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Die nicht unumständlichen „Pegida“-Umfragen

Apropos „Pegida“. Anfang der Woche veröffentlichte „Zeit Online“ die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage …

… die von anderen Medien auch gleich aufgegriffen wurden:

Fast jeder zweite Deutsche hat Verständnis für Pegida-Demos

(Bild.de)

Eine Umfrage von Zeit online ergab, dass mit 49 Prozent knapp die Hälfte der Bundesbürger Verständnis für die Demonstrationen haben.

(noz.de)

Knapp die Hälfte (49 Prozent) der Deutschen hat nach einer Umfrage von „Zeit Online“ Verständnis für islamkritische Demonstrationen wie „Pegida“.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für islamfeindliche Demonstrationen wie die von „Pegida“

(handelsblatt.com)

Laut einer Umfrage von „Zeit Online“ sympathisiert fast jeder zweite Bundesbürger mit Pegida und ihren Ablegern.

(funkhauseuropa.de)

Laut einer Umfrage der „Zeit“ zeigt dennoch jeder Zweite Verständnis für Anti-Islam-Demos.

(abendblatt.de)

Jeder zweite Deutsche hat Verständnis für „Pegida“

(wiwo.de)

Das ist allerdings nicht ganz richtig. In der Umfrage von „Zeit Online“ ging es nämlich gar nicht um „Pegida“. Oder zumindest nicht nur. Die Fragestellung lautete:

Das ist — ob mit Absicht oder nicht — zumindest sehr irreführend formuliert. Denn wer zwar Verständnis für Demos gegen den „Islamischen Staat“ hat, aber nicht für „Pegida“, hatte keine echte Antwortmöglichkeit (außer vielleicht dem schwurbeligen „Teils, teils“). Dabei hat es in der Vergangenheit durchaus Demos gegen den „IS“ gegeben (auch von Muslimen), die nichts mit „Pegida“ oder der angeblichen „Islamisierung des Abendlandes“ zu tun hatten.

Auch die Umfrage, die „Bild“ heute veröffentlicht hat („So denken die Deutschen über Pegida“), ist problematisch. Eine Frage lautete:

„Bild“ stellt es also schon in der Fragestellung als Tatsache dar, dass der Einfluss des Islam in Deutschland wachse*. Für „Spiegel Online“, wo die Umfrage heute kritisiert wird, ist das ein Zeichen dafür, dass die Befrager wohl „ein ganz bestimmtes Ergebnis erreichen“ wollten. Auch eine andere — nur online veröffentlichte — Frage wurde ungewöhnlich umständlich formuliert:

Positiv gestellt hätte sie womöglich ein ganz anderes Ergebnis gehabt.

Siehe auch: „Fragwürdige Erhebung: Angeblich fürchten 58 Prozent der Deutschen den Islam“ (Spiegel Online)

Mit Dank an Stefan G.

*Nachtrag, 19. Dezember: Im abgebildeten Screenshot spricht Bild.de von einem zunehmenden Einfluss des Islam, sowohl in der Print-Ausgabe als auch online heißt es aber auch mehrfach: … Angst vor dem zunehmenden Einfluss. Wie die Fragestellung im Original tatsächlich gelautet hat, können wir also nicht mit Sicherheit sagen.

Kurz korrigiert (502)

In einem Artikel über Michael Hartmann (SPD) schrieb „Zeit Online“ gestern:

Sprecher für SPD-Innenpolitik wird Hartmann allerdings nicht mehr werden. Am Dienstag bestimmten die Abgeordneten den Magdeburger Burkhardt Lischka für dieses Amt. Er ist bereits der dritte innenpolitische Sprecher der SPD in dieser Legislaturperiode. Anfang Februar war der bisherige Innenpolitiker Sebastian Edathy von diesem Amt zurückgetreten.

Das ist falsch. Zumindest die zweite Hälfte.

Sebastian Edathy hat dieses Amt in Wahrheit nämlich nie bekleidet, er konnte also auch nicht davon zurücktreten. Michael Hartmann war bereits seit Oktober 2011 Sprecher für SPD-Innenpolitik und folgte damit direkt auf den langjährigen Sprecher Dieter Wiefelspütz.

Lischka ist demnach nicht „bereits der dritte“, sondern erst der zweite innenpolitische Sprecher der SPD in dieser Legislaturperiode.

Die falsche Behauptung, Edathy sei der Vorgänger von Hartmann gewesen, geistert allerdings schon seit geraumer Zeit durch die Medienlandschaft. In die Welt gesetzt wurde sie vermutlich von der „Bild“-Zeitung, die im Juli schrieb:

Hartmann ist eng befreundet mit Sebastian Edathy (44) — seinem Vorgänger als innenpolitischer Sprecher.

Auch die dpa behauptete vor zwei Wochen:

Lischka wird dann bereits der dritte SPD-Innenpolitikexperte in dieser Legislaturperiode sein: Hartmann-Vorgänger Sebastian Edathy hatte seine Bundestagsmandat im Februar niedergelegt […].

Und die Online-Ausgabe der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ titelte bei der Berufung Lischkas ebenso falsch:

Übrigens: Edathy war zwar nie innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, aber Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages. Womöglich haben die Politik-Journalisten diesen feinen Unterschied — immer wieder aufs Neue — übersehen.

Mit Dank an Philipp.

Zum Schämen

Der Text kommt mit persönlicher Empfehlung von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Mit den Worten „Ich weiß, warum ich so gerne in den USA bin!“ verlinkte er am Wochenende die aktuelle Kolumne „Wir Amis“ von Eric T. Hansen auf „Zeit Online“:

Die gute Seite der „Bild“-Zeitung

Die deutsche Linke schimpft gern auf das größte Boulevardblatt des Landes. Unser Kolumnist hält das für überholtes Schubladendenken.

Wer neutral über die „Bild“-Zeitung nachdenke, schreibt Hansen, müsse zugeben, dass sie auch ihre guten Seiten hat. Und nennt dafür folgendes Beispiel:

Ich erinnere mich zum Beispiel an die Reaktion der Presse, als 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Ausschreitungen gegen Ausländer losbrachen. Die meisten seriösen Zeitungen berichteten mehr oder weniger sachlich und neutral darüber. Bild aber druckte das Foto des „hässlichen Deutschen“ ab: eines besoffenen Passanten, der in die Hose gepinkelt hatte und den Hitlergruß zeigt. Die Überschrift lautete, wenn ich mich nicht irre: „Deutschland, schäm dich.“ Ich fand die Überschrift passend.

Hansens Erinnerung ist nicht so gut. Ja, die Schlagzeile lautete „Ihr müßt euch schämen“, aber abgebildet war nicht der besoffene Passant mit Hitlergruß. Abgebildet waren: Helmut Kohl, Oskar Lafontaine, Björn Engholm und weitere führende Politiker von CDU/CSU und SPD. Und über der Schlagzeile stand: „Deutsche sauer auf Bonner Politiker“.

Schämen sollten sich laut „Bild“-Schlagzeile vom 27. August 1992 für die Ausschreitungen nicht die Gewalttäter, sondern die Politiker, weil die immer noch nicht das Asylrecht eingeschränkt hatten, wie es die „Bild“-Zeitung und viele andere Medien schon lange forderten.

„Wenn ich mich nicht irre“, schrieb Eric T. Hansen, und vielleicht hätte die Redaktion von „Zeit Online“ diese Formulierung ihres Kolumnisten zum Anlass nehmen können, das sicherheitshalber mal schnell nachzuschlagen. Vielleicht hätte es seine Einschätzung der „guten Seiten“ der „Bild“-Zeitung verändert, wenn er erfahren hätte, dass er sich irrte, wer weiß.

Jedenfalls hätte er beim Blick ins Archiv viel herausfinden können über den Charakter der „Bild“-Zeitung.

