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Mein neuer Freund

Die „Süddeutsche Zeitung“ widmete ihren Aufmacher im Ressort „Wissen“ gestern einer Studie zum Thema Online-Dating:

Der Klick zum Glück

Der Teaser lautete:

Immer häufiger finden Menschen ihre Lebensgefährten über das Internet. Zugleich mehren sich die Hinweise, dass online angebahnte Ehen mindestens so glücklich verlaufen und so lange halten wie traditionell gebildete Partnerschaften

Selbst auf der Titelseite wurde der Text angerissen:

Der Klick zum Glück: Online-Dating stiftet die besseren Ehen > Wissen

Auch „Spiegel Online“ schreibt:

Online-Dating: Im Netz gestiftete Ehen halten länger

Wer sich zuerst online begegnet ist, dessen Ehe hält länger – das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie aus den USA. Wer seinen Partner aus dem Netz kennt, ist mit seiner Beziehung demnach auch zufriedener

Und AFP vermeldet in Bezug auf dieselbe Studie (und mit leichten grammatikalischen Schwächen):

Großteil der US-Ehen kommen über das Internet zustande

Was die Journalisten allerdings nicht erwähnen — und zwar weder in der „Süddeutschen Zeitung“ noch bei „Spiegel Online“ noch bei AFP: Diese Studie wurde von „eHarmony“ in Auftrag gegeben — einer amerikanischen Online-Partnerbörse.

Einige der beteiligten Wissenschaftler arbeiten außerdem schon seit Längerem mit dem Unternehmen zusammen: Der leitende Forscher etwa ist wissenschaftlicher Berater von „eHarmony“, ein anderer Autor der Studie war mal Leiter der „eHarmony Laboratories“.

So etwas muss nicht zwingend Einfluss auf die Studienergebnisse haben. Dass „eHarmony“ in der Studie unter den Dating-Seiten am besten abgeschnitten hat, kann natürlich auch Zufall sein.

Aber man sollte diesen Interessenskonflikt doch zumindest erwähnen, wenn man als Journalist über die Studie berichtet. Vor allem, weil man dafür gar nicht lang hätte recherchieren müssen: Im Aufsatz (PDF), auf den sowohl „Spiegel Online“ als auch Süddeutsche.de verlinken, weisen die Wissenschaftler in einem „Conflict of interest statement“ nämlich selbst darauf hin.

Mit Dank an Basti.

Der imaginäre Umfragen-Aufwind der Piraten

Dafür, dass die Medien kaum etwas für so nachrichtenträchtig halten wie Meinungsumfragen, tun sie sich erstaunlich schwer, sie korrekt zu interpretieren.

Heute berichtet die Nachrichtenagentur dpa in mehreren Meldungen, dass die Piratenpartei „Aufwind in Umfragen“ erfahre:

Nach vielen Rückschlägen über Monate hinweg geht es für die Internet-Partei laut Umfragen endlich wieder aufwärts. Im Wahltrend der „Bild am Sonntag“ liegt sie nun mit vier Prozent auf Augenhöhe mit der FDP.

Entsprechend schreibt „Spiegel Online“, die Umfrage sorge auf dem aktuell in Neumarkt stattfindenden Bundesparteitag der Piraten für „gute Laune“, und behauptet: „Das Umfrageergebnis ist nach Monaten der erste Hoffnungsschimmer für die Partei (…).“

Keineswegs.

Auch in der Vorwoche hatte die Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ die Piraten schon bei vier Prozent gesehen, ebenso wie übrigens auch einmal im April, den größten Teil des Februar und den ganzen Januar.

Die neue Umfrage zeigt keinen „Aufwind“ für die Piraten: Sie stagnieren laut Emnid bei vier Prozent (siehe Ausriss).

