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Journalisten: Ein Berufsstand meldet sich krank

„Die Welt“ berichtet in ihrer heutigen Ausgabe:

Die Arbeitnehmer fehlten in den ersten sechs Monaten laut den neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), die der WELT vorliegen, 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit – das sind zehn Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Diese Behauptung ist insofern falsch, als es in den Statistiken gar nicht um die Sollarbeitszeit geht, sondern um den Anteil der Pflichtversicherten, die am 1. eines Monats krankgeschrieben sind.

Autor Christoph B. Schiltz hätte gewarnt sein müssen. Etwa durch den Hinweis, den das Bundesgesundheitsministerium deutlich sichtbar im Vorlauf seines Berichts untergebracht hatte:

Krankenstand = Arbeitsunfähig kranke Pflichtmitglieder in % der Pflichtmitglieder ohne Rentner, Studenten, Jugendlichen und Behinderten, Wehr-, Zivil- und Dienstleistende bei der Bundespolizei, landwirtschaftliche Unternehmer, Alg II- sowie Vorruhestandsgeldempfänger / Stichtag jeweils 1. des Monats

Oder durch die Pressemitteilung, die das Ministerium im Vorjahr veröffentlichen musste, um den Schaden einzudämmen, den Schiltz angerichtet hatte, weil er (damals schon wiederholt) den gleichen Fehler gemacht hatte — und der natürlich von anderen Medien munter weiterverbreitet wurde.

Auch die anderen Medien hätten also gewarnt sein können, als die Vorabmeldung der „Welt“ bei ihnen einging. Sie waren es nicht:

Im Durchschnitt hätten die Arbeitnehmer 3,58 Prozent der Soll-Arbeitszeit gefehlt, berichtete die Zeitung „Die Welt“ vorab aus ihrer Montagausgabe unter Berufung auf neueste Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums.
(Reuters)

Die Arbeitnehmer fehlten einem Bericht der Zeitung «Die Welt» zufolge in der Zeit von Januar bis Juni 2010 im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit – das ist ein Anstieg um zehn Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum (3,24 Prozent der Sollarbeitszeit). Das Blatt beruft sich auf die neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums.
(AFP)

Die Krankenstände in den deutschen Betrieben sind nach einem Bericht der Zeitung «Die Welt» in den ersten sechs Monaten 2010 auf den höchsten Halbjahresstand seit fünf Jahren geklettert. Die Arbeitnehmer fehlten in der Zeit von Anfang Januar bis Ende Juni im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit.
(dpa)

Die Arbeitnehmer hätten in der Zeit von Januar bis Juni 2010 im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit gefehlt, hieß es.
(epd)

Die Arbeitnehmer fehlten in der Zeit von Januar bis Juni 2010 im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit. Dies berichtet die Tageszeitung „Die Welt“ (Montagausgabe) unter Berufung auf die neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums (BMG).
(AP)

Die Arbeitnehmer hätten in der Zeit von Januar bis Juni 2010 im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit gefehlt, hieß es unter Berufung auf Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums.
(FAZ.net)

Die Arbeitnehmer fehlten zwischen Januar und Juni im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit, berichtet die Zeitung unter Berufung auf die neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums, die die Krankenstände aller gesetzlich versicherten Arbeitnehmer umfassen.
(„Spiegel Online“)

Die Arbeitnehmer fehlten in der Zeit von Anfang Januar bis Ende Juni im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit.
(Bild.de)

Die Arbeitnehmer fehlten von Januar bis Juni im Durchschnitt 3,58 Prozent der Sollarbeitszeit.

Das ist ein Anstieg um zehn Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum (3,24 Prozent der Sollarbeitszeit), wie die Zeitung „Die Welt“ unter Berufung auf die neuesten Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) berichtet.
(„RP Online“)

Besonders bemerkenswert daran: Die ominösen Statistiken, „die der WELT vorliegen“ und auf die sich „das Blatt beruft“, sind schon länger für jeden zugänglich auf der Webseite des Gesundheitsministeriums einzusehen (PDF). Ein halbwegs erfahrener Computernutzer braucht fünf Sekunden um festzustellen, dass das Wort „Sollarbeitszeit“ im ganzen Dokument nicht ein einziges Mal auftaucht.

