Archiv für Politisches

„Bild“ als Wahlkämpfer – das Beispiel 2002

Als die „Financial Times Deutschland“ ihren Lesern am 16. September 2002 in einem ganzseitigen Leitartikel empfahl, bei der Bundestagswahl für die CDU/CSU zu stimmen, löste das große Aufregung aus. Die „Bild“-Zeitung sprach davon, dass die Zeitung „ein journalistisches Tabu in Deutschland“ breche und behauptete: „Erstmals in der Pressegeschichte der Bundesrepublik gibt eine Zeitung eine Wahlempfehlung zugunsten einer Partei ab!“

Dabei gibt die „Bild“-Zeitung selbst regelmäßig Wahlempfehlungen ab — sie steht nur nicht dazu.

Quelle:

Frank Brettschneider und Bettina Wagner: „‚And the winner should be…‘ Explizite und implizite Wahlempfehlungen in der ‚Bild-Zeitung‘ und der ‚Sun‘.“ In: Massenmedien als politische Akteure. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008.

Die Politologin Bettina Wagner und der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider haben die Berichterstattung von „Bild“ in den vier Wochen vor jener Bundestagswahl 2002 untersucht (siehe Kasten rechts). Sie werteten alle Berichte aus, die sich auf die SPD oder CDU/CSU oder ihre Spitzenkandidaten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber bezogen, und untersuchten sie u.a. nach den enthaltenen Wertungen.

Das Ergebnis war eindeutig:

Über die Union und Stoiber berichtete „Bild“ im Saldo neutral. Schröder und noch stärker die SPD wurden hingegen deutlich negativ bewertet. Dieser negative Effekt wurde sogar noch dadurch verstärkt, dass „Bild“ in den untersuchten Wochen viel häufiger über Schröder berichtete als über Stoiber.

Eine Zeitung kann auch dadurch implizite Wahlempfehlungen aussprechen, dass sie „opportune Zeugen“ auswählt, also solche Akteure zu Wort kommen lässt, die sich im Einklang mit den eigenen Einstellungen oder der redaktionellen Linie befinden. Brettschneider und Wagner haben auch untersucht, wer sich in „Bild“ über die jeweiligen Kandidaten äußern darf — und mit welcher Tendenz. Auf einer Skala von -1 (ausschließlich negativ) bis +1 (ausschließlich positiv) ergab sich folgendes Bild:

Dass sich Unions-Politiker negativ über Schröder äußerten und SPD-Politiker negativ über Stoiber, ist kein Wunder. Frappierend ist aber, dass die Aussagen von SPD-Politikern über ihren eigenen Kandidaten, die in „Bild“ wiedergegeben wurden, nur moderat positiv sind — und nicht annähernd so überschwänglich wie die Aussagen von Unions-Politikern über ihren eigenen Kandidaten, die „Bild“ zitierte.

Die Parteilichkeit von „Bild“ wird auch dadurch deutlich, wen das Blatt zu Wort kommen ließ. In den vier Wochen vor der Wahl fanden sich in „Bild“ über Gerhard Schröder fast doppelt so viele Aussagen von Unions-Politikern wie von SPD-Politikern. Bei Stoiber ist das Verhältnis noch deutlicher: 46 Aussagen von SPD-Politikern über den Spitzenkandidaten der CDU/CSU stehen 111 Aussagen von Unions-Politikern gegenüber.

Die Berichterstattung von „Bild“ im Wahlkampf 2002 hatte also in jeder Hinsicht Schlagseite. Oder wie die Forscher formulierten:

„Insgesamt betrachtet kann also eindeutig von einer Bevorzugung der Union gesprochen werden.“

Sie stellten zudem fest, dass die Wirtschaftspolitik, die eher als Kompetenzbereich der Union wahrgenommen wurde, die Berichterstattung von „Bild“ dominierte — die dieses Thema deutlich prominenter behandelte als andere deutsche Medien, was man ebenfalls als einen Hinweis auf eine implizite Wahlempfehlung deuten könne.

Das Fazit der Wissenschaftler:

  • „Bild“ berichtete häufiger und negativer über die SPD als über die Union
  • In „Bild“ kamen häufiger Befürworter der Union zu Wort
  • In „Bild“ stand ein für die Union günstiges Thema an der Spitze der Agenda

Die Untersuchung verglich die Berichterstattung von „Bild“ auch mit der der britischen Boulevardzeitung „Sun“ im Wahlkampf zum Unterhaus 2001. Die „Sun“ hatte sich explizit für Labour und Tony Blair ausgesprochen. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die implizite Wahlempfehlung von „Bild“ dennoch intensiver war als die implizite Wahlempfehlung der „Sun“:

Demnach war die „Bild“-Berichterstattung auch ohne offenes Endorsement weniger objektiv als die Berichterstattung der „Sun“. Medien können auch dann als politischer Akteur auftreten, wenn sie nicht eine explizite Wahlempfehlung aussprechen.