Um einen Aufwärtstrend zu konstruieren, müsste man die wöchentlichen Emnid-Umfragewerte mit denen anderer Institute vergleichen, zum Beispiel denen von Forsa für den „Stern“ und RTL, die die Piraten aktuell bei 2 Prozent sehen. Wenn das funktionierte, könnte man aber zum Beispiel auch jede Woche vermelden, dass die SPD im Aufwind und im Sturzflug ist: Forsa schätzt die Wahlchancen der Sozialdemokraten nämlich chronisch niedriger ein als die anderen Institute. So würde jede neue Forsa-Umfrage (im Vergleich mit Emnid) einen Absturz der SPD in der Wählergunst bedeuten und jede neuen Emnid-Umfrage (im Vergleich mit Forsa) einen Zuwachs.

Nachtrag, 14:35 Uhr. Das ging schnell. Die dpa hat ihre Zusammenfassung berichtigt mit den Hinweis, die Neufassung stelle „in Überschrift und Text die Entwicklung bei den Umfragen klar: Kein Aufwind, da Emnid schon vergangene Woche für die Piraten 4 Prozent errechnet hatte.“

Verliebt, verlobt, vertan

Am Sonntag veröffentlichte „Spiegel Online“ eine Vorab-Meldung aus dem gedruckten „Spiegel“:

Die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU, Dorothee Bär, hat ihren jetzigen Ehemann vor der Heirat nach Informationen des SPIEGEL über Jahre als wissenschaftlichen Mitarbeiter in ihrem Berliner Abgeordnetenbüro beschäftigt. Bärs Ehemann Oliver ist promovierter Jurist.

Damit könnte Bär gegen das Abgeordnetengesetz verstoßen haben. Dieses verbietet den Parlamentariern, Arbeitskosten für Verwandte, Ehe- oder Lebenspartner abzurechnen. Dasselbe gilt auch für Verlobte.

Der letzte Satz ist der Entscheidende, wie wir gleich noch sehen werden.

Am Dienstag veröffentlichte Dorothee Bär auf ihrer Webseite nämlich ein Schreiben (PDF) von Bundestagspräsident Norbert Lammert, den sie um Prüfung gebeten hatte.

Darin erklärt Lammert, dass Frau Bär nicht gegen die entsprechende Passage im „Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder des Deutschen Bundestages“ verstoßen habe: Ihr späterer Ehemann sei bis zum 31. Januar 2006 beschäftigt gewesen, geheiratet habe sie ihn am 12. Februar 2006.

Die Behauptung „Dasselbe gilt auch für Verlobte“ von „Spiegel und „Spiegel Online“ wäre demnach unzutreffend.

In §12, Absatz 3 des AbgG heißt es:

Der Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Mitarbeitern, die mit dem Mitglied des Bundestages verwandt, verheiratet oder verschwägert sind oder waren, ist grundsätzlich unzulässig. Entsprechendes gilt für den Ersatz von Aufwendungen für Arbeitsverträge mit Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern eines Mitglieds des Bundestages.

In seinem Schreiben stellt Lammert auch klar, dass mit „Lebenspartnern oder früheren Lebenspartnern“ von Abgeordneten „nur solche gleichen Geschlechts zu verstehen sind“.

Tatsächlich wurde der betreffende Satz im Jahr 2001 in den Gesetzestext eingefügt, um dem zeitgleich in Kraft tretenden Lebenspartnerschaftsgesetz gerecht zu werden. Weil Schwule und Lesben nicht „heiraten“ dürfen, brauchte es diese zusätzliche Formulierung.

Auf unsere Frage, ob „Spiegel Online“ nach der Veröffentlichung von Lammerts Schreiben den entsprechenden Artikel überarbeiten wird, erklärte uns Chefredakteur Rüdiger Ditz, die Redaktion bleibe bei ihrer Darstellung. Sie habe im Vorfeld der Veröffentlichung eigene Informationen bei der Bundestagsverwaltung eingeholt, die anders ausgefallen seien als die jetzt veröffentlichte Feststellung des Bundestagspräsidenten.

Bitte hier entlang!

Wenn früher ein Verbrechen geschah, schwärmten die Reporter der Boulevardzeitungen aus und versuchten, bei Angehörigen und Nachbarn, teils unter Vortäuschung falscher Tatsachen, an Fotos des Opfers und des Tatverdächtigen zu kommen.

