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Ihr EUmel! (2)

Als wir hörten, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) heute im Fall einer gekündigten Berliner Altenpflegerin entscheiden wird, wussten wir, es würde heute Arbeit geben. Denn: Zu viele Journalisten glauben immer noch, der EGMR hätte irgendetwas mit der Europäischen Union zu tun, was bekanntlich nicht der Fall ist.

Vorgelegt hatte bereits die „Berliner Morgenpost“, die in ihrer heutigen Ausgabe vor dem Urteil schreibt:

Auf EU-Ebene wird im Fall Heinisch entschieden, ob die Entlassung nicht doch ein Verstoß gegen das Recht auf Meinungsfreiheit ist.

Auf morgenpost.de ist dann auch noch die Überschrift falsch:

Pflegenotstand bei Vivantes: EU entscheidet über Entlassung von Altenpflegerin

Und nach dem Urteil ging es weiter:

Kritik an Vivantes: EU - Kündigung einer Altenpflegerin nicht rechtens

Ahnungslosigkeit auch mal wieder bei „Welt online“:

Gerichtsurteil - Schutz für "Whistleblower": Arbeitgeber dürfen ihren Mitarbeitern laut EU-Urteil nicht kündigen, wenn sie auf Missstände aufmerksam machen.

Mit Dank an Mark K., Philipp W. und Matthias B.

Nachtrag, 21.20 Uhr: „Welt online“ hat sich unauffällig korrigiert. morgenpost.de hat den eigenen Artikel korrigiert, den übernommenen Print-Artikel aber unangetastet gelassen.

Unterdessen gibt es zwei Neuzugänge im Wettbewerb „Deutschlands begriffsstutzigste Journalisten“zu vermelden.

Den „Westen“:

Urteil: EU-Gerichtshof stärkt Arbeitnehmer bei der Offenlegung von Missständen

Und den in dieser Sache traditionell ahnungslosen „Berliner Kurier“:

15.000 Euro Entschädigung erstritt Heinisch vorm EU-Gericht für Menschenrechte in Straßburg, erreichte für Arbeitnehmer ein wichtiges Urteil. Wer Missstände bei seinem Arbeitgeber öffentlich anprangert, darf nicht fristlos gefeuert werden. Das war in ihrem Fall passiert.

2. Nachtrag, 22. Juli: Und so berichtet die „B.Z.“ heute über den Fall:

Verkauft doch Zypern!

Was ist eigentlich dieses „Zypern“, von dem man gelegentlich hört und das im nächsten Jahr sogar die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen soll?

Die Nachrichtenagentur AFP scheint zu glauben, dass es sich um einen Landesteil Griechenlands handelt. Nach dem Lesen einer AFP-Meldung von heute käme man nicht auf den Gedanken, dass es ein souveräner Staat ist.

AFP schreibt:

Während der griechisch-zyprischen Ratspräsidentschaft will die Türkei nicht mit der EU reden.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will die Beziehungen zur EU während der griechisch-zyprischen Ratsräsidentschaft [sic] im kommenden Jahr für ein halbes Jahr einfrieren. (…) Die griechische Republik Zypern übernimmt in der zweiten Hälfte 2012 die EU-Ratspräsidentschaft.

Mit den Vertretern der griechischen Inselrepublik werde die Türkei während der Ratspräsidentschaft „auf keinen Fall reden“, sagte Erdogan. (…) Der griechische Teil des seit 1974 geteilten Zypern ist seit 2004 Mitglied der EU. (…)

In dem Interview wurde [Erdogan] auf einen Vorschlag des griechisch-zyprischen Präsidenten Dimitris Christofias angesprochen, (…).

Zypern ist — anders als AFP zu glauben scheint — kein Ableger Griechenlands. Und das Land, das im Juli 2012 die EU-Ratsherrschaft übernimmt, ist auch nicht Griechenland-Zypern oder Griechisch-Zypern, sondern Zypern.

Völkerrechtlich umfasst diese Republik Zypern die ganze Insel. Ihr Nordteil ist allerdings seit 1974 von der Türkei besetzt. Die 1983 ausgerufene „Türkische Republik Nordzypern“ wird von keinem anderen Staat als der Türkei anerkannt.

Den Online-Ableger der „Welt“ hat all das AFP-Gerede von der „griechisch-zyprischen Ratspräsidentschaft“ so nachhaltig irritiert, dass man dort davon ausgeht, dass Zypern im nächsten Jahr unmöglich alleine die EU-Ratspräsidentschaft innehaben kann:

Premierminister Recep Tayyip Erdogan will keine Gespräche mit der EU führen, solange Griechenland und Zypern die EU-Ratspräsidentschaft inne haben

(Dieser Eintrag wirft Steine aus dem Glashaus.)

Nachtrag, 21. Juli. Spät, aber immerhin halbtransparent hat „Welt Online“ den Artikel korrigiert und hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Nachricht wurde Zypern fälschlich als „griechische Inselrepublik“ bezeichnet. Fakt ist, dass Zypern eine eigenständige Republik ist und kein Ableger Griechenlands. Wir bitten um Entschuldigung.

Das kann nicht Euer ERNSTL sein

Vergangene Woche stellte ein Mann namens Paul Awe bei eBay ein ganz besonderes Objekt zur Versteigerung ein:

GLÜCKSRAD - Original aus dem TV - Ikone der 80/90er

Diese Produktbezeichnung war womöglich etwas missverständlich, denn Awe versteigert nicht das Glücksrad aus der unfassbar erfolgreichen Sat.1-Sendung „Glücksrad“ (1988 – 1998), sondern das Glücksrad aus der erfolglosen 9Live-Reinkarnation der Sendung (2004 – 2005) — deutlich zu erkennen etwa an den Euro-Beträgen auf dem Rad.

Das steht so ähnlich auch in der Produktbeschreibung:

Die zu versteigernde Version des Glücksrads drehte sich zuletzt auf 9Live. Es wurde mit Genehmigung des amerikanischen Lizenzgebers hergestellt und dürfte das einzig verfügbare Glücksrad in Deutschland sein.

Paul Awe hätte klar sein müssen, dass sein Angebot falsch verstanden werden könnte — zum einen von möglichen Bietern, ganz sicher aber von Journalisten.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtete bereits letzten Montag:

Das „Glücksrad“ und die Buchstabenwand werden jetzt versteigert. Das kündigte der Münchner Medienunternehmer Paul Awe, dem die Kulissen gehören, am Montag an. Awe hatte das Glücksrad aus dem Fundus des Privatsenders Neun live übernommen, der im Jahr 2005 den Spielshowklassiker zuletzt übertragen hatte.

Das war (bis auf Awes Berufsbezeichnung, zu der wir später kommen) nicht falsch. Irreführend wurde die Meldung durch den darauf folgenden Absatz, der nichts mit dem angebotenen Glücksrad zu tun hatte:

Das „Glücksrad“, das im amerikanischen Original „Wheel of Fortune“ heißt, war mit der meist stummen Buchstabenfee Maren Gilzer sowie den Moderatoren Frederic Meisner und Peter Bond im Jahr 1988 bei Sat.1 auf Sendung gegangen und wechselte 1998 zu Kabel eins, wo es sich bis 2002 drehte. 2004 und 2005 probierte es Neun live noch einmal. Awe kündigte an, er werde das mehrere hundert Kilo schwere Rad samt Buchstabenwand von Dienstag an im Online-Auktionshaus ebay anbieten – Mindestgebot: ein Euro.

Am Mittwoch berichtete „Welt Online“:

Online-Versteigerung: Glücksrad und Buchstabenwand landen bei Ebay. Vor über zwei Jahrzehnten drehte sich das "Glücksrad" erstmals im deutschen Fernsehen. Nun können Nostalgiker das berühmte Requisit im Internet ersteigern.

