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Uwe Böhnhardts DNA war nicht an Peggys Skelett

Vor gut zwei Stunden kamen die ersten Push- und Eil- und Agenturmeldungen rein: DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt sollen am Skelett von Peggy K. entdeckt worden sein:




Verständlicherweise berichteten so gut wie alle Medien und Nachrichtenagenturen. Die Hintergründe sind allerdings noch ziemlich unklar: Möglich, dass Böhnhardt etwas mit dem Tod der Neunjährigen, die 2001 verschwand und deren Knochen im vergangenen Juli von einem Pilzsammler gefunden wurden, zu tun hat. Aber ebenso möglich, dass es sich um einen Zufall handelt. In einer gemeinsamen Presseerklärung erklärten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth, dass es „weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen“ bedürfe, „die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen.“

Was in der Pressemitteilung jedenfalls nicht steht: Dass Böhnhardts DNA-Spuren am Skelett von Peggy entdeckt wurden. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken bestätigte uns gerade am Telefon, dass Böhnhardts DNA stattdessen bei Peggys Skelett gefunden wurde — sicher immer noch die ganzen Artikel wert, aber eben etwas anders, als ursprünglich von den meisten Medien vermeldet.

Die „dpa“ und andere Agenturen haben inzwischen „Berichtigungen“ rausgegeben. Und viele, aber nicht alle Onlineportale haben die Überschriften ihrer Artikel angepasst.

Die Anschläge von Paris in den Medien – eine Linksammlung

In den vergangenen Tagen gab es reichlich Kritik an den deutschen TV-Sendern und ihrer Berichterstattung über die Anschläge in Paris. Viel zu spät seien sie gewesen, hieß es in den sozialen Medien, statt Live-Schalten zu Korrespondenten habe es lange Zeit nur Fußballzusammenfassungen und Krimis gegeben. Es meldeten sich aber auch Fürsprecher, die sagten, die Ruhe und das Sich-Zeitnehmen seien genau richtig gewesen.

Wir haben einige Beiträge zu der Diskussion gesammelt.

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Eine größere Übersicht, „wie das Fernsehen über den Terror in Paris berichtet“, bieten Markus Ehrenberg und Joachim Huber auf tagesspiegel.de

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Terrorismus in Paris — und eine unerfüllbare Anspruchshaltung
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl bloggte noch in der Nacht von Freitag auf Samstag, dass er „so viele absurde Forderungen“ noch nie gelesen habe: „Wirklich schockierend waren neben den stetig steigenden Opferzahlen in den Meldungen die Reaktionen, die auf Twitter formuliert wurden. Es entstand eine Erwartungshaltung gegenüber der übertragenden ARD und auch den Medien insgesamt, die schlicht nicht mehr realistisch ist.“ Sein Kernargument: Seriöser Journalismus brauche Zeit.

Paris und die Medien: Warum Journalisten nicht so schnell sind wie die Wirklichkeit
(stefanfries.tumblr.com)
Stefan Fries unterstreicht und ergänzt Udo Stiehls Gedanken: „Das Bizarre war in diesem Fall, dass das Ereignis nebenan passierte und sogar im Stadion hörbar war. Daraus resultierte vermutlich die Vorstellung, die Kameramänner im Stadion könnten mal eben nach draußen laufen und dort Aufnahmen machen. Allerdings ist es weder technisch noch journalistisch so ohne Weiteres möglich, von einer Fußballübertragung auf die sogenannten Elektronische Berichterstattung (EB) umzuschalten. Auch Sportjournalisten sind zwar Journalisten, aber in der Regel weder Experten für Terror noch kennen sie sich an den Orten aus, von denen sie über Fußball berichten. Zumal man ihnen aus Sicherheitsgründen auch nicht zumuten kann, an die Tatorte von laufenden Terrorangriffen zu kommen.“ Im Medienmagazin „Breitband“ spricht Fries darüber, wie beim „Deutschlandfunk“ mit der Situation umgegangen wurde (ab Minute 4:20).

Terror in Paris, die ARD, Twitter und Journalismus: Be first, but first be right
(journalismus-handbuch.de, Paul-Josef Raue)
Paul-Josef Raue reagiert ebenfalls auf Udo Stiehls Blogeintrag (er macht Stiehl versehentlich zum „Tagesschau-Sprecher“ und seine Website versehentlich zum „Tagesschau-Blog“), allerdings kritischer: „Stiehls Hinweis ist richtig: Das Fernsehen lebt von Bildern. Nur: Wenn es die nicht gibt, reichen Sätze, als Laufband ins laufenden Programm eingeblendet, so wie es an Wahlabenden passiert, wenn der Ausgang unklar ist und der ‚Tatort‘ läuft.“

“Was ich hier sage, sind Vermutungen“
(blogmedien.de, Horst Müller)
Horst Müller schreibt über die „Hilf- und Rat­lo­sig­keit öffentlich-rechtlicher Kor­re­spon­den­ten in Krisensituationen“. Er liefert eine Komplettabschrift des Gesprächs zwischen Susanne Daubner und Ellis Fröder in der „ers­ten Tagesschau-Sondersendung am spä­ten Frei­tag­abend“, die seiner Meinung nach zeige: „Wenn die ‚Mut­ter aller deut­schen Fern­seh­nach­rich­ten‘ als erste Son­der­sen­dung nach der­ma­ßen dramatischen Ereignissen wie am Frei­tag­abend in Paris, ledig­lich ein sechs Minu­ten lan­ges Geplän­kel zweier in die­ser Situa­tion offensichtlich über­for­der­ter Fern­seh­frauen zustande bringt, dann ist das schon fast eine Bank­rott­er­klä­rung gegen­über den Zuschauern.“ Felix Schwenzel antwortet (siehe letzer Link): „ich finde das gespräch, im gegenteil zu horst müller, allerdings beispielhaft gut: keine spekulationen, bzw. vermutungen klar als solche kennzeichnen, keine übereiligen schlussfolgerungen, dafür aber ein paar hintergründe die als gesichert gelten können.“

Medien in Extremsituationen: Abwarten? Live drauf?
(falk-steiner.de)
Falk Steiner findet, das Warten von ARD, ZDF, n-tv und N24, „bis die Studioschminke sitzt, bis die Korrespondenten anrufbar sind“, lasse die Zuschauer allein: „Es muss nicht jede aufgeregte Meldung aufgegriffen werden. Aber soll Journalismus die Menschen nicht genau dann erreichen, wenn sie sich Fragen stellen? Ich meine: ja.“

Paris
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff könnte sich für den Ernstfall und bei unklarer Nachrichtenlage „eine Vertrauensperson“ vorstellen, die im TV auch mal sagen könne, dass sie nichts wisse, aber immerhin da wäre: „Vielleicht wäre es für alle Sender richtiger, sich nicht nur als reines Informationsmedium zu begreifen, sondern auch als zentrales Lagerfeuer, an dem jemand sitzt und einfach redet, eine kluge Frau, ein weiser Mann, eine Vertrauensperson.“

Wie ich die Attentate von Paris in der heute+ Redaktion erlebte
(danielbroeckerhoff.de)
Daniel Bröckerhoff erwartete am Freitagabend eine ruhige Moderation von „heute+“, dann die ersten Eilmeldungen, komplette Programmumplanung und zweieinhalb Stunden Livestream: „Als ich im Auto sitze fühle ich mich als hätte ich gerade eine Breaking-News-Simulation mit VR-Brille gespielt. Ist das heute Abend wirklich passiert?“

ARD-Mann Bartels: „Mir haben die Knie gezittert“
(sueddeutsche.de, Filippo Cataldo)
Filippo Cataldo wundert sich, dass das Erste am Freitagabend lange Zeit weiter aus dem Stade de France berichtete, während im ZDF, bei n-tv und N24 bereits Sondersendungen liefen: „Und in der ARD? Wurde man das Gefühl nicht los, dass die Sportreporter da ziemlich im Stich gelassen wurden von der Zentrale und den News-Spezialisten. Während des Spiels war nicht mal ein Lauftext mit Hinweis auf die Attentate eingeblendet worden. Auch innerhalb des Senders gab es dafür Kritik.“

Zum Menschen werden
(faz.net, Tobias Rüther)
Tobias Rüther resümiert den TV-Abend (und die TV-Nacht) im Ersten und denkt über die medienkritischen Fragen bei Twitter nach, was denn die ARD da mache: „Sportfritzen, really? Aber man sitzt nur da und denkt: Quatsch, Leute, schaut doch nur mal in die Gesichter von Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl — aus denen etwas gewichen ist, was sonst immer da ist; jetzt steht in diesen Gesichtern etwas geschrieben, was sie selbst gar nicht in Worte fassen können, obwohl sie ständig darum gebeten werden.“

Wenn die Realität den Journalisten überholt
(ksta.de, Joachim Frank)
Joachim Frank über die „schier nicht zu stämmende Herausforderung“ für Printjournalisten, die Ereignisse von Freitagnacht „umfassend in der Samstagsausgabe abzubilden“, und Produktionsbesonderheiten beim „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wir möchten unsere Leser so aktuell wie möglich informieren. Aber auch glaubhaft, durch seriöse Quellen bestätigt. Die vorschnelle Weitergabe ungeprüfter Informationen, die sich im Minutentakt überschlagen – das kann und darf unsere Sache nicht sein.“

DJV dankt Journalisten
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der DJV-Vorsitzende Frank Überall findet, die Medien hätten „eine großartige Leistung“ gezeigt: „‚Die Journalistinnen und Journalisten haben sich bewusst die Zeit genommen, um das zu tun, was ihre Aufgabe ist: sauber recherchieren'“.