Die Untersuchung zeigt, dass dabei die Parteinahme nicht einmal so offensichtlich sein muss wie zuletzt im Fall des thüringischen Ministerpräsidenten. Insgesamt finden in diesem Jahr übrigens fünf Landtagswahlen, acht Kommunalwahlen, die Europawahl, die Bundestagswahl und die Bundespräsidentenwahl statt.

Apropos. Heute „meldet“ „Bild“:

Schwan-Wahl "Probelauf für Rot-Rot-Grün". Berlin -- Für die SPD ist die Wahl des Bundespräsidenten "ein Probelauf für ein rot-rot-grünes Bündnis nach der Bundestagswahl".

Erst im nächsten Satz stellt sich heraus, dass es sich dabei nicht um eine Tatsache handelt und das Zitat trotz der Formulierung „Für die SPD…“ nicht von der SPD stammt. Der Artikel geht nämlich so weiter:

Diesen Vorwurf erheben die Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktionen von Hessen und Baden-Württemberg, Christean Wagner und Stefan Mappus.

Die SPD kommt in der Meldung nicht zu Wort.

Ostdeutsche Milchmädchenrenten

Es scheint, als hätte die „Bild“-Zeitung ihre Kampagne gegen die angebliche Ungerechtigkeit, dass die Ossis unsere ganze schöne Rente bekommen, für den Moment abgeschlossen. Heute steht nur noch ein kleinerer Artikel unten auf der zweiten Seite mit der Überschrift: „So viel Rente bekommen die Deutschen WIRKLICH“, als würde das, was „Bild“ an den vorigen Tagen zum Thema veröffentlicht hatte, die Lage gar nicht treffen — was sogar stimmt.

Am Dienstag und Mittwoch hatte „Bild“ mit diesen Schlagzeilen aufgemacht:

Weil die Rentenbezüge in den neuen Bundesländern um 3,38 Prozent steigen, in den alten aber nur um 2,41 Prozent, formulierte „Bild“:

Damit ist die Kluft zwischen den Rentenerhöhungen in Ost und West so groß wie zuletzt vor 10 Jahren.

Das stimmt, ist aber eine geschickte Verkehrung der Perspektive. Denn der Westen hat bei den Renten immer noch einen deutlichen Vorsprung vor dem Osten. Der „Rentenwert“ (die monatliche Rente, die man pro Jahr mit einem Durchschnittseinkommen bekommt) ist im Osten über zehn Prozent niedriger. Unter gleichen Voraussetzungen bekommt ein Ostrentner weniger Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung als ein Westrentner.

Wenn die Renten jetzt im Osten also stärker steigen als im Westen, heißt das nicht, dass die Ostrenten den Westrenten weglaufen, wie „Bild“ suggeriert, sondern nur, dass sich die Kluft zwischen beiden verringert. Das ist eine Folge davon, dass sich auch die Einkommensunterschiede langsam ausgleichen.

„Bild“ suggeriert, dass Ostdeutsche auch in absoluten Zahlen mehr Rente bekommen. Auch das stimmt nur scheinbar. Ein realistischer Vergleich ist kaum möglich, weil in Ostdeutschland Gutverdiener wie Ärzte oder Rechtsanwälte den Durchschnitt in die Höhe treiben, die im Westen nicht aus der gesetzlichen Rentenkasse bezahlt werden. Außerdem sind ostdeutsche Frauen im Schnitt länger berufstätig gewesen, was ihre Rente entsprechend in die Höhe treibt.

Das stand gestern sogar auch in „Bild“ — hinderte das Blatt aber nicht daran, mithilfe seiner professionellen Milchmädchen Ost und West gegeneinander auszuspielen:

Schaut man sich die Daten genauer an, fällt auf, dass die Männer, die beide jeweils 45 Jahre als Handwerker gearbeitet haben, auch fast genau die gleiche Rente bekommen. Der Unterschied geht allein auf die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Frauen: Frau Ost hat 26 Jahre als Kindergärtnerin gearbeitet, Frau West nur 15 Jahre als Schneiderin.

