taz.de  

Ziemlich viel Unfux

Anlässlich des runden Jubiläums blickt taz.de auf die 20-jährige Geschichte des Betriebssystems Linux zurück:

20 Jahre kostenloses Betriebssystem Linux Nichts für "Power-User" Als Linus Torvalds 1990 in einem Diskussionsforum sein eigenes Betriebssystem ankündigte, hielt er es selbst noch für eine Spielerei. Nun wird Linux 20 Jahre alt.

Schon die Überschrift und der Teaser lassen allerdings erahnen, dass der Artikel nicht so ganz ausgegoren ist. Zum einen wird Linux durchaus gerade von sogenannten "Power-Usern" in Abgrenzung zum "Otto-Normal-User" genutzt, zum anderen kündigte der Macher von Linux sein Betriebssystem nicht 1990, sondern 1991 an. Dann kommt man auch auf die 20 Jahre.

Dieser Fehler wiederholt sich auch im Artikel:

Am 25. August 1990 kündigte Linus Torvalds in einem Diskussionsforum des Usenet an, er habe sich ein eigenes Betriebssystem entwickelt (…). Am 17. September 1990 erblickte Linux 0.01 das Licht der Welt und wurde Interessierten auf einem Server zum Download angeboten.

Weiter geht’s mit der Entstehung von Linux:

Torvalds sprach: Es werde ein Kernel. Und es wurde ein Minix. Der Schöpfer sah, dass der Programmiercode gut war und benannte Minix wenig später in Linux um.

Allein, Linux ist keineswegs aus dem Betriebssystem Minix, das auch heute noch existiert, entstanden, sondern wurde von Torvalds anfangs unter dem Namen "Freax" komplett neu entwickelt. Minix wiederum wurde nicht von Torvalds, sondern von Andrew S. Tanenbaum entwickelt, der Linux sogar kritisierte ("Linux is obsolete").

Der Autor schreibt weiter:

97 Prozent der Weltbevölkerung, die einen Computer haben, nutzen Linux nicht. (…) Erklären könnte das niemand.

Bill Gates hat es versucht. 2001 verlautbarte Microsoft, Linux sei ein "Krebsgeschwür" und Open Source, also Software, deren Code öffentlich zugänglich, überprüfbar und nachbaubar ist, zerstöre das geistige Eigentum.

Tatsächlich stammt der Spruch mit dem "Krebsgeschwür" von Microsoft-CEO Steve Ballmer und nicht von Bill Gates.

Auf alle diese Fehler weisen auch zahlreiche Kommentatoren seit Tagen hin — bislang vergeblich.

Mit Dank an Andreas T. und Michael W.

Nachtrag, 22:21 Uhr: Die hier angesprochenen Fehler wurden inzwischen korrigiert. Zusätzlich hat der Autor folgenden launigen Kommentar unter seinem Artikel hinterlassen:

Also nee…take a stress pill and think things over. Natürlich ist die Jahreszahl 1990 falsch, es muss 1991 heißen (das kommt davon, wenn man nachts um drei noch arbeitet und deswegen keinen Kaffee trinken will).

Ich nutze Debian seit 2004 (http://www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?t=3351) und Ubuntu seit 2005 (http://www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?t=5073)
(Fotos als Beweis). Die Leute, die mir unterstellen wollen, ich hätte davon keine Ahnung, sollten sich zurückhalten.

Es gibt noch ein paar Stellen im Artikel, die im Erbsenzähler-Modus falsch klingen. Linux ist ein Kernel. Schön, gut und wahr. Aber dann muss man noch dem gefühlt Internet-affinen Oberstudienrat erkläre, was das ist. Nein, ich bleibe dabei: Linux ist ein Betriebssystem, volkstümlich formuliert.

Das MaxIntosh-Betriebssystem heisst MacOs? Ahem. Muss man das wissen? Ich arbeite ja auch damit, aber muss man das so sagen? "The Macintosh (pronounced /ˈmækɨntɒʃ/ mak-in-tosh), or Mac, is a series of several lines of personal computers designed, developed, and marketed by Apple Inc". Ich bin dann für pars pro toto und sage lieber Mac.

Minix. Dann hätte ich besser FreaX schreiben sollen. Um überflüssige Streiterein zu vermeiden, sollte der Satz gelöscht werden.

Love and peace!

