Archiv für morgenpost.de

Fordert Heiko Maas wirklich „Rock gegen Links“?


(morgenpost.de)


(„Huffington Post“)

(n-tv.de)

(jungefreiheit.de)

(Welt.de)

(Bild.de)

Die angebliche Aussage von Justizminister Heiko Maas zu einem möglichen Konzert unter dem Motto „Rock gegen Links“, die viele Medien aufgegriffen haben, schlägt vor allem in den Sozialen Netzwerken ziemlich hohe Wellen. Nun ist es angesichts früherer Erfahrungen mit Rockkonzerten, die sich bewusst gegen „links“ oder auch gegen den Kommunismus positioniert haben und die bis heute in der neonazistischen Szene als tolle Feste gesehen werden, vielleicht nicht die beste Idee von „Rock gegen Links“ zu sprechen. Und auch dass die rechtsextreme Band „Freikoprs“ vor vielen Jahren einen Song mit dem Namen „Rock Gegen Links“ veröffentlicht hat, macht Maas‘ vermeintliche Wortwahl nicht besser.

Aber hat Heiko Maas tatsächlich so etwas wie ein „Rock gegen Links“-Konzert gefordert?

Der Ursprung dieser ganzen Geschichte liegt bei Bild.de. In dem dortigen Talk-Format „Die richtigen Fragen“ interviewten heute morgen das Moderatoren-Duo Anna von Bayern und Ali Aslan sowie „Bild“-Politik-Chef Nikolaus Blome Bundesjustizminister Maas. Blome fragte mit Bezug auf die Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel in Hamburg:

Eine Frage, wenn ich noch darf. Nach solchen Schandtaten, nach solchen Gewaltausbrüchen, wenn sie von rechtsextremistischer Seite kommen, und das hat es ja oft genug gegeben, sammelt sich so eine gesellschaftliche Gruppe, oftmals Künstler, Sänger, und veranstalten so was wie „Rock gegen rechts“. Sie haben da, glaube ich, auch schon mal einschlägige Erfahrungen gesammelt beim Belobigen einer solchen Veranstaltung. Also, „Rock gegen rechts“ gibt’s. Warum gibt’s kein „Rock gegen Links“?

Heiko Maas antwortete darauf:

Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil Sie, das muss man die fragen, die sowas organisieren. Aber ich glaube, dass es niemanden in unserer Gesellschaft gibt, und zwar in allen gesellschaftlichen Gruppen, die das akzeptieren, was in Hamburg geschehen ist. Und ich will auch gar nicht ausschließen, dass das eine gesellschaftliche Reaktion hervorruft. Und ich würde mir auch wünschen, dass jegliche Form von politischem Exptremismus, der dann umschlägt in sinnlose Gewalt, in Straftaten, bis hinzu zum versuchtem Mord, nicht ohne gesellschaftliche Reaktion bleibt. Wir sind viel zu lange

Maas konnte den Satz nicht mehr zu Ende führen, weil Anna von Bayern ihm ins Wort fiel:

Also Sie wünschen sich ein „Rock gegen Links“?

Maas‘ Antwort:

Ja, ein „Rock gegen Links“ oder was auch immer. Das werden diejenigen entscheiden müssen, die so etwas auf die Beine stellen. Aber so was kann doch nicht ohne gesellschaftliche Reaktion bleiben. Wir sind viel zu oft die schweigende Mehrheit, die ein tolerantes und respektvolles Land will, aber die dann auch glaubt, dass es reicht, die schweigende Mehrheit zu sein. Und das reicht eben nicht mehr, wie wir permanent sehen.

Das ist alles, was Heiko Maas zum Thema „Rock gegen Links“ gesagt hat: „Das kann ich Ihnen nicht sagen“ und ein leicht unwirsches „Ja, ein ‚Rock gegen Links‘ oder was auch immer. Das werden diejenigen entscheiden müssen, die so etwas auf die Beine stellen.“ Er schloss ein „Rock gegen Links“-Konzert also nicht aus — die Idee dafür stammt aber nicht von Maas, sondern von Nikolaus Blome. Und auch die Formulierung „Rock gegen Links“, die gerne von Neonazis gebraucht wird, stammt von Nikolaus Blome.