Durch die Nacht mit dem Wolf
(taz.de, Jürn Kruse)
Jürn Kruse schaut sich an, wie CNN, Moderator Wolf Blitzer und die ihm zugeschalteten Experten die Anschläge in Paris zu einer Livesendung verwursten: „In einer Folge der Fernsehserie ‚Die Simpsons‘ fragt der Nachrichtensprecher Kent Brockman einen Experten: ‚Würden Sie empfehlen, dass alle in Panik geraten?‘ Man hielt diese Frage aus dem Mund Blitzers an diesem Abend nicht für ausgeschlossen. Der Experte bei den Simpsons antwortet übrigens: ‚Allerdings, Kent.‘ Man hielt diese Antwort aus dem Mund des CNN-FBI-CIA-Experten für ebenso wenig ausgeschlossen.“

News Media Scrambles to Cover Paris Shootings
(nytimes.com, John Koblin, englisch)
John Koblin fasst zusammen, wie die US-Sender CNN, Fox News und MSNBC aus Paris berichteten: „For news organizations, one difference between the Paris attacks and breaking stories like the racial unrest in Ferguson, Mo., or Baltimore was the ability to send out a wide team of reporters instantly. That was far more difficult in this case, as the organizations had to rely on foreign networks for video feeds in the early hours. Even showing messages from social media was difficult because many of the initial postings on Twitter and Facebook were in French.“

Kommentar: Gerüchteküche soziale Medien
(indertat.info, Mika Beuster)
Mika Beuster mit einigen Beispielen von verbreiteten falschen Infos in den sozialen Medien und dem Fazit: „Professioneller Journalismus und traditionelle Medien werden gebraucht. Verlässliche, nüchterne und einordnende Informationen, die aber nicht zynisch oder unempathisch aufbereitet werden, sind gerade in Krisenzeiten wichtig, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild machen kann. Wer sich am Freitagabend nur über soziale Medien über die Geschehnisse in Paris informiert hat, lief Gefahr, ein recht schiefes Bild zu erhalten.“

Die Macht und Gefahr der sozialen Medien im Angesicht des Terrors
(felixbeilharz.de)
Felix Beilharz über die Vor- und Nachteile der sozialen Medien in extremen Situationen wie Freitagnacht: „In jedem Fall hat der Tag gezeigt, welche Rolle die sozialen Medien für unsere Gesellschaft spielen. Als Kanal für Information, Hilfe und Berichterstattung — aber auch für Missinformation, Verängstigung und im schlimmsten sogar zur Unterstützung der Ziele der Terroristen.“

#Paris: The power, the horror, and the distortions
(bbc.com, Dave Lee, englisch)
Dave Lee über „the power“, „the horror“ und „the lies“ der sozialen Medien in Krisensituationen: „But during a crisis social media becomes the single most significant platform for news to be spread, eyewitness experiences to be shared and official statements to be made. And inevitably, these same channels amplify misinformation, allowing rash judgements and prejudices to boil to the surface, fuelling fear and ignorance.“

Darf ich mich weigern bestimmte Dinge sehen zu wollen
(dasnuf.de, Patricia Cammarata)
Patricia Cammarata schreibt über sich selbst, sie sei „empfindlich. Sehr.“ Und: Es gebe Dinge, „die will ich persönlich nicht sehen. Denn ich brauche sie nicht, um Empathie zu empfinden. Ich brauche sie nicht, um mir vorzustellen, wie schlimm bestimmte Ereignisse sind. Meine abstraktes Vorstellungsvermögen war bislang ausreichend.“ Felix Schwenzel antwortet Cammaratas Frage, ob sie sich weigern dürfe, bestimmte Dinge sehen zu wollen: „du darfst. du sollst. du kannst.“

Paris. Paris.
(anneschuessler.com)
Anne Schüßler zog sich nach all den Nachrichten in klassischen und sozialen Medien zurück, kochte Gulasch und hörte Hörbücher: „Geredet habe ich über die Anschläge mit meinem Mann und den Menschen im Techniktagebuchredaktionschat, denn irgendwo musste es hin, aber es wollte dieses Mal nicht in die Öffentlichkeit. Die schnelle Berichterstattung voller Gerüchte und Annahmen, die ich schon am Abend vorher auf Twitter mitbekam und die mich zwei Stunden nicht losließ, war mir zu viel.“

Je suis … moi — über die Ehrlichkeit der Anteilnahme
(stern.de, Micky Beisenherz)
Micky Beisenherz über ein selbstverordnetes 24-Stunden-Schweigegelübde sowie den verlockenden „Klickkuchen“. Und über Markus Söder, Matthias Matussek und all die anderen, die „ihr Gift ins Netz“ twittern: „Es gibt sie nicht mehr, die kurze Zeit des Luftanhaltens, ja, Schnauzehaltens. Noch in das kollektive Entsetzen hinein fangen die ersten an, das Unfassbare auszuschlachten, für ihre Anteilnahme umzumünzen, Stimmung zu machen. Sie werfen Hashtags aus wie Schleppnetze für ihre zersetzenden Gedanken.“

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Und zum Abschluss noch ein Hinweis: Die „New York Times“ hat ihre Paywall geöffnet und bietet die „coverage of Paris attacks“ nun kostenlos an. Die „NZZ“ hat nachgezogen.

Update, 17. November: Es sind noch ein paar Links dazugekommen:

Trauernd am Lagerfeuer
(zeit.de, Lenz Jacobsen)
Lenz Jacobsen über „fünf Stunden Terror-Sondersendungen mit ARD und ZDF“: „Heute, Tagesschau, Sondersendungen, Plasberg, Tagesthemen, Illner: Wer am Samstagabend ein paar Stunden zusah, wie ARD und ZDF die Ereignisse vom Vorabend zu verarbeiten versuchten, traf auf eine merkwürdige Mischung aus Informationsvermittlung und Trauerritual, aus Bericht und Beschwörung.“

Säbelrasseln auf Papier
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm schreibt, dass die Berichterstattung mit ihren Eilmeldungen und Livetickern längst „Teil des Terrors geworden“ sei: „Aber auch handwerkliche Standards leiden. Im hyperventilierenden Onlinegeschäft geht es um Minuten. Da verwischt schon mal die Genauigkeit, da muss schon mal das Zweiquellenprinzip leiden, da werden Kleinigkeiten zu Nachrichten aufgeblasen, und da nimmt man es nicht so genau mit der journalistischen Aufgabe der Reduktion von Komplexität.“

Presserat: 60 Beschwerden gegen „Bild“-Bericht
(tagesspiegel.de, Sonja Álvarez)
Sonja Álvarez über ein Foto aus dem Bataclan, das „Bild“ und Bild.de veröffentlicht haben — wofür bereits 60 Beschwerden beim Deutschen Presserat eingegangen seien: „Wer das Bild gesehen hat, bekommt es nur schwer wieder aus dem Kopf, es zeigt den Musikclub ‚Bataclan‘ nach den Anschlägen am Freitag in Paris: Leichen liegen auf dem Boden, Blutlachen finden sich neben ihnen und auf dem ganzen Boden. Alle großen deutschen Medien haben sich gegen eine so explizite Darstellung entschieden, die „Bild“-Zeitung aber hat das Foto am Montag auf ihrer zweiten Seite gedruckt. Offensichtlich zum Entsetzen vieler Leser. “

Liberale im Krieg
(tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Constantin Seibt schreibt mit Blick auf zwei Leitartikel aus der Chefetage, die „NZZ“ zeige nach den Attentaten in Paris, dass sie ihre liebralen Wurzeln verloren habe: „Wenn etwas noch gefährlicher ist als fremde Terroristen, sind es die eigenen Liberalen. Sie haben Kopf und Kompass verloren. Und sie haben vergessen, wo sie herkommen.“

ARD-Aktuell-Chef verteidigt Paris-Berichterstattung
(tagesspiegel.de, Kurt Sagatz)
Kurt Sagatz mit einer Stellungnahme von ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke: „Kritik hatte es vor allem daran gegeben, weil das Erste am Freitagabend sogar auch dann noch vom Fußball-Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland berichtet hatte, als die ersten Anschläge bekannt geworden waren. ‚Es hat eine sehr intensive Diskussion darüber geben, ob es in der ersten Stunde richtig war, im Fußballstadion zu bleiben, dort wo alles begann. Ich habe das nachhaltig am Freitagabend unterstützt, denn nirgendwo war, meiner Meinung nach, in diesen Moment authentischer der schockierte Zustand dieser Stadt zu transportieren, als in diesem Stadion‘, sagte dazu nun Kai Gniffke.“

Mit „Borsalino“ gegen den Weltuntergang
(persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Matthias Ackeret wundert sich über das Fernsehprogramm des SRF am Freitagabend: „Als am Freitag in Paris der ‚Krieg‘ ausbrach, handelte das Schweizer Fernsehen standesgemäss. Es sendete die französische Gaunerkomödie ‚Borsalino‘ mit den Staatshelden Belmondo und Delon. Französischer geht es nicht. Zugegeben: Das mag angesichts der grauenhaften Ereignisse in Paris zynisch klingen. Aber die Informationsleistungen der einzelnen Medien kann man an solchen Tagen messen. Das gute alte CNN machte einen hervorragenden Job, viele andere Sender mit ihren Sonderprogrammen auch. Nicht zu vergessen die privaten Internetdienste, die bei solchen Ereignissen zu Höchstleistungen auflaufen. Aber ‚Borsalino‘? Hallo SRF!“

Too little too late: The horror of Paris proves the media need to debunk rumours in real time
(medium.com, First Draft, englisch)
First Draft findet, es müssen einen „live ’service'“ geben „where debunking happens in real-time on Facebook, Twitter, and Instagram“: „Certainly, around these events, there have been more efforts by news organisations to debunk information than I’ve seen previously. In the 24 hours after the Paris attacks, I counted at least five articles with titles along the lines of ‘The online rumours about Paris you shouldn’t believe’. (…) While I don’t want to be churlish, this isn’t good enough. These reflective round-up pieces published after the fact are too late.“