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Bild  

Die Achse des Busen

"Dümmer geht’s nicht!", "POP-DUMMCHEN INDIRA", "Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres" und "Dass auch zwischen ihren Ohren Silikon steckt, das wussten wir nicht." — mit solchen Superlativen verreißt "Bild" heute den Auftritt der Pop-Sängerin Indira Weis in der Polit-Satiresendung "Entweder Broder — Die Deutschland-Safari":

POP-DUMMCHEN INDIRA Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres

Nun mag man von Indiras Verschwörungstheorien halten, was man will, aber "Bild" — nicht eben bekannt als Sturmgeschütz der Aufklärung — bekleckert sich auch nicht gerade mit Ruhm:

Ebenfalls sonnenklar für Indira: "Die Amerikaner haben Osama selbst gezüchtet und brauchen sich nicht zu wundern, wenn er mal zurückschlägt!" Bin Laden, ein echter US-Frankenstein?

Zum einen liegt Indira hier eigentlich gar nicht so falsch. Es ist hinlänglich bekannt, dass die USA zur Zeit der sowjetischen Besatzung in Afghanistan die Mudschaheddin, aus denen später al-Qaida hervorging, und damit auch Osama bin Laden logistisch unterstützt haben. Zum anderen verwechselt "Bild" einmal mehr die Kreatur mit ihrem Schöpfer Frankenstein.

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende des "Bild"-Artikels:

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende, beim Gespräch über ihre Silikon-Brüste: "Schwerkraft ist der Feind des Bösen. Merk dir meine Worte", so Indira zu Broder. Häh? Schwerkraft ist was…?

Tatsächlich sagte Indira nämlich "Schwerkraft ist der Feind des Busen". Das geht auch ganz klar aus dem Zusammenhang des Dialogs zwischen Broder und Indira hervor (ARD-Mediathek, ab 11:21):

Broder: Dein Busen ist echt?

Indira: Nö, kann so ein Busen echt sein?

Broder: Können solche Augen lügen?

Indira: Ne, Schwerkraft ist der Feind des Busen. Merk dir meine Worte.

"Dümmer geht’s nicht"? Von wegen!

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild.de  

Gestern, heute, morgen

Der 11. September 2001 war ein Tag, der die Welt veränderte. Doch wie sah diese Welt eigentlich aus, bevor sie verändert wurde?

Bild.de möchte ab heute über die Tage berichten, "in denen sich unsere Welt noch in Frieden und Sicherheit wähnte", und erzählt deshalb zehn Jahre alte "Bild"-Meldungen nach. Da geht es dann zum Beispiel um die Flugaffäre des damaligen Bundesverteidigungsministers Rudolf Scharping, die Basketball-EM in der Türkei und die Flitterwochen von Ex-Bundespräsident Roman Herzog.

Doch es geht auch um einen Fall, der bis heute in den Medien ist:

Wulsbüttel (Niedersachsen): Schon wieder wird ein Kind in Deutschland vermisst: Der blonde Dennis (damals 9) ist am 5. September nachts aus dem Schullandheim in Wulsbüttel verschwunden. 300 Einsatzkräfte durchkämmen seitdem die Umgebung. Mit dem Foto, auf dem Dennis mit seinem Pokemon zu sehen ist, wird nach ihm gesucht. Der Verdacht fällt auf den sogenannten "Schwarzen Mann", der den Jungen entführt haben soll. Erst zehn Jahre später, im April 2011, wird der Täter endlich festgenommen werden. Er wird gestehen, ab Oktober 2011 vor Gericht stehen und schließlich zu lebenslänglich verurteilt werden.

Äh, Stopp!

Die Leute von Bild.de haben auf dem Weg zurück in die Gegenwart soviel Gas gegeben, dass sie in der Zukunft ausgekommen sind: Der Prozess beginnt ja erst im Oktober, da kann Bild.de jetzt noch gar nicht wissen, wie er irgendwann danach ausgehen wird.

Andererseits:

Mit Dank an Johannes G.

Nachtrag, 21:50 Uhr. Puh, Bild.de kann doch nicht in die Zukunft sehen, hat den Artikel korrigiert und schreibt:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels entstand der Eindruck, das Urteil gegen den mutmaßlichen Mörder stehe bereits fest. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und danken unseren Lesern für die Hinweise.

Günter Grass, Fahrradfahrer, Charles Moore

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Israelischer Historiker verteidigt Günter Grass"
(spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Eine falsche Aussage von Günter Grass in einem Interview mit der Zeitung "Ha'aretz" wird von verschiedenen Medien skandalisiert. Der Historiker und Holocaust-Forscher Tom Segev erklärt, wie es dazu kam: "Er hat eben eine falsche Zahl genannt. Hätte ich es bemerkt, hätte ich ihn darauf hingewiesen, dann hätte er sich sofort korrigiert."