Diese Details interessieren Nikolaus Blome aber nicht. Er, der eigentlich sehr genau wissen müsste, wie das Gespräch mit Heiko Maas abgelaufen ist, twitterte heute Mittag:

Bei CDU-Generalsekretär Peter Tauber, der übrigens auch die Lüge der Polizeigewerkschaft DPolG über die „Tagesschau“-Berichterstattung zu den G20-Ausschreitungen glaubte und bei Twitter verbreitete, war Heiko Maas dann schon derjenige, der „Rock gegen Links“ vorgeschlagen hat:

„Bild“-Redakteure haben eine Idee. Sie fragen einen Politiker, was er davon hält. Dieser stimmt nicht explizit zu oder fordert etwas anderes. „Bild“ und Bild.de schreiben trotzdem, dass der Politiker die Idee toll finde. Und politische Konkurrenten stimmen mit ein. Dieses Vorgehen ist nichts Neues bei den „Bild“-Medien. Ganz ähnlich haben sie schon mal dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour die Forderung in den Mund gelegt, dass Christen „im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen“ sollen.

In nur vier Stunden vom Obdachlosen zum Perser

Helge Schneider hat für seine Zivilcourage mal ordentlich Prügel kassiert. Das hat er vergangenen Woche in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (mit Bezahlschranke) erzählt:

Aber viele Künstler sind sehr verliebt in die Regel: Die Politik ist hilflos, wir müssen jetzt ran.

Wenn einem etwas direkt im Alltag begegnet, muss man schon ran. Das nennt man Zivilcourage, hab‘ ich auch schon mal gemacht.

Was war passiert?

Das waren zwei Typen, die wollten einen Perser verkloppen. Da bin ich dazwischengegangen. Der konnte wegrennen. Dann hab‘ ich das abgekriegt.

Wurden Sie verletzt?

Es hielt sich im Rahmen. Ich hatte den Kiefer angebrochen. […]

Schneider, Schlägerei, angebrochener Kiefer — klar, dass das auch andere Medien aufgreifen. Zum Beispiel „Spiegel Online“

… oder stern.de

… oder welt.de:

Und auch „Focus Online“. Doch dort klingt die Geschichte schon in der Überschrift etwas anders:

Und Helge Schneider erzählt auf einmal eine ganz neue Version des Vorfalls:

„Das waren zwei Typen, die wollten einen Penner verkloppen. Da bin ich dazwischengegangen“, erzählte der Komiker und Musiker der „Süddeutschen Zeitung“ vom Samstag.

Bei morgenpost.de ist ebenfalls von einem „Penner“ die Rede.

Der Protagonistenwechsel dürfte durch eine fehlerhafte dpa-Meldung entstanden sein. Die Nachrichtenagentur hatte am Samstagmittag den „Penner“ ins Spiel gebracht und erst vier Stunden später eine Korrektur verschickt, mit dem Hinweis: „Berichtigung: Wort im zweiten Satz berichtigt“.

Das interessierte offenbar weder „Focus Online“ noch morgenpost.de: Ihre falschen Artikel veröffentlichten beide Redaktionen erst, als die dpa-Korrektur schon Stunden raus war.

Dass ein Medium durchaus auf Agentur-Berichtigungen reagieren — und das auch noch der Leserschaft transparent präsentieren — kann, beweist diepresse.com:

Anmerkung der Redaktion: Quelle dieses Artikels ist die Nachrichtenagentur DPA. Diese hat in einer ersten Meldung von einem „Penner“ geschrieben, später allerdings auf „Perser“ korrigiert. Wir bedauern den Irrtum.

Mit Dank an Hansi!