Als Beleg für die Ungerechtigkeiten im deutschen Rentensystem zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung taugen diese Paare nicht. Aber um Neid zu schüren und Zeitungen zu verkaufen, reicht’s natürlich.

Mit Dank an Rainer S.!

Dieter Althaus in der „Bild“-Reha

Ob die „Bild“-Zeitung positiv über jemanden berichtet, ist unter Chefredakteur Kai Diekmann nicht unbedingt eine Frage der Ideologie. Viel entscheidender ist es, ob jemand bereit ist, mit „Bild“ zu kooperieren. Das wichtigste Prinzip ist das des Geben und Nehmens.

Wie das funktioniert, lässt sich sehr plastisch am Fall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus zeigen. Althaus gibt der „Bild“-Zeitung exklusive Informationen. Dafür gibt „Bild“ ihm die Berichterstattung, die er sich wünscht.

  • Schon im vergangenen Sommer nutzte Althaus die „Bild“-Zeitung, um Gerüchte zu dementieren, er habe ein Kind mit seiner Sekretärin. „Bild“ nannte diese Gerüchte prompt eine „BABY-LÜGE“.
  • Im Februar veröffentlichte „Bild“ das erste Foto von Althaus nach dem Unfall. Es zeigt ihn beim Spaziergang in Konstanz, in der Nähe seiner Reha-Klinik. „Bild“ druckte es unter der Überschrift: „Es geht ihm endlich wieder besser!“
  • Bei der Beerdigung seines Vaters wurde Althaus von Polizisten und Sicherheitsleuten mit Regenschirmen abgeschirmt; Fotos und Fernsehaufnahmen waren nicht erlaubt. Für den Fotografen der „Bild“-Zeitung scheint Althaus dann aber noch einmal am Grab posiert zu haben, so dass sie ein Exklusiv-Foto präsentieren konnte. Wie zum Dank machte die Zeitung eine Kehrtwendung und beschrieb sein Auftreten bei der Beerdigung nun nicht mehr als „geschwächt“, sondern stark — ganz wie der designierte Spitzenkandidat und seine Partei es wünschten (wir berichteten).
  • Auch über die Verurteilung Althaus‘ zu einer Geldstrafe berichtete „Bild“ ganz in seinem Sinne (wir berichteten).

Vorgestern nun nominierte die CDU Althaus zu ihrem Spitzenkandidaten — in Abwesenheit. Der Kandidat war offensichtlich noch nicht fit genug, um vorbeizuschauen, er schickte nicht einmal eine Videobotschaft. Die Aufgabe, alle Zweifel auszuräumen, ob sein Gesundheitszustand gut genug ist, übernahm — „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann höchstpersönlich.

„Exklusiv“ und „als erster Journalist“ traf er „jetzt“ den Ministerpräsidenten „in der Reha-Klinik“ und berichtet darüber in größter Aufmachung in der gestrigen „Bild am Sonntag“ und der heutigen „Bild“:

Daran, wie es Althaus geht, lässt Diekmann nicht den Hauch eines Zweifels:

Gedanken, Erwartungen: Wie wird er wohl aussehen? Gebrechlich? Vielleicht sogar gebrochen? Stützen ihn seine Leibwächter vom Landeskriminalamt? Muss er nach Worten ringen? Verliert er im Gespräch immer wieder den Faden? NICHTS VON ALLEDEM. Es ist kurz nach 13 Uhr, als der Ministerpräsident Dieter Althaus vor dem Hotel aus einem schwarzen Suzuki-Geländewagen steigt. Aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe. Er trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover, dazu ein weißes Hemd mit dunkelrot gestreifter Krawatte. Mit schnellen Schritten durchquert er den Kreuzgang des uralten Hauses, sein Händedruck ist kräftig. Ein wenig schmaler ist er geworden, seine Augen schauen hell und wach, als hätte es den Albtraum auf der Riesner-alm nie gegeben. Ein älteres Ehepaar schaut verblüfft herüber, sie flüstert: "Ist das nicht der Althaus, der mit dem Unfall?"

Heute in „Bild“ muss man sogar nur die Bildtexte lesen, um die entscheidende Botschaft des Interviews zu erfahren (die Botschaft, die mit der identisch ist, die Althaus und seine Partei den zweifelnden Wählern, Parteimitgliedern und Kommentatoren vermitteln wollen):

So funktioniert „Bild“: „Bild“ hat eine große Exklusiv-Geschichte, Althaus hat eine Berichterstattung in seinem Sinne, und alle sind glücklich. (Außer vielleicht diejenigen, die eine unabhängige, wahrheitsgemäße Berichterstattung erwarten.)