2. "Was dürfen Autofahrer sich alles erlauben?"
(criticalmass-hamburg.de, Malte)
"Auto Bild" stellt sich die Aufgabe, darüber aufzuklären, was Fahrradfahrern im Straßenverkehr erlaubt ist – "und scheitert wie erwartet".

3. "Der ORF verabschiedet sich"
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Der ORF strahlt den Film "9/11 Mysteries" aus, "distanziert sich jedoch von anfälligen [sic!] Aussagen, die dem ORF-Gesetz, insbesondere dessen Objektivitätsgebot, widersprechen". ORF-Sprecher Martin Biedermann sagt dazu auf diepresse.com: "Verschwörungstheorien ziehen sich durch den gesamten Themenkomplex des 11. September. Deswegen hat eine solche Doku in einem breit angelegten Programmschwerpunkt ihren Platz."

4. "'Twitter terrorists' face 30 years after being charged in Mexico"
(guardian.co.uk, Jo Adetunji and agencies, englisch)
Wegen Verbreitung der Falschmeldung, eine Schule werde von Bewaffneten angegriffen, drohen einem Lehrer und einer Radiomoderatorin 30 Jahre Haft. "The resulting panic caused dozens of car crashes after parents rushed to save their children from schools across the city and jammed emergency telephone lines, which 'totally collapsed' under the pressure."

5. "Warum der Streit zwischen Assange und Domscheit-Berg kein Zickenkrieg ist"
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal fragt, warum sich gerade jetzt so viele Journalisten und Kommentatoren gegen Wikileaks wenden. "Die Reduktion der Enthüllungsplattform WikiLeaks auf ein 'neutrales', vermittelndes Medium, das seine journalistischen Sorgfaltspflichten verletzt, blendet die Tatsache aus, dass WikiLeaks von Anfang an darauf aus war, geheimes Material zu publizieren, um bestimmte politische, militärische und finanzielle Machenschaften nicht nur aufzudecken, sondern zu bekämpfen."

6. Interview mit Charles Moore
(welt.de, Thomas Kielinger)
Aufbauend auf einer Kolumne von Charles Moore wurde im August in deutschsprachigen Medien eine ausführliche Debatte geführt: "Ich habe Ende Juli gerade einmal zwei Kolumnen geschrieben, die eine bis heute andauernde Debatte auslösten, aber man hat immer nur die erste zitiert: 'Ich fange an zu glauben, dass die Linke tatsächlich Recht haben könnte.'"

"Focus Online" versteht nur "Bahnhof"

Die Überschriften und Vorspänne, die "Focus Online" eingekauften Agenturmeldungen voranstellt, werden wie gesagt von Menschen geschrieben, die diese Agenturmeldungen allenfalls überfliegen. Das geht selten gut.

Im neuesten Fall hätte der zuständige Überschriftentexter den ersten Satz der dapd-Meldung allerdings vermutlich auch fünftausend Mal lesen und immer noch auf dem Schlauch stehen können:

Der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz und Stuttgart-21-Gegner, Peter Dübbers, hat zum Widerstand gegen den geplanten Abbruch des Südflügels aufgerufen.

Preisfrage: Was hat der "Bahnhofsarchitekt" Paul Bonatz entworfen?

  • Irgendeinen Bahnhof, vielleicht auch mehrere.
  • Den aktuellen Stuttgarter Hauptbahnhof, der teilweise abgerissen werden soll bzw. schon wurde.
  • Den geplanten unterirdischen Bahnhof des Projekts "Stuttgart 21", immerhin wird das ja im Text erwähnt.

Bei "Focus Online" haben sie sich gegen Google und für die letzte Möglichkeit entschieden:

Stuttgart 21: Enkel von Stuttgart-21-Architekt ruft zum Widerstand auf

So visionär war Paul Bonatz (1877-1956) dann allerdings nicht: Er hatte vor hundert Jahren den aktuellen Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen. Entsprechend ist es auch nicht wirklich erstaunlich, dass sein Enkel gegen den Teilabriss des Gebäudes ist.

Der Entwurf zu "Stuttgart 21" stammt übrigens von Christoph Ingenhoven.

Mit Dank an Nico N.

Nachtrag, 29. August: "Focus Online" hat sich transparent korrigiert.

dapd  Reuters  Tagesschau  Etc.

