Archiv für Spiegel Online

Die größte Strafe

In Neuseeland ist ein Vater zur Zahlung von umgerechnet etwa 100 Euro Strafe verurteilt worden, weil er seinen 18 Monate alten Sohn 40 Minuten lang im Auto allein gelassen hatte. Mitten in der Nacht. Vor einem Striplokal.

Jedoch:

Laut Richter Michael Behrens habe sich der Vater eindeutig „keinen Phantasien“ hingegeben. Die größte Strafe für Schwamm aber sei, dass die Öffentlichkeit davon ausgehe, dass er in dem Lokal etwas Anrüchiges getan habe, während sein Kind alleine im Auto lag, sagte der Richter dem neuseeländischen Radiosender „3news“.

Und deshalb überschreibt „Spiegel Online“ die Meldung, der dieser Satz entstammt, auch wie folgt:

Neuseeland: Vater lässt Baby während Strip-Club-Besuchs alleine im Auto

Mit Dank an Philipp S.

Eine Meldung für die Saure-Gurkhas-Zeit

Seit gestern macht eine Meldung die Runde:

Filmemacher Matthew Vaughn hat genug von irren Stalkern: Schiffer-Ehemann: Elite-Soldaten schützen meine Familie!

Claudia Schiffer + Matthew Vaughn: Gurkha-Kämpfer zum Schutz vor Stalkern. Nachdem Claudia Schiffer und Matthew Vaughn immer wieder unschöne Begegnungen mit Stalkern hatten, lässt sich das Paar seit einigen Jahren von einer Gruppe nepalesischer Ex-Soldaten schützen

Claudia Schiffer: Ihr Mann hat Angst um sie

Verbrechensprävention: Ex-Soldaten beschützen Claudia Schiffer

Mittwoch, 24. März 2010: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten bewacht

Claudia Schiffer: Elitesoldaten als Leibgarde. Claudia Schiffer geht nur noch in Begleitung von nepalesischen Elitesoldaten aus dem Haus. Ihr Ehemann hat so große Sorge um seine Frau, dass er die "trainierten Killer" engagiert hat.

Leibwache: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten geschützt. Topmodel Claudia Schiffer wird sehr gut bewacht. Ihr Mann Matthew Vaughn ist so um das Wohl der Familie besorgt, dass er Gurkhas – eine nepalesische Sondereinheit der britischen Armee – angeheuert hat. „Sie sind großartige Leute. Und sie sind trainierte Killer", sagte der britische Filmemacher.

Schiffers Ehemann heuert trainierte Killer an

Die Information mit den Ex-Soldaten haben die meisten Medien von der Deutschen Presse-Agentur, die dieses Detail aus einem eher umfangreichen und thematisch vielschichtigen Interview destilliert hat, das Claudia Schiffers Ehemann Matthew Vaughn der britischen „Sun“ gegeben hat.

Allerdings hat dpa auch noch selbst etwas recherchiert:

Schiffers Sprecherin bestätigte der dpa am Mittwoch in London, dass die Gurkhas „seit langem“ zum Personal der Familie gehören.

Um dieses „seit langem“ genauer zu quantifizieren, hätten dpa oder Teile der weiter verbreitenden Medien nur einen Blick in ihre eigenen Archive werfen müssen:

28.12.2004 Vorsichtiges Model: Elitesoldaten bewachen Claudia Schiffer

28. Dezember 2004, 15:21 Uhr Personenschutz: Nepalesen wachen über die Schiffers

Claudia Schiffer (34), Supermodel, und Ehemann Matthew Vaughn (33) setzen beim Personenschutz einen neuen Trend. Nach einem Bericht des "Daily Mirror" hat das Paar zur Bewachung britische Gurkhas angeheuert. Die zur britischen Armee gehörenden Eliteeinheiten aus Nepal sind für ihre Unerschrockenheit bekannt. Schiffer-Freundin Madonna soll so beeindruckt gewesen sein, daß sie die Ex-Soldaten auch für ihren Schutz einsetzen will.

Claudia Schiffer holt sich die härtesten Bodyguards der Welt

Claudia Schiffer heuert Elite-Soldaten an: Gurkhas schützen ihr Haus

Andererseits wäre bei so einem Gang ins Archiv vielleicht aufgefallen, dass es eigentlich keinen Grund für die jetzige Meldung gab.

