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Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest

Diese bekloppten Russen mal wieder!

Es hätte so schön sein können: Oktoberfest in Moskau. Aber nein, die Verwaltung der russischen Hauptstadt verwehrt einheimischen Bierfans die große Sause und verbietet die Gaudi einfach.

So schrieb es die „taz“ vor zwei Wochen. Aber das war noch lange nicht die ganze Geschichte. Bei der dpa (die die Story in Deutschland verbreitete) war nämlich zu lesen:

Moskauer Stadtverwaltung nennt Oktoberfest „antirussisch“

Moskau (dpa) – Die Verwaltung der russischen Hauptstadt Moskau hat einer ausschweifenden Bierparty nach dem Vorbild des Oktoberfestes in München eine Absage erteilt. Eine solche Veranstaltung mit großen Zelten, Trachtenkleidung und Gerstensaft vom Fass sei «antirussisch», sagte Behördensprecher Alexej Nemerjuk der Agentur Interfax.

Was in etwa so ausgesehen haben dürfte:

Gut, ob Nemerjuk auch eine Augenklappe trägt, ist nicht überliefert, aber bei diesen Irren weiß man ja nie.

Jedenfalls schreibt die dpa weiter:

„Für die Deutschen ist das Oktoberfest eine historische Realität, aber in Russland gibt es eine solche Tradition nicht.“ Nemerjuks Aussagen stehen im Widerspruch zum allgemeinen Trend in Russland. Bier wird in der Heimat des Wodkas seit Jahren immer beliebter. Der Gesundheitsbehörde zufolge stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit dem Jahr 2000 von 36 Liter auf mehr als 70 Liter.

Auch das noch. Das Volk will Bier, aber Moskau verwehrt es ihm. Russenpolitik. Typisch.

Ein klassischer Russland-Aufreger also mal wieder, und weil die Geschichte von der dpa kam, deren Meldungen von vielen Medien direkt übernommen werden, landete sie unter anderem in den Newstickern von Bild.de, „Focus Online“, FAZ.net, „Zeit Online“, Stern.de, N24, News.de, „Shortnews“, T-Online, auf den Seiten der „Siegener Zeitung“, des „Handelsblatts“, der „Schweriner Volkszeitung“, des „Kölner Stadt-Anzeigers“, der „Mittelbayerischen“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Emder Zeitung“, des „Trierischen Volksfreunds“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, der „Augsburger Allgemeinen“, der „Stuttgarter Nachrichten“, der „Berliner Morgenpost“, der „Welt“, der „Passauer Neuen Presse“, der „Westdeutschen Zeitung“, der „Abendzeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Neuen Presse“, des „Berliner Kuriers“, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der „Freien Presse“, der „Dattelner Morgenpost“, der „Frankfurter Rundschau“, der „Lübecker Nachrichten“, der „Stuttgarter Zeitung“, der „Ruhr Nachrichten“, der „Saarbrücker Zeitung“, des „Express“, der „Südwestpresse“, des „Greenpeace Magazins“, der „Münsterlandzeitung“, des „Merkur“, der „Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen“, des „Nordkuriers“, des „General Anzeigers“, des „Berchtesgadener Anzeigers“, der „Neuen Presse“, der „Schwäbischen“, der „Berliner Zeitung“ und vielen mehr:




Die Geschichte wurde auch gedruckt, unter anderem in der „Süddeutschen“, der „Berliner Morgenpost“ und der „Welt“ (Ausriss):

Und nun der große Haken.

Schaut man sich (mit entsprechenden Russischkenntnissen) die Originalmeldung der Agentur Interfax an, wird klar: Das Wort „antirussisch“ kommt dort überhaupt nicht vor. Auch sonst liest sich die Originalmeldung viel harm- und belangloser als das, was die dpa daraus gemacht hat.

Übersetzt lautet die Interfax-Meldung:

In Moskau ist eine Veranstaltung im Sinne des Oktoberfestes nicht geplant, teilte der Leiter der Moskauer Abteilung für Handel und Dienstleistungen, Alexei Nemerjuk, am Mittwoch mit.

„Sicher ist: Es gibt keine Pläne für ein Bierfestival“, betonte Nemerjuk. Das Oktoberfest sei eine „historische Gegebenheit“ für die Deutschen. In Russland gebe es solch eine Tradition nicht. „Es gab keine Nachfrage von Seiten der Eventplaner, und eine Tradition gibt es auch nicht“, so der Beamte.

Laut seiner Aussage startet im Sommer jedoch das Festival „Moskauer Konfitüre“, das bereits vergangenes Jahr durchgeführt wurde. Im Herbst erwarte die Bevölkerung das Festival „Goldener Herbst“ und Ende des Jahres die traditionelle Veranstaltung „die Reise zum Christfest“.

Von Verboten ist da keine Rede, von „antirussisch“ erst recht nicht. Der Beamte sagt bloß, dass kein Oktoberfest geplant sei und es für ein solches Fest keine Tradition in Russland gebe.

Wir haben sicherheitshalber auch noch bei Interfax nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es eine weitere Meldung gab, in der tatsächlich das Wort „antirussisch“ auftaucht. Aber: Fehlanzeige.