Apfelkraut und Rüben

Technik und Juristerei sind (wie Abwassersysteme) keine Gebiete, mit denen sich der Durchschnittsbürger gerne befasst: Beides versteht er nicht so richtig, aber es "funktioniert halt irgendwie" und hilft ihm im Leben — und wenn es nicht in seinem Sinne funktioniert, ist das Gemecker groß. Keine guten Voraussetzungen, dass noch irgendjemand den Überblick behält, wenn beide Themengebiete aufeinander treffen.

Der amerikanische Unterhaltungselektronikkonzern Apple hat im vergangenen Jahr das iPad auf den Markt gebracht, einen mobilen Computer ohne Tastatur. Auch der südkoreanische Mischkonzern Samsung hat einen solchen Computer produziert, das sogenannte Galaxy Tab 10.1. Apple wirft Samsung vor, das Galaxy Tab beim iPad abgeguckt zu haben, und hat Anfang August vor dem Düsseldorfer Landgericht eine einstweilige Verfügung erwirkt: Samsung verletze den Geschmacksmusterschutz von Apple, das Galaxy Tab darf in Deutschland (ursprünglich sogar in der EU) bis auf Weiteres nicht verkauft werden.

Samsung legte gegen die Entscheidung Widerspruch ein — unter anderem, weil die Fotos, mit denen Apple die optische Ähnlichkeit zwischen den beiden Geräten beweisen wollte, verzerrt waren, so dass die Proportionen des Galaxy Tab denen des iPad viel stärker ähnelten als in echt.

Heute nun begann die mündliche Verhandlung vor dem Düsseldorfer Landgericht und die Nachrichtenagentur dapd bewies schon mal mit ihrer ersten Zusammenfassung um 11.28 Uhr, nicht exakt verstanden zu haben, worum es eigentlich ging:

Das kalifornische Unternehmen wirft den Koreanern vor, bei Gestaltung und Design des eigenen Tablet-PCs Markenrechte von Apple verletzt zu haben und hatte deshalb vor dem Düsseldorfer Gericht ein Verkaufsverbot für den iPad-Rivalen erwirkt.

Nein, ums Markenrecht, das die Bezeichnung von Produkten oder Dienstleistungen regelt, geht es in diesem Prozess nicht, sondern ausschließlich um das Design.

Um 12.46 Uhr berichtete Reuters:

Apple hat im Patentstreit mit seinem Rivalen Samsung erneut einen Sieg vor Gericht errungen. Das Landgericht Düsseldorf bestätigte am Donnerstag die einstweilige Verfügung, wonach Samsungs Tablet-PC Galaxy in Deutschland nicht verkauft werden darf. Die Kammer folgte der Argumentation der Amerikaner, das koreanische Gerät verletze Patentrechte.

Dass es um Geschmacksmuster ging und nicht um Patentrechte ging, ist hier fast zweitrangig, denn das Gericht hatte zu diesem Zeitpunkt die Einstweilige Verfügung noch gar nicht bestätigt — und würde es bis zum Ende des heutigen Verhandlungstages auch nicht mehr tun. Die Entscheidung soll erst am 9. September verkündet werden, bis dahin bleibt die Einstweilige Verfügung weiterhin bestehen, wurde vom Gericht aber noch nicht bestätigt.

Zu den vielen Medien, die die vorschnelle Reuters-Meldung übernahmen, zählte auch tagesschau.de, deren Mitarbeiter aber irgendwann selbst beim Gericht nachfragten und ihren Artikel alsbald korrigierten:

tagesschau.de hat – auf Basis von Agenturmeldungen – zunächst berichtet, die mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Düsseldorf über die einstweilige Verfügung sei bereits zu Ende. Eine Sprecherin des Gerichts stellte aber auf Nachfrage gegenüber tagesschau.de klar, dass die Verhandlung noch laufe und die entsprechenden Meldungen nicht zutreffend seien.

Bei Reuters selbst brauchten sie fast zwei Stunden, um festzustellen, dass sie vorzeitig Fakten berichtet hatten, die noch gar nicht geschaffen waren:

DEUTSCHLAND/APPLE/SAMSUNG (KORREKTUR)
KORRIGIERT-Richterin hält Verbot von Samsung-Tablet für gültig=

(Stellt klar, Richterin hält einstweilige Verfügung für rechtens. Entscheidung der Kammer erst später erwartet.)
Düsseldorf, 25. Aug (Reuters) – Apple hat im Patentstreit mit seinem Rivalen Samsung gute Aussichten in Deutschland. Die Vorsitzende Richterin im Verfahren vor dem Landgericht Düsseldorf erklärte am Donnerstag, sie halte die einstweilige Verfügung, unter der Samsungs Tablet-PC Galaxy in Deutschland nicht verkauft werden darf, weiterhin für rechtens.

