Archiv für Moralisches

Wo kommen nur diese ganzen bösen Spiele her?

„Was ist eigentlich ein Killerspiel?“

…fragte Bild.de kürzlich und antwortete:

Der Begriff tauchte wohl zum ersten Mal 1993 in einem Blog zum Thema Paintball auf. Damit waren noch reale Ballerspiele – Menschen beschießen sich mit Farbkugeln – und noch nicht die virtuellen Ableger (…) gemeint. Erst nach dem Schulmassaker von Littleton an der Columbine High School am 20. April 1999 und nach dem Amoklauf von Erfurt am 26. April 2002 (…) wurde der Begriff Killerspiel in der öffentlichen Wahrnehmung auf Computerspiele gemünzt.

In der von Bild.de verlinkten Quelle aus dem Jahr 1993 heißt es indes:

„Man verstehe mich hier bitte nicht falsch — Ich halte auch die allseits bekannten Killerspiele am Computer fuer verwerflich (…)“

Seit Tagen arbeiten sich „Bild“ und Bild.de an „Killerspielen“ ab.

Vorgestern gab Bild.de Tipps, wie man Kinder und Jugendliche von Spielen fern hält, für die sie noch zu jung sind.

In dem Artikel findet sich auch folgende Passage:

Bei dem PC-Game "Grand Theft Auto", von dem bereits die vierte Folge erschienen ist, gehört auch Amoklaufen zum Spiel. Der schärfste Kritiker von Gewalt-Games, der Kriminologe Christian Pfeiffer, erklärte in einem Interview mit COMPUTER BILD SPIELE: "Bei Grand Theft Auto 4 ist ein Amoklauf möglich. Da kriegt man nicht viele Punkte, aber es wird ein bisschen Geld fallen gelassen, wenn Passanten abgeschossen werden. Und dieses Spiel ermöglicht diesen Amoklauf-Modus. Warum ist das möglich?"

Nun könnte man Pfeiffers Frage natürlich „philosophisch“ nennen. Aber weil Bild.de gestern über die Warenhauskette Galeria Kaufhof berichtete, die zukünftig keine Spiele ohne Jugendfreigabe mehr verkaufen will („Damit reagiert zum ersten Mal ein Endverkäufer auf die öffentliche Debatte um Killerspiele“), böte sich auch eine schlichte Antwort an: Weil es einen Markt gibt. Mit Käufern und Verkäufern.

Und zu diesen Verkäufern gehört beispielsweise …

Bild.de Download-Spiele: Grand Theft Auto 4

… das Download-Portal von Bild.de.

Mit Dank an Christian S.!

Die Amok-Opfer der „Bild am Sonntag“

Aus einem Internetforum:

Mein geschäft ist genau neben dem Geschäft von Herr K        , was meinst du wie viele Reporter zu mir kommen und mich belagerten und fragen gestellt haben. Am Samstag war es so gar so das die Bild am Sonntag für ein Bild von Herr K         mir 1500 € geboten und wenn die ganze Familie drauf sein sollte würde er sagar 4500 € zahlen, das meinte ich damit !!! Ich bekomm da ein hass !

Wir haben diese Behauptung sorgfältigst nicht überprüft. Wir können nicht sagen, ob sie stimmt. Unwahrscheinlich ist es nicht.

In der heutigen Ausgabe der „Bild am Sontag“ findet sich kein Foto von Herrn K., dem Vater des Attentäters von Winnenden, sondern nur ein Foto, mit dem Tim K. sich für die kaufmännische Privatschule bewarb, ein Foto, das seine zugedeckte Leiche auf dem Parkplatz zeigt, ein Foto von ihm als Zweijähriger („ein unschuldiges Lächeln“), ein Foto von Tim K. mit seiner Großmutter („Der Amokläufer liebte ihre handgeriebenen Spätzle“), ein Foto vom Haus seiner Familie, ein Foto von ihrem Türschild und ein Foto, das angeblich den Teich im Garten zeigt („Vater […] und Sohn Tim waren leidenschaftliche Sammler von Koi-Karpfen“).

