Archiv für Kommerzielles

Zöllner nehmen Klitschko tolle Markenuhr weg!

Box-Weltmeister Vitali Klitschko scheint gestern am Frankfurter Flughafen vom Zoll überprüft worden zu sein — und das, obwohl er den Leuten sofort gesagt hat: „Jungs, ich bin kein Schmuggler!“ Die Beamten behielten vorläufig eine Uhr und eine Tasche. Klitschko findet das: „Unmöglich!“

Keine große Sache? Haben Sie ‘ne Ahnung:

Aber, keine Sorge, Sie müssen das nicht alles lesen. Wir haben die aus „Bild“-Sicht offenbar zentralen Punkte der Geschichte hier noch einmal übersichtlich zusammengestellt:

Der Schweizer Uhrenhersteller IWC ist ein guter, alter Bekannter im, äh, redaktionellen Teil von „Bild“ und gehört zufällig zur gleichen Unternehmensgruppe wie Montblanc.

Mit Dank an Stefan K., Christian H., Marko B. und David K.!

Wo kommen nur diese ganzen bösen Spiele her?

„Was ist eigentlich ein Killerspiel?“

…fragte Bild.de kürzlich und antwortete:

Der Begriff tauchte wohl zum ersten Mal 1993 in einem Blog zum Thema Paintball auf. Damit waren noch reale Ballerspiele – Menschen beschießen sich mit Farbkugeln – und noch nicht die virtuellen Ableger (…) gemeint. Erst nach dem Schulmassaker von Littleton an der Columbine High School am 20. April 1999 und nach dem Amoklauf von Erfurt am 26. April 2002 (…) wurde der Begriff Killerspiel in der öffentlichen Wahrnehmung auf Computerspiele gemünzt.

In der von Bild.de verlinkten Quelle aus dem Jahr 1993 heißt es indes:

„Man verstehe mich hier bitte nicht falsch — Ich halte auch die allseits bekannten Killerspiele am Computer fuer verwerflich (…)“

Seit Tagen arbeiten sich „Bild“ und Bild.de an „Killerspielen“ ab.

Vorgestern gab Bild.de Tipps, wie man Kinder und Jugendliche von Spielen fern hält, für die sie noch zu jung sind.

In dem Artikel findet sich auch folgende Passage:

Bei dem PC-Game "Grand Theft Auto", von dem bereits die vierte Folge erschienen ist, gehört auch Amoklaufen zum Spiel. Der schärfste Kritiker von Gewalt-Games, der Kriminologe Christian Pfeiffer, erklärte in einem Interview mit COMPUTER BILD SPIELE: "Bei Grand Theft Auto 4 ist ein Amoklauf möglich. Da kriegt man nicht viele Punkte, aber es wird ein bisschen Geld fallen gelassen, wenn Passanten abgeschossen werden. Und dieses Spiel ermöglicht diesen Amoklauf-Modus. Warum ist das möglich?"

Nun könnte man Pfeiffers Frage natürlich „philosophisch“ nennen. Aber weil Bild.de gestern über die Warenhauskette Galeria Kaufhof berichtete, die zukünftig keine Spiele ohne Jugendfreigabe mehr verkaufen will („Damit reagiert zum ersten Mal ein Endverkäufer auf die öffentliche Debatte um Killerspiele“), böte sich auch eine schlichte Antwort an: Weil es einen Markt gibt. Mit Käufern und Verkäufern.

Und zu diesen Verkäufern gehört beispielsweise …

Bild.de Download-Spiele: Grand Theft Auto 4

… das Download-Portal von Bild.de.

Mit Dank an Christian S.!

Hier ist der Kunde noch Geschäftsführer!

Dieser Herr in der modischen Freizeitjacke, der uns da den Rücken zudreht, ist Wolfgang Faber. Er hat soeben das Ladengeschäft einer „Computerfirma in Bochum“ betreten und seinen alten PC auf den Tresen gestellt. Herr Faber will offenbar einen neuen Computer kaufen.