Wohlgemerkt: Es kann durchaus sein, dass Althaus wirklich wieder stark und gesund ist und einen kräftigen Händedruck und helle, wache Augen hat. Nur ist „Bild“ dafür keine verlässliche Quelle.

Mit Dank an Falk H.

Der Scheinschwangerschaftsboom

„Bild“ erklärt heute Ursula von der Leyen zur „Verliererin des Tages“, und das — um es gleich zu sagen — völlig zu Recht. Die Bundesfamilienministerin hatte vor gut drei Wochen stolz verkündet: „Die Deutschen kriegen wieder mehr Kinder.“ In den ersten neun Monaten 2008 seien 3400 Kinder mehr zur Welt gekommen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Schon damals hätte man wissen können, dass der angebliche positive Trend vor allem auf Rechentricks beruhte — zum Beispiel dem, die (schlechten) Werte für Oktober zu ignorieren.

Von der Leyen hatte die Zahlen exklusiv vorab der „Bild am Sonntag“ verraten. Agenturen und Medien verbreiteten sie unter Überschriften wie „Trend zu mehr Geburten hält an“ oder „Mehr Geburten in Deutschland“ („Süddeutsche Zeitung“); „Bild“-Werbefigur Johannes B. Kerner feierte von der Leyen für ihren vermeintlichen Erfolg in seiner ZDF-Show, und „Bild“ fand für die Meldung Platz auf der Titelseite:

Als ersten Satz machte sich „Bild“ eine Formulierung der Familienministerin aus dem „BamS“-Interview zu eigen und schrieb:

In der Wirtschaftskrise hat der Nachwuchs Konjunktur.

Inzwischen ist offenkundig, dass der Jubel unangebracht war. Die Geburtenzahl ist im Oktober und November 2008 deutlich zurückgegangen — für die ersten elf Monate insgesamt ergibt das ebenfalls einen Rückgang.

So gesehen ist es also, wie gesagt, keine schlechte Idee, von der Leyen zur „Verliererin“ zu erklären für ihre PR- und Rechentricks (auf die man selbst wie fast alle Medien hereingefallen ist). Aber „Bild“ hat noch eine interessante Erklärung für den plötzlichen Trendwechsel: die Wirtschaftskrise.

Auch Familienministerin Ursula von der Leyen (50/CDU) bekommt die Krise zu spüren: Die Zahl der Geburten ging im November (–11,7 %) zum zweiten Mal in Folge stark zurück. In ihrem jüngsten Familienbericht hatte die Ministerin (sieben Kinder) noch einen Anstieg der Geburten gefeiert, sich dabei allerdings nur auf die Zahlen bis September 2008 gestützt. BILD meint: Krisen-Knick!

Mal abgesehen davon, dass „Bild“ gerade erst den Eindruck vermittelt hatte, so eine Wirtschaftskrise sei gut fürs Kinderkriegen — könnte jemand der „Bild“-Redaktion erklären, wie lange eine Schwangerschaft dauert?

Mit Dank an Johannes B.!

Wie „Bild“ Dieter Althaus halb freispricht

Aufatmen, Erleichterung in Thüringen!

Mit diesen Worten beginnt die „Bild“-Zeitung heute ihren Bericht darüber, dass der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) von einem österreichischen Gericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Das ist angesichts der vielfältigen Kritik an dem Urteil und dem schnellen Verfahren (nur „Bild“ spricht davon, dass Althaus nun „endlich“ Gewissheit habe), eine erstaunliche Formulierung. Sie stimmt aber natürlich, wenn man „Thüringen“ für gleichbedeutend mit der thüringischen CDU hält — wie es offenbar die „Bild“-Zeitung und ihr Autor Jörg Völkerling tun.

Und so macht sich „Bild“ auch gleich die Interpretation der Partei zu eigen und erklärt schlichtweg:

Seiner Rückkehr in die Landespolitik steht damit nichts im Wege.

Aber die „Bild“-Zeitung (die Althaus bereits eine erstaunliche rückwirkende Wunderheilung bescherte) hat von der CDU nicht nur Perspektive und Interpretation übernommen. Die Überschrift über dem Artikel lautet:

Althaus ist schuldig, aber nicht vorbestraft

Doch das Gegenteil ist der Fall das ist in dieser Eindeutigkeit falsch. Das Bundesjustizministerium hat inzwischen bestätigt, dass Althaus als „vorbestraft“ gilt, sobald das Urteil rechtskräftig ist. In Österreich verhängte Geldstrafen würden auch ins deutsche Bundeszentralregister eingetragen. In Althaus‘ Führungszeugnis wird die Strafe allerdings nicht erscheinen, weil sie gerade noch unter der Geringfügigkeitsgrenze liegt.