Die „Bild am Sonntag“ hat sich zudem entschieden, ihre Anteilnahme mit den Todesopfern dadurch auszudrücken, dass sie alle, von denen sie Fotos auftreiben konnte, und das sind 14 von 15, auf der Titelseite groß herausbringt:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Auf fünf Seiten im Inneren zeigt sie noch einmal Fotos und erzählt Details aus dem Leben von jedem einzelnen der meist jungen Mädchen.

„Witwenschütteln“ nennt man in der Branche die übliche Recherchemethode für solche Geschichten. Besonders groß scheint die Bereitschaft vieler Angehöriger und Freunde, der „Bild am Sonntag“ den Stoff zu liefern, allerdings nicht gewesen zu sein. Einige der Artikel sind offenkundig mühsam aus dem zusammengestrickt, was die Internetseiten der Opfer zum Beispiel über ihre Hobbys verrieten. In den sozialen Netzwerken wie Kwick hat sich „Bild am Sonntag“ auch bedient, um Fotos der Opfer zu bekommen.

Und über eines der getötetes Mädchen schreibt die „Bild am Sonntag“:

[…] hatte an die Haustür des Mehrfamilienhauses in […] einen Zettel geklebt, auf dem sie sich bei den Nachbarn entschuldigte, sollte die Party lauter werden. Unter den Gästen: bestimmt auch ihre beste Freundin, mit der sie oft zu Hip-Hop-Musik auf der Straße tanzte. Sie stellte ein Foto von […] am Ort des Schreckens auf. „Abf 4 ever“ steht darauf — „Allerbeste Freunde für immer“. Es zeigt die beiden Mädchen in inniger Umarmung.

Auf dem Foto, das die „Bild am Sonntag“ von dem Opfer zeigt, ist nur ihr Kopf zu sehen. Aber man kann noch erkennen: Es zeigt sie in inniger Umarmung mit einem anderen Mädchen. Auf dem Fotopapier scheinen Regentropfen zu liegen. Es ist leicht zu erraten, wie die „Bild am Sonntag“ wohl an dieses Foto gekommen ist.

Mit Dank an Andreas S.!

„Unfassbar“: Anwalt verteidigt Angeklagten

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein so genannter Rechtsstaat. Das bedeutet unter anderem, dass nicht Polizei oder Staatsanwaltschaft über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen entscheiden (und schon gar nicht eine Boulevardzeitung), sondern ein Gericht. Und es bedeutet, dass jemand, der einer Straftat angeklagt ist, sich verteidigen darf. Kurzum: Egal, was jemand getan haben mag, er genießt so genannte Rechte.

„Bild“, die meistgelesene Zeitung in der Bundesrepublik Deutschland, nennt solche Rechte gerne „Tricks“. Das war vor kurzem so, als bekannt wurde, dass ein „U-Bahn-Schläger“ seine langjährige Freundin und Mutter seines Kindes heiraten wollte – „um die drohende Abschiebung zu verhindern?“, wie „Bild“ suggestiv fragte (BILDblog berichtete).

"Anwalt fordert Freispruch für den Brücken-Teufel!"Und auch im Falle des Mannes, der nachts einen Holzklotz von einer Brücke auf die A 29 geworfen und dabei eine Frau getötet haben soll („Bild“ nennt ihn schlicht den „Brücken-Teufel“), kann sich „Bild“ so gar nicht mit der Rechtsordnung anfreunden:

Am 4. November beginnt der Prozess gegen Brücken-Teufel Nikolai H. (30). Unfassbar: Sein Anwalt will Freispruch fordern!

Und so „unfassbar“ das auch für die Angehörigen der Getöteten, den juristischen Laien und die „Bild“-Autoren Maike Klebl und Sebastian Rösener sein mag: Es ist sein gutes Recht.

Zwar hatte Nikolai H. die Tat „zunächst“ gestanden, wie „Bild“ schreibt. Aber – und das schreibt „Bild“ nicht – er hat sein Geständnis inzwischen widerrufen. Sein Anwalt Matthias B. Koch sagt, Nikolai H. sei unschuldig und erklärte der „Nordwest-Zeitung“ („NWZ“) gegenüber, seine Verteidigungsstrategie: Das Geständnis sei mit „Foltermethoden“ erlangt worden, weil man dem drogenabhängigen Nikolai H. bei der Vernehmung gesagt habe, er bekomme erst die Droge, wenn er gestehe. Zudem stamme die Tatwaffe, also der Holzklotz, nicht aus dem Garten des Angeklagten und jeder habe ihn sich nehmen können. Und außerdem könne man ohnehin keinen Tötungsvorsatz annehmen, weil man „bei Dunkelheit, der Höhe der Brücke und der Geschwindigkeit der Fahrzeuge gar kein Auto bewusst treffen könne“, wie die „NWZ“ den Anwalt wiedergibt.

