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Werbepost mit Expressversanten

Oliver Santen ist Wirtschaftschef bei „Bild“ und kümmert sich meist sehr persönlich um die großen, tollen Unternehmen.

Vor zwei Tagen durfte Frank Appel, Vorstandschef der Deutschen Post und „Bild“-„Gewinner“ am 4. August, im Gespräch mit Santen erklären, wie wichtig China für Deutschland und die Deutsche Post ist — und weil Santen eh schon in China war, hat er auch gleich noch ein kleines UrlaubsWerbevideo gedreht.

Die Deutsche Post sei schon seit über 24 Jahren hier (also auf dem Wachstumsmarkt China), erzählt eine Off-Sprecherin über wacklige Handkamera-Bilder, dann darf Frank Appel noch mal berichten, wie wichtig China für Deutschland ist und welche wichtige Rolle die Post für den Warenverkehr zwischen China und Deutschland spielt:

Dann widmet sich Santen dem Warenverkehr in Hongkong:

Einen Expresszusteller der deutschen Post werde man heute begleiten, erzählt Santen in die Kamera und stapelt dabei ordentlich tief. Denn es ist nicht irgendein Zusteller, Nein!

ER ist der schnellste Post-Flitzer der Welt – obwohl er täglich mit Taxis, Bussen, Stau und Chaos zu kämpfen hat!

Und da ist er auch schon: Barry Lau.

Ganz so schnell, wie Santen schreibt, ist Lau offenbar aber nicht — das Video von seiner Ankunft hat man vorsichtshalber mal beschleunigt. Lau ist stolz, für den wichtigen Bezirk Zentral-Hongkong verantwortlich zu sein. Für eine deutsche Firma zu arbeiten, mache für ihn „keinen großen Unterschied“, so Lau bzw. der Übersetzer.

Lau packt die Sendungen und Santen auf seinen Roller und dann geht’s los:

Doch schon bald meldet sich Santen zu Wort: Die Expresszustellung sei heute ein bisschen langsamer als sonst, „weil: ‘ne Menge Stau“ (mit dem Lau doch angeblich jeden Tag zu kämpfen hat). Doch Santen ist sich „ziemlich sicher“, dass „Barry“ „sein Zeug“ rechtzeitig zustellen wird.

Damit es ein bisschen schneller geht, sind die folgenden Fahrszenen wieder mal beschleunigt:

Und dann sind „wir“ endlich am Ziel: Ein Päckchen wird ausgeliefert, der Empfang bestätigt „und dann ist die Arbeit getan“.

Noch schneller wäre es vermutlich gegangen, wenn Santen und Lau nicht erst durch die ganze Stadt gegurkt wären, sondern das Päckchen direkt da abgegeben hätten, wo sie es auch abgeholt haben:

Abholung:

Auslieferung:

Mit Dank an Christopher K.

Nachtrag/Hinweis, 18.50 Uhr: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Santen und Lau in einer ganz anderen Straße losfahren, als sie ankommen. Andererseits trifft der Reporter den Kurier („Und hier kommt schon Barry Lau“) scheinbar schon vor der Fahrt am Ziel.

Das Santenmännchen ist wieder da

Was bedeutet es eigentlich, wenn „RWI-Experte Manuel Frondel“ in „Bild“ sagt:

"Durch eine Verschiebung des Atomausstiegs um 20 Jahre könnten uns Kosten von 50 Milliarden Euro und mehr erspart bleiben."

Bedeutet das wirklich, dass mit einer „Milliarden-Ersparnis für Wirtschaft und Verbraucher“ zu rechnen sei, wie „Bild“ behauptet (und „Focus Online“ weiterverbreitet)?

Nicht unbedingt. Wie der „Klima-Lügendetektor“ berichtet, räume sogar „RWI-Experte“ Frondel auf Nachfrage ein, dass „die Erzeugungskosten erstmal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun“ hätten. Die errechnete Ersparnis falle vielmehr bei den Stromkonzernen an und müsse von denen natürlich nicht an die Verbraucher weitergegeben werden – was Frondel „so auch nie gesagt“ haben will, offenbar nicht mal zu „Bild“.

