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Du hast den Farbbeutel vergessen

Da ging es aber mächtig drunter und drüber, als Frauke Petry, die Co-Vorsitzende der „Alternative für Deutschland“ (AfD), am vergangenen Mittwoch in Göttingen Opfer eines Angriffs wurde. Also nicht nur im Restaurant „Ali Baba“, wo Petry mit einem Journalisten saß, sondern auch in den Medien.

In einer ersten Meldung, die die dpa am Mittwochabend sowohl über den Basisdienst als auch über den Landesdienst Niedersachsen rausjagte, stützte sich die Agentur in weiten Teilen auf die Aussagen eines AfD-Sprechers:

Die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, ist in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben von Parteisprecher Christian Lüth am Mittwoch den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß, so dass sie zu Boden ging. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Beuteln mit Fruchtsaft beworfen.

Dem Sprecher zufolge war vor der Attacke eine junge Frau an Petry herangetreten und hatte gefragt: „Sind Sie Frauke Petry?“ Als diese die Frage bejahte, soll die Frau sie beschimpft haben und dann verschwunden sein. Kurz darauf stürmten die Vermummten in das Lokal. Sie riefen nach Angaben des Sprechers „Nazis raus!“

Die Darstellung, die die dpa an die Redaktionen im ganzen Land schickte, deckt sich stark mit der, die Frauke Petry knapp anderthalb Stunden zuvor auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte hatte:

Fruchtsaft? Farbbeutel? Da kamen nicht nur die AfD-Leute durcheinander, sondern auch die nach Aktualität hetzenden Journalisten. „Focus online“ blieb bei der dpa-Variante und sprach von „Fruchtsaftbeuteln“, die „Augsburger Allgemeine“ entschied sich in ihrer Überschrift hingegen für eine „Farbbeutel-Attacke“. sueddeutsche.de ließ die Angreifer Fruchtsaft aus Flaschen spritzen, laut stern.de sollen sie Petry mit Getränken beworfen haben.

Dutzende weitere Medien berichteten über den Vorfall in Göttingen. So gut wie alle von ihnen übernahmen (von der dpa) Frauke Petrys Polterei, dass es sich bei dem Angriff um einen niederträchtigen Versuch handele, „die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken“; und dass die Tat zeige, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost werde.

Später am Mittwochabend und nach ersten Befragungen im Restaurant „Ali Baba“ veröffentlichte die Polzeiinspektion Göttingen eine Pressemitteilung, in der sie den Fruchsaft-Farbbeutel-Angriff mit keinem Wort erwähnte. Und am Donnerstag folgte eine zweite Pressemitteilung, die den AfD-Schilderungen sogar deutlich widersprach:

Aktuellen Erkenntnissen zufolge betraten im Anschluss an eine junge Frau gegen 16.00 Uhr vermutlich fünf bis sechs weitere Personen das Cafe. Es kam zu einem Wortgefecht, bei dem der Tisch, an dem Frau Petry und der Journalist saßen, aus bislang noch ungeklärten Gründen plötzlich kippelte, aber nach derzeitigem Stand nicht umstürzte. Dabei fielen die auf dem Tisch stehenden Gläser, darunter eines mit Fruchtsaft, und ein gläserner Kerzenhalter auf den Boden. […]

Hinweise darauf, dass es in dem Lokal zu Würfen von Farb- oder mit Fruchtsaft gefüllten Beuteln auf die Politikerin Petry gekommen ist, haben sich bei den aktuellen Ermittlungen nicht ergeben. Ebenso ist es nach derzeitigem Stand auch nicht zu Bedrohungen oder körperlichen Über-bzw. Angriffen auf die Parteivorsitzende oder ihren Gesprächspartner gekommen. Wegen der ihr gegenüber getätigten Äußerungen stellte Frau Petry am Mittwochabend Strafantrag wegen Beleidigung gegen Unbekannt.

Also kein umgekippter Tisch. Keine zu Boden gestürzte Frauke Petry. Und keine mit was auch immer gefüllten Beutel, die durchs Lokal flogen.