Diese Mühe und schmutzige Arbeit muss sich heute niemand mehr machen, denn es gibt ja das Internet und damit quasi unbegrenzten Zugang zu Fotos von Opfern und Tatverdächtigen — oder Leuten, die so ähnlich heißen.

Die nächste Stufe sieht nun offenbar so aus: Die Leser sollen nicht mehr nur wissen, wie Opfer und Tatverdächtiger (bzw. der Einfachheit halber: „Täter“) aussehen, sie sollen sich auch selbst ein Bild machen können — vielleicht mit der Handykamera als Leserreporter, vielleicht mit Fackeln und Forken als Mob.

„Bild“ hatte letzte Woche schon mal vorgelegt und ausführlich die Berliner Umgebung beschrieben und beschriftet, in dem ein Elternpaar lebte, dem vorgeworfen wird, seinen Säugling getötet zu haben (BILDblog berichtete), gestern widmete sich Bild.de neuen Erkenntnissen im Mordfall Peggy K. und garnierte den Text mit einer interaktiven Grafik, in der sich der geneigte Leser den vermeintlichen Tatort, den Wohnort des Opfers, den des bisherigen Tatverdächtigen und den des neuen Tatverdächtigen anzeigen lassen kann:


(Unkenntlichmachungen von uns.)

Laut „Frankenpost“ hatte die Polizei bereits am Montag versucht, das Grundstück des neuen Tatverdächtigen mit „mit Tüchern verhängten Bauzäunen vor neugierigen Blicken“ zu schützen. Das Grundstück, dessen Lage die „Frankenpost“ selbst einigermaßen klar nennt. „Spiegel Online“ nennt die Straße, in der das Haus steht, und seine auffällige Farbe — und falls da noch Verwechselungsgefahr bestehen könnte, ist in der Bildergalerie auch noch ein Foto des Hauses zu sehen. Auch dpa nennt die Straße und liefert ein Foto des Hauses mit.

Für die Anwohner dürfte das nicht Neues sein: Sie leben in einer kleinen Stadt mit nicht mal 1.100 Einwohnern, wo eh jeder jeden kennt und wo seit Montag zahlreiche Medienvertreter vor dem betreffenden Haus campieren. Aber die Empörten und Gestörten aus der ganzen Republik, die müssen sich heute nicht mehr durch Telefonbücher wühlen oder in zwielichtigen Webforen rumtreiben: Sie bekommen ihre Informationen direkt von vermeintlich seriösen Nachrichtenwebsites geliefert.

Mit Dank an Michael H.

Leimgänger unter sich

„Spiegel Online“ macht sich heute per Video mal ein bisschen über das russische Staatsfernsehen lustig:Meteorit im russischen TV: Staatsfernsehen zeigt falschen Krater

In der Beschreibung heißt es:

Das russische Staatsfernsehen ist in der Berichterstattung zu dem Meteoriten-Hagel im Ural offenbar einem betagten Internetvideo auf den Leim gegangen.

Die Off-Sprecherin ergänzt in süffisant-seriösem Ton:

Der Moderator sagt in der aktuellen Berichterstattung: „Sie sehen hier den Krater, der sich dort gebildet hat.“ Dann werden Bilder gezeigt, die erstmals vermutlich schon 2007 ins Netz gestellt wurden. Für den TV-Sender hagelt es nun Spott. Denn mit dem aktuellen Meteoritenphänomen hat diese Einschlagsstelle nichts zu tun.

Gut erkannt, „Spiegel Online“! Mit dem aktuellen Meteoritenphänomen hat diese Einschlagsstelle nichts zu tun.

Sie hat sogar mit überhaupt keinem Meteoritenphänomen zu tun. Es ist nämlich gar keine Einschlagsstelle. Das Video zeigt vielmehr den als „Tor zur Hölle“ bekannten Krater in Turkmenistan, der 1971 bei der Suche nach Erdgas entstanden ist.

Wenn da mal nicht jemand einem betagten Internetvideo auf den Leim gegangen ist.

Mit Dank an Lukas.