Warum sich die Bonner Politiker „schämen müssen“, erklärt „Bild“ an jenem Tag im Einzelnen. Wörtlich:

  • Helmut Kohl (CDU) verweist imer aufs Grundgesetz
  • Oskar Lafontaine (SPD) … ist im Urlaub
  • Björn Engholm (SPD) blockierte bis diese Woche
  • Heiner Geißler (CDU) will noch mehr Ausländer
  • Rudolf Seiters (CDU) viele, viele Konferenzen
  • Peter Gauweiler (CSU) Starke Sprüche, starke Sprüche
  • Otto Solms (FDP) Erst Nein, jetzt Jein
  • Gerhard Schröder (SPD) ist gegen Asylrecht-Änderung
  • Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) Asyl muß bleiben wie es ist

Am selben Tag schreibt Peter Boenisch in „Bild“ einen Kommentar zu den Rostocker Krawallen mit der Überschrift:

Darum sind wir [sic!] so wütend

Darin nimmt er die Zuschauer, die den Gewalttätern bei ihren Angriffen applaudierten, in Schutz:

Nicht nur zornig, sondern wütend sind viele Menschen in Rostock. Die Chaoten nützen das aus.

Die Randale beklatschen, sind keine Neonazis — manche von ihnen nicht einmal Ausländerfeinde.

Sie verstehen die Sprüche und Widersprüche unserer Politiker nicht. Wie soll auch ein Kranführer verstehen, daß bei 1,1 Mio. Arbeitslosen in den neuen Ländern in seiner Schicht von vier Kränen drei von Rumänen gesteuert werden — für Dumpinglöhne.

Drei Deutsche gehen stempeln und drei Rumänen arbeiten bei uns für ein Butterbrot.

So wird Ausländerfeindlichkeit nicht bekämpft, sondern gezüchtet.

Die „Bild“-Zeitung hat in den Tagen zuvor auch die Ausschreitungen, die „Chaoten“ und „neuen Nazis“ kritisiert. „Seid ihr wahnsinnig!“ titelt sie über den Beifall der Schaulustigen, als Rechtsradikale versuchen, das „Asylantenheim“ zu stürmen. Die „Schuld“ an den Angriffen aber sieht „Bild“ allein bei der Politik.

„Bild“ sorgt sich angesichts der Gewalt offenkundig weniger um die Ausländer als um das Bild Deutschlands in der Welt. Am Tag nach der „Ihr sollt euch schämen“-Schlagzeile macht das Blatt so auf:

Ausland schimpft: Ihr Deutschen seid Nazis

„Bild“-Mann Sven Gösmann, der es heute zum Chefredakteur der Nachrichtenagentur dpa geschafft hat, empört sich darin:

Jetzt prügeln sie auf uns rum: „Nazis“, „Kristallnacht“, „Ausländerfeinde“. Unsere europäischen Nachbarn beschimpfen uns alle nach den Rostocker Krawallen als die „Häßlichen Deutschen“. Wie sie schimpfen, und wie sie es selbst mit den Asylanten halten — Seite 2.

Gösmanns Artikel auf Seite 2, erschienen nach Monaten und Wochen mit Angriffen von Deutschen auf Ausländer, trägt die Überschrift:

Das Ausland prügelt wieder auf die Deutschen ein

Auch in den Tagen und Wochen nach den Ausschreitungen kämpft „Bild“ gegen eine ausgeruhte Debatte und heizt die Stimmung weiter an:

„Bild“-Kommentator Boenisch legitimiert am 14. September schon vorauseilend mögliche weitere Ausschreitungen, wenn die Politik nicht unverzüglich im Sinne seines Blattes und des Mobs handele:

Die Wartezeit für Bonn ist um. Es ist Tatzeit.

Sonst wird die Straße zum Tatort.

So war sie damals, die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung; das, was der amerikanische „Zeit Online“-Kolumnist Eric T. Hansen mit seinem schlechten Gedächtnis als die „gute Seite der ‘Bild’-Zeitung“ erinnert, wenn er sich fragt, was die Linken mit ihrem Schubladendenken eigentlich bloß immer gegen dieses Blatt haben.

Stellvertretender Chefredakteur und verantwortlich für die Politik-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung im August 1992 war übrigens: Kai Diekmann.

Nachtrag, 23. April. Eric T. Hansen hat in den Kommentaren unter seiner (unveränderten) Kolumne reagiert:

Die Bildblog.de hat mich zurecht darauf hingewiesen, dass ein Satz in meiner Kolumne von Sonntag, in der ich die Kritik der Bild Zeitung kritisiere, nicht stimmte: Ich hatte aus dem Gedächtnis eine Überschrift der 90er (wohlwollend) wiedergegeben, die es gar nicht gab. Ich war fahrlässig, es nicht vorher zu überprüfen, und jetzt ist es mir ziemlich peinlich.