Das hatte inzwischen auch die dpa getickert, allerdings nicht mehr über den großen Basisdienst, sondern nur noch über den kleineren Landesdienst Niedersachsen:

Etwa ein halbes Dutzend Unbekannte, die die Polizei der linksautonomen Szene zurechnet, hatten Petry am Mittwochnachmittag in einem Lokal in der Innenstadt beschimpft. Außerdem hätten sie an dem Tisch gerüttelt, an dem die rechtskonservative Politikerin mit einem Journalisten saß, sagte die Sprecherin. Dabei sei ein Glas mit Saft umgekippt und ein gläserner Kerzenleuchter zu Boden gestürzt.

Als diese Meldung die Redaktionen erreichte, war die Legende vom Fruchtsaftbeutelwurf längst in der Welt. Dabei war relativ früh klar, dass es zumindest Zweifel an der AfD-Erzählung gibt: Das „Göttinger Tageblatt“ zitierte bereits am Mittwoch eine Mitarbeiterin des Restaurants, die die Situation deutlich anders als Frauke Petry wahrgenommen hatte. Das scherte zu dem Zeitpunkt aber offenbar weder die dpa noch all die Medien, die die Meldung — und damit das Märchen des AfD-Sprechers — reihenweise übernahmen.

Nun ist das nicht der erste Fall, bei dem die AfD (Slogan: „Mut zur Wahrheit!“) eine Situation deutlich überspitzt darstellt, es sich in der Opferrolle gemütlich einrichtet und anschließend zuschauen kann, wie Medien die Partei-Sage unters Volk bringen. Als der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke im August 2013 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Bühne geschubst wurde, sprachen sowohl die Partei als auch zahlreiche Medien schnell von einem „Messer-Angriff“ und „linken Chaoten“. Lucke nutzte damals die mediale Aufmerksamkeit — wie vergangene Woche Frauke Petry –, um gegen „Linksextreme“ zu wettern.

Im selben Monat hatte Lennard Rudolph, AfD-Mitglied aus Göttingen, behauptet, dass die Wände seines Wohnhauses mit Benzin übergossen wurden. Die „Welt“ kaufte ihm die Geschichte vom vereitelten Brandanschlag damals ab, während die Göttinger Polizei sich über Rudolphs Aussagen wunderte.

Und wir wundern uns, dass Agenturen und Zeitungen den Aussagen der AfD immer noch blind vertrauen.

Siehe auch: The European: Die Petry und ihr Saftladen

Mit Dank an Benjamin L. und Fionn P.!

Nachtrag, 4. Juni: Der Journalist, mit dem Frauke Petry im Göttinger Restaurant am Tisch saß, ist Jens Schneider von der „Süddeutschen Zeitung“. Und der hat in einem Artikel (Paywall) die Szene so aufgeschrieben:

An diesem Nachmittag in Göttingen will sie [Petry] sich gern weiter in Erinnerungen bewegen. Sie sucht das Pfannkuchenhaus. Als das nicht zu finden ist, wählt sie fürs Interview die Crêperie „Ali Baba“. […]

Plötzlich steht eine junge Frau vor dem Café-Tisch. Sie fragt höflich, als wolle sie nicht an der falschen Stelle grob werden: „Entschuldigung, sind Sie Frauke Petry?“

Petry, liebenswürdig: „Ja.“

Die Frau freut sich. Dann sagt sie: „Geil, ich wollte Ihnen immer schon mal sagen, dass ich Sie richtig scheiße finde.“

„Ja, in Ordnung“, antwortet Frauke Petry unerschüttert. Die Frau ist da schon wieder weg. „Das ist halt Göttingen“, sagt Petry, lacht und widmet sich wieder dem Interviewer. Wenige Minuten später wird es laut. Zwei Vermummte stehen brüllend vor dem Tisch. „Scheiß-Nazi-Frau!“ rufen sie. Und: „Verpisst euch aus Scheiß-Göttingen!“ Einer stößt gegen den Tisch, der Tisch kippt. Sie spritzen mit klebriger Flüssigkeit. Es ist beängstigend, auch wenn es keine Minute dauert.

Frauke Petrys Bluse ist nass.

„Vertrauen Sie der Chemikerin, das war Fruchtsaft, nicht gefährlich“, stellt sie fest und „tja, Demokratie in Deutschland.“

Will sie die Polizei rufen?

„Nein, das nicht, aber wenn Sie bitte ein Handtuch hätten?“ fragt sie die Kellnerin.

