Archiv für nordbayern.de

„Islam“ und „Grüne“ im Titel, Wut in den Kommentaren

Die Grünen in Bayern wollen etwas gegen Extremismus tun, vor allem gegen Rechtsextremismus. Die Fraktionsvorsitzende der Partei im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, sagt laut „Nürnberger Nachrichten“ und nordbayern.de, dass die CSU-Landesregierung für die Prävention von rechter Gewalt „viel mehr Geld“ in die Hand nehmen müsse. Die Zahlen rechter Straftaten seien dramatisch hoch, die Aufklärungsquoten erschreckend niedrig.

Der Teaser des Artikels bei nordbayern.de gibt das Thema klar vor:

Angriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer, rechte Hetze und Einschüchterungsversuche: Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Straftaten nimmt zu. Die Grünen im Landtag fordern die CSU-Staatsregierung deshalb auf, mehr gegen Rassismus und rechte Gewalt zu tun und mehr Geld für Prävention lockerzumachen.

Bei der Wahl der dazugehörigen Überschrift hat die Redaktion hingegen einen etwas anderen Schwerpunkt gewählt:

Doch, doch, auch das Thema „Islam-Unterricht“ kommt in dem Artikel vor: Ganz am Ende des Textes, nach sieben Absätzen zum Rechtsextremismus, zitiert nordbayern.de Elke Leo, Grünen-Vertreterin im Nürnberger Stadtrat:

Die Demokratie-Erziehung an den Schulen ist Leos Ansicht nach stark ausbaufähig. Um religiös geprägten Extremismus, in diesem Fall Islamismus, zu verhindern, fordert sie aber auch Islam-Unterricht an den Schulen „von Lehrern, die in Deutschland ausgebildet werden“.

Natürlich könnte man sich nun erst die Überschrift anschauen, dann den Text lesen und sich selbst sagen: „Na ja, das eigentliche Thema ist ja die Prävention rechtsextremer Verbrechen. Dazu gebe ich jetzt mal einen Kommentar ab.“ Nur: Das machen die meisten Leute nicht. Sie lesen stattdessen die Überschrift, werden wütend und lassen in der Kommentarspalte Dampf über den Islam, die Grünen und deren Forderungen zum Islam-Unterricht ab.

Durch die Wahl ihrer Titelzeile haben es die Mitarbeiter von nordbayern.de geschafft, dass das Hauptthema des Artikels in der Diskussion gar keine Rolle mehr spielt. Ein Großteil der Kommentare geht in diese Richtung:

Die Grünen sind unwählbar und Deutschlandfeindlich.

Solche Aussagen lassen mich am gesunden Menschenverstand der Grünen zweifeln. Es wird wohl Zeit das der Verfassungsschutz die Grünen unter Beobachtung stellt.

Man drücke allen Grünen einen Einweg-Flugticket für ein islamisch beherrschtes Land in die Hand, auf dass sie nimmer wiederkehren.

So langsam könnte der Verfassungsschutz mal ein Auge auf diese Grünen werfen.

Müsst Ihr jetzt auf Stimmenfang bei der moslemischen Bevölkerungsgruppe gehen?

Bei solchen Forderungen wundert es mich nicht das die Grünidioten immer weniger Stimmen bekommen!

Was noch, Ihr Agenda-Grünen, gleich übertreten?

Islamunterricht als Regelangebot an unseren Schulen — so wirr können nur Grüne sein.

Bei Facebook, wo die Zeitspanne zwischen Überschriftlesen und Kommentieren meist noch kürzer ist, sind die Reaktionen noch deutlicher:


Der ham’se doch in’s Hirn geschissen?

Sorry, die Frau hat nicht alle Tassen im Schrank.

dann sollen sie in die Türkei gehen.

Die hat doch einen Kopfschuss

Die hat nicht mehr alle in der Schüssel!!!!

Klar, anstatt den Islam zu „töten“ soll er noch mehr verbreitet werden. Die spinnt doch!

Dummgekifft !!!

„Pegida“, AfD und „pro Deutschland“ haben den Artikel bei nordbayern.de ebenfalls entdeckt und ihn auf ihren Facebookseiten geteilt. Dass es in dem Text hauptsächlich um den Kampf gegen Rechts geht und nicht, wie die Überschrift suggeriert, nur um eine Forderung der Grünen zum Islam-Unterricht, scheint sie nicht zu jucken:



Mit Dank an Günter für den Hinweis!

Was für eine Katastrophe

Puh, noch mal Glück gehabt:

Drohnen kommen Flugzeugen immer häufiger gefährlich nahe. Nun ist es beinahe zu einer Kollision über der Nürnberger Burg gekommen.

Bei Facebook und Twitter klang das alles noch etwas dramatischer — dort schrieben die „Nürnberger Nachrichten“ gestern von einer „Katastrophe“, die es am 3. September „fast“ gegeben hätte:


Im verlinkten Text steht:

Am 3. September kam ein ferngesteuertes Flugobjekt in 1300 Metern Höhe gleich bei der Nürnberger Kaiserburg einem Kleinflugzeug bedrohlich nahe. Der Fall endete glimpflich: Der Pilot konnte abdrehen und meldete den Vorfall der Deutschen Flugsicherung. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, konnte den Betreiber aber nicht identifizieren.

Passiert ist diesmal nichts, doch schon öfter wäre es beinahe zu Katastrophen gekommen.

Also mal bei der „Deutschen Flugsicherung“ nachgefragt. Ja, die Meldung aus Nürnberg habe es gegeben. Das müsse aber nichts bedeuten, schließlich ermittle man nach einer solchen Meldung nicht, welche Gefahr von einer Situation ausgeht.