Die 7 „Bild“-Wahrheiten über unsere Kernkraft:

1. „Kernkraft ist sicher“

2. „Kernenergie gehört zum Energiemix der Zukunft“

3. „Kernkraft dämpft den Preisanstieg beim Strom“

4. „Der Ausstieg schadet dem Standort Deutschland“

5. „Kernkraft ist gut für den Klimaschutz“

6. „Das Problem mit dem Atomabfall ist ungelöst“

7. „Die Zustimmung zur Kernenergie wächst“

Der „Klima-Lügendetektor“ schließt aber nicht mal aus, dass Frondel in seinem „Bild“-O-Ton mit „uns“ ohnehin nicht „Wirtschaft und Verbraucher“ (also uns) gemeint hat, sondern bloß seine unsere Energiewirtschaft.

Und die dürfte sich dann nicht nur über die via „Bild“ in Aussicht gestellte „Milliarden-Ersparnis“ freuen, sondern auch über den „Bild“-Artikel drumherum mit der Überschrift: „7 Wahrheiten über Kernkraft“. Immerhin sechs der sieben „Wahrheiten“ fallen da für die Kernkraft überraschend positiv aus (siehe Kasten) – und achtens steht oben drüber als Autor: „Oliver Santen“.
 

Das Santenmännchen ist da!

Oliver Santen war früher Pressesprecher bei der Allianz-Versicherung und der Axel-Springer-AG. Und man kann sagen, dass ihn diese Jahre ganz gut vorbereitet haben auf seine jetzige Position als Ressortleiter Wirtschaft bei „Bild“. Das heutige Arrangement aus glückstrahlendem Lufthansa-Chef, Bambusgehölz, Wasser und Werbespruch auf der Seite 2 der Zeitung (siehe Ausriss) hätte kein Lufthansa-Werbechef schöner komponieren können. Und tatsächlich ist das große Foto ein Werbebild aus dem Lufthansa-Magazin, und der Satz aus der Überschrift stammt nicht von Wolfgang Mayrhuber, sondern von Oliver Santen — der Lufthansa-Mann musste im Interview nur „Ja, so ist das!“ dazu sagen.

Bei Santen geben sich die Wirtschaftsführer gerade die Klinke in die Hand, und hinter der Tür erwartet sie eine in mildes Licht getauchte PR-Plattform, in der sich kein Widerspruch, keine Recherche, keine unangenehme Nachfrage zwischen ihre Botschaft und die „Bild“-Leser stellt. Allein in diesem Herbst spielte Santen u.a. Mikrofonhalter für:

Das heutige Kuschelgespräch mit Lufthansa-Chef Mayrhuber passt ganz gut zur gleichzeitig von „Bild“ gemeinsam mit Greenpeace, dem BUND, dem WWF und anderen veranstalteten Aktion „Rettet unsere Erde“, die dazu auffordert, am 8. Dezember für fünf Minuten „für unser Klima“ das Licht auszuschalten. Wer es gelesen hat, wird im Sinne des Umweltschutzes den Satz „Öfter mal das Auto stehen lassen…“ mühelos vervollständigen mit „…und lieber das Flugzeug benutzen“.

Auf die Stichworte des „Bild“-Redakteurs referiert Mayrhuber unter anderem, dass „unsere Erde es gar nicht merken würde“, wenn man morgen den Flugverkehr in Europa vollständig striche; dass die Lufthansa-Flotte pro Passagier nur 4,4 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauche, und dass ab 350 Kilometern Entfernung das Flugzeug umweltfreundlicher sei als Auto oder Bahn.

Und Oliver Santen hat entweder nichts auf seinem Zettel stehen, was dem entgegen steht. Oder sieht keine Veranlassung dazu, am grünen Lack, den seine Zeitung dem Lufthansa-Mann auftragen hilft, gleich wieder zu kratzen.

Das hat stattdessen „Spiegel Online“ getan, mit Methoden, die man bösartig als „journalistisch“ bezeichnen könnte. Offenbar spricht nicht ganz so viel für das Fliegen, wie der Lufthansa-Chef behauptet, wenn man berücksichtigt, dass Flugzeuge nicht nur CO2 ausstoßen, sondern auch Stickoxide und Wasserdampf, die das Klima wesentlich und negativ beeinflussen. Um die Klimabelastung realistisch zu bewerten, müsse der reine CO2-Ausstoß verdoppelt bis verfünffacht werden. Auch bei Distanzen von weit über 350 Kilometern habe damit nach verschiedenen Berechnungen das Flugzeug eine schlechtere Umwelt-Bilanz als das Auto oder die Bahn.

