Bild" nach der reißerischen und verantwortungslosen Berichterstattung über den Amoklauf vor einem Jahr jetzt auf einmal beginnen würde, nüchtern und sachlich über dieses hochemotionale Thema zu berichten.

PS: Auch der Berliner Kurier versteht sich auf knackige und irreführende Schlagzeilen:

Schüler in den Schießunterricht!

Mit Dank an Thomas und Jörg S.

ORF, Griechenland, Demokratie

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "ORF: 24 Stunden in fünf Minuten"
(wissenbelastet.com, Video, 5:08 Minuten)
24 Stunden Programm des Senders ORF1 werden auf 5 Minuten komprimiert und mit den Zuschauerzahlen dazu versehen. "Interessant ist das Verhältnis zwischen Werbung und Nachrichten. In den 24 Stunden gab es rund 44 Minuten (3,1%) lang Werbung und etwas mehr als 39 Minuten (2,7%) Nachrichten. ORF1 sendet also mehr Werbung als Nachrichten."

2. "Wie ich einen schönen Kommentar kaputt recherchierte"
(wdrblog.de, Paul Elmar Jöris)
WDR-Journalist Paul Elmar Jöris beschreibt, wie er einmal einen Kommentar nicht schrieb: "Nach den Recherchen war es nämlich nichts mehr mit einem fetzigen Kommentar."

3. "Griechenland als Feindbild"
(ndr.de, Video, 6:31 Minuten)
Medien wie "Bild" oder "Focus" stellen Griechenland wie ein Land von Betrügern dar – auch wenn die allermeisten Griechen an den aktuellen Problemen höchst unschuldig sind.

4. "Was kann man von Googles Geschäftsbericht 2009 lernen?"
(blog.largeneuroncollider.com, Andreas Braendle)
Andreas Braendle hat sich den "Annual Report 2009" von Google mal genauer angesehen.

5. "Winnenden – ein Jahr nach dem Amoklauf"
(dradio.de, Uschi Götz)
"Rund um den Ort der Gedenkfeier" hat die Stadt Winnenden ein "Film- und Fotografierverbot" ausgesprochen – zugelassen werden nur die dpa und der Südwestrundfunk. "Den übrigen Pressevertretern steht eine Tribüne im Freien zur Verfügung. Sie können dort – auf Distanz zu den Trauernden – die Übertragung der Gedenkfeier auf einer Leinwand verfolgen."

6. "Vorsicht, die Demokratie kommt!"
(thilo-baum.de)
Thilo Baum fragt sich, warum hiesige Medien wie die "Tagesschau" die "enorm wichtige Rolle" des Internets "für Demokratie und Pluralismus" vor allem im Ausland bemerken.

Jugendpresse, Winnenden, Balzac

6 vor 9

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1. "Fernbedient"
(jpbw.de, PDF-Datei, 1.7 MB)
Die aktuelle Ausgabe von "Noir", dem Magazin der Jugendpresse, widmet sich den Medien. Unter anderem geht es um versteckte Werbung bei den Jugendzeitungen "Spiesser" und "Yaez".

2. "Bis zur letzten Träne"
(taz.de, Ingo Arzt)
Es naht der Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden und "mit ihm die nächste Presseinvasion": "Man kann sich tausend Mal sagen: Bevor ich als Journalist die Opfer eines solch traumatischen Erlebnisses behellige, hänge ich meinen Job an den Nagel. Und wenn es so weit ist, dann muss eine Zeitung voll werden."

3. "Der Hinterweltler und die Ignoranz"
(begleitschreiben.twoday.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig schreibt über die Flut von Angeboten, denen der Medienkonsument mit Aufkommen von neuen Medien gegenübersteht und den "Überforderungs-Klagediskurs" dazu: "Ja, natürlich gibt es schreckliche Webseiten, Onlinemagazine und Blogs. Oder einfach nur banale. Aber es gibt auch schreckliche und banale Bücher, Filme, Fernsehsendungen, Theaterstücke, Zeitschriften und Zeitungen ohne dass deshalb das Medium kollektiv verworfen wird. Warum wird also die Polyphonie wenn nicht als Gewinn so doch mindestens als Inspiration empfunden?"