Diese Korrektur kam zu spät für Bild.de, das von einer "Niederlage vor Gericht" für Samsung und einem "Sieg" für Apple berichtet.

Die "Deutsche Welle" hat in ihrem Internetauftritt ziemlich genau alles falsch gemacht und beeindruckt im Vorspann mit einem überraschenden Kausalzusammenhang:

Trotz des Rücktritts von Steve Jobs kann Apple einen Erfolg verbuchen. Im Patentstreit mit seinem Rivalen Samsung hat Apple einen Sieg vor Gericht errungen. Samsungs Tablet-PC erhält Verkaufsverbot in Deutschland.

Und während dapd weiter ahnungslos mit dem Begriff "Markenrecht" hantiert, fasst dpa den Sachverhalt in zwei Sätzen korrekt zusammen:

In dem Verfahren geht es ausschließlich um das sogenannte Geschmacksmuster, also Design und Äußeres aussehen. Bei der Bewertung, ob ein Geschmacksmuster verletzt wurde, geht es darum, ob ein Produkt vom Gesamteindruck her mit einem anderen identisch ist.

Mit Dank an Patrick D. und Gabriel W.

Nachtrag, 26. August: Gestern in der "Tagesschau" um 20 Uhr:

Patentstreit

Am Text, den Marc Bator vorlesen musste, war so ziemlich alles falsch:

Im Patentstreit mit seinem Konkurrenten Samsung hat Apple einen Etappensieg errungen. Das Düsseldorfer Landgericht bestätigte heute in mündlicher Verhandlung eine Einstweilige Verfügung gegen die Koreaner. (…) Es gebe deutliche Hinweise, dass Markenrechte von Apple verletzt worden seien.

Mit Dank an Klaus M., Kiki W., Dennis R. und Johannes.

AFP  Bild  Bild.de  

Der Sauerstoff, aus dem Legenden sind

Die österreichische Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner hat als erste Frau alle Achttausender der Welt ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen.

Bild.de schrieb dazu gestern:

Als erste Frau hat Gerlinde Kaltenbrunner (40) alle Achttausender-Gipfel der Welt bezwungen – ohne zusätzliche Sauerstoff-Versorgung. Das hatte vor ihr nur Reinhold Messner geschafft.

Das war teils irreführend, teils falsch — entstand doch der Eindruck, Frau Kaltenbrunner hätte als erste Frau überhaupt aller Achttausender bezwungen. In Wahrheit ist sie (je nach Zählweise) die zweite oder dritte Frau. Vor allem aber hatten nach Reinhold Messner und vor Gerlinde Kaltenbrunner noch neun weitere Männer alle Achttausender ohne Sauerstoffmaske bestiegen.

Diesen Fehler hatte Bild.de mutmaßlich von der Nachrichtenagentur AFP übernommen, die gestern zunächst berichtet hatte:

Bislang war Reinhold Messner der einzige, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwang.

Und:

Bislang war der Südtiroler Reinhold Messner der einzige Mensch der Welt, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwungen hat.

Um 17.15 Uhr korrigierte AFP seine Meldung:

+++ Berichtigung: Im dritten Satz sowie im letzten Satz des vierten Absatzes heißt es nun richtig, dass Messner der erste (nicht der bisher einzige) Bergsteiger war, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwang. Diese Korrektur gilt auch für die diesbezügliche Meldung von 15.09 Uhr. +++

Zu spät für die heutige "Bild"-Zeitung:

Bisher war es nur Reinhold Messner gelungen, alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske zu besteigen.

Mit Dank an Mithrandir und Florian B.

"In Loriots unverwechselbarem Tonfall"

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat sich dafür entschieden, mit diesem Bild des verstorbenen Humoristen Loriot zu gedenken:

Er läuft nicht mehr

Es entstammt dem Trickfilm "Auf der Rennbahn", den Loriot 1970 zu einer alten Tonaufnahme gezeichnet hatte.

Und damit kommen wir zu einem kleinen Problem: Auch wenn die Bilder von Loriot sind, so sind die Stimmen die von Franz Otto Krüger und Wilhelm Bendow, letzterer hat den Sketch auch geschrieben.