Nachtrag, 16.27 Uhr: Das ging schnell: „Spiegel Online“ hat das Video gelöscht.

Nachtrag, 16.31 Uhr: Hier ist es aber noch zu sehen.

Nach der Umfrage ist vor der Umfrage

Wenn Journalisten mit Statistiken jonglieren, ist immer äußerste Vorsicht geboten. Bei Umfrageergebnissen verhält es sich offenbar ganz ähnlich. Fangen wir bei „stern.de“ an.

Zwei Tage nachdem Schwarz-Gelb Ende Januar bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Schlappe hinnehmen musste, hatte das Portal doch noch eine gute Nachricht für die Anhänger von Union und FDP:stern-RTL-Wahltrend - Keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene

„stern.de“ weiß:

Die Union kann weiter zuversichtlich auf das Wahljahr blicken.

Denn im „stern-RTL-Wahltrend“ hält sie „mit 42 Prozent (…) einen ihrer besten Werte seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist“. Die SPD hingegen „verharrt weiter im Tief: Zum zweiten Mal in Folge erreicht sie nur 23 Prozent“.

Durchgeführt wurde die Befragung für den „stern-RTL-Wahltrend“ vom Forsa-Institut, dessen Chef Manfred Güllner ebenfalls zu Wort kommt:

Dass die SPD trotz des rot-grünen Wahlerfolgs in Niedersachsen bundesweit schwach bleibt, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner nur auf den ersten Blick ein Gegensatz.

Auf den zweiten Blick ist ihm dann vielleicht etwas ganz anderes aufgefallen. Nämlich, dass sein Institut die Umfrage vom 14. bis 18. Januar durchgeführt hat – also mehrere Tage vor der Niedersachsenwahl. Dass die Wahl die Umfrageergebnisse nicht beeinflusst hat, könnte also durchaus daran liegen, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht mal begonnen hatte.

Das müssten die Leuten bei „stern.de“ eigentlich auch bemerkt haben, denn am Ende des Artikels schreiben sie selbst:

Datenbasis: 2506 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, befragt vom 14. bis 18. Januar 2013, statistische Fehlertoleranz: +/- 2,5 Prozentpunkte. Institut: Forsa Berlin.

Und schon am Anfang des Textes:

Im stern-RTL-Wahltrend, der vor der Wahl in Niedersachsen erhoben wurde, (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Und auch sonst beweist „stern.de“ viel Geschick darin, inhaltliche Widersprüche einfach zu ignorieren. Während es noch in der Überschrift heißt, es gebe „keine Gefahr für Schwarz-Gelb auf Bundesebene“, und im Teaser, Schwarz-Gelb habe im Wahltrend „triumphiert“, stellt sich dieser Triumph im Text ein bisschen anders dar: Die FDP ist bundesweit nämlich „nur auf 4 Prozent“ gekommen — und wäre damit nicht mal im Parlament. Nicht die besten Voraussetzungen für eine schwarz-gelbe Zukunft.

Eine ähnliche Verrenkung hat heute „Spiegel Online“ hinbekommen: Umfrage: Union legt trotz Schavans Plagiatsaffäre kräftig zu

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt der ehemaligen Bildungsministerin klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Dass die Union „trotz Schavans Plagiatsaffäre“ zulegt, mag ja sein. Das heißt aber nocht nicht, dass sie es „trotz der Aberkennung des Doktorgrads und dem Rücktritt“ tut:

Der Doktortitel wurde Frau Schavan am 5. Februar aberkannt. Durchgeführt wurde der Wahltrend, wie „Spiegel Online“ selbst schreibt, „in der Zeit vom 4. bis 8. Februar“. Einige Befragte konnten also noch gar nichts von der Aberkennung des Doktortitels wissen. Vom Rücktritt wussten sogar noch weniger der befragten Personen — niemand, um genau zu sein. Denn der wurde erst einen Tag nach der Umfrage bekanntgegeben.

Mit Dank an Jascha H.