Wir begegnen Herrn Faber in einem Leserreporter-Video von Bild.de über „Deutschland im Abwrack-Wahn“. Er hat nämlich, wie er sagt, „in den Medien“ gesehen, dass die Computerfirma für den alten PC eine „Abwrackprämie“ zahlen soll, und der Bild.de-Sprecher fügt aus dem Off hinzu:

Wolfgang Faber hat das direkt mal ausprobiert.

Ein bisschen merkwürdig ist allerdings, dass auf dem Schild, das da auf dem Tresen der „Computerfirma in Bochum“ zu sehen ist, der Name „Faber“ steht. Und dass es in Bochum tatsächlich eine Firma namens „Faber Datentechnik“ gibt. Und dass einer ihrer Geschäftsführer Wolfgang Faber heißt.

Das ist aber kein Zufall und kein Versehen. Denn wie man uns auf Nachfrage bei der Firma Faber Datentechnik in Bochum bestätigt, sind „Kunde“ und Geschäftsführer ein und dieselbe Person. Bild.de sei von einem Leser auf das Angebot aufmerksam gemacht geworden und habe die Firma um Videomaterial gebeten. Faber Datentechnik habe das dann selbst gedreht (in der uncut-Version gibt es das Video auch bei youtube und auf der Internetseite der Firma) und Bild.de zur Verfügung gestellt.

Kommerziell, sagt man bei Faber Datentechnik, sei daran nichts. „Bild“-Chef Kai Diekmann aber sagt, Leserreporter-Videos seien „der nächste Schritt in dieser Medienevolution“.

Mit Dank an Matthias N. für den sachdienlichen Hinweis.

Bloß früher (Spezial)

Dass „Bild“ mit dem nebenstehenden Slogan wirbt, fanden wir hier (von Ausnahmen abgesehen) schon öfter ausgesprochen abwegig. Leider haben wir, nun ja… erst jetzt erfahren, dass wir mit unserer Einschätzung nicht alleine sind. Denn sogar von einem Gericht wurde festgestellt, dass es mit dem angeblichen Nachrichtenvorsprung bei „Bild“ nicht so weit her ist.

Wie der Rechtsanwalt Martin Bahr nun auf seiner Homepage zu berichten weiß*, hat das Landgericht Saarbrücken bereits im September 2008 entschieden, dass die Saarland-Ausgabe der „Bild“-Zeitung nicht mehr mit dem folgenden Spruch werben darf:

"BILD -- Die schnellste Tageszeitung in der Region"

Die Saarbrücker Richter stuften (…) die Werbeaussage als irreführend und somit wettbewerbswidrig ein. Denn die Erklärung wäre nur dann zutreffend, wenn die „Bild Saarland“ in der Regel früher über die Ereignisse berichtet habe. Dies sei aber gerade nicht der Fall.

*) Ausführlich über den Fall berichtet hatte, wie wir bei einem Blick ins Archiv feststellen konnten, bereits im vergangenen Dezember die Fachzeitschrift „AfP“. Demnach hatte die Verlagsgruppe Holtzbrinck (die im Saarland die Zeitungen „Saarbrücker Zeitung“ und „20 Cent“ herausgibt) geklagt, nachdem sich „Bild“ zunächst geweigert hatte, eine entsprechende Unterlassungserklärung abzugeben.

Laut „AfP“ hatte „Bild“ zur Begründung der angeblichen Schnelligkeit offenbar u.a. auf die frühe telefonische Erreichbarkeit der Lokalredaktionen und den Zeitpunkt des Redaktionsschlusses verwiesen.

Aber nicht nur das.