Die Olympischen Ehe-Ringe

Die Reporter der „Bild“-Zeitung haben am Rande der Olympischen Spiele in der Bilddatenbank von „Getty Images“ eine erstaunliche Entdeckung gemacht:

Bei einem Sport-Event in Nizhnekamsk (Tatarstan) hielt die Sportgymnastik-Olympiasiegerin (2 Mal Gold) am Wochenende stolz ihren Ehering in die Kameras. Putin trug gestern bei der Skilanglauf-Staffel der Herren auf der Ehrentribüne in Sotchi das gleiche Modell.​

Na sowas! Und wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass diese Dame laut „Bild“ seit fünf Jahren „die angebliche Geliebte von Russlands Präsident“ ist, stellt sich natürlich ruckzuck die Frage:Liebesgrüße aus Moskau - Hat Putin seine Olympia-Siegerin geheiratet?Das fragen sich — angestachelt von „Bild“ — inzwischen auch einige andere Medien. Der Grund für die Spekulationen ist ein ganz bestimmtes Foto, das „Bild“ als Beleg für die Theorie auch groß über dem Artikel abgedruckt hat:Bildunterschrift: "BLING! Wladimir Putin trägt in Sotchi Goldring" Kleiner Haken an der Geschichte: Das ist gar nicht Putins Ring. Das ist nicht mal seine Hand. Sie gehört dem Mann, der neben ihm sitzt. Putin selbst hat gar keinen Ring getragen.

Mit Dank an Philipp und **Kiki**

Nachtrag, 24. Februar: Bild.de hat das Foto gelöscht, den Rest des Artikels aber so gelassen.

Gina-Lisa macht „solche Sachen“ nicht

Wenn Sie sich nicht für Fußball interessieren, haben Sie’s gerade schwer genug. Wenn Sie sich nicht für das interessieren, was Fußballer außerhalb des Fußballplatzes so machen, wird’s jetzt richtig schlimm. Aber weil es Journalisten gibt, die sich genau dafür interessieren, müssen wir da jetzt gemeinsam durch:

Wenige Tage vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft kam es in einem Berliner Hotel zu einer nächtlichen Begegnung mit Folgen: Der deutsche Nationalspieler Jerome Boateng und die Boulevard-Prominente Gina-Lisa Lohfink trafen sich an der Hotelbar („Sie trinkt Champagner, er trinkt Wasser“) und suchten später mit einer dritten Person ein Hotelzimmer auf („Die TV-Blondine: ‚Wir haben uns nur unterhalten!'“).

Wenn Sie glauben, das sei die langweiligste Geschichte der Welt, haben Sie die Rechnung ohne die Boulevardpresse gemacht: Zufällig war auch ein Fotograf anwesend, grieselige Bilder erschienen in „Bild“. Und weil ein Nationalverteidiger, der zu spät ins Bett geht, ein Vorfall von nationaler Bedeutung ist, drehten die Medien an der Demarkationslinie von Boulevard und Sport über Tage frei.

Arthur Boka, Verteidiger beim VfB Stuttgart und Ex-Freund von Frau Lohfink, gab gegenüber der Münchner „tz“ zu Protokoll:

„Ich bin mir sicher, dass Jerome in eine Falle gelockt wurde! Gina-Lisa macht solche Sachen immer wieder, um in den Schlagzeilen zu bleiben.“

Medien wie Eurosport oder „Welt Kompakt“ (und damit auch welt.de und morgenpost.de) übernahmen die Informationen aus dem Boka-Interview gerne — und haben jetzt den Salat:

Gegendarstellung
Auf dem Online-Portal www.morgenpost.de wurde am 10.06.2012 unter der Überschrift „Jerome Boateng kämpft sich aus Frust aus der Luder-Falle“ ein Artikel öffentlich zugänglich gemacht, der unwahre Tatsachenbehauptungen enthält, die ich wie folgt richtig stelle:

Es wird behauptet:

„Inszenierung mit Gina-Lisa

Es war offenbar eine Inszenierung, in die Boateng hineingeraten war. …

„Jerome wurde in eine Falle gelockt

Arthur Boka, … einst mit Lohfink liiert, erkannte das Muster: ‚Ich bin mir sicher, dass Jerome in eine Falle gelockt wurde’, … und beschrieb die Inszenierung so: ‚Ich glaube, dass der Fotograf in das Hotel bestellt wurde. Dann wurden die Bilder verkauft, und Gina-Lisa hat Geld dafür bekommen’, sagt: ‚So bekommt sie Aufmerksamkeit und bleibt im Gespräch.“

„Boateng ist in die Falle getappt.“

Hierzu stelle ich fest:

Diese Behauptungen sind unwahr. Weder habe ich einen Fotografen in das Hotel bestellt, noch habe ich Geld für den Verkauf der Bilder bekommen. Es handelte sich daher auch nicht um eine Inszenierung. Ich habe Herrn Boateng daher auch nicht in eine Falle gelockt und ich mache „solche Sachen“ auch nicht immer wieder, um in den Schlagzeilen zu bleiben.