Wenn Terrorismus zu Social-Media-Terror führt
(blog.gilly.ws, Gilly)
Gilly beschreibt die typischen fünf Stufen der „Empörungs- und Fehlinformations-Maschinerie“ in den sozialen Medien: „Ein kurzer Blick auf Twitter und Facebook offenbarte: da ist wieder der gleiche Mist am Laufen, wie immer bei solchen Vorkommnissen. Ich will das hier mal am Fall der Pariser Terrorattacken aufdröseln, grundsätzlich passiert das aber genau in dieser Form bei jeder Katastrophe.“

Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“: „Sie haben die Waffen. Wir den Champagner!“
(spiegel.de)
„Spiegel Online“ über die morgen erscheinende Titelseite von „Charlie Hebdo“, auf der die Satirezeitschrift Bezug auf die Attentate in Paris nimmt: „Sie zeigt einen tanzenden und trinkenden Franzosen, dessen Körper von Kugeln durchsiebt ist. Dazu der Text: ‚Sie haben die Waffen. Aber Scheiß drauf, wir den Champagner!'“

Update, 19. November:

„Ich steh direkt hinter den Polizisten mit gezogener Waffe“: Der Terror-Porno des „Stern“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier über ein Video von „Stern“-Reporter Philipp Weber, der mit seinem Handy Polizisten verfolgt, als die gestern mit gezogener Waffe durch den Pariser Vorort Saint-Denis jagen: „Nichts erfährt der Zuschauer aus diesem Video darüber, was hier los war, wer von den Polizisten gesucht wurde und warum, ob die Situation wirklich so gefährlich war oder warum womöglich nicht. Es ist ein reiner Terror-Porno, den der ‚Stern‘ seinen Zuschauern zum gemeinsamen Aufgeilen zur Verfügung stellt.“

Kriegs-Headlines nach #ParisAttacks
(ndr.de, Sinje Stadtlich, Bastian Berbner und Janina Kalle, Video, 6:50 Minuten)
„Zapp“ schaut auf französische und internationale Schlagzeilen, in denen aktuell häufig das Wort „Krieg“ zu lesen ist: „Alle Welt berichtet. Aber schießen die Medien beim Abbilden und Bewerten der Taten übers Ziel hinaus? Der ‚Figaro‘ schreibt von ‚Krieg mitten in Paris‘, viele andere Zeitungen ziehen mit. Auch international ist in Medien von Krieg die Rede. Sachliche und kritische Berichterstattung ist schwer in Extremsituationen, doch wichtig.“

Exklusiv: Die Stunde der Kreiszeitung
(meyview.com, Olaf Meyer)
Olaf Meyer mit einer Dokumentation der Exklusiv-Nachricht der „Kreiszeitung“ (und den Reaktionen darauf), dass am Dienstagabend vor dem Stadion in Hannover ein „Rettungswagen mit Sprengstoff“ entdeckt worden sei.

Was jetzt passiert und sofort berichtet wird
(konradlischka.info)
Konrad Lischka blickt — mit einer Kolumne von Sascha Lobo im Hinterkopf — auf die Berichterstattung von gestern und sieht überall nur Polizisten im Einsatz: „In der Wucht der Berichterstattung wirkt diese Verengungen auf Polizeieinsätze wie die von Lobo gemeinte Abkürzung. Es geht jetzt sofort und zeigt eine Reaktion und Handlungsbereitschaft. Die Ursachen und die lösbaren Probleme analysiert das nicht.“

Nach den Pariser Anschlägen: Zensiert sich das Fernsehen selbst?
(blog.ekkikern.com)
Ekki Kern kann nicht nachvollziehen, warum auf der einen Seite von überall zu hören ist, „dass es gerade jetzt wichtig sei, so weiterzumachen wie bisher“, auf der anderen Seite Fernsehsender Thriller mit Terror-Bezug rigoros aus dem Programm nehmen und das mit dem „Respekt vor den Opfern“ der Anschläge in Paris begründen: „Ich bin der Meinung, dass jeder, der bereits im Akt der Ausstrahlung eines solchen Films Respekt gegenüber Opfern vermissen lässt, die Wahl hat, den Sender zu wechseln. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand das tun würde.“

Das war Nachrichten-Fernsehen wie vor 30 Jahren — einfach schlecht
(stern.de, Jens Maier)
Jens Maier hat am Dienstagabend, als in Hannover die Absage des Fußballländerspiels bekannt wurde, Fernsehen geguckt und findet, die „Öffentlich-Rechtlichen haben an diesem denkwürdigen TV-Abend versagt“: „Liebes ZDF, das war Nachrichten-Fernsehen wie vor 30 Jahren — einfach schlecht. Während die kleinen Nachrichtensender N-TV oder N24 seit kurz vor halb acht, also seit Bekanntwerden der Spielabsage, live aus Hannover berichten und Reporter in unmittelbarer Nähe des Stadions live zugeschaltet sind, zeigen die Mainzer mit ihrer Schar an Mitarbeitern vor Ort, eine Sportmoderatorin im Studio vor einem Archivfoto. Das wirkt nicht nur wie aus der Zeit gefallen, sondern ist es auch. Nur in HD.“ Maiers Kollege Carsten Hedböhmer sieht das anders.

CNN anchor blames French Muslims for failure to prevent attacks
(washingtonpost.com, Erik Wemple, englisch)
Erik Wemple über zwei CNN-Moderatoren, die Yasser Louati, einen Vertreter eines Kollektivs gegen Islamophobie, fragen, warum die muslimische Community nichts gegen die Attentäter von Paris gemacht hätte: „In the year 2015, a Muslim rep hearing that question would be excused for simply unplugging from the interview and allowing the host to languish in his own ignorance. Louati, however, did his best to combat bigotry“.

Did the media ignore the Beirut bombings? Or did readers?
(vox.com, Max Fisher, englisch)
Max Fisher reagiert auf die Vorwürfe (samt falschem Explosionsfoto) in den sozialen Medien, über das Attentat in Beirut hätte niemand berichtet, und dreht den Spieß um: Nicht die Medien hätten die Geschichte ignoriert, sondern die Leser, Zuhörer und Zuschauer: „Yet these are stories that, like so many stories of previous bombings and mass acts of violence outside of the West, readers have largely ignored. It is difficult watching this, as a journalist, not to see the irony in people scolding the media for not covering Beirut by sharing a tweet with so many factual inaccuracies — people would know that photo was wrong if only they’d read some of the media coverage they are angrily insisting doesn’t exist.“

„Was ist mit Beirut?“: Viele Tote ≠ viel Berichterstattung — es kommt darauf an, wo es passiert
(watson.ch, Leo Helfenberger)
Leo Helfenberger ist in den sozialen Medien ebenfalls auf zahlreiche Klagen gestoßen, dass über die Anschläge in Paris extrem ausführlich berichtet werde, über die in Beirut hingegen kaum. Das nahm er zum Anlass mal auszuzählen, wie ausführlich in der Schweiz „über 10 schreckliche Ereignisse“ (von den Anschlägen in Mumbai bis Srebrenica) berichtet wurde.

Jetzt kommen wir!
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Markus Ehrenberg mit einer Vorschau auf anstehende Satiresendungen und der Frage, ob „jetzt Witze über Hass und Gewalt sein“ dürfen: „Die Satiresendung ‚Die Anstalt‘ lief bereits am Dienstagabend wieder nach Plan. Komiker Alfons ging darin auf den Terror von Paris ein. ‚Satire möchte Bezug auf die aktuelle politische Entwicklung nehmen‘, sagt ein ZDF-Sprecher. ‚Deshalb versuchen wir in allen Formaten angemessen auf die Situation nach den Anschlägen zu reagieren.‘ Der Chefredakteur des Satiremagazins ‚Titanic‘, Tim Wolff, betont: ‚Satiriker dürfen in Zeiten des Terrors so weit gehen, wie sie es für angemessen halten, aber nicht so weit wie Terroristen.'“

IS bedankt sich bei Medien für Hilfe bei Verbreitung von Angst und Schrecken
(der-postillon.com)
„Der Postillon“ hat exklusiv die neueste Videobotschaft des sogenannten „Islamischen Staats“ gesehen, in der die Terrormiliz sich ausgiebig bei deutschen und europäischen Medien bedankt: „Einen besonderen Dank sprach der IS-Kämpfer an Bild.de aus. ‚Der gesamte obere Teil der Seite ist für uns reserviert. Überschrift: ‚Terror-Angst in Europa‘ Danke! Vielen Dank! Schöner hätten wir das nicht formulieren können.'“

Update, 24. November:

ARD World Service
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm geht in Anbetracht der Berichterstattung über die Anschläge in Paris der Frage nach, ob „wir einen öffentlich-rechtlichen 24-Stunden-Nachrichtensender“ brauchen: „Hätte in dieser Situation nicht ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal geholfen? Ein Sender, der auf das weltweite Korrespondentennetz zugreifen kann, dessen Moderatoren geschult sind, schnell und souverän zu reagieren, und der live gehen kann, sobald in der Welt etwas passiert. Die BBC hat so einen Sender: BBC World Service. In den USA gibt es CNN. In der arabischen Welt Al-Dschasira. In Frankreich France24, in Israel I24. Warum leisten sich die Öffentlich-Rechtlichen so einen Kanal nicht?“

Im Interview die Pariser Journalistin Suzanne Krause
(br.de, Daniel Ronel, Audio, 7:07 Minuten)
Daniel Ronel spricht mit der „Pariser Journalistin“ Suzanne Krause über die Reaktionen der französischen Medien auf den Terror in Paris.

