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Verspäteter Schlagzeilenerguss

Derzeitiger Aufreger bei Bild.de, Ressort „News aktuell“:

Das Portal keucht:

Hacker haben YouTube mit Porno-Videos bombardiert.

Wie die BBC berichtet, musste YouTube innerhalb weniger Stunden mehrere Hundert Videos löschen. Das Material wurde unter den Namen bekannter Kinder-Stars wie „Hannah Montana“ oder „The Jonas Brothers“ hochgeladen. Offenbar sollten besonders Kinder und Jugendliche die Schmuddel-Videos anschauen.

Besonders perfide: Viele der Videos begannen wie Kinder-Serien oder normale Musikvideos. Dann ein harter Schnitt, und man sieht Hardcore-Sex. (…)

Ein verstörter junger YouTube-User postete unter ein Video mit dem Titel „Jonas Brother Live On Stage“: „ Ich bin 12 Jahre alt und was ist das?“ Das Video wurde inzwischen gelöscht.

Das stimmt auch alles so weit. Bloß eine Kleinigkeit hat Bild.de beim Abschreiben des BBC-Artikels übersehen: das Datum. Die Geschichte ist über fünf Jahre alt.

Die Aktion mit den Pornovideos, auch bekannt als „Operation Porn Day“, fand bereits im Mai 2009 statt, aus dieser Zeit stammt auch der BBC-Text, den Bild.de zitiert und sogar selbst verlinkt hat. Und „die Spur“ führte natürlich nicht nur „nach Deutschland“, sondern in zig verschiedene Richtungen, denn es hatten sich Leute aus der ganzen Welt beteiligt.

Der Kommentar des „verstörten“ Youtube-Nutzers („I’m 12 years old and what is this?“) hat es übrigens auch schon zum Meme geschafft.

Mit Dank an Jan M. und Thorben.

Nachtrag, 22 Uhr: Stern.de und Nordbayern.de sind mal wieder blind hinterhergerannt. Stern.de hat den Artikel immerhin wieder gelöscht.

Das Foto bei Bild.de stammt übrigens (Danke an Stefan G. für den Hinweis!) aus keinem Porno, sondern aus dem Trailer zum Spiel „Hitman: Absolution“.

Nachtrag, 22.35 Uhr: Jetzt hat auch Bild.de den Artikel gelöscht.

Schwarze Schneeflocke verwirrt Journalisten

Gut möglich, dass Sie in den vergangenen Stunden im Internet auf dieses Schild gestoßen sind:

Es ist nicht nur bei „Spiegel Online“ zu sehen, sondern auch auf den Seiten der „Welt“, der „Mopo“ und der „Mittelbayerischen Zeitung“, bei n-tv.de, „Focus Online“, Stern.de und einigen anderen:

Allerdings: Um dieses Schild geht es gar nicht.

Im Beschluss des Oberlandesgerichts, mit dem sich die Artikel beschäftigen, ist ausdrücklich die Rede vom …

Zusatzschild i.S.v. § 39 Abs. 3 StVO

Und das sieht so aus:

Mit Dank an Steffen S.

Nachtrag, 16. Oktober: „Spiegel Online“ und n-tv.de haben die Fotos ausgetauscht.

Einmal Ente mit ohne Katze

Eine Nachricht schockiert die Welt.



Dieser „Aufreger“ geht ursprünglich auf die L.A. Times zurück. Dort hatte eine Anthropologin vor zwei Tagen behauptet (Übersetzung von uns):

Mir wurde [von der Herstellerfirma] gesagt, dass Hello Kitty keine Katze ist. Sie ist eine Cartoon-Figur. Sie ist ein kleines Mädchen. Sie ist ein Freund. Aber sie ist keine Katze. Sie wurde nie auf allen Vieren gesehen. Sie geht und sitzt wie ein zweibeiniges Wesen. Sie hat selbst eine Katze als Haustier.

Okay. Nehmen wir mal an, das stimmt alles so. Aber was ist dann zum Beispiel mit Micky Maus? Der geht und sitzt schließlich auch auf zwei Beinen und hat sogar einen Hund als Haustier. Aber würde jemand bezweifeln, dass er eine Maus ist? Und was ist mit Donald Duck? Und Bugs Bunny? Und Tom & Jerry? Und Winnie Puuh?