Nachtrag, 20.10 Uhr: „Spiegel Online“ hat sich unauffällig korrigiert. Der betreffende Absatz lautet nun so:

Die Deutschen scheinen die Union wegen der Aufregung um Annette Schavan nicht abstrafen zu wollen, ganz im Gegenteil: Trotz der Debatte um ihre Doktorarbeit klettern CDU und CSU laut dem Wahltrend von „Stern“ und RTL im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte.

Und aus dem Satz …

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt.

… ist Folgender geworden:

Für die Umfrage wurden 2505 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger in der Zeit vom 4. bis 8. Februar befragt – also noch vor dem Rücktritt der Ministerin. Diese zog sich am 9. Februar vom Amt der Bildungsministerin zurück.

Der GEZ-Spuk der Friedhofsbagger

Seit ein paar Tagen geistern Friedhofsbagger durch die Berichterstattung über die neue Rundfunkabgabe. Auslöser war ein Bericht des „Kölner Stadt-Anzeiger“ Ende Januar, wonach die Stadt Köln die Zahlung der Rundfunkgebühren vorerst verweigere. Sie sah sich nicht im Stande, Fragen zu beantworten wie die, ob sie „jetzt auch für unsere Friedhofsbagger Gebühren zahlen müssen“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ griff diese Frage auf, ohne sie zu beantworten (und titelte sogar: „Ein Bagger sieht fern“); „taz“ und „Tagesspiegel“ hielten es ebenso. Das „Handelsblatt“ nannte die „absurde“ Frage als Beispiel dafür, dass die Einführung des neuen Rundfunkbeitrags „nicht so simpel“ sei, „wie uns die Anstalten weismachen wollen“.

Dabei findet sich die Antwort auf die Frage dort, wo man sie vermuten würde: auf der offiziellen Seite des Rundfunk-Beitragsservice unter „Kraftfahrzeuge“:

Sind Bagger, Kehrfahrzeuge oder Gabelstapler beitragspflichtige Kraftfahrzeuge?

Kraftfahrzeuge, die nach der Verordnung über die Zulassung von Fahrzeugen zum Straßenverkehr (FZV) keiner Zulassung bedürfen, sind nicht beitragspflichtig (siehe § 3 FZV). Dazu zählen u.a. selbstfahrende Arbeitsmaschinen (z. B. Bagger und Kehrfahrzeuge) sowie Stapler (z. B. Gabelstapler).

Doch die Geschichte mit den angeblich möglicherweise rundfunkbeitragspflichtigen Friedhofsbaggern wurde nicht begraben, im Gegenteil. Sie tauchte gestern als Untoter an prominenter Stelle wieder auf: in einer dpa-Meldung über eine Pressekonferenz der ARD. Die Agentur berichtete um 16.01 Uhr:

Hamburg (dpa) – Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor hat „in einzelnen Fällen“ Nachbesserungen beim Rundfunkbeitrag in Aussicht gestellt. „Bei einer solchen Neuregelung kann es einzelne Fälle geben, wo es Nachbesserungsbedarf gibt“, sagte Marmor am Dienstag in Hamburg. Als Beispiele nannte er Beitragsrechnungen an Kommunen für Bagger und Friedhöfe. (…)

Erst um 18.48 Uhr korrigierte dpa sich, wies nun explizit darauf hin, dass „Friedhöfe und Bagger nicht beitragspflichtig sind“ und änderte den Anfang der Meldung so:

Hamburg (dpa) – Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor hat „in einzelnen Fällen“ Nachbesserungen beim Rundfunkbeitrag in Aussicht gestellt. „Bei einer solchen Neuregelung kann es einzelne Fälle geben, wo es Nachbesserungsbedarf gibt“, sagte Marmor am Dienstag in Hamburg. Zum Beispiel müssten demente Patienten in Pflegeheimen keine Beitrage zahlen. Es werde zur Zeit viel geschrieben über Gebührenrechnungen zum Beispiel für Friedhöfe und Bagger. Diese seien jedoch in Wahrheit nicht beitragspflichtig.

Das hätten Journalisten auch vor der Korrektur wissen können, aber selbst die Korrektur half nur wenig.