Lektionen in Hasspropaganda
(erbloggtes.wordpress.com)
„Erbloggtes“ hat sich einzelne Berichte aus Israel und Palästina zu den Attentaten in Paris angeschaut und leitet aus den darin konstruierten „Wir“ und „Die“ einige „Lektionen in Hasspropaganda“ ab: „Erlaubt es ein Blick in fremde Deutungen der Pariser Anschläge, besser wahrzunehmen, was bei der Betrachtung der eigenen Deutungen verborgen bleibt? Dies soll hier unternommen werden, und zwar ausgehend von Deutungen aus Israel/Palästina über amerikanische bis hin zu deutschen Interpretationen von ISIS, seinen Gegnern und seinen Verbündeten.“

Neue Töne von der Falken-Strasse
(medienwoche.ch, Nick Lüthi)
Nick Lüthi liest einen Kommentar von „NZZ“-Chefredakteur Eric Gujer und bemerkt, dass „der Begriff der Freiheit kein einziges mal“ vorkomme, „Sicherheit dagegen sechs mal“: „Wenn Eric Gujer beim Amtsantritt angekündigt hatte, das liberale Profil der NZZ schärfen zu wollen, dann lag die Betonung wohl stärker auf schärfen und weniger auf liberal.“

Die NZZ ruft zum Krieg der Religionen auf
(infosperber.ch, Christian Müller)
Christian Müller über einen „NZZ“-Feuilleton-Artikel, der „von Einseitigkeit, Einäugigkeit, von historischer Verkürzung und Simplifizierung“ strotze: „Der nicht etwa als Gastbeitrag auf der täglichen Seite ‚Meinung & Debatte‘ abgedruckte, sondern als Feuilleton-Seitenaufmacher platzierte Leitartikel von Necla Kelek schliesst mit dem Satz: ‚Es besteht kein Generalverdacht gegen die Muslime, aber die Unschuldsvermutung gilt auch nicht mehr.‘ Eine juristische Glanzleistung. Es ist zu befürchten, dass auch die Unschuldsvermutung gegenüber der NZZ-Redaktion nicht mehr angezeigt ist. Oder in Necla Keleks bildhaften Worten: Die NZZ ist — mittlerweile — ein rauchender Colt.“

Hört auf mit dem Terror-Porno
(ankerherz.de, Stefan Kruecken)
Stefan Kruecken über „eine durchgedrehte Medien-Welt“, die sich darin überbiete, die Angst vor Terror weiterzutreiben: „Gut für die Auflage, gut für die Klick-Zahl. Aber sonst? Wenn die Satire-Seite ‚Postillon‘ vermeldet, dass sich der IS für die Verbreitung von Angst und Schrecken bedankt, kann man darüber kaum noch lachen. Es ist leider wahr.“

Gedanken zu Terror: Angst. Macht. Sprache.
(blog.patrickbreitenbach.de)
Patrick Breitenbach schreibt ebenfalls über die Verstärkerfunktion der Medien: „Seit einer Woche ist ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt und zwar mit Hilfe von Taten, Worten und Bildern. Die Tat an sich ist minimal im Vergleich zu den schrecklichen Taten, die in aller Welt stattfinden. Der Aufwand der Tat war minimal und doch so gewählt, dass der Transport der Tat durch Sprache und Bilder eine maximale Dimension annehmen konnte.“

Medien, Polizei und die Inszenierung des Terrorismus
(zeit.de, Yassin Musharbash)
Yassin Musharbash in einer Rede über die Dilemmata („In der Tat sind Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit der Sauerstoff des Terrorismus. Und mehr als jede andere Gruppe entscheiden Journalisten über die Verteilung dieser beiden Ressourcen.“) und Maxime („Auch unter Einsatz weniger signifikanter Ressourcen und geringerer Gefahren sind solche Geschichten machbar. Die Erkenntnis ist in jedem Fall dieselbe: Das Gegengift zu Propaganda und Inszenierung lautet Recherche.“) der Terrorismus-Berichterstattung.

Die Terror-PR-Falle
(breitband.deutschlandradiokultur.de, Katja Bigalke, Audio, ab Minute 4:40)
Katja Bigalke spricht mit „Zeit“-Redakteur Yassin Musharbash über die Problematik, die eine ausgiebige Terror-Berichterstattung birgt.

Seltsame Szenen aus der Terror-News-Welt
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler beschreibt „seltsame Szenen“ rund um die Berichterstattung über die Paris-Attentate (von 1000-Euro-Forderungen von Hobbyfilmern bis zu Artikeln über die Trauer in den sozialen Netzwerken über einen erschossenen Polizeihund): „Anhand von tragischen Ereignissen kann man auch Wegmarken der Medienentwicklung setzen. Als vor zehn Jahren islamistische Extremisten Anschläge auf die U-Bahn in London verübten, waren wohl erstmals auf den Titelseiten der Presse Fotos zu sehen, welche Passanten mit ihren Mobiltelefonen gemacht hatten. Was damals aussergewöhnlich war, ist inzwischen Alltag. Massenmedien und soziale Netzwerke sind in dauernder Interaktion — zur Unterhaltung, zur Leserbindung. Manchmal sogar zugunsten der Information.“

Sofort so nah
(sueddeutsche.de, Johannes Boie)
Johannes Boie sieht in Periscope-Live-Reportagen und den Dauernachrichten in sozialen Medien ethische Fragen auf die Rezipienten (und die Medien) zukommen: „Die ständige Präsenz von Handys wird in naher Zukunft dafür sorgen, dass ein Anschlag oder eine Geiselnahme aus Opfer- oder Täterperspektive live oder nur wenig verzögert ins Netz übertragen wird. Und dann? Zuschauen? Wegschauen? Es ist nicht die einzige medienethische Frage, vor die einen die technische Entwicklung der Medien stellt.“

Was sollen denn die Kinder denken?
(faz.net, Ursula Scheer)
Ursula Scheer über einen (inzwischen zurückgezogenen) „Logo!“-Beitrag, der Kindern die Anschläge von Paris erklären soll: „Wenn dieser Beitrag etwas lehrt, dann wie man Kindern (und Erwachsenen) die Attentate von Paris nicht erklären kann.“

Kinder im Umgang mit Medien — wie können Eltern helfen?
(sfr.ch, Claudio Fuchs)
Claudio Fuchs sieht Probleme, wenn Kinder und Jugendliche ungeschützt der Dauerterrorberichterstattung dieser Tage ausgesetzt sind: „Die ständige Konfrontation mit solchen verstörenden Bildern kann ernsthafte Konsequenzen auf das Wohlbefinden haben.“

Ist es in Ordnung, das tote Flüchtlingskind zu zeigen?

Wenn Sie in den letzten Stunden im Internet unterwegs waren, haben Sie dieses Foto wahrscheinlich gesehen: Ein dreijähriger Junge liegt leblos am Strand, das Gesicht halb im Wasser. Er ist ertrunken, als seine Familie mit ihm nach Europa flüchten wollte.

Viele Medien zeigen das Foto seit gestern Abend, vor allem in Großbritannien und Griechenland, aber auch hierzulande, wo es etwa auf FAZ.net und Handelsblatt.com zu sehen ist.

Und natürlich in „Bild“. Es erschien heute auf der letzten Seite der „Bild“-Zeitung …

… auf der Startseite von Bild.de …

… und auf so ziemlich allen anderen Kanälen:






Wir bekommen seit gestern viele Mails dazu, viele Leser sind „zutiefst schockiert“ darüber, dass „Bild“ und andere Medien das Foto zeigen.

Doch ähnlich wie bei dem vor Kurzem veröffentlichten Foto der Flüchtlinge, die in einem Lkw in Österreich erstickt sind, sind wir uns nicht sicher, was wir davon halten sollen. Ist es in Ordnung, das Foto zu veröffentlichen? Oder sollte man es lieber verpixeln? Oder ganz darauf verzichten? Wir wissen es nicht. Fühlen uns aber deutlich wohler dabei, wenn wir es hier bei uns unkenntlich machen.

Auch der Deutsche Presserat konnte uns heute noch keine abschließende Einschätzung zu dem Fall geben. Er verweist auf die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex und erklärt, man müsse immer abwägen zwischen dem öffentlichen Informationsinteresse auf der einen und dem Schutz der Menschenwürde und der Persönlichkeit auf der anderen Seite. Zum Foto des toten Jungen seien bislang zwölf Beschwerden eingegangen, zehn davon gegen „Bild“.

Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, haben wir einige Debatten-Beiträge gesammelt. Wir werden die Liste im Laufe des Tages ggf. erweitern. Sachdienliche Hinweise wie immer gerne an sachdienliche_hinweise@bildblog.de.

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Achtung: In einigen der Artikel sind die Fotos unverpixelt zu sehen. Diese Artikel haben wir mit einem * gekennzeichnet.

Presseschauen zum Thema finden Sie unter anderem auf neues-deutschland.de* und bei der „New York Times“*.

