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Wahrheit in Gefahr, Polizeiliche Kriminalstatistik, Sampling geht klar

1. Wenn der Begriff Wahrheit zerstört wird
(taz.de, Patrick Gensing)
Patrick Gensing warnt in seinem Essay, “Fake News” könnten im öffentlichen Diskurs gegenüber überprüfbaren Fakten zunehmend die Oberhand gewinnen. Er argumentiert, dass Desinformation längst kein Randproblem mehr sei, sondern ein strukturelles Merkmal digitaler Öffentlichkeit. Plattformen würden Empörung, Tempo und Zuspitzung belohnen. Nötig seien nicht nur Korrekturen einzelner Falschmeldungen, sondern ein politischer und publizistischer Angriff auf die Macht der Plattformen.

2. Was die Polizeiliche Kriminalstatistik aussagt – und was nicht
(correctiv.org, Sara Pichireddu)
Sara Pichireddu erklärt, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik nur begrenzt aussage, wie sich Kriminalität in Deutschland tatsächlich entwickele. Die Statistik erfasse polizeilich registrierte Fälle und Tatverdächtige, nicht aber gerichtliche Schuldfeststellungen. Viele Deutungen seien deshalb irreführend. So lasse die Statistik keine belastbaren Aussagen darüber zu, ob etwa mehr Menschen kriminell würden, oder ob Migranten krimineller seien.

3. Sampling geht klar
(netzpolitik.org, Denis Glismann)
Der Europäische Gerichtshof habe im Fall “Metall auf Metall” das Recht auf Sampling und Remix gestärkt. Demnach könne die Übernahme geschützter Werkteile als erlaubtes Pastiche gelten. Eine bloße Nachahmung ohne eine künstlerische Auseinandersetzung reiche jedoch nicht aus. Damit gehe der seit 27 Jahren geführte Streit zwischen der Band Kraftwerk und dem Musikproduzenten Moses Pelham in die letzte Runde. Nun müsse der Bundesgerichtshof entscheiden, ob das Sample in Sabrina Setlurs Song “Nur mir” diese Voraussetzungen erfüllt.

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4. Fünf Fakten zu Fracking (die Medien immer wieder falsch darstellen)
(kobuk.at, Andrea Gutschi)
Andrea Gutschi widerspricht mehreren verbreiteten Darstellungen von Fracking in österreichischen Medien. Demnach seien Aussagen über eine mögliche Gasversorgung für 30 Jahre auf veraltete Schätzungen gestützt und heute wissenschaftlich nicht haltbar. Auch ein angeblich ökologisch unbedenkliches Frackingverfahren beseitige nicht die Risiken wie etwa die Methanemissionen, den hohen Wasserverbrauch und belastetes Lagerstättenwasser.

5. “Einen Politiker zu Fall zu bringen sehe ich nicht als unsere Aufgabe”
(dfjv.de, Gunter Becker)
Im Interview beschreibt Bernhard Pötter das Newsletter-Medienhaus “Table.Media” als Modell für vertieften Fachjournalismus. Beim “Climate.Table” etwa arbeite ein größeres Team deutlich spezialisierter und enger mit anderen Fachredaktionen zusammen als in klassischen Redaktionen. Ziel sei “Deep Journalism” für Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und NGOs.

6. Austria First: Der rechte Dudelfunk
(verdi.de, Till Schmidt)
Till Schmidt beschreibt den österreichischen Radiosender “Austria First” als Teil einer gezielten Medienstrategie der FPÖ. Der Webradiosender verbreite parteinahe Inhalte in einem freundlichen, journalistisch wirkenden Format. Beobachter sähen darin den Ausbau einer medialen Parallelwelt. Anders als in weiteren FPÖ-Medien trete die Parteipropaganda hier jedoch weniger schrill auf, sie werde stattdessen mit Popmusik und Unterhaltung verbunden.

7. Überall “Entlastung”: Wenn ein Regierungswort zur Nachricht wird
(radioeins.de, Lorenz Meyer, Audio: 3:47 Minuten)
Zusätzlicher Link, da in eigener Sache: Bei radioeins beschäftigt sich der “6-vor-9”-Kurator mit dem Wort “Entlastung”, einer Regierungsvokabel, die oft von Medien übernommen werde: “‘Entlasten’ spart den Konjunktiv, es spart die Einschränkung, das Möglicherweise. Es klingt nach einer fertigen Nachricht. Und genau das macht es so verführerisch.”

Kriminalstatistik in Medien, Lokales Zeitungssterben, “Heimatstrom”

1. Lokalmedien: Vorsicht, Lückenfüller!
(netzwerkrecherche.org)
Das Netzwerk Recherche warnt in seinem neuen Report (PDF) davor, dass das Zeitungssterben im ländlichen Raum gefährliche publizistische Lücken hinterlasse. Am Beispiel einer thüringischen Region zeige sich, dass diese Leerstellen zunehmend von kommunaler PR, polemischen Gratisblättern und AfD-nahen Portalen gefüllt würden. Als Gegenmittel fordern die Studienautoren eine stärkere Förderung der Medienkompetenz sowie den Aufbau regionaler Rechercheverbünde und verlässlicher digitaler Lokalformate.