Die „Hamburger Morgenpost“ behauptet:

Firmen, Städte und Gemeinden leisten den Beitrag bislang nach Betriebsstätten und Fahrzeugen. Bei Fällen wie Beitragsrechnungen an Kommunen für Bagger und Friedhöfe könnte es jetzt allerdings Entlastungen geben.

Bei der vermeintlichen Fachzeitschrift „w&v“ steht die Falschmeldung online sogar noch in der Überschrift:

Rundfunkbeitrag für Bagger und Friedhöfe? ARD will nachbessern

In der gedruckten „Badischen Zeitung“ steht der Fehler heute ebenso wie auf den Internetseiten von „Stern“ und „Schleswig-Holsteinischem Zeitungsverlag“.

„Spiegel Online“ — wo die Meldung die steile Überschrift trägt: „ARD verspricht Änderungen bei GEZ-Beitrag“ — hat den ursprünglichen Vorspann unauffällig und ohne Hinweis geändert. Ursprünglich lautete er:

Rundfunkbeitrag für Bagger oder Friedhöfe? Dass dies absurd ist, scheint auch den Öffentlich-Rechtlichen klar zu werden.

Wann es auch den Berichterstattern klar wird, ist noch offen.

Nachtrag, 13.00 Uhr. Auch die gedruckten Ausgaben von „Bild“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichten heute entsprechend falsch.

Ataroids

Es gibt keinen Zweifel: Die Marke Atari ist eine Legende. Und so ist es kein Wunder, dass sich am Montag viele Medien der Nachricht widmeten, dass — mal wieder — ein Unternehmen mit dem Namen Atari in finanzielle Schieflage geraten ist. Doch wie bei vielen Legenden ist es nicht einfach den wahren Kern zu erblicken.

Zum Beispiel bei Welt Online

Der Computerspiele-Pionier Atari hat einen Insolvenzantrag für sein Geschäft in den USA gestellt. Das mehr als 30 Jahre alte Unternehmen, dass mit Spielen wie Pong oder Asteroids einst an den Anfängen der Computerspiele-Industrie stand, will sich unter Schutz vor seinen Gläubigern sanieren.

Und bei Spiegel Online:

Mit „Pong“ und „Asteroids“ wurde er berühmt, jetzt hat der legendäre Computerspielhersteller Atari für sein US-Geschäft Insolvenz angemeldet. Die Firma soll nun mithilfe neuer Investoren saniert werden und hofft auf eine Zukunft mit mobilen Spielen.

Alleine: Mit dem Hersteller von Pong und Asteroids hat das jetzt in die Insolvenz gegangene Unternehmen wenig zu tun. Wie auch Spiegel Online zum 40. Jubiläum der Marke selbst feststellte: Das eigentliche Unternehmen Atari existiert schon lange nicht mehr.

Markenname und andere Bestandteile der Spielelegende wurden mehrfach weiterverkauft. Was sich heute Atari nennt, stammt von der Firma GT Interactive ab, die nach einer Reinkarnation als Infogrames schließlich die Namensrechte an Atari kaufte und sich umbenannte.

Den Vogel 8-Bit-Gorilla schoss aber mal wieder Bild.de ab. Der Witschaftsticker titelte hier so:

Screenshot: Bild.de

Donkey Kong ist in der Tat ein Spiele-Klassiker — er stammt aber von Nintendo.

Mit Dank an Alexander A., Tobias T. und Matthew L.

Nachtrag, 23. Januar: Bild.de hat die Bildunterschrift geändert in „‘Donkey Kong’ – der Spiele-Klassiker von Nintendo auf der Atari-2600-Konsole.“

Newtown im deutschen Onlinejournalismus

Heute vor einem Monat erschoss ein Mann in Newtown, Connecticut 27 Menschen, darunter 20 Kinder einer Grundschule.

Nach dem Amoklauf von Winnenden hatte der Deutsche Presserat im Jahr 2010 einen Leitfaden für die Berichterstattung über Amokläufe (PDF) veröffentlicht, in dem die deutschen Medien zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Opfer, Angehörige und Täter aufgerufen werden.

