Archiv für Grob Fahrlässiges

Schweine-Ärger mit Ansage

"Schon wieder so ein brandgefährlicher Kinderschänder frei -- JUSTIZ LÄSST ******* LAUFEN (Schwein darf BILD nicht schreiben, sonst gibt es Ärger mit dem Presserat)"

Vielleicht kamen sie sich besonders clever vor bei „Bild“, als sie im vergangenen Oktober diese Schlagzeile formulierten (wir berichteten); vielleicht auch nur besonders witzig.

Jedenfalls schaffte es die Überschrift geschickt, sich doppelt zu empören über den deutschen (Un-)Rechtsstaat, der angeblich nicht nur „Kinderschänder“ laufen lässt, sondern es anständigen Zeitungen wie „Bild“ auch noch verbietet, diese Menschen wenigstens „Schweine“ zu nennen.

Ziffer 1 Pressekodex

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

Dabei hatte niemand „Bild“ verboten, den Mann ein „Schwein“ zu nennen — es verstößt nur gegen seine Menschenwürde und damit das, was der Pressekodex eines der „obersten Gebote der Presse“ nennt (siehe Kasten rechts).

Das bekam die Zeitung nun auch schriftlich. Aufgrund einer Beschwerde von BILDblog sprach der Presserat eine „Missbilligung“* gegen „Bild“ aus und erklärte:

(…) dass die Bezeichnung „Schwein“ wie wirklich geschrieben zu bewerten ist, da sie trotz der Tatsache, dass das Wort durchgestrichen wurde, klar zu erkennen ist. Diese Gleichsetzung des betroffenen Mannes mit einem Tier verletzt seine Menschenwürde.

Der Beschwerdeausschuss stellt zudem fest, dass die Redaktion durch diese Veröffentlichung der Verantwortung, die die Presse hat, nicht gerecht wird. Es verletzt das Ansehen der Presse nach Ziffer 1 Pressekodex, wenn eine Zeitung — wenn sie selbst offensichtlichen Zweifel daran hat, ob ein Begriff aus ethischer Sicht verwendet werden kann — diese Bezeichnung dann doch in vorliegender Form verwendet.

Die Rechtsabteilung der Axel Springer AG teilte dem Presserat mit, dass sie auch diese Beschwerde von uns für einen Missbrauch dieses Gremiums hält (mehr zur Vorgeschichte dieses Streites). Zur Sache werde man sich daher nicht einlassen.

*) Missbilligungen sind für die betroffenen Zeitungen folgenlos. Der Presserat „empfiehlt“ ihnen zwar, sie zu veröffentlichen — „als Ausdruck fairer Berichterstattung“. Die „Bild“-Zeitung verzichtet aber naturgemäß in der Regel darauf.

Auf Opfer kann „Bild“ keine Rücksicht nehmen

Das ARD-Magazin „Panorama“ hat sich bei der „Bild“-Zeitung nach den von ihr und der „Bild am Sonntag“ veröffentlichten Fotos von den Opfern des Amoklaufes in Winnenden erkundigt:

„Hat die BamS-Redaktion diese Fotos von den Angehörigen oder Freunden erhalten oder sie aus dem Internet heruntergeladen?

Haben die Angehörigen dieser Veröffentlichung zugestimmt?

Wenn nicht, warum haben Sie die Fotos ohne Freigabe durch die Familien veröffentlicht?

Was sagen Sie zu dem Vorwurf des Vaters von Chantal S.: ‚Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.'“

„Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete schriftlich :

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Medienanwalt Christian Schertz widerspricht:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt, willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Der „Panorama“-Beitrag greift auch den Fall von Sara L. auf, einer jungen magersüchtigen Frau, die im vergangenen Jahr starb. Fotos: INTERNETGegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern hatte „Bild“ damals einen großen Artikel mit Fotos von Sara veröffentlicht, die das Blatt sich im Internet besorgt hatte (wir berichteten).