Das englische Blog Kotaku wollte dem katzenfreien Braten auch nicht so recht trauen und hat bei Sanrio, der Herstellerfirma von Hello Kitty, nachgehakt.

Und plötzlich klang die Sache dann doch ganz anders:

Als wir in Sanrios Hauptquartier in Tokio fragten, ob Hello Kitty wirklich eine Katze sei, erklärte eine Sprecherin: „Hello Kitty wurde nach dem Vorbild einer Katze erschaffen. Es würde zu weit gehen zu sagen, dass Hello Kitty keine Katze ist. Hello Kitty ist eine personifizierte, eine vermenschlichte Katze.“

Um sicherzugehen, fragte ich noch einmal: „Also würde es zu weit gehen zu sagen, dass Hello Kitty keine Katze ist?“ Die Sprecherin antwortete: „Ja, das würde zu weit gehen“.

Dieser Blogeintrag ist heute Morgen unter dem schönen Titel „Seid nicht bescheuert, Hello Kitty ist eine Katze“ erschienen und pflückt die Geschichte von der angeblichen Nicht-Katzen-Katze sehr schön auseinander, was Journalisten wie die von „Spiegel Online“, Stern.de, „Focus Online“, dpa und Süddeutsche.de aber nicht davon abgehalten hat, sie im Laufe des Tages trotzdem zu verbreiten. Letztere haben es immerhin geschafft, die neuesten Erkenntnisse in den Text einzubauen und die Überschrift (ursprünglich: „Hello Kitty ist keine Katze“) in „Mensch, Kätzchen!“ zu ändern.

Na, wenigstens bei einem sollte es in Zukunft keine Missverständnisse mehr geben:

Mit Dank an den Hinweisgeber

Die wahre traurige Geschichte hinter Cristiano Ronaldos neuer Frisur

Inzwischen ist es ja normal, dass deutsche Journalisten total am Rad drehen, sobald irgendein Fußballer (oder Trainer) irgendwas mit seinen Haaren anstellt. Diesmal ist es aber besonders extrem. Nicht nur, weil es um Superstar Cristiano Ronaldo geht, der beim letzten WM-Spiel mit einem ins Haupthaar einrasierten Zickzack-Muster auflief, sondern weil sich hinter dieser Frisur eine „ergreifende“ bzw. „rührende“ bzw. „traurige“ bzw. „dramatische“ Geschichte verbirgt.

Im März wurde nämlich bekannt, dass Ronaldo eine Familie finanziell unterstützen will, deren kleiner Sohn Erik an einer Hirnerkrankung leidet und eine teure Operation benötigt.

Was das mit der Frisur zu tun hat? Nun, der „Blitz“ sei in Wirklichkeit kein Blitz, schreiben die Medien, sondern er zeichne die OP-Narbe des kleinen Jungen nach, der Ende letzter Woche operiert worden sei. Ein Zeichen der Verbundenheit also. Hach!

Erzählt wurde diese ergreifende Geschichte bislang unter anderem von „RP Online“, „Focus Online“, Stern.de, Bild.de, DerWesten.de, Blick.ch, HNA.de, Heute.at, dem „Sport-Informations-Dienst“ (auf dem einige der anderen Artikel beruhen), den Online-Auftritten von „Handelsblatt“, NDR, „Weser Kurier“, „Bunte“, „intouch“, „Sportbild“, „Berliner Zeitung“, „Augsburger Allgemeine“, „tz“, „Hamburger Abendblatt“, „Münchner Abendzeitung“, „Mopo“, N24, „Berliner Morgenpost“, außerdem vom „Express“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Nürnberger Zeitung“, der „FAZ“, der „Welt“ und vielen mehr.

Eine Quelle geben viele Medien dabei allerdings nicht an. Und das ist der Haken an der Sache.