Sie macht ein paar Scherze, fragt schließlich: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Vorm Café lauern Autonome, machen Sprüche, als sie geht: „Hey, ihr habt was verloren — den Zweiten Weltkrieg!“ […]

Der Sprecher der AfD in Berlin wittert eine Gelegenheit. Er versendet eine Pressemitteilung, schreibt von einer Attacke mit Farbbeuteln und erheblichem Sachschaden. Unfug. Er macht den üblen Angriff schlimmer als er war. Petry beklagt in der selben Erklärung, die Tat zeige „erneut, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost wird“.

Mit Dank an Stefan P.!

Nachtrag, 10. Juni: Bei Welt.de haben sie es immer noch nicht mitbekommen. Gestern erschien ein weiterer Artikel zur AfD, in dem die Redaktion am Fruchtsaftbeutel-Opfer-Mythos festhält:

Vor zwei Wochen war die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben des Parteisprechers den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Fruchtsaftbeuteln beworfen.

 

Von alten Enten und toten Hunden

Wenn jemand im Internet die Geschichte vom toten Hund erzählt, dann wird sie in der Regel so eingeleitet:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten … mein Chef erzählte sie mir und es soll sich um Bekannte von ihm handeln.

Oder so:

Die folgende Geschichte hat mir ein guter Freund erzählt, die angeblich der Cousine eines Arbeitkollegen pasiert sein soll.

Oder so:

War gestern bei einer Weiterbildungskollegin und die hat mir eine Story erzählt, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie ist wirklich passiert und kein Witz!

Im Kern ist die dann folgende Geschichte immer gleich: Sie handelt von irgendwem, der irgendwann mal in irgendeiner Stadt einen Spaziergang mit seinem Hund gemacht hat. Vor dem Eingang eines Kaufhauses fiel der Hund plötzlich und bedauerlicherweise tot um. Schock, Trauer – und die Frage: Wohin mit dem toten Tier? Irgendjemand besorgte aus dem Kaufhaus einen Karton, der Hund wurde darin verstaut, es gab eine kurze Ablenkung und schwupps! hatte ein Dieb den Karton samt Hund geklaut. Armer Hund, Pech für den Dieb, hihi.

Seit mindestens zwölf Jahren wird diese Geschichte erzählt — in den verschiedensten Varianten. Mal ist es ein Dackel, mal ein Schäferhund, mal ein Berhardiner; mal spielt die Geschichte in Düsseldorf, mal in Frankfurt, mal in Siegen; mal vor einem Eletronik-Laden, mal vor einem Einkaufszentrum, mal vor einer Mode-Boutique. Und nicht nur hierzulande: Auch in Österreich taucht die Story vom geklauten toten Hund seit Jahren immer wieder auf.

Beweise gibt es allerdings nie. Keine Polizeiberichte, keine Überwachungsvideos, keine Fotos. Mit den Betroffenen selbst hat noch nie jemand gesprochen, alles beruht immer nur auf den Aussagen eines Bekannten einer Freundin der Cousine einer Arbeitskollegin. Aber: „wirklich passiert, kein Witz!“

2010 schaffte es eine Version der Geschichte sogar in die „Süddeutschen Zeitung“. Der Autor schrieb:

Manche Geschichten klingen unglaublich und leiden sehr darunter, dass sie in verschiedenen Versionen kursieren. Nun haben allerdings ein paar Freunde in Feldkirchen gerade eine Geschichte zum besten gegeben, die angeblich verbürgt sein soll, wegen einer gewissen emotionalen Delikatesse aber nicht ganz exakt auszurecherchieren ist.

Er hätte auch schreiben können:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten …

In der „SZ“-Version spielt die Geschichte in München vor einem Einkaufszentrum. Hund tot, Karton geklaut.

Es war nicht das erste Mal, dass der tote Hund in der Presse auftauchte. Schon sechs Jahre zuvor hatte die „Badische Zeitung“ über einen solchen Fall berichtet. Tatort seinerzeit: Frankfurt, Messegelände. Die „taz“ hörte im gleichen Jahr von einem Fall in Speyer, vor dem Media Markt. Vergangenes Jahr schilderte die „Rheinischer Post“ einen Fall aus Düsseldorf, Königsallee.