Die Fehlinformation stammt offenbar von Leuten, die ein Interesse daran haben, sie zu verbreiten: der CDU-Thüringen. Deren Fraktionschef Mike Mohring hatte gestern behauptet, der Ministerpräsident sei nach österreichischem Recht nicht vorbestraft. Und ihr Sprecher Heiko Senebald verkündete, mit dem Urteil sei kein Eintrag in das Strafregister verbunden.

Agenturmeldungen, die diesen Äußerungen gestern schon widersprachen, hat „Bild“ ignoriert und sich ganz in den Dienst der Partei gestellt. Immerhin scheint man heute gemerkt zu haben, dass der eigene Bericht nicht haltbar ist. Bei Bild.de erschien ein Artikel, der zwar sich zwar heillos in den unterschiedlichen Vorschriften über Einträge ins Strafregister und das Führungszeugnis verheddert und eine gewagte Interpretation der „umgangssprachlichen“ Bedeutung des Wortes „vorbestraft“ versucht. Die Überschrift aber lautet schlicht:

Dieter Althaus vorbestraft

Mit Dank an Lars S.!

Nachtrag, 5. März. Bild.de hat den „Dieter Althaus vorbestraft“-Artikel gelöscht, warum auch immer.

Nachtrag, 23.15 Uhr. Geklärt ist nach Ansicht von „Bild“ heute immerhin, dass die Frage der Vorstrafe „geklärt ist“. In der gedruckten Ausgabe heißt es:

Geklärt ist auch: Das Urteil gegen Althaus (180 Tagessätze) gilt als Vorstrafe, die auch in sein deutsches Führungszeugnis aufgenommen werden kann.

Online lautet derselbe Absatz im selben Artikel vom selben Autor so:

Geklärt ist auch: Das Urteil gegen Althaus (180 Tagessätze) wird weder in Österreich noch in Deutschland in das polizeiliche Führungszeugnis aufgenommen.

„Bild“ macht Wessi aus Sandmännchen

Jürgen Helfricht, der Mann, der für „Bild“ aus Katzen Benzin macht, kennt sich damit aus, anderen Sand in die Augen zu streuen.

Und so schrieb Helfricht gestern unter der (insbesondere in den ostdeutschen „Bild“-Ausgaben, in denen die folgende Geschichte ausschließlich zu lesen war) berückenden Überschrift…

"Sandmann in den Westen verkauft"

… dass „der Osten“ ab 1. April „die Lizenz für seinen größten TV-Liebling“ verliere:

Generationen von Kindern brachte Sandmännchen (…) seit 1959 ins Bett. Und bis heute schalten ihn täglich 1,5 Mio. Fans ein. Genauso erfolgreich ist der TV-Knirps als Märchenfigur auf den Bühnen zwischen Rügen und Fichtelberg.

Doch damit ist jetzt Schluss. Ausgerechnet zum 50. Sandmann-Geburtstag hat der RBB die Sandmann-Lizenz in den Westen verkauft. Und zwar an das Kölner Theater Cocomico.

(…) Der Vertrag läuft vorerst zwei Jahre. Danach können wir wieder auf unseren Sandmann hoffen!

Schnüff. Beziehungsweise so irreführend, dass der öffentlich-rechtliche RBB gestern bei Helfricht anrief, um ihn darauf hinzuweisen.

„Sächsische Zeitung“ vom 21.2.2009:

„Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat die Lizenz an den Aufführungsrechten neu vergeben. (…) Die Ausstrahlung im Fernsehen bleibt von den Aufführungsrechten unbeeinflusst.“

Denn „verkauft“ (im Sinne von neu vergeben) hat der Sender, wie uns heute ein RBB-Sprecher auf Anfrage sagt, „ausschließlich die Musical-Rechte“ fürs Sandmännchen, mehr nicht. Für Figur, Sendung usw. bleibt alles wie gehabt – was, wie offenbar auch „Bild“-Mann Helfricht wusste, zwei Tage vor „Bild“ auch schon in der „Sächsischen Zeitung“ stand (siehe Kasten). Statt bislang jährlich 10 Sandmännchen-Aufführungen im Osten Deutschlands soll es ab August 60 Aufführungen in zwei Jahren geben – in Bonn und Bergisch Gladbach, aber auch in Potsdam, Berlin, Neubrandenburg, Frankfurt/Oder, Gera, Rostock, Schwerin, Dresden …

Genutzt hat der RBB-Anruf bei Helfricht wenig.