Wahrscheinlich beruht die Geschichte ursprünglich auf diesem Tweet:


Sieht zwar recht seriös aus, ist aber, wie sich nach anderthalbsekündiger Recherche zeigt, ein Fake-Account („Not affifilated with the FIFA World Cup“). Und der wiederum hat die Story offenbar von diesem hier:

Auch hier hält sich die Seriosität eher in Grenzen. Andere Tweets des Nutzers lauten zum Beispiel:

Oder:

Davon abgesehen leidet der kleine Junge nicht, wie in den Tweets (und in ihren zahlreichen Varianten) behauptet wird, an einem Tumor, sondern an kortikaler Dysplasie. Einen Beleg dafür, dass Ronaldos Frisur irgendwas mit der OP-Geschichte zu tun hat, liefern die Tweets ohnehin nicht. Spätestens hier hätten die Journalisten — so sie denn recherchiert hätten — also stutzig werden müssen. Und allerspätestens am Montagabend. Da schrieb die Mutter des kleinen Jungen auf ihrer Facebookseite nämlich:

Ich habe gesehen, dass in den sozialen Netzwerken das Gerücht verbreitet wird, Cristiano Ronaldo hätte sich einen Haarschnitt zu Ehren von Eriks Operation machen lassen, aber ich möchte klarstellen, dass das nicht der Fall ist. Mein Sohn wurde noch gar nicht operiert. Cristiano Ronaldo hat zugesagt, einen Teil der Kosten für die Operation zu übernehmen, wenn mein Sohn sich dieser unterziehen muss, aber dieser Tag ist zum Glück noch nicht gekommen.

(Übersetzung von uns.)

Inzwischen sind auch einige Medien wieder halbwegs zurückgerudert. „Bild“ und „Sportbild“ beispielsweise haben ihre Artikel um den Hinweis ergänzt, dass es keine offizielle Bestätigung für die Frisurengeschichte gebe. Das „Handelsblatt“ hat den Online-Artikel kurzerhand gelöscht. Und Stern.de hat zwar die Sache mit der Operation korrigiert („Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Erik Ortiz Cruz bereits operiert worden sei. Das ist nicht der Fall“), findet aber immer noch, dass die Frisur einen tieferen Sinn habe:

Ronaldo wollte nicht symbolisieren, dass er (blitz-)schnell ist. Die einrasierte Stelle steht für eine Narbe am Kopf. Und damit für eine bewegende Botschaft: Der einjährige Erik Ortiz Cruz leidet an einer schweren Hirnerkrankung, er muss operiert werden, auch sein Kopf wird einmal über eine solche Narbe verfügen.

Offenbar findet Stern.de die Geschichte dann doch zu schön, um sie ganz aufzugeben.

Mit Dank an Claudia und pre.

Am Undercut herbeigezogen

So ganz sicher sind sich die Medien ja nicht, ob es wirklich stimmt, was da gerade wieder Verrücktes über Nordkorea berichtet wird. Die dpa hat am Ende ihrer Meldung sogar extra geschrieben:

Es ist sehr schwierig, Angaben aus Nordkorea zu überprüfen.

Aber wie immer in solchen Fällen, hält das die Journalisten natürlich auch diesmal nicht davon ab, die Geschichte trotzdem zu verbreiten.

Und wie!Screenshots: diverse

In fast allen Überschriften und Teasern wird der angebliche „Frisurenzwang“ kurzerhand zur Tatsache erklärt, auch in einigen Artikeln ist kaum ein Zweifel an der Story zu spüren.

Als erstes großes Medium hatte die BBC über die Geschichte berichtet, aufgeschnappt hatte die sie wiederum bei „Radio Free Asia“. In Deutschland war „Focus Online“ zuerst darauf angesprungen, später dann dpa und Dutzende andere Medien.

Wie aber die Seite „NK News“ bereits gestern berichtet hat, ist auch an dieser Story offensichtlich nicht allzu viel dran. Das in den USA ansässige Nachrichtenportal hat sich auf Nordkorea spezialisiert; Quellen sind oftmals NGO-Mitarbeiter, im Ausland lebende Nordkoreaner oder Menschen, die erst kürzlich von einer Nordkorea-Reise zurückgekehrt sind. So wie auch in diesem Fall:

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass [die Geschichte vom Frisurenzwang] Quatsch ist. Letzte Woche hatten alle noch typische Haarschnitte“, sagte Andray Abrahamian, Executive Director der NGO „Choson Exchange“ in Singapur, der regelmäßig mit jungen Nordkoreanern arbeitet.