2. Kriminalstatistik: Wie Medien Zahlen falsch einordnen
(ardsounds.de, Linus Lüring & Andreas Strobel, Audio: 28:12 Minuten)
Im Podcast “BR24 Medien” geht es um die Polizeiliche Kriminalstatistik und die Einordnung der Zahlen durch Medien: “Was zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik tatsächlich – und was eben nicht? Warum spielt das ‘Lüchow-Dannenberg-Syndrom’ eine wichtige Rolle? Was ist problematisch, wenn es um die Zahlen nichtdeutscher Tatverdächtiger geht? Und generell: Wie können wir besser über Kriminalität berichten?”

3. Nach Streik: DJV und ver.di erzielen Tarifeinigung mit der dpa
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Das Medienmagazin “DWDL” berichtet, dass sich die Gewerkschaften DJV und Verdi nach einem Warnstreik mit der Nachrichtenagentur dpa auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt hätten. Demnach sollen die Gehälter der Beschäftigten im laufenden Jahr in zwei Stufen um insgesamt 200 Euro monatlich und ab Mitte 2027 um weitere 2,5 Prozent steigen, wovon Volontärinnen und Volontäre sowie Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger besonders stark profitieren würden.

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4. Australien ermittelt gegen Tech-Konzerne wegen Verstößen gegen Social-Media-Verbot
(spiegel.de)
Australische Behörden würden aktuell gegen fünf große Tech-Konzerne (darunter Meta, TikTok und YouTube) ermitteln, weil diese das seit Dezember geltende Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren nicht konsequent genug umsetzen würden. “Am Anfang haben die meisten Plattformen die nötigen Schritte eingeleitet. Aber unsere jüngsten Beobachtungen zeigen, dass manche Firmen nicht genug tun, um dem australischen Recht zu folgen”, so eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde.

5. Onlinekultur und digitales Pathos
(taz.de, Hilka Dirks)
Hilka Dirks befasst sich mit der Buchvorstellung des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich, der in seinem neuen Werk “Memokratie” die demokratiegefährdende Macht von Memes und autoritärer Bildpolitik untersuche. Ullrich argumentiere, dass die Ära des dokumentarischen Bildes als verlässlicher Tatsachenbeleg endgültig vorbei ist und sogenannte “Meme-Warriors” weitreichenden politischen Einfluss ausüben.

6. Die 15 witzigsten “Heimatstrom”-Memes – und wie sie Rechte entlarven
(volksverpetzer.de, Thomas Laschyk)
Beim “Volksverpetzer” schaut Thomas Laschyk auf einen aktuellen Social-Media-Trend, bei dem KI-generierte Bilder im Stil historischer NS-Propaganda ironisch für erneuerbare Energien werben. Diese satirischen “Heimatstrom”-Memes würden darauf abzielen, die Energiepolitik rechter Parteien als widersprüchlich und unpatriotisch zu entlarven. Laschyks Fazit: “Am Ende bleibt die Frage, ob diese Satire der ‘Heimatstrom’-Memes wirklich Meinungen ändert. Oder gar ein Umdenken erreichen könnte bei denjenigen, die sonst gerne auf rechte und fossile Propaganda hereinfallen. Aber vielleicht schärft sie das Bewusstsein bei denen, die noch zweifeln.”

Medien kuppeln Osten ab, Hörer-Beteiligung, Kriminalstatistik

1. Medien kuppeln Ostdeutschland vom Fernverkehr ab
(uebermedien.de, Sebastian Wilken)
Beim “Spiegel” erschien Mitte der Woche ein Bericht (nur mit Abo lesbar), laut dem die Deutsche Bahn zahlreiche Fernverkehrsverbindungen abschaffen werde, was angeblich vor allem ostdeutsche Städte betreffe. Dabei kam es zu mehreren Fehlern und Falschdarstellungen, wie die Redaktion in einer Anmerkung einräumen muss. Sebastian Wilken hat die Berichterstattung dazu analysiert und rekonstruiert. Medien sollten der Bahn kritisch auf die Finger schauen, so Wilkens, “wenn sie aber einen Vorwurf wie ‘Deutsche Bahn hängt Osten weiter ab’ in ihren Überschriften und Texten formulieren, sollte das zumindest von Fakten gedeckt sein.”

2. Stimmungsmache mit Kriminalstatistik?
(ndr.de, Lea Eichhorn, Video: 24:35 Minuten)
Jedes Jahr stellt das Bundeskriminalamt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vor, und jedes Jahr nutzen Politik und Medien die Daten für allerlei Fehlschlüsse und Fehlinterpretationen. So würden, obwohl die begrenzte Aussagekraft der PKS längst erwiesen sei, mit ihr immer wieder ausländerfeindliche Vorurteile geschürt. “Zapp”-Reporterin Lea Eichhorn ist der Sache nachgegangen.

3. Sinn und Unsinn von Sendungen mit Hörerbeteiligung
(deutschlandfunk.de, Sören Brinkmann, Audio: 40:51 Minuten)
Im Deutschlandfunk (DLF) kommen regelmäßig Hörerinnen und Hörer zu Wort. Für den Publizisten Matthias Warkus jedes Mal Anlass, fluchtartig das Weite zu suchen: “Wenn im Deutschlandfunk zwischen zehn und elf Uhr vormittags der erste Hörer durchgestellt wird, schalte ich quasi reflexhaft den Sender um.” Warkus beklagt, dass eine echte Diskussion mit den Anrufenden meist nicht zustande komme. Darüber diskutieren mit ihm die Moderatorin Carmen Thomas und Moritz Küpper vom DLF.