„Welt Online“ hatte sich sogar die Mühe gemacht, die legendäre „Buchstabenfee“ Maren Gilzer zu befragen, was sie von der Versteigerung halte („Besser, als wenn es in einem Kulissenkeller irgendwo verstaubt.“) und ob sie selbst mitbieten werde („Ich nicht, denn mein Hund Tinka interessiert sich nicht für Buchstaben.“).

Auch „Focus online“ hatte einen schicken O-Ton aufgetan:

Auch Frederic Meissner, der „Das Glücksrad“ 14 Jahre lang moderiert hat, denkt gerne an diese Zeit zurück. „Natürlich kommt auch etwas Wehmut auf, wenn die Studioeinrichtung nun versteigert wird“, so Meissner gegenüber FOCUS Online.

Gegen Ende der Woche hatten die „B.Z.“, die „Hamburger Morgenpost“ und sogar die „Süddeutsche Zeitung“ über die Auktion berichtetet. Letztere, obwohl die Sendung im Rückblick „dermaßen dämlich“ sei, „dass es fast schade um jede Zeitungszeile ist, die man darüber verliert“.

Nachdem Paul Awe übereinstimmend als „Medienunternehmer“ bezeichnet worden war, stellte er am 30. Juni in einem Update auf der Auktionsseite klar:

Ich bin KEIN „Medienunternehmer“ (wie in der Presse dargestellt), sondern ein ganz normal arbeitender Mensch – jetzt mit ein bisschen Glück, hoffentlich!

Am gleichen Tag beantwortete er die Frage eines eBay-Mitglieds, um welches Glücksrad es sich denn jetzt eigentlich handle, so:

Die zur Verstiegerung stehende Version ist nicht die, die 1988 auf SAT.1 zu sehen war, sondern lief auf 9 Live.

Zwei Tage später war die Auktion auch zu Bild.de durchgedrungen:

Auktion bis 7. Juli: Das "Glücksrad" wird bei Ebay versteigert

Die Auktionsseite hatte die Autorin für ihren Artikel offensichtlich nicht gelesen, denn sie schrieb:

Der Münchner Medien-Unternehmer Paul Awe versteigert die Original-Requisite aus der gleichnamigen TV-Sendung jetzt im Online-Auktionshaus Ebay.​

Außerdem schrieb Bild.de:

Demnächst soll auch noch die dazugehörige Buchstabenwand, die bei der Show jahrelang das Reich von Buchstaben-Fee Maren Gilzer war, bei Ebay unter den Hammer kommen.

Die Buchstabenwand, die deutlich kleiner ist als die, vor der Maren Gilzer jahreland auf und ab schritt, stand da bereits seit mehreren Tagen zur Versteigerung.

Die Kabel-1-Variante des Glücksrads war übrigens bereits im Jahr 2002 für einen guten Zweck versteigert worden.

Mit Dank an Axel Sch. und Jens L.

Höhenflug durch Raum und Zeit

Irgendwann ist den Journalisten aufgefallen, dass Politik nichts ist, womit man die Leser begeistern kann: Trockene Sachfragen, lange Debatten und Ausschusssitzungen und viel zu wenig Tore.

Zur Hilfe kamen ihnen da die Meinungsforschungsinstitute, die der Politik die sportliche Komponente gaben, die ihr bisher fehlte: Die wöchentliche Tabelle in Form von Meinungsumfragen. Forsa etwa befragt jede Woche für die Illustrierte „Stern“ und den TV-Sender RTL rund zweieinhalbtausend Wahlberechtigte, die Ergebnisse dieser Umfrage kann man dann – nach Verbreitung durch die Nachrichtenagenturen – quasi überall nachlesen.

Zum Beispiel bei „Welt Online“:

Wahltrend: Grüner Höhenflug vorbei – FDP bei fünf Prozent. Beim ihrem Sonderparteitag haben die Grünen einen Grundsatzkonflikt überstanden. Trotzdem verlieren sie in der Gunst der Wähler.