Mit Dank an Judeth.

Wider die wirren Währungswürdigungen!

„Wir widersetzen uns allen Ländern, die sich an gegenseitigen Schuldzuweisungen beteiligen oder starke Maßnahmen ergreifen, andere dazu zu zwingen, ihre Währung zu würdigen.“

Das soll der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao laut „Hamburger Abendblatt“ und „Spiegel Online“ gesagt haben.

Man muss kein Experte in Finanzpolitik sein, um zu merken, dass dieser Satz sprachlich schlampig und inhaltlich großer Unsinn ist. Doch wirr ist in diesem Fall nicht Wen Jiabao, sondern lediglich die unqualifizierte Übersetzung des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD). In der englischen Version liest sich Wens Aussage deutlich weniger wirr, da sagt der chinesische Ministerpräsident nämlich lediglich:

“We oppose countries pointing fingers at each other and even forcing a country to appreciate its currency.”

(“Wir lehnen es ab, dass Staaten sich gegenseitig die Schuld geben und sogar einen Staat zwingen, seine Währung aufzuwerten.”)

So bleiben schon deutlich weniger Fragen — außer vielleicht, warum „Spiegel Online“ und das „Hamburger Abendblatt“ so einen offensichtlichen Unfug weiterverbreiten.

Nachtrag/Korrektur, 17.08 Uhr: „Spiegel Online“ hat den Fehler mittlerweile korrigiert, dabei allerdings einen Fehler von BILDblog übernommen. Denn natürlich muss es in der deutschen Übersetzung „und“ heißen, wo im Englischen „and“ steht, nicht „oder“. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen, haben ihn nun korrigiert und bedanken uns bei den zahlreichen Hinweisgebern.

Die Reifeprüfung

Schlechte Nachrichten, die die Deutsche Presse-Agentur da heute Morgen um 5.30 Uhr unter der Überschrift „Jeder zweite Schulabgänger ‘nicht ausbildungsreif'“ verkündet hat:

Fast jeder zweite Schulabgänger gilt als „nicht ausbildungsreif“ und muss vor Vermittlung in eine Lehrstelle zusätzliche Fördermaßnahmen absolvieren. Dies geht aus dem Entwurf des „Berufsbildungsberichts 2010″ der Bundesregierung hervor, der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt.

Doch es reich nicht immer aus, wenn einem so ein Entwurf vorliegt — man muss ihn auch verstehen. Und das ist gar nicht so einfach, wie ein Sprecher des Bundesministeriums für Bildung und Forschung uns gegenüber zugab.

Der Journalist von dpa habe einfach die Zahl aller Schulabgänger aus dem Jahr 2008 mit der Zahl der Eintritte in sogenannte berufsgrundbildende Maßnahmen verglichen und war so auf einen Wert von 47,3% gekommen. Übersehen hatte er dabei aber, dass diese Maßnahmen auch von Abgängern anderer Jahrgänge in Anspruch genommen werden können, dass sie mehrfach besucht (und dann auch mehrfach gezählt) werden können und dass sie teilweise von „ausbildungsreifen“ Jugendlichen zur Qualifikationsverbesserung genutzt werden.

All das hat das Ministerium in einer ersten Reaktion auf den dpa-Bericht auch mit einer etwas umständlichen Pressemitteilung ausdrücken wollen, doch da waren die Jugendlichen schon in den Brunnen gefallen: Weil sie die mutmaßlichen Ergebnisse des Berichts, der Mitte April dem Kabinett vorgelegt werden soll, direkt verkünden wollten, hatten Onlinemedien wie „Spiegel Online“, „Welt Online“ und RTL.de (dort übrigens unter der beeindruckenden Überschrift „Viele Schulabgänger zu dumm zum Arbeiten“) die Fehlinterpretation von dpa bereits in die Welt getragen.

Doch nicht nur das. Auch die Zahlen von 2005, mit denen dpa (und damit auch „Spiegel Online“ und „Welt Online“) die von 2008 vergleicht, sind falsch, weil auf die gleiche Weise zustande gekommen:

Zwar sei die Zahl der von der Bundesagentur für Arbeit als „nicht ausbildungsreif“ eingeschätzten Jugendlichen zwischen 2005 und 2008 wieder leicht zurückgegangen – und zwar von 55 Prozent auf 47,3 Prozent. Doch gebe es für diese Gruppe der Schulabgänger immer noch erhebliche Probleme bei der Ausbildungsplatzvermittlung.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff „nicht ausbildungsreif“ oft sehr unterschiedlich definiert wird. Wenn man ihn mit „gar keinen Schulabschluss schaffen“ gleichsetze, liege der Wert seit Jahren bei rund 8%, so der Ministeriumssprecher weiter.