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4. “Ein bisschen überwältigt”: Katrin Vernau ist die neue WDR-Intendantin
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber berichtet über die Intendantenwahl beim WDR, bei der sich gestern die kommissarische Intendantin des RBB, Katrin Vernau, letztlich durchsetzen konnte: “Wie knapp das Rennen war, bewies die Auszählung der 55 abgegebenen Stimmen – alle Mitglieder des Rundfunkrates waren anwesend – im ersten Wahlgang. Während sich Katrin Vernau (17 Stimmen) und Helge Fuhst (16 Stimmen) für die zweite Runde qualifizierten, schieden WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn (15 Stimmen) denkbar knapp und der Leiter des ZDF-Studios in Washington, Elmar Theveßen (sieben Stimmen), relativ deutlich aus.”

5. Realitätsnaher Krisenjournalismus und Emotionen: ein Gespräch mit Johana Kotishova
(de.ejo-online.eu, Oleksandra Yaroshenko)
Im Gespräch mit der Kommunikationswissenschaftlerin Johana Kotišová geht es um die herausfordernde Arbeit von Krisenreportern in Konfliktgebieten wie der Ukraine. Kotišová spricht über den Umgang mit physischen und psychischen Belastungen und betont die Notwendigkeit von emotionaler Kompetenz, Sicherheitstrainings und Unterstützung für Journalistinnen und Journalisten, die mit Traumata konfrontiert sind.

6. TV, Podcast, Instagram: Neue Moderationen braucht das Land
(dwdl.de, Thomas Lückerath & Alexander Krei)
Gestern Abend wurde wieder der Stuttgarter Moderationspreis verliehen. Thomas Lückerath und Alexander Krei sind bei “DWDL” voll des Lobes: “Der zweite Stuttgarter Fernsehpreis hat mit seinen Preisentscheidungen im zweiten Jahr ein sehr breites Spektrum journalistischer Moderationen abgebildet – und dabei den Blick auf manche Plattformen, Formate und Themen geworfen, die bei anderen Preisverleihungen manchmal aus Formgründen gar nicht im Rennen wären. Damit holt die noch junge Auszeichnung, wenn gleich von einer Hochschule ausgelobt, die Bewertung von Moderationsleistungen raus aus der Gefahrenzone einer elitären Debatte um Ausbildungen und Qualifikationen.”

Polizeiliche Kriminalstatistik, Tiktokstagram, Militär soll schützen

1. Über den medialen Umgang mit Zahlen und Begriffen
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio: 5:22 Minuten)
Wie kommt es, dass viele Medien bereits am Tag vor der offiziellen Bekanntgabe Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PDF) veröffentlichen können? Und wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang von Redaktionen mit den Daten aus? Welche Einordnung ist für ein vollständiges Bild nötig? Darüber hat Sebastian Wellendorf mit seiner Deutschlandfunk-Kollegin Katharina Hamberger gesprochen.
Weitere Lesetipps: “Müssen bei sozialen Ursachen ansetzen” (tagesschau.de). Und bei netzpolitik.org kommentiert Markus Reuter: “Deutschland ist eines der sichersten Länder der Erde. Daran ändert auch die neue Kriminalstatistik nichts.”

2. Militär muss Journalisten schützen
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) fordert die israelischen Streitkräfte auf, Journalistinnen und Journalisten im Gaza-Streifen zu schützen, insbesondere während militärischer Offensiven. Schon jetzt sei der Gaza-Krieg für Berichterstattende einer der gefährlichsten Konflikte der vergangenen Jahrzehnte. Der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster appelliert: “Wir erwarten vom israelischen Militär, dass es kein Blutbad unter den Korrespondenten gibt.”

3. TikTok arbeitet an eigenständiger Foto-App
(spiegel.de)
TikTok plane die Einführung einer eigenen Foto-App namens “TikTok Notes”, die in direkter Konkurrenz zu Instagram stehen und den Nutzern das Teilen von Fotos und Texten ermöglichen soll. Darüber hinaus arbeite das Unternehmen an einer Belohnungs-App namens “TikTok Lite”, die Nutzer für das Ansehen von Videos und das Einladen von Freunden belohnen soll. Ziel sei es, die Nutzerzahlen insbesondere in der EU zu steigern.

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4. Nur Krisen, Kriege, Katastrophen?
(journalist.de, Sara Maria Manzo)
Um der Nachrichtenmüdigkeit entgegenzuwirken, entwickele das “Innovationslabor” von ARD-aktuell neue Strategien und Formate, die speziell auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten seien – unter anderem mit einem stärkeren Fokus auf Hintergründe, Erklärungen und positiver Berichterstattung. In “Mein Blick auf den Journalismus” erklärt Sara Maria Manzo, Co-Leiterin des “Innovationslabors”, wie die Redaktion dabei vorgeht.

5. Freunde und Helfer
(kontextwochenzeitung.de)
Als “Kontext”-Chefin Anna Hunger erfuhr, dass sie bei einer Talk-Runde der Medientage Mitteldeutschland auf den ehemaligen “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt, heute Kopf des Hetz- und Krawall-Kanals “Nius”, treffen soll, hat sie abgesagt. Im “Kontext”-Editorial heißt es dazu: Hunger “möchte nicht Sparringspartnerin für einen Typen sein, der in seiner Zeit bei ‘Bild’ so viele junge Frauen gedemütigt hat, was mittlerweile unter dem nichtssagenden Begriff ‘Machtmissbrauch’ firmiert. Und in keiner Form dazu beitragen, ‘Nius’ als irgendwie diskussionswürdiges Medium erscheinen zu lassen.”