Was uns der tote Junge von Bodrum lehrt
(sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger)
Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, entschied sich mit seinem Team gegen die Veröffentlichung des Fotos: „Zeigen oder nicht? Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? Reichen nicht Worte wie zu Beginn dieses Artikels, um begreifbar zu machen, was vor jenem Strand passiert ist, was an vielen Orten gerade vielen Menschen passiert?“

*Hinsehen!
(handelsblatt.com, Rüdiger Scheidges)
Der Internetauftritt des „Handelsblatts“ zeigt gleich mehrere Fotos, Autor Rüdiger Scheidges fordert seine Leser auf hinzusehen: „Doch was Berichte und Erzählungen wohl nie schaffen, das bewirkt ein solches Bild, das uns jetzt so sehr schockt. Das Dokument der uns umgebenden Wirklichkeit zeigt uns nämlich aufs drastischste, dass dieser kleine Mensch in seinem hochgerutschten roten T-Shirt, seiner Jeanshose, den kleinen Turnschuhen und seinem zusammengepressten kleinen Händchen einer von uns ist. “

Endet die professionelle Distanz an einer Wasserleiche
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl)
Der Journalist Udo Stiehl fragt mit Blick auf den Pressekodex: „Rechtfertigt es die besondere Nähe und Emotionalität zum Thema, dass plötzlich Bilder einer Kinderleiche die journalistischen Grundsätze und die professionelle Distanz verpuffen lassen? Gilt Ziffer 9 nicht mehr? […] Haben tote Flüchtlingskinder, die am Strand angespült werden, jetzt etwa keine Ehre und Würde mehr? Es steckt sicher eine gute Absicht dahinter, in Verbindung mit dem Foto an die Politik zu appellieren, sichere Zufluchtswege zu schaffen. Aber dazu sollte keine Kinderleiche instrumentalisiert werden.“

Ein Foto, das die Welt erschüttert
(ksta.de)
Der „Kölner Stadtanzeiger“ hat eine kurze Presseschau zum Abdruck des Fotos veröffentlicht und diesen Hinweis angehängt: „Unsere Redaktion hat sich in diesem Fall dazu entschlossen, das Foto nur im Anschnitt zu zeigen, damit Sie als Leser selbst entscheiden können, ob Sie sich die Aufnahme ansehen wollen.“

*Das traurigste Foto der Welt: #Kiyiya wird zum Symbolbild der Flüchtlingskrise
(meedia.de, Alexander Becker)
„Meedia“ findet, das Foto könne „tatsächlich etwas bewegen. Es erinnert in seiner brutal emotionalen Symbol-Kraft an das berühmte Foto des jungen Mädchens, dass während des Vietnamkrieges vor einer Napalm-Wolke floh. Die Kraft eines solchen ikonischen Bildes kann man nicht hoch genug einschätzen.“

Am Strand
(friedemannkarig.de, Friedemann Karig)
Der Journalist Friedemann Karig wägt ab zwischen „Pictorial Turn“ und „verwerflichem Ausschlachten der letzten Würde“. Letztlich sei er unentschlossen: „Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall. Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.“

Bilder des Grauens
(djv.de, Hendrik Zörner)
Für Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband steht das Foto in der Reihe jener Bilder, „die ein Ereignis von historischer Tragweite zeigen, die es emotional begreiflich machen, die mehr als tausend Worte sagen. Das waren die Leichenberge in den befreiten Konzentrationslagern 1945, die nackten, weinenden Kinder mit herunter hängenden Hautfetzen nach einem Napalm-Angriff in Vietnam, das brennende World Trade-Center am 11. September 2001 in New York. Und das ist seit gestern der ertrunkene dreijährige Junge, angespült an einen türkischen Strand, der zum Symbol für die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer geworden ist.“

Totes Kind am Strand: Warum wir das Foto nicht zeigen
(merkur.de)
Die Onlineredaktion des „Merkur“ zeigt das Foto nicht und schreibt: „Wir sagen nicht, dass es falsch ist, dass andere Medien das Foto zeigen. Aber wir haben uns nach kontroversen Diskussionen in unserer Redaktion dagegen entschieden. Der Hauptgrund ist, dass wir uns nicht wohl dabei fühlen, ein totes Kind in aller Deutlichkeit zu zeigen. Zudem sollte jeder selbst entscheiden, ob er dieses traurige Bild sehen möchte oder nicht. Wie schlimm das Flüchtlingsdrama ist, weiß jeder aus den vielen, vielen Berichten auch auf unserem Portal. Und wir werden weiterhin ungeschönt darüber berichten. Aber ohne einen toten Buben zu zeigen.“

Das Bild des toten Ailan – ein medienethischer Kommentar
(netzwerk-medienethik.de, Alexander Filipovic)
Alexander Filipovic erkennt vier Werte bzw. Argumente, die (zum Teil) in Konkurrenz miteinander stehen: Die „Würde des Jungen“, der „Schutz der LeserInnen“, die „journalistische Pflicht zur Berichterstattung“ und „Menschen aufrütteln wollen“. Seine Abwägung: „Ich würde das Foto nicht bringen und halte das Vorgehen von, zum Beispiel, Kölner Stadtanzeiger und sueddeutsche.de für beispielhaft. Hier wird deutlich, dass reflektiert und abgewogen wurde und diese Überlegungen wurden publiziert. Und es werden Möglichkeiten angedeutet oder gezeigt, wie das Foto angeschaut werden kann, so dass jeder in Kenntnis von dem, was abgebildet wird, selber entscheiden kann, ob er oder sie es sich anschaut.“

*Zweifelhafter Betroffenheitskult
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Bei Rainer Stadler hinterlässt der massenweise Abdruck des Fotos einen „bitteren Geschmack“: „Die Massenmedien kaschieren ihren Voyeurismus mit einem Betroffenheitskult, dessen Legitimation sie neuerdings daraus ableiten, dass die ohnehin an chronischer Hysterie leidenden sozialen Netzwerke wieder einmal in besonders starke Erregung geraten sind. Man reagiert auf ein angebliches Marktbedürfnis. Doch die Mediengesellschaft schaut nur in den Spiegel und sieht sich selber. Die kurzlebigen Bekundungen von Betroffenheit sind letztlich ebenso sehr ein soziales Zeichen für Abgestumpftheit und ein allgemeines Desinteresse am Geschehen auf diesem Globus. Das moralische Bewusstsein scheint erst jetzt zu erwachen, da das Flüchtlings- und Migrationsdrama näher rückt und bereits in unseren Hinterhöfen und Strassen sichtbar wird.“

*Diskussion um Foto eines toten syrischen Jungen in der „Bild“
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Der „Tagesspiegel“ (der ein Foto zeigt, auf dem das tote Kind weggetragen wird) hat die Nachrichtenagentur dpa zum Thema befragt: „dpa gab das Foto verpixelt heraus. ‚Zuerst einmal: Dieses Foto hat uns in der dpa-Redaktion auch schockiert. Gerade auch Tote haben aber eine Würde‘, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. ‚Daher haben wir uns dafür entschieden, es vorerst nur gepixelt aufzulegen. Unsere Kunden können es aber auch unverpixelt bestellen beziehungsweise eine Perspektive, in der das Kind nicht so im Zentrum des Bildes steht.‘ Bisher habe es jedoch keine Anfragen in dieser Richtung gegeben. ‚Wir sind der Überzeugung, dass auch die Visualisierung menschlichen Leids zur journalistischen Grundversorgung durch die dpa gehört‘, so Gösmann weiter. ‚Wir bemühen uns aber in steter Einzelfallabwägung darum, dabei die Würde von Opfern und auch die Gefühle von Nutzern unserer Produkte zu berücksichtigen.'“

Foto mit Kinderleiche zeigen? „Abwägung von Menschenwürde“
(derstandard.at, Oliver Mark)
Politikwissenschaftlerin Petra Berhardt sagte dem „Standard“ (der das Foto nicht zeigt), die Abwägung sei auch eine Frage der „ethischen Selbstpositionierung“. Es mache einen Unterschied, „ob ein Bild aufs Cover kommt und somit kein Wegsehen möglich macht oder ob es zum Beispiel online hinter einer ‚graphic content warning‘-Schranke abrufbar ist, wo das Publikum selbst entscheiden kann, ob es das Bild sehen will oder nicht.“

Wegsehen wäre die schlimmste Entwürdigung
(kress.de, Heike Rost)
Die Journalistin Heike Rost hat sich gestern dezidiert dafür ausgesprochen, das Foto zu zeigen. Es gehöre „zur Aufgabe von Journalismus, die Seelenruhe von Lesern zu stören“, auch wenn es „unbequem“ und „schwer erträglich“ sei. „Die Geschichte des Journalismus belegt immer wieder, vom Vietnam-Krieg über 9/11 und den Boston-Marathon bis zu den Erdbeben von Haiti und Japan: Es waren Bilder, die Menschen zutiefst berührten. Und zu Veränderung und Handeln bewogen. (…) Wegsehen bewegt nichts. Und für die Opfer dieser Kriege und Katastrophen wäre genau das die wohl schlimmste Entwürdigung.“

Journalismus und die Schock-Bilder
(presseverein.ch, Janosch Tröhler)
Janosch Tröhler vom Zürcher Presseverein weist auf die „Click-To-View“-Möglichkeit hin: „Die Diskussion ‚Zeigen vs. nicht zeigen‘ beschränkt sich tatsächlich auf den Printjournalismus. Doch die digitalen Kanäle bieten die Möglichkeit, die Entscheidung, ob man das Foto sehen möchte oder nicht, den Lesern zu überlassen. Das ist auch die technische Lösung, verantwortungsvollen Journalismus zu machen, der nichts auslässt, aber auch auf billigen Voyeurismus und beim sensiblen Rezipienten keinen Schock auslöst.“

„Die fortgespülte Menschlichkeit“
(detektor.fm, Audio)
detektor.fm hat sich mit dem Fotografen Martin Gommel unterhalten, der selbst schon aus Krisengebieten berichtet hat. Der meint, ethisch bedenklich sei nicht das Zeigen des Fotos, „sondern ethisch bedenklich ist, dass Kinder auf dem Mittelmeer sterben“. Gommel hält es für wichtig, ein solches Bild zu zeigen, weil es uns vor Augen führe, „dass das ganze Thema eine sehr, sehr konkrete Seite hat, die eben Menschenleben kostet“.

***

Zur Geschichte der Familie:
*Family of children found on Turkish beach were trying to come to Canada
(ottawacitizen.com, Terry Glavin)
Die Familie des ertrunkenen Jungen hatte offenbar seit längerer Zeit versucht, nach Kanada zu kommen. Terry Glavin hat all ihre Anstrengungen nachrecherchiert: „Teema, a Vancouver hairdresser who emigrated to Canada more than 20 years ago, said Abdullah and Rehan Kurdi and their two boys were the subject of a ‚G5‘ privately sponsored refugee application that was rejected by Citizenship and Immigration in June, owing to the complexities involved in refugee applications from Turkey. The family had two strikes against them — like thousands of other Syrian Kurdish refugees in Turkey, the UN would not register them as refugees, and the Turkish government would not grant them exit visas.“

Ein Hinweis für Twitter:
„Sensible Medien“ bei Twitter
(sebastian-pertsch.de, Sebastian Pertsch)
Sebastian Pertsch hat einen guten Hinweis für Twitter-Nutzer: Wenn man Fotos als „sensibel“ markiert, werden sie in der Timeline nicht sofort angezeigt, sondern erst nach einem Klick auf „Foto anzeigen“. Das sei „einfach und schnell erledigt“ — und gestatte es „jedem Twitter-Nutzer selber zu entscheiden, die Bilder oder Fotos zu sehen“.

St. Pauli löscht RB-Leipzig-Logo – vor drei Monaten

Am kommenden Sonntag spielt der FC St. Pauli gegen den RB Leipzig, doch schon jetzt, kurz vor dem Spiel, …

… provozieren die Hamburger auf der Vereins-Homepage

(sueddeutsche.de)

… geht [St. Pauli] auf Attacke-Kurs

(Bild.de)

… haben [die Hamburger] das Duell auf ihrer offiziellen Klub-Homepage gestartet

(welt.de)

… probieren es [die Hamburger] mit Psycho-Tricks

(sportnet.at)

Denn:




So und ähnlich heute zu lesen unter anderem bei der dpa, „Spiegel Online“, „RP Online“, „Focus Online“, stern.de, Bild.de, sport1.de, spox.com, sportal.de, auf den Seiten der „Welt“, der „Süddeutschen“, der „Abendzeitung“, der „Berliner Zeitung“, der „Leipziger Volkszeitung“, des „Express“, des „Hamburger Abendblatt“, der „Mopo“, der „FAZ“, also im Grunde überall.

Doof nur: Das Logo wurde nicht erst jetzt entfernt, wie alle glauben, sondern schon vor Monaten. Nach BILDblog-Informationen bereits im Mai.

Mit einem Blick in die „Wayback Machine“, in der frühere Versionen von Internetseiten gespeichert werden, hätten die Journalisten das auch ganz schnell selbst herausfinden können:

Datiert ist diese Version auf den 8. Juni 2015 — schon damals gab’s anstelle des RB-Logos nur einen „Leipzig“-Schriftzug.

In die Welt gesetzt wurde die Geschichte heute übrigens, klar, von der „Bild“-Zeitung:

Mit Dank an Ananyma.

Korrektur, 22.05 Uhr: Wir hatten zunächst geschrieben, das Logo sei vor fünf Monaten gelöscht worden. Das war Quatsch; richtig sind mindestens drei. Entschuldigung!

Du hast den Farbbeutel vergessen

Da ging es aber mächtig drunter und drüber, als Frauke Petry, die Co-Vorsitzende der „Alternative für Deutschland“ (AfD), am vergangenen Mittwoch in Göttingen Opfer eines Angriffs wurde. Also nicht nur im Restaurant „Ali Baba“, wo Petry mit einem Journalisten saß, sondern auch in den Medien.

In einer ersten Meldung, die die dpa am Mittwochabend sowohl über den Basisdienst als auch über den Landesdienst Niedersachsen rausjagte, stützte sich die Agentur in weiten Teilen auf die Aussagen eines AfD-Sprechers:

Die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, ist in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben von Parteisprecher Christian Lüth am Mittwoch den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß, so dass sie zu Boden ging. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Beuteln mit Fruchtsaft beworfen.

Dem Sprecher zufolge war vor der Attacke eine junge Frau an Petry herangetreten und hatte gefragt: „Sind Sie Frauke Petry?“ Als diese die Frage bejahte, soll die Frau sie beschimpft haben und dann verschwunden sein. Kurz darauf stürmten die Vermummten in das Lokal. Sie riefen nach Angaben des Sprechers „Nazis raus!“

Die Darstellung, die die dpa an die Redaktionen im ganzen Land schickte, deckt sich stark mit der, die Frauke Petry knapp anderthalb Stunden zuvor auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte hatte:

Fruchtsaft? Farbbeutel? Da kamen nicht nur die AfD-Leute durcheinander, sondern auch die nach Aktualität hetzenden Journalisten. „Focus online“ blieb bei der dpa-Variante und sprach von „Fruchtsaftbeuteln“, die „Augsburger Allgemeine“ entschied sich in ihrer Überschrift hingegen für eine „Farbbeutel-Attacke“. sueddeutsche.de ließ die Angreifer Fruchtsaft aus Flaschen spritzen, laut stern.de sollen sie Petry mit Getränken beworfen haben.

Dutzende weitere Medien berichteten über den Vorfall in Göttingen. So gut wie alle von ihnen übernahmen (von der dpa) Frauke Petrys Polterei, dass es sich bei dem Angriff um einen niederträchtigen Versuch handele, „die Meinungsfreiheit mit Gewalt einzuschränken“; und dass die Tat zeige, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost werde.

Später am Mittwochabend und nach ersten Befragungen im Restaurant „Ali Baba“ veröffentlichte die Polzeiinspektion Göttingen eine Pressemitteilung, in der sie den Fruchsaft-Farbbeutel-Angriff mit keinem Wort erwähnte. Und am Donnerstag folgte eine zweite Pressemitteilung, die den AfD-Schilderungen sogar deutlich widersprach:

Aktuellen Erkenntnissen zufolge betraten im Anschluss an eine junge Frau gegen 16.00 Uhr vermutlich fünf bis sechs weitere Personen das Cafe. Es kam zu einem Wortgefecht, bei dem der Tisch, an dem Frau Petry und der Journalist saßen, aus bislang noch ungeklärten Gründen plötzlich kippelte, aber nach derzeitigem Stand nicht umstürzte. Dabei fielen die auf dem Tisch stehenden Gläser, darunter eines mit Fruchtsaft, und ein gläserner Kerzenhalter auf den Boden. […]

Hinweise darauf, dass es in dem Lokal zu Würfen von Farb- oder mit Fruchtsaft gefüllten Beuteln auf die Politikerin Petry gekommen ist, haben sich bei den aktuellen Ermittlungen nicht ergeben. Ebenso ist es nach derzeitigem Stand auch nicht zu Bedrohungen oder körperlichen Über-bzw. Angriffen auf die Parteivorsitzende oder ihren Gesprächspartner gekommen. Wegen der ihr gegenüber getätigten Äußerungen stellte Frau Petry am Mittwochabend Strafantrag wegen Beleidigung gegen Unbekannt.

Also kein umgekippter Tisch. Keine zu Boden gestürzte Frauke Petry. Und keine mit was auch immer gefüllten Beutel, die durchs Lokal flogen.

Das hatte inzwischen auch die dpa getickert, allerdings nicht mehr über den großen Basisdienst, sondern nur noch über den kleineren Landesdienst Niedersachsen:

Etwa ein halbes Dutzend Unbekannte, die die Polizei der linksautonomen Szene zurechnet, hatten Petry am Mittwochnachmittag in einem Lokal in der Innenstadt beschimpft. Außerdem hätten sie an dem Tisch gerüttelt, an dem die rechtskonservative Politikerin mit einem Journalisten saß, sagte die Sprecherin. Dabei sei ein Glas mit Saft umgekippt und ein gläserner Kerzenleuchter zu Boden gestürzt.

Als diese Meldung die Redaktionen erreichte, war die Legende vom Fruchtsaftbeutelwurf längst in der Welt. Dabei war relativ früh klar, dass es zumindest Zweifel an der AfD-Erzählung gibt: Das „Göttinger Tageblatt“ zitierte bereits am Mittwoch eine Mitarbeiterin des Restaurants, die die Situation deutlich anders als Frauke Petry wahrgenommen hatte. Das scherte zu dem Zeitpunkt aber offenbar weder die dpa noch all die Medien, die die Meldung — und damit das Märchen des AfD-Sprechers — reihenweise übernahmen.

Nun ist das nicht der erste Fall, bei dem die AfD (Slogan: „Mut zur Wahrheit!“) eine Situation deutlich überspitzt darstellt, es sich in der Opferrolle gemütlich einrichtet und anschließend zuschauen kann, wie Medien die Partei-Sage unters Volk bringen. Als der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke im August 2013 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Bühne geschubst wurde, sprachen sowohl die Partei als auch zahlreiche Medien schnell von einem „Messer-Angriff“ und „linken Chaoten“. Lucke nutzte damals die mediale Aufmerksamkeit — wie vergangene Woche Frauke Petry –, um gegen „Linksextreme“ zu wettern.

Im selben Monat hatte Lennard Rudolph, AfD-Mitglied aus Göttingen, behauptet, dass die Wände seines Wohnhauses mit Benzin übergossen wurden. Die „Welt“ kaufte ihm die Geschichte vom vereitelten Brandanschlag damals ab, während die Göttinger Polizei sich über Rudolphs Aussagen wunderte.

Und wir wundern uns, dass Agenturen und Zeitungen den Aussagen der AfD immer noch blind vertrauen.

Siehe auch: The European: Die Petry und ihr Saftladen

Mit Dank an Benjamin L. und Fionn P.!