Nachtrag, 24. April. „Zeit Online“ hat dem Artikel eine Korrektur hinzugefügt.

Das ganze Problem

Der Autobauer Opel wird ab dem Jahr 2016 keine Autos mehr in Bochum bauen.

„Zeit Online“ weiß, woran es liegt:

Die meistverkauften Automodelle in Europa heißen VW Golf, VW Polo, Ford Fiesta, Renault Clio, Ford Focus und Peugeot 207.

Opel ist nicht darunter.

Damit ist das ganze Problem der deutschen General-Motors-Tochter schon beschrieben. Mercedes, BMW und Porsche finden sich zwar auch nicht unter den Topsellern – aber sie sind eben auch keine Massenhersteller. Opel dagegen baut schon lange keine Oberklasse mehr.

Es ist nicht nur das „ganze Problem“ von Opel, es ist auch der Anfang eines längeren Textes, der die „Managementfehler“ aufzählt, die für ein „miserables Image“ von Opel verantwortlich sind.

Ein Text, der etwas an Wirkung verliert, wenn man weiß, dass sein Anfang auf recht wackligen Beinen steht.

Denn das hier sind laut einer Pressemitteilung (PDF) von Jato, dem laut eigenen Angaben „weltweit führenden Anbieter von Automobildaten“, die meist verkauften Autos in Europa im Oktober:

Und das die meist verkauften Autos in Europa von Januar bis Oktober 2012:

Der angeblich so erfolgreiche Peugot 207 taucht in der Top 10 nicht mal auf. Und unter den Marken, die in Europa im bisherigen Jahresverlauf bisher die meisten Autos verkauft haben, kommt Opel (zusammengerechnet mit den baugleichen Modellen von Vauxhall) sogar auf Platz 3.

Klar: Opel hat viele Probleme. Dass seine Modelle nicht unter den meistverkauften Automodellen in Europa auftauchen, gehört allerdings (noch) nicht dazu.

Mit Dank an Andre F.

Apropos überfordert

„Zeit Online“ schreibt über das Bundesligaspiel zwischen der Spielvereinigung Greuther Fürth und dem FC Schalke 04 (0:2) am gestrigen Abend:

Schalkes neuer Mann Affelay bemühte sich zwar sehr, wie schon beim 0:3 zum Saisonauftakt gegen den FC Bayern München, wirkte er aber oft überfordert.

Dieser Satz ist bemerkenswert, enthält er doch gleich vier Fehler: Erstens hat Schalke beim Saisonauftakt nicht gegen den FC Bayern München gespielt, sondern gegen Hannover 96. Zweitens ging dieses Spiel nicht 0:3 verloren, sondern endete 2:2 unentschieden. Drittens war Ibrahim Afellay beim Saisonauftakt noch gar nicht dabei, sondern wechselte erst ein paar Tage später, am Ende der Transferperiode, zum FC Schalke. Und viertens sahen andere Medien Afellay gestern nicht unbedingt „überfordert“.

Wie kann so ein Satz passieren?

Nun, der ganze Text bei „Zeit Online“ ist eine Art Remix des dpa-Berichts zum Spiel. Da lautete die Passage aber etwas anders:

Die Gäste machten zu wenig aus ihrem großen Potenzial, auch wenn der Niederländer Affelay viele gute Ideen hatte.

Der Neuling mühte sich zwar redlich, wirkte aber wie schon beim 0:3 zum Saisonauftakt gegen den FC Bayern München oft überfordert.

Das ist sprachlich etwas gemein, denn wenn man nur halb über Fußball informiert ist, könnte man meinen, mit „der Neuling“ sei Ibrahim Afellay gemeint. „Der Neuling“ ist aber die Spielvereinigung Greuther Fürth, die gerade zum ersten Mal in die erste Bundesliga aufgestiegen ist.

Das wird auch deutlich, wenn man die nachfolgenden Sätze bei dpa liest:

Viele Fehlpässe störten den Spielaufbau, gefährliche Angriffe waren eine Seltenheit. Daran änderte auch die späte Einwechslung des langjährigen Schalkers Gerald Asamoah nichts mehr.