6. ESC-Revolution: Was Raab & Rosemann wirklich planen
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Wie Thomas Lückerath bei “DWDL” berichtet, hat Stefan Raabs Firma mehreren TV-Sendern ein “Rettungskonzept” für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest vorgestellt: “Das Rettungskonzept der Raab Entertainment ist bisher ein unabhängiger Vorstoß zweier erfahrener und in der Branche sehr geschätzter TV-Macher, aber keine beauftragte Entwicklung. Raab und Rosemann sondieren den Markt.”

Seid wachsam, Gangsta-Rap-Safari, Fragwürdige Polizeistatistik

1. Seid wachsam, Bürgerrechtler – BMJV verwirrt durch zwei separate Entwürfe zum NetzDG
(cr-online.de, Niko Härting)
Der Jurist und Hochschullehrer Niko Härting macht sich Sorgen wegen der jüngsten Änderungsvorhaben beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG): “Die Verschärfungen des NetzDG, die die beiden Gesetzesentwürfe vorsehen, bedürfen einer breiten gesellschaftspolitischen Diskussion. Das BMJV wird hoffentlich zu einer transparenten Linie zurückkehren und gar nicht den Versuch unternehmen, die Entwürfe eilig durch Bundestag und Bundesrat zu hasten. Seid wachsam, Bürgerrechtler!”

2. Wenn anonyme Kollektive Recherchearbeit übernehmen
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell)
Wenn wir etwas über die gewaltbereite extreme Rechte erfahren, liege das meist an der aufopferungsvollen Arbeit von anonym und verdeckt arbeitenden Recherchekollektiven. Deren Einsatz könne durchaus mehr Wertschätzung erfahren, findet Matthias Dell im Deutschlandfunk: “Wenn der Innenminister nun entschlossener gegen rechtsextreme Gruppierungen vorgehen will, dann wäre das für Medien und Gesellschaft vielleicht ein Anlass, die häufig kaum oder schlecht bezahlte Arbeit von Fachleuten zu würdigen, die für das Verständnis des deutschen Rechtsextremismus wichtig sind.”

3. Mit dem “Spiegel” auf Gangsta-Rap-Safari
(uebermedien.de, Antonia Baum)
Bei “Übermedien” wundert sich die Schriftstellerin und Journalistin Antonia Baum über die jüngste “Spiegel”-Titelstory: “An der aktuellen Titelgeschichte des ‘Spiegel’ ist einiges erstaunlich, und dabei sind die brutalen Rap-Plattitüden, der betuliche Tonfall und die Frage, wie man zu dreizehnt einen Text verfasst, noch die geringste Auffälligkeiten. Vielmehr scheint all das nur Ausdruck eines tieferliegenden Problems zu sein, nämlich einer totalen Kopflosigkeit, welche die Abwesenheit einer für diesen Text eigentlich entscheidenden Grundvoraussetzung anzeigt: nämlich die Bereitschaft, sich mit dem Gegenstand zu befassen, über den man schreibt.”

4. Chinesische Einflussnahme
(sueddeutsche.de, Kai Strittmatter)
Dänemark erlebt gerade eine neue Karikaturenkrise. Eine relativ harmlose Illustration zur Coronavirus-Thematik habe den Unmut der chinesischen Botschaft in Kopenhagen erregt. Die Zeichnung sei eine “Beleidigung für China” gewesen, sie verletze “die Gefühle des chinesischen Volkes”. In der öffentlichen Stellungnahme sei im chinesischen Propagandasound weiterhin verlangt worden, dass die Zeitung “Jyllands-Posten” und der Zeichner Niels Bo Bojesen “ihren Fehler bereuen und sich öffentlich beim chinesischen Volke entschuldigen”. China-Kenner und Buchautor Kai Strittmatter ordnet den Fall ein.

5. Hilfe bei Rachepornos: Was tun, wenn meine Nacktfotos im Internet sind?
(vice.com, Yannah Alfering & Sebastian Meineck)
Bei “Vice” erklären Yannah Alfering und Sebastian Meineck in leicht verständlichen Worten, was zu tun ist, wenn ein rachsüchtiger Ex-Partner beziehungsweise eine rachsüchtige Ex-Partnerin Nacktfotos oder intime Videoaufnahmen ins Internet gestellt hat.

6. Zahlen, die knallen
(taz.de, Erik Peter)
In Berlin sollen 2019 angeblich 7.000 Polizistinnen und Polizisten Opfer von Gewalt geworden sein, so jedenfalls habe es die Polizeipräsidentin in einem von der dpa aufgegriffenen Interview behauptet. Nach Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik ergebe sich jedoch ein anderes Bild: Es seien deutlich weniger. Außerdem werde die Statistik durch Bagatelldelikte wie dem sonst nicht strafbaren Schubsen künstlich aufgebläht: “In der Praxis reicht neben dem Schubsen auch sich loszureißen, sich gegen eine Tür zu stemmen oder eine ruckartige Bewegung, damit Polizisten von Widerstand oder tätlichem Angriff sprechen können.”

Aus Kreisen, Gesichtserkennungs-Unstatistik, Publizistisches Einerlei

1. “Aus Kreisen…” — das Spiel mit den Informationen
(deutschlandfunk.de, Henning Hübert, Audio, 6:47 Minuten)
Wie ist es zu erklären, dass manche Journalisten bereits kurz nach Bekanntgabe von Angela Merkels Rückzug als Parteivorsitzende mit Hintergrundinformationen an die Öffentlichkeit gehen konnten? Stephan Detjen, Chef des Hauptstadtstudios des “Deutschlandfunks”, erzählt von den ungeschriebenen Spielregeln des Berliner Medienbetriebs. Und erklärt, wie es einem der Kandidaten für das Amt des CDU-Vorsitzenden, Friedrich Merz, gelingen konnte, auch ohne politische Ämter all die Jahre über im Gespräch zu bleiben.