In welcher Form und in welchem Ausmaß deutsche Onlinemedien wie Bild.de, „Spiegel Online“, „Focus online“, FAZ.net oder sueddeutsche.de in der ersten Woche über die Ereignisse von Newtown berichtet haben, haben wir in einer Übersicht zusammengefasst:

  • Die deutsche Online-Berichterstattung über den Amoklauf in Newtown (PDF)

Von Antisemiten und Antisemanten (2)

Letzten Dienstag schrieben wir hier im BILDblog über die angebliche „Liste der schlimmsten Antisemiten“ auf der sich der deutsche Journalist Jakob Augstein befinden soll.

Die Liste des Simon Wiesenthal Centers (PDF), ist allerdings die „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also die Top Ten der anti-semitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen im Jahr 2012.

Die Deutsche Presse Agentur (dpa) hat am Mittwoch mit jemandem gesprochen, der an dieser Liste mitgearbeitet hat:

Das amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum hat seinen Antisemitismus-Vorwurf gegen den Journalisten und Verleger Jakob Augstein differenziert. In einer Rangliste des Zentrums seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei. „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten“, stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag (Ortszeit) klar.

Ein Blick auf die Originalliste hätte diese Lesart von vorne herein nahegelegt, aber immerhin war die „differenzierte“ Kritik an Augstein jetzt im Umlauf.

Und sah bei „Spiegel Online“ zum Beispiel so aus:

Antisemitismus-Debatte: Jüdisches Zentrum relativiert Vorwürfe gegen Augstein

So kann man es natürlich auch nennen, wenn das Simon Wiesenthal Center noch einmal explizit erklärt, was eigentlich die ganze Zeit über der verdammten Liste gestanden hatte.

Geht aber noch besser:

Mit seiner Platzierung des SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Jakob Augstein auf der Liste der zehn übelsten Antisemiten hatte das Simon-Wiesenthal-Center eine Kontroverse ausgelöst. [...] Nun hat das amerikanische Zentrum seinen Vorwurf gegen Augstein differenziert. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei.

„Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten“, stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag klar.

Am Freitagnachmittag passierte dann etwas, was von Beobachtern zuvor als ähnlich wahrscheinlich eingestuft worden war wie eine Eröffnung des neuen Berliner Großflughafens: Der Dampfplauderer Henryk M. Broder, dessen Einschätzung, Augstein sei „ein lupenreiner Antisemit“, das Simon Wiesenthal Center in seiner Liste zitiert hatte, entschuldigte sich auf der Internetseite der „Welt“ bei Jakob Augstein — zwar explizit „nur dafür“, Augstein als „kleinen Streicher“ bezeichnet zu haben, aber immerhin entschuldigte er sich.

Darüber berichtete auch wieder „Spiegel Online“ — und verhedderte sich erneut in den Begrifflichkeiten:

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein zuvor auf die Liste der zehn übelsten Antisemiten gesetzt, sich wenig später allerdings differenzierter geäußert: Es gehe um die Zitate, nicht um Personen. In der Rangliste seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei, sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper am Dienstag.

Und im aktuellen gedruckten „Spiegel“ heißt es in einem Streitgespräch zwischen Jakob Augstein und dem Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, an die Adresse von Augstein:

SPIEGEL: Das Simon Wiesenthal Center hat sich jetzt noch einmal korrigiert und gesagt, nicht Sie als Person seien antisemitisch, aber einige Ihrer Äußerungen seien es, und es könne sein, dass Ihnen das gar nicht bewusst sei.

Ein cleverer Schachzug: Wenn Medien mit ein paar Wochen Verspätung entdecken, dass sie ausuferndst über eine Liste berichtet haben, ohne genau verstanden zu haben, was diese Liste eigentlich beschreiben soll, korrigieren sie sich nicht etwa selbst, sondern tun so, als ob die Autoren der Liste sich korrigiert hätten.

Mit Dank auch an Ekkehard K. und Daniel.

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