Diese Sätze stehen genauso bei „Zeit Online“, hinter dem Satz mit den vier Fehlern. Dort ergeben sie zwar gar keinen Sinn, aber das ist an dieser Stelle dann wohl auch egal.

Mit Dank an vanTOM.

Nachtrag/Korrektur, 14.25 Uhr: In der ersten Fassung dieses Eintrags hatten uns von der konsequenten Falschschreibung von Afellays Nachnamen bei dpa („Affelay“ statt „Afellay“) anstecken lassen.

Nachtrag, 18.25 Uhr: „Zeit Online“ hat den Artikel (inzwischen unter diesem Link erreichbar) überarbeitet.

Der betreffende Satz lautet jetzt unmissverständlich:

Greuther Fürth mühte sich zwar redlich, wirkte aber wie schon beim 0:3 zum Saisonauftakt gegen den FC Bayern München oft überfordert.

Unter dem Artikel steht dieser Hinweis:

Update: Eine frühere Version des Textes enthielt Fehler über den Schalker Neuzugang Ibrahim Afellay und seine spielerische Leistung. Der Artikel wurde deshalb überarbeitet.

Venedig sehen und irren

Seit die „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio auf Grund lief und dort auf der Seite liegt, berichten die Medien nicht nur über das merkwürdige Verhalten des Kapitäns, sondern auch über das Konzept „Kreuzfahrt“ an sich.

Bei „Zeit Online“ erschien am Montagabend ein Artikel, der die „riskanten Manöver“ hinterfragte, bei denen „die Schiffe wenige Hundert Meter von der Küste entfernt wie Models auf dem Laufsteg“ posierten.

Darin kam auch der Bürgermeister Venedigs zu Wort:

Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni warnte schon im vergangenen Dezember vor der Gefahr durch Kreuzfahrtschiffe in PR-trächtiger Küstennähe. In seiner Stadt ist der Anblick von Touristentankern hinter dem Kirchenturm von San Marco keine Seltenheit. „Wir müssen mit den Reedereien über die Durchfahrt dieser Monster durch den Canal Grande dringend diskutieren“, sagte Orsoni damals. „Sie stellen eine Gefahr sowohl für die Umwelt als auch für die Stadt dar.“

Es ist weitgehend unwahrscheinlich, dass sich Giorgio Orsoni dergestalt geäußert hat — als Bürgermeister der Lagunenstadt sollte er zumindest wissen, dass der Canal Grande (ja: „Canal“, nicht „Canale“, das könnte Ihnen bei „Wer wird Millionär?“ mal helfen!) zwischen 30 und 70 Metern breit und bis zu 5 Meter tief ist und von vier eher flachen Brücken überspannt wird.

Diese Merkwürdigkeit ist auch einem Leser von „Zeit Online“ aufgefallen, der schon am Montagabend in den Kommentaren schrieb:

Die ganze Geschichte ist schlimm genug, da muss nicht auch noch behauptet werden, dass sich solche Schiffe um der Show willen durch den Canal Grande schlängeln. Der Versuch würde gleich am Canaleingang, etwa auf Höhe der Santa Maria della Salute durch Stecken Bleiben scheitern und nach 650 m steht die Accademia Brücke im Weg. Der Bürgermeister hat mit Sicherheit vom 3 bis 4 x so breiten Canale della Giudecca gesprochen, durch den die riesigen Kreuzfahrschiffen tatsächlich fahren.

Der Autor des Artikels reagierte darauf, indem er wortlos einen Link zu einem italienischsprachigen Artikel postete, in dem weder die Worte „Canal Grande“ noch der Name des Bürgermeisters vorkam.

Nachdem wir den Autor gestern auf diese Merkwürdigkeit hingewiesen hatten, erklärte er uns, er nehme inzwischen auch an, die Passage falsch wiedergegeben zu haben, und werde sich um eine Korrektur kümmern.

Inzwischen hat „Zeit Online“ das Zitat überarbeitet und weist auf die Korrektur hin:

Anmerkung: Der Bürgermeister von Venedig, Giorgio Orsoni, wurde ursprünglich im Text falsch zitiert. Wir bedanken uns bei unseren Lesern, die auf den Fehler hingewiesen haben.