Immerhin tagesschau.de hat es geschafft, die Statistik richtig zu lesen — und lässt einen Ministeriums-Sprecher gleich die begrenzte Aussagekraft der Statistik kommentieren.

Das Ministerium selbst sah sich abermals gezwungen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, die die Interpretationen des Herrn Schiltz in ihre Schranken weist. Inzwischen sei man ein wenig resigniert: „Das passiert jedes Mal“, beklagte sich eine Sprecherin auf unsere Anfrage hin.

Seit dem Vormittag kursieren jetzt auch einzelne korrekte Meldungen der Nachrichtenagenturen. Offiziell korrigiert wurden die alten Versionen aber alle nicht.

Mit Dank an Matthias B.

Nachtrag, 22.40 Uhr: „Spiegel Online“ hat den Fehler korrigiert und den Artikel mit einem Hinweis versehen — zumindest den diesjährigen Artikel, wenn auch nicht den von 2009.

2. Nachtrag, 20. Juli: dpa hat inzwischen eine Korrektur seiner ursprünglichen Meldung verschickt.

Mehr zu Christoph B. Schiltz und seiner jahrzehntelangen eigenwilligen Statistikinterpretation:

Pumaten auf den Augen

Nach dieser Geschichte gestern haben wir uns gefragt, ob die bei „Spiegel Online“ eigentlich die Bilder vorher sehen, die sie in ihren Bildergalerien veröffentlichen und betexten.

Heute wissen wir mehr: Nein, sie sehen die Bilder nicht.

Das Halbfinale wird von Teams von Puma, nämlich Uruguay und...
Bildtext: „Das Halbfinale wird von Teams von Puma, nämlich Uruguay und…“

... Holland komplettiert.
Bildtext: „… Holland komplettiert.“

„Puma“. Und das, wo man auf dem Foto der niederländischen Mannschaft mehr als 20 Nike-Swooshs zählen kann.

Mit Dank an Conny Sch. und Ardian S.

Nachtrag, 23.35 Uhr: „Spiegel Online“ nennt jetzt Nike als Ausrüster der Elftal und ergänzt:

(Anm. d. Red.: Die Bildunterschrift dieses Fotos hat ursprünglich Puma als Hersteller der Schuhe der Niederländer genannt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.)

Fahnenfluch

Mit einer Bildergalerie möchte „Spiegel Online“ die „WM-Manie“ der Deutschen abbilden.

Darunter auch dieses Bild:

Fahnen, Perücken, Cowboyhüte: Ein geschäft in Murnau ist für den Schwarz-Rot-Gold-Hype bestens gewappnet.

Aus dieser Entfernung erkennt man vielleicht nicht so gut, wie umfangreich das Angebot ist, das dieses „Geschäft in Murnau“ für seine Kunden bereit hält.

Aber so:

Reichskriegsflagge

Dabei passt so eine Reichskriegsflagge farblich doch gar nicht zum „Schwarz-Rot-Gold-Hype“.

Das Foto zeigt das Geschäft eines rechtsextremen Versandhandels im Haus des NPD-Kreisvorsitzenden und wurde inzwischen aus der Bildergalerie entfernt.

Mit Dank an BTH.

Nachtrag, 6. Juli: Wie das Watchblog Störungsmelder weiter herausgefunden hat, wurde das Foto mit den etwas anderen Deutschlandfahnen von der Nachrichtenagentur AFP als ganz normales WM-Fanartikel-Bild verbreitet.

Die AFP sagte dem Störungsmelder, dass die Beschreibung des Fotos, die beim Kauf mitgeliefert wird, jetzt entsprechend geändert werden soll.

Gottlobpreisung verbartelt

Gottlob, es war Gottlob!