2. Unstatistik des Monats: “Erfolgreiche” Gesichtserkennung mit Hunderttausenden Fehlalarmen
(rwi-essen.de)
Das Innenministerium hat sich mit einer Pressemitteilung über das angeblich erfolgreiche Projekt zur automatischen Gesichtserkennung die fragwürdige Auszeichnung “Unstatistik des Monats Oktober” erworben. Die Statistik-Experten vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben nachgerechnet und kommen auf monatlich mehr als 350.000 unnötige Personenkontrollen durch Fehlalarme: “Dass das Gesichtserkennungssystem 99,3% der Verdächtigten zu Unrecht verdächtigt, ist mit der Regel von Bayes (ein Satz aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung) berechnet, die in Bayern inzwischen jeder Schüler der 11. Klasse lernt. Im Bericht und der Pressemitteilung ist sie nicht zu finden.”

3. Immer häufiger wird zugeschlagen
(taz.de, David Bauer)
Wenn Donald Trump Stimmung gegen Medien machte, bekamen dies bislang meist die Journalistinnen und Journalisten großer Medienhäuser wie CNN oder “New York Times” zu spüren. Das Dauergehetze gegen die Redaktionen kommt mittlerweile jedoch auch beim Lokaljournalismus an. David Bauer schreibt vom alltäglichen Hass, der amerikanischen Pressevertretern aus Teilen der Bevölkerung entgegenschlägt. Und der sich nicht nur in Verbalattacken oder Drohungen, sondern auch in tätlichen Angriffen ausdrückt.

4. “Jeder Journalist sollte mal ins Gefängnis”
(mediummagazin.de, Jens Twiehaus)
Der Leiter der “Zeitenspiegel”-Reportageschule, Philipp Maußhardt, musste im Oktober für drei Tage ins Gefängnis, und das hat einen ungewöhnlichen Grund: Maußhardt hatte einen Ebay-Verkäufer wegen Nicht-Lieferung verklagt, war aber nicht zum von ihm selbst initiierten Gerichtstermin erschienen, was ein Ordnungsgeld nach sich zog. Weil er sich weigerte, dies zu bezahlen, wanderte Maußhardt für drei Tage in den Knast. Eine Erfahrung, die jeder mal gemacht haben sollte, wie er im Interview erklärt.

5. Publizistische Vielfalt ist bedroht
(de.ejo-online.eu, Linards Udris & Mark Eisenegger & Daniel Vogler)
Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz betreiben Medienhäuser zunehmend redaktionelle Verbundsysteme. Was auf der einen Seite Kosten spart, beschneidet auf der anderen Seite die journalistische und publizistische Vielfalt. Und das ist nachweisbar: Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich hat für sein Jahrbuch einen automatisierten Textvergleich angestellt. Das Ergebnis: In den Schweizer Medien werden immer öfter dieselben Inhalte verbreitet.
Weiterer Lesetipp: Das komplette Jahrbuch sowie verschiedene in Kurzform aufbereitete Analysen können auf der eigens dafür eingerichteten Website kostenlos heruntergeladen werden.

6. Return of the Gruselpresse: 13 Horrorfilme mit Journalisten
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Pünktlich zu Halloween stellt Patrick Torma 13 neue Horrorfilme mit Journalistinnen und Journalisten vor, die Slashern, Dämonen und allerlei mythologischem Getier auf die gruselige Pelle rücken.

Twitters Troll-Archiv, Unstatistik, Raabs Temporär-Comeback

1. So arbeiten russische Internet-Trolle
(spiegel.de, Angela Gruber & Marcel Pauly & Patrick Stotz)
Twitter hat ein riesiges Troll-Archiv veröffentlicht mit mehr als zehn Millionen Tweets von 5.000 Fake-Accounts. Forscher und andere Datenspezialisten sollen sich anhand des Datensatzes ein besseres Bild davon machen können, wie die Trolle arbeiten. Die Digital-Forensiker eines amerikanischen Thinktanks hatten bereits Zugriff auf die Daten, und auch “Spiegel Online” hat sich den Datensatz angeschaut.

2. Social Media: Erinnerung an Nachrichtenquelle verblasst
(de.ejo-online.eu, Antonis Kalogeropoulos)
In einer Repräsentativbefragung zur Nachrichtennutzung kam Interessantes zutage: Die Mehrheit der befragten Online-Nachrichtennutzer aus 37 Ländern bezieht ihre Nachrichten lieber über Suchmaschinen und soziale Medien als direkt von den Medien. Nachrichten, die über Newsfeeds von Facebook oder Twitter verbreitet werden, sehen jedoch weitgehend gleich aus, was die Folge habe, dass sich die meisten Nutzer nur selten an die Original-Nachrichtenquelle erinnern.

3. Unstatistik: Wie eine «erdrückende Mehrheit» entsteht
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Die Schweizer “Tagesschau” (SRF) berichtete, dass laut einer Studie 85 Prozent aller europäischen Parlamentarierinnen sexistische Belästigungen erlebt hätten. Die “Tagesschau” habe es laut Urs P. Gasche jedoch unterlassen, darüber zu informieren, dass nur ein Drittel aller befragten Parlamentarierinnen geantwortet haben. Die Autorinnen der Studie hätten sogar ausdrücklich betont, dass die Resultate statistisch nicht repräsentativ seien.