Nun könnte man einwenden, dass der „grüne Höhenflug“ so vorbei noch nicht sein kann, wenn die Partei mit 24 potentiellen Prozenten immer noch vor der SPD (23) liegt. Oder dass die Partei womöglich nicht trotz des Sonderparteitags bei ihren treuen Wählern verloren hat, sondern deswegen — immerhin hatten die Grünen lange darüber gestritten, ob sie den Plänen der Bundesregierung zustimmen sollen, bis zum Jahr 2022 aus der Kernenergie auszusteigen.

Doch das wäre alles überflüssige Gedankenleistung.

„Welt Online“ selbst schreibt:

Für den Wahltrend befragte Forsa vom 20. bis 24. Juni 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger.

Der Sonderparteitag der Grünen fand aber erst am 25. Juni statt.

Und wenn Sie glauben, so etwas ähnliches schon mal bei uns gelesen zu haben: ja.

Gegen ARD und ZDF geht alles

Das ist eine sensationelle Nachricht, die die „Welt“ da seit Donnerstag in ihrem Online-Auftritt vermeldet:

Spartensender ZDF Kultur will eigenen Jugendkanal

Der Jugendsender eines Kultursenders? Der Ableger eines Ablegers? Sicher, nichts scheint unmöglich bei ARD und ZDF. Aber stutzig machen könnte den unbefangenen Leser, dass die Nachricht nicht nur nirgends sonst steht, sondern auch nicht hier. Im Artikel selbst ist zwar von einem Jugendkanal und einem Kulturkanal die Rede, aber in keiner Weise von einem Jugendkanal eines Kulturkanals.

Es scheint, als habe der diensthabende Mensch, der aus dem Artikel aus der gedruckten „Welt“ eine Fassung für „Welt Online“ machen musste, das Stück nur sehr flüchtig gelesen und nicht verstanden, dass es sich bei dem Jugendkanal um einen Jugendkanal der ARD handelt, der aus den Digitalkanälen „Eins Festival“ und „Eins Plus“ entstehen könnte.

Nun ist es tatsächlich leicht, den Artikel misszuverstehen, weil er überwiegend aus Wutschaum besteht und, was bei dem Thema ARD und ZDF häufiger vorkommt, scheinbar nicht von einem Journalisten, sondern der Lobbyabteilung der Axel Springer AG verfasst wurde. In der gedruckten „Welt“ trägt er die programmatische Überschrift: „Dafür haben wir nicht GEZahlt!“

Autor Ekkehard Kern schreibt über die Digitalkanäle:

Nur selten vermag einer der sechs Miniatursender der Öffentlich-Rechtlichen die Ein-Prozent-Einschaltquotenhürde zu nehmen — was ARD und ZDF jedoch nicht davon abhält, im Segment dieser Spartenprogramme eifrig weiterzuplanen und deren Existenz dem großen Publikum in den reichweitenstarken Hauptprogrammen Das Erste und ZDF aus unerfindlichen Gründen konsequent zu verschweigen.

Er muss schon lange nicht mehr das ZDF eingeschaltet haben, um die vielen Programm-Ankündigungen für ZDF_neo verpasst zu haben. Auch für ZDF.Kultur wirbt das Hauptprogramm.

Im Lobbyistenton fantasiert er weiter:

Schelte für ihre oft wenig durchschaubare Expansionspolitik haben ARD und ZDF reichlich kassiert. Man denke nur an die herrlich überflüssige „Tagesschau“-App für das iPad und überhaupt die digitale Ausbreitung im Internet – einem Terrain, das die Öffentlich-Rechtlichen unangetastet lassen müssten, denn „Rundfunk“ beinhaltet eben schon per definitionem nur Radio und Fernsehen.

Vieles ist der „Tagesschau“-App vorgeworfen worden, gerade auch von Springer, aber dass sie überflüssig ist, nun gerade nicht. Und über die Definition von „Rundfunk“ lässt sich lange streiten, was daran liegt, dass keinewegs klar ist, ob sie „nur Radio und Fernsehen“ beinhaltet. Das Bundesverfassungsgericht etwa sieht das durchaus anders.