Nur die unwahrscheinliche Bildunterschrift, die haben sie übersehen:

Ein Kreuzfahrtschiff auf dem Canal Grande in Venedig

Mit Dank an Tobias M.

Nachtrag, 15.20 Uhr: Auf dem Foto sehen wir laut Bildunterschrift jetzt „Ein Kreuzfahrtschiff vor Venedig“.

Castro und Pollxu

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Bundesregierung offenbar die Endlagerung ehemaliger karibischer Machthaber in Deutschland erlaubt:

Atom: Erste Zwischenfälle bei Castro-Transport nach Gorleben

Der Fehler ging auf das Konto der Deutschen Presse-Agentur dpa, inzwischen haben aber fast alle Online-Medien, die ihn zunächst übernommen hatten, „Castro“ durch „Castor“ ersetzt. Bis auf „Zeit Online“.

Mit Dank an Nils K. und Tim L.

„In Loriots unverwechselbarem Tonfall“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat sich dafür entschieden, mit diesem Bild des verstorbenen Humoristen Loriot zu gedenken:

Er läuft nicht mehr

Es entstammt dem Trickfilm „Auf der Rennbahn“, den Loriot 1970 zu einer alten Tonaufnahme gezeichnet hatte.

Und damit kommen wir zu einem kleinen Problem: Auch wenn die Bilder von Loriot sind, so sind die Stimmen die von Franz Otto Krüger und Wilhelm Bendow, letzterer hat den Sketch auch geschrieben.

Dieses Randwissen hilft einem vielleicht irgendwann mal bei der Beantwortung der 500.000-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär?“ — und es hätte einige Nachrufer vor Fehlern bewahrt:

n-tv.de:

Er rettete den Ruf des deutschen Humors. Seine Schöpfungen: „Ja, wo laufen sie denn?“ und „Früher war mehr Lametta“ kennt jeder.

„Zeit Online“:

Mit seinen Sketchen prägte Loriot nicht zuletzt die deutsche Umgangssprache. Sentenzen wie „Ein Klavier, ein Klavier“, „Ich schreie dich nicht an!“, „Die Ente bleibt draußen!“, „Ja, wo laufen Sie denn?“ oder „Sagen Sie jetzt nichts“ sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.

„taz“:

Loriot hingegen sollte sich mit seinen gezeichneten oder gespielten Sketchen tief ins kulturelle Gedächtnis der Deutschen einschreiben. Man denke nur an Erwin Lindemann, „seit 66 Jahren Rentner“, die Akademiker Kloebner und Müller-Lüdenscheid in ihrer Badewanne („Herr Doktor Kloebner, ich leite eines der bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie und bin Ihnen in meiner Badewanne keine Rechenschaft schuldig“), man denke an Zitate wie „Ja, wo laufen sie denn?“, „Früher war mehr Lametta“, „Morgen bringe ich sie um!“ oder Hamanns konsterniertes „Ach was!“

news.de:

Jahr für Jahr fällt in unzähligen weihnachtlich geschmückten Haushalten der Satz „Früher war mehr Lametta!“. Geprägt hat ihn Loriot, während der Weihnachtsfeier bei Hoppenstedts. Auch Formulierungen wie „Das Bild hängt schief“, „Ein Klavier, ein Klavier!“, „Ach was?!“ und „Ja wo laufen sie denn?“ haben Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gehalten.

„Focus Online“:

Zu seinen berühmtesten Szenen gehört zweifellos der Sketch mit der Nudel im Gesicht eines Restaurantbesuchers und dem Zitat „Sagen Sie jetzt nichts, Fräulein Hildegard“. Auch viele andere Redewendungen aus seinen Szenen wurden zu geflügelten Worten, etwa „Ein Klavier, ein Klavier“, „Wo laufen sie denn?“ oder „Früher war mehr Lametta“.

dpa:

Und Sprüche aus Loriot-Sketchen wie „Hildegard, warum sagen Sie denn nichts?“ oder „Wo laufen sie denn?“, „Früher war mehr Lametta“ und das knappe und doch alles umfassende „Ach was!?“ sind längst zu geflügelten Worten in der deutschen Umgangssprache geworden.