4. Die Pilgerreisen der Instagram-Jünger
(heise.de, Laura Krzikalla & dpa)
Die Influencer und Möchtegern-Influencer der Plattform Instagram haben eine neue Tourismus-Form hervorgebracht: Selbst die entlegensten Ecken der Welt werden nun zu überlaufenen Knips- und Selfie-Destinationen. Mit teilweise fatalen Folgen für Anwohner und Umwelt — wie kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen.

5. “Der Medienkrieg ist in vollem Gange”
(deutschlandfunk.de, Bettina Köster, Audio, 7:28 Minuten)
Der Fall des mutmaßlich getöteten Journalisten Jamal Khashoggi sorgt nicht nur im Westen, sondern auch in der arabischen Welt für Aufruhr. Kritische Stimmen sind aus Syrien zu hören, aber auch aus Katar, dem Erzfeind Saudi-Arabiens. Der “Deutschlandfunk” hat darüber mit Daniel Gerlach gesprochen, dem Chefredakteur des Magazins “Zenith”, das sich mit der arabisch-islamischen Welt beschäftigt. Sein Befund: “Der Medienkrieg ist in vollem Gange”.

6. Er ist wieder da: So lief das große Raab-Comeback
(haz.de, Imre Grimm)
Nach mehr als 1000 Tagen Sendepause hat sich Stefan Raab mit einer Liveshow in Köln vor 14.000 Zuschauern zurückgemeldet. Imre Grimm war dabei und berichtet über den Abend, der jedoch nicht von Raabs altem Haussender ProSieben übertragen wurde.

Sachsens Presse-Unfreiheit, Mord ist kein Beziehungs-Drama, Unstatistik

1. Angriff auf die Pressefreiheit
(zdf.de, A. Ginzel & M. Haselriederr & C. Herrmann & U. Stoll, Video, 7 Minuten)
Ob aus Kalkül oder schlichter Unkenntnis der Rechtslage: Immer wieder zeigen AfD- und Pegida-Demonstranten Journalisten an. Die Journalisten hätten durch ihre Filmaufnahmen angeblich die Persönlichkeitsrechte der Protestierer verletzt. Was ausgemachter Unsinn ist, und was eigentlich auch die Polizei wissen müsste, die sich allzu oft von rechts instrumentalisieren lässt. “Frontal 21” zeigt im neuesten Beitrag die Strategien der Rechten und das fragwürdige Verhalten der Polizei.
Weiterer Lesehinweis: “Der Deutsche Journalisten-Verband rät allen Journalistinnen und Journalisten, die über die Demonstrationen in sächsischen Städten berichten, zu besonderer Vorsicht.” (Pressemitteilung des DJV vom 28. August 2018)
Bepöbelt und bedroht wurden aktuell auch “Spiegel”-Reporter, die bei der Demonstration in Chemnitz im Einsatz waren. Zu sehen in einem eindrücklichen Video. (spiegel.de, Video, 4 Minuten)
Und außerdem: Als Flüchtling in Chemnitz: “Manche zeigen mir den Mittelfinger, während der Bus wegfährt” (krautreporter.de, Josa Mania-Schlegel)

2. Unstatistik: Chinas CO2-Ausstoss grösser als der Nordamerikas
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Manche Vergleiche sind schlicht unfair. Aktuelles Beispiel: Die Ranglisten der größten Luftverschmutzer bei “NZZ” und “NZZ am Sonntag”. Dort wird China angeprangert, aber nicht die Relation zur Bevölkerung hergestellt. Dann sieht die Sache schon ganz anders aus: In einer derartigen Vergleichsliste rangiert das Land nämlich hinter Nationen wie den USA, Deutschland oder Norwegen.

3. Massiver Gegenwind stoppt rechtslastigen “Deutschland Kurier”
(wuv.de)
Der politisch rechtslastige und der AfD-nahe stehende “Deutschland Kurier” setzt auf den Huckepack-Vertrieb über Anzeigenblätter. Die sehen sich jedoch immer mehr missbraucht und wollen sich das nicht gefallen lassen wie jüngst in Aschaffenburg: “Ja, wir werden in Zukunft etwas unternehmen, dass so etwas nicht wieder passieren wird, das kann ich Euch garantieren. Auch wir waren, als wir am Sonntag diesen “Prospekt” in unserer Zeitung sahen, mehr als entsetzt. Es entspricht in keiner Weise der Philosophie unseres Hauses, solches unsägliches Gedankengut zu verbreiten.”

4. Erste Lehren aus drei Monaten SPIEGEL+
(medium.com/@devspiegel)
Es ist recht ungewöhnlich, wenn ein großes und etabliertes Nachrichtenmedium Einblick in seine Strategien gewährt und Zahlen offenlegt. Der “Spiegel” macht dies in unregelmäßigen Abständen, aktuell mit der Bilanz von drei Monaten “Spiegel+”. Wie viele Abonnenten konnte man gewinnen? Welche (Wechsel)Angebote hat man den Lesern und Leserinnen gemacht? Über welche Werbeplattformen lassen sich die meisten Probe-Abos generieren? Die gewonnenen Einsichten sind hochinteressant, nicht nur für Mitbewerber.