Kurzum: „Antirussisch“ ist an dieser Geschichte allein die Tatsache, dass deutsche Journalisten einem Moskauer Beamten Worte in den Mund legen, die die russische Politik schlecht(er) dastehen lassen, die er in Wahrheit aber nie gesagt hat.

Selbst wenn es keine böse Absicht war, sondern nur die Schludrigkeit des übersetzenden Journalisten — bei Lesern, die die Originalmeldung gelesen haben, kommt es so an, als wollten die deutschen Medien Russland bewusst schaden:

Und man kann ihnen diese Interpretation (zumindest in diesem Fall) nicht mal übelnehmen.

So untergraben die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und stellen sich — sei es nun mit Absicht oder aus schierer Doofheit — selbst in die russlandfeindliche Ecke. Und das Traurigste ist: Sie merken es nicht mal. Oder sie wollen es nicht merken. Der Leser-Kommentar (Screenshot) ist inzwischen über zwei Wochen alt, seither haben auch einige andere Leser auf den Fehler hingewiesen. Trotzdem steht die Quatschgeschichte bei allen Medien, die wir oben aufgelistet haben, auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an Ben, Katha K. und Mascha B.!

Fünf Jahre alter Steuersünder-Pranger in der Schweiz entdeckt

Eine Nachricht aus der Schweiz versetzt die deutsche Medienlandschaft seit Sonntag in Aufruhr:

Die „Tagesschau“ hat gestern über die Sache berichtet die „Tagesthemen“ auch, ebenso „ZDF heute“, das „heute Journal“, „RTL aktuell“, die dpa, „Spiegel Online“, Bild.de, die „Huffington Post“, „Focus Online“, FAZ.net, Web.de, News.de, „RP Online“, die Online-Auftritte von „Stern“, „Handelsblatt“, n-tv, N24, Deutschlandfunk, „Berliner Morgenpost“, „Welt“ und so ziemlich jedes andere Medium in Deutschland.

Fast alle von ihnen berufen sich auf die Schweizer „Sonntagszeitung“ und behaupten, dass die Schweizer Steuerverwaltung „jetzt“ damit „begonnen“ habe,

die Namen möglicher deutscher und anderer ausländischer Steuerbetrüger im Internet zu veröffentlichen.

Bloß: Das stimmt gar nicht. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) veröffentlicht solche Namen nicht erst seit Neuestem und schon gar nicht „erstmals“ (Bild.de), sondern bereits seit fünf Jahren — für jedermann zugänglich im Internet.

Ein Beispiel: So klingen die Mitteilungen, die vor ein paar Tagen vom ESTV veröffentlicht wurden und über die jetzt alle schreiben:

Um die Geltendmachung des rechtlichen Gehörs zu ermöglichen, fordert die ESTV [Vorname Nachname], geboren am [Geburtsdatum], spanischer Staatsangehöriger, auf, ihr innerhalb von zehn Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zur Zustellung bevollmächtigte Person in der Schweiz zu bezeichnen beziehungsweise eine aktuelle Adresse in der Schweiz mitzuteilen.

Ein Blick ins Bundesblatt-Archiv zeigt jedoch, dass es ähnliche Mitteilungen schon lange gibt, zum Beispiel die folgende, fast wortgleiche Meldung vom Juni 2013 (damals sogar noch mit Adresse):

[…] hat die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) in [Vorname Nachname], geb. [Geburtsdatum], letzte bekannte Adresse: [Adresse], Spanien, am 4. Juni 2013 die folgende Mitteilung erlassen:
– [Vorname Nachname] wird hiermit durch die ESTV aufgefordert, innert 10 Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zustellungsbevollmächtigte Person, einen Vertreter oder eine Vertreterin in der Schweiz zu bezeichnen.

So verfährt die ESTV schon seit mindestens 2010. In ihrem Archiv finden sich etliche solcher Mitteilungen samt Klarnamen, Geburtsdaten, Staatsangehörigkeiten und Adressen.

Was also ist jetzt das Neue an der Geschichte? Nichts.

Aus unserer Sicht ist da gar nichts neu

teilte uns auch ESTV-Sprecher Patrick Teuscher auf Nachfrage mit. Geändert habe sich an der Praxis nichts.

Der einzige Unterschied zu früher sei, dass inzwischen deutlich mehr Amtshilfegesuche gestellt werden: 2014 erreichten das ESTV insgesamt über 2700 Anfragen von ausländischen Behörden, in den Jahren davor waren es jeweils nur halb so viele. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Namen der Betroffenen auch früher schon im Internet veröffentlicht wurden. Im Übrigen sei es auch nicht korrekt, die Betroffenen gleich als „Steuersünder“ zu bezeichnen. Dass ihre Namen dort auftauchen, heiße erstmal nur, dass es steuerliche Unklarheiten gibt.

Eine (oder: die einzige) mögliche Erklärung dafür, warum die deutschen Medien jetzt plötzlich über die Namensveröffentlichung berichten, ist das geschickte Händchen von Arthur Rutishauser, dem Chefredakteur der Schweizer Sonntagszeitung. Der hatte die Story (geschrieben von ihm persönlich) am Sonntag auf der Titelseite gebracht …

… und so getan, es handele sich um eine Neuigkeit:

Jetzt veröffentlicht die Behörde die Namen von Betroffenen im Bundesblatt, das im Internet für jedermann zugänglich ist.