4. "Kleine Fehler, grosse Wirkung"
(nzz.ch, Sven Titz)
Sven Titz listet nochmals die Fehler des Uno-Klimarats auf, die von den Medien groß ausgebreitet wurden. "Klimaforscher räumen die Patzer mehr oder weniger ein, beklagen aber Fehlinformationen und Übertreibungen, vor allem durch britische Medien."

5. "Journalisten, nicht nur nach Balzac"
(jungle-world.com, Stefan Ripplinger)
Stefan Ripplinger widmet sich Honoré de Balzac und dem "Schreckenskabinett seiner Journalisten, dieser mürrischen, unterbezahlten, ausgehungerten, ressentimentgeladenen, mitunter auch erschreckend einfallsreichen Lohnschreiber und verhinderten Dichter".

6. "Spiegel-Bild"
(ralkorama.blogspot.com)
Gleiches Foto, fast gleiche Schlagzeile. Zwischen dem "Spiegel" und "Bild" ist online kaum ein Unterscheid auszumachen. In einem Fall.

Motorsport, Schmähkritik, Burma VJ

6 vor 9

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1. "Motorsportjournalismus – Wo ist der hin?"
(racingblog.de, Don Dahlmann)
Don Dahlmann sieht bei den Printprodukten zum Thema Motorsport eine enge Verzahnung zwischen Industrie, Agenturen und Redaktionen. "Es ist kein Zufall, wenn nach einer doppelseitigen Anzeige für ein Pflegeprodukt man genau diese vier Seiten weiter 'redaktionell' empfohlen bekommt. Es ist auch kein Zufall, wenn Promi XY interviewt wird und dessen Film dann ein paar Seiten später als 'Tipp der Woche' auftaucht."

2. "Acht Regeln für Amok-Berichte"
(mediummagazin.de, Annette Milz)
Psychologen haben zur Berichterstattung über Amokläufe "acht konkrete Regeln für das Verhalten der Medien formuliert". Der kommende 11. März ist der Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden.

3. "Das Elend der Debatte um ARD und ZDF"
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier weiss, wie "die Verlage vielleicht, möglicherweise, wenn das Wetter stimmt, in der Lage sein" werden, "auch in Zukunft Qualitätsjournalismus anzubieten, und womöglich sogar im Netz". Nämlich so: "Die Verlage müssen von der (ohnehin schon reduzierten) Mehrwertsteuer befreit werden, Google muss verboten oder zur Zahlung von Lizenzgebühren verpflichtet werden, ARD und ZDF müssen das Internet verlassen, das Zitatrecht muss drastisch eingeschränkt, das kostenlose Anbieten von Informationen untersagt und die Gratis-Kultur im Internet insgesamt vernichtet werden."

4. "300 Folgen Schmähkritik"
(blogs.taz.de/popblog, Christian Ihle)
"300 Folgen lang haben jetzt schon Zeitschriften, Magazine und Stars über Platten, Filme, Politiker und Bands böse geredet. Zeit also, ein komplettes Inhaltsverzeichnis der 300 Folgen Schmähkritik zum Stöbern aufzubereiten…"

5. "Achtung, Kamera!"
(falter.at, Florian Klenk und Barbara Toth)
Der tschechische Journalist Janek Kroupa recherchiert, verdeckt unter dem Namen Radvít Pokorny, in einem österreichisch-tschechischen Rüstungsgeschäft und deckt so "einen der größten politischen Skandale der letzten Jahre" auf.

6. "Burma VJ"
(plus7.arte.tv, Video, 84 Minuten)
Für sieben Tage online: Der Film "Burma VJ" von Anders Østergaard (Trailer).

Sedlmayr, Indien, Winnenden

6 vor 9

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1. "Namen der Sedlmayr-Mörder bleiben online"
(sueddeutsche.de)
In einem Grundsatzurteil entscheidet der Bundesgerichtshof, dass die Namen der Mörder von Walter Sedlmayr nicht aus den Archiven gelöscht werden müssen (Pressemitteilung): "Die Öffentlichkeit habe einen Anspruch darauf, dass Informationen auch noch nach Jahren abgerufen werden könnten. Eine permanente journalistische und juristische Prüfung würde Online-Archive unmöglich machen, betonte der Anwalt."