Erstaunlicherweise war man bei „Bild“ auch der Ansicht, der „Bild“-Spruch von der „schnellsten Tageszeitung der Region“ sei für den potentiellen Zeitungsleser ohnehin „keine Information, die sich in irgendeiner Weise überprüfen lasse“. Aus Verbrauchersicht sei Schnelligkeit „kein Kriterium mehr für eine Tageszeitung, denn es gebe neben dem Internet kein Printmedium mehr, das eine Information am ‘schnellsten’ verbreite“. Allenfalls handele es sich bei dem „Bild“-Slogan also um „eine werbliche Übertreibung (…), die nicht ernst genommen werde“.

Das Gericht wollte dieser Argumentation jedoch nicht folgen.

Mit Dank an Kilian G. für den Hinweis.

Geschenkt…

Klar: „Die Redakteurinnen und Redakteure der Axel Springer AG sind sich der Verantwortung bewusst, die sie für die Information und Meinungsbildung in Deutschland haben.“ Und deshalb steht in Springers „Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit“ auch:

"Einladungen und Geschenke: Die Gefährdung unabhängiger journalistischer Arbeit durch persönliche Vorteilsnahme ist Gegenstand der Ziffer 15 des Pressekodex. Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von Einladungen oder Geschenken beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.<br />
Die Journalisten bei Axel Springer (...) nehmen keine Geschenke an, die den Charakter einer persönlichen Vorteilsnahme haben, oder geben diese – falls die Annahme unvermeidbar ist – an den Verlag weiter, der diese karitativen Zwecken zuführt."

Man sollte meinen, das sei eindeutig. Ist es aber nicht, wie das NDR-Medienmagazin „Zapp“ herausfand. „Zapp“ berichtete vor der HSV-Aufsichtsratswahl vom vergangenen Wochenende von einer Kampagne der „Bild“-Hamburg zugunsten des HSV-Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann – und fand heraus*, dass sich der Hamburger Sportchef der „Bild“-Zeitung, Jürgen Schnitgerhans, unlängst vom HSV-Vorstand eine über 1000 Euro teure Armbanduhr hatte schenken lassen.

Heute nun veröffentlicht „Zapp“ dazu die komplette Stellungnahme des „Bild“-Sprechers Tobias Fröhlich, die zeigt, wie man bei „Bild“ den „Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von (…) Geschenken beeinträchtigt werden“, vermeidet:

Hr. Schnitgerhans hat sich keine Uhr vom HSV-Vorstand „schenken lassen“. Sondern vielmehr wurde ihm diese Uhr vom gesamten HSV-Vorstand zum 60. Geburtstag als Würdigung und Anerkennung für seine 37-jährige Tätigkeit als Sportreporter für verschiedene Medien und speziell als journalistischer und kritischer Begleiter des Vereins überreicht. Dies wurde auch so in der Ansprache des Vorstands artikuliert.

Er wurde also für seine Gesamtleistung als langjähriger Sportjournalist und nicht als BILD-Reporter ausgezeichnet. Schnitgerhans schrieb über den HSV 1971 beim Sportmegaphon Lübeck, ab 1973 bei der Hamburger Morgenpost, seit 1980 für BILD. Aus diesem Grund sehen wir diese Auszeichnung nicht im Widerspruch zu unseren Leitlinien.
(Hervorhebungen von uns.)

*) Nachtrag, 17.23 Uhr: Aus der „Spiegel“-Redaktion wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass der „Spiegel“ bereits wenige Tage vor der „Zapp“-Sendung berichtet hatte, dass HSV-Chef Hoffmann „im März vergangenen Jahres dem Hamburger Sportchef von ‘Bild’ eine Uhr im Wert von über 1000 Euro zu einem Dienstjubiläum geschenkt hat und auch die Laudatio hielt“. Das hatten wir bedauerlicherweise übersehen. Korrektur: An dieser Stelle hatten wir dem „Spiegel“ zunächst ganz nebenbei unterstellt, das Magazin hätte in seiner eigenen Berichterstattung unerwähnt gelassen, dass zu den HSV-Aufsichtsratskandidaten auch ein „Spiegel“-Redakteur zählte. Das war falsch. Wir bitten um Entschuldigung.