Ohne ihre erste Version über die „Ausbildungsreife“ zurückzuziehen, hat dpa um 15.11 Uhr einen ausführlicheren Text über den Entwurf zum Berufsbildungsbericht verschickt, in dem es jetzt heißt:

Der Anteil der Jugendlichen, die zwischen Schule und Eintritt in die Berufsausbildung zunächst einen ergänzenden Grundbildungskurs besuchen, wird in dem Bericht für das Jahr 2008 mit 47,3 Prozent beziffert. 2005 lag dieser Anteil laut Bericht sogar bei 55 Prozent.

Die Möglichkeit, dass manche Absolventen dieser Kurse mehrfach gezählt werden, ist da immer noch nicht berücksichtigt. Oder wie es das Bundesministerium für Bildung und Forschung formulierte: Die neue Version ist „schon richtiger, aber immer noch nicht ganz richtig“.

Mit Dank an Hendrik W.

Nachtrag, 4. März, 0.30 Uhr: Um 20.03 Uhr verschickte dpa eine Berichtigung des ersten Textes:

Berichtigung: In der Überschrift und im ersten Absatz wurden die Zahlenangaben entfernt. Das Bundesbildungsministerium hat darauf hingewiesen, dass bei der im Entwurf des Berufsbildungsberichtes 2010 „genannten Referenzgröße von 47,3 Prozent“ bei den Teilnehmerzahlen für zusätzliche Bildungsmaßnahmen auch Schulabgänger früherer Jahrgänge mitgezählt worden seien. In der Zusammenfassung um 15.11 Uhr (dpa 4299) ist dieser Umstand bereits berücksichtigt worden.

Davon ab verzichtet dpa in dieser Version auf jedwede Prozentzahlen.

„Spiegel Online“ hat seinen kompletten Artikel entfernt und durch diesen Hinweis ersetzt:

In eigener Sache

An dieser Stelle stand ein Artikel („‘Mangelhaft’ für deutsche Schulabgänger“), in dem auf Basis der Nachrichtenagentur dpa falsch gewichtete Zahlen über die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen berichtet wurden. Inzwischen hat die Agentur ihre Darstellung korrigiert und die Bundesregierung die ursprünglichen Zahlen dementiert. SPIEGEL ONLINE berichtet darüber in einem eigenen Artikel…

„Welt Online“ hat seinen Artikel komplett überarbeitet, aber auf einen Hinweis darauf verzichtet.

Nur bei RTL.de heißt es weiterhin:

Die Bilanz ist erschreckend: fast jeder zweite Schulabgänger ist laut dem ‘Berufsbildungsbericht 2010′ der Bundesregierung zu unqualifiziert für eine Ausbildungsstelle.

2. Nachtrag, 10.45 Uhr: Wer ist natürlich gestern noch voll drauf reingefallen?

Berufsbildungsbericht: Sind unsere Azubis zu blöd?

Und wer verbreitet den Quatsch heute immer noch?

Ernst Elitz, früherer Intendant des Deutschlandradios, in einem Kommentar für „Bild“:

Handwerker suchen händeringend Lehrlinge. Sie wollen Arbeit schaffen. Aber fast jeder Zweite, der in eine Lehre soll, ist „nicht ausbildungsreif“.

Mit Dank an Andreas H.

Das letzte Mysterium um WTC 7

Hefte raus, Klassenarbeit!

Lesen Sie die folgenden einleitenden Absätze des „Spiegel Online“-Artikels „Warum der dritte Turm des World Trade Centers fiel“ aufmerksam und beantworten Sie anschließend die unten stehenden Fragen:

Seit mehr als zwei Jahren arbeitet das National Institute of Standards and Technology (NIST) an der Klärung der Frage, warum Turm Sieben des World Trade Centers am 11. September 2001 um 17.21 Uhr Ortszeit zusammengebrochen ist. Das 47-stöckige Gebäude war im Gegensatz zu den zuvor eingestürzten Zwillingstürmen nicht von einem Flugzeug getroffen worden.