Mit ihrem Vorgehen brechen die Behörden beim Bankgeheimnis ein weiteres Tabu, denn jetzt ist nicht nur für den ausländischen Fiskus einsehbar, wer ein Problem mit den Steuerbehörden hat, sondern für alle.

Einst wurden Bankkundennamen gehütet wie Staatsgeheimnisse, bis heute steht ihre Weitergabe unter Strafe. Doch neuerdings stellt sie die eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) zu Dutzenden ins Netz.

(Hervorhebung von uns.)

Praktischerweise lieferte Rutishauser (der ab Frühjahr übrigens auch die Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ übernehmen wird) den deutschen Medien auch gleich einen deutschen Aufhänger …

…, den die Journalisten natürlich dankbar aufgriffen. Und immer schön mit Verweis auf die vermeintlichen Enthüller der „Sonntagszeitung“.

So tingelt die Geschichte seit Tagen ungeprüft durch nahezu alle deutsche Medien. Dabei hätten die Journalisten durch einen kurzen Anruf bei der Steuerverwaltung oder einen Blick ins Bundesblatt-Archiv ganz einfach selbst herausfinden können, dass die Neuigkeit eigentlich gar keine ist.

Mit Dank an Matthias M.!

Nachtrag, 27. Mai: Ein paar Journalisten haben zwischendurch dann doch noch ihren Job gemacht: Die dpa erwähnte am Montag in einer Meldung, dass im Bundesblatt-Archiv „auch Fälle aus den vergangenen Jahren zu finden“ seien. Gestern schrieb sie dann, dass sich die Sache „bei näherem Hinsehen“ als „alter Hut“ erweise. Warum sie nicht schon vorher näher hingesehen hat, schreibt sie aber nicht.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ hat tatsächlich selbst recherchiert und schrieb in der Ausgabe von gestern:

Wie unbekannt diese [Veröffentlichungs-]Praxis ist, lässt sich gut daran ablesen, dass das Verfahren nach SZ-Recherchen tatsächlich schon mindestens seit Anfang 2012 läuft. Ohne mediale Reaktion. Und es wäre wohl auch länger unentdeckt geblieben, wäre nicht ein Redakteur der Sonntagszeitung darauf gestoßen.

Online steht es bei der „Süddeutschen“ allerdings immer noch falsch.

2. Nachtrag: Claus Kleber hat im „heute journal“ (ab 9:06) gestern so eine Art Korrektur Rechtfertigung versteckt. Mehr über die traurige Verschlimmbesserung bei Stefan Niggemeier.

Dauerfeuer der Halbwahrheiten

Seit Mitte vergangener Woche zieht eine neue Horrorstory aus Nordkorea ihre Kreise durch die westliche Medienwelt. Bild.de fasst sie so zusammen:

Schon wieder eine brutale Hinrichtung in Nordkorea.

Verteidigungsminister Hyon Yong Chol ist laut einem Agenturbericht abgesetzt und hingerichtet worden. (…)

Grund: Der Minister war (…) dabei ertappt worden, wie er bei offiziellen Militärveranstaltungen eindöste. Außerdem habe er Kim Widerworte gegeben.

Besonders brutal: Die Exekution wurde den Angaben zufolge mit Flakfeuer vollzogen.

Die Geschichte war am Mittwoch zuerst von der südkoreanischen Agentur Yonhap in die Welt gesetzt worden, die sich auf den südkoreanischen Geheimdienst NIS berief. Hierzulande wurde sie dann von den Agenturen AFP, AP, Reuters und dpa verbreitet.

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea so ist, übernahmen so ziemlich alle die Geschichte und ließen bis auf ein paar vereinzelte „offenbar“s und „soll“s kaum einen Zweifel an ihrem Wahrheitgehalt:




(Screenshots von „Focus Online“, Express.de, News.de, „T-Online“, Web.de, „RP Online“, den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“, „Zeit Online“, „Spiegel Online“, Heute.de, Stern.de, den Seiten der „Kölnischen Rundschau“, der „Wirtschaftswoche“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesschau“, des „SRF“, des „Tagesanzeigers“, der „Thüringischen Landeszeitung“, des „Deutschlandfunks“, des „Handelsblatts“, des „Tagesspiegels“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, des „Kuriers“, der „Aargauer Zeitung“, des „Südkuriers“, der „Sächsischen Zeitung“, der „FAZ“ und der „NZZ“. Auflistung sicherlich unvollständig.)

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea ebenfalls so ist, stellte sich kurze Zeit später heraus: Stimmt (wahrscheinlich) doch nicht.

Am Tag nach Bekanntwerden der Story meldete die AFP:

Südkorea relativiert Angaben zu Exekution nordkoreanischen Ministers

Südkoreas Geheimdienst hat am Donnerstag zuvor kolportierte Angaben zur Absetzung und Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers Hyon Yong Chol relativiert. Hyon sei zwar entlassen worden, sagte ein Sprecher des Geheimdiensts NIS der Nachrichtenagentur AFP. Auch gebe es Geheimdienstberichte, denen zufolge er hingerichtet worden sein könnte. „Dies konnte aber noch nicht verifiziert werden“, sagte der Sprecher.