2. Interview mit Thomas Knüwer
(cicero.de, Marc Etzold)
Thomas Knüwer über die Paid-Content-Versuche von Printverlagen: "Es ist erschreckend, wie wenig Übersicht und Wissen deutsche Verlagsmanager über den digitalen Markt haben."

3. "News You Can Abuse"
(outlookindia.com, Anuradha Raman, englisch)
Ein Artikel über "paid-for news", also bezahlte Nachrichten, in Indien. Nicht nur Printmedien, auch das Fernsehen ist betroffen: "'Imagine my surprise and shock when the reporter actually negotiated the price of Rs 2.5 lakh for an hour of live coverage,' says Dikshit. 'The channel even said they would arrange the crowds.'"

4. "Fordern wir das Medienrecht 2.0"
(zurpolitik.com, Tom Schaffer)
"Journalismus als für die Demokratie essenzielle Aufgabe ist nicht länger einer elitären Schicht vorbehalten, sondern muss breiter betrieben werden. Die zur vollen Ausübung der Aufgabe notwendigen Rechte sollten also auch für jeden Menschen bestmöglich gesichert werden."

5. "Weihnachtswünsche an das Internet"
(gutjahr.biz, Videos, Richard Gutjahr)
Dirk Ippen, Vera Lisakowski, Hans-Jürgen Jakobs, Axel Buchholz, Ulli Brenner und Jens Jessen wünschen sich was vom Internet.

6. "Der Amoklauf von Winnenden"
(ardmediathek.de, Video, 43:30 Minuten)
Eine Reportage befasst sich mit den Opfern des Amoklaufs von Winnenden. Die Rolle der Medien wird nur am Rande beleuchtet, so zum Beispiel ab Minute 32.

Der Kult ums Horrorhaus

Schade, dass Halloween schon wieder vorbei ist. Die Stuttgarter Lokalredaktion von "Bild" hätte da nämlich noch ein passendes Thema:

Es ist Stuttgarts grusligste Immobilien-Anzeige.

Um was es sich dabei wohl handeln mag? Ein Spukschloss? Eine Geisterbahn? Eine Gruft?

Hier wird das Haus angeboten, in dem Amok-Killer Tim K. (17) lebte. Er hatte im März in Winnenden 15 Menschen und sich selbst erschossen.

Nun möchte man vor dem Hintergrund eines derartigen Verbrechens ungern Haare spalten, aber an dieser Stelle sollte man zumindest sicherheitshalber noch einmal daran erinnern, dass Tim K. seine Opfer nicht in seinem Elternhaus erschossen hat.

Auch das "Schwäbische Tagblatt" ereifert sich berichtet heute über die "Internet-Offerte", die "aus dem Rahmen des Üblichen" falle:

Dass in diesem Elternschlafzimmer jene ungenügend gesicherte Pistole des Typs Baretta im Kleiderschrank gelegen haben soll, mit der Tim über 200 Mal geschossen hat, wird nicht erwähnt. Überhaupt unterbleibt jeder Hinweis auf die Besitzer des Hauses.

Auch wenn das "Tagblatt" und "Bild" die fehlenden Hinweise implizit und explizit "merkwürdig" finden: Es besteht keine Pflicht, in der Immobilienanzeige darauf hinzuweisen, wer die vorherigen Bewohner oder Besitzer sind.

Hans-Eberhard Langemaack, Geschäftsführer des Immobilienverbands Deutschland (IVD), sagt uns auf Anfrage, dass es in einem derart schweren Fall zwar durchaus zur Aufklärungspflicht des Immobilienmaklers gehöre, potentielle Interessenten beim Beratungsgespräch auf die Geschichte des Hauses hinzuweisen. In der Anzeige, die ja nur den Erstkontakt darstelle, könne man auf solche Informationen aber verzichten.