Für „Bild“ ist die juristische Argumentation des Anwalts indes schlicht:

"Der Folter-Trick", "Der Holzklotz-Trick", "Der Paragrafen-Trick"

Und ein weiteres Detail des Artikels in der „NWZ“ unterschlägt „Bild“:

Der Anwalt hat das Leben seines Mandanten recherchiert und will fündig geworden sein. 1998 habe [Nikolai H.] gestanden, den Verkehrstod von zwei Landsleuten verursacht zu haben. Später habe sich herausgestellt, dass [H.] nichts damit zu tun gehabt habe. Auch vor diesem Hintergrund müsse das „Holzklotz-Geständnis“ anders bewertet werden.

Und mit all diesen „Tricks“ und „Winkelzügen“ wird sich das Gericht, wenn es ab November den Fall verhandelt, sicher auseinandersetzen. Das ist nun mal eines der wesentlichen Prinzipien in unserem Rechtsstaat: Die Staatsanwaltschaft klagt an, der Angeklagte verteidigt sich, und das Gericht fällt darauf basierend ein Urteil.

Wie „unfassbar“ es wäre, wenn man sich das alles sparen würde, wird deutlich, wenn man sieht, dass RTL.de offenbar (auf Grundlage der „Bild“-Meldung) das Urteil über den dringend Tatverdächtigen schon gefällt hat:

"Es wäre ein Schlag ins Gesicht der Hinterbliebenen. Der Anwalt des dringend tatverdächtigen

Mit Dank an Marcel G. für den sachdienlichen Hinweis.

„Bild“ macht Geschäfte mit und ohne Gina Wild

Als „Bild“-Köln vor knapp drei Wochen über eine „Porno-Attacke“ auf Michaela Schaffrath berichtete, weil skrupellose Menschen „alte Sex-Filme“, die sie als Gina Wild gedreht hatte, „ohne Einverständnis“ bewerben, da war das natürlich ein bisschen unbefriedigend. Denn „Bild“ zeigte zwar die umstrittene Werbung („in Zeitungen und bei RTL.2“), hatte aber die Nummer, unter der man sich für 4,99 Euro alte Filme ohne das Einverständnis der Schauspielerin auf das Handy laden kann, weggeschnitten.

Zum Glück findet sich die komplette Anzeige, um die es ging, in „Bild“. Im Anzeigenteil.

Nur der Titel des Hauptangebotes war von „Gina Wild Film: Durchgef***t!“ in „Gina Wild Film: Ich will kommen!“ geändert worden. Die akzeptieren ja nicht jede Werbung bei „Bild“.

Mit Dank an Ulrike!

Bild.de verlinkt Neonazi

"Wie doof sind die denn? ARD zeigt falsche deutsche Fahne"Peinlich, was der ARD da am Samstag in den „Tagesthemen“ passiert ist. Sehr peinlich sogar: Sie blendete eine falsche Deutschlandfahne ein, die statt schwarz-rot-gold, rot-schwarz-gold war. In „Bild“ ist dieser „Fahnen-Flop“ heute Titelschlagzeile (siehe Ausriss).

Bild.de berichtet schon seit gestern in einem kurzen Text darüber. Und weil „die entsprechende Passage“ aus der ARD-Mediathek „bereits verschwunden“ sei, verlinkte Bild.de auf ein YouTube-Video:

Das verlinkte Video wurde von einem Benutzer bei YouTube eingestellt, der sich den Namen „Volkwarth“ gegeben hat. Es ist nicht sein einziges Video.

In „Volkwarths“ Profil finden sich neben den deutschen Spielfilmen „Friedrich Schiller – Der Triumph eines Genies“ (1940) oder „Bismarck“ (1940) beispielsweise auch Mitschnitte von TV-Dokumentationen zum Thema Ausländerkriminalität. Zudem gibt es Videos von NPD-Kundgebungen und -Reden. Martin Walsers umstrittene Rede in der Paulskirche ist dort zu finden und ein „Privatgespräch Hitler Mannerheim“. Zudem zeigen diverse Videos Mitschnitte von Fernsehsendungen, deren Thema auf die ein oder andere Art der „jüdische Einfluß“ auf Politik und Gesellschaft ist: „Jüdischer Einfluß – Die Israel-Lobby“, „Senta Bergers Erlebnisse im jüdischen Hollywood“, „Holocaust Konferenz und jüdischer Einfluß / demaskieren“

Kurz gesagt: „Volkwarths“ YouTube-Videos beschäftigen sich primär mit Ausländerkriminalität, der NPD und den Juden. Diese Themenauswahl sollte einen vielleicht zweimal nachdenken lassen, ob es sinnvoll ist, dorthin zu verlinken – insbesondere, wenn man, wie Bild.de, täglich mehrere Millionen Leser hat.

Nichts mehr zu überlegen gibt es, wenn man sich einige Kommentare durchliest, die „Volkwarth“ unter seinen Videos abgegeben hat:

Nachdem also ausgerechnet ein Internet-Angebot der Axel Springer AG zu einem YouTube-Nutzer mit offensichtlich rechtsradikalen und antisemitischen Ansichten verlinkt, wollten wir von der „Bild“-Pressestelle wissen, ob das Absicht war, und ob auf Bild.de verlinkte Seiten vorab redaktionell überprüft werden. Bisher haben wir zwar noch keine Antwort erhalten, aber der Link, der seit gestern Nachmittag online war, wurde kurz nach unserer Anfrage aus dem Artikel entfernt.

Mit Dank an Frank T. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 15.29 Uhr: Auch „Spiegel Online“ verlinkt das YouTube-Video von „Volkwarth“. Allerdings direkt auf der eigenen Seite eingebunden. Ebenso wie Netzeitung.de.

Nachtrag, 15.50 Uhr: Die „Bild“-Pressestelle hat sich mittlerweile für den „Hinweis“ bedankt, unsere Fragen jedoch unbeantwortet gelassen.

Nachtrag, 22.42 Uhr: „Spiegel Online“ und Netzeitung.de haben den Link zum Video inzwischen geändert.

Ver.di war schuld

„Solchermaßen webten und webten wir vor uns hin, als ich aufschrak
bei einem so seltsamen Ton, so langgezogen und wild harmonisch
und übernatürlich, dass mir das Knäuel des freien Willens aus der
Hand fiel und ich dastand und nach den Wolken aufstarrte, aus
welchen jene Stimme herabsank wie eine Flügelschwinge.“
(Herman Melville: „Moby Dick“, Kapitel XLVII)

Polizeiprosa

„Eine 14-jährige Radfahrerin ist heute in Tempelhof vom Anhänger eines LKW erfasst und tödlich verletzt worden.
Nach den bisherigen Erkenntnissen befuhr die Jugendliche mit ihrem Fahrrad gegen 13 Uhr 10 den Tempelhofer Damm in Richtung Mariendorf. Aus bisher noch ungeklärter Ursache geriet sie kurz hinter der Kreuzung Ecke Alt-Tempelhof unter den Anhänger eines 38-jährigen LKW-Fahrers. (…)“

Kein Scherz: Wenn plötzlich etwas unabänderlich Schreckliches passiert, wenn also beispielsweise das eigene Kind bei einem Autounfall stirbt, sucht das Gehirn nach Gründen. Oder nach Möglichkeiten, wie das Geschehene nur hätte ungeschehen bleiben können. Und wenn wir unseren Frieden nicht in Vorsehung und Gottes Willen finden wollen, stellen wir fest: Das Leben ist eine Kette von Ereignissen in einem unentwirrbaren Netz anderer Ereignisketten, kurzum: ein deterministisches Chaos, das irgendwann im Urknall oder Urschleim seinen Anfang nahm.

„Bild“ macht es sich leichter – und aus den nüchternen Worten einer Polizeimeldung (siehe Kasten), dem Unfallzeitpunkt und der Verzweiflung einer Mutter schnell mal ein Politikum:

"Tod durch BVG-Streik"

Mit Dank an Ekkart K. für die Anregung.

„Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat“

Wir sind ja einiges gewohnt. Von „Bild“. Aber manchmal ist ihre Ekelhaftigkeit dann doch schockierend. Heute ist wieder so ein Tag.

Denn ja: Viele, vielleicht zu viele Menschen (insbesondere, wenn sie eine gewisse Prominenz erreicht haben) breiten ihr Privatleben gern in der Öffentlichkeit aus. Dann erzählen sie in Talkshows, Boulevard-Magazinen und -Zeitungen freimütig über ihr Leben, ihre Gefühle, Schicksalsschläge.

Andere tun das nicht.

Lippenbekenntnisse

  • „Grundsätzlich ist das Privatleben tabu. Das gilt aber nicht für diejenigen, die mit ihrem Privatleben das Licht der Öffentlichkeit suchen.“
    (Diekmann in der „Weltwoche“)
  • „Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. (…) Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.“
    (Diekmann in der „FAZ“)
  • „Wer Privates schützen will, kann das in der Regel auch.“
    (Döpfner im „Spiegel“)

Dazu, dass letztere von der „Bild“-Zeitung nicht in die Öffentlichkeit gezerrt würden, gibt es unmissverständliche Aussagen — vom „Bild“-Chef Kai Diekmann ebenso wie von Diekmanns Chef Mathias Döpfner, dem Vorsitzenden der Axel Springer AG (siehe Kasten). Sie haben, wie die heutige „Bild“-Ausgabe wieder eindrücklich zeigt, keine Bedeutung.

Denn „Bild“ berichtet heute bereits auf der Titelseite über das „traurige Geheimnis“ der „schönen Co-Pilotin Nachrichtensprecherin“ Judith Rakers – und hat dafür sogar einen Kausalzusammenhang entdeckt. Lesen Sie selbst:

Ab heute ist sie Miss Tagesschau: Die schöne Judith Rakers (32) führt um 20 Uhr zum ersten Mal durch die Hauptnachrichten-Sendung der ARD. Ihr charmantes Lächeln wird Deutschland verzaubern. Dabei hat sie selbst ein so trauriges Geheimnis.
(Hervorhebung von uns.)

Der fast sechs Jahre alte [!] Schicksalsschlag, den „Bild“ anschließend (unter Berufung auf den Bruder eines Ex-Freundes und einen „Freund“) ausbreitet und mit einem Privatfoto illustriert, hat nichts mit Rakers‘ Beruf zu tun, nichts mit ihrem öffentlichen Auftreten. Wir möchten uns nicht ausmalen, wie es sich anfühlt, wenn man wie Rakers – zumal heute, an einem der wichtigsten Tage in ihrer bisherigen beruflichen Karriere – mit den sensationsheischenden, heuchlerischen Schlagzeilen konfrontiert sieht. Dabei hat sich Rakers in der Vergangenheit weder selbst über ihr Privatleben geäußert*, noch wäre bekannt, dass sie sich sonst irgendetwas hätte zuschulden kommen lassen, wodurch sich – selbst in der abstrusen Fahrstuhllogik der „Bild“-Zeitung – die Berichterstattung rechtfertigen ließe.

Der Eingriff in Rakers Privatleben ist kalkuliert. Insgesamt fünf Autorennamen stehen über dem „Bild“-Artikel: Dennis Brosda, Miriam Krekel, Jupp Ley, Bettina Lüke und Markus Brekenkamp. Und was haben die Fünf in den vergangenen Tagen gemacht? Wer hat den Bruder des Ex-Freundes ausgehorcht? Wer den „Freund“? Wer hat das Privatfoto beschafft? Wer in vergilbten Ausgaben des „Westfälischen Volksblatts“ nach Todesanzeigen gesucht? Wer hat versucht, Rakers zu erpressen davon zu überzeugen, dass es bestimmt besser für sie wäre, wenn sie mit „Bild“ kooperiert? Und wo steht der Spind, in dem sie ihren Anstand weggeschlossen haben?

Der „Bild“-Artikel endet mit dem Satz:

Der Schmerz sitzt immer noch tief. In BILD wollte Judith Rakers über                                             nicht sprechen.

 
*) Nachtrag, 17.30 Uhr (mit Dank an Gregor G.): In einem Interview mit der „Neuen Westfälischen“, bei der Rakers journalistische Karriere begann, beantwortet sie zwar auch Fragen zu ihrer Familie („Meine Mutter hat Pferde…“) und ihrem Alltag („Ich dusche morgens, wasche mir die Haare…“). Aber auf die Frage „Spüren Sie langsam die Schattenseiten, wenn man prominenter wird?“ antwortet sie noch entspannt, aber entschieden: „Das gehört wohl dazu. Konsequenz könnte sein, dass ich einfach mit niemandem länger rede als sieben Minuten (schmunzelt). Nein im Ernst: Hamburg ist eine Medienstadt, da muss man aufpassen. Vermutlich ist das Interesse an meinem Privatleben auch deshalb da, weil ich dazu partout nichts sage. Privat ist Privat.“

Germany’s Next Toplessmodel (4)

„Für die ‚Bild‘-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr
im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr
im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss
jeder für sich selbst treffen.“
(Springer-Chef Mathias Döpfner im „Spiegel“ 25/2006)

Sparen wir uns heute mal die Vorgeschichte und zitieren, was (und wie) man bei „Bild“ inzwischen über die „Gemany’s Next Topmodel“-Kandidatin Aline berichtet:

"Egal, ob sie wegen ihrer harmlosen Nackedei-Fotos aus Heidi Klums Pro-7-Show fliegen wird oder nicht (BILD berichtete): Aline [ist] auf dem besten Weg, ein neues deutsches Top-Model zu werden!"

Erstaunlich, wie da ein Titelschlagzeilen- und Titelseiten-tauglicher „Nackt-Skandal“ („Bild“) und die „eindeutigen Sex-Posen“ („Bild“) plötzlich zu „harmlosen Nackedei-Fotos“ werden, nicht wahr? (Erstaunlich auch, dass sich das offensichtliche Zurückrudern mit den Worten „BILD berichtete“ zusammenfassen lässt.) Aber erfahrungsgemäß richtet sich die Art der Berichterstattung in „Bild“ gern danach, wie willfährig sich das Opfer Objekt der Berichterstattung zeigt.

Und wenn es stimmt, was wir erfahren haben und sich Aline nach der fehlerhaften, irreführenden und überflüssigen Berichterstattung über ihre „harmlosen Nackedei-Fotos“ tatsächlich mit ihrem Anwalt entschieden hat, nicht gegen „Bild“ vorzugehen, sondern mit „Bild“ zu kooperieren, ist das bestimmt total klug von ihr. Denn, so Aline (20): „Als Model ist es doch mit 25 Jahren vorbei.“

Und Top-Model „Nackt-Model“ Micaela Schäfer z.B., mit der „Bild“ jahrelang Aufzug fuhr, wird schließlich auch nicht jünger.

Germany’s Next Toplessmodel (3)

„Bild“ zeigte ja gestern großflächig einige Fotos aus einer älteren „Penthouse“-Ausgabe, weil darauf Aline, aktuell Kandidatin der ProSieben-Castingshow „Germany’s Next Topmodel“, zu sehen ist, und dichtete ihr einen „Nackt-Skandal“ an (wir berichteten), den viele Medien seit gestern begierig weiterverbreiten.

Weil aber „Bild“ heute noch einmal nachlegt, müssen wohl auch wir.

Schließlich behauptet „Bild“ heute bereits auf der Titelseite, es seien „nach den ‚Penthouse‘-Bildern jetzt auch Sex-Fotos aufgetaucht“. Aufgetaucht ist jedoch mit Blick auf die Quellenangabe ein großes Wort: Die „Sex-Fotos“ (zwei harmlose Aufnahmen aus einer Foto-Love-Story des Panini-Jugendmagazins „Hey!“) stammen offenbar vom Fotografen Deniz Kalkavan, von dem auch die gestrigen „Penthouse“-Bilder waren.

Aber auch die neuen Fotos taugen nicht für einen „Skandal bei Heidi Klums Show“. „Bild“ behauptet zwar, es seien „Bilder, die Folgen haben“. Doch davon will man bei „Heidi Klums Show“ nichts wissen: „Die Bilder haben in der Sendung keine Folgen für Aline“, betont ProSieben-Sprecher Christoph Körfer auf Nachfrage. Die „Hey!“-Fotos spielten in der Show sogar überhaupt keine Rolle. Und bezüglich des „Bild“-Gerüchts, die Nacktfotos seien „angeblich (…) der Hauptgrund“, dass Aline bei den „Topmodels“ in Bälde ausscheiden werde, empfiehlt der ProSieben-Sprecher vielsagend, die Sendung einfach mal aufmerksam zu verfolgen, um festzustellen, ob es stimmt.

Aber vielleicht mag man in der heutigen „Skandal“-Fortsetzung schon einen Fortschritt zu erkennen glauben. Anders als gestern wird darin immerhin an keiner Stelle mehr fälschlicherweise behauptet, Aline habe „alle belogen“, weil die „Topmodel“-Kandidatinnen im Vorfeld „schriftlich erklären“ müssten, „dass es keine professionellen Nacktfotos gibt“. Doch der positive Eindruck erledigt sich, sobald man das Video gesehen hat, das „Bild“ ihren Lesern heute online zeigt und zum Download aufs Mobiltelefon anbietet. Darin lügt „Bild“ nämlich unbeirrt:

Bei der Anmeldung für „Germany’s Next Topmodel“ müssen alle Kandidatinnen schriftlich erklären, dass es keine professionellen Nacktaufnahmen von ihnen gibt. Aline hat alle belogen.

Wie falsch „Bild“ damit liegt, ja, wie wenig der Nachdruck von Alines Nacktfotos überhaupt zu einem „Skandal“ taugt und wie verlogen das alles ist, zeigt übrigens auch ein Blick ins Archiv:

Eine der Kandidatinnen der ersten „Topmodel“-Staffel vor zwei Jahren war eine junge Frau namens Micaela Schäfer. Schäfer hatte sich vor ihrer Teilnahme schon wiederholt nackt fotografieren lassen. Und die Nachricht, dass sie deshalb bei der Wahl zur „Miss Germany 2004“ disqualifiziert worden sei, sorgte sogar für einschlägige Schlagzeilen, ebenso wie ihre Affäre als „Nackt-Geliebte“ eines Berliner CDU-Politikers. Mitmachen durfte sie bei den „Topmodels“ trotzdem. Und ein Skandal war das damals nicht – nicht für ProSieben und nicht mal für „Bild“.

Wider die gnadenlose Selbstbeherrschung

Heute lernen wir mal wieder Grundsätzliches über „Bild“.

Dabei trifft das, was „Bild“-Kolumnist Peter Heinlein da aufgeschrieben hat, zunächst durchaus den Kern der Sache. Unter der Überschrift „Prinz Harry im Krieg — wer hat das verraten?“ schildert Heinlein, dass der „notorische amerikanische Drudge Report“ über den Einsatz des britischen Prinzen Harry als Soldat in Afghanistan berichtet und damit eine vor drei Monaten zwischen „Buckingham Palace, britischer Regierung und den nationalen Medien“ vereinbarte Nachrichtensperre unterlaufen habe. „Wütend“, so Heinlein, hätten die britischen Medien [und, wie wir wissen, im Anschluss auch „Bild“] daraufhin „die Schleusen“ geöffnet und all das berichtet, was eigentlich erst nach Harrys sicherer Rückkehr im April hätte veröffentlicht werden sollen. So kann man das sehen.

Doch dann schreibt Heinlein einen Satz, wie man ihn wohl nur in „Bild“ finden kann:

Das ist ein Schlag für die als unbändig frei angesehene britische Presse, bei dieser Presseverhinderungsabsprache und gnadenlosen Selbstzensur erwischt worden zu sein.

„Presseverhinderungsabsprache“? „gnadenlose Selbstzensur“? „erwischt“? Gegenüber Prinz Harry war die vereinbarte Sperrfrist das Gegenteil von gnadenlos. Denn es besteht kein Zweifel, dass sie vor allem einen Grund hatte: das Leben von Prinz Harry und der anderen Soldaten in seiner Einheit zu schützen. Man könnte es verantwortungsvoll nennen.

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