„Financial Times Deutschland“:

Um es vorwegzunehmen: Loriot war ein Ausnahmekünstler, ein genialer Kopf- und Baucharbeiter, dessen Humor quer durch alle Gesellschaftsschichten ging. Vielleicht war er sogar der wichtigste Humorist, den Deutschland bislang hervorgebracht hat – und der uns geflügelte Worte schenkte wie „Wo laufen Sie denn?“, „Im Herbst eröffnet der Papst mit meiner Tochter eine Herrenbutike in Wuppertal“ oder „Früher war mehr Lametta“.

Das Pferd Den Vogel abgeschossen hat aber „Der Freitag“, der unter der Überschrift „Ja wo laufen Sie denn?“ behauptet:

Einige seiner Sketche wurden zu Klassikern des deutschen Humors, etwa jener mit der Nudel, auf deren unstatthafte Existenz die Tischdame mit allerlei unauffälligen Andeutungen vergeblich hinweist, oder „Auf der Rennbahn“ mit dem immer wieder zitierten Spruch „Ja wo laufen sie denn?“ in Loriots unverwechselbarem Tonfall.

Mit Dank an M. Sch. und Stefan K.

Nachtrag, 15.05 Uhr: „Der Freitag“ hat den Absatz geändert:

Einige seiner Sketche wurden zu Klassikern des deutschen Humors, etwa jener mit der Nudel, auf deren unstatthafte Existenz die Tischdame mit allerlei unauffälligen Andeutungen vergeblich hinweist, oder auch der Zeichentrickfilm zu Wilhelm Bendows „Auf der Rennbahn“ mit dem immer wieder zitierten Spruch „Ja wo laufen sie denn?“.

Autor Thomas Rothschild schreibt in den Kommentaren:

Sie haben Recht. Ich fühle mich beschämt. Das hätte auch in der Eile eines Nachrufs nicht passieren dürfen. Danke jedenfalls für die Korrektur.

Die dpa hatte ihren Fehler sogar schon gestern Nachmittag korrigiert, bei zahlreichen Online-Medien steht aber immer noch die ursprüngliche, fehlerhafte Version.

Heute Polenflug

Die Newsticker bei „Zeit Online“ werden ganz offensichtlich nicht von Menschen betreut, sondern allenfalls von einer endlichen Anzahl Affen — wahrscheinlich aber einfach nur von einem nicht besonders durchdachten Algorithmus.

Am Wochenende hatte „Zeit Online“ die sid-Meldung über ein Spiel des BFC Dynamo im DFB-Pokal in die Rubrik „DDR“ einsortiert (BILDblog berichtete) und heute läuft eine Nachricht über eine geplante Jupiter-Mission der Nasa, die dpa unter den Stichwörtern „USA/Raumfahrt/Astronomie“ verschickt hatte, bei „Zeit Online“ unter dieser Dachzeile:

Polen: Nasa schickt Sonde zum Gasriesen Jupiter

Nun ist die Nasa bekanntlich die amerikanische und nicht die polnische Weltraumbehörde, wie also konnte dieser Fehler jetzt wieder pass…

Ah:

Die Nasa will auch mehr über Jupiters Magnetfeld nahe den Polen erfahren.

Nachtrag, 15.40 Uhr: „Zeit Online“ hat in der Dachzeile „Polen“ gegen „Raumfahrt“ ausgetauscht.

Auferstanden aus Ruinen

Nur weil der BFC Dynamo zu DDR-Zeiten mal Serienmeister war (1979 bis 1988 zehnmal in Folge), heißt das nicht, dass sein Erstrundengegner im diesjährigen DFB-Pokal, der 1. FC Kaiserslautern, auch aus der DDR stammt.

Oder was immer „Zeit Online“ mit dieser Dachzeile ausdrücken wollte:

DDR: FCK im Schongang in die nächste Runde

Andererseits ist die Kunde von der Wiedervereinigung Deutschlands bekanntlich immer noch nicht soooo weit verbreitet.

Mit Dank an Ronald F.

Nachtrag, 22.30 Uhr: „Zeit Online“ hat die Dachzeile in „DFB-Pokal“ geändert.

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