Und weil der „Süddeutschen Zeitung“ die Geschichte offenbar so gut gefällt, hat sie gestern gleich noch eine Version erzählt:
Mops-Dieb - Tüte mit totem Hund geklaut
Diesmal: München, Residenzstraße. Vor einem teuren Modegeschäft fällt ein Mops tot um. Und so weiter.

Eine Quelle für die Geschichte hat der Autor nicht angegeben. Spontan hätten wir ja auf die Cousine des Bekannten einer Freundin getippt.

Auf Nachfrage erklärte uns die „SZ“, es gebe gleich zwei Quellen: Und zwar erstens eine Bekannte der Hundebesitzerin. Und zweitens die Angestellten aus dem Modegeschäft. Die hätten versichert, dass zumindest der erste Teil der Geschichte (toter Hund wird eingepackt) wahr sei, das sei ja in ihrem Geschäft passiert. Und der Rest stimme auch, schließlich sei die Dame, deren toter Mops gestohlen wurde, die Schwiegermutter einer ehemaligen Mitarbeiterin. (Wir waren nah dran.)

Selbst wenn die Geschichte vom toten Hund diesmal tatsächlich stimmen sollte, wäre sie schon mindestens ein halbes Jahr alt. Laut  „SZ“ soll der Diebstahl „irgendwann in der ersten Jahreshälfte“ geschehen sein.

Bei der Münchner Polizei hat man allerdings noch nie etwas von dem Fall gehört.

Mit Dank an Matthias und Basti.

Journalismus auf Irrwegen

Es ist aber auch eine kuriose Geschichte, die die dpa da entdeckt hat. Unter der Überschrift …Bosnische Fußball-Fans reisen zum Auswärtsspiel ins falsche Land

… tickerte die Agentur in der vergangenen Woche:

Auf der europäischen Landkarte haben mehrere Fußball-Fans aus Bosnien-Herzegowina wohl die Übersicht verloren: Sie wollten ihr Team am vergangenen Dienstag beim entscheidenden letzten WM-Qualifikationsspiel im litauischen Kaunas unterstützen. Doch statt nach Litauen reisten die Fans ins benachbarte Lettland – sie hatten bei der Buchung nicht genau aufgepasst, wohin die Reise geht.

Tja — dumm gelaufen.

Es dauerte nich lange, bis sich auch andere Medien für die Geschichte der „Touristen-Trottel“ (Süddeutsche.de) interessierten — so etwa das „Hamburger Abendblatt“, die „Mopo“tagesschau.de, die „Sächsische Zeitung“, sport1.de, der „Kölner Stadt-Anzeiger“, „NWZonline“, der „General-Anzeiger Bonn“, der „Nordkurier“, die „Rhein-Zeitung“, express.de, die „Saarbrücker Zeitung“, die „Rheinische Post“, die „Nürnberger Zeitung“, die „Main Post“, die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und und und.

Doch so schön sie auch ist: Die Geschichte der verirrten Fans ist ein Fake.

Sie stammt nämlich ursprünglich von der kroatischen Satire-Seite Novosti24.net. Dort kann man sich gefälschte Artikel generieren lassen, um seine Freunde (oder die Medien) zu veräppeln. Dafür muss man einen Namen sowie Beruf und Herkunftsort eingeben und kann dann aus mehreren vorgegebenen Themen eines auswählen – zum Beispiel, dass [Name] tagelang auf dem Klo eingesperrt war, einen Abend mit Justin Bieber gewonnen hat, sich für den Playboy auszieht oder beim Eurovision Song Contest mitsingt. Oder aber, dass [Name] zusammen mit anderen bosnischen Fußball-Fans aus Versehen nach Lettland statt nach Litauen gefahren ist. Die zuvor eingetippten Daten erscheinen dann im Text, der aussieht, als sei er ein echter Artikel.

Auf unsere Anfrage teilten die Betreiber des Portals mit:

Novosti24.net ist eine Website, um lustige Fake-News zu erstellen, die man seinen Freunden zeigen kann – also ja: Diese Geschichte ist ein Fake von unserer Seite. Nichts in diesem Artikel ist wahr, es ist alles erfunden. Der Text ist in den vergangenen Tagen schon auf etlichen kroatischen/bosnischen/serbischen Zeitungs-Websites aufgetaucht. Es ist wirklich lustig, wie Journalisten in ganz Europa über etwas schreiben, das überhaupt nicht passiert ist. Aber wir sind froh, wenn wir Leute zum Lachen bringen können.