„Bild“-Sprecher Fröhlich gibt den Eltern indirekt die Schuld daran, dass „Bild“ das Schicksal ihrer Tochter ausgeweidet hat. Sie hätten Sara dadurch, dass sie einem Nachruf auf Sara im „Tagesspiegel“ zugestimmt hätten, zu einer „relativen Person der Zeitgeschichte gemacht“, behauptet Fröhlich:

„In solch einem Fall bedarf es keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.“

„Wir hätten das niemals erlaubt“

„Nicht jugendfrei“, das Jugendportal der „Waiblinger Zeitung“ hat mit dem Vater von einem der Mädchen geredet, die bei dem Amoklauf in Winnenden am vergangenen Freitag ums Leben gekommen sind, und über deren Leben und Sterben auch „Bild“ in größter Aufmachung berichtet hat:

Uwe Schill kann reden in seiner Trauer. Von sich aus hat der Vater der getöteten Chantal unsere Redaktion aufgesucht, und es hat sich ein Gespräch ergeben über die Dankbarkeit des Hinterbliebenen für den großen Beistand. Und über den Schmerz darüber, wie Bild-Zeitung und Fernsehsender sich des Bildes der getöteten Tochter bemächtigen; und wie Bekannte über Opfer und Täter sprechen und er dies wehrlos im Fernsehen mitverfolgt.

Zwei Stunden nachdem Chantal gestorben war, stand ein Reporter bei Schills in der Haustür und wollte Bilder von Chantal. „Kein Ausdruck des Beileids, keine Rücksicht, kein Mitgefühl . . . Mein ältester Sohn hat ihn dann von der Tür gewiesen.“ (…)

Das Bild der getöteten Tochter wird fremdbestimmt: „Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von Chantal erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt.“ (…)

Schill vermutet, dass die Fotos seiner Tochter aus dem Schüler-VZ stammen, einem Internetverzeichnis, das bei Schülern äußerst beliebt ist und in das die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler Fotos von sich hineinstellt — meist in dem Gefühl, dass nur andere Schüler dieses Verzeichnis anschauen, dass Jugendliche und Kinder unter sich wären in dieser Abteilung des Internets. Aber Internet ist immer Weltöffentlichkeit. Die Bildbeschaffer bestimmter Medien nützen dies aus. „Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen“, sagt Schill. (…)

Die kranke Welt der „Bild“-Zeitung (2)

Am Freitag zeigte „Bild“ in gewaltiger Größe ein aus dem Internet stammendes Foto eines zehnjährigen Jungen und behauptete fälschlicherweise, es handele sich um den Amokläufer von Winnenden, Tim K. (wir berichteten).

Gestern veröffentlichte „Bild“ neben Fotos von Tim K. als Tischtennisspieler, als Konfirmand und als Zweijähriger folgenden Text:

Der Amoklauf von Winnenden. Fotoverwechslung! Bei der Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden ist es in unserer gestrigen Ausgabe zu einem bedauerlichen Fehler gekommen. Zu einem Artikel auf Seite 2 zeigten wir das Foto eines zehnjährigen Jungen mit einem Luftgewehr und schrieben: "Das Auge am Visier, den Finger am Abzug: Früh lernte Amokläufer Tim K. den Umgang mit Waffen. Das Foto zeigt ihn als Zehnjährigen beim Schießen mit einem Luftgewehr." Das ist falsch! Der Junge auf dem Foto ist nicht Amokläufer Tim K. als Kind, mit dem Drama von Winnenden hat er nichts zu tun. BILD bittet den Jungen und seine Eltern um Entschuldigung. Dass diese Verwechslung trotz sorgfältigster Prüfung geschehen ist, bedauert niemand mehr als wir selbst. Die BILD-Redaktion

Nachtrag, 16.3.2009: Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten, wurde wegen der Foto-Veröffentlichung inzwischen eine Einstweilige Verfügung gegen die „Bild“-Zeitung erwirkt. Außerdem soll „Bild“ dem Jungen „bereits Schadenersatz angeboten“ haben.

Die kranke Welt der „Bild“-Zeitung

Vielleicht wäre es am besten, wenn die „Bild“-Zeitung zukünftig gar keine Fotos mehr veröffentlichen würde. Sie hat ja einen „BILD-Zeichner“. Der hat bekanntlich genügend Fantasie, um sich beispielsweise vorzustellen, wie der Amokläufer von Winnenden in einem Kampfanzug ausgesehen haben könnte, als er vorgestern 15 andere Menschen tötete (dabei trug er womöglich gar keinen Kampfanzug [siehe Kasten]).