Gareth Johnson, General Manager der „Young Pioneer Tours“ in Peking, sagt NK News ebenfalls, dass — Stand: letzte Woche — keiner seiner Kollegen Beweise für die neue Frisurenverordnung entdeckt habe. „Wir waren letzte Woche in Nordkorea und haben niemanden mit besagtem Haarschnitt gesehen. Es scheint, als müsse die BBC jede Woche eine neue Nordkorea-Geschichte finden“, sagte Johnson […].

(Übersetzung von uns.)

Das Portal zitiert noch weitere Quellen, die in Nordkorea leben oder arbeiten und ebenfalls davon ausgehen, dass an der Meldung nichts dran ist. Zwar habe sich der Staat in der Vergangenheit bei diesem Thema tatsächlich eingemischt, indem er bestimmte Haarschnitte empfohlen habe, doch inzwischen seien die Mode-Richtlinien gelockert worden. Außerdem würden Verstöße gegen solche Richtlinien nur selten geahndet.

Auch eine andere haarige Geschichte, über die in diesem Zusammenhang (auch von deutschen Medien) gerne berichtet wird, entspricht laut „NK News“ nicht der Wahrheit: Seit einiger Zeit geistere der Mythos umher, dass

Frauen aus einer bestimmten Palette von zugelassenen Haarschnitten auswählen müssen. Doch die Fotos, die in der Regel genutzt werden, um diese Behauptung zu untermauern, zeigen oft Poster mit einer Auswahl von Haarschnitten, die in Friseurläden in Pjöngjang hängen — und die den Kunden in Wirklichkeit nur eine Idee von den möglichen Optionen geben sollen, keine verpflichtende Auswahl.

Aber wie das nun mal so ist:

Gerüchte über Nordkorea, die auf anonymen Quellen basieren, tauchen oft in den Maintream-Medien auf — und führen zu einem „echo chamber effect“.


Mit Dank an Stefan S., Marvin S. und Christoph A.

Was wir nicht alle ein bisschen sind

Im Jahr 1995 fragte der Limonadenhersteller Bluna in seiner Werbung: „Sind wir nicht alle ein bißchen Bluna?“. Im Jahr 2013 zeigte sich, dass viele Journalisten, wenn schon nicht Bluna, dann zumindest ein bisschen bekloppt sind.

3.1., „Neue Osnabrücker Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen genial?

4.1., „Badische Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen narzisstisch?

10.1., Tagesanzeiger.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hipster?

10.1., „The European“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Betty?

13.1., „Sonntag aktuell“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hugo?

18.1., „Manager Magazin“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Chuck Norris?

19.1., „Rhein-Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Landrat?

21.1., FM4:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tarantino?

28.1., „Cicero“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Brüderle?

30.1., „Fränkischer Tag“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Wüstling?

5.2., „Taunus Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Mutti?

14.2., Blick.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen neon?

19.2., SWR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Linksfraktion?

20.2., Elle.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Mademoiselle?

28.2., taz.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Clown?

28.2., „Christ & Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Merkel?

5.3., „Gelnhäuser Tagblatt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen taubstumm?

6.3., „Stuttgarter Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen italienisch?

9.3., „Tauber-Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen kommunikationssüchtig?

17.3., „Hamburger Feuilleton“:

Sind wir nicht alle ein biß­chen Yoga?

27.3., Heute.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen gaga?

5.4., „DerWesten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Aldi?

12.4., „RP Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen hormongesteuert?

13.4., „Nürnberger Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Kaspar Hauser?

20.4., „Thüringische Landeszeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen korrupt?

23.4., Bild.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

23.4., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

24.4., „Rhein Main Presse“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

27.4., „Wirtschafts Woche“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

29.4., „Berliner Kurier“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?“

8.5., „Tagesspiegel“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schwabe?

12.5., „Focus Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Kate?

13.5., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schlager?

24.5., „Nürnberger Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

25.5., „Allgemeine Zeitung“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Zeitung?!

6.6., „Darmstädter Echo“

Sind wir nicht alle ein bisschen Büchner?

7.6., ZDF.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Zombie?

12.6., „Schwäbische Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Bulli?

15.6., „Stuttgarter Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Fußball?

17.6., „Saarkurier Online“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Psycho?

25.6., „Südkurier“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Indie?

28.6., „Nürnberger Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen Monster?

9.7., „Main Post“:

Sind wir nicht alle ein bisschen U-Bahn?

15.7., Krone.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hippie?

22.7., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Papst?

13.8., Deutschlandfunk.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Romeo?

20.8., „Blickpunkt Brandenburg“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Elfenwald?

22.8., „B.Z.“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Seeed?

23.8., „Allgemeine Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen bling-bling?

24.8., „Saarbrücker Zeitung“

Sind wir nicht alle ein bisschen Bauer?

6.10., „Sonntag aktuell“

Sind wir nicht alle ein bisschen flexitarisch?

7.10., „Nürnberger Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen schizo?

14.10., „Die Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tonio Kröger?

17.10., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen zahlungsunfähig?

23.10., „104.6 RTL“:

Sind wir nicht alle ein bisschen BER?

25.10., „Südwest Presse“

Sind wir nicht alle ein bisschen Gaudi?

27.10., „Sonntag aktuell“

Sind wir nicht alle ein bisschen Vettel?

8.11., „Stuttgarter Nachrichten“

Sind wir nicht alle ein bisschen Pop?

11.11., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Wookiee?

18.11., „Tagesspiegel“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Reihenhaus?

28.11., dpa:

Sind wir nicht alle ein bisschen Beethoven?

2.12., Woman.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tussi?

11.12., „Stuttgarter Nachrichten“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hobbit?

14.12., „Heilbronner Stimme“

Sind wir nicht alle ein bisschen Truppe?

31.12., „Frankfurter Rundschau“

Sind wir nicht alle ein bisschen Tebartz?

31.12., „Die Welt“:

Sind wir nicht alle ein bisschen Porno?

Das gottverdammte Gottesteilchen

Hurra, es gibt wieder Nobelpreisträger in Physik! Wie heute verkündet wurde, sind es diesmal der Belgier François Englert und der Brite Peter Higgs, die vor allem mit der Entdeckung eines neuen Elementarteilchens Bekanntheit erlangten. „Higgs-Boson“ wird dieses Teilchen genannt, zumindest von denen, die sich damit auskennen. Journalisten nennen es viel lieber das „Gottesteilchen“.

... aber was haben diese Teilchen eigentlich mit Gott zu tun?

fragte Bild.de heute und gab auch gleich eine Antwort:

Jahrzehntelang fahndeten Physiker nach dem „Gottesteilchen“. Es spielte nach der Teilchentheorie eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums nach dem Urknall. Deshalb auch der Name – Gottesteilchen.

Ah ja.

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Begriffes liest sich, wenn man sich denn die Mühe macht, allerdings ein wenig anders. Und weil Sie dem „Gottesteilchen“ in diesen Tagen wahrscheinlich wieder öfter begegnen werden — zum Beispiel bei Tagesspiegel.de, „Focus Online“, Stern.de, den Online-Auftritten von n-tvMDR„manager magazin“, „Handelsblatt“, „Berliner Zeitung“, „FAZ“ und so weiter — wollen wir die Geschichte mal kurz zusammenfassen.

Gewissermaßen erfunden wurde der Begriff von dem Physiker Leon Lederman, der ihn in seinem 1993 veröffentlichten Buch „The God Particle: If the Universe ist the Answer, what is the Question?“ erstmals benutzte.

Dort schreibt er:

Dieses Boson ist so bedeutend für die heutige Phsyik, so wesentlich für unser Verständnis von der Struktur der Materie und doch so schwer fassbar, darum habe ich ihm einen Spitznamen gegeben: das Gottesteilchen. Warum Gottesteilchen? Zwei Gründe. Erstens, weil der Verleger uns nicht erlaubt hat, es das Gottverdammte Teilchen zu nennen – obwohl das ein viel passenderer Name wäre, angesichts seines niederträchtigen Wesens und des Aufwands, den es verursacht. Und zweitens, weil es da eine Art Verbindung gibt zu einem anderen Buch, einem viel älteren …

(Übersetzung von uns.)