Nachdem wir die dpa darauf hingewiesen hatten, forschte sie noch mal nach und musste schließlich einräumen, dass es nun „deutliche Zweifel“ an der Geschichte gebe. Wie uns ein Sprecher erklärte, hätten zunächst verschiedene Medien in Südosteuropa über den Fall berichtet, mit einiger Verzögerung dann aber darauf hingewiesen, dass es sich um einen Scherz handele. Auch im Baltikum sei die Geschichte vielfach aufgegriffen worden, noch dazu mit sehr unterschiedlichen Quellenangaben. Da das alles ein sehr großes Durcheinander sei und die Authentizität der Geschichte nicht abschließend geklärt werden könne, sei die Meldung im dpa-System jetzt gesperrt worden.

Tja — dumm gelaufen.

Mit Dank an Muamer A.

Mein neuer Freund

Die „Süddeutsche Zeitung“ widmete ihren Aufmacher im Ressort „Wissen“ gestern einer Studie zum Thema Online-Dating:

Der Klick zum Glück

Der Teaser lautete:

Immer häufiger finden Menschen ihre Lebensgefährten über das Internet. Zugleich mehren sich die Hinweise, dass online angebahnte Ehen mindestens so glücklich verlaufen und so lange halten wie traditionell gebildete Partnerschaften

Selbst auf der Titelseite wurde der Text angerissen:

Der Klick zum Glück: Online-Dating stiftet die besseren Ehen > Wissen

Auch „Spiegel Online“ schreibt:

Online-Dating: Im Netz gestiftete Ehen halten länger

Wer sich zuerst online begegnet ist, dessen Ehe hält länger – das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie aus den USA. Wer seinen Partner aus dem Netz kennt, ist mit seiner Beziehung demnach auch zufriedener

Und AFP vermeldet in Bezug auf dieselbe Studie (und mit leichten grammatikalischen Schwächen):

Großteil der US-Ehen kommen über das Internet zustande

Was die Journalisten allerdings nicht erwähnen — und zwar weder in der „Süddeutschen Zeitung“ noch bei „Spiegel Online“ noch bei AFP: Diese Studie wurde von „eHarmony“ in Auftrag gegeben — einer amerikanischen Online-Partnerbörse.

Einige der beteiligten Wissenschaftler arbeiten außerdem schon seit Längerem mit dem Unternehmen zusammen: Der leitende Forscher etwa ist wissenschaftlicher Berater von „eHarmony“, ein anderer Autor der Studie war mal Leiter der „eHarmony Laboratories“.

So etwas muss nicht zwingend Einfluss auf die Studienergebnisse haben. Dass „eHarmony“ in der Studie unter den Dating-Seiten am besten abgeschnitten hat, kann natürlich auch Zufall sein.

Aber man sollte diesen Interessenskonflikt doch zumindest erwähnen, wenn man als Journalist über die Studie berichtet. Vor allem, weil man dafür gar nicht lang hätte recherchieren müssen: Im Aufsatz (PDF), auf den sowohl „Spiegel Online“ als auch Süddeutsche.de verlinken, weisen die Wissenschaftler in einem „Conflict of interest statement“ nämlich selbst darauf hin.

Mit Dank an Basti.

Messerwisser

Zu den Kernkompetenzen von „Bild“ gehören (angeblich) Fußball und (offensichtlich) Nacktheit.

So gesehen war gestern ein großer Tag:

Nackt-Zelte bald vor jedem Stadion?

Vor dem Spiel des FC Bayern München gegen Eintracht Frankfurt hatten die Bayern zwei Zelte aufgestellt, in denen die Gästefans laut „Bild“ kontrolliert wurden „wie auf dem Flughafen“:

Drinnen wurden die Fans vom Bayern-Sicherheitsdienst auf verbotene Gegenstände wie Pyrotechnik kontrolliert. Bei einem Anfangs-Verdacht hätten sich Fans für weitere Kontrollen wohl komplett ausziehen müssen.

„Bild“ zitierte Kritiker der Aktion, erklärte die Rechtslage („Nur die Polizei darf Fans zum Entkleiden auffordern.“), ließ die Bayern aber auch zu Wort kommen:

Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Maßnahme: „30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen.“ Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfeffer-Spray gefunden.