Der Autor lästert dann noch ein bisschen über die „grauen Eminenzen von ARD und ZDF“, den „bizarr sturen Apparat“ und den „Seniorenkanal“ ZDF, bevor er vage auf den Wunsch des SWR-Intendanten nach einem Jugendkanal zurückkommt:

Ein ProSieben der Öffentlich-Rechtlichen mag dem SWR-Intendanten Boudgoust vorgeschwebt haben. Nur sinnvoller, versteht sich. Denn die Quote, so betont man bei den Öffentlich-Rechtlichen gerne und stets vorsorglich, bedeute einem nichts.

Dafür hätte man dann doch gerne einmal einen Beleg gelesen. Der ARD-Programmdirektor Volker Herres jedenfalls sagt regelmäßig Sätze wie: „Ich will Programm für alle Menschen machen und Quote sind nichts anderes als Menschen.“ Vielleicht hat der Autor aber auch nur flüchtig ein Interview mit der ARD-Vorsitzenden Monika Piel im aktuellen „Focus“ gelesen, in dem sie sich gegen den Vorwurf der Quotenfixierung wehrt. Die Überschrift lautet allerdings: „Quote ist nicht alles.“

Weiter im Text:

Sehr zupass und pünktlich zur Frühjahrstagung der ARD kam dann jetzt auch eine Wortmeldung des Chefs der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Martin Stadelmaier (SPD).

„Pünktlich“? Stadelmaier äußerte sich am 19. April. Die Frühjahrstagung der ARD endete am 6. April. Jedenfalls:

[Stadelmaier] will mit dem noch vagen Plan des Jugendsenders endlich Ernst machen. Monika Piel, die derzeitige ARD-Chefin, denkt jetzt über eine Kooperation mit dem ZDF nach. Welch neues Projekt aus diesen Diskussionen erwächst, weiß bisher keiner so ganz genau. Aber in der labyrinthischen Welt der Öffentlich-Rechtlichen ist es wie in der Baumarktwerbung: Es gibt immer was zu tun.

Kern hat sich so besinnungslos auf ARD und ZDF eingeschossen, dass er gar nicht merkt, dass Piels Gedankenspiele ganz in seinem Sinne sein müssten. Schon im Januar sagte sie der „taz“:

Es wird keinen „Sender-Zuwachs“ mehr geben. Wir müssen uns natürlich in der ARD weiter entwickeln, aber das bedeutet künftig: umverteilen, etwas Anderes lassen, damit man etwas Neues machen kann. Von daher wird es wohl am Ende meiner Amtszeit eher weniger geben — und ich hoffe bei den Digitalkanälen auf mehr Zusammenarbeit mit dem ZDF — analog zu Phoenix und KiKa.

Nichts in Kerns Artikel ist neu. Aber so tendenziös und falsch ist das womöglich tatsächlich noch nicht aufgeschrieben worden.

Flieg los, Kartoffelbrei!

Lange Zeit glaubten viele Leute, die Erde sei eine Scheibe. Sie wurden von den Leuten für Idioten gehalten, die glaubten, die Erde sei eine Kugel. Jetzt gilt es, neue Idioten zu küren, denn die Medien vermelden heute:

Von wegen Kugel: Die Erde ist eine Kartoffel

Die Erde sieht tatsächlich aus wie eine Kartoffel

Satellitenaufnahmen von der Erde: Erinnerungen an eine Kartoffel

Kartoffel im Weltraum

Diese Meldungen sind kein Aprilscherz — nur eine sehr unwissenschaftliche Verknappung von Forschungsergebnissen.

Die Europäische Weltraumbehörde ESA hatte gestern Bilder vorgestellt, die das physikalische Modell der Erdfigur zeigen. Das so genannte Geoid zeigt die hypothetische Oberfläche der Weltmeere, die allein durch die Schwerkraft geformt wird und auf Strömungen und Gezeiten keine Rücksicht nimmt.

