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Bild, dpa  

Angehörige sollen Fotografen verprügelt haben

In Freiburg ist vor zwei Wochen die Leiche eines achtjährigen Jungen gefunden worden. Die Ermittler gehen von einem Verbrechen aus.

Das Medieninteresse an dem Fall ist so enorm, dass das Ordnungsamt vor der Beerdigung des Kindes eine Verfügung verhängen musste, um Fotos und Filmaufnahmen während der Trauerfeier zu verhindern. Der Friedhof wurde so gut es ging abgeschirmt, Kameraleute mussten draußen bleiben.

Einige Journalisten warteten jedoch, bis die Beisetzung vorbei war, gingen auf den Friedhof und knipsten dann.

„Bild“ druckte in der Stuttgarter Ausgabe ein Foto, auf dem (aus einiger Entfernung) zu sehen ist, wie das Grab des Jungen zugeschaufelt wird. Online ist außerdem ein riesiges Foto erschienen, auf dem man die Trauerkränze und das Grabkreuz sieht.

Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten, hat noch ein weiterer Journalist auf dem Friedhof fotografiert — und ist daraufhin von Angehörigen des Jungen krankenhausreif geprügelt worden.

Familienangehörige des ermordeten Achtjährigen haben einen Pressefotografen zusammengeschlagen, weil er das Grab des Jungen fotografiert hat. Das Opfer erlitt massive Gesichtsverletzungen und musste stationär in einem Krankenhaus behandelt werden. Das bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg (…).

Der Fotograf habe mehrere Stunden nach der Beerdigung Fotos vom Grab des Jungen gemacht, sich damit aber „rein rechtlich“ nichts zu Schulden kommen lassen, zitiert die Zeitung eine Polizeisprecherin.

Als er sich weigerte