Also doch wieder nur ein unbestätigtes Konjunktivkonstrukt aus irgendeiner geheimen Quelle, das von den Medien fälschlicherweise als Tatsache dargestellt wird.

Nun wäre das nicht ganz so schlimm, wenn die Journalisten, die solche Geschichten rumposaunen, wenigstens auch bei der Richtigstellung so eifrig bei der Sache wären. Doch die Meldung vom Rückzieher des Geheimdienstes hat es nur in die wenigsten deutschen Medien geschafft (bisher haben wir ganze vier gezählt). Auch von den Agenturen, die die Story wie wild verbreitet hatten — allein die dpa hat sieben Texte dazu rausgehauen –, hat (bis auf die AFP) keine darüber berichtet, dass der Geheimdienst zurückgerudert ist.

Wahrscheinlich wird die Story nun also Teil des schaurig-bunten Nordkorea-Horror-Pools, aus dem sich die Medien alle paar Monate bedienen („So grausam richtet der Diktator seine Minister hin“), wenn das nächste Gerücht die Runde macht. Da hat die dpa anlässlich der Flak-Geschichte sogar die Nummer mit dem von Hunden zerfleischten Onkel wieder rausgefischt, die (wie die dpa an anderer Stelle selbst schreibt) in Wirklichkeit eine Satiremeldung war. Auch die von der vergifteten Tante wird aufgezählt, obwohl sie (wie die dpa an anderer Stelle ebenfalls selbst schreibt) vom südkoreanischen Geheimdienst als grundlos zurückgewiesen wurde.

Fakten und Fiktion werden gefährlich vermischt, aber es gibt sich auch kaum jemand die Mühe, das zu verhindern. Auch in der Flak-Sache hätten die Journalisten mit ein bisschen Recherchewillen schon früh stutzig werden können, denn es gab bereits kurz nach der Veröffentlichung konkrete Zweifel an der Geschichte. So berichteten unter anderem die „New York Times“ und der „Guardian“ schon am Mittwoch (also an dem Tag, als die Meldung aufkam) über Cheong Seong-chang vom südkoreanischen Sejong Institute, der die Authentizität des Berichts infrage stellte. Der Verteidigungsminister sei kürzlich noch im nordkoreanischen Fernsehen zu sehen gewesen — normalerweise würden abgesetzte und hingerichtete Offizielle aber sofort aus allen TV-Bildern entfernt. Außerdem sei sein Name am 30. April (seinem angeblichen Hinrichtungstag) in der Tageszeitung des Regimes veröffentlicht worden.

„Das bedeutet, er war bis zum 29. April nicht verhaftet,“ sagte [Cheong Seong-chan]. „Das bedeutet, er wurde am 30. April verhaftet und am selben Tag hingerichtet. Das ist schwer zu glauben, es sei denn, er hat etwas Ungewöhnliches versucht, zum Beispiel ein Attentat auf Kim Jong-un.“

Hierzulande hat sich nur Welt.de ausführlich mit diesem Kritikpunkt beschäftigt. Die AFP erwähnte die Zweifel des Analysten am Mittwoch immerhin am Rande und zitierte ihn mit den Worten, der Bericht sei „unüberlegt“; es handele sich um „wackelige, unbestätigte Geheimdienstberichte“.

Dieses Zitat steht auch beim „Guardian“. Da geht es allerdings noch weiter:

He added: “It needs to be verified, but is already being reported as fact by the media, which only adds to the confusion.”

In deutschen Medien sucht man diesen Satz vergeblich.

Mit Dank an Erik H.

Auf 799,2 Milliarden mehr oder weniger kommt es bei Griechenland auch nicht mehr an

Laien-Darsteller / Janis Varoufakis ist angetreten, die Elite des Landes zur Kasse zu bitten. Doch in Wirklichkeit lässt er sie in Ruhe. Auch die 800 Milliarden Euro griechischen Vermögens in der Schweiz rührt er nicht an

Die „Welt am Sonntag“ nennt Yanis Varoufakis, den griechischen Finanzminister, einen „Laien-Darsteller“. Weil er griechische Vermögen, die auf Schweizer Konten liegen und womöglich nicht versteuert wurden, unbehelligt lasse. Es handele sich um 800 Milliarden Schweizer Franken, weiß das Blatt. 800 Milliarden!

800 Milliarden Schweizer Franken (was sehr grob auch 800 Milliarden Euro entspricht), das wären mehr als dreimal so viel, wie in Griechenland insgesamt im Laufe eines Jahres erwirtschaftet wird. Das komplette Bruttoinlandsprodukt Griechenlands von drei Jahren soll auf Schweizer Konten liegen?

Die Zahl ist natürlich falsch. Sie ist sogar um den Faktor 1000 falsch. Gemeint haben die Profi-Journalisten von der „Welt am Sonntag“ 800 Millionen Schweizer Franken.