Ende dieses Monats werden die Ermittler des NIST den seit langem erwarteten Bericht laut BBC voraussichtlich vorstellen – und vermutlich mitteilen, dass normale Feuer in mehreren Etagen den Zusammensturz des dritten Turmes verursacht haben. Damit wäre es weltweit das bisher einzige Hochhaus aus Stahl, das infolge eines Brandes eingestürzt ist.

1. Seit wann arbeitet das NIST an dem Fall?
2. Wann wird der Ermittlungsbericht vermutlich vorgestellt werden?

Schreiben Sie Ihre Antworten bitte auf ein Blatt Papier und werfen Sie dieses anschließend in den Papierkorb — Sie sind nämlich alle durchgefallen!

Aus Gründen, die vermutlich nur in mehr als zweijähriger Ermittlungsarbeit ans Tageslicht zu zerren sind, hat „Spiegel Online“ nämlich heute einen Artikel veröffentlicht, der sich auf einen mehr als anderthalb Jahre alten BBC-Bericht beruft — die Formulierungen „diesen Monat“, „mehr als zwei Jahre“ und die Zitate des leitenden Ermittlers Shyam Sunder finden sich jedenfalls alle bei der BBC und beziehen sich auf den Juli 2008. Veröffentlicht wurde der Abschlussbericht des NIST dann übrigens erst im November 2008.

Dass da etwas nicht stimmte, muss auch „Spiegel Online“ aufgefallen sein. Am Nachmittag fand sich am Ende des Artikels plötzlich diese Anmerkung:

Anm. d. Red.: Aufgrund eines redaktionellen Fehlers ist der Artikel „Warum der dritte Turm des World Trade Centers fiel“ an diesem Montag veröffentlicht worden. Dabei entstand der Eindruck, es handele sich um eine aktuelle Nachricht. In Wirklichkeit stammt die zu Grunde liegende Meldung der BBC jedoch aus dem Jahr 2008. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen!

Das warf vermutlich die Frage auf, warum denn eine anderthalb Jahre alte Meldung unter dem heutigen Datum online stehen müsse — und so hat „Spiegel Online“ den Artikel kurze Zeit später komplett gelöscht und durch einen Hinweis in eigener Sache ersetzt.

Das ist doch mal ein souveräner und transparenter Umgang mit eigenen Fehlern!

Mit Dank an Tobias R.

Nachtrag, 16. Februar: Rüdiger Ditz, Chefredakteur von „Spiegel Online“ erklärte uns auf Anfrage:

Dieser peinliche Fehler ist passiert, weil die Geschichte in der Sektion Most Popular Stories Now [auf news.bbc.co.uk] unter den Top 5 verlinkt war.

Den gleichen Denkfehler hatte offensichtlich auch die französische Website slate.fr begangen (und in der Zwischenzeit korrigiert) — auf die sich dann wiederum Yahoo! News berief.

Eine Reise, die Fragen aufwirft

„Spiegel Online“ lud gestern zum „Nintendo-Quiz“. Überraschenderweise muss man dafür nicht wissen, welchen Beruf Super Mario hat, wer „Tetris“ erfunden hat oder wie die aktuelle Nintendo-Spielekonsole heißt.

Nein, darum geht’s:

Was bedeutet „Safari“? Wo leben die Sherpa? Und wer erfand eigentlich das Sandwich für Zwischendurch? Testen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Reisequiz Ihr Wissen – und rätseln Sie sich mit Fragen aus dem Nintendo-Spiel „Weltreise“ von Kontinent zu Kontinent.

Die Firma Nintendo bringt für ihren tragbaren Spielcomputer „Nintendo DS“ seit längerem Spiele heraus, die „Spiegel Online“ im Titel tragen: „Allgemeinwissen“, „Life Coach“ und jetzt eben „Weltreise“.

Beim „Nintendo-Quiz“ auf „Spiegel Online“ gilt es, Fragen aus eben diesem Spiel zu beantworten. Und damit der Leser auch weiß, wie er an das Spiel kommt, findet sich links neben den Fragen ein subtiler Hinweis:

Spielerisch vermittelt SPIEGEL ONLINE – Weltreise allen Reiselustigen geographisches und länderspezifisches Wissen – vom Kofferpacken bis hin zu Geheimtipps am Zielort. Jetzt im SPIEGEL- Shop!