Kampfanzug? Sweatshirt?

Eine Augenzeugin heute in „Bild“ über den Amokläufer:
"Schwarze Hose, dunkelgraues Sweatshirt und die Waffe in der Hand"
Etwas weiter unten auf derselben „Bild“-Seite:
"BILD-Zeichnung des Amokläufers. Tim K. trug einen schwarzen Kampfanzug"

Und sicher hätte der „BILD-Zeichner“ auch kein Problem damit, sich vorzustellen, wie der Amokläufer Tim K. im Alter von zehn Jahren ausgesehen hätte, während er an einem Schießstand mit einem Luftgewehr zielte. Er hätte eine große Zeichnung davon machen können, und „Bild“ hätte dazu schreiben können:

So sieht es der BILD-Zeichner: Da war er erst 10! Das Auge am Visier, den Finger am Abzug. Früh lernte Amokläufer Tim K. den Umgang mit Waffen. Die Zeichnung zeigt ihn als Zehnjährigen beim Schießen mit einem Luftgewehr

Doch „Bild“ beschäftigt schließlich eine Menge Leute, die quasi darauf spezialisiert sind, Fotos zu beschaffen – auf welchen Wegen auch immer. Und manchmal, so wie heute, schreibt „Bild“ inzwischen sogar „Fotobeschaffung“ in den Quellennachweis.

„Fotobeschaffung“ heißt hier offenbar (wie so oft), dass „Bild“ sich ein Foto eines jungen Luftgewehrschützen aus dem Internet besorgt hat, ohne den Rechteinhaber um Erlaubnis zu fragen.

Das Ergebnis dieser „Fotobeschaffung“ kann man heute groß auf Seite 2 als Blickfang unter der Überschrift „Die kranke Welt des Killers“ sehen (Unkenntlichmachung von uns):

"Die kranke Welt des Killers"

Der Text beginnt mit den Worten:

"Wir sehen einen Jungen, zehn Jahre alt, konzentriert zielt er mit seinem Luftgewehr. Der Junge auf dem Foto ist Amokläufer Tim K., aufgenommen vor sieben Jahren – als noch nicht das Böse in ihm wohnte."

Doch das Foto zeigt nicht den Amokläufer Tim K. Es zeigt einen ganz anderen, völlig unbeteiligten Jungen aus einem von Winnenden rund 80 Kilometer entfernten Schützenverein, wie man uns dort bestätigt.

Mit Dank an Mario S.

Die Baupläne von Auschwitz (2)

Davon, dass „Bild“ (links) noch großspurig behauptet hatte, die Baupläne würden „auch die allerletzten Holocaust-Leugner“ widerlegen und eine Gaskammer zeigen, in der „Menschen vergast werden sollten“, steht in „Bild“ (rechts) nichts mehr.

Wäre ja (wie berichtet) auch falsch.

Als „Bild“ die Baupläne (die ihr nach Eigenaussage „zugänglich gemacht“ wurden, laut „Welt“ jedoch von „Bild“ gekauft worden waren) im vergangenen November abdruckte und Nachrichtenagenturen und Medien die ebenso voreiligen, wie eitlen und offensichtlich falschen „Bild“-Behauptungen um die Welt trugen, sagte der renommierte Auschwitz-Forscher Robert Jan van Pelt der jüdischen Nachrichtenagentur JTA:

„Jeder verbreitet denselben Unsinn, und die [Holocaust-]Leugner haben großen Spaß, weil es zeigt, wie leichtgläubig die Leute sind.“

 
Nachtrag, 21 Uhr: Bei der heutigen Eröffnung der von „Bild“ und „Welt“ präsentierten Ausstellung in der Berliner Axel-Springer-Passage wurde die Entlausungsanlange mit „Gaskammer“, um die „Bild“ sträflicherweise noch im November so viel Aufhebens gemacht hatte, mit keinem Wort erwähnt. Robert Jan van Pelt sagte, als er die kleine Ausstellung anschaute, über den Bauplan der Entlausungsanlage: Dies sei „eines der am wenigsten interessanten Exponate der ganzen Ausstellung“.* Seine Frage an „Bild“-Chef Kai Diekmann, von wem und für welche Summe „Bild“ die Pläne gekauft hatte, wollte Diekmann nicht beantworten.