Nachtrag, 4. Juni: Der Journalist, mit dem Frauke Petry im Göttinger Restaurant am Tisch saß, ist Jens Schneider von der „Süddeutschen Zeitung“. Und der hat in einem Artikel (Paywall) die Szene so aufgeschrieben:

An diesem Nachmittag in Göttingen will sie [Petry] sich gern weiter in Erinnerungen bewegen. Sie sucht das Pfannkuchenhaus. Als das nicht zu finden ist, wählt sie fürs Interview die Crêperie „Ali Baba“. […]

Plötzlich steht eine junge Frau vor dem Café-Tisch. Sie fragt höflich, als wolle sie nicht an der falschen Stelle grob werden: „Entschuldigung, sind Sie Frauke Petry?“

Petry, liebenswürdig: „Ja.“

Die Frau freut sich. Dann sagt sie: „Geil, ich wollte Ihnen immer schon mal sagen, dass ich Sie richtig scheiße finde.“

„Ja, in Ordnung“, antwortet Frauke Petry unerschüttert. Die Frau ist da schon wieder weg. „Das ist halt Göttingen“, sagt Petry, lacht und widmet sich wieder dem Interviewer. Wenige Minuten später wird es laut. Zwei Vermummte stehen brüllend vor dem Tisch. „Scheiß-Nazi-Frau!“ rufen sie. Und: „Verpisst euch aus Scheiß-Göttingen!“ Einer stößt gegen den Tisch, der Tisch kippt. Sie spritzen mit klebriger Flüssigkeit. Es ist beängstigend, auch wenn es keine Minute dauert.

Frauke Petrys Bluse ist nass.

„Vertrauen Sie der Chemikerin, das war Fruchtsaft, nicht gefährlich“, stellt sie fest und „tja, Demokratie in Deutschland.“

Will sie die Polizei rufen?

„Nein, das nicht, aber wenn Sie bitte ein Handtuch hätten?“ fragt sie die Kellnerin.

Sie macht ein paar Scherze, fragt schließlich: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Vorm Café lauern Autonome, machen Sprüche, als sie geht: „Hey, ihr habt was verloren — den Zweiten Weltkrieg!“ […]

Der Sprecher der AfD in Berlin wittert eine Gelegenheit. Er versendet eine Pressemitteilung, schreibt von einer Attacke mit Farbbeuteln und erheblichem Sachschaden. Unfug. Er macht den üblen Angriff schlimmer als er war. Petry beklagt in der selben Erklärung, die Tat zeige „erneut, dass linksextreme Gewalt von den Altparteien immer noch sträflich verharmlost wird“.

Mit Dank an Stefan P.!

Nachtrag, 10. Juni: Bei Welt.de haben sie es immer noch nicht mitbekommen. Gestern erschien ein weiterer Artikel zur AfD, in dem die Redaktion am Fruchtsaftbeutel-Opfer-Mythos festhält:

Vor zwei Wochen war die Co-Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, in einem Lokal in Göttingen von drei Vermummten attackiert worden. Diese warfen nach Angaben des Parteisprechers den Tisch um, an dem Petry mit einem Journalisten saß. Anschließend hätten die Angreifer die rechtskonservative Politikerin mit Fruchtsaftbeuteln beworfen.

 

Von alten Enten und toten Hunden

Wenn jemand im Internet die Geschichte vom toten Hund erzählt, dann wird sie in der Regel so eingeleitet:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten … mein Chef erzählte sie mir und es soll sich um Bekannte von ihm handeln.

Oder so:

Die folgende Geschichte hat mir ein guter Freund erzählt, die angeblich der Cousine eines Arbeitkollegen pasiert sein soll.

Oder so:

War gestern bei einer Weiterbildungskollegin und die hat mir eine Story erzählt, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie ist wirklich passiert und kein Witz!

Im Kern ist die dann folgende Geschichte immer gleich: Sie handelt von irgendwem, der irgendwann mal in irgendeiner Stadt einen Spaziergang mit seinem Hund gemacht hat. Vor dem Eingang eines Kaufhauses fiel der Hund plötzlich und bedauerlicherweise tot um. Schock, Trauer – und die Frage: Wohin mit dem toten Tier? Irgendjemand besorgte aus dem Kaufhaus einen Karton, der Hund wurde darin verstaut, es gab eine kurze Ablenkung und schwupps! hatte ein Dieb den Karton samt Hund geklaut. Armer Hund, Pech für den Dieb, hihi.

Seit mindestens zwölf Jahren wird diese Geschichte erzählt — in den verschiedensten Varianten. Mal ist es ein Dackel, mal ein Schäferhund, mal ein Berhardiner; mal spielt die Geschichte in Düsseldorf, mal in Frankfurt, mal in Siegen; mal vor einem Eletronik-Laden, mal vor einem Einkaufszentrum, mal vor einer Mode-Boutique. Und nicht nur hierzulande: Auch in Österreich taucht die Story vom geklauten toten Hund seit Jahren immer wieder auf.

Beweise gibt es allerdings nie. Keine Polizeiberichte, keine Überwachungsvideos, keine Fotos. Mit den Betroffenen selbst hat noch nie jemand gesprochen, alles beruht immer nur auf den Aussagen eines Bekannten einer Freundin der Cousine einer Arbeitskollegin. Aber: „wirklich passiert, kein Witz!“

2010 schaffte es eine Version der Geschichte sogar in die „Süddeutschen Zeitung“. Der Autor schrieb:

Manche Geschichten klingen unglaublich und leiden sehr darunter, dass sie in verschiedenen Versionen kursieren. Nun haben allerdings ein paar Freunde in Feldkirchen gerade eine Geschichte zum besten gegeben, die angeblich verbürgt sein soll, wegen einer gewissen emotionalen Delikatesse aber nicht ganz exakt auszurecherchieren ist.

Er hätte auch schreiben können:

Tja, ich weiss nicht 100%ig, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber ich wollte sie Euch nicht vorenthalten …

In der „SZ“-Version spielt die Geschichte in München vor einem Einkaufszentrum. Hund tot, Karton geklaut.

Es war nicht das erste Mal, dass der tote Hund in der Presse auftauchte. Schon sechs Jahre zuvor hatte die „Badische Zeitung“ über einen solchen Fall berichtet. Tatort seinerzeit: Frankfurt, Messegelände. Die „taz“ hörte im gleichen Jahr von einem Fall in Speyer, vor dem Media Markt. Vergangenes Jahr schilderte die „Rheinischer Post“ einen Fall aus Düsseldorf, Königsallee.

Und weil der „Süddeutschen Zeitung“ die Geschichte offenbar so gut gefällt, hat sie gestern gleich noch eine Version erzählt:
Mops-Dieb - Tüte mit totem Hund geklaut
Diesmal: München, Residenzstraße. Vor einem teuren Modegeschäft fällt ein Mops tot um. Und so weiter.

Eine Quelle für die Geschichte hat der Autor nicht angegeben. Spontan hätten wir ja auf die Cousine des Bekannten einer Freundin getippt.

Auf Nachfrage erklärte uns die „SZ“, es gebe gleich zwei Quellen: Und zwar erstens eine Bekannte der Hundebesitzerin. Und zweitens die Angestellten aus dem Modegeschäft. Die hätten versichert, dass zumindest der erste Teil der Geschichte (toter Hund wird eingepackt) wahr sei, das sei ja in ihrem Geschäft passiert. Und der Rest stimme auch, schließlich sei die Dame, deren toter Mops gestohlen wurde, die Schwiegermutter einer ehemaligen Mitarbeiterin. (Wir waren nah dran.)

Selbst wenn die Geschichte vom toten Hund diesmal tatsächlich stimmen sollte, wäre sie schon mindestens ein halbes Jahr alt. Laut  „SZ“ soll der Diebstahl „irgendwann in der ersten Jahreshälfte“ geschehen sein.

Bei der Münchner Polizei hat man allerdings noch nie etwas von dem Fall gehört.

Mit Dank an Matthias und Basti.

Journalismus auf Irrwegen

Es ist aber auch eine kuriose Geschichte, die die dpa da entdeckt hat. Unter der Überschrift …Bosnische Fußball-Fans reisen zum Auswärtsspiel ins falsche Land

… tickerte die Agentur in der vergangenen Woche:

Auf der europäischen Landkarte haben mehrere Fußball-Fans aus Bosnien-Herzegowina wohl die Übersicht verloren: Sie wollten ihr Team am vergangenen Dienstag beim entscheidenden letzten WM-Qualifikationsspiel im litauischen Kaunas unterstützen. Doch statt nach Litauen reisten die Fans ins benachbarte Lettland – sie hatten bei der Buchung nicht genau aufgepasst, wohin die Reise geht.

Tja — dumm gelaufen.

Es dauerte nich lange, bis sich auch andere Medien für die Geschichte der „Touristen-Trottel“ (Süddeutsche.de) interessierten — so etwa das „Hamburger Abendblatt“, die „Mopo“tagesschau.de, die „Sächsische Zeitung“, sport1.de, der „Kölner Stadt-Anzeiger“, „NWZonline“, der „General-Anzeiger Bonn“, der „Nordkurier“, die „Rhein-Zeitung“, express.de, die „Saarbrücker Zeitung“, die „Rheinische Post“, die „Nürnberger Zeitung“, die „Main Post“, die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und und und.

Doch so schön sie auch ist: Die Geschichte der verirrten Fans ist ein Fake.

Sie stammt nämlich ursprünglich von der kroatischen Satire-Seite Novosti24.net. Dort kann man sich gefälschte Artikel generieren lassen, um seine Freunde (oder die Medien) zu veräppeln. Dafür muss man einen Namen sowie Beruf und Herkunftsort eingeben und kann dann aus mehreren vorgegebenen Themen eines auswählen – zum Beispiel, dass [Name] tagelang auf dem Klo eingesperrt war, einen Abend mit Justin Bieber gewonnen hat, sich für den Playboy auszieht oder beim Eurovision Song Contest mitsingt. Oder aber, dass [Name] zusammen mit anderen bosnischen Fußball-Fans aus Versehen nach Lettland statt nach Litauen gefahren ist. Die zuvor eingetippten Daten erscheinen dann im Text, der aussieht, als sei er ein echter Artikel.