Thorsten Dörting ist sich bei seiner TV-Kritik zum gestrigen WM-Spieltag auf „Spiegel Online“ durchaus bewusst, dass er da gerade eine Grenze überschritten hat:

Wenn ein Journalistenschullehrer Namenswitze hört, meckert er, und wenn die Namenswitze unwitzig sind, dann tut der Journalistenschullehrer das gleich noch mal, aber das war jetzt nötig: Gerd Gottlob kommentierte das Spiel des Tages. Und, lieber Fußballgott, wir danken Dir dafür. Zack, der nächste schlechte Witz, wie übel ist das denn!?

Aber der Autor ist verzückt von der Unaufgeregtheit des Kommentators und dessen Einschätzung der Sachlage:

Gottlob hingegen war ganz norddeutscher Kommentator-Kühlschrank, ein Arbeiter im Garten des Sportsprech-Handwerks, ein Kerl, der zwar ein Wort wie „Wahnsinn“ in den Mund nimmt, aber es so emotionslos ausspricht, dass Hal 9000 weinen würde vor Neid ob solcher Kälte (Wie gesagt, Sie haben sich ins Kulturressort verlaufen).

Irgendwann Mitte der ersten Halbzeit sagte Gottlob jedenfalls, dass man gar nicht mal so entspannt sein könne angesichts des Spiels der deutschen Mannschaft, und recht hatte er:

Man möchte Dörting in seinem (möglicherweise ironisch oder teil-ironisch gemeinten) Loblied auf den Reporter („Viel Temperament, wenig Ahnung – das trifft auf so manchen Fußballreporter zu, nicht aber auf den ARD-Kommentator Gerd Gottlob“) ja kaum bremsen, aber es gibt da ein Problem:

Es heißt Tom Bartels und hat gestern im Ersten das Spiel Ghana – Deutschland kommentiert, wie uns die ARD-Sportredaktion auf Anfrage noch einmal bestätigte.

Das haben sie im Nachhinein auch bei „Spiegel Online“ gemerkt und den Artikel sang- und klanglos noch ein bisschen viel irrer gemacht:

Zack, der nächste schlechte Witz, wie übel ist das denn!? Und noch dazu irreführend, weil Gerd Gottlob zwar der beste Kommentator der ARD ist, aber natürlich Tom Bartels das Spiel besprochen hat. […]

Herr Gottlob-Bartels hingegen war ganz Kommentator-Kühlschrank, ein aufrechter Arbeiter im Garten des Sportsprech-Handwerks, ein Kerl, der zwar ein Wort wie „Wahnsinn“ in den Mund nimmt, aber es so emotionslos ausspricht, dass Hal 9000 weinen würde vor Neid ob solcher Kälte (Wie gesagt, Sie haben sich ins Kulturressort verlaufen).

Irgendwann Mitte der ersten Halbzeit sagte Herr Gottlob-Bartels jedenfalls, dass man gar nicht mal so entspannt sein könne angesichts des Spiels der deutschen Mannschaft, und recht hatte er:

Vorher:
Norddeutscher Kommentator-Kühlschrank: Viel Temperament, wenig Ahnung - das trifft auf so manchen Fußballreporter zu, nicht aber auf den ARD-Kommentator Gerd Gottlob: Der schilderte das Spiel Ghana-Deutschland so emotionslos, dass selbst Kubricks Supercomputer Hal 9000 vor Neid geweint hätte.

Nachher:
Kommentatoren-Kühlschrank im Ersten: Viel Temperament, wenig Ahnung - das trifft auf so manchen Fußballreporter zu, nicht aber auf den ARD-Kommentator Tom Bartels: Der schilderte das Spiel Ghana-Deutschland so emotionslos, dass selbst Kubricks Supercomputer Hal 9000 vor Neid geweint hätte.

Das muss dieser Qualitätsjournalismus sein, von dem man in letzter Zeit so viel hört: Sich erst bei der Suche nach einem Aufhänger vergreifen und diesen Unfug anschließend halbherzig zu korrigieren versuchen.

Mit Dank an C.S.