Köln, den 20.06.2012

für Gina-Lisa Lohfink

Heiko Klatt
Rechtsanwalt

Anmerkung der Redaktion: Frau Lohfink hat recht. Unser Artikel basierte auf Angaben ihres ehemaligen Lebensgefährten, der seine Aussagen mittlerweile zurückgezogen hat.

Tatsächlich ist der Originalartikel im Internetangebot der „tz“ inzwischen offline, auch die Artikel bei Eurosport und welt.de sind verschwunden.

Ironie der Geschichte: Frau Lohfink ist mal wieder in den Schlagzeilen.

Davon geht Morgenpost Online nicht unter

"Bio kann Morgenpost Online nicht retten"

Nein, da ist nicht Alfred Biolek auf seine alten Tage zu „Morgenpost Online“ gewechselt. Und „Morgenpost Online“ möchte sich auch nicht an dem lustigen Online-Spiel beteiligen, das wir vergangene Woche versehentlich gestartet haben.

Da hatten wir ja über zwei Schiffbrüchige berichtet, die „über Gott und Morgenpost Online“ geredet haben sollen. Schuld war offenbar die automatische Bearbeitung eines Textes von „Welt Online“. Da die Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“ und ihre Online-Ableger von der gleichen Redaktion gemacht werden, wird bei Artikelübernahmen im Internet die Selbstbezeichnung der „Welt“ durch „Morgenpost Online“ ersetzt — in diesem Fall eben an einer Stelle, an der es gar nicht um die Zeitung „Die Welt“ ging, sondern um die Welt als solche.

Daraus entwickelte sich auf Twitter ein Mem, bei dem die Nutzer in Redewendungen, Filmtiteln und anderen Formulierungen das Wort „Welt“ durch „Morgenpost Online“ ersetzten. „Morgenpost Online“ vermerkte den Fehler und seine Korrektur in ihrer Rubrik „Leider falsch — wir korrigieren“.

Doch „Morgenpost Online“ tat noch mehr: Offenbar durchforstet die Redaktion seit dem Vorfall ihr eigenes Archiv auf der Suche nach weiteren Fehlern dieser Art.

Der oben abgebildete Artikel jedenfalls sah fast vier Jahre lang so aus, bis er irgendwann nach unserem Eintrag überarbeitet wurde. Heute heißt er „Bio kann die Welt nicht retten“.

Über den Playboy Rolf Eden wusste „Morgenpost Online“ zu berichten:

Morgenpost Online des Playboys Rolf Eden bleibt blond

Und diese zauberhafte Verwechslung war nicht auf ein allein stehendes „die Welt“ beschränkt:

Das Milliarden-Volk der Chinesen zischt immer mehr Bier. Das lässt Morgenpost Onlineweite Produktion kräftig steigen.

Wie Morgenpost Onlinepresse urteilt.

Die Importe erhöhten sich sogar um 14 Prozent auf 919 Milliarden Euro. "Morgenpost Onlinekonjunktur wird sich insgesamt abschwächen."

Morgenpost Onlineuntergangsstimmung, die in Bezug auf China und die Menschenrechte vor Olympia aufkommt, mag sie trotzdem nicht teilen.

Außerdem findet Google mindestens drei Fälle, in denen es um „Morgenpost Onlineranglisten“ geht.

Nach der großen Aufräumaktion ist Morgenpost Online jetzt aber offenbar wieder in Ordnung.

PS: Dass man es bei Axel Springer offenbar für normal und journalistisch zulässig hält, die Quellen von Texten umzudeklarieren, solange beim Suchen und Ersetzen der entsprechenden Angaben keine Fehler passieren, ist natürlich noch einmal ein anderes Thema.

Mit großem Dank an Pascal K.!

Eine Meldung aus einer anderen Morgenpost

Die Springer-Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“ und ihre jeweiligen Online-Ableger werden von der gleichen Redaktion betreut. Bei Artikelübernahmen wird einfach, wo nötig, im Artikel die Nennung der „Welt“ durch die der „Morgenpost“ ersetzt.