Trampelwerbung

„Spießer Alfons“ hat „Promi-Werbung vom Allerfeinsten!“ in der „Bild“-Zeitung entdeckt. In dem Artikel geht es um Joachim Fuchsberger, den „Bild“ auf „einer Party in München“ getroffen hat. Es geht um ein „Wunderwerk der Technik“, wie „Bild“ Joachim Fuchsberger unter der Überschrift „Schau mal, das ist mein neues Hörgerät“ sagen lässt. „Spießer Alfons“ schreibt:

Und dann folgt ein Werbetext, wie ihn kein Agenturtexter hätte besser formulieren können. Das Loblied aufs Hörgerät wurde geschrieben von Mark Pittelkau, einem Werbetexter von BILD, der es faustdick hinter den Ohren hat. (…) Und damit der schwerhörige BILD-Leser auch weiß, um welches Hörgerät es sich handelt, wird das „Wunderwerk der Technik“ noch einmal extra abgebildet. Ein Foto des Herstellers, versteht sich, denn schließlich handelt es sich hier um Werbung. Dazu der Name des Produktes, der Preis und technische Angaben.

Tatsächlich dreht sich der gesamte Text Pittelkaus ausschließlich um dieses Hörgerät. Hier ein kleiner Auszug:

"Dieses Gerät ist ein Wunderwerk der Technik", sagte Blacky Fuchsberger gestern zu BILD. "Ich habe es erst seit fünf Tagen und eine völlig neue Lebensqualität erlangt. Endlich kann ich selbst im tiefsten Partygewimmel jedes Wort meines Gegenübers verstehen und bei Konzerten auch die feinsten Frequenzen vernehmen."

Nachtrag, 25.11.2008: Bei Bild.de wurden die Artikel über das „Wunderwerk der Technik“ inzwischen offenbar aus dem Angebot entfernt.

Körzdörfers Erbin

Weil in der „Bild“-Redaktion offenbar niemand aufzutreiben war, der sich mit dem „Welt-Phänomen“ der Filmreihe „High School Musical“ auskennt, durfte kurzerhand Dina, die neunjährige Tochter von Norbert Körzdörfer, den Hauptdarsteller Zac Efron interviewen.

Körzdörfer hielt sich mit dem, was die „große BILD-Zeitung“ gefragt hätte, zurück und überließ stattdessen für 50 Zeilen der „BILD-Kid-Reporterin“ und ihren sieben Kinderfragen den Artikel. Entweder konnte er sich aber dann doch nicht ganz zurückhalten …

Zac zieht mit seiner Hand („IWC“-Uhr, ca. 10 000 Euro) aus dem T-Shirt eine Halskette mit einem spitzen Kupferklumpen: „Das ist ein Haifischzahn, den ich aus meiner Kindheit habe! Er beschützt mich.“

… oder es sind alle im Hause Körzdörfer Experten für teure Armbanduhren einer bestimmten Marke oder lernen früh die ganz eigene Art von Körzdörfer-Journalismus.

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit

Direktor: (...) Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen, Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus. Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken! Solch ein Ragout, es muß Euch glücken; Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht. Was hilfts, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht? Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken. (...) Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr, So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren Sucht nur die Menschen zu verwirren, Sie zu befriedigen, ist schwer – (...) Lustige Person: In bunten Bildern wenig Klarheit, Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit, So wird der beste Trank gebraut, Der alle Welt erquickt und auferbaut.