*) Historisch richtig heißt es nun im Begleittext des „Gaskammer“-Plans:

Plan einer Entlausunganlage vom November 1941. Schon in den ersten Plänen für das KZ Birkenau sind zwei Entlausungsanlagen eingezeichnet, mit je einer mehr als hundert Quadratmeter großen Gaskammer. Für die Desinfektion der Kleidung von KZ-Insassen ist das zuviel. Der Plan weist auf den systematisch geplanten Massenmord hin. Denn für die Entlausung der Kleidung von hundertausenden Ermordeter ist die Kapazität richtig berechnet. (…)

„Bild“ hält „Gaskammer“ für Gaskammer

Morgen abend um 18 Uhr wird in der Berliner Axel-Springer-Passage die Ausstellung „Pläne von Auschwitz – Dokumente des systematisch organisierten Völkermordes“ eröffnet. Die Ausstellung wird u.a. präsentiert von der „Bild“-Zeitung.

Denn gezeigt werden in der Ausstellung vor allem einige Ende 2008 in Berlin entdeckte Baupläne, die bereits am 8. November erstmals (und zunächst exklusiv) in „Bild“ zu sehen waren.

Der Fund ist offenbar für die Fachwelt nicht uninteressant. Der Kulturhistoriker und Auschwitz-Forscher Robert Jan van Pelt beispielsweise ist am Wochenende aus Kanada, wo er als Professor an der Universität Waterloo lehrt, eingeflogen, um sich die Pläne in Berlin genauer anzuschauen, über die „Bild“ im November behauptete:

Es sind Pläne des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz. (…)

Die Dokumente enthüllen aber auch: Jeder, der mit Planung und Bau des Konzentrationslagers im Entferntesten befasst war, wusste, dass hier Menschen fabrikmäßig vergast werden sollten. Die Unterlagen widerlegen darüber hinaus auch die allerletzten Holocaust-Leugner.

Und „Bild“ gibt sich sehr sicher, zu wissen, was die Plänen zeigen:

Das erschütterndste Dokument des Grauens: der Plan einer „Entlausungsanlage“. Von einem „Auskleideraum“ führen Türen in einen „Wasch- und Brauseraum“ und von dort in einen „Ankleideraum“. Vom Ankleideraum gehen aber auch Türen in zwei „Vorräume“ und von dort durch „Schleusen“ in eine „Gaskammer“. Schwarz auf weiß steht es auf dem Plan: „GASKAMMER“.

Dass in der 11,66 mal 11,20 Meter großen „Gaskammer“ nicht Kleidungsstücke mit dem bei der SS üblichen Blausäure-Mittel entlaust, sondern Menschen vergast werden sollten, muss als sehr wahrscheinlich angenommen werden. Denn der Plan, der von einem „Häftling Nr. 127“ in Auschwitz gezeichnet wurde, stammt vom 8. November 1941. Zu diesem Zeitpunkt experimentierte Lagerkommandant Rudolf Höß bereits mit dem Blausäuremittel „Zyklon B“, mit dem er im Stammlager Auschwitz kranke Häftlinge und russische Kriegsgefangene ermorden ließ.

Damals jedoch berichtete sogar die „Bild“-Schwesterzeitung „Die Welt“ andertags weitaus zurückhaltender:

(…) Es ist gut vorstellbar, dass der Plan mit dem Eintrag „Gaskammer“ die zeitweise Planung einer Mordfabrik in Auschwitz-Birkenau darstellt. Sie wurde jedoch in dieser Form nicht realisiert (…).
(Hervorhebung von uns.)

Und Auschwitz-Forscher van Pelt, der als einer der führenden Auschwitz-Experten gilt, zeigt sich mit der „Bild“-Veröffentlichung wenig einverstanden. So finden sich offenbar identische Baupläne, wie die, die „Bild“ zeigte und jetzt ausstellt, u.a. in seinem bereits 1996 erschienenen Standardwerk „Auschwitz: Von 1270 bis heute“. Und van Pelt selbst findet für das, was „Bild“ im November behauptet hatte, auf Anfrage von uns deutliche Worte:

Tatsächlich ist es der Plan – gezeichnet von Häftling 127 am 8. November 1941 – einer ECHTEN Entlausungsanlage, die für diesen Zweck gebaut und niemals für einen anderen Zweck als zur Entlausung oder Desinfektion vorgesehen war oder genutzt wurde. Die Gaskammer, die der Plan zeigt, ist eine Entlausungs-Gaskammer. Ausgestaltung und Aufbau des Gebäudes sind eine vereinfachte Version der üblichen Bauweise von Entlausungsgebäuden (…) und gleicht in keiner Weise dem Aufbau der Tötungseinrichtungen, die später in Auschwitz-Birkenau oder andernorts erstellt wurden.