Natürlich ist es denkbar, dass mögliche Interessenten Abstand von einer Immobilie nehmen, in der ein Massenmörder gewohnt und sich auf seine Tat vorbereitet hat. Andererseits soll es ja auch Menschen geben, die eine gewisse Faszination fürs Morbide hegen und vielleicht gerne im Haus des "Amok-Killers von Winnenden" ("Bild") leben würden. Ihnen kommt das "Schwäbische Tagblatt" mit großen Schritten entgegen, wenn es unter der Überschrift "Elternhaus des Amokläufers von Winnenden wird verkauft" nicht nur über die genaue Lage der Immobilie aufklären, sondern gleich noch den Namen der Maklerin und die genaue Exposé-Nummer des Objekts verrät.

Solche Gedanken finden Sie makaber? Na, dann warten Sie mal ab:

Dazu Farbfotos vom Koi-Teich, 50-Quadratmeter-Wohnzimmer, Kamin, Schlafzimmer, Terrasse.

Und der makabere Hinweis für Eltern mit Kindern: "…alle weiteren Schularten finden Sie in Winnenden!"

("Bild")

Vor dem Hintergrund des Amoklaufs an der Albertville-Realschule liest es sich durchaus makaber, wenn in einem Hinweis auf Grundschule und zwei Kindergärten im Ort noch erwähnt wird, "alle weiteren Schularten finden Sie in Winnenden".

("Schwäbisches Tagblatt")

Der Artikel im "Tagblatt" endet übrigens mit folgendem Absatz über den anstehenden Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen den Vater des Amokläufers:

Wegen großen Medieninteresses und der Vielzahl der Nebenkläger wird die Verhandlung mit großer Wahrscheinlichkeit in Stammheim stattfinden. Beim dortigen Gefängnis gibt es dafür den größten Raum.

Das "Tagblatt" erwähnt zwar nicht, wer da schon alles auf der Anklagebank gesessen hat, aber das ist vermutlich nur die Rache für den fehlenden Hinweis auf die Baretta Beretta.

Mit Dank an Sibylle B.

Nachtrag, 26. November: Die Redaktion des "Tagblatts" als Lokalzeitung hat den Verkauf des Hauses nicht selbst aufgegriffen. Der Artikel ist gestern in der "Südwestumschau" der "Südwest Presse" erschienen und auf www.tagblatt.de übernommen worden.

"Kein falscher Eindruck entstanden"

Aus dem Pressekodex (Ziffer 2 und 3):

Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. (…) Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.

(…) Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.

Soweit die Theorie. Und jetzt zur "Welt am Sonntag". Nach dem Amoklauf von Winnenden war dort nämlich ein Artikel des "WamS"-Chefs Thomas Schmidt erschienen, (zu dem sich vieles sagen lässt und) den die "WamS" wie folgt präsentierte:

Weil das große Foto neben der überschrift aber nicht, wie sich hätte vermuten lassen, den Amokläufer, sondern einen namenlosen, trauernden Jungen in Winnenden zeigt (und BILDblog sich deswegen beim Presserat beschwerte), wurde die "WamS"-Veröffentlichung nun als Verstoß gegen o.g. Ziffern des Pressekodex beanstandet — und vom Presserat ein sog. "Hinweis" erteilt.*

"WamS" laut Presserat:

"Die Redaktion habe Trauer und Hilflosigkeit bebildern wollen, die die Tat hinterlassen habe und die in dem Gesichtsausdruck des gezeigten jungen Mannes zum Ausdruck komme. Die Bebilderung sei unglücklich gewählt bzw. hätte mit einer separaten Bildunterschrift versehen werden müssen, um jeden noch so geringen Zweifel an der Identität der gezeigten Person auszuschließen. Dies sei bedauerlicherweise nicht geschehen."

Die "WamS" selbst zeigt sich in ihrer Stellungnahme zur Beschwerde übrigens zunächst einsichtig (siehe Kasten). Laut Presserat versuchte das Blatt jedoch auch zu begründen, warum die Redaktion sich selbst nicht wenigstens nachträglich korrigierte:

Ein Hinweis in der darauffolgenden Ausgabe sei allerdings verworfen worden, da die Redaktion davon überzeugt gewesen sei, dass Mediennutzer das Aussehen des Amokläufers Tim K. bereits vor Erscheinen der WELT AM SONNTAG gekannt hätten. Insofern gehe man (…) davon aus, dass mit der Seitenoptik kein falscher Eindruck entstanden sei und der deshalb auch nicht habe korrigiert werden müssen. Der Redaktion lägen auch bis heute keine gegenteiligen Erkenntnisse vor, insbesondere seien keine rechtlichen oder sonstigen Beschwerden des jungen Mannes bekannt geworden (…).