Denn heute berichtet er in „Bild“ wieder über das Sandmännchen:

Der schnelle Verkauf unseres Sandmännchens in den Westen – Tausende Kinder zwischen Rügen und Fichtelberg sind traurig. (…) „Die Entscheidung, die Lizenz nach Köln zu geben, ist uns nicht leicht gefallen“, räumt RBB-Sprecher Ralph Kotsch (48) ein.

Letzteres sei übrigens, wie uns der RBB-Sprecher glaubhaft versichert, ein Satz, den „Bild“-Mann Helfricht „komplett frei erfunden“ habe. Er selbst habe das „nie gesagt“ – nicht zuletzt deshalb nicht, weil das Sandmännchen im Westen ohnehin längst so beliebt ist wie, ähm, „zwischen Rügen und Fichtelberg“ und 20 Jahre nach dem Mauerfall eigentlich nicht zum Ost-West-Konflikt tauge.

„Bild“ stützt Althaus mit „raschen, festen Schritten“

„Mediale Kumpanei“ – Unter diesem Titel fasst das NDR-Medienmagazin „Zapp“ Merkwürdigkeiten in der „Bild“-Berichterstattung über den Thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus zusammen, der sich seit nunmehr sieben Wochen in einer Klinik von den Folgen eines schweren Skiunfalls erholt und dessen Vater kürzlich verstarb.

Von der Beerdigung des Vaters nämlich, zu der laut „Zapp“ für die zahlreichen Journalisten ein „Fotoverbot“ angeordnet worden war, berichtete „Bild“-Reporter Jan Wehmeyer über Althaus:

Ganz vorsichtige Schritte macht er, zu sehr geschwächt ist er nach seinem schweren Skiunfall (…). Gestützt von Ehefrau Katharina (47) nahm der Politiker auf der Bank Platz. Blasses Gesicht, die linke Hand ist verbunden. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP beschreibt, wie Althaus sich mehrfach nach vorne beugte, „als werde er vom Schmerz übermannt; auch musste er sich oft hinsetzen“. Bei Gesängen bewegte Althaus nur die Lippen. (…)

Und ähnlich war auch die quasi einhellige Einschätzung anderer Medien (die zudem vom Bruder des Ministerpräsidenten Bernd Uwe Althaus in einem ungewöhnlich ehrlich wirkenden MDR-Interview bestätigt wird).

Dennoch stand bereits einen Tag nach obigem „geschwächt“-Artikel etwas ganz anderes in „Bild“. Unter der Überschrift „Rückkehr! Althaus will Ministerpräsident in Thüringen bleiben“ und illustriert mit einem Exklusiv-Foto am Grab seines Vaters (ohne Quellenangabe) schrieb wiederum „Bild“-Reporter Wehmeyer:

(…) Kurz darauf verlässt Althaus (schwarzer Wollmantel, breitkrempiger Hut) mit festen, raschen Schritten den Friedhof, wird wieder in die Reha-Klinik nach Allensbach zurückgefahren. Die Genesung des Ministerpräsidenten von seinem Schädel-Hirn-Trauma macht weiter Forschritte. (…) Mittlerweile ist klar: Dieter Althaus wird schon bald in die Politik zurückkehren. (…)

Laut „Zapp“ ist das Exklusiv-Foto „offenbar kein heimlicher Schnappschuss“. So hält es ein Redakteur der „Thüringer Allgemeinen“ für „sehr gut inszeniert“, und Christiane Kohl von der „Süddeutschen Zeitung“ wiederholt noch einmal, was sie (wie auch „Spiegel Online“) bereits aufgeschrieben hatte: dass ihr nämlich aus CDU-Parteikreisen bestätigt wurde, Althaus habe das Foto in der „Bild“-Zeitung „bestellt“.

Déjà Vu?

Ob Althaus oder Schröder, Steinmeier oder Friedbert Pflüger, ob RWE, Lufthansa, E.on, McDonalds oder bloß (und immer) „Pop-Titan“ Dieter Bohlen – es scheint, als bedeute „unabhängig“ und „überparteilich“ für die „Bild“-Zeitung nur, dass es ihr letztlich egal ist, für wessen Interessen sie sich einspannen lässt.

Bei entsprechender Gegenleistung ist „Bild“ offenbar bereit, sogar die Beschreibung der Wirklichkeit entsprechend anzupassen – und sei es, wie im Fall Althaus, von einem Tag auf den anderen um 180 Grad.