Dieses Randwissen hilft einem vielleicht irgendwann mal bei der Beantwortung der 500.000-Euro-Frage bei "Wer wird Millionär?" — und es hätte einige Nachrufer vor Fehlern bewahrt:

n-tv.de:

Er rettete den Ruf des deutschen Humors. Seine Schöpfungen: "Ja, wo laufen sie denn?" und "Früher war mehr Lametta" kennt jeder.

"Zeit Online":

Mit seinen Sketchen prägte Loriot nicht zuletzt die deutsche Umgangssprache. Sentenzen wie "Ein Klavier, ein Klavier", "Ich schreie dich nicht an!", "Die Ente bleibt draußen!", "Ja, wo laufen Sie denn?" oder "Sagen Sie jetzt nichts" sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.

"taz":

Loriot hingegen sollte sich mit seinen gezeichneten oder gespielten Sketchen tief ins kulturelle Gedächtnis der Deutschen einschreiben. Man denke nur an Erwin Lindemann, "seit 66 Jahren Rentner", die Akademiker Kloebner und Müller-Lüdenscheid in ihrer Badewanne ("Herr Doktor Kloebner, ich leite eines der bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie und bin Ihnen in meiner Badewanne keine Rechenschaft schuldig"), man denke an Zitate wie "Ja, wo laufen sie denn?", "Früher war mehr Lametta", "Morgen bringe ich sie um!" oder Hamanns konsterniertes "Ach was!"

news.de:

Jahr für Jahr fällt in unzähligen weihnachtlich geschmückten Haushalten der Satz "Früher war mehr Lametta!". Geprägt hat ihn Loriot, während der Weihnachtsfeier bei Hoppenstedts. Auch Formulierungen wie "Das Bild hängt schief", "Ein Klavier, ein Klavier!", "Ach was?!" und "Ja wo laufen sie denn?" haben Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gehalten.

"Focus Online":

Zu seinen berühmtesten Szenen gehört zweifellos der Sketch mit der Nudel im Gesicht eines Restaurantbesuchers und dem Zitat "Sagen Sie jetzt nichts, Fräulein Hildegard". Auch viele andere Redewendungen aus seinen Szenen wurden zu geflügelten Worten, etwa "Ein Klavier, ein Klavier", "Wo laufen sie denn?" oder "Früher war mehr Lametta".

dpa:

Und Sprüche aus Loriot-Sketchen wie "Hildegard, warum sagen Sie denn nichts?" oder "Wo laufen sie denn?", "Früher war mehr Lametta" und das knappe und doch alles umfassende "Ach was!?" sind längst zu geflügelten Worten in der deutschen Umgangssprache geworden.

"Financial Times Deutschland":

Um es vorwegzunehmen: Loriot war ein Ausnahmekünstler, ein genialer Kopf- und Baucharbeiter, dessen Humor quer durch alle Gesellschaftsschichten ging. Vielleicht war er sogar der wichtigste Humorist, den Deutschland bislang hervorgebracht hat – und der uns geflügelte Worte schenkte wie "Wo laufen Sie denn?", "Im Herbst eröffnet der Papst mit meiner Tochter eine Herrenbutike in Wuppertal" oder "Früher war mehr Lametta".

Das Pferd Den Vogel abgeschossen hat aber "Der Freitag", der unter der Überschrift "Ja wo laufen Sie denn?" behauptet:

Einige seiner Sketche wurden zu Klassikern des deutschen Humors, etwa jener mit der Nudel, auf deren unstatthafte Existenz die Tischdame mit allerlei unauffälligen Andeutungen vergeblich hinweist, oder "Auf der Rennbahn" mit dem immer wieder zitierten Spruch "Ja wo laufen sie denn?" in Loriots unverwechselbarem Tonfall.

Mit Dank an M. Sch. und Stefan K.

Nachtrag, 15.05 Uhr: "Der Freitag" hat den Absatz geändert:

Einige seiner Sketche wurden zu Klassikern des deutschen Humors, etwa jener mit der Nudel, auf deren unstatthafte Existenz die Tischdame mit allerlei unauffälligen Andeutungen vergeblich hinweist, oder auch der Zeichentrickfilm zu Wilhelm Bendows "Auf der Rennbahn" mit dem immer wieder zitierten Spruch "Ja wo laufen sie denn?".

Autor Thomas Rothschild schreibt in den Kommentaren:

Sie haben Recht. Ich fühle mich beschämt. Das hätte auch in der Eile eines Nachrufs nicht passieren dürfen. Danke jedenfalls für die Korrektur.

Die dpa hatte ihren Fehler sogar schon gestern Nachmittag korrigiert, bei zahlreichen Online-Medien steht aber immer noch die ursprüngliche, fehlerhafte Version.