Nachtrag, 13.40 Uhr: „Spiegel Online“ weist jetzt doch auf die Änderungen im Text hin. Mit dieser beeindruckenden … äh: Begründung:

Hinweis: Liebe Leser, in einer ersten Version dieser TV-Glosse wurde Gerd Gottlob als ARD-Kommentator des Spiels Deutschland gegen Ghana ausgewiesen. Dieses satirische Stilmittel führte allerdings viele von Ihnen in die Irre, so dass in der aktuellen Version korrekt auch Tom Bartels als Kommentator genannt wird.

Entscheidend is auf’m Platz

Um 13.30 Uhr beginnt in Südafrika das Vorrunden-Spiel Deutschland gegen Serbien, welches das öffentliche Leben in der Bundesrepublik mutmaßlich für zwei Stunden zum Erliegen bringen wird.

„Spiegel Online“ war gestern schon so freundlich, den Managementberater Rüdiger Klepsch zu fragen, was in Sachen Fußballgucken am Arbeitsplatz okay ist und was nicht.

Der geneigte Leser erfährt darin nicht nur etwas über den Umgangston in Büros, sondern auch den an anderen Orten:

5. Situation: Mein Chef schwärmt von den spielstarken Holländern, darf ich einen Scherz über die "Käsköppe" machen? Klepsch: Auf keinen Fall! Sie sollten das Büro nicht mit dem Fußballplatz verwechseln. Es gibt Menschen, die so etwas sehr persönlich nehmen. 6. Situation: Darf ich einen Spieler öffentlich als "schwul" titulieren, weil er das Tor nicht trifft? Klepsch: Auch da gilt: Das Büro ist kein Fußballplatz und keine Kneipe. Beleidigungen von Minderheiten sind tabu.

Mit Dank an Julian M.

Was Spiegel-Online-Leser mehr wissen

„Wir wollen die Berichterstattung im Panorama-Ressort verstärken und originärer machen“, sagte 2006 der damalige „Spiegel Online“-Chefredakteur Matthias Müller von Blumencron der „taz“. Anlass des Interviews war Blumencrons Entscheidung, die „Bild“-Unterhaltungschefin Patricia Dreyer zur Leiterin des „Panorama“-Ressorts zu machen.

Blumencron ist inzwischen Co-Chef des großen „Spiegel“, Dreyer hält im „Panorama“ gemeinsam mit boulevarderprobten Kollegen aber weiterhin die Zügel in der Hand.

Blumencrons Entscheidung hat „Spiegel Online“ verändert. „Panorama“ ist inzwischen einer der wichtigsten Bestandteile der Plattform. Nur das „Politik“-Ressort beschäftigt mehr feste Redakteure, auf der Startseite kommen die bunten Nachrichten als erstes nach den Hauptmeldungen. In der Woche vom 4. Juni bis zum 10. Juni kamen genau 101 der 630 deutschsprachigen Meldungen auf Spiegel Online aus dem „Panorama“-Ressort, knapp 16 Prozent.

Originär allerdings ist „Panorama“ keineswegs: In der ganzen Woche veröffentlichten die sieben Redakteure gerade einmal 4 Online-Artikel, die grundlegend neu waren: Über eine vermisste Studentin, ein Bericht von einem Gerichtsverfahren, eine Reportage über Zwangsehe und eine Serie von Liebhabern der alten deutschen Währung. Titel: „Ich mag die Mark„.

Knapp 96 % der veröffentlichten Artikel in der vergangenen Woche hingegen waren Protokolle von Pressekonferenzen, Zweitverwertungen ausländischer Boulevard-Nachrichten, oder – zum großen Teil – umgeschriebene Agenturmeldungen. Vier Meldungen stammen aus dem Print-„Spiegel“.

Und welche Themen behandelte „Panorama“ vom 4. bis 10. Juni?