Und nicht nur das:

Damit die Unterschiede im Schwerefeld der Erde deutlich zu erkennen sind, haben sie die Forscher in zehntausendfacher Übersteigerung dargestellt. So gesehen gleicht die Erde einer unregelmäßig geformten Kartoffel.

Die Bilder zeigen also das unsichtbare Schwerefeld, die Abweichungen sind zehntausendfach verstärkt. Genau genommen wissen das auch die meisten Medien, denn sie schreiben es in ihren Artikeln. Artikel, deren Überschriften behaupten, die Erde sehe aus „wie eine Kartoffel“.

Die ESA hat bei ihren Bildern übrigens die „noch nie dagewesenen Einzelheiten“ hervorgehoben. Zu Recht, denn die eigentliche Erkenntnis über die Form des Schwerefelds ist nicht gerade neu — und schon seit Jahren für die Überschriftenmacher der Zeitungen unwiderstehlich:

Die Erde ist in Wahrheit eine Kartoffel
(„Welt Online“, 5. Juni 2007)

Für die Forschung wird die Erde zur Kartoffel
(„Südwest Presse“, 6. Juni 2006)

Die Erde ist eine Kartoffel
(„Die Welt“, 1. August 2004)

Eine Kartoffel wird vermessen
(„Der Tagesspiegel“, 15. März 2002)

Aus einer ganz anderen Welt kommt heute mal wieder „Bild“:

Erde ist gar nicht rund! München – So krumm haben wir unsere Erde noch nie gesehen! Der ESA-Satellit "Goce" hat das Schwerefeld des Planeten mit bisher unerreichter Genauigkeit vermessen. Das Ergebnis: Die Erde ist nur annähernd eine Kugel, sieht eher aus wie eine Kartoffel.

Mit Dank an Bjoern S. und Jörg S.

Wette auf Gottschalks Entscheidung verloren

Das ist eine interessante Übung: Eine Zeitung, die am Sonntag erscheint, versucht am frühen Samstagabend vorherzusagen, was am etwas späteren Samstagabend passieren wird.

Auf „Welt Online“ erschien heute um 18.58 Uhr folgende Meldung:

Gottschalk wird "Wetten, dass..?" nicht verlassen. Nach Informationen der "Welt am Sonntag" wird sich Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" nicht zurückziehen.

Der sofortige Rückzug von Thomas Gottschalk aus der Show „Wetten, dass..?“, über den am Samstag nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung viel spekuliert wurde, findet nach Informationen der „Welt am Sonntag“ nicht statt.

Bereits im Vorfeld der Sendung, zu deren Beginn sich der Moderator erklären wollte, erfuhr „Welt am Sonntag“, dass die Gerüchte falsch sind. (…) Man konnte also davon ausgehen, dass die Gerüchte um einen bevorstehenden Rücktritt von Thomas Gottschalk jeder Grundlage entbehrten.

Eineinhalb Stunden später waren nicht nur die ZDF-Zuschauer, sondern auch die Leser von „Welt Online“ schlauer, die sich nun nicht mehr auf die „Informationen der ‚Welt am Sonntag'“ verlassen mussten:

Gottschalk hört im Sommer bei "Wetten, dass..?" auf. Thomas Gottschalk gibt nach rund 24 Jahren die Moderation von "Wetten, dass..?" ab. Im Sommer will er die ZDF-Show zum letzten Mal moderieren.

Ups, verpflaumt!

Wer Henryk M. Broder kennt, der ahnt, dass der hauptberufliche Polemiker nur so halb bei der Sache war, als er heute auf „Welt Online“ die ARD anfiel: Schon die Anrede „Hallo, ARD!“ fiel eher moderat aus, noch dazu hat er niemanden mit Hitler oder Goebbels verglichen — Broder war also regelrecht entspannt.