Als wär die Realität nicht schlimm genug

Vor dem Berliner Landgericht hat heute der Prozess gegen zwei 18-Jährige begonnen, die im April einen Mann in der U-Bahnstation Friedrichstraße zusammengeschlagen haben.

Bild.de berichtet über das Geständnis des Hauptangeklagten und erinnert noch einmal an den Tathergang:

Der brutale Fall erschütterte Deutschland: Es war 3.30 Uhr in der Nacht zu Ostersamstag, U-Bahnhof Friedrichstraße. Handwerker Markus P. (29) wartete auf eine Bahn. Er wird von zwei jungen Männern angepöbelt und zu Boden geschlagen.

Ohne Skrupel tritt einer der Männer – Torben P. – auf den Kopf seines Opfers ein. Vier Mal!

Ein Tourist (21) aus Bayern schreitet ein, hält den Treter fest. Der Komplize des Treters verpasst dem Retter einen Tritt in den Rücken. Dann flüchten die beiden Brutalos. Das schwer verletzte Opfer lag wochenlang im künstlichen Koma.

Es mag angesichts der Brutalität zunächst nebensächlich erscheinen, doch das Opfer erwachte nach etwa 16 Stunden und konnte das Krankenhaus sogar schon am Ostermontag wieder verlassen, "noch von Schnittwunden und Blutergüssen gezeichnet", wie die "Berliner Morgenpost" damals schrieb. Einen Tag später "sprach" der Mann in der "B.Z.", wenige Tage später in "Bild".

Womöglich hat Bild.de Torben Markus P. mit Marcel R. verwechselt, einem anderen Gewaltopfer, dem es noch schlechter ergangen war:

Nach mehr als drei Monaten im Unfallkrankenhaus Marzahn kann der 30-jährige Marcel R. Ende dieser Woche entlassen werden. Geheilt ist er dann noch lange nicht. Aber dass er nach dem brutalen Überfall auf dem U-Bahnhof Lichtenberg und seinen schweren Verletzungen überhaupt wieder sprechen und laufen kann, ist schon fast ein Wunder.

Am Abend des 11. Februar waren auf dem U-Bahnhof vier Jugendliche über den Malergesellen hergefallen, hatten ihn zusammengeschlagen und ihm auf den Kopf getreten, als er schon am Boden lag. Das Opfer erlitt ein schweres Schädel- Hirn-Trauma, ein Teil der Schädeldecke musste entfernt werden, drei Wochen lang lag Marcel R. im künstlichen Koma.

Doch Bild.de ist nicht das einzige Medium, das mit den Opfern der verschiedenen "U-Bahn-Schläger" durcheinander gekommen zu sein scheint: Die Nachrichtenagentur dapd behauptet seit Sonntag in mehreren Vorschauen und aktuellen Artikeln, das Opfer habe "wochenlang im künstlichen Koma" gelegen.

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt heute:

Das Opfer Markus P. kann sich bis heute kaum an den Angriff erinnern. Der 29-Jährige erlitt eine Gehirnerschütterung, einen Nasenbeinbruch und zahlreiche Platzwunden im Gesicht.

Er lag wochenlang im künstlichen Koma und befindet sich noch immer in psychiatrischer Behandlung.

Mit Dank an Julia M.

Nachtrag, 24. August: sueddeutsche.de hat den Artikel aus der "Süddeutschen Zeitung" überarbeitet und schreibt dazu:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand zu lesen, dass Markus P. "wochenlang im künstlichen Koma" lag. Das ist so nicht richtig, der 29-Jährige verlor lediglich vorübergehend das Bewusstsein. Wir haben den Fehler korrigiert und bedanken uns für den Hinweis unserer aufmerksamen User.

Apple und Birnen

Der Aktienkurs des Unterhaltungselektronikkonzerns Apple ist in den letzten Jahren derart grotesk gestiegen, dass man sich schon im Internet ansehen kann, wie reich man inzwischen sein könnte, wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt statt eines Computers der Firma deren Aktien gekauft hätte.

Auch der Münchner Marketingmanager Helmut Schwarz hätte sehr viel Geld machen können, wenn er vor 14 Jahren Apple-Aktien gekauft hätte. Das hat er dem Blog des "Süddeutsche Zeitung Magazins" erzählt:

Am 1. Juli 1997 kostete die Apple-Aktie 3,30 US-Dollar, heute ist sie 384 Dollar wert. Ich hätte damals ungefähr 5000 Dollar gehabt. Mein Aktienanteil wäre jetzt also sportliche 1,9 Millionen Dollar wert. In diesem Zeitraum gab es allerdings auch zwei Stocksplits bei denen die Aktienzahl erhöht und der Wert der Aktie jeweils halbiert wurde. Damit wäre der reale Wert der Aktien 475.000 Dollar, immer noch ganz ansehnlich.