Es handelt sich nicht um einen einmaligen Tippfehler. Die falsche Angabe zieht sich durch den Artikel, über dem nicht weniger als drei Autorennamen stehen: Jan Dams, Martin Greive und Sebastian Jost. Sie findet sich auch in einem Kasten und einer Infografik, unter der verlockenden Überschrift „Ein Schatz, der nur gehoben werden muss“:

Die groteske Zahl hat es in besonders gehässiger Form auch auf die Titelseite der „Welt am Sonntag“ geschafft:

Janis Varoufakis: Warum ihm 800 Milliarden Schweizer Franken egal sind

Und ins Editorial des stellvertretenden Chefredakteurs Beat Balzli, der hämisch schreibt:

Das Netz spottet über einen Mann, der eigentlich Athens Finanzen in Ordnung bringen soll und stattdessen wie ein Popsternchen auf jede Bühne springt. So warten etwa die Schweizer bislang vergeblich auf seinen Besuch. Im Alpenland liegen griechische Vermögen im Umfang von mindestens 800 Milliarden Franken. Die Regierung in Bern ist längst bereit für ein Steuerabkommen. Varoufakis offenbar nicht.

Die Zahl ist so unglaublich, dass die Nachrichtenagentur dpa beschloss, sie ungeprüft weiter zu verbreiten. Am Sonntagmittag meldete sie unter Berufung auf die „Welt am Sonntag“:

Nach Statistiken der Schweizer Notenbank sind rund 800 Milliarden Euro griechisches Vermögen in der Schweiz. Diese Zahl wurde Ende 2013 ermittelt. Ein großer Teil der Zinseinnahmen auf dieses Geld dürfte unversteuert geblieben sein. Mittlerweile könnte es um noch mehr Geld gehen, weil viele Griechen in der aktuellen Krise ihre Bankkonten leergeräumt haben.

Die absurde Zahl schaffte es in der Folge unter anderem in die Online-Auftritte von „Spiegel Online“, n-tv, „Manager Magazin“, „Bild“, „Stuttgarter Nachrichten“, „Oberbayerisches Volksblatt“, „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Es dauerte bis 20:38, bis dpa sich – wiederum unter Berufung auf die „Welt“ – korrigierte. In einer neuen Version der Meldung „(Berichtigung: Vermögenssumme im 3. Absatz korrigiert)“ standen nun Millionen statt Milliarden. „Welt Online“ ergänzte seinen korrigierten Artikel um den Absatz:

In einer früheren Version des Textes hieß es, nach Statistiken der Schweizer Notenbank lagerten rund 800 Milliarden Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Richtig ist: Es lagerten 800 Millionen Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.

Trotzdem steht die falsche Zahl heute in vielen Tageszeitungen, im „Tagesspiegel“, in der „Berliner Zeitung“, im „Hamburger Abendblatt“, in der „Rheinischen Post“, in der „Nürnberger Zeitung“, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, in den „Salzburger Nachrichten“ …

In all diesen Redaktionen war keinem der Journalisten, deren Beruf es ist, Artikel über Griechenland zu verfassen oder redigieren, aufgefallen, dass die Zahl von 800 Milliarden Schweizer Franken so grotesk hoch ist, dass sie gar nicht stimmen kann. Sie alle haben eine um den Faktor tausend (oder in absoluten Zahlen: um 799,2 Milliarden Schweizer Franken) zu hohe Zahl für realistisch gehalten. Oder sich nicht damit aufgehalten, das, was sie in ihre Zeitung drucken, einem Realitätscheck zu unterziehen.

Sie alle haben die irrwitzige Zahl übernommen, die aus einem Artikel der „Welt am Sonntag“ stammt, der dem griechischen Finanzminister vorwarf, laienhaft zu agieren.

Asylstatistik, geschnitten serviert

Als wir vor ein paar Tagen darüber berichteten, wie die „Bild“-Zeitung Stimmung gegen Asylbewerber macht, schrieb uns ein Leser, dass auch andere Medien gezielt Panik verbreiten würden:

apropos Angstmache vor „Flüchtlingsflut“:
da machen auch Blätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit, indem sie bspw. Statistiken manipulativ so ausschneiden, dass die aktuellen Zahlen herausstechen.

Konkret meint er eine Infografik, die vor gut drei Wochen bei Faz.net erschienen ist:

Ein ganz ähnliches Diagramm taucht derzeit auch in anderen Medien auf, etwa im aktuellen „Spiegel“* …

(Hier sind die Zahlen insgesamt niedriger, weil der „Spiegel“ nur die Erstanträge zählt, Faz.net aber Erst- und Folgeanträge.)

… auf den Webseiten der „Welt“ …

… oder der „Berliner Zeitung“* …

… und auch die dpa* hat eine Grafik im Angebot:

Sie alle bilden den Zeitraum von 1995 bis heute ab. Das ist zwar nicht falsch, aber: 1992 gab es mehr als doppelt so viele Asylanträge wie 1995. Auch 1991 und 1993 war die Zahl viel größer. In der Infografik werden diese Jahre aber weggelassen, wodurch der Balken für das aktuelle Jahr im Vergleich zu den anderen deutlich höher ist.

Wenn man die Grafik aber beispielsweise um fünf Jahre nach hinten ausdehnt, sieht sie nicht mehr so aus …

… sondern so:

Und wenn man noch ein paar Jahre zurückgeht, so:


(Jeweils Erst- und Folgeanträge; Quellen: „Das Bundesamt in Zahlen“ & „Aktuelle Zahlen zu Asyl“ des BAMF, für 2014: Schätzung des Bundesinnenministers im Mai.)