  • Mord, Totschlag & Amoklauf: 28 Artikel,
    darunter „Der Unbekannte im Müllsack
    • davon Todesfall durch Tiere: 1
    • davon Selbstmord: 1
  • Klatsch und Promi-Tratsch: 18,
    darunter „Heather Mills war keine schlechte Chefin“
  • Skurrilles: 11,
    darunter „Franzose klaute Schulkindern die Süßigkeiten“
  • Diebstahl/Raub: 7
  • Sex: 6
    • davon Sex mit Minderjährigen: 1
    • davon Inzest: 2
  • Gerichtsprozesse: 8
  • Körperverletzung: 4
    • davon Körperverletzungen durch Tiere: 2
  • Umweltkatastrophe: 4
  • Unfälle und Brandstiftung: 4
  • Drogen: 3
  • Terrorangst: 2
  • Entführung: 1
  • Zwangsehe: 1

Oder im Bild:

Im Interview mit dem „Standard“ sagte SpOn-Chefredakteur Rüdiger Ditz vor einigen Monaten, die Unterschiede zwischen „Spiegel Online“ und Bild.de seien ähnlich groß wie zwischen Print-„Bild“ und Print-„Spiegel“. Das Verhältnis beschrieb er folgendermaßen:

Wir fischen in einem völlig anderen Gewässer.

Ist aber vermutlich auch nur eine Pfütze.

Out of Loch Ness

Am größten, tollsten, schönsten – die deutsche Sprache ist nicht unbedingt das beste Arbeitsmaterial für Marktschreier. Um das Publikum zu ködern, muss man schon Fantasie haben, darf keine Scheu haben, Worte neu zu besetzen. Wie zum Beispiel Hape Kerkeling, der vor 20 Jahren nicht etwa formschöne Badeutensilien, sondern Mörder-Duschhauben verteilte.

Diesem Vorbild wollte wohl der Redakteur von Spiegel Online nacheifern, als er eine Überschrift für diesen Artikel suchte, der vom bisher größten riesig-gigantischen Windpark handelt, der vor der britischen Küste entsteht.

Riesen-Windpark vor britischer Küste  Siemens und RWE bauen das Monster Gwynt y Môr

Die größte Strafe

In Neuseeland ist ein Vater zur Zahlung von umgerechnet etwa 100 Euro Strafe verurteilt worden, weil er seinen 18 Monate alten Sohn 40 Minuten lang im Auto allein gelassen hatte. Mitten in der Nacht. Vor einem Striplokal.

Jedoch:

Laut Richter Michael Behrens habe sich der Vater eindeutig „keinen Phantasien“ hingegeben. Die größte Strafe für Schwamm aber sei, dass die Öffentlichkeit davon ausgehe, dass er in dem Lokal etwas Anrüchiges getan habe, während sein Kind alleine im Auto lag, sagte der Richter dem neuseeländischen Radiosender „3news“.

Und deshalb überschreibt „Spiegel Online“ die Meldung, der dieser Satz entstammt, auch wie folgt:

Neuseeland: Vater lässt Baby während Strip-Club-Besuchs alleine im Auto

Mit Dank an Philipp S.

Eine Meldung für die Saure-Gurkhas-Zeit

Seit gestern macht eine Meldung die Runde:

Filmemacher Matthew Vaughn hat genug von irren Stalkern: Schiffer-Ehemann: Elite-Soldaten schützen meine Familie!

Claudia Schiffer + Matthew Vaughn: Gurkha-Kämpfer zum Schutz vor Stalkern. Nachdem Claudia Schiffer und Matthew Vaughn immer wieder unschöne Begegnungen mit Stalkern hatten, lässt sich das Paar seit einigen Jahren von einer Gruppe nepalesischer Ex-Soldaten schützen

Claudia Schiffer: Ihr Mann hat Angst um sie

Verbrechensprävention: Ex-Soldaten beschützen Claudia Schiffer

Mittwoch, 24. März 2010: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten bewacht

Claudia Schiffer: Elitesoldaten als Leibgarde. Claudia Schiffer geht nur noch in Begleitung von nepalesischen Elitesoldaten aus dem Haus. Ihr Ehemann hat so große Sorge um seine Frau, dass er die "trainierten Killer" engagiert hat.