Die Rechnung ist in mehrfacher Hinsicht Quatsch: Auf die 1,9 Millionen Dollar käme Schwarz nur, wenn er damals 5.000 Aktien gekauft hätte (5.000 * 384 = 1,9 Millionen). Für die 5.000 Dollar hätte er aber nur 1.515 Aktien bekommen (5000 / 3,30 = 1515).

Aber auch beim Thema Aktiensplits irrt der Mann, der von sich sagt, er habe "wirklich keine Ahnung von der Börse": Wenn beim Split die Anzahl der Aktien verdoppelt wird, halbiert sich zwar der Kurs der einzelnen Aktie, der Depotwert verändert sich aber nicht. Ein Aktionär hat einfach doppelt so viele Aktien wie vorher. Bei zwei Splits hätte Schwarz heute also 6.060 Aktien (1515 * 2 * 2), die gemeinsam 2,3 Millionen Dollar Wert wären (6060 * 384).

Nach einigen Leserkommentaren, die ein paar mal mehr, mal weniger korrekte Lösungsvorschläge beinhalteten, hat sueddeutsche.de den Fehler transparent korrigiert:

Am 1. Juli 1997 kostete die Apple-Aktie 3,30 US-Dollar, heute (Stand: 17.8.11, Anm.d.R.) ist sie 384 Dollar wert. Ich hätte damals ungefähr 5000 Dollar gehabt. Inzwischen gab es zwei Stocksplits, bei denen die Aktienzahl erhöht und der Wert der Aktie jeweils halbiert wurde. Mein Aktienanteil wäre jetzt also sportliche 2,3 Millionen Dollar* wert.

(…)

* Anmerkung: In der ersten Fassung dieses Gesprächs ist Herrn Schwarz ein Rechenfehler unterlaufen. Vielen Dank an die Kommentatoren, die uns mit der richtigen Zahl weitergeholfen haben.

Jetzt bleibt aber das Problem, dass die einzelne Apple-Aktie niemals 3,30 Dollar gekostet hat. Im Juli 1997 lag sie bei rund 13 Dollar — was sich von den 3,30 Dollar nicht zufälligerweise um den Faktor Vier unterscheidet: Die 3,30 Dollar sind der "um Splits bereinigte Schlusspreis", mit dem man die Kurse von damals und heute besser vergleichen kann. Gehandelt wurde die Aktie am 1. Juli 1997 zum tiefsten Stand aber für 12,75 Dollar.

Hätte Herr Schwarz bei diesem Stand seine 5.000 Dollar in Apple investiert, hätte er dafür 392 Aktien erhalten (5.000 / 12,75 = 392). Nach den zwei Splits hätte er 1.568 Aktien (392 * 2 * 2), die heute 602.112 Dollar (1.568 * 384) wert wären. Genug für den einen oder anderen Taschenrechner.

Nachdem wir sueddeutsche.de auf den zweiten Denkfehler aufmerksam gemacht hatten, wurde der Artikel erneut überarbeitet:

Am 1. Juli 1997 kostete die Apple-Aktie etwa 13 US-Dollar, heute (Stand: 17.8.11, Anm.d.R.) ist sie 384 Dollar wert. Ich hätte damals ungefähr 5000 Dollar gehabt. Inzwischen gab es zwei Stocksplits, bei denen die Aktienzahl erhöht und der Wert der Aktie jeweils halbiert wurde. Mein Aktienanteil wäre jetzt also sportliche 580 000 Dollar* wert.

(…)

* Anmerkung: In der ersten Fassung dieses Gesprächs ist Herrn Schwarz ein Rechenfehler unterlaufen (er war von dem um Dividenden und Splits bereinigten Schlusspreis der Aktie ausgegangen). Wir danken allen Kommentarschreibern.

Jetzt bleibt eigentlich nur noch die Frage, die ein Kommentator formuliert:

Ich verstehe nicht, warum hier von einer einzigartigen verpassten Möglichkeit für Herrn Schwarz gesprochen wird. Wir hatten doch damals alle die Möglichkeit die Apple-Aktie zu kaufen. Genauso gut hätte wir auch Google-Aktien kaufen können.

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