Anruf beim Polizeipräsidium Mittelfranken. Ja, am 3. September sei eine Meldung über eine Drohne eigegangen. Der Pilot einer kleinen Maschine, vermutlich eines Sportflugzeugs, sei am Nürnberger Flughafen gestartet und habe eine Drohne westlich der Burg in ungewöhnlicher Höhe gesehen. Das habe er sicherheitshalber dem Tower gemeldet, als ungewöhnliche Beobachtung. Zwischen Flughafen und Burg lägen etwas über vier Kilometer, „bedrohlich nahe“ seien sich Drohne und Flugzeug also wahrlich nicht gekommen. Zu keinem Zeitpunkt habe es irgendeine Gefährdung gegeben. Von einer möglichen Katastrophe könne man nun wirklich nicht sprechen. Das habe man vor einigen Tagen so auch einem Journalisten der „Nürnberger Nachrichten“ auf dessen Nachfrage mitgeteilt.

Mit Dank an Roland B. für den Hinweis!

Verspäteter Schlagzeilenerguss

Derzeitiger Aufreger bei Bild.de, Ressort „News aktuell“:

Das Portal keucht:

Hacker haben YouTube mit Porno-Videos bombardiert.

Wie die BBC berichtet, musste YouTube innerhalb weniger Stunden mehrere Hundert Videos löschen. Das Material wurde unter den Namen bekannter Kinder-Stars wie „Hannah Montana“ oder „The Jonas Brothers“ hochgeladen. Offenbar sollten besonders Kinder und Jugendliche die Schmuddel-Videos anschauen.

Besonders perfide: Viele der Videos begannen wie Kinder-Serien oder normale Musikvideos. Dann ein harter Schnitt, und man sieht Hardcore-Sex. (…)

Ein verstörter junger YouTube-User postete unter ein Video mit dem Titel „Jonas Brother Live On Stage“: „ Ich bin 12 Jahre alt und was ist das?“ Das Video wurde inzwischen gelöscht.

Das stimmt auch alles so weit. Bloß eine Kleinigkeit hat Bild.de beim Abschreiben des BBC-Artikels übersehen: das Datum. Die Geschichte ist über fünf Jahre alt.

Die Aktion mit den Pornovideos, auch bekannt als „Operation Porn Day“, fand bereits im Mai 2009 statt, aus dieser Zeit stammt auch der BBC-Text, den Bild.de zitiert und sogar selbst verlinkt hat. Und „die Spur“ führte natürlich nicht nur „nach Deutschland“, sondern in zig verschiedene Richtungen, denn es hatten sich Leute aus der ganzen Welt beteiligt.

Der Kommentar des „verstörten“ Youtube-Nutzers („I’m 12 years old and what is this?“) hat es übrigens auch schon zum Meme geschafft.

Mit Dank an Jan M. und Thorben.

Nachtrag, 22 Uhr: Stern.de und Nordbayern.de sind mal wieder blind hinterhergerannt. Stern.de hat den Artikel immerhin wieder gelöscht.

Das Foto bei Bild.de stammt übrigens (Danke an Stefan G. für den Hinweis!) aus keinem Porno, sondern aus dem Trailer zum Spiel „Hitman: Absolution“.

Nachtrag, 22.35 Uhr: Jetzt hat auch Bild.de den Artikel gelöscht.

Kübel mitgespielt

Falls Sie den heutigen Tag außerhalb von Social-Media-Diensten wie Twitter oder Facebook verbracht haben, ist diese Nachricht möglicherweise neu für Sie: In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgekippt. Oder genauer: Er wurde umgeworfen und ging dabei zu Bruch.

Aus Gründen, die hinterher nie so ganz nachzuvollziehen sind, fand der Artikel aus dem Neuenkirchener Lokalteil der „Münsterschen Zeitung“ heute großen Anklang beim Kurznachrichtendienst Twitter. Die Nutzer machten die verschiedensten Scherze zum Thema und „Blumenkübel“ wurde zu einem der meist genutzten Begriffe am heutigen Tag.

Dieser Hype, auch als „Internet meme“ bezeichnet, rief wiederum die etablierten Medien auf den Plan, die im Sommerloch endlich etwas hatten, worüber sie berichten konnten.

So zum Beispiel die Internetausgabe der „Nürnberger Zeitung“, die zu berichten wusste:

Selbst im internationalen Programm des US-Nachrichtensenders CNN beschschäftigte man sich mit dem umgetretenen Münsteraner Blumentopf. Breaking News – diesmal aus dem westfälischen Hinterland.

Und so sah das aus bei CNN:

Auch in den USA registrierte man den "German big flower bucket".

Beziehungsweise nicht, denn wie man sich fast hätte denken können, handelt es sich bei der Grafik um einen Fake, von dem heute verschiedene Versionen auftauchten — alle übrigens basierend auf einem anderen Fake, der schon seit mehreren Jahren im Umlauf ist.

Dass das alles nicht so stimmte, haben sie auch bei der „Nürnberger Zeitung“ schnell gemerkt, weswegen das obige Zitat aus dem Artikel verschwand und die Bildunterschrift ausgetauscht wurde:

Auch in den USA registrierte man den Blumenkübel. Dieses Bild von den CNN-News ist allerdings ein Fake von deutschen Internetusern. So weit ging die weltweite Aufmerksamkeit dann doch nicht.

Nur ein Satz konnte sich noch längere Zeit im Vorspann halten:

Auch CNN und dpa war die Sache ein Eilmeldung wert.

Inzwischen ist auch dieser Satz ersetzt worden.

Mit Dank an Matthias Sch.

Nachtrag, 23.15 Uhr: Unser Leser Farlion schreibt uns, dass er die Redaktion der „Nürnberger Zeitung“ telefonisch auf den Irrtum aufmerksam gemacht habe. Erst danach sei der Artikel geändert worden.