„Die übliche Heuchelei“ und einen „PR-Gag allererster Güte“ nannte Hans Leyendecker vor einer Woche auf sueddeutsche.de (und in einem ähnlichen Text in der „Süddeutschen Zeitung“) die erste öffentliche Blattkritik der „Bild“-Zeitung und schrieb über den „Bild“-Chefredakteur:

(…) Diekmann, der bei der heimlichen Hochzeit von Altkanzler Helmut Kohl Trauzeuge, Reporter und Ministrant war, ist ein Virtuose des Scheins. Ihm wäre die Chuzpe zuzutrauen, dass er sich auf Goethe und Heine beruft, wenn er Bild erklärt. (…)

Heute nun druckt die „Süddeutsche“ dazu folgenden Leserbrief:

Den raren Moment, einmal mit meinem geschätzten SZ-Kollegen Hans Leyendecker übereinzustimmen, möchte ich nicht ungewürdigt verstreichen lassen: Völlig zu Recht traut er mir zu, mich "auf Goethe zu berufen", wenn ich "die Bild-Zeitung erkläre". Nur, die mir unterstellte Chuzpe ist überflüssig - schließlich sagte Goethe zu Eckermann: "Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben." Dieser virtuose Ratschlag vom 12. Mai 1825 wird heute leider viel zu selten beherzigt.

Die „BamS“ schenkt Schumi einen Werbeblock

Der frühere Rennfahrer Michael Schumacher hat der „Bild am Sonntag“ „exklusiv“ ein groß aufgemachtes Interview gegeben. Die Redakteure Nicola Pohl und Leopold Wieland sprachen mit ihm über Sebastian Vettel, seine Prominenz, das Motorradfahren — und fragten zum Schluss einfach spontan noch nach ganz etwas anderem:

Sie empfangen uns zu diesem Interview in Berlin bei Ihrem Sponsor Shell, für den Sie einen neuen Spezial-Kraftstoff vorstellen. Warum soll der deutsche Autofahrer dafür noch mehr Geld ausgeben? / Zunächst ist es ja jedem selber überlassen, ob er Shell V-Power 95 tanken möchte, und ob er dessen Vorteile erkennt oder nicht. Fakt ist: Mit diesem neuen Kraftstoff wird nicht nur mehr Leistung angeboten, sondern auch eine den Motor reinigende und dadurch schonende Variante. Ich war selbst Kfz-Mechaniker und weiß daher, wie viel Schaden total verrußte und verkohlte Ventile anrichten können. So aber habe ich den zusätzlichen Gewinn, dass mein Motor langfristiger sauber laufen kann und auch weniger Ablagerungen entstehen.

Mit Dank an Frank L., Piet W. und Peter.

Wie „Bild“ der Zigarettenlobby den Weg teerte


Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre war die Welt noch halbwegs in Ordnung. Die „Bild“-Zeitung hatte noch weit über vier Millionen Käufer, und man durfte ungestraft in der Öffentlichkeit rauchen.

Die „Bild“-Zeitung unter Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, selbst Raucher, war damals ein Raucher-Blatt. Eine Nachricht wie „Passivrauchen schadet nicht“ (siehe Ausriss oben) brachte es im Februar 1990 zum „Thema des Tages“. Im Juni 1989 durfte „Zigaretten-Präsident“ Günter Wille via „Bild“-Zeitung „Bonn den Krieg“ erklären, Raucher zum Wahlboykott aufrufen (siehe Ausriss) und sich in einem längeren Interview mit Tiedje und einem Kollegen darüber echauffieren, dass „Bonn und die EG“ die Zigarettenhersteller dazu zwingen wollten, „künftig quer über jede Zigarettenschachtel eine Raucher-Warnung“ zu drucken. Wille, damals Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) und Chef von Philip Morris, sagte im Interview unwidersprochen:

„Die EG-Bürokraten wollen uns zwingen, den Raucher falsch zu informieren. Wir sollen in unserer Werbung behaupten, daß Tabakgenuß zwangsläufig zu bestimmten Krankheiten führt. Das ist Unsinn! (…) Wir werden uns an der Verbreitung staatlich formulierter Lügen nicht beteiligen.“

Wie die Zigarettenindustrie dann ein Ende 1990 von der Lufthansa geplantes Rauchverbot auf Inlandsflügen zu verhindern suchte, zeigt ein Dokument von Philipp Morris (pdf) eindrucksvoll, über das die „FAZ“ heute unter der Überschrift „Das Netzwerk der Zigarettenindustrie“ berichtet:

Bei dem Dokument handelt es sich um den Text zu einer Präsentation. Darin wird deutlich gemacht, dass die Herausforderung für die Zigarettenindustrie geheißen habe: „Killt das Verbot!“ („Kill the ban!“). (…) Auch die Medien spielten seinerzeit bei der Torpedierung dieser Maßnahme offenbar eine wichtige Rolle. In dem Dokument von Philip Morris heißt es: „Wegen guter Beziehungen zum Chefredakteur (der Bild-Zeitung) sorgten wir dafür, dass die Bild-Zeitung unsere Kampagne gegen die Kranich-Linie (Lufthansa) begleitete.“

Wie diese Begleitung konkret aussah, wird in der Präsentation detailliert beschrieben:

Fünf Tage nach der Ankündigung des Rauchverbots forderte die „Erste Raucher Lobby“, eine Basisorganisation von rund 3.500 Rauchern in Deutschland, die Lufthansa zu boykottieren. Wieder widmete die „Bild“-Zeitung diesem Ereignis die Titelseite (…).


In einem Kommentar in derselben Ausgabe unterstützte einer der führenden Kolumnisten von „Bild“ die Position der Raucher, indem er die medizinische Argumentation, mit der die Lufthansa das Verbot verteidigte, kritisierte. (…)

Die nächste Ausweitung kam mit der Veröffentlichung einer Umfrage unter Lufthansa-Passagieren durch das angesehen Meinungsforschungsinstitut „infas“. Diese offenbarte, dass nicht 90 Prozent [der Passagiere], wie Lufthansa behauptete, sondern nur 30 Prozent für das Verbot waren. (…) Die „Bild“-Zeitung machte daraus eine Geschichte auf der Titelseite mit der Überschrift: „Raucherlüge der Lufthansa“. (…)

Dann veröffentlichte die „Bild“-Zeitung eine spektakuläre Titelgeschichte: „Lufthansa droht: Raucher in Handschellen“. (…) Dies war so etwas wie der Wendepunkt in der öffentlichen Debatte. Die Leute waren der Meinung, das sei nicht mehr erträglich.


Das Verbot wurde sogar Party-Gespräch. Auf einer Hochzeitsfeier der High Society prahlte ein Vorstand der konkurrierenden Fluglinie LTU, dass in seinen Flugzeugen das Rauchen erlaubt sei. Wiederum wurde diese Aussage zur Überschrift eines Party-Reports der „Bild“-Zeitung. (…)

Kurz vor dem „B-Day“ [der Tag an dem das Verbot in Kraft treten sollte] führte die „Bild“-Zeitung einen weiteren Schlag gegen die Lufthansa mit einer Titelgeschichte über die schlechte wirtschaftliche Lage: „Sturzflug ins Millionen-Loch – aber trotzdem Rauchverbot“, lautete die Überschrift. Der Artikel handelte von den Verlusten der Lufthansa und erklärte diese hauptsächlich mit dem schlechten Service und der Bedienung. Als wichtigstes Beispiel für den schlechten Service nannte er das Rauchverbot. (…)


Dann endlich, eine Woche bevor das Verbot in Kraft treten sollte, gab die Lufthansa auf. In einer Pressemeldung kündigte die Fluglinie an, sie habe ihre ursprüngliche Entscheidung rückgängig gemacht. (…) Die „Bild“-Zeitung schrieb in einem Kommentar: „Lasst uns die Friedenspfeife rauchen!“

Der Axel Springer Verlag bestritt der „FAZ“ gegenüber, dass die Zigarettenindustrie und insbesondere Philipp Morris Einfluss auf die Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung genommen habe.

P.S.: Günter Wille, damals Philipp-Morris-Chef und Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie, wechselte übrigens Anfang September, als die Kampagne gegen das Rauchverbot gerade so richtig an Fahrt gewann, zum Axel Springer Verlag, wo er am 1. Juli 1991 Vorstandsvorsitzender wurde.

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