Wie traurig ist das: Der Online-Ableger des traditionsreichen Nachrichtenmagazins „Spiegel“ stellt im Rahmen einer Werbeklickstrecke läppische Quizfragen („Wo steht der Buckingham Palace?“), die die Journalisten entweder einem Computerspiel entnommen oder ursprünglich selbst für das Computerspiel geschrieben haben, aus dem sie sie nun wieder recyclen, um dafür zu werben.

Gestern Nachmittag haben wir „Spiegel Online“-Chefredakteur Rüdiger Ditz gefragt, ob das Quiz nicht wenigstens als „Anzeige“ bzw. „Eigenanzeige“ gekennzeichnet werden müsste.

Eine Antwort haben wir bisher nicht bekommen, aber statt „Nintendo-Quiz“ steht plötzlich etwas anderes über den Fragen:

Reisequiz: Einmal um die Welt gerätselt

Mit Dank an Achim S.

Text mit Eigenantrieb

Auf „Spiegel Online“ steht seit Dienstag ein siebenteiliger Artikel über ein Großprojekt, mit dem im Mittelmeerraum Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden soll. Es ist ein erstaunlich positiver Artikel, bei dem der Teil „Kritik“ einigermaßen pflichtschuldig drangeklatscht aussieht. Aber darum soll es gar nicht gehen:

Unter der Teilüberschrift „Wie der Strom transportiert wird“ findet sich eine Passage über Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ), ein Verfahren, mit dem der in Nordafrika produzierte Strom nach Europa geschafft werden soll.

Eine erprobte Technik, wie „Spiegel Online“ weiß:

Die Firma ABB verlegt seit Jahren sowohl unterseeisch als auch an Land HGÜ-Kabel. „Bei dem Norned-Projekt haben wir in 410 Metern Tiefe ein 580 Kilometer langes Kabel zwischen Norwegen und den Niederlanden gelegt“, sagt Günther Stark, Leiter des Fachvertriebs für den Bereich elektrische Netze bei ABB Deutschland. Die Aktion dauerte zwei Wochen und kostete 600 Millionen Euro. Das elf Zentimeter dicke Kabel verbindet seither die Stromnetze beider Länder.
(Link im Original)

Über diesem Text, in dem der Schweizer Elektrotechnikkonzern Asea Brown Boveri (ABB) erwähnt wird, und über allen anderen Texten dieser Artikelserie findet sich ein kleiner Hinweis:

powered by ABB

„Powered by …“?

Chefredakteur Rüdiger Ditz erklärt uns, es handele sich um eine Werbeform, die Werbekunden die Möglichkeit biete, „seine Banner in einem Themenfeld exklusiv zu platzieren“. Seit dem Relaunch im August gebe es bei „Spiegel Online“ „Tausende Themenseiten“, deren Inhalte alle rein redaktionell seien. Von diesen Tausenden Seiten sind ein paar „powered by“.

Dass ein Text, in dem es unter anderem um ABB gehe, auch in dem Themengebiet „Erneuerbare Energien“ erscheine, das „powered by ABB“ ist, ist laut Ditz „purer Zufall, weil der Redakteur oder Ressortleiter der Ansicht war, sein Text passe am besten in das Thema ‘Erneuerbare Energien’.“ Der selbe Text sei im Übrigen ja auch noch zu anderen Themengebieten (wie „Solarenergie“, „Kopenhagen-Konferenz“, „Klimawandel“) zugeordnet.

Auf die Frage, ob der Ruf von „Spiegel Online“ aufgrund solcher „Zufälle“ nicht Schaden nehmen (oder „absaufen“) könne, schreibt Ditz:

Auf allen powered-by-Seiten stehen redaktionell unabhängige Texte. In den vergangenen Jahren war der Ruf von SPIEGEL ONLINE durch diese Praxis nicht berührt, deshalb sehe ich nicht, warum er künftig dadurch gefährdet sein sollte.

Sternestunden des Journalismus

Kennen Sie das „Burj al Arab“ in Dubai?