Aber ein Anliegen scheint es ihm schon gewesen zu sein, die ARD-Verantwortlichen darauf hinzuweisen, dass sie am Donnerstagabend „Mubaraks Rede an sein Volk verschlafen“ hätten:

Heute war Kai Pflaume mit seinem „Star-Quiz“ dran. Und was er mit seinen La-Ola-Promis aus Film, Funk und Fernsehen zu bieten hatte, das war so aufregend, so atemberaubend, so einmalig, so grandios, so sensationell, so spannend, dass Sie sich nicht dazu durchringen konnten, das Quiz für eine Sondersendung abzubrechen und nach Kairo zu schalten, wo gerade Geschichte passierte.

Broder warf den Verantwortlichen vor, sie hätten „Kai und seine Pflaumen weiter raten lassen“, während das ZDF die Rede Mubaraks ausreichend gewürdigt habe.

Im Ersten, so Broder weiter, sei nichts dergleichen zu sehen gewesen:

Als es sich dann kurz vor 23 Uhr ausgequizt und Kai Pflaume seine Geiseln endlich freigelassen hatte, meldete sich Tom Buhrow mit einer Sonderausgabe der „Tagesthemen“, die drei Minuten dauerte.

In seinem milde temperierten Wutbrief hatte Broder ein winziges Detail übersehen: Die ARD hatte das verdammte „Star Quiz“ um 21.46 Uhr für eine 24-minütige Sonderausgabe der „Tagesthemen“ unterbrochen (nachzusehen in der ARD-Mediathek). Deswegen endete das „Star Quiz“, das wegen eines „ARD Brennpunkts“ mit einer Viertelstunde Verzögerung gestartet war, überhaupt erst um kurz vor 23 Uhr.

Diese Informationen scheinen im Laufe des Vormittags auch bei „Welt Online“ angekommen zu sein — Broders Text jedenfalls wurde um kurz nach 12 kommentarlos offline genommen. Broder selbst bewirbt sie aber noch in seinem Blog „Die Achse des Guten“.

Mit Dank auch an Kritiker123 und Peter.

Nachtrag, 12.39 Uhr: Broder bittet die „liebe ARD“ um Entschuldigung.

Jay Khan’s doch noch

Beliebtheit wird offenbar seit einiger Zeit in der neuen Einheit „Fans bei Facebook“ gemessen. Dementsprechend schlug das, was die Landau Media AG heute zu berichten hatte, ein wie eine Bombe:

Dschungel-Stars auf Facebook: Jay Khan verliert Online-Fangemeinde

Die öffentlich zur Schau gestellte Dschungelcamp-Affäre von Tariq Jay Khan mit Indira Weis hat der Popularität beider Sternchen im sozialen Netzwerk Facebook geschadet. Die Zahl der Jay Khan Fans stürzte von fast 7.300 auf 600 ab. Indira Weis belegt mit 2.905 Fans den undankbaren vierten Platz. (…) Selbst der mit dem Silbermedaillengewinn belohnte Thomas Rupprath erreicht nur rund 1.100 Fans (…)

Zahlreiche Online-Medien verbreiteten die Horrornachricht vom plötzlichen Facebook-Gesichtsverlust von Jay Khan munter weiter, darunter Bild.de (inzwischen gelöscht), taz.de, die Onlineauftritte von „Berliner Morgenpost“ und „Augsburger Allgemeine“, Welt.de und viele andere.

Abgesehen davon, dass Thomas Rupprath nur Dritter wurde und deshalb wohl eher als „Bronzemedaillengewinner“ bezeichnet werden darf, hat die Landau Media AG — laut eigener Auskunft einer der führenden Anbieter im Bereich Medienbeobachtung und Medienresonanz-Analysen in Deutschland — jedoch auch einen richtig groben Fehler begangen: Statt die Anzahl der Fans der offiziellen Facebook-Seite von Jay Khan an zwei verschiedenen Zeitpunkten zu messen, hat Landau Media die 7.300 Fans (Stand: 28. Januar) der offiziellen Seite mit den 617 Fans einer völlig anderen, inoffiziellen Jay-Khan-Fan-Seite (womöglich diese hier) verglichen.