Die Medien finden den Namen auf jeden Fall auch heute noch total super. Die Wissenschafts-Kollegen und die Kirche dagegen eher so mittel.

Und dem frisch nobelbepreisten Peter Higgs ist es inzwischen sogar „peinlich“, dass sich der Begriff so eingebürgert hat. „Ich glaube nicht an Gott“, sagt er, „aber ich habe immer gedacht, dass dieser flapsige Begriff einige Menschen beleidigen könnte.“

Lederman, der mit der Einführung des Begriffs den ganzen Schlamassel erst ausgelöst hat, sieht es aber gelassen. 2006 schrieb er in einer neuen Auflage des Buches:

Was den Titel angeht – The God Particle – , so hat mein Co-Autor Dick Teresi zugestimmt, die Schuld auf sich zu nehmen (ich habe ihn ausbezahlt). Ich habe den Begriff einmal als Scherz in einer Rede benutzt. Er erinnerte sich daran und benutzte ihn als Arbeitstitel für das Buch. „Keine Sorge“, sagte er, „kein Verleger benutzt jemals den Arbeitstitel für das fertige Buch“. Der Rest ist Geschichte. Der Titel verärgerte letztlich zwei Gruppen: 1) die, die an Gott glauben und 2) die, die es nicht tun. Von jenen in der Mitte wurden wir herzlich empfangen.

Aber damit müssen wir leben. Ein Teil der Physikergemeinschaft hat den Namen aufgegriffen, und sowohl die Los Angeles Times als auch der Christian Science Monitor haben das Higgs-Boson als „Gottesteilchen“ bezeichnet. Das erhöht unsere Hoffnung auf eine Verfilmung.

Mit Dank an ex00r und Bernd H.

Überall Blut

Früher konnten Eltern ihren Kindern noch die Augen zuhalten, wenn in der „Tagesschau“ Beiträge über den Bürgerkrieg in Jugoslawien, Anschläge der IRA oder ähnliche, mutmaßlich blutige Themen angesagt wurden. Heute surfen die Kinder im Internet rum und auch wenn die wenigsten von ihnen freiwillig auf Nachrichtenseiten gehen dürften, ist die Chance, auf verstörende (Bewegt-)Bilder zu stoßen, allgegenwärtig.

Nachdem es am Montag an der Ziellinie des Boston Marathons zu zwei Explosionen gekommen war, tauchten innerhalb kürzester Zeit im Internet Fotos und Videos auf, bei denen sich viele sicherlich die schützende Hand der Eltern zurückgewünscht haben — und das nicht nur bei Facebook, Twitter & Co. (vgl. „6 vor 9″ von heute), sondern auch auf mehr oder weniger seriösen Nachrichtenseiten.

Bild.de zeigte (natürlich) Bilder, die mit „Blutüberströmt wird diese verletzte Frau in einem Rollstuhl zum Krankenwagen gefahren“, „Eine junge Frau wird vor Ort am Boden verarztet“, „Ein verletzter Mann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Trage“, „Auch dieser schwer verletzte Mann muss im Rollstuhl zum Krankenwagen gebracht werden“ und „Eine Frau mit einem verwundeten Bein wird auf eine Trage verlagert“ einigermaßen treffend umschrieben sind. „Focus Online“ präsentierte eine Bildergalerie unter der Überschrift „Terror auf der Ziellinie – Schreckens-Bilder aus Boston“, stern.de zeigte Fotos, auf denen „deutlich […] die Blutflecken zu erkennen“ waren, oder sich Menschen „schreiend auf der Erde wälzen“, und „RP Online“ betextete seine Bildergalerie durchaus treffend mit: „Diese Läuferin läuft weinend durch die Gegend“ und „Überall waren Blutlachen zu sehen“. Auf amerikanischen Nachrichtenseiten waren mitunter noch heftigere Fotos zu sehen, noch mehr Blut — teils ohne jede Vorwarnung direkt auf der Startseite.