Es klingt, als wolle die "WamS" damit sagen: Eigene Fehler müssen nur grob und offensichtlich genug sein, um sie nicht selbst korrigieren zu müssen — "insbesondere" dann nicht, wenn sich niemand beschwert oder rechtlich dagegen vorgeht, oder?

*) Ein "Hinweis" ist die schwächste Sanktionsform des Presserates — und für das betroffene Medium folgenlos.

Stern  etc.  

Die Opferfotos und die rechtsfreien Zonen

Zum Beispiel war unter den deutschen Passagieren, die in der vergangenen Woche mit einem Airbus im Atlantik abgestürzt sind, auch ein Assistenzarzt der Uniklinik Heidelberg. Das war für die Medien praktisch, denn die Klinik hat eine Homepage, auf der auch Fotos der Mitarbeiter stehen, da mussten sich die Journalisten nur bedienen und hatten sofort ein Bild, mit dem sie ihre Berichte illustrieren konnten.

Nein, sagt die Kliniksprecherin auf Anfrage von BILDblog, genehmigt habe das Krankenhaus die Verwendung seines Fotos nicht. Es habe niemand überhaupt eine Genehmigung erfragt.

* * *

Sechs große Hamburger Verlage haben in der vergangenen Woche die Bundesregierung aufgefordert, das Urheberrecht im Internet zu verschärfen. "Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben", erklärten die Verlage von "Bild", "Spiegel", "Zeit", "InTouch", "Für Sie" und "Stern". "Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben."

* * *

Der "Stern" weigert sich im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden konsequent, Fragen nach der Herkunft der von ihm gezeigten Privatfotos der Opfer zu beantworten. In seiner aktuellen Ausgabe zeigt er fast jedes der über 100 Opfer des Flugzeugabsturzes im Bild. Bei den meisten fehlt der sonst übliche Hinweis auf die Quelle.

Auf eine Anfrage von BILDblog bei den Redaktionsleitern von stern.de, Frank Thomsen und Ralf Klassen, ob sie für eine ähnlich angelegte stern.de-Bildergalerie Einwilligungen der Urheber oder Angehörigen eingeholt haben, antworteten sie: nicht. 

Bild  etc.  

Die Gewalt-Fest-Spiele von Winnenden

Nicolaus Fest weiß, dass die "Bild"-Zeitung nach dem Amoklauf von Winnenden nichts Unzulässiges gemacht hat, und er kann es auch beweisen: "Kein einziges presserechtliches Verfahren" habe es gegen die Berichterstattung des Blattes gegeben. So.

Nicolaus Fest ist Mitglied der Chefredaktion von "Bild". Gisela Mayer ist die Mutter einer jungen Frau, die bei dem Amoklauf getötet wurde. Sie sagt, dass ein Foto ihrer Tochter, das in den Medien gezeigt wurde, von deren jüngerer Schwester in einem ganz privaten Rahmen gemacht worden sei. Die Familie habe nicht eingewilligt, dass es veröffentlicht wurde. "Es war uns bewusst, dass wir einen Anwalt beauftragen könnten, um dagegen vorzugehen", sagt sie. "Aber wir waren zu schwach, trauerten, waren menschlich am Ende."

von links nach rechts: Nicolaus Fest ("Bild"), Manfred Protze (Deutscher Presserat), Frank Nipkau ("Winnender Zeitung"), Kuno Haberbusch ("Zapp"), Gisela Mayer (Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden), Hans Müller-Jahns ("Brisant"), Georg Mascolo ("Spiegel")
Nonverbale Kommunikation: N. Fest (links). Foto: © Sozialgeschnatter.de

Beide sitzen nur wenige Meter auseinander auf dem Podium der Tagung des "Netzwerks Recherche", das am vergangenen Samstag über die Grenzüberschreitungen bei der Berichterstattung über den Amoklauf diskutiert. "Geklaute Fotos, verletzte Intimsphäre — Medien ohne Moral?" ist der Titel, und Nicolaus Fest hängt in einer Weise in seinen Stuhl, dass sein ganzer Körper demonstriert, wie sehr ihn die Diskussion langweilt und nervt.

