Archiv für RP Online

Schuhschmu mit Lena Meyer-Landrut

Die in jeder Hinsicht billigste Art, Schlagzeilen zu generieren, ist: sich ganz dumm stellen. Bei Bild.de ist das quasi Routine, und weil Lena Meyer-Landrut, die diesjährige deutsche Vertreterin beim Eurovision Song Contest, sich ohnehin weigert, mit der „Bild“-Zeitung zu sprechen, ein Vergnügen ohne Reue.

Und so kann Bild.de aus Ahnungslosigkeit einen Aufmacher machen:

2 Paar Schuhe - Ist Lena jetzt total gaga?

Lena Meyer Landruts Gaga-Proben in Oslo

(…) Knapp eine Woche vor dem Eurovision Song Contest wirkt Lena Meyer-Landrut (19) ganz durcheinander: Mit zwei verschiedenen Schuhen übte sie jetzt für ihren Auftritt am kommenden Samstag.

Abitur, Pressetermine, Geburtstagsfeier und immer wieder Proben, Proben, Proben – da kann man schnell mal vergessen, wo der passende Schuh liegt. (…)

Solange „Unser Star für Oslo“ beim Finale-Auftritt nicht den Text ihres Hits „Satellite“ vergisst, verzeihen wir gerne noch einen weiteren Schuh-Fauxpas.

Beim Betexten einer Bildergalerie kommt der diensthabende Lena-Lästerer dann richtig in Fahrt:

Lena, was ist mit deinen Latschen? Bei den Proben in Oslo ging Lena mit zwei verschiedenen Schuhen auf die Bühne
Nahaufnahme des Beweisfotos: Neuer Trend oder keine Zeit zum Umziehen?
Ein Termin jagt den nächsten, da bleibt Lena wenig Zeit für einen ordentlichen Schuhwechsel
Am kommenden Samstag geht es auf die große Eurovision Song Contest-Bühne. Fehler sind dann nicht mehr erlaubt!

In der Tat: Lena ist gestern bei ihrer ersten Probe mit zwei verschiedenen Schuhen aufgetreten. Weil sie ausprobieren wollte, welcher von beiden besser aussieht.

Das erklärte sie den Reportern von eurovision.de und eurovision.tv — auf letzterer Seite ist das entsprechende Video sogar schon seit gestern online.

Das ist die ganze Geschichte. Aber das ist natürlich keine Geschichte.

Nachtrag, 24. Mai. Aber keine Bild.de-Meldung ist zu blöd, um nicht vom Online-Ableger der „Rheinischen Post“ besinnungslos abgeschrieben zu werden:

(…) Auffälliges Detail: Lena trug zwei verschiedene Schuhe. Ob es sich dabei um einen Mode-Gag oder einen Styling-Faux-Pas handelte, ist noch unklar.

Nachtrag, 17.50 Uhr. „RP-Online“ hat den Fauxpas zurückgenommen.

Der König der Kekswerbung

Es muss ein besonderer Keks sein, dem der Kolumnist von „Herzrasen“, der Jugendabteilung von „Rheinischer Post“ und „RP
Online“, da erlegen ist.

Ein ganz besonderer:

Der beste Keks der Welt

Man könnte Sebastian Dalkowski sogar glauben, dass seine Begeisterung für eine bestimmte, „überwiegend in großen Supermärkten“ aber auch „im Fabrikverkauf des Herstellers“ erhältliche Keksmarke echt ist und er diese nur halb ironisch übersteigert niedergeschrieben hat:

Der beste Keks der Welt heißt Prinzenrolle Mehrkorn. Ja, Mehrkorn. Was nach dem Biss in eine bröselige Betonplatte klingt, ist in Wirklichkeit die beste mit Schokocreme denkbare Kombination. Ist die normale Prinzenrolle bereits fast uneinholbar großartig, lässt der Mehrkorn die Schokocreme noch mehr nach Schokocreme schmecken. Das ist wie Ribery und Robben. Alleine schon eine Klasse für sich, sind sie im Verbund nicht aufzuhalten.