Ähnliche Angaben finden sich auch in anderen Medien.

süddeutsche.de berichtete:

Am vergangenen Samstag, beim Spiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt, von DFB vorab als „Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, wurden darin stichprobenartig Frankfurter Fans kontrolliert. Dabei wurden sichergestellt: 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube und Pfefferspray, außerdem Kokain.

Der Sportinformationsdienst sid schrieb:

Bei den Kontrollen am Samstag seien unter anderem 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt worden.

Und die Deutsche Presse Agentur dpa vermeldete:

Die Maßnahmen rechtfertigte der Verein etwa damit, „verbotene Pyrotechnik und Gewalt im Stadion“ verhindert haben zu wollen, um dadurch „die Sicherheit von rund 71 000 Zuschauern in der Allianz Arena zu gewährleisten“. Bei den Kontrollen seien unter anderem 20 Messer sichergestellt worden.

20 (oder 22) Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von „30 bis 40 Anhängern“ gefunden worden wären, wie man es aus dem „Bild“-Bericht herauslesen könnte. Oder bei der „stichprobenartigen“ Kontrolle der Frankfurter Fans auf süddeutsche.de.

Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern gegenüber dem Eintracht-Blog der „Frankfurter Rundschau“ heute bestätigten:

„Bild“ hatte da in der Frankfurter Regionalausgabe bereits diese Klarstellung veröffentlicht:

Klarstellung: Zum BILD-Artikel über die "Nackt-Zelte" in der gestrigen Ausgabe: 20 Messer, zwei Schlagstöcke und eine Dose Pfefferspray fand die Polizei vorm Eintracht-Spiel in München — bei sämtlichen Kontrollen rund ums Stadion. Damit sind nicht nur die umstrittenen Vollkörperkontrollen vorm Eintracht-Bereich gemeint.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Legenden der Hörerschaft

Gestern Abend (Ortszeit) lieferten sich US-Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney das erste TV-Duell im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in rund fünf Wochen. Diese Fernsehdebatten umweht ein ganz besonderer Hauch, wie auch sueddeutsche.de schreibt:

Den Mythos von der Macht der Mattscheibe in Amerikas Präsidentschafts-Kampagnen begründete die allererste Debatte. Am 26. September 1960 hatten sich der Republikaner Richard Nixon, der damalige Vizepräsident, und sein bis dato eher unbekannter Widerpart, der demokratische Senator John F. Kennedy, in einem Fernsehstudio eingefunden – und jene Millionen Amerikaner, die damals das Duell nur per Radio verfolgten, urteilten hinterher, Nixon sei klarer Sieger gewesen. Nur, im Fernsehen sah die Sache anders aus.

Ein Mythos, fürwahr. In ihrem Aufsatz „The myth of viewer‐listener disagreement in the first Kennedy‐Nixon debate“ hatten sich die Wissenschaftler David L. Vancil und Sue D. Pendell schon 1987 der angeblichen Kluft zwischen den Menschen gewidmet, die die Debatte im Fernsehen bzw. Radio verfolgt hatten.

Ihre Erkenntnisse hat das Blog „Media Myth Alert“ erst letzten Sonntag noch einmal zusammengefasst:

In ihrem Artikel […] zeigten Vancil und Pendell auf, dass die Umfrage vom [Meinungsforschungsinsitut] Sindlinger mehr als 2.100 befragte Personen enthielt — von denen nur 282 die Debatte im Radio verfolgt hatten.

Sie hielten fest, dass „eine untergeordnete Gruppe von 282 Befragungen unterhalb des Grenzwerts ist, der normalerweise für eine nationenweite Auswahl benötigt wird“. Nicht nur das: Nur 178 von den 282 Befragten „äußerten eine Meinung, wer die Debatte gewonnen habe“, schrieben Vancil und Pendell.

Außerdem sagten sie, habe die Sindlinger-Auswahl nicht spezifiziert, wo die Radiohörer lebten, und fügten hinzu

„Eine geographische Schlagseite in der Radio-Auswahl … könnte dramatische Auswirkungen auf die Auswahl eines Debattensiegers gehabt haben. Wenn mehr Leute aus der Provinz vertreten waren, was wegen des relativ eingeschränkten Zugangs zum Fernsehen in ländlichen Gebieten im Jahr 1960 ziemlich sicher der Fall war, hätten sie Nixon bevorzugt.“

[Übersetzung von uns.]

