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Innenminister verschwieg „Bild“-Verbindung

Anfang März schaffte es die „Bild“-Zeitung, die Ergebnisse einer differenzierten Untersuchung über Einstellungen von Muslimen in Deutschland so zu verfälschen, dass sich mit ihnen Panik, Schlagzeilen und Agenturmeldungen generieren ließen. „Bild“ hatte die Studie offenbar vorab bekommen — die Frage war nur, von wem.

Marietta Slomka fragte im ZDF-„heute journal“ bei einem naheliegenden Verdächtigen nach, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU):

Slomka: … weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die „Bild“-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine „Schock-Studie“.

Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.

Slomka: Nachmittags. Die „Bild“-Zeitung hatte sie schon gestern.

Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die „Bild“-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)

(Slomka wurde für ihre Fragen von der „Bild“-Zeitung zur „Verliererin“ des Tages gemacht, siehe Ausrisse rechts.)

Auch im Bundestag dementierte das Innenministerium, die Studie an „Bild“ lanciert zu haben. Innenstaatssekretär Christoph Bergner sagte dem Parlament: „Es hat keine öffentliche oder wie auch immer geartete Übergabe dieser Studie durch das Bundesinnenministerium an die Medien gegeben.“

Das stimmt nicht.

Auf eine Anfrage der Links-Partei musste das Ministerium jetzt einräumen, dass die „Bild“-Zeitung von der Pressestelle vorab ein Vorabexemplar der Studie erhielt, angeblich zur Vorbereitung eines Interviews mit dem Minister.

Bild, dpa, KNA  etc.

Selbsterfüllende Moslem-Prophezeiung

Die Katholische Nachrichtenagentur KNA hatte es besonders eilig. Keine zehn Minuten, nachdem die „Bild“-Zeitung in ihrer Online-Ausgabe über eine ihr exklusiv vorliegende Studie des Bundeninnenministeriums berichtet hatte, verbreitete die KNA in einer eigenen Meldung die „Bild“-Behauptungen ungeprüft weiter.

Die Agentur verfügte zu diesem Zeitpunkt allem Anschein nach über keinerlei eigene Informationen, was die Studie „Lebenswelten junger Muslime“ herausgefunden hatte oder auch nur, was genau ihr Gegenstand war. Die KNA-Meldung beruht vollständig und ausschließlich aus dem, was die „Bild“-Zeitung behauptete, und macht es sich zu eigen, bis hin zur Überschrift: „Studie: Viele junge Muslime sind gegen Integration“

Dies ist die Geschichte, wie „Bild“ vorab die Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ zugespielt wurde, wie das Blatt sie nutzte, um Stimmung gegen Muslime in Deutschland zu machen, und wie andere Medien dabei zu Komplizen wurden. Ein Lehrstück.

Wolfgang Frindte, einer der Autoren der Studie, formulierte im Nachhinein seine Fassungslosigkeit über die Rezeption der Untersuchung so:

Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten — das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt.

Der Psychologe Peter Holtz, ebenfalls einer der Autoren der Studie, schildert auf „Spiegel Online“, wie er drei Jahre lang Gespräche mit jungen Musliminnen und Muslimen führte, und wie skeptisch die ihm teilweise gegenüber traten.

Ein jüngerer Diskussionsteilnehmer sagte (…): „Egal was Ihr wollt und egal was Ihr macht, letztendlich heißt es doch wieder so und so viele Muslime sind radikal und wollen sich nicht integrieren.“ Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es für mich auch zum Ziel, diesen Menschen, über die in Deutschland so viel geredet wird und mit denen so wenig geredet wird, durch meine Arbeit eine Stimme zu geben.

Er hat dieses Ziel nicht erreicht. Es kam die „Bild“-Zeitung dazwischen. Jemand hatte ihr die Studie schon vorab zugesteckt. Bild.de machte aus ihr eine „Schock-Studie“. Und „Bild“ am nächsten Tag die Schlagzeile:

Studie belegt: Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren

„Bild“ behauptete:

Gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland lehnen eine Integration ab. Besonders radikal sind junge Muslime ohne deutschen Pass.

Das ergibt eine Studie des Bundesinnenministeriums, die BILD exklusiv vorliegt. Laut der Untersuchung lehnt jeder vierte nichtdeutsche Muslim Integration ab, ist tendenziell gewaltbereit und stellt westliche Werte in Frage.

In den nächsten Stunden übernahmen die Nachrichtenagenturen den verzerrten „Bild“-Blick auf die Studie.

dpa:

Jeder vierte nichtdeutsche Muslim lehnt Integration ab

dapd:

Studie: Ein Viertel aller junger Muslime nicht integrationswillig

AFP:

Ein Viertel aller jungen Muslime ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist einer Studie im Regierungsauftrag zufolge latent gewaltbereit und nicht an Integration in Deutschland interessiert.