Man könnte sich aber auch fragen, wie sich solche Produkthymnen, die auch direkt aus der PR-Abteilung des Herstellers kommen könnten, mit der kritischen Grundausrichtung eines Nachrichtenportals vertragen.

Zwar ist eine derartige Begeisterung das Konzept der Rubrik „Mein Herz schlägt schneller“:

Hier feiert die Herzrasen-Redaktion alles ab, was ihr gefällt: Filme, Platten, Klamotten, Bücher, Lebensmittel und alle anderen Dinge, denen die Autoren im Alltag begegnen und die sie begeistern. Dabei geht es nicht um ausgewogene Rezensionen und nüchterne Betrachtung, sondern um gnaden- und rücksichtslose Hymnen.

Doch was bei Kulturgütern wie Filmen, Platten und Büchern noch durchgehen mag, wirkt bei konkreten Produkten gleich wie schlecht getarnte Schleichwerbung.

„RP Online“ erklärt uns dazu auf Anfrage:

Den Herzrasen-Text „Der beste Keks der Welt“ kann man sicherlich in der Kategorie „gnaden- und rücksichtslose Hymnen“ einordnen. Er spiegelt eindeutig die persönliche Meinung unseres Kolumnisten Sebastian Dalkowski wider.

Selbstverständlich gibt es zu diesem Produkt keine Werbung bei RP ONLINE oder andere finanzielle Zuwendungen für die Nennung.

Während der Kekshersteller die persönliche Meinung des Kolumnisten also unter unbezahlter Werbung verbuchen kann, setzt „RP Online“ seine Reputation aufs Spiel für Produktloblieder, von denen das Nachrichtenportal noch nicht einmal einen finanziellen Nutzen hat.

Die Journalisten könnten einem fast leid tun.

Mit Dank an Stefan K.

Ein Rekord für die Ewigkeit

Der Domino Day am vergangenen Freitag war ein voller Erfolg für RTL. Immerhin sorgten die fleißigen Steineaufsteller auch in diesem Jahr für einen neuen Weltrekord und gute Einschaltquoten. Ob dieser
Weltrekord allerdings zukünftig noch übertroffen werden kann, ist fraglich. Zumindest dann, wenn man den Berichten einiger großer Online-Nachrichtenportale Glauben schenkt, die sich allesamt auf die offizielle Presseerklärung von RTL stützen.

Beim "Domino Day 2009" sind 4.491.863 Millionen Dominosteine umgekippt.
(„Welt Online“)

Am Freitagabend kippten bei RTL 4.491.863 Millionen Dominos um und schafften es damit, bereits zum zehnten Mal den Weltrekord sichern.
(t-online.de)

Von den 4,8 Millionen aufgebauten Steinen kippten in einer Kettenreaktion 4.491.863 Millionen Dominos um, wie der Kölner Sender am Samstag mitteilte.
(„RP Online“)

„Von den 4,8 Millionen aufgebauten Steinen“ kippten also fantastische „4.491.863 Millionen Dominos“ um. Das ergäbe zwar sage und schreibe 4.491.863.000.000, also knapp 4,5 Billionen, anstelle der tatsächlichen knapp 4,5 Millionen gefallenen Dominosteine, aber um das zu bemerken, hätte man wohl mal einen Blick auf das werfen müssen, was man da weiterverbreitet.

Dazu passt auch, dass bei „Welt Online“ bereits seit heute, 11:33 Uhr in einem Kommentar erfolglos auf den Fehler hingewiesen wird. Aber Menschen scheinen an der Produktion der Inhalte ohnehin nicht mehr beteiligt zu sein.

Mit Dank an Jebbe E.

Nachtrag, 16. November: „Welt Online“ und t-online.de haben den Fehler inzwischen unauffällig korrigiert.

Das mediale Sterben des Michael Jackson

Dass Michael Jackson am gestrigen Donnerstag im Alter von 50 Jahren verstorben ist, dürfte inzwischen jeder mitbekommen haben, der sich heute nur in der Nähe eines Computers, Radios oder eines anderen Menschen aufgehalten hat.