Auf sueddeutsche.de erschien gestern ein Artikel über die „Macht der Bilder“, in dem es heißt:

Egal, wer für den Anschlag verantwortlich ist, die Täter haben ein erschreckendes Gespür für die Symbolik eines Terroranschlags gezeigt. Nirgendwo waren mehr Kameras, nirgendwo haben mehr Menschen das Ereignis verfolgt. Und an keiner anderen Stelle wäre die unmittelbare Aufmerksamkeit höher gewesen, als an der Ziellinie. Jede Sekunde des Anschlags ist in zahllosen Clips aus allen nur denkbaren Einstellungen zu sehen. Jedes kleinste Detail wurde mit Smartphones festgehalten und hat sich innerhalb weniger Minuten auf der ganzen Welt verbreitet. Ungefiltert, nahezu in Echtzeit. Wer will, kann das Grauen mit all seinen Facetten ansehen. Und genau das ist es, was die Terroristen bezwecken.

Das ist sicher richtig.

Insofern ist es konsequent und lobenswert, dass sueddeutsche.de diesem und anderen Artikeln einen Kommentar hinzugefügt hat:

Im Zuge der Berichterstattung über den Anschlag in Boston verzichtet Süddeutsche.de bewusst auf die Veröffentlichung von Fotostrecken und Videos mit blutigen Bildern der Opfer. Uns ist bewusst, dass andere News-Seiten, auf die wir – nach sorgfältiger Prüfung – in unseren Texten verlinken, derartige Fotos möglicherweise zeigen. Wir glauben jedoch, dass in diesen Fällen der Informationsgehalt der verlinkten Artikel so hoch ist, dass Verweise dennoch gerechtfertigt sind.

Bis dass der Tod sie eint

Um keine Nachahmer zu animieren, sind die Medien angehalten, zurückhaltend über Suizide zu berichten. So sollten sie jede Bewertung von Suiziden als „heroisch, romantisch oder tragisch“ vermeiden, keine Details über die Betroffenen und ihre Tat nennen und vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten. Auch sollten sie auf „romantische Überhöhungen“ verzichten, beispielsweise auf Formulierungen wie „ihre Liebe war stärker als der Tod“, „jetzt auf ewig vereint“ oder „nun hat sie erreicht, was sie schon immer wollte“. Die Medien halten sich häufig nicht an diese Empfehlungen.

Das, was stern.de da heute veröffentlich hat, wirkt allerdings ein bisschen, als habe ein Mitarbeiter die Empfehlungen, was man bei der Suizid-Berichterstattung unterlassen solle, als Aufforderung verstanden, möglichst viel davon aufzuschreiben. Und so schreibt er schon im Vorspann, der Suizid einer in Deutschland weitgehend unbekannten US-Country-Sängerin sei „das traurige Ende einer verkorksten Karriere“.

Er beschreibt einigermaßen minutiös die (mutmaßliche) Auffindesituation und Todesursache, referiert dann kurz den Aufstieg und Fall der Sängerin, ihre Krankengeschichte und ihre Familiensitation.

Dann wird es richtig schlimm:

Warum sie den Freitod wählte, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Offenbar haben zahlreiche private Probleme die Sängerin in den Selbstmord getrieben: Drogensucht und ein Ex-Ehemann, der sie misshandelte und psychisch unter Druck gesetzt haben soll. Kurz vor ihrem Tod habe er [ihr] das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn entziehen wollen. Als dann im Januar der Vater ihres zweiten Kindes, der Produzent […], tot aufgefunden wurde – er soll ebenfalls Selbstmord begangen haben – , zerbrach offenbar ihr Lebensmut.

Der Tod ihres Partners brach den Lebensmut
„Er war mein Leben. Jeder war ein Teil des anderen. Ich kann gar nicht sagen, wo einer von uns begann und der andere endete. Wir sind jeden Abend Händchen halten zusammen eingeschlafen“, sagte [sie] im Januar in einem Fernsehinterview mit dem Sender NBC. Jetzt sind sie wieder vereint.

Mit Dank an Hermann L.

Nach der Umfrage ist vor der Umfrage

Wenn Journalisten mit Statistiken jonglieren, ist immer äußerste Vorsicht geboten. Bei Umfrageergebnissen verhält es sich offenbar ganz ähnlich. Fangen wir bei „stern.de“ an.

Zwei Tage nachdem Schwarz-Gelb Ende Januar bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Schlappe hinnehmen musste, hatte das Portal doch noch eine gute Nachricht für die Anhänger von Union und FDP:stern-RTL-Wahltrend - Keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene

„stern.de“ weiß:

Die Union kann weiter zuversichtlich auf das Wahljahr blicken.

Denn im „stern-RTL-Wahltrend“ hält sie „mit 42 Prozent (…) einen ihrer besten Werte seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist“. Die SPD hingegen „verharrt weiter im Tief: Zum zweiten Mal in Folge erreicht sie nur 23 Prozent“.

Durchgeführt wurde die Befragung für den „stern-RTL-Wahltrend“ vom Forsa-Institut, dessen Chef Manfred Güllner ebenfalls zu Wort kommt:

Dass die SPD trotz des rot-grünen Wahlerfolgs in Niedersachsen bundesweit schwach bleibt, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner nur auf den ersten Blick ein Gegensatz.

Auf den zweiten Blick ist ihm dann vielleicht etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, dass sein Institut die Umfrage vom 14. bis 18. Januar durchgeführt hat – also mehrere Tage vor der Niedersachsenwahl. Dass die Wahl die Umfrageergebnisse nicht beeinflusst hat, könnte also durchaus daran liegen, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht mal begonnen hatte.

Das müssten die Leuten bei „stern.de“ eigentlich auch bemerkt haben, denn am Ende des Artikels schreiben sie selbst:

Datenbasis: 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, befragt vom 14. bis 18. Januar 2013, statistische Fehlertoleranz: +/- 2,5 Prozentpunkte. Institut: Forsa Berlin.

Und schon am Anfang des Textes:

Im stern-RTL-Wahltrend, der vor der Wahl in Niedersachsen erhoben wurde, (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Und auch sonst beweist „stern.de“ viel Geschick darin, inhaltliche Widersprüche einfach zu ignorieren. Während es noch in der Überschrift heißt, es gebe „keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene“, und im Teaser, Schwarz-Gelb habe im Wahltrend „triumphiert“, stellt sich dieser Triumph im Text ein bisschen anders dar: Die FDP ist bundesweit nämlich „nur auf 4 Prozent“ gekommen — und wäre damit nicht mal im Parlament. Nicht die besten Voraussetzungen für eine schwarz-gelbe Zukunft.

Eine ähnliche Verrenkung hat heute „Spiegel Online“ hinbekommen: Umfrage: Union legt trotz Schavans Plagiatsaffäre kräftig zu

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt der ehemaligen Bildungsministerin klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Dass die Union „trotz Schavans Plagiatsaffäre“ zulegt, mag ja sein. Das heißt aber nocht nicht, dass sie es „trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt“ tut:

Der Doktortitel wurde Frau Schavan am 5. Februar aberkannt. Durchgeführt wurde der Wahltrend, wie „Spiegel Online“ selbst schreibt, „in der Zeit vom 4. bis 8. Februar“. Einige Befragte konnten also noch gar nichts von der Aberkennung des Doktortitels wissen. Vom Rücktritt wussten sogar noch weniger der befragten Personen — niemand, um genau zu sein. Denn der wurde erst einen Tag nach der Umfrage bekanntgegeben.

Mit Dank an Jascha H.

Nachtrag, 20.10 Uhr: „Spiegel Online“ hat sich unauffällig korrigiert. Der betreffende Absatz lautet nun so:

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Debatte um ihre Doktorarbeit klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Und aus dem Satz …

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt.

… ist Folgender geworden:

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt – also noch vor dem Rücktritt der Ministerin. Diese zog sich am 9. Februar vom Amt der Bildungsministerin zurück.

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