„Bild“ und „B.Z.“ dürfen Klar weiterhin nicht zeigen

Anfang Januar zeigten die „Bild“-Zeitung und ihre Schwesterzeitung „B.Z.“ mehrmals groß und auf der Titelseite aktuelle Paparazzi-Fotos des Ex-RAF-Terroristen Christian Klar. Die „B.Z.“ ließ zudem ihren Anwalt Jan Hegemann im Blatt erklären:

"Die Berichterstattung einschließlich der Fotoveröffentlichung ist zulässig."

Wenig später untersagte das Berliner Landgericht „Bild“, Bild.de und „B.Z.“ auf Antrag von Klars Anwalt per einstweiliger Verfügung, die Fotos von Klar zu zeigen.

Gegen diese Unterlassungsverfügungen legte der Axel Springer Verlag Widerspruch ein (wir berichteten hier, hier, hier und hier).

Wie „Spiegel Online“ meldet und uns eine Landgerichts-Sprecherin bestätigt, lehnte das Gericht heute die Widersprüche des Axel Springer Verlags ab. „Bild“, Bild.de und die „B.Z.“ dürfen zwar über Christian Klar berichten, aber weiterhin keine aktuellen Fotos von ihm ohne seine Erlaubnis veröffentlichen. Insoweit räumte das Gericht dem Resozialisierungsgedanken Vorrang vor dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit an Klars Aussehen ein.

Der Axel Springer Verlag kann Berufung gegen das Urteil einlegen, und es würde uns nicht überraschen, wenn er das auch tut.

Mit Dank an Thomas S. für den Hinweis.

„Bild“-Redakteurin war LKA-Informantin

„Ließ die Polizei die CDU von Journalisten bespitzeln?“ und „Arbeitete ein ‚Bild‘-Journalist für LKA oder Geheimdienst?“, fragte vor zwei Wochen die „Frankfurter Rundschau“ — und beantwortete die Frage eine Woche später unter der Überschrift:

‚Bild‘ Leipzig berichtet — fürs LKA

Hintergrund ist ein dreiseitiger Aktenvermerk, den der sächsische Landtag mit einer Kleinen Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Volker Schimpff unlängst öffentlich machte.

Der faksimilierte Vermerk, nachzulesen auf der Internetseite des Sächsischen Landtags (Drucksache 4/14207, [pdf]), enthält zunächst die (geschwärzten) Namen damals hochrangiger Amts- und Würdenträger in Leipzig (darunter der Oberstaatsanwalt, der Justizminister, ein Ex-Innenminister sowie ein Ex-Präsident des Fußballvereins VfB Leipzig) und trägt die Überschrift:

[Ausriss] Mitteilung durch BILD Leipzig am 02.06.98

Nach Auskunft des sächsischen Innenministers Albrecht Buttolo stammt die „Mitteilung“ „aus der polizeilichen Ermittlungsakte des Landeskriminalamtes“ und „gibt ausschließlich die Äußerungen einer für die ‚Bild‘-Zeitung tätigen Person wieder“. Ihr Inhalt: schwerwiegende Verdächtigungen und Gerüchte, aufgelistet in über 50 Einzelpunkten – übler Klatsch und Tratsch, der tatsächlich genau so klingt, wie man sich vorstellt (oder weiß), dass es klingt, wenn „Bild“-Mitarbeiter geschwätzig werden. Also beispielsweise so:

  • die                 soll den                 kennen
  •                 soll ein ehemaliger Schulfreund des                 sein
  • die angeblich enga[g]ierte Staatsanwältin Frau                 (…) sei durch                 ‚kaltgestellt‘ worden
  • sie bearbeite jetzt, so gegenüber BILD, „Karnickeldiebstähle“
  • durch BILD wurde                 auf den Namen                 angesprochen, worauf                 kreidebleich geworden sein soll
  • angeblich gebe es Verstrickungen einiger Personen (auch                ) zu Kinderbordellen
  • es soll ein Video über sexuelle Praktiken des                 an Kindern existieren
  •                 und                 sollen den                 kennen, welcher auf der Merseburger Straße in Leipzig einst ein Kinderbordell betrieben haben soll
  • ein gewisser                 habe angeblich offiziell Selbstmord begangen, eventuell wurde dabei „nachgeholfen“
  • BILD habe                , welcher im Zusammenhang mit dem Verschwinden des                 steht, gefragt, wo denn                 sei. Es wurde entgegnet, dass sie abhauen sollen, sonst gehe es ihnen wie                , danach habe                 gelacht

Nach unseren Informationen handelt es sich bei dem „Bild“-Mitarbeiter (den die „Leipziger Volkszeitung“ am Mittwoch noch vorsichtig „einen Journalisten beziehungsweise eine Journalistin aus dem Bereich Boulevard aus Leipzig“ nannte) um die „Bild“-Redakteurin Angela Wittig.