Eigentlich hätte er stattdessen zum Thema "Leser-Reporter" diskutieren sollen, aber in der Runde ist auch der ehemalige BILDblogger Christoph Schultheis, und Fest weigert sich, mit ihm auf einem Podium zu sitzen.

Frank Nipkau, der Chefredakteur der "Winnender Zeitung", gibt sich große Mühe, Fest nicht anzusehen, wenn er erzählt von der "Jagd auf die Opfer" und davon, dass sogar Polizeistreifen nötig waren, um Angehörige vor Journalisten zu schützen. Seine Zeitung habe sich von einfachen Regeln leiten lassen: keine Opferfotos, keine Berichte von Beerdigungen, Vorsicht mit Stellungnahmen traumatisierter Kinder. "Es war eine einfache Haltung", sagt Nipkau, "aber schon die erregte bundesweite Aufmerksamkeit."

Nicolaus Fest hält das alles für "standeswidrige Verlogenheit": "Es ist unsere Aufgabe, Informationen zu sammeln und zu berichten. Dass dabei manchmal Fehler passieren, ist sicher richtig. Aber bei einem so wichtigen Zeitereignis wie diesem überwiegt das Berichterstattungsinteresse der Öffentlichkeit die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen." Die "Bild"-Zeitung habe sich von mehreren, auch externen, juristischen Experten beraten lassen, ob die Veröffentlichung der Fotos der (teils minderjährigen) Opfer erlaubt sei. Keiner habe Bedenken gehabt, sagt Fest. Andere Medienvertreter auf dem Podium sind erstaunt.

Manche Argumente versteht Fest einfach nicht. Von Gisela Mayer will er wissen, ob sie denn nun für oder gegen die Veröffentlichung von Fotos der Opfer sei, die Fronten seien ihm da nicht ganz klar. Sie erklärt ihm dann geduldig, aber vermutlich vergeblich, dass es auf den Kontext ankomme: Die Fotos der Opfer, wie sie der "Focus" auf seinem Titel gezeigt habe, seien für sie eine Art Traueranzeige und ein respektvoller Umgang gewesen. Unzulässig sei es dagegen, die Bilder zu benutzen, um sensationsheischend und falsch zu berichten.

Fest kann auch nicht nachvollziehen, warum man die riesige Fotomontage von "Bild", die den Amokläufer in Kampfmontur zeigte, für eine unzulässige "Heroisierung" hält: Mitglieder von Truppen wie der GSG9 oder der KSK zeige man doch auch regelmäßig in solchen Posen. Dieses Missverständnis lässt sich auf dem Podium nicht ausräumen, aber immerhin gelingt es mehreren Teilnehmern mit vereinten Kräften, Fest darauf aufmerksam zu machen, dass der Amokläufer eine solche Kampfuniform nicht einmal getragen habe (vgl. BILDblog vom 13. März 2009). Fest sagt, das höre er gerade zum ersten Mal, aber wenn das stimme, müsse er dem Sprecher des Presserats, der neben ihm sitzt und die entsprechende Rüge für "Bild" erläutert hat, recht geben — "so schwer mir das fällt".

Dennoch: "Hier wird eine Selbstskandalisierung betrieben, die wirklich Quatsch ist", meint Fest. Natürlich gebe es Anlässe, bei denen Medien versagt hätten, der Fall Sebnitz zum Beispiel. Aber Winnenden gehöre wirklich nicht dazu. Er habe Verständnis dafür, dass die Berichterstattung für Frau Mayer schmerzhaft gewesen sei — "ja, das wühlt noch mal auf", wenn man die Bilder und Berichte über die getötete Tochter sehen müsse — "aber wenn man eine Presse haben will, die diesen Namen verdient, muss man das leider in Kauf nehmen." Und wenn man die Veröffentlichung von Fotos jugendlicher Täter oder Opfer von der Zustimmung der Eltern abhängig machen wolle, "dann kann man den Journalismus gleich vergessen."