Sicher kennen Sie:

Ein grosser Hafen, eine internationale Airline und das weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab waren Ausdruck der Vision und sind teilweise wirtschaftliche Erfolgsgeschichten.
(„NZZ am Sonntag“, 29. November 2009)

Binnen weniger Jahre mauserte sich die Berichterstattung über seine künstlichen Inseln, die glitzernden Hochhaustürme (darunter selbstverständlich das demnächst höchste Gebäude der Welt) und natürlich ganz besonders das welterste „Sieben-Stern-Hotel“ zu so etwas wie einem eigenständigen journalistischen Topos.
(„Kurier“, 28. November 2009)

[A]n Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde.
(„Die Presse“, 27. November 2009)

Pünktlich zur Jahrtausendwende wurde in Dubai mit dem „Burj al Arab“ das erste Sieben-Sterne-Hotel der Welt eröffnet;
(„Süddeutsche Zeitung“, 14. Oktober 2009)

Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt.
(„Spiegel Online“, 15. Juni 2009)

Im berühmten 7-Sterne-Hotel Burj al Arab gab es am Montagabend einen Empfang für die deutschen Gäste. Vielleicht trösten Glanz und Pracht des Bauwerks ein wenig über die Strapazen der Reise hinweg.
(stern.de, 2. Juni 2009)

Jetzt ist es raus: Der 96 m hohe gläserne Hotelturm im Palais Quartier wird ein Juwel. Gepachtet und gemanagt von der Luxushotelgruppe Jumeirah. Die betreibt auch das Burj Al Arab in Frankfurts Partnerstadt Dubai, das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt.
(„Bild“, 30. April 2009)

Aber wissen Sie auch, wie viele Sterne das „Burj al Arab“ in Dubai hat?

Der General Manager verrät es Ihnen gerne in einem Werbetext, den die Deutsche Presseagentur anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hotels verbreitet hat (und unter anderem bei n-tv.de, „RP Online“, „Welt Online“ und Sueddeutsche.de veröffentlicht wurde):

„Das Hotel hat einen eigenen Mythos. Wir haben nie behauptet, dass wir ein Sieben-Sterne Hotel sind. Das hat man uns nachgesagt“, erzählt Heinrich Morio, der General Manager des „Burj Al Arab“.

Nun könnte man natürlich sagen, dass so ein bisschen Understatement den ganzen Luxus des Hotels noch mal ein bisschen mehr strahlen lässt. Andererseits gibt es aber tatsächlich ein „weltweit einziges“ und „welterstes“ Sieben-Sterne-Hotel.

Das Schweizer Zertifizierungsunternehmen SGS hat im März 2007 eine neue Klasse eingeführt und die „Town House Galleria“ in Mailand im darauf folgenden Dezember mit sieben Sternen ausgezeichnet.

Zumindest bei „Spiegel Online“ und Bild.de hätte man das wissen können — zumal man dort bereits im Oktober 2008 berichtete, dass sich „mehr und mehr Luxushotels“ mit sieben Sternen schmückten.

Damals schrieb Bild.de übrigens:

Weltweit gibt es offiziell nur einen bis fünf Sterne.

Diese Aussage ist weder falsch noch richtig, denn „weltweit“ gibt es gar keine weder eine zentrale Sternvergabestelle noch einheitliche Qualitätskriterien. Letzteres hat die Welt der Hotels mit der des Journalismus gemein.

Mit Dank an Mario Z.!

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Mit Twitter geht es zu Ende.

Die aktuellen Meldungen lassen keinen Zweifel: Der Kurznachrichtendienst (von den Medien im Synonymrausch auch gerne „Zwitscherdienst“, „Zwitscher-Plattform“ und „Zwitscher-Zone“ genannt) hat seinen Höhepunkt überschritten. Von nun an geht’s bergab.

„Spiegel Online“ berichtet:

Je höher man fliegt, desto tiefer fällt man auch. US-Marktstudien zufolge hat der hippe Kurznachrichtendienst Twitter mit einem massiven Rückgang der Nutzerzahlen zu kämpfen.

Das Online-Angebot der „Wirtschaftswoche“ fragt: „Ist Twitter out?“ und schreibt:

Die Besucherzahlen des Kurznachrichtendiensts Twitter brechen ein.

Und die österreichische „Presse“ behauptet unter der Überschrift „Ausgezwitschert?“:

Die Zahlen sinken seit Sommer konstant. Der Microblogging-Dienst Twitter kämpft derzeit mit schwindenden Besucherzahlen. (…) Die Massen-SMS im Internet ist weit nicht mehr so beliebt wie noch vor wenigen Monaten.