Wenn Wittig nicht (wie neulich) einen offensichtlich Unschuldigen als „Kinderschänder“ vorverurteilt, schreibt sie Artikel, die „Bild“ anschließend so präsentiert:

  • Übler Scherz am Arbeitsplatz: Druckluftpistole am Po – Darm geplatzt!
  • Mutter zeigt Staatsanwalt an: Weil er den Vergewaltiger ihrer Tochter laufen ließ
  • Beim Frauenarzt wurde ich weggeschickt – Jetzt ist mein Baby tot
  • Straßenbahn-Prügler flennt vor Gericht: Plötzlich ist er ein kleiner Hosenscheißer
  • Sie haben ihr Kind ins Koma geprügelt… jetzt knutschen sie vor Gericht!
  • Todesspritze für die Killerhunde… es sei denn, Seppel, Mausi und Sternchen bestehen den Verhaltenstest
  • Skandal um angebliche Sex-Orgien im Leipziger Rathaus: BILD zeigt das geheime Bett im Büro des OB

„Focus“ vs. Wittig

Im Juni 2008 setzte Angela Wittig eine Gegendarstellung zu einem am 2.2.2008 unter der Überschrift „Schlamassel im Puff“ veröffentlichten „Focus“-Bericht durch (mehr dazu hier) und widersprach darin mehreren „Focus“-Behauptungen über sie. Der „Focus“ ergänzte den Abdruck der Gegendarstellung um die Anmerkung:

„Alle Ermittlungen zu einer angeblichen Justizverschwörung, über die Frau Wittig in ‚Bild‘ berichtete, sind von der Staatsanwaltschaft Dresden als ’substanzlos‘ eingestellt worden. Sie seien, so die Staatsanwaltschaft Dresden, Produkt ‚einer Verschwörungstheorie‘ gewesen.“

Angela Wittigs Name tauchte zudem im vergangen Jahr im Zusammenhang mit dem vermeintlichen „Sachsensumpf“ auf (grundsätzliches dazu hier, hier, hier, hier oder hier bzw. hier). Laut „Focus“ waren die vermeintlichen „Verstrickungen [sächsischer Justizbeamter] zu Kinderbordellen“, die bereits in der „Mitteilung durch BILD Leipzig“ aus der Polizeiakte kolportiert wurden, von Wittig auch via „Bild“-Zeitung „kräftig befeuert“ worden (was Wittig offenbar eine Strafanzeige wegen Verleumdung und dem „Focus“ eine Gegendarstellung Wittigs einbrachte, siehe Kasten).

Und so schreibt nun auch die „Frankfurter Rundschau“, die Beschuldigungen aus 1998 seien dem „Berg aus Gerüchten“ auffällig ähnlich, der „im Frühjahr 2007 als gewaltige Sumpf-Affäre über Sachsen schwappte“, sich aber „ein Jahr später und nach gründlichen Untersuchungen unabhängiger Ermittler und der Bundesanwaltschaft als gigantischer Humbug herausstellte“. Auch für die „Leipziger Volkszeitung“ liest sich die „Mitteilung durch BILD Leipzig“ „wie eine frühe Version dessen, was in der Aktenaffäre 2007 unter dem Codenamen Abseits III für Aufsehen sorgte“.

Ob „Bild“-Frau Wittig das journalistische Sakrileg beging, der Polizei als Informant ihre schmutzigen und zum Teil haltlosen Gerüchte anzuvertrauen (womöglich in der Hoffnung, im Gegenzug ebenfalls bevorzugt informiert zu werden) oder ob Wittigs Äußerungen ihren Weg anderweitig in die LKA-„Mitteilung“ fanden, ist noch ungeklärt – außer für „Bild“. Die „Morgenpost Sachsen“ zitiert „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich mit der Aussage:

„Kein Mitarbeiter von BILD Leipzig hat unseres Wissens nach als Informant für das LKA gearbeitet.“

Wir haben die Wörter „unseres Wissens“ mal gefettet, wundern uns aber nicht, dass Wittig nach wie vor für „Bild“-Leipzig arbeitet.

Blättern: 1 2 3 4 ... 47