Dass die Medien nur den Ausschnitt ab 1995 zeigen, muss natürlich nicht gleich böse Absicht sein (wir vermuten eher, dass sie einfach auf die aktuelle Statistik des BAMF zurückgegriffen haben, dort werden nämlich ebenfalls nur die Zahlen ab 1995 aufgelistet), aber mit ein bisschen mehr Recherche und ein paar zusätzlichen Zahlen hätten sie erstens eine bessere Einordnung und zweitens weniger Futter für Manipulationsvorwürfe geliefert.

Mit Dank an Christian K.

Nachtrag/Korrektur, 19.05 Uhr: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass man in diesem Zusammenhang auch den „Asylkompromiss“ beachten muss. Diese im Mai 1993 beschlossene Neuregelung des Asylrechts hatte unter anderem zur Folge, dass es schwieriger wurde, sich auf das Grundrecht auf Asyl zu berufen. *Wichtig ist außerdem: Bei Infografiken, die nur die Erstanträge abbilden, können die Jahre vor 1995 nicht als Vergleich herangezogen werden. Das BAMF differenziert in seiner Statistik nämlich erst seit 1995 zwischen Erst- und Folgeanträgen.

Bild.de, dpa  etc.

Die Sabberjournaille und der Sex von Reese Witherspoon

In vielen Medien ist heute vom neuen Kinofilm mit Reese Witherspoon zu lesen. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, der Zeitpunkt aber schon: Der Film startet hierzulande erst in vier Monaten, da ist es für Vorbesprechungen eigentlich noch viel zu früh.

Dass heute trotzdem schon intensiv darüber berichtet wird, liegt auch nicht am Film selbst, sondern an diesem Bild.de-Artikel von gestern Abend:

Darin heißt es:

Die brave Blondine rüttelt an ihrem Sweetheart-Image …

Reese Witherspoon (38) spricht im Interview mit der US-Zeitschrift „Vogue“ über ihren neuen Film „Wild“ (ab 5. Februar 2015 im Kino). Sie verrät, dass sie beim Dreh der Sexszenen auf echtem Sex bestand! (…)

Der Sex (…) war echt. „Ich wollte, dass es wahrhaftig und real ist“, sagt Witherspoon im „Vogue“-Interview.

Und das macht die Sache für die deutsche Sabberjournaille natürlich schon jetzt höchst interessant.

So dauerte es auch nicht lange, bis auch die dpa aufsprang und heute Morgen verkündete:

US-Schauspielerin Reese Witherspoon (38) wollte beim Dreh ihres neuen Films „Wild“ echten Leinwand-Sex und keine Schummelei. „Ich wollte, dass es wahrhaftig, dass es roh und dass es real ist“, sagte sie dem US-Magazin „Vogue“.

Inzwischen findet man die Story (mal im Newsticker, mal als redaktionell bearbeiteten Beitrag) unter anderem bei Stern.de, „Focus Online“, Welt.de, Tagesspiegel.de, „RP Online“, oe24.at, Bunte.de, den Online-Auftritten von n-tv, N24, der „Berliner Zeitung“, der „Passauer Neuen Presse“, den „Ruhrnachrichten“, des „Merkur“, des „Schwarzwälder Boten“, der „Intouch“, der „Augsburger Allgemeinen“, des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und der „Abendzeitung“.

Der Haken ist aber: Das stimmt alles gar nicht.

In dem „Vogue“-Interview, auf das sich Bild.de und die dpa berufen, sagt Witherspoon lediglich:

“I just didn’t want to hear, ‘Oh, we don’t want to see Reese have sex. . . . Oh, can we not have any profanity?’ ” says Witherspoon. “I wanted it to be truthful, I wanted it to be raw, I wanted it to be real.”

Das bedeutet aber keinesweg, dass sie echten Sex hatte. Es sollte nur auf der Leinwand echt wirken.

Allem Anschein nach wollte Witherspoon bloß ausdrücken, dass die Sexszenen in ihrer Härte und Deutlichkeit über das hinausgehen sollten, was sie bisher gemacht hat. Das wäre auch eine Erklärung dafür, warum ausschließlich deutschsprachige Medien über „echten Sex beim Filmdreh“ schreiben. Englischsprachige Portale stürzen sich zwar auch auf das Zitat, aber nur, weil sie auf den Imagewechsel der Schauspielerin hinauswollen („The girl next door is suddenly a girl gone Wild“). Von echtem Sex ist dort nicht mal ansatzweise die Rede.

Mit Dank an Björn S., Jonas G., Jan W., Markus, CL und Martin S.

Nachtrag, 15 Uhr: Die dpa hat schon vor Erscheinen unseres Eintrags eine korrigierte Version der Meldung verschickt, die inzwischen von stern.de, welt.de, pnp.de, ruhrnachrichten.de, schwarzwaelder-bote.de und merkur-online.de übernommen wurde. Die Online-Redaktion von n-tv.de hat (im Gegensatz zu den gerade genannten) auch darauf hingewiesen, dass sie ursprünglich falsch berichtet hatte. Bei allen anderen hat sich gar nichts getan.