Journalismus? Frank Nipkau bestreitet, dass es darum bei vielen Berichten über Winnenden überhaupt ging: "Das war teilweise Gewaltpornographie. Das hat mit unserem Informationsauftrag nichts zu tun."

Die Mutter Gisela Mayer kritisiert auch die Aufmerksamkeit, die viele Medien dem Amokläufer hätten zukommen lassen. Dieser Nachruhm sei Teil dessen, was Amokläufer antreibt. Den Täter groß in Szene zu setzen, wie dies geschah, könne nachweislich Nachahmungstäter animieren. "Schwachsinn, Schwachsinn, Schwachsinn", zischt Nicolaus Fest an dieser Stelle vor sich hin.

Bild.de  RTL  stern.de  etc.  

Die Opfer des Todesfluges

Der Online-Ableger der Illustrierten "Stern" präsentiert die Opfer der im Atlantik abgestürzten Air-France-Maschine in einer großen Bildergalerie. Unter dem ersten Foto heißt es:

Doch das ist nicht das ganze Zitat von der DLRG-Seite. Das ganze Zitat geht so:

Aus irgendwelchen Gründen fand stern.de das mit der Bitte an die Medien um Zurückhaltung nicht so zitierwürdig. Womöglich hätte der Satz am Anfang dieser Bildergalerie auch nur ungewollt ironisch gewirkt.

Um einige der Opfer zeigen zu können, hat sich stern.de — wie andere Medien auch — offenkundig einfach auf den Internetseiten von Arbeitgebern oder Vereinen bedient. Man hört das ja auch immer wieder in den Medien, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sei, in dem auch das Urheberrecht dauernd verletzt werde.

Das RTL-Elendsmagazin "Explosiv" hat sich beim Ausschlachten der Tragödie gestern auch auf die Expertise einer Frau gestützt, die auf die nötigen Grenzüberschreitungen quasi spezialisiert ist: Inken Ramelow, deren Arbeit das NDR-Medienmagazin "Zapp" vor kurzem einen eigenen Beitrag gewidmet hat.

Nach dem Amoklauf von Winnenden hatten wir uns bei "RTL aktuell" erkundigt, wie der Sender unter Chefredakteur Peter Kloeppel grundsätzlich mit den Fotos von Betroffenen in Unglücks- oder Verbrechensfällen umgeht. Wir fragten zum Beispiel:

"Ist nach Ansicht des Senders eine Einwilligung des Urhebers nicht notwendig, wenn man sich die Fotos einfach im Internet besorgen kann? Muss jeder, der sein Bild bei StudiVZ oder anderen Angeboten einstellt, damit rechnen, es in einer RTL-Nachrichtensendung wiederzufinden? Oder bemüht sich RTL auch in solchen Fällen in der Regel um eine Einwilligung?"

Die Antwort des Senders lautete:

"Die Redaktion möchte keine Stellungnahme zu redaktionellen Abläufen abgeben."

Das ist ziemlich genau dieselbe Antwort, die der "Stern" auf ganz ähnliche Fragen des Magazins "Panorama" gab:

"Zu Redaktions-Interna erteilen wir keine Auskunft."

Von der "Bild"-Zeitung (die in einem Verlag erscheint, dessen Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner ironischerweise gerade für eine Verschärfung des Urheberrechtes im Internet kämpft) würden wir natürlich im Zweifel nicht einmal diese Antwort bekommen. Sie scheint sich gestern bei der Aufmachung des Themas in ihrem Online-Angebot vorgenommen zu haben, ein lehrbuchhaftes Beispiel dafür zu produzieren, was der Pressekodex meint, wenn er er von einer "unangemessen sensationellen Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid" spricht:


(Unkenntlichmachung, natürlich, von uns.)

Mit Dank an Heiko J. und viele andere sowie Peer S. und DWDL.

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