Auf unsere Anfrage teilten die Betreiber des Portals mit:

Novosti24.net ist eine Website, um lustige Fake-News zu erstellen, die man seinen Freunden zeigen kann – also ja: Diese Geschichte ist ein Fake von unserer Seite. Nichts in diesem Artikel ist wahr, es ist alles erfunden. Der Text ist in den vergangenen Tagen schon auf etlichen kroatischen/bosnischen/serbischen Zeitungs-Websites aufgetaucht. Es ist wirklich lustig, wie Journalisten in ganz Europa über etwas schreiben, das überhaupt nicht passiert ist. Aber wir sind froh, wenn wir Leute zum Lachen bringen können.

Nachdem wir die dpa darauf hingewiesen hatten, forschte sie noch mal nach und musste schließlich einräumen, dass es nun „deutliche Zweifel“ an der Geschichte gebe. Wie uns ein Sprecher erklärte, hätten zunächst verschiedene Medien in Südosteuropa über den Fall berichtet, mit einiger Verzögerung dann aber darauf hingewiesen, dass es sich um einen Scherz handele. Auch im Baltikum sei die Geschichte vielfach aufgegriffen worden, noch dazu mit sehr unterschiedlichen Quellenangaben. Da das alles ein sehr großes Durcheinander sei und die Authentizität der Geschichte nicht abschließend geklärt werden könne, sei die Meldung im dpa-System jetzt gesperrt worden.

Tja — dumm gelaufen.

Mit Dank an Muamer A.

Mein neuer Freund

Die „Süddeutsche Zeitung“ widmete ihren Aufmacher im Ressort „Wissen“ gestern einer Studie zum Thema Online-Dating:

Der Klick zum Glück

Der Teaser lautete:

Immer häufiger finden Menschen ihre Lebensgefährten über das Internet. Zugleich mehren sich die Hinweise, dass online angebahnte Ehen mindestens so glücklich verlaufen und so lange halten wie traditionell gebildete Partnerschaften

Selbst auf der Titelseite wurde der Text angerissen:

Der Klick zum Glück: Online-Dating stiftet die besseren Ehen > Wissen

Auch „Spiegel Online“ schreibt:

Online-Dating: Im Netz gestiftete Ehen halten länger

Wer sich zuerst online begegnet ist, dessen Ehe hält länger – das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie aus den USA. Wer seinen Partner aus dem Netz kennt, ist mit seiner Beziehung demnach auch zufriedener

Und AFP vermeldet in Bezug auf dieselbe Studie (und mit leichten grammatikalischen Schwächen):

Großteil der US-Ehen kommen über das Internet zustande

Was die Journalisten allerdings nicht erwähnen — und zwar weder in der „Süddeutschen Zeitung“ noch bei „Spiegel Online“ noch bei AFP: Diese Studie wurde von „eHarmony“ in Auftrag gegeben — einer amerikanischen Online-Partnerbörse.

Einige der beteiligten Wissenschaftler arbeiten außerdem schon seit Längerem mit dem Unternehmen zusammen: Der leitende Forscher etwa ist wissenschaftlicher Berater von „eHarmony“, ein anderer Autor der Studie war mal Leiter der „eHarmony Laboratories“.

So etwas muss nicht zwingend Einfluss auf die Studienergebnisse haben. Dass „eHarmony“ in der Studie unter den Dating-Seiten am besten abgeschnitten hat, kann natürlich auch Zufall sein.

Aber man sollte diesen Interessenskonflikt doch zumindest erwähnen, wenn man als Journalist über die Studie berichtet. Vor allem, weil man dafür gar nicht lang hätte recherchieren müssen: Im Aufsatz (PDF), auf den sowohl „Spiegel Online“ als auch Süddeutsche.de verlinken, weisen die Wissenschaftler in einem „Conflict of interest statement“ nämlich selbst darauf hin.

Mit Dank an Basti.

Messerwisser

Zu den Kernkompetenzen von „Bild“ gehören (angeblich) Fußball und (offensichtlich) Nacktheit.

So gesehen war gestern ein großer Tag:

Nackt-Zelte bald vor jedem Stadion?

Vor dem Spiel des FC Bayern München gegen Eintracht Frankfurt hatten die Bayern zwei Zelte aufgestellt, in denen die Gästefans laut „Bild“ kontrolliert wurden „wie auf dem Flughafen“:

Drinnen wurden die Fans vom Bayern-Sicherheitsdienst auf verbotene Gegenstände wie Pyrotechnik kontrolliert. Bei einem Anfangs-Verdacht hätten sich Fans für weitere Kontrollen wohl komplett ausziehen müssen.

„Bild“ zitierte Kritiker der Aktion, erklärte die Rechtslage („Nur die Polizei darf Fans zum Entkleiden auffordern.“), ließ die Bayern aber auch zu Wort kommen:

Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Maßnahme: „30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen.“ Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfeffer-Spray gefunden.

Ähnliche Angaben finden sich auch in anderen Medien.

süddeutsche.de berichtete:

Am vergangenen Samstag, beim Spiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt, von DFB vorab als „Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, wurden darin stichprobenartig Frankfurter Fans kontrolliert. Dabei wurden sichergestellt: 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube und Pfefferspray, außerdem Kokain.

Der Sportinformationsdienst sid schrieb:

Bei den Kontrollen am Samstag seien unter anderem 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt worden.

Und die Deutsche Presse Agentur dpa vermeldete:

Die Maßnahmen rechtfertigte der Verein etwa damit, „verbotene Pyrotechnik und Gewalt im Stadion“ verhindert haben zu wollen, um dadurch „die Sicherheit von rund 71 000 Zuschauern in der Allianz Arena zu gewährleisten“. Bei den Kontrollen seien unter anderem 20 Messer sichergestellt worden.

20 (oder 22) Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von „30 bis 40 Anhängern“ gefunden worden wären, wie man es aus dem „Bild“-Bericht herauslesen könnte. Oder bei der „stichprobenartigen“ Kontrolle der Frankfurter Fans auf süddeutsche.de.

Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern gegenüber dem Eintracht-Blog der „Frankfurter Rundschau“ heute bestätigten:

„Bild“ hatte da in der Frankfurter Regionalausgabe bereits diese Klarstellung veröffentlicht:

Klarstellung: Zum BILD-Artikel über die "Nackt-Zelte" in der gestrigen Ausgabe: 20 Messer, zwei Schlagstöcke und eine Dose Pfefferspray fand die Polizei vorm Eintracht-Spiel in München — bei sämtlichen Kontrollen rund ums Stadion. Damit sind nicht nur die umstrittenen Vollkörperkontrollen vorm Eintracht-Bereich gemeint.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Legenden der Hörerschaft

Gestern Abend (Ortszeit) lieferten sich US-Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney das erste TV-Duell im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in rund fünf Wochen. Diese Fernsehdebatten umweht ein ganz besonderer Hauch, wie auch sueddeutsche.de schreibt:

Den Mythos von der Macht der Mattscheibe in Amerikas Präsidentschafts-Kampagnen begründete die allererste Debatte. Am 26. September 1960 hatten sich der Republikaner Richard Nixon, der damalige Vizepräsident, und sein bis dato eher unbekannter Widerpart, der demokratische Senator John F. Kennedy, in einem Fernsehstudio eingefunden – und jene Millionen Amerikaner, die damals das Duell nur per Radio verfolgten, urteilten hinterher, Nixon sei klarer Sieger gewesen. Nur, im Fernsehen sah die Sache anders aus.

Ein Mythos, fürwahr. In ihrem Aufsatz „The myth of viewer‐listener disagreement in the first Kennedy‐Nixon debate“ hatten sich die Wissenschaftler David L. Vancil und Sue D. Pendell schon 1987 der angeblichen Kluft zwischen den Menschen gewidmet, die die Debatte im Fernsehen bzw. Radio verfolgt hatten.

Ihre Erkenntnisse hat das Blog „Media Myth Alert“ erst letzten Sonntag noch einmal zusammengefasst:

In ihrem Artikel […] zeigten Vancil und Pendell auf, dass die Umfrage vom [Meinungsforschungsinsitut] Sindlinger mehr als 2.100 befragte Personen enthielt — von denen nur 282 die Debatte im Radio verfolgt hatten.

Sie hielten fest, dass „eine untergeordnete Gruppe von 282 Befragungen unterhalb des Grenzwerts ist, der normalerweise für eine nationenweite Auswahl benötigt wird“. Nicht nur das: Nur 178 von den 282 Befragten „äußerten eine Meinung, wer die Debatte gewonnen habe“, schrieben Vancil und Pendell.

Außerdem sagten sie, habe die Sindlinger-Auswahl nicht spezifiziert, wo die Radiohörer lebten, und fügten hinzu

„Eine geographische Schlagseite in der Radio-Auswahl … könnte dramatische Auswirkungen auf die Auswahl eines Debattensiegers gehabt haben. Wenn mehr Leute aus der Provinz vertreten waren, was wegen des relativ eingeschränkten Zugangs zum Fernsehen in ländlichen Gebieten im Jahr 1960 ziemlich sicher der Fall war, hätten sie Nixon bevorzugt.“

[Übersetzung von uns.]

Die paar Befragten, die die Debatte überhaupt im Radio verfolgt hatten, lebten also vermutlich eher in ländlichen Gebieten, wo die politische Ausrichtung sowieso eher in Richtung des Konservativen Richard Nixon tendierte.

Aber die Geschichte ist offenbar zu schön, um sie nicht auch nach 52 Jahren noch zu erzählen.

Mit Dank an Sebastian H.

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