Kurz korrigiert (502)

In einem Artikel über Michael Hartmann (SPD) schrieb „Zeit Online“ gestern:

Sprecher für SPD-Innenpolitik wird Hartmann allerdings nicht mehr werden. Am Dienstag bestimmten die Abgeordneten den Magdeburger Burkhardt Lischka für dieses Amt. Er ist bereits der dritte innenpolitische Sprecher der SPD in dieser Legislaturperiode. Anfang Februar war der bisherige Innenpolitiker Sebastian Edathy von diesem Amt zurückgetreten.

Das ist falsch. Zumindest die zweite Hälfte.

Sebastian Edathy hat dieses Amt in Wahrheit nämlich nie bekleidet, er konnte also auch nicht davon zurücktreten. Michael Hartmann war bereits seit Oktober 2011 Sprecher für SPD-Innenpolitik und folgte damit direkt auf den langjährigen Sprecher Dieter Wiefelspütz.

Lischka ist demnach nicht „bereits der dritte“, sondern erst der zweite innenpolitische Sprecher der SPD in dieser Legislaturperiode.

Die falsche Behauptung, Edathy sei der Vorgänger von Hartmann gewesen, geistert allerdings schon seit geraumer Zeit durch die Medienlandschaft. In die Welt gesetzt wurde sie vermutlich von der „Bild“-Zeitung, die im Juli schrieb:

Hartmann ist eng befreundet mit Sebastian Edathy (44) — seinem Vorgänger als innenpolitischer Sprecher.

Auch die dpa behauptete vor zwei Wochen:

Lischka wird dann bereits der dritte SPD-Innenpolitikexperte in dieser Legislaturperiode sein: Hartmann-Vorgänger Sebastian Edathy hatte seine Bundestagsmandat im Februar niedergelegt […].

Und die Online-Ausgabe der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ titelte bei der Berufung Lischkas ebenso falsch:

Übrigens: Edathy war zwar nie innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, aber Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages. Womöglich haben die Politik-Journalisten diesen feinen Unterschied — immer wieder aufs Neue — übersehen.

Mit Dank an Philipp.

Einmal Ente mit ohne Katze

Eine Nachricht schockiert die Welt.



Dieser „Aufreger“ geht ursprünglich auf die L.A. Times zurück. Dort hatte eine Anthropologin vor zwei Tagen behauptet (Übersetzung von uns):

Mir wurde [von der Herstellerfirma] gesagt, dass Hello Kitty keine Katze ist. Sie ist eine Cartoon-Figur. Sie ist ein kleines Mädchen. Sie ist ein Freund. Aber sie ist keine Katze. Sie wurde nie auf allen Vieren gesehen. Sie geht und sitzt wie ein zweibeiniges Wesen. Sie hat selbst eine Katze als Haustier.

Okay. Nehmen wir mal an, das stimmt alles so. Aber was ist dann zum Beispiel mit Micky Maus? Der geht und sitzt schließlich auch auf zwei Beinen und hat sogar einen Hund als Haustier. Aber würde jemand bezweifeln, dass er eine Maus ist? Und was ist mit Donald Duck? Und Bugs Bunny? Und Tom & Jerry? Und Winnie Puuh?

Das englische Blog Kotaku wollte dem katzenfreien Braten auch nicht so recht trauen und hat bei Sanrio, der Herstellerfirma von Hello Kitty, nachgehakt.

Und plötzlich klang die Sache dann doch ganz anders:

Als wir in Sanrios Hauptquartier in Tokio fragten, ob Hello Kitty wirklich eine Katze sei, erklärte eine Sprecherin: „Hello Kitty wurde nach dem Vorbild einer Katze erschaffen. Es würde zu weit gehen zu sagen, dass Hello Kitty keine Katze ist. Hello Kitty ist eine personifizierte, eine vermenschlichte Katze.“

Um sicherzugehen, fragte ich noch einmal: „Also würde es zu weit gehen zu sagen, dass Hello Kitty keine Katze ist?“ Die Sprecherin antwortete: „Ja, das würde zu weit gehen“.

Dieser Blogeintrag ist heute Morgen unter dem schönen Titel „Seid nicht bescheuert, Hello Kitty ist eine Katze“ erschienen und pflückt die Geschichte von der angeblichen Nicht-Katzen-Katze sehr schön auseinander, was Journalisten wie die von „Spiegel Online“, Stern.de, „Focus Online“, dpa und Süddeutsche.de aber nicht davon abgehalten hat, sie im Laufe des Tages trotzdem zu verbreiten. Letztere haben es immerhin geschafft, die neuesten Erkenntnisse in den Text einzubauen und die Überschrift (ursprünglich: „Hello Kitty ist keine Katze“) in „Mensch, Kätzchen!“ zu ändern.

Na, wenigstens bei einem sollte es in Zukunft keine Missverständnisse mehr geben:

Mit Dank an den Hinweisgeber

Bild, dpa  

Angehörige sollen Fotografen verprügelt haben

In Freiburg ist vor zwei Wochen die Leiche eines achtjährigen Jungen gefunden worden. Die Ermittler gehen von einem Verbrechen aus.