Leibwache: Claudia Schiffer wird von Elite-Soldaten geschützt. Topmodel Claudia Schiffer wird sehr gut bewacht. Ihr Mann Matthew Vaughn ist so um das Wohl der Familie besorgt, dass er Gurkhas – eine nepalesische Sondereinheit der britischen Armee – angeheuert hat. „Sie sind großartige Leute. Und sie sind trainierte Killer", sagte der britische Filmemacher.

Schiffers Ehemann heuert trainierte Killer an

Die Information mit den Ex-Soldaten haben die meisten Medien von der Deutschen Presse-Agentur, die dieses Detail aus einem eher umfangreichen und thematisch vielschichtigen Interview destilliert hat, das Claudia Schiffers Ehemann Matthew Vaughn der britischen „Sun“ gegeben hat.

Allerdings hat dpa auch noch selbst etwas recherchiert:

Schiffers Sprecherin bestätigte der dpa am Mittwoch in London, dass die Gurkhas „seit langem“ zum Personal der Familie gehören.

Um dieses „seit langem“ genauer zu quantifizieren, hätten dpa oder Teile der weiter verbreitenden Medien nur einen Blick in ihre eigenen Archive werfen müssen:

28.12.2004 Vorsichtiges Model: Elitesoldaten bewachen Claudia Schiffer

28. Dezember 2004, 15:21 Uhr Personenschutz: Nepalesen wachen über die Schiffers

Claudia Schiffer (34), Supermodel, und Ehemann Matthew Vaughn (33) setzen beim Personenschutz einen neuen Trend. Nach einem Bericht des "Daily Mirror" hat das Paar zur Bewachung britische Gurkhas angeheuert. Die zur britischen Armee gehörenden Eliteeinheiten aus Nepal sind für ihre Unerschrockenheit bekannt. Schiffer-Freundin Madonna soll so beeindruckt gewesen sein, daß sie die Ex-Soldaten auch für ihren Schutz einsetzen will.

Claudia Schiffer holt sich die härtesten Bodyguards der Welt

Claudia Schiffer heuert Elite-Soldaten an: Gurkhas schützen ihr Haus

Andererseits wäre bei so einem Gang ins Archiv vielleicht aufgefallen, dass es eigentlich keinen Grund für die jetzige Meldung gab.

Mit Dank an Judeth.

Wider die wirren Währungswürdigungen!

„Wir widersetzen uns allen Ländern, die sich an gegenseitigen Schuldzuweisungen beteiligen oder starke Maßnahmen ergreifen, andere dazu zu zwingen, ihre Währung zu würdigen.“

Das soll der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao laut „Hamburger Abendblatt“ und „Spiegel Online“ gesagt haben.

Man muss kein Experte in Finanzpolitik sein, um zu merken, dass dieser Satz sprachlich schlampig und inhaltlich großer Unsinn ist. Doch wirr ist in diesem Fall nicht Wen Jiabao, sondern lediglich die unqualifizierte Übersetzung des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD). In der englischen Version liest sich Wens Aussage deutlich weniger wirr, da sagt der chinesische Ministerpräsident nämlich lediglich:

“We oppose countries pointing fingers at each other and even forcing a country to appreciate its currency.”

(“Wir lehnen es ab, dass Staaten sich gegenseitig die Schuld geben und sogar einen Staat zwingen, seine Währung aufzuwerten.”)

So bleiben schon deutlich weniger Fragen — außer vielleicht, warum „Spiegel Online“ und das „Hamburger Abendblatt“ so einen offensichtlichen Unfug weiterverbreiten.

Nachtrag/Korrektur, 17.08 Uhr: „Spiegel Online“ hat den Fehler mittlerweile korrigiert, dabei allerdings einen Fehler von BILDblog übernommen. Denn natürlich muss es in der deutschen Übersetzung „und“ heißen, wo im Englischen „and“ steht, nicht „oder“. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen, haben ihn nun korrigiert und bedanken uns bei den zahlreichen Hinweisgebern.

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