Die paar Befragten, die die Debatte überhaupt im Radio verfolgt hatten, lebten also vermutlich eher in ländlichen Gebieten, wo die politische Ausrichtung sowieso eher in Richtung des Konservativen Richard Nixon tendierte.

Aber die Geschichte ist offenbar zu schön, um sie nicht auch nach 52 Jahren noch zu erzählen.

Mit Dank an Sebastian H.

Coke Triplezero

Dieser Mann hat allen Grund, bedröppelt dreinzublicken:

Vorstandsvorsitzender von Coca-Cola Muhtar Kent nimmt an einem Treffen in Neu-Delhi teil. Coca-Cola, der größte Getränkeproduzent weltweit, plant fünf Billionen US-Dollar in den indischen Markt zu investieren.

Es ist Muhtar Kent, Vorstandsvorsitzender der Coca-Cola Company, und eigentlich wollte er gerade nur erklären, dass sein Unternehmen bis zum Jahr 2020 fünf Milliarden US-Dollar in Indien investieren will.

Doch nun schreibt sueddeutsche.de:

Vorstandsvorsitzender von Coca-Cola Muhtar Kent nimmt an einem Treffen in Neu-Delhi teil. Coca-Cola, der größte Getränkeproduzent weltweit, plant fünf Billionen US-Dollar in den indischen Markt zu investieren.

Die gute Nachricht für Mr. Kent: Er muss doch nicht tausendmal so viel ausgeben, wie ursprünglich geplant. Die Leute bei sueddeutsche.de haben nur den klassischen Denkfehler begangen und das englische Wort „billion“ (auf Deutsch: „Milliarde“) mit dem deutschen Wort „Billion“ (im Englischen: „trillion“) gleichgesetzt.

Mit Dank an Falk G.

Nachtrag, 28. Juni: sueddeutsche.de (wo das Foto in der Bildergalerie immer weiter nach hinten rutscht und aktuell hier zu finden ist) hat den Fehler korrigiert und hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Coca-Cola investiere fünf Billionen US-Dollar in Indien. Das ist falsch.

Wir haben dem Markennamen Coca-Cola in unserem ursprünglichen Eintrag unterdessen einen Bindestrich spendiert, damit auch hier alles seine Ordnung hat.

Hat gar nicht gebohrt

Der Online-Auftritt der „Süddeutschen Zeitung“ hat eine wunderbar treffende Formulierung gebraucht:

Wie das britische Boulevardblatt Daily Mail als erste Zeitung berichtete, ...

Es ist das Halbsatz gewordene Klingeln von Alarmglocken. Die „Daily Mail“ ist eine zuverlässig unzuverlässige Quelle. Man muss von allen guten Geistern verlassen sein, einer Geschichte zu glauben, die exklusiv von der „Daily Mail“ verbreitet wird.

Deutsche Journalisten, vor allem bei Online-Medien, tun es trotzdem regelmäßig. Und auch der Mitarbeiter von sueddeutsche.de überhörte die Alarmglocken und verbreitete munter die Geschichte von der polnischen Zahnärztin, die ihren Ex-Freund, als er sich von ihr behandeln ließ, betäubte und ihm dann alle Zähne zog.

Enttäuschte Liebe: Zahnärztin zieht Ex-Freund alle Zähne

Die Geschichte ist, wie berichtet, bloß ein Märchen. Die „Daily Mail“ hat sie längst von ihrer Website gelöscht. Auf sueddeutsche.de steht sie immer noch, und natürlich auch bei Bild.de. Und jede Wette: Es wird nicht die letzte Ente sein, auf die reinfallen, weil sie glaubten, was das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ als erste Zeitung berichtete.

(Bevor Sie fragen: Nein, wir können nicht sagen, ob wenigstens die Meldung stimmt, die Bild.de mit der Zahn-Geschichte kombiniert hat — dass eine Frau in China einem Mann nach einem Streit um einen Parkplatz so heftig die Hoden gequetscht habe, dass er starb. Anscheinend war sie aber jedenfalls nicht mit dem Auto unterwegs, wie Bild.de behauptet, sondern mit dem Motorroller.)