„Spiegel Online“ hatte auch die originelle Idee, bei der Lufthansa einfach mal nachzufragen, wie ihr Chef auf die Schwelle von 350 Kilometern kommt. Die Antwort: Er hat sie von seinen Leuten schätzen lassen. Genaue Zahlen gebe es aber nicht.

Sehen Sie? Recherche bringt nichts. Das verwirrt die Leute nur. Wieviel klarer ist da ein Merksatz wie: „Wer die Umwelt liebt, der fliegt!“ Der, wie gesagt, nicht vom Lufthansa-Chef stammt. Sondern vom „Bild“-Mann mit Pressesprecher-Erfahrung.

Netztrumpf

Bei dieser Chefin können Sie arbeiten, wann Sie wollenSie ist „Deutschlands modernste Chefin“: Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung beim Maschinenbauer Trumpf, „revolutioniert die Arbeitswelt“. Grund genug für „Bild“ und Bild.de, die „innovative Konzern-Lenkerin“ umfassend vorzustellen.

Am Freitag beschrieb Bild.de ihren Führungsstil mit den Stichworten „Vertrauen und Stolz“, am Samstag erklärte „Bild“ das „revolutionäre Trumpf-Modell“ und Oliver Santen, der Mann fürs Zarte im „Bild“-Wirtschaftsressort, durfte „Deutschlands modernste Chefin“ für Bild.de interviewen.

Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Trumpf, Deutschlands modernste Chefin, Mitglied im Aufsichtsrat der Axel-Springer-AG. (Nicht jede dieser Informationen hat es in die „Bild“-Zeitung geschafft.)

Mit Dank an Frank M.

Bild  

Mathias Döpfners Zwischenruf

Es kommt einigermaßen selten vor, dass sich Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, in der „Bild“-Zeitung zu Wort meldet. Es bedarf schon einer besonderen Gelegenheit: Der Tod Michael Jacksons beispielsweise oder die Entscheidung des Papstes, einen Bischof in die Kirche zurückgeholt zu haben, der den Holocaust leugnet, (BILDblog berichtete). Heute ist wieder so ein seltener Tag.

Doch von Anfang an: Nachdem bekannt geworden war, dass der deutschen Bundesregierung eine CD-Rom zum Kauf angeboten wurde, die gestohlene Daten von 1500 mutmaßlichen Steuerhinterziehern enthält, forderte „Bild“ am Montag lautstark:

Kauft Euch die reichen Steuer-Betrüger!

„Bild“-Kolumnist Hugo Müller-Vogg riet: „Kaufen, aber schnell!“, und Wirtschaftschef Oliver Santen feierte die „klare Botschaft von Merkel“.

Kurzum: Die Bundesregierung kauft zum zweiten Mal „Hehlerware“, um Steuerhinterzieher zu enttarnen, und „Bild“ findet das seit zwei Tagen gut. Mathias Döpfner findet das schlecht — ja, gefährlich.

Oder wie er es selbst in seinem „Bild“-Kommentar formuliert:

Die Bundesregierung kauft zum zweiten Mal Hehlerware, um Steuerhinterzieher zu enttarnen. BILD findet das seit zwei Tagen gut. Ich finde das schlecht – ja, gefährlich.

Der Staat darf Recht nicht brechen!Bleibt die Frage, ob Döpfners Kommentar nur eine Meinungsäußerung im neuen Meinungspluralismus von „Bild“ ist oder hier der Vorstandsvorsitzende eines Medienkonzerns nach Belieben in die redaktionelle Unabhängigkeit einer seiner Zeitungen eingreift. Die Antwort dürfte „Bild“ schon morgen liefern.

AFP, Bild, dpa  

Abschreiben beim Milchmädchen

„Papier ist geduldig und Zahlen können sich nicht wehren“, hat mein Mathelehrer immer gesagt. „q.e.d.“ könnte man hinzufügen. Heute auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung:

Wegen der Krise: 1,2 Millionen Jobs in Industrie weg!

Abbau der Beschäftigten 2009„Bild“-Wirtschaftschef Oliver Santen beruft sich in der Meldung auf das statistische Bundesamt, das gestern in einer Pressemitteilung bekannt gegeben hatte, dass Ende September 2009 in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes rund 233.000 Personen weniger als im September 2008 beschäftigt waren — und folgert („siehe Tabelle“):

Seit Januar sind demnach 861.000 Jobs in der Industrie gestrichen worden.

Um auf diese imposante Zahl zu kommen, hat Santen einfach für die Monate Februar bis September 2009 die jeweilige Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat (also Februar bis September 2008) addiert.

Noch bevor die Zeitung heute am Kiosk lag, hatte es die Sensationsmeldung in die Newsticker der Presseagenturen geschafft. dpa etwa schrieb:

Die Wirtschaftskrise hat seit Jahresbeginn allein in der deutschen Industrie rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Das berichtet die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit.

Vor allem der zweite Satz ist bemerkenswert, denn natürlich hätte sich dpa selbst um 01.41 Uhr nachts nicht auf „Bild“ verlassen müssen, sondern die richtigen Zahlen direkt und kostenlos beim Statistischen Bundesamt nachlesen können.

Aber auch AFP berief sich (um 03.06 Uhr) auf die erfahrungsgemäß maximal mittelseriöse Quelle „Bild“:

Durch die Wirtschaftskrise sind seit Jahresbeginn in der deutschen Industrie offenbar rund 1,2 Millionen Arbeitsplätze vernichtet worden. Wie die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Zahlen des Statististischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit berichtet, sank die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe zwischen Februar und September um insgesamt 861.000.

Doch dann, um 09.18 Uhr, vermeldete AFP plötzlich:

ANNULLIERT: „Bild“: 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet
+++ Die „Bild“-Zeitung hat ihre Berechnung zurückgezogen +++

BERLIN, 17. November (AFP) – Bitte verwenden Sie die Meldung „‘Bild': 1,2 Millionen Jobs durch Krise vernichtet“ von 03.06 Uhr nicht. Die darin genannten Zahlen zu Arbeitsplatzverlusten sind nach Angaben der Zeitung nicht korrekt. „Bild“ hat die Meldung deshalb zurückgezogen.

Da aber hatten schon dutzende Seiten Artikel zum Thema veröffentlicht (die inzwischen teilweise verschwunden, teilweise korrigiert sind).

Um 11.10 Uhr schließlich veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine eigene Pressemitteilung, deren Überschrift einigermaßen eindeutig war:

Falsche Zahlen in der „Bild“ zum Beschäftigungsabbau in der Industrie

[...]

In der „Bild“ vom 17.11.2009 wurde auf Seite 1 – Bezug nehmend auf [unsere] Pressemitteilung – dargestellt, dass in der Industrie seit Jahresbeginn 861.000 Jobs weggefallen wären [...]. Diese Zahlen sind falsch. Die „Bild“–Zeitung hat fälschlicherweise die absoluten Vorjahresveränderungen der Beschäftigtenzahl aller Monate von Januar bis September aufaddiert.
Richtig ist Folgendes: Im Januar 2009 waren in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten rund 5.167.000 Personen tätig, im September 5.039.000. Daraus ergibt sich per Saldo von Januar bis September ein Beschäftigtenabbau von 128.000 Personen.
Die „Bild“-Redaktion wurde auf den Fehler hingewiesen. In der Online-Ausgabe von „Bild“ wurde der falsche Artikel inzwischen gelöscht.

(Letzteres stimmt übrigens nicht: Der Artikel steht immer noch online.)

Dpa brauchte trotzdem noch bis 13.20 Uhr, um („Eil! Achtung!“) folgende Korrektur zu veröffentlichen:

Bitte verwenden Sie die dpa 0034 („Bild“: 1,2 Millionen Jobs in Industrie weg – Berlin/0141) nicht. Die Zahlen basieren auf einem Rechenfehler. Die „Bild“-Zeitung hat sich korrigiert. Die Meldung entfällt ersatzlos.

Vielleicht ist die lange Leitung von dpa ja demnächst kürzer — zumindest zu „Bild“.

Mit Dank an Daniel B.!

Nachtrag, 18. November: Bild.de hat den Artikel jetzt tatsächlich offline genommen und ihn durch diesen Hinweis ersetzt:

Bei der gestrigen Meldung „1,2 Mio. Jobs in der Industrie weg“ ist uns ein Rechenfehler unterlaufen. Die monatlichen Veränderungen von Januar bis September der Industrie-Beschäftigungszahlen des Statistischen Bundesamts wurden versehentlich addiert. Korrekt ist, dass die Beschäftigtenzahl im September im Vergleich zum Vorjahresmonat um 233 000 sank. Seit Jahresanfang ging die Zahl der Industrie-Beschäftigten aber nur um 128 000 zurück.

Bild  

Energiesparendes Atomenergie-PR-Recycling

Als Laie glaubt man vielleicht, dass es bei „Bild“-Geschichten wie „7 Wahrheiten über unsere Energie“ darauf ankommt, dass es sich um Wahrheiten handelt. Tatsächlich scheint es wichtiger zu sein, dass es sieben sind.

Der Pro-Atomenergie-Artikel rechts ist fast genau ein Jahr alt. Er erschien am Tag, nachdem aus einem Atomkraftwerk in Südfrankreich radioaktive Uranlösung ausgetreten und in zwei Flüsse gelangt war. „Bild“ fragte damals beim RWE-freundlichen Institut RWI nach.

Der Pro-Atomenergie-Artikel links ist von heute. Er erschien am Tag, nachdem der Chef des Atomkraftwerkes Krümmel wegen eines erneuten Störfalls gehen musste. „Bild“ fragte diesmal bei der RWE direkt nach. Die Frage, wie sicher „unsere Atom-Meiler“ sind, können deren Betreiber ja auch am besten beantworten. (Das Gespräch führte in bewährter Art der „Bild“-PR-Mann Oliver Santen.)

Der Arbeitsaufwand beim Recyclen der sieben „Wahrheiten“ scheint überschaubar gewesen zu sein:

Aber was damals richtig falsch war, muss ja heute nicht falsch richtig sein.

Mit Dank an die Hinweisgeber!

Nachtrag, 19:20 Uhr. Der Mär vom billigen Atomstrom hat sich im vergangenen Jahr das ZDF-Magazin „Frontal 21″ angenommen.

Neulich am Grab des Prometheus

Der „Goldene Prometheus“ ist auch kein schöner Preis. Er zeichnet seit einigen Jahren Journalisten Menschen aus, die von der „Prometheus“-Jury zu „Journalisten des Jahres“ erklärt werden. Anders gesagt: Der „Prometheus“ bzw. die „Verleihungszeremonie“ („eingebettet in ein Drei-Gänge-Menü, unterbrochen von musikalischen Darbietungen und inhaltlich gewürzt mit interessanten Laudatoren, unterhaltsamen MAZ-Einspielern und eindrucksvollen Gastrednern und Überraschungsgästen“ nebst anschließender „Medienparty“, „die in ausgelassener Atmosphäre neue Möglichkeiten des Community-Building erschließt“) hat den Ruf, „ein wenig korrupt zu sein“ und wird „diesem Ruf, so darf sagen, wer dabei war, [...] voll gerecht“ (Quelle: Claudius Seidl auf FAZ.net).

Wer nicht dabei war*, durfte bereits gestern lauter interessante Dinge über Lobbying, „Prometheus“-Chefjuror Hajo Schumacher und BILD über die Verleihung des V.I.S.D.P.- bzw. VISDP-Preises "Prometheus" an zwei BILD-Redakteureseinen „fragwürdigen Schaulauf der Eitelkeiten“ (Quelle: Tom Schimmek in der „Süddeutschen Zeitung“) lesen bzw. in der „Bild“-Zeitung auf Seite 1 und heute abermals erfahren, dass unter den Preisträgern auch zwei „Bild“-Redakteure sind – ausgezeichnet als „Zeitungsjournalisten des Jahres“. Denn:

Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise [haben] die verantwortlichen Redakteure Thomas Drechsler und Oliver Santen [...] sachlich und vor allem verständlich berichtet.

So steht es in der Begründung der „Prometheus“-Jury. Wir hingegen würden ja das, was die beiden „Bild“-Redakteure offenbar zu „Zeitungsjournalisten des Jahres“ macht, kurz als journalistische Selbstverständlichkeiten zusammenfassen. Aber geschenkt, zumal „Bild“ in Wirtschaftsdingen sowieso gern zu devoten Gesten neigt.

Prometheische Freude:

„BILD wird gern wegen angeblicher Fehler wahrgenommen. Wenn wir heute ausgezeichnet werden, weil wir etwas richtig gemacht haben, erfüllt mich das mit besonderer Genugtuung.“

(„Bild“-Politikchef Thomas Drechsler)

Die Laudatio auf Drechsler und Santen hielt übrigens Ex-Commerzbank-Chef Klaus Peter Müller, der „Bild“ tatsächlich dafür loben zu müssen glaubte, „der Versuchung reißerischer Schlagzeilen widerstanden“ zu haben. Doch schwergefallen sein dürfte Müller das Lob der „Bild“-Finanzberichterstattung ohnehin nicht – nicht nur, weil Müller von Berufs wegen davon profitiert, sondern auch, weil er sogar selbst sein Teil dazu beitragen durfte.

Lesen Sie daher in unserer allseits beliebten Reihe „Meilensteine des Zeitungsjournalismus“ aus aktuellem Anlass: Der ehemalige Pressesprecher Oliver Santen, Ressortleiter Wirtschaft bei der „Bild“-Zeitung und „Zeitungsjournalist des Jahres“, im Gespräch mit dem Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken und Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank, Klaus Peter Müller.

BILD: Haben Banker komplett versagt?
Müller: Keine Frage, wir haben Fehler gemacht, das gestehe ich freimütig ein. Aber von Pauschalverurteilungen halte ich gar nichts. Die große Mehrheit der Banker macht gute Arbeit und hat sich nichts vorzuwerfen.
BILD: Stichwort US-Immobilienkrise, IKB-Skandal, KfW-Desaster: Sind viele Banker gewissenlose Zocker?
Müller: Auch das ist ein Pauschalurteil, das nicht einfach so stehen bleiben sollte. Es gibt überall schwarze Schafe. Aber wenn Einzelne Fehler machen, darf man nicht einen ganzen Berufsstand in Misskredit bringen.
BILD: Haben Sie keinen Grund zur Selbstkritik?
Müller: Doch natürlich. Wie schon gesagt, es wurden Fehler gemacht. Wir hätten nicht zulassen dürfen, dass Finanzprodukte so kompliziert werden, dass der Kunde sie nicht mehr versteht. Und: In der Immobilienkrise in den USA wurde vieles nicht richtig geprüft und bewertet. Wir haben uns zu sehr auf das Urteil der Rating-Agenturen verlassen.
BILD: Können Sie verstehen, dass viele Kunden den Banken nicht mehr trauen?
Müller: Diese Erfahrung machen wir bei der Commerzbank mit unseren Millionen Kunden nicht. Es ist vielmehr so, dass … usw. usf.

*) Hinweis: BILDblog war 2005 selbst (kurzzeitig) für den „Goldenen Prometheus“ nominiert.

Der Mann, der bei „Bild“ kein großer Esser war

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von „Bild“-Interviews unterscheiden. Die eine Art wird tendenziell eher mit Politikern geführt, die Steuern erhöhen oder Verbrecher laufen lassen wollen, und nennt sich „BILD-Verhör“. Die andere Art wird gerne mit Spitzenfunktionären großer Unternehmen geführt und hat keinen eigenen Titel, was vermutlich daran liegt, dass „Das offene Mikrofon“, „Der ungestörte Monolog“ oder „Es geht auch ohne Nachfragen“ nicht so rubriktauglich sind.

Und wenn Ihnen diese Sätze bekannt vorkommen, könnte das daran liegen, dass wir sie vor ziemlich genau einem Jahr schon einmal geschrieben haben, als wir zum ersten Mal über die besondere Art der Interviews berichteten, wie sie „Bild“-Wirtschaftschef Oliver Santen mit anderen Wirtschaftschefs führt.

Wir haben viele Zeilen geschrieben, von „Nichtverhören“ und „Kuschelgesprächen“ gesprochen und getitelt: „Das Santenmännchen ist da!“. Wir hätten uns die Mühe sparen können. Ein einziges Foto fasst die ganze kritisch-journalistische Haltung Santens zu seinen Gegenübern zusammen, und freundlicherweise zeigt es die „Bild“-Zeitung heute zu seinem neuesten Gespräch:

Eine treffendere Bildunterschrift unter dem Foto wäre natürlich: „Ach, das sind also diese leckeren Pommes Frites, die die Leute so gerne bei Ihnen essen?!“ Aber vielleicht haben Sie, liebe Leser, ja noch bessere Ideen.

Nachtrag, 14. November. Auf die naheliegendste Bildunterschrift sind wir nicht gekommen, aber viele unserer Leser, als erster Boris H.:

„Auch Ihnen fress’ ich gern aus der Hand.“

Weitere Vorschläge, die uns gut gefallen haben:

Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.
(Hauke H. und viele andere)

„Lecker Pommes! Und wenn ich die Hand so halte, kommt auch meine wunderschöne IWC-Uhr (10.000 Euro) voll zur Geltung.“
(Florian S.)

„Danke, Herr Skinner, ich habe an Ihrem Kartoffelstäbchen gerochen und tu’s jetzt wieder in die Pappschachtel!“
(Michael B.)

„Ein kleiner Bissen für mich, ein großer Artikel für die BILD-Zeitung!“
(Lukas H.)

„Wes ‘fries’ ich ess, des Lied ich sing!“
(Karim a.)

„Moment… was steht da drauf? – „Ihren Scheck finden Sie in der Apfeltasche“.
(Gingi)

Vielen Dank an alle fürs Mitmachen!

Der E.on-Chef im „Bild“-Nichtverhör

Oliver Santen, Leiter des Wirtschaftsressorts der „Bild“-Zeitung, hat mal wieder eines seiner bei führenden Vertretern der Industrie so beliebten Interviews geführt. Heute mit E.on-Vorstandschef Wulf Bernotat:

"Erster Stromboss warnt vor Energie-Krise in Deutschland: Ohne neue Kraftwerke wird Strom knapp!"

Da ist der „Stromboss“ offenbar ganz einer Meinung mit Wirtschaftsminister Michael Glos, der vor gut drei Wochen in „Bild“ vor einer „Strom-Knappheit“ warnte – und, beinahe möchte man sagen: natürlich, mit „Bild“-Mann Oliver Santen. Denn schon seine Eingangsfrage lautet:

Deutschland steigt als einzige Industrienation aus der Atomkraft aus. Wie kann die Versorgungslücke geschlossen werden?

Und so geht es munter weiter:

BILD: Drohen Deutschland Engpässe bei der Stromversorgung?

Bernotat: Eindeutig ja! (…)

BILD: Ohne Kraftwerksneubauten gibt es keine sichere Stromversorgung?

Bernotat: Richtig. (…)

BILD: Hat Deutschland ein bezahlbares und sicheres Energiekonzept für die Zukunft?

Bernotat: Ganz klar: Nein. (…)

BILD: Laut einem Gutachten dreier Forschungsinstitute sind zukünftig jedoch keine Erzeugungsengpässe zu erwarten. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch zu ihren eben gemachten Ausführungen?

Das Gutachten (pdf):

„Insgesamt sind zukünftig jedoch keine Erzeugungsengpässe (…) zu erwarten. (…) Auch bei einer expansiveren Entwicklung des Stromverbrauchs als hier unterstellt, wird es aus Sicht der Gutachter marktgetrieben nicht zu physischen Kapazitätsengpässen der Stromversorgung kommen. (…) Wegen des niedrigen Beitrags der Windenergie zur gesicherten Leistung ist hier eine zeitlich differenzierte Betrachtung wichtig: (…) Auch hier sehen wir heute und absehbar keine Angpässe.“

Nein, stopp! Die letzte Frage hat Santen dem „Stromboss“ überhaupt nicht gestellt. Stattdessen wollte er lieber wissen: „Was ist zu tun?“, „Was schlagen Sie vor?“ oder „Was tun Sie, um beim Stromsparen zu helfen?“

Dabei sollte Santen das Gutachten, das zu einem anderen Ergebnis kommt als Bernotat (siehe Kasten), eigentlich kennen. Darauf hatte sich nämlich Glos bereits in der „Bild“-Meldung von vor gut drei Wochen bezogen. Der Klima-Lügendetektor und zeit.de waren damals beispielsweise der Auffassung, dass Glos’ These von der „Strom-Knappheit“ durch das Gutachten nicht gedeckt sei. Entsprechend erwartet auch die Bundesregierung keine Stromlücke.

Aber wenn Santen auch nur irgendeine kritische Nachfrage gestellt hätte, könnte man seine Stichwortgeberei ja womöglich mit Journalismus verwechseln.

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