Die offizielle Facebook-Seite des Sängers hat in Wirklichkeit überhaupt keine Verluste hinnehmen müssen. Im Gegenteil: Dank des Medienrummels von heute konnte Jay Khan die Zahl seiner Facebook-Anhänger sogar noch einmal kräftig erhöhen (Stand: 17.46 Uhr):

8076 Personen gefällt das

Immerhin express.de und mopo.de waren clever genug, selbst nachzuschauen. Sie schrieben beide:

Wir haben nachgeschaut und zwei Fanseiten von Jay Khan gefunden. Auf seiner offiziellen Seite hat er noch 7664 Fans. (Stand 2. Februar 2011, 12 Uhr).

Mit Dank an Rene W., Diana B., Kieler, Timo H., Anne, Moritz N. und Björn Sch.

Nachtrag, 22.40 Uhr: Die „Augsburger Allgemeine“ hat sich Bild.de inzwischen angeschlossen und den Artikel über Jay Khans Facebook-Verluste ohne Erklärung gelöscht.

2. Nachtrag, 4. Februar: Morgenpost.de und Welt.de haben den ursprünglichen Artikel jeweils durch einen neuen mit dem Titel „Jay Khan hat mehr Facebook-Anhänger als gedacht“ ersetzt, in dem der Fehler transparent erklärt ist. Auf Welt.de findet sich trotzdem noch eine falsche Version, die wohl automatisch aus der Printausgabe übernommen wurde.

3. Nachtrag, 4. Februar: Landau Media verteidigt sich in einer Fußnote folgendermaßen:

Die Fanpage-Seite von Tariq Jay Khan wurde zum Punkt der Auswertung offline gesetzt (28.01.2011) und erst am 01.02.2011 wieder online gestellt.

Das erklärt trotzdem nicht, warum Landau Media einfach ohne Hinweis einen Vergleich mit einer anderen Fan-Page durchgeführt hat.

4. Nachtrag, 4. Februar: Landau Media spricht in einem neuen Update, das dennoch mit dem Datum von gestern versehen ist, inzwischen von einer „Achterbahnfahrt für Jay Khan“. Dass Landau Media selbst Jay Khan durch einen Vergleich zweier verschiedener Fanseiten ohne Hinweis und die mitgelieferte, äußerst subjektive Begründung auf die „Achterbahnfahrt“ geschickt hat, scheint aber immer noch nicht angekommen zu sein.

Wenigstens kein Bolzenschneider

In Berlin kam es am Wochenende am Rande von Demonstrationen gegen die bevorstehende Räumung eines besetzten Hauses zu gewalttätigen Eskalationen.

„Welt Online“ würdigt die Ereignisse unter anderem mit einer 11-teiligen Klickstrecke. Mittendrin prangte dieses Foto:

Diese Bildunterschrift ist schlicht falsch: Zum einen sehen die „Schlagstöcke“ nicht sonderlich massiv aus, der rechte scheint unten sogar abgeknickt zu sein. Zum anderen stehen die Demonstranten vor dem „St. Oberholz“ am Rosenthaler Platz — und der liegt nicht mal mindestens auf dem Weg der Demonstration.

Das Foto zeigt eine Theatergruppe auf einer Demonstration, die einen Tag zuvor im Rahmen des „Entsichern-Kongress“ gegen einen in Berlin abgehaltenen Polizeikongress stattgefunden hatte. Laut Veranstaltern sollte damit in satirischer Art und Weise das Thema Polizeigewalt dargestellt hat. Die „Schlagstöcke“, so berichten uns Augenzeugen, seien aus gepolstertem Material gewesen und wurden als Requisiten für die Aufführung verwendet.

„Welt Online“ hat das Foto inzwischen aus der Bildergalerie entfernt.

PS: Überschriftenwitzerklärung.

Mit Dank an Juri S. und Lina.

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