Nachtrag, 12. Mai. sueddeutsche.de hat sich korrigiert und bei seinen Lesern entschuldigt. In einer ausführlichen Erklärung heißt es u.a.:

Dank der Kollegen von MSNBC ist aus der scheinbaren Mahnung an untreue Partner von Zahnmedizinern nun eine Mahnung an uns Journalisten geworden, trotz des Drucks und der Verlockungen der entgrenzten Nachrichtenwelt, die journalistische Sorgfaltspflicht nie schleifen zu lassen.

Tausendmal Du

Sie können es dieser Tage überall lesen: Das Soziale Netzwerk Facebook will an die Börse.

Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt über Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg:

Zugunsten des Börsengangs will Zuckerberg beim Gehalt erst mal zurückstecken. Ab 2013 soll dieses effektiv nur noch bei einem Dollar jährlich liegen, hieß es in den Börsenpapieren. Derzeit betrage das Grundgehalt rund eine halbe Milliarde Dollar.

Eine halbe Milliarde Dollar Jahresgehalt — das wäre verdammt viel Geld für einen einzelnen Mann. Zehn Prozent dessen, was der Börsengang Facebook einbringen soll.

Tatsächlich lag Zuckerbergs Gehalt im vergangenen Jahr deutlich darunter, wie aus dem Börsenkatalog von Facebook hervorgeht:

Mark Zuckerberg: $500,000

Eine halbe Million. Aber um den Faktor 1.000 kann man sich ja mal vertun — so wie sueddeutsche.de, wo es heute heißt, Facebook habe „mehr als 800 Milliarden Nutzer“. Also etwa 114 Mal so viele wie die Erde Bewohner.

Das lässt sich nicht mal mehr mit den sonst üblichen Übersetzungsfehlern erklären.

Mit Dank auch an André G.

Nachtrag, 20.18 Uhr: sueddeutsche.de hat sich transparent und unter Verweis auf BILDblog.de korrigiert.

Bomben-Symbolfoto

Nächstes Jahr trägt Marseille den Titel „Kulturhauptstadt Europas“, aber so richtig super ist die Lage in der Stadt nicht, weiß die „Süddeutsche Zeitung“, die sich schon jetzt dort umgesehen hat:

Die Großsiedlungen aus den sechziger Jahren sind teilweise zu Geisterstädten verkommen, in denen der Drogenhandel blüht und die Polizei sich nur noch mit Verstärkung bewegt. Der Rückgang des Industrie- und Hafenbetriebs hat die Arbeitslosigkeit erhöht. Die Hälfte der Haushalte ist nicht einkommenssteuerpflichtig, ein Drittel der Einwohner lebt an der Armutsgrenze, jeder zehnten Familie fehlt ein Elternteil. Marseille ist zwar die größte, zugleich aber die ärmste unter Frankreichs Regionalmetropolen.

Bei sueddeutsche.de sieht das etwa so aus:

In Teilen der Stadt, in denen der Drogenhandel blüht, bewegt sich die Polizei sich nur noch mit Verstärkung.

Es mag sein, dass sich die Polizei „in Teilen der Stadt, in denen der Drogenhandel blüht“, „nur noch mit Verstärkung“ bewegt — doch das Bild ist ziemlich ungeeignet, das zu illustrieren: Die abgebildeten Polizisten begleiten die Evakuierung von mehr als 4.000 Einwohnern anlässlich der Entschärfung einer amerikanischen Fliegerbomber aus dem Zweiten Weltkrieg vor zwei Wochen.

Mit Dank an Simon Sch.

Nachtrag, 2. Februar: sueddeutsche.de hat das Foto samt Bildunterschrift entfernt und folgenden Hinweis unter den Artikel gesetzt:

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes war ein Foto dargestellt, das französische Polizisten in Marseille zeigt. Die Bildunterschrift erweckte den Eindruck, dass die Beamten aus Sicherheitsgründen in Gruppen unterwegs seien. Tatsächlich begleiteten die abgebildeten Polizisten die Evakuierung von mehr als 4.000 Einwohnern anlässlich der Entschärfung einer amerikanischen Fliegerbomber aus dem Zweiten Weltkrieg. Dank bildblog.de haben wir diese irreführende Berichterstattung berichtigen können, indem wir das Foto entfernt haben.

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