Wie übrigens das Schweizer Populärwissenschaftsmagazin „Mysteries“ in seiner aktuellen Ausgabe berichtet [pdf], hat Robert Jan van Pelt nach der November-Veröffentlichung „mit der ‚Bild‘-Redaktion Kontakt aufgenommen und ihr vorgeschlagen, die Auschwitz-Pläne unbedingt von wissenschaftlichen Experten begutachten zu lassen – etwas, das eigentlich bereits vor der Veröffentlichung durch die Zeitung hätte geschehen müssen“.

Zurückrudern:

„Bei den Bauplänen handelt es sich um die einzigen Originale dieser Art, die in Deutschland bislang gefunden wurden, teilten die Chefredakteure der Zeitungen ‚Bild‘ und ‚Welt‘ mit (…). ‚Für die Fachwissenschaftler bringen diese Dokumente die eine oder andere Ergänzung; dem Laien verdeutlichen sie, wie systematisch die nationalsozialistischen Täter bei der Ermordung der europäischen Juden vorgingen‘, heißt es in einem Begleittext zu der Ausstellung. (Quelle: dpa)

In einer dpa-Ankündigung der morgigen Ausstellungseröffnung (bei der wohl auch van Pelt anwesend sein wird) lässt sich indes bereits erahnen, dass „Bild“ inzwischen, ähm, selbst nicht mehr so sicher ist, ob die gefundenen Baupläne wirklich so sensationell sind, wie damals behauptet (siehe Kasten, siehe auch „Welt am Sonntag“).

Nachtrag, 20.39 Uhr: Auf Welt.de heißt es übrigens über die Baupläne: „[D]ie ‚Bild‘-Zeitung erwarb diese Originale, um sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und Missbrauch beispielsweise durch Neonazis zu verhindern.“ Davon, dass in der eingezeichneten „Gaskammer“ Menschen vergast werden sollten, wie „Bild“ behauptete, steht bei Welt.de kein Wort (siehe auch „Auschwitz expert: Blueprints found in Berlin not of death camp“ in „Haaretz“ vom 10.11.2008).

Mit Dank an „Mysteries“-Chef Luc B. für den Hinweis!

„Bild“ druckt „rätselhafte“ Rüge ab

Anfang Dezember vergangenen Jahres wurde die „Bild“-Zeitung mal wieder vom Presserat gerügt. Die Rüge bezog sich auf die „Bild“-Berichterstattung über einen Flugzeugabsturz in Nepal, bei dem 18 Passagiere ums Leben kamen. „Bild“ hatte auf der Titelseite unter der Schlagzeile „12 Deutsche im Flugzeug verbrannt!“ ein Foto abgedruckt, auf dem „die verkohlten Leichen“ geborgen wurden. Im Innenteil hatte „Bild“ zudem mehrere unverfremdete Fotos von insgesamt sechs der zwölf deutschen Opfer gezeigt (siehe Ausriss).

„Bild“ hatte die Rüge nicht verstanden, und „Bild“-Chef Kai Diekmann bezeichnete sie in einer Pressemitteilung als „rätselhaft“. Die „Bild“-Berichterstattung hätte „nach allen vom Presserat zu vergleichbaren Fällen kommunizierten Kriterien (…), die BILD vorab sorgfältig bedacht hat“, so Diekmann, „ethisch für unbedenklich gehalten werden müssen“ (wir berichteten).

Das war Unsinn. Die Kriterien, die der Presserat bei der Rüge gegen die „Bild“-Zeitung kommuniziert hatte, entsprachen ziemlich exakt denen, die der Presserat zu den vergleichbaren Fällen kommuniziert hatte, auf die Diekmann sich in der Pressemitteilung bezog (wir berichteten).