5. Mord ist kein “Beziehungs-Drama“
(kattascha.de, Katharina Nocun)
Wenn Männer Frauen ermorden sprechen die Medien all zu oft von “Beziehungsdrama”, “Familientragödie” oder “Eifersuchtsdrama”. Katharina Nocun kritisiert diese Formulierungen: “Mag sein, dass das nur “Kleinigkeiten” sind. Aber in der Summe ist es eine große Sache. Es geht darum, wie wir mit Mord und Totschlag gegen Frauen im Kontext von Familien und Beziehungen umgehen. Worte wie “Beziehungsdrama” oder “Familiendrama” sind einfach fehl am Platz, wenn ein Mensch umgebracht worden ist. Punkt.”

6. Keine Angst vor E-Sport
(innovation.dpa.com, Sebastian Zilles)
Bislang wurde das Thema E-Sport bei der Nachrichtenagentur dpa nur äußerst nebensächlich behandelt, doch die Agentur tastet sich mit zunächst kleinen und dann großen Schritten voran. Sebastian Zilles berichtet über die Annäherung an das immer wichtiger werdende Thema und träumt schon mal von den nächsten Ausbaustufen.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst durcheinandergebracht hast

So sieht ein heilloses Durcheinander aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Jeden Tag 1558 Straftaten - Die Hauptstadt ist auch die Hauptstadt des Verbrechens! Jeden Tag werden im Schnitt 1558 Straftaten angezeigt. Auf die Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in jedem anderen Bundesland. Es werden die meisten Raube (5146) begangen, es wurden 44722 Taschendiebstähle angezeigt und die meisten Autos (7349) geklaut. Letztes Jahr ermittelte die Polizei in 61 Fällen gegen Täter aus dem Bereich Organisierte Kriminalität. In allen Verbrechensfeldern wurden laut Polizeistatistik Berlin 148042 Tatverdächtige ermittelt. Aber: Nicht einmal jede zweite Tat wurde aufgeklärt, die Quote lag bei 42 Prozent. Quelle: BKA-PKS 2016, Straftaten pro 100000 Menschen

In diesen 27 Zeilen plus Überschrift stecken gleich mehrere Fehler.

Erstmal grundsätzlich, um das Wirrwarr etwas zu ordnen: Die Zahl 1558 (die auch nicht ganz richtig ist — dazu gleich mehr) bezieht sich auf die durchschnittlich täglich angezeigten Straftaten im Jahr 2016. Die Zahlen zu den Rauben (5146), Taschendiebstählen (44.722) und Kfz-Diebstählen (7349) beziehen sich hingegen auf das komplette Jahr 2016. Völlig falsch sind die Sternchen an den jeweiligen Zahlen, die darauf hinweisen sollen, dass es sich um “Straftaten pro 100.000 Menschen” handelt. Das stimmt nicht — es sind die in Berlin insgesamt angezeigten Straftaten pro Tag beziehungsweise Raube, Taschen- und Kfz-Diebstähle pro Jahr.

Gehen wir der Reihe nach durch. Die Überschrift:

Jeden Tag 1558 Straftaten

Wenn die “Bild”-Redaktion den Anspruch hätte, exakt zu berichten, müsste sie schreiben: “Jeden Tag 1554 Straftaten”. In Ordnung wäre auch noch “Jeden Tag 1559 Straftaten”. “Jeden Tag 1558 Straftaten” ist rechnerisch jedenfalls falsch. Die “Polizeiliche Kriminalstatistik 2016” des Bundeskriminalamts, auf die sich “Bild” bezieht, gibt für Berlin 568.860 “erfasste Fälle” an (PDF, Seite 25). 2016 war ein Schaltjahr mit 366 Tagen. Demnach gab es durchschnittlich gerundet 1554 angezeigte Straftaten pro Tag. Lässt man die Sache mit dem Schaltjahr weg und rechnet mit 365 Tagen, kommt man — wenn man richtig rundet — auf 1559 täglich angezeigte Straftaten.

Die Hauptstadt ist auch die Hauptstadt des Verbrechens

… und …

Auf die Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in jedem anderen Bundesland.

Beides stimmt — wenn man es wie “Bild” “auf die Bevölkerung” rechnet. In Berlin gab es 2016 pro 100.000 Einwohner 16.161 angezeigte Straftaten (PDF, Seite 25). In Bremen waren es mit 13.687 am zweitmeisten, Hamburg lag mit 13.384 auf Platz 3. Absolut lag Nordrhein-Westfalen ganz vorne: Im bevölkerungsreichsten Bundesland gab es 2016 1.469.426 angezeigte Straftaten. Nimmt man nicht die Bundesländer, sondern die Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern, hat Berlin immer noch die höchste Quote, allerdings ist der Vorsprung deutlich geringer als bei den Bundesländern: In Leipzig waren es 15.811 angezeigte Straftaten pro 100.000 Einwohner, in Hannover 15.764 und in Frankfurt am Main 15.671 (PDF, Seite 27).

Es werden die meisten Raube (5146) begangen

Das ist doppelt falsch. Tatsächlich waren es laut “Polizeilicher Kriminalstatistik 2016” für Raubdelikte (PDF, Seite 28) 5156 Raube. Die Statistik zeigt auch, dass Berlin weder bei den absoluten Zahlen noch bei der 100.000-Einwohner-Quote auf Platz 1 liegt: In Nordrhein-Westfalen gab es 2016 12.647 angezeigte Raube. In Bremen gab es pro 100.000 Einwohner 172,9 Raub-Anzeigen — und damit mehr als in Berlin (146,5).

es wurden 44 722 Taschendiebstähle angezeigt

Das ist richtig (PDF, Seite 84).

und die meisten Autos (7349) geklaut.