Kleiner Haken an der Sache: Niemand weiß, ob das stimmt. Viel spricht dafür, dass es nicht stimmt.

Grundlage für die Negativ-Schlagzeilen sind die Angaben von verschiedenen Marktforschungs-Unternehmen, die gravierend unterschiedliche Zahlen melden, aber eines gemein haben: Sie erfassen allein die Zugriffe auf die Seite twitter.com über das Internet.

Twitter wird aber zunehmend über Programme genutzt, die direkt auf die Funktionen des Dienstes zugreifen, ohne über die Internet-Seite zu gehen, und deshalb in die genannten Statistiken nicht eingehen. Nach Angaben von „TweetStat“ wird aktuell nur ein Drittel aller Tweets direkt über das Netz eingegeben. Anderen Angaben zufolge haben im August über 40 Prozent der Nutzer angegeben, zum Twittern zumindest teilweise solche Programme zu verwenden, ein Fünftel twittert auch per SMS — was ebenfalls durch die Web-Statistiken nicht erfasst würde.

Nach einer Untersuchung des Medienberaters Thomas Pfeiffer wurde im vergangenen Monat in Deutschland nur jeder dritte Tweet über die Web-Oberfläche eingestellt; fast die Hälfte der Twitterer habe die Seite Twitter.com gar nicht benutzt.

Nichts spricht also dafür, dass der Mediendienst „Meedia“ Recht hat, der behauptet, die „Zwitscher-Hilfen“ seien „noch immer solch ein Nischenmarkt, dass sie nicht annähernd das Besucher-Minus von Twitter erklären können“. Im Gegenteil: Die Marktforscher von „eMarketer“, auf die sich „Spiegel Online“ und die meisten anderen Medien in ihren Endzeitszenarien für Twitter berufen, halten trotz des Rückgangs der Seitenzugriffe ausdrücklich an ihrer Prognose fest, dass die Zahl der Twitter-Nutzer in den Vereinigten Staaten weiter wachsen wird: von sechs Millionen 2008 auf 18 Millionen in diesem Jahr auf 26 Millionen 2010.

Aber das entspräche ja nicht dem Rhythmus der Massenmedien, die alles, was sie zum Hype hochgeschrieben haben, hinterher auch als erste wieder herunterschreiben wollen. Twitter geht es da nicht anders als Ute Lemper.

Castingshowskandale: Sex, Drugs & Interviews

Der Titel ist vielversprechend: „Sex, Drugs und Castingshows“ haben Martin Kesici und Markus Grimm ihr Enthüllungsbuch genannt, in dem sie erzählen, was es bedeute, vom Fernsehen zum „Star“ gemacht zu werden, und den Verantwortlichen Manipulationen und Verantwortungslosigkeit vorwerfen. Kesici hatte 2003 die Sat.1-Sendung „Star Search“ gewonnen, Grimm wurde ein Jahr später bei „Popstars“ auf Pro Sieben zum Mitglied der Gruppe Nu Pagadi gemacht.

Das Online-Jugendmagazin der „Süddeutschen Zeitung“, jetzt.de, hat ein Interview mit den beiden geführt, das aufgrund einer Kooperation auch auf „Spiegel Online“ zu lesen ist. Die „Spiegel Online“-Version ist allerdings, wie es unter dem Text heißt, „(leicht gekürzt)“. Das stimmt tatsächlich: Es fehlen nur ein paar Sätze, und ein paar Wörter sind anders. Zum Vergleich:

jetzt.de „Spiegel Online“
Markus: Ich glaube nicht, dass den Zuschauern klar ist, wie sie manipuliert werden. Wie bei einem Kartenspielertrick lassen sie sich da hinlenken, wo die Produktionsfirma es will. Die Leute, die dem Sender gefallen, werden in’s rechte Licht gerückt, bekommen Homestorys. Statt die Musik sprechen zu lassen, zählt vor allem das Private. Bei uns hieß es eines Tages, wir dürften alle mit einem Psychologen sprechen. Als wir dann gegangen sind, hab’ ich das Türschild gesehen. Da stand „Heilpraktiker“. Markus: Ich glaube nicht, dass den Zuschauern klar ist, wie sie manipuliert werden. Wie bei einem Kartenspielertrick lassen sie sich da hinlenken, wo die Produktionsfirma es will. Die Leute, die dem Sender gefallen, werden ins rechte Licht gerückt, bekommen Homestorys. Statt die Musik sprechen zu lassen, zählt vor allem das Private.
jetzt.de: Glaubst du, er hat das, was ihr ihm im Vertrauen erzählt habt, weitergegeben?
Markus: Ich hab’ natürlich keine Beweise, aber wir sind danach auf Dinge angesprochen worden, die wir niemand anderem erzählt hatten.
Martin: Bei mir hat die Produktionsfirma offenbar gezielt Informationen an die BILD weitergegeben. Es war mir eh schon unangenehm genug, denen gegenüber zuzugeben, dass ich vorbestraft war. Kurz darauf hat mich dann ein Reporter angerufen und gesagt, wenn ich das Viertelfinale gewinne, würden sie alles bringen. Ich solle mich besser dazu äußern. Martin: Bei mir wurden offenbar gezielt Informationen an Medien weitergegeben. Es war mir eh schon unangenehm genug, denen gegenüber zuzugeben, dass ich vorbestraft war. Kurz darauf hat mich dann ein Reporter angerufen und gesagt, wenn ich das Viertelfinale gewinne, würden sie alles bringen. Ich solle mich besser dazu äußern.

„Spiegel Online“ hat das Interview entschärft und die konkreten Vorwürfe gegen die Produktionsfirma (Grundy Light Entertainment) und die „Bild“-Zeitung entfernt. Grund dafür sind, wie Jochen Leffers, Ressortleiter des „UniSpiegel“ auf Anfrage erklärt, juristische Bedenken der Rechtsabteilung des „Spiegels“. Kesici sagt zwar im Interview, ihm sei es inzwischen egal, wenn die Autoren „eine rechtliche Backpfeife“ für ihre Darstellungen im Buch kriegen. Dem „Spiegel“ war das allerdings nicht ganz so egal.

Und die deutsche Rechtsprechung kennt das Prinzip der Verbreiterhaftung: Das heißt, dass Grundy oder Springer im Zweifel nicht nur gegen Kesici und Grimm vorgehen könnten, sondern gegen jeden, der ihre Vorwürfe publiziert, ohne sich eindeutig davon zu distanzieren. Das gilt auch bei Interviews, wie ausgerechnet Helmut Markwort, der „Erste Journalist“ der Verlagsgruppe Burda und „Focus“-Herausgeber, mit einer erfolgreichen Klage gegen die „Saarbrücker Zeitung“ bewies.

Nach den Worten von Leffers lehrt die Erfahrung, dass das Risiko, dass Kläger gegen „Spiegel Online“ vorgehen, „wegen der großen Reichweite deutlich größer“ sei „als bei den meisten anderen Online-Medien“. Deshalb habe man sich in Absprache mit der eigenen Rechtsabteilung und der jetzt.de-Redaktion für die Änderungen entschieden — das hätte man auch getan, wenn es nicht konkret um die „Bild“-Zeitung gegangen wäre.

Und wir halten pflichtschuldig fest, dass wir nicht wissen, ob die Vorwürfe von Martin Kesici gegenüber der Produktionsfirma und der „Bild“-Zeitung stimmen, fügen aber hinzu, dass sich unsere Überraschung in Grenzen hielte, wenn es so wäre.

Übrigens erschien am 21. Juli 2003 folgender Artikel in der „Bild“-Zeitung:

Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden? Verurteilt wegen Drogen!

Von Dittmar Jurko

Berlin – Muss ein Superstar nicht auch ein Super-Vorbild sein?
Anlagen-Mechaniker Martin Kesici (30) rührte am Samstag alle in der SAT1-Talentshow „Star Search“, voller Hingabe sang er den Schmusesong „She’s like the wind“. Zuschauer und Jury gaben ihm Höchstnoten.

Wie BILD erfuhr, ging auch ein deutscher Richter bei ihm bis an die Obergrenze! 1998 wurde der Nachwuchssänger aus Berlin wegen Drogenbesitzes verurteilt! Ein Jahr Gefängnis, ausgesetzt auf zwei Jahre Haft auf Bewährung!

Martin Kesici zu BILD: „Ja, es stimmt. Ich bestellte damals oft per Telefon Haschisch bei einem Bekannten.“ (…)

Mit Dank an Claus H.!

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