Das passiert offenbar automatisch und kann durchaus interessante Folgen haben, wie der „Welt Online“-Artikel über einen texanischen Fischer, der mit seinem Freund Schiffbruch erlitten hatte, im „Morgenpost Online“-Remix beweist:

Den restlichen Tag und die halbe Nacht strampelten sie um ihr Leben und redeten über Gott und Morgenpost Online, um sich abzulenken. Als schließlich absehbar war, dass sein Freund nicht länger durchhalten würde, schwamm der ebenfalls stark geschwächte Henderson dann alleine weiter.

Mit Dank an Jörg L.

Nachtrag, 15.40 Uhr: Während „Morgenpost Online“ den Fehler inzwischen korrigiert hat, weisen uns mehrere Leser darauf hin, dass der Vorspann des Artikels bei beiden Medien falsch ist: Dort heißt es, Ed Coen habe den Schiffbruch überlebt. Wie aus dem Artikel hervorgeht, ist Ed Coen derjenige der zwei Fischer, der ertrunken ist. Überlebt hat sein Freund und Kollege Ken Henderson.

Mit Dank an Falk Z., Sabine E. und Jonas M.

2. Nachtrag, 19.03 Uhr: Beide Medien haben den Fehler im Vorspann transparent korrigiert.

Mark Zuckerberg „privat“ (2)

Stellen wir uns für einen Moment vor, junge Menschen würden durch irgendeinen Zufall in den Besitz von Privatfotos eines Mitschülers kommen und diese Bilder, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, für jeden sichtbar ins Internet stellen. Eltern wären empört, Lehrer schockiert und Journalisten würden auf die zunehmende Verrohung unter Jugendlichen verweisen und – nicht zu Unrecht – von „Cybermobbing“ sprechen.

Wenn Journalisten durch irgendeinen Zufall in den Besitz von Privatfotos eines Prominenten kommen, erscheint es ihnen völlig naheliegend, diese Bilder, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, für jeden sichtbar ins Internet stellen oder in einer Zeitung abzudrucken.

Nun hat es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erwischt und der Zufall war eine Sicherheitslücke auf seiner eigenen Internetplattform. Vielleicht ist es Ironie, vielleicht hätte es aber auch jeder andere Prominente sein können — Fakt ist: Medien im In- und Ausland zeigen diese Bilder.

Dass Bild.de – wie gerade berichtet – die Bilder zeigt, hat uns ehrlich gesagt kaum überrascht. Immerhin nutzt „Bild“ auch gerne schon mal geklaute Nacktfotos von Prominenten, um einen Artikel zu bebildern, der die Verurteilung der Fotodiebe zum Inhalt hat (BILDblog berichtete). Doch auch andere Medien bedienen sich bei Zuckerbergs Privatfotos — oder dem, was sie dafür halten.

„Spiegel Online“ etwa zeigt stolz diese Trophäe:

Dass die Welt einen so nicht gewollten Einblick in das Privatleben des Vorstandsvorsitzenden von Facebook erhält, liegt an einem Programmierungsfehler bei dem Online-Netzwerk selbst. Demnach war es kurze Zeit möglich, mit einem Trick fremde Bilder runterzuladen.

Doch das Foto hatte Zuckerberg selbst im März auf dem Facebook-Profil seines Hundes Beast veröffentlicht. (Wobei es etliche Journalisten vermutlich auch für realistisch hielten, dass der Hund das Bild selbst hochgeladen hat.)

„RP Online“ hat sich für diesen Aufmacher entschieden:

Private Fotos im Internet aufgetaucht: Facebook-Panne trifft Mark Zuckerberg

Auch dieses Foto steht seit März für jeden sichtbar auf Beasts Facebook-Profil.