Das Medieninteresse an dem Fall ist so enorm, dass das Ordnungsamt vor der Beerdigung des Kindes eine Verfügung verhängen musste, um Fotos und Filmaufnahmen während der Trauerfeier zu verhindern. Der Friedhof wurde so gut es ging abgeschirmt, Kameraleute mussten draußen bleiben.

Einige Journalisten warteten jedoch, bis die Beisetzung vorbei war, gingen auf den Friedhof und knipsten dann.

„Bild“ druckte in der Stuttgarter Ausgabe ein Foto, auf dem (aus einiger Entfernung) zu sehen ist, wie das Grab des Jungen zugeschaufelt wird. Online ist außerdem ein riesiges Foto erschienen, auf dem man die Trauerkränze und das Grabkreuz sieht.

Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten, hat noch ein weiterer Journalist auf dem Friedhof fotografiert — und ist daraufhin von Angehörigen des Jungen krankenhausreif geprügelt worden.

Familienangehörige des ermordeten Achtjährigen haben einen Pressefotografen zusammengeschlagen, weil er das Grab des Jungen fotografiert hat. Das Opfer erlitt massive Gesichtsverletzungen und musste stationär in einem Krankenhaus behandelt werden. Das bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg (…).

Der Fotograf habe mehrere Stunden nach der Beerdigung Fotos vom Grab des Jungen gemacht, sich damit aber „rein rechtlich“ nichts zu Schulden kommen lassen, zitiert die Zeitung eine Polizeisprecherin.

Als er sich weigerte, den Angehörigen die Speicherkarte zu geben, soll ein Familienmitglied

ausgerastet sein und derart brutal auf den Mann eingeprügelt haben, dass dieser einen Kiefer- und einen Augenhöhlenbruch erlitt.

Weil dem Fotografen zudem die Speicherkarte abgenommen worden sei, ermittle die Staatsanwaltschaft jetzt gegen zwei Angehörige wegen Körperverletzung und räuberischen Diebstahls.

Weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei hatten den Fall öffentlich gemacht. „Auf ausdrücklichen Wunsch des Opfers“, wie es heißt.

Nach unseren Informationen war der Fotograf im Auftrag der dpa unterwegs. Die Agentur wollte sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht zu der Sache äußern.

dpa, sid  etc.

Für eine Handvoll Massenschläger

Pressemitteilungen der Polizei lassen den abschreibenden Journalisten normalerweise eher geringen Interpretationsspielraum. Wenn sich der „Verunfallte“ mit seinem „Kraftfahrzeug“ vom „Unfallort entfernt“, gibt’s eben nicht viel rumzudeuten, da ist die Sache klar.

Die Mitteilung, die am Montagabend nach dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal von der Polizei Essen rausgehauen wurde, war allerdings nicht ganz so eindeutig zu lesen. Dort hieß es:

Polizei Essen im Einsatz
Kurz nach Spielschluß kam es zu einer Schlägerei vor der Essener Grugahalle, wo zuvor tausende Fans den deutschen Sieg über Portugal gefeiert hatten. Bis zu circa 100 Personen gerieten kurzfristig in Streit.

„Schlägerei“, „100 Personen“, „Streit“ – da kann man als diensthabender dpa-Polizeimeldungszusammenfasser mitten in der Nacht schon mal durcheinanderkommen. Die Agentur meldete jedenfalls anderthalb Stunden nach der Polizeimeldung:

Schlägerei mit rund 100 Beteiligten nach Auftaktsieg der Nationalelf
Nach dem WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft haben sich rund 100 Fans in Essen geprügelt. Wie die Polizei mitteilte, eskalierte am Montagabend ein Streit vor der Essener Grugahalle, in der zuvor Tausende Menschen den 4:0-Sieg gegen Portugal verfolgt hatten.

Haben Sie’s bemerkt? In der Pressemitteilung gerieten die 100 Personen „in Streit“ — bei der dpa haben sie sich „geprügelt“. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung:


Die dpa ist nicht die einzige Quelle für diese Artikel. Manche beruhen auch auf dem Sport-Informations-Dienst (SID), der gestern in gleich vier verschiedenen Meldungen berichtete, in Essen sei es zu einer „Massenschlägerei“ beziehungsweise einer „wüsten Prügelei“ gekommen. Als Beleg verweist der SID auf die oben zitierte Pressemitteilung der Polizei — in der von Massenschlägerei allerdings gar keine Rede ist.

Gestern Mittag, gut 14 Stunden nach ihrer ersten Meldung, hatte die dpa es dann schließlich auch geschafft, nochmal bei der Polizei nachzufragen — und siehe da: In der neuesten Meldung prügelten sich nicht mehr alle 100 Personen, sondern nur noch „etwa eine Handvoll“:

In Essen gerieten nach dem Schlusspfiff laut Polizeiangaben rund hundert Menschen vor der Essener Grugahalle in Streit. In dem Tumult sei etwa eine Handvoll Fans handgreiflich geworden, zwei Menschen erlitten leichte Verletzungen, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag.

Diese korrigierte und deutlich unspektakulärere Fassung hat es allerdings nur in in die wenigsten Medien geschafft.

Via Reviersport. Mit Dank an Wolfram L.

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