In der Nacht war die Nachrichtenlage noch deutlich unübersichtlicher: Der Onlinedienst TMZ.com war sich ganz sicher (wie der diensthabende Redakteur der „LA Times“ erzählte), als er um 23:44 Uhr deutscher Zeit verkündete, Jackson sei tot. Aber war der Nachricht auch zu trauen?

Was folgte, ist ein Lehrbuch-Beispiel dafür, wie Journalismus im Jahr 2009 funktioniert — immer getrieben von den teils unvereinbaren Wünschen, möglichst der Erste zu sein und möglichst nichts falsches zu berichten:

Bild.de um 23:59 Uhr:*

Herzstillstand: Michael Jackson gestorben

Bild.de um 00:01 Uhr:

Internetdienst TMZ: Michael Jackson gestorben

Bild.de um 00:14 Uhr:

Internetdienst TMZ: Michael Jackson gestorben?

Bild.de um 00:30 Uhr:

Das Drama um Michael Jackson: Herzstillstand, Koma, verzweifelte Rettungsversuche

Bild.de um 00:50 Uhr:

Nachrichtenagentur AP meldet: Popstar Michael Jackson (50) ist tot!

Bild.de um 01:09 Uhr:

Verzweifelt kämpften die Ärzte um das Leben des Popstars (✝50): Michael Jackson ist tot!

Aber auch bei anderen Medien gab es ein gewisses Chaos, bis schließlich Gewissheit herrschte. So konnte man um 00:34 Uhr bei „RP Online“ diese Überschrift lesen:

Zustand kritisch: Michael Jackson im Krankenhaus. zuletzt aktualisiert: 26.06.2009 - 00:20. Los Angeles (RPO). Der Popstar Michael Jackson ist am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Nach unbestätigten Quellen hat er einen kurzzeitigen Herzstillstand erlitten. Über seinen Zustand wird derzeit nur spekuliert.

Unter dem Artikel aber stand ein Kommentar von 00:01 Uhr, der nahelegt, dass Überschrift und Aussage des Artikels zu diesem Zeitpunkt etwas anders ausgesehen hatten:

Michael Jackson ist tot. Ich bin erschüttert....Ich werde für Ihn beten, was soll man sonst in so einem Moment machen. Mein Beileid gilt der gnzen Familie.

Um 00:44 Uhr stand dann auch für „RP Online“ fest:

EILMELDUNG Berichte: Michael Jackson ist tot

Zum gleichen Zeitpunkt gab sich die britische „Sun“ noch außergewöhnlich distanziert:

Breaking news: Jacko 'dead' Heart attack kills star, say reports

Doch nicht alle Online-Redaktionen konnten zu dieser Nachtschlafenden Zeit schnell reagieren. Um 00:56 Uhr lauteten die Top-Stories bei stern.de und sueddeutsche.de noch

Obama-Merkel-Treffen: Prima Klima verzweifelt gesucht

beziehungsweise

Ruf nach höherer Mehrwertsteuer

Um etwa 01:20 Uhr wäre man dann aber auch bei diesen beiden Seiten zumindest grob informiert gewesen.

Während MTV in den USA sein Programm umstellte und Michael-Jackson-Videos zeigte, liefen bei den deutschen Musiksendern in der Nacht noch die vorbereiteten Clips. Die Startseite von mtv.de aber sieht seit seit mindestens ein Uhr schlicht und ergreifend so aus:

R.I.P. KING OF POP, Michael Jackson 29.08.1958 - ✝25.06.2009

Sämtliche Die meisten gedruckten Zeitungen von heute waren damit natürlich vergleichsweise uninteressant …

Mit Dank auch an Jochen K.

*) Diesen Screenshot haben wir um 16:15 Uhr nachgetragen. Wir verdanken ihn unserem Leser Thorsten K.

Der Canzler-Kandidat

Seit Barack Obama mit dem (von Bob dem Baumeister geklauten) Slogan „Yes we can!“ die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, sind diese drei Worte Allgemeingut geworden. Unzählige Trittbrettfahrer, Nachahmer und Mitläufer haben sich schon daran vergriffen und die Fälle, die ich in meinem extra zu diesem Zweck eingerichteten Blog „No You Can’t“ sammle, sind sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Yes, he can Kanzler!

Dass dieses Plakat dennoch ein Fall für BILDblog für alle ist, hat einen einfachen Grund: Es ist Teil eines großen Missverständnisses, das seit dem gestrigen Wahlkampfauftakt der SPD durch die Medien geistert.

Wie es dazu kam, erklären am besten die, die dafür verantwortlich sind — die Macher der NDR-Satiresendung „Extra 3“:

Liebe Investigativ-Experten von Spiegel online, das hier ist mitnichten, wie Ihr sie nennt, die “Kampagne für Frank-Walter Steinmeier”. Und wir haben auch noch nichts davon gehört, dass die SPD jetzt Plakate im Copyshop herstellen lässt. Nein, das sind waschechte Plakate unserer Extra 3 Aktion “SPD-TV” mit Tobias Schlegl. Das nächste Mal sagen wir Euch vorher Bescheid - versprochen.

„Spiegel Online“ hatte ein Foto des Plakats nämlich zunächst mit den Worten untertitelt

Nicht nur mit dem Zitat „Yes, he can Kanzler!“ erinnert die Kampagne für Frank-Walter Steinmeier an den erfolgreichen Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama. Auch für die Kommunikationsstrategie haben sich die Parteistrategen einiges bei den amerikanischen Demokraten abgeschaut.

dies aber im Laufe des Vormittags korrigiert und mit einem Hinweis auf die Korrektur versehen.

Im „Extra 3“-Blog wird aber auch noch auf einen Artikel bei „RP Online“ hingewiesen, der (bis vor wenigen Augenblicken) mit einem Foto des Fake-Plakats aufmachte …

Yes, he can Kanzler!

… und in dem es hieß:

Immerhin: Die jungen SPD-Mitglieder vor der Halle sind schon überzeugt. "Yes, he can Kanzler" steht auf deren Plakaten in Anspielung auf den US-Wahlkampf. Ein bisschen Obama hilft eben immer.

„Spiegel Online“ und „RP Online“ waren mit ihrer Annahme, dass es sich um offizielle SPD-Plakate handele, aber nicht alleine.

Der „Berliner Kurier“ schrieb:

Flügelkämpfe - das war gestern. Bei der SPD im Berliner "Tempodrom" ist Obama-Zeit: Ganz wie der US-Präsident lässt sich auch der Spitzenkandidat, Frank-Walter Steinmeier, auf einer runden Bühne in der Hallenmitte umjubeln, die Ehefrau Elke Büdenbender brav an seiner Seite. "Yes, he can Kanzler"steht auf den SPD-Plakaten.

N24 erzählte in einem Beitrag:

„Yes, he can Kanzler.“ Während draußen Unterstützer den Obama-Faktor beschwören, betreten drinnen FW Steinmeier und seine Frau das Podium.

Und die „Tagesschau“ sagte zwar nichts zu den Plakaten, schnitt sie aber so in einen Beitrag hinein, dass man sie für offizielle SPD-Plakate halten musste.

dpa waren die Plakate sogar eine eigene Meldung wert, die wir gerne in vollem Umfang zitieren:

(Zitat)

„Yes, he can Kanzler.“

(„Ja, er kann Kanzler“ – Aufschrift auf SPD-Plakaten zum Wahlkampfauftakt mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier am Sonntag in Berlin. Der Spruch ist eine Abwandlung des Wahlkampfmottos „Yes, we can“ von US-Präsident Barack Obama.)

Dass man nicht auf die Satire-Aktion reinfallen musste, beweist übrigens die „Stuttgarter Zeitung“, die heute in ihrer gedruckten Ausgabe schreibt:

Die Bühne kreisrund in der Mitte, drum herum jubelnde Genossen, draußen ein paar Spaßvögel, die von Frank-Walter Steinmeier behaupten: „Yes, he can Kanzler.“

Mit Dank an Höpp.

Nachtrag, 18:10 Uhr: Die „Extra 3“-Macher weisen uns darauf hin, dass auch „Der Freitag“ nicht auf die Satire hereingefallen ist. Der dortige Artikel erklärt außerdem ganz anschaulich, warum das hätte passieren können und warum es dann doch nicht passiert ist.

Blättern:  1 2 3