Die „Berliner Morgenpost“ hat einen dpa-Artikel zum Thema um diesen Absatz ergänzt:

Für Mark Zuckerberg war es da schon zu spät. Einige der 800 Millionen Facebook-Mitglieder nahmen sich Zuckerbergs Profil vor. Und veröffentlichten die Funde im Netz. Zu sehen ist: Zuckerberg mit Freundin Priscilla Chan in der Küche, Zuckerberg mit Hund, Zuckerberg mit Kindern an Halloween, beim Zubereiten von Sushi, beim Empfang mit US-Präsident Barack Obama – und mit einem anscheinend toten, noch ungerupften Huhn, das der Facebook-Chef kopfüber an den Beinen Richtung Kamera hält.

morgenpost.de hat etliche Links auf die Seite gesetzt, auf denen die „gefundenen“ Zuckerberg-Fotos der Welt präsentiert wurde. Bei Hund, Halloween oder Obama hätten die Redakteure aber auch einfach auf Facebook verlinken können.

Die BBC zeigt nur neue Bilder, die tatsächlich aus privaten Alben von Mark Zuckerberg stammen — und sie hat dafür sogar um Erlaubnis gefragt:

Die BBC hat Facebook um Erlaubnis gebeten, bevor sie die Fotos von Herrn Zuckerberg veröffentlicht hat. Die Firma sagte, dass sie keine Urheberrechtsverletzungen verfolgen würde, da die Bilder jetzt gemeinfrei seien.

(Übersetzung von uns.)

Über den deutschen Onlinejournalismus lehrt diese Geschichte zwei Dinge, die beide auf ihre Weise beunruhigend sind: Erstens sind Journalisten bereit, für eine knallige Story auf alle Persönlichkeits- und Urheberrechte zu pfeifen. Und zweitens ist es offenbar naiv anzunehmen, dass Menschen, die im Internet über das Internet schreiben, das Internet auch irgendwie bedienen können.

Jay Khan’s doch noch

Beliebtheit wird offenbar seit einiger Zeit in der neuen Einheit „Fans bei Facebook“ gemessen. Dementsprechend schlug das, was die Landau Media AG heute zu berichten hatte, ein wie eine Bombe:

Dschungel-Stars auf Facebook: Jay Khan verliert Online-Fangemeinde

Die öffentlich zur Schau gestellte Dschungelcamp-Affäre von Tariq Jay Khan mit Indira Weis hat der Popularität beider Sternchen im sozialen Netzwerk Facebook geschadet. Die Zahl der Jay Khan Fans stürzte von fast 7.300 auf 600 ab. Indira Weis belegt mit 2.905 Fans den undankbaren vierten Platz. (…) Selbst der mit dem Silbermedaillengewinn belohnte Thomas Rupprath erreicht nur rund 1.100 Fans (…)

Zahlreiche Online-Medien verbreiteten die Horrornachricht vom plötzlichen Facebook-Gesichtsverlust von Jay Khan munter weiter, darunter Bild.de (inzwischen gelöscht), taz.de, die Onlineauftritte von „Berliner Morgenpost“ und „Augsburger Allgemeine“, Welt.de und viele andere.

Abgesehen davon, dass Thomas Rupprath nur Dritter wurde und deshalb wohl eher als „Bronzemedaillengewinner“ bezeichnet werden darf, hat die Landau Media AG — laut eigener Auskunft einer der führenden Anbieter im Bereich Medienbeobachtung und Medienresonanz-Analysen in Deutschland — jedoch auch einen richtig groben Fehler begangen: Statt die Anzahl der Fans der offiziellen Facebook-Seite von Jay Khan an zwei verschiedenen Zeitpunkten zu messen, hat Landau Media die 7.300 Fans (Stand: 28. Januar) der offiziellen Seite mit den 617 Fans einer völlig anderen, inoffiziellen Jay-Khan-Fan-Seite (womöglich diese hier) verglichen.

Die offizielle Facebook-Seite des Sängers hat in Wirklichkeit überhaupt keine Verluste hinnehmen müssen. Im Gegenteil: Dank des Medienrummels von heute konnte Jay Khan die Zahl seiner Facebook-Anhänger sogar noch einmal kräftig erhöhen (Stand: 17.46 Uhr):

8076 Personen gefällt das

Immerhin express.de und mopo.de waren clever genug, selbst nachzuschauen. Sie schrieben beide:

Wir haben nachgeschaut und zwei Fanseiten von Jay Khan gefunden. Auf seiner offiziellen Seite hat er noch 7664 Fans. (Stand 2. Februar 2011, 12 Uhr).