Gestern druckte „Bild“ die „rätselhafte“ Rüge ab, wie es ihre Pflicht ist. Sie ist, wie üblich, nicht besonders prominent platziert (siehe Ausriss), aber der Text ist vergleichsweise lang – was daran liegt, dass „Bild“ eine „Anmerkung d. Red.“ hinzugefügt hat. Wie schon in der Pressemitteilung vom Dezember wird darin der DeutschlandRadio-Intendant Ernst Elitz zitiert. Der fand die „Bild“-Berichterstattung am Erscheinungstag in der öffentlichen Blattkritik nämlich völlig in Ordnung, denn „die Welt ist nun mal so wie sie ist“.

„Bild“ hat indes immer noch nicht begriffen, dass sie für die Gesamtberichterstattung über den Flugzeug-Absturz gerügt wurde, weil dadurch laut Presserat „die Gefühle der trauernden Angehörigen verletzt“ wurden. „Bild“ habe einen „assoziativen Zusammenhang zwischen den Abgelichteten im Innenteil und den anonymen Leichen auf der Vorderseite“ hergestellt.

„Bild“ behauptet heute beim Abdruck der Rüge unbeirrt etwas anderes:

"Rüge für BILD: Der Deutsche Presserat hat die Veröffentlichung eines Titelfotos in BILD gerügt, das die Bergung von verkohlten Leichen nach dem Flugzeugunglück im Himalaja am 8.10.2008 zeigt."

Nö.

Mit Dank an den Hinweisgeber (wir hätten es sonst übersehen).

Besondere Zurückhaltung

Was hat die 17-jährige Tochter von Uschi Glas getan, um gestern mit einem großen Foto neben den gewaltigen Worten „Drogen-Affäre“ auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung zu landen? Sie hat sich möglicherweise eine Marihuana-Zigarette mit zwei Freundinnen geteilt. Möglicherweise, denn laut „Bild“-Text „vermutet“ ein Polizist das nur wegen eines „süßlichen Geruchs“. Angeblich ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Soweit der Stand in der „Bild“ vom Freitag: Große Schlagzeilen, bisschen dünne Faktenlage.

Am Samstag ist die „Bild“ nicht schlauer. Im Gegenteil: Was Julia Glas konkret vorgeworfen wird, wird nicht mehr genannt. Unter der Schlagzeile „Hat Uschi Glas mit ihren Kindern etwas falsch gemacht?“ ist die Rede vage von „Schlagzeilen“, von „gegenwärtigem Wirbel“, von „immer neuen Sorgen“. Darunter steht, wie zufällig, ein Artikel darüber, dass „jeder 4. deutsche Jugendliche schon Cannabis geraucht hat“. Jede Zeile, jedes Foto illustriert und wiederholt implizit den Vorwurf gegen die 17-jährige, ohne ihn ausdrücklich zu nennen. Weil er falsch war? Oder weil „Bild“ ihn nicht hätte veröffentlichen dürfen? In den Richtlinen des Presserates heißt es:

Bei der Berichterstattung über Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Jugendliche […] soll die Presse mit Rücksicht auf die Zukunft der Betroffenen besondere Zurückhaltung üben.

(Wird fortgesetzt.)

Marlon Brando lebt nicht mehr von Stütze

Eben noch hatte „Bild“ unter dem irreführenden Titel „Marlon Brando lebt von Stütze“ über „das bittere Ende einer Legende“ berichtet. Tags drauf ist Brando tot (oder, wie’s Norbert Körzdörfer als David Blieswood formuliert, „geplatzt?“). Tatsächlich starb der Schauspieler am Donnerstag um 18.30 Uhr im kalifornischen UCLA Medical Center an Lungenversagen, und ungefähr so stand es anschließend auch weltweit in den Zeitungen – nur nicht in „Bild“. Dort dichtete man stattdessen lieber dies:

„Seine Haushälterin und Ex-Geliebte Maria Ruiz (45) fand ihn, als sie Donnerstag gegen 19.30 Uhr Ortszeit die Villa von Marlon Brando in Beverly Hills betrat. Der große Brando lag leblos in seinem Bett, bekleidet mit einem dunkelblauen Nachthemd. Polizei, Feuerwehr und Rettungswagen rückten an – doch zu spät.“