Das ist wiederum falsch. Die Zahl stimmt zwar, es waren aber nicht “die meisten Autos”. In Nordrhein-Westfalen (7518) wurden 2016 mehr Kfz-Diebstähle angezeigt als in Berlin (PDF, Seite 76).

Der Rest müsste stimmen, wobei es in anderen Bundesländern 2016 mehr Ermittlungen “gegen Täter aus dem Bereich Organisierte Kriminalität” gab (Nordrhein-Westfalen: 107, Bayern: 76, Niedersachsen: 66) als in Berlin (PDF, Seite 7) und es in anderen Bundesländern 2016 mehr Tatverdächtige gab (Nordrhein-Westfalen: 494.885, Bayern: 446.433, Baden-Württemberg: 251.141, Niedersachsen: 222.092, Hessen: 178.260) als in Berlin (PDF, Seite 48).

Kriminalstatistik, Missbrauchs-Pornosierung, Wahlplakate

1. Sinn und Unsinn der Polizeilichen Kriminalstatistik
(katapult-magazin.de, Marc Birkhölzer)
Immer wieder behauptet die AfD, Deutschland habe ein Gewalt- und Sicherheitsproblem und zieht als angeblichen Beweis die Polizeiliche Kriminalstatistik heran. Das sei falsch, berichtet Marc Birkhölzer und legt die entsprechenden Zahlen vor. Im langjährigen Vergleich sei die Gewaltkriminalität in fast allen Bereichen nahezu gleich geblieben, teilweise sei sie sogar rückläufig. Es gebe also keine Rechtfertigung für Panik.

2. Ein Werbespot nur für dich
(taz.de, Johanna Feckl)
Wer über Internet fernsieht, gibt zahlreiche Daten weiter und ermöglicht damit personalisierte Werbespots. Medienexperten in Deutschland seien sich jedenfalls überwiegend einig, dass diese Werbeform bald kommen wird. Doch ist es nach deutschem Recht überhaupt erlaubt, Werbespots per­sonalisiert auszustrahlen? Die Autorin erläutert die derzeitige Lage, in der sowohl der Rundfunkstaatsvertrag als auch das Telemediengesetz eine Rolle spielen. Und dann gibt es da auch noch die Sache mit dem Datenschutz.

3. “Versaute Klassenfahrt” und “Sex-Lehrerin”: Wie Medien über Missbrauch durch Frauen reden
(vice.com, Hanna Herbst & Nora Kolhoff)
Fälle von sexuellem Missbrauch durch Frauen werden von den Medien oft dazu genutzt, schlüpfrig-frivole Artikel zu schreiben. Hanna Herbst und Nora Kolhoff schreiben dazu: “Missbrauch durch Frauen wird in den Medien oft nicht als solcher wahrgenommen. Immer wieder schreiben Zeitungen in diesen Fällen von “Verführung”, “Liebe”, “Beziehung”, “Amour Fou” oder “Techtelmechtel”. Der Sex von Frauen mit Minderjährigen wird oft als einvernehmlich dargestellt. Der Missbrauch wird als “Sex”, spezielle “Kurvendiskussionen” oder sogar “Nachhilfe-Stunden der ganz besonderen Art” bezeichnet, die Täterin ist eine “Sex-Lehrerin”.” Doch nicht nur die Medien sollen nach Ansicht der Autorinnen ihr Verhalten ändern. Konsumenten sollten aufhören derlei Artikel anzuklicken, “als ob es Pornos wären”.

4. Tagesschau übernimmt blindlings die Swiss-Zahlen
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Die Schweizer Tagesschau berichtete geradezu euphorisch über die um dreißig Prozent gestiegene Gewinnrate der “Swiss”, einer Lufthansa-Tochter. Urs P. Gasche kritisiert die kritiklose Übernahme des Jubelergebnisses: “Doch wie schon in vergangenen Jahren ging die Tagesschau der Frage nicht nach, ob die regelmäßig hohen Gewinne der Swiss nicht etwa zur Hauptsache der Steuervermeidung des Lufthansa-Konzerns zuzuschreiben sind: Keine einzige kritische Frage dazu an die Adresse der Swiss und schon gar keine Recherche über die Gründe der enorm unterschiedlichen Betriebsergebnisse.”

5. Melodien für Millionen
(sueddeutsche.de, Franz Kotteder)
Als der Radiosender “Bayern 1” vor eineinhalb Jahren ankündigte, die Volksmusik aus dem Programm zu schmeißen, war die Empörung beim Publikum riesig. Wochen-, ja monatelang hätte es wütende Proteste gegeben, aus der Hörerschaft, von Vereinen und Verbänden. Doch allen Protesten zum Trotz trat Pfingsten 2016 die Programmreform in Kraft, mit dem Schwerpunkt auf Popmusik aus den Achtzigerjahren und redaktionellen Beiträgen aus ganz Bayern. Die “konsumentenorientierte Konsequenz” gibt dem Sender Recht: Dank des rabiat reformierten Programms ist man Marktführer geworden.

6. Die Plakate zur Bundestagswahl 2017
(designtagebuch.de, Achim Schaffrinna)
Das Fachblog “Design Tagebuch” beschäftigt sich unter anderem mit Kommunikationsdesign, Corporate Design und digitalen Medien. Anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl hat sich Design-Blogger Achim Schaffrinna die Plakate von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, FDP und AfD angeschaut.

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