Mit Dank an Rene W., Diana B., Kieler, Timo H., Anne, Moritz N. und Björn Sch.

Nachtrag, 22.40 Uhr: Die „Augsburger Allgemeine“ hat sich Bild.de inzwischen angeschlossen und den Artikel über Jay Khans Facebook-Verluste ohne Erklärung gelöscht.

2. Nachtrag, 4. Februar: Morgenpost.de und Welt.de haben den ursprünglichen Artikel jeweils durch einen neuen mit dem Titel „Jay Khan hat mehr Facebook-Anhänger als gedacht“ ersetzt, in dem der Fehler transparent erklärt ist. Auf Welt.de findet sich trotzdem noch eine falsche Version, die wohl automatisch aus der Printausgabe übernommen wurde.

3. Nachtrag, 4. Februar: Landau Media verteidigt sich in einer Fußnote folgendermaßen:

Die Fanpage-Seite von Tariq Jay Khan wurde zum Punkt der Auswertung offline gesetzt (28.01.2011) und erst am 01.02.2011 wieder online gestellt.

Das erklärt trotzdem nicht, warum Landau Media einfach ohne Hinweis einen Vergleich mit einer anderen Fan-Page durchgeführt hat.

4. Nachtrag, 4. Februar: Landau Media spricht in einem neuen Update, das dennoch mit dem Datum von gestern versehen ist, inzwischen von einer „Achterbahnfahrt für Jay Khan“. Dass Landau Media selbst Jay Khan durch einen Vergleich zweier verschiedener Fanseiten ohne Hinweis und die mitgelieferte, äußerst subjektive Begründung auf die „Achterbahnfahrt“ geschickt hat, scheint aber immer noch nicht angekommen zu sein.

Fußballer (Abbildung ähnlich) hat was gesagt

Um noch eine neue Meldung über den „Knöchel der Nation“ bringen zu können, hat die Onlineausgabe der „Berliner Morgenpost“ dem früheren ghanaischen Nationalspieler Anthony Yeboah ein Statement abgerungen. Das an sich ist ja nicht schlimm — es ist ja vielmehr interessant, wie man im Lande des deutschen Vorrundengegners über das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack denkt.

Nur ein bisschen mehr Mühe hätte sich morgenpost.de dann doch geben können:

BALLACKS AUS: Yaboah nimmt Boateng nach Foul in Schutz

In der Überschrift heißt Yeboah plötzlich „Yaboah“, im Vorspann ist von „Kevin-Pince Boateng“ die Rede statt von „Kevin-Prince“ und bebildert ist der Artikel über Anthony Yeboah

Anthony Yeboah betreibt heute zwei Hotels in Ghana

… mit einem Foto von Anthony Baffoe. Aber der hat immerhin auch mal für Ghana gespielt.

Mit Dank an Jan K. und unsere Twitter-Follower!

Nachtrag, 16.44 Uhr: morgenpost.de hat die hier bemängelten Schreibfehler korrigiert und ein Foto des echten Anthony Yeboah gefunden.

Bis sich die Balken färben

Es ist weder inhaltlich noch optisch erfreulich, das Balkendiagramm, das das Bundesinnenministerium gestern über die Entwicklung politisch motivierter Kriminalität bis zum Jahr 2009 veröffentlicht hat:

Grafik über die politisch motivierte Kriminalität zwischen 2001 und 2009

Zumindest aus ästhetischer Sicht ist es daher zu begrüßen, dass die „Berliner Morgenpost“ selbst noch einmal graphisch aktiv geworden ist. Herausgekommen ist nicht ein Diagramm, nicht zwei, sondern gleich derer drei.

Sie befinden sich bei Morgenpost.de hintereinander in einer Bildergalerie, zum besseren Vergleich haben wir sie mal in in eine Animation gepackt:

Versuche von Morgenpost.de, eine Grafik über die politisch motivierte Kriminalität zwischen 2001 und 2009 zu erstellen

Welche Grafik jetzt stimmt (und welche Bildunterschrift zur richtigen Grafik passt), das muss der Leser selbst herausfinden.

Die richtige Antwort lautet: Bild 2.

(Zeile markieren, um die Lösung zu sehen.)

Mit Dank an Michael M.

Blättern: 1 2