Später am Abend war die Studie immer noch nicht öffentlich. Die „Schock-Studien“-Interpretation von „Bild“ bildete weiter die alleinige Grundlage für die Auseinandersetzung mit ihr. Die Agentur dpa verbreitete, dass der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gesagt habe, die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationswilliger Muslime sei „erschreckend“.

Die evangelische Agentur epd kam spät, war aber auch nicht schlauer, als sie am Donnerstagmorgen meldete:

Rund ein Fünftel der Muslime will sich offenbar nicht in Deutschland integrieren. Das geht laut „Bild“-Zeitung (Donnerstagsausgabe) aus einer noch unveröffentlichten Studie des Bundesinnenministeriums hervor.

Erst um 12:21 Uhr brachte sie eine längere Meldung, die sich erstmals von der „Bild“-Perspektive löst und differenziert über die Studienergebnisse berichtet:

Studie: Mehrheit deutscher Muslime für Integration – Teil junger Muslime hat jedoch radikale Einstellungen

In der Meldung findet sich auch der folgende Absatz, der angesichts der gerade demonstrierten medialen Reflexe besonders bemerkenswert ist:

Gemein ist den in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen laut einer Auswertung von Interviews, dass sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine vorschnelle Verknüpfung des Islam mit dem Terrorismus erleben. Eine stark negative Rolle wird demnach auch den Medien zugeschrieben, die aus Sicht der Befragten oft negativ und undifferenziert berichteten. Insgesamt fühlen Muslime sich in Deutschland wohl, auch wenn sie die deutsche Bevölkerung oft als distanziert und abweisend erlebten.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte inzwischen die Studie selbst vorgestellt, so dass sich die Gelegenheit zu einem differenzierteren, nicht von „Bild“ verzerrten Blick auf ihre Ergebnisse ergab. Genau umgekehrt stellte es dpa in einer Meldung vom Donnerstagnachmittag dar und behauptete:

Kaum ist die Studie des Bundesinnenministeriums über junge Muslime bekanntgeworden, sieht sich Ressortchef Friedrich veranlasst, sie zu relativieren: Kein Generalverdacht gegen junge Andersgläubige.

So ist das also für dpa: Das „Bild“-Zerrbild der Studie ist die Wahrheit, und der genaue Blick auf die Studie ist eine Relativierung ihrer Ergebnisse.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte ebenfalls am Donnerstagnachmittag vor verkürzten Interpretationen:

„Ich warne davor, aus einer wissenschaftlichen Studie nur Schlagzeilen zu produzieren. (…) Wir sollten die Vorurteile der Vergangenheit und althergebrachte Reflexe endlich hinter uns lassen. Wir brauchen keine Debatte, die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt.“

„Bild“ fühlte sich — sicher nicht zu unrecht — gemeint und machte Leutheusser-Schnarrenberger dafür am Freitag zum „Verlierer des Tages“ (Ausriss rechts).

Am selben Tag zeigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, was man überraschendes entdecken kann, wenn man die Studie tatsächlich liest. Auf Seite 399 betonen die Forscher den Zusammenhang: Wer sich als nichtintegrierbar wahrgenommen fühle, fühle sich auch nichtintegrierbar. Und auf Seite 277 steht folgender Warnhinweis:

Was für ein Schock: Die Zahlen der „Schock-Studie“ über junge Muslime sind nicht repräsentativ.

Aber noch einmal zurück zum Mittwochnachmittag, als Bild.de zum ersten Mal über die Untersuchung berichtete. Der Innenminister hatte der „Bild“-Zeitung für ihre Vorabveröffentlichung ein Zitat gegeben, das deren Interpretation als „Schock-Studie“ stützte und ergänzte:

„Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten.“

Am Donnerstagabend stellte sich Friedrich im „heute journal“ den Fragen von Marietta Slomka:

Friedrich: Die Studie hat 760 Seiten und sagt auf 760 Seiten, dass es um sehr viele komplexe Fragestellungen geht. Und es wäre sicher falsch, eine spezielle Randerscheinung rauszugreifen.

Slomka: Aber genau das ist jetzt natürlich geschehen, weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die „Bild“-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine „Schock-Studie“.

Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.

Slomka: Nachmittags. Die „Bild“-Zeitung hatte sie schon gestern.

Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die „Bild“-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)

Slomka: Aber auch Sie haben sich in den Zitaten, die Sie abgegeben haben, gegenüber der „Bild“-Zeitung, sehr stark auf diese eine Untergruppe konzentriert, die nicht integrationswillligen Muslimen. Die werden dadurch in den Fokus gerückt. Was nicht gesagt wird, und worauf nicht die Betonung liegt, ist, dass die allermeisten Muslime zum Beispiel strikt gegen islamistischen Terrorismus sind und sich alle sehr unter Generalverdacht fühlen. Wird das nicht durch eine solche Veröffentlichung in der Form eher noch wieder verstärkt?

Man könnte das als rhetorische Frage betrachen.

PS (Nachtrag, 16:40): Auch Marietta Slomka wurde wegen ihrer Kritik von „Bild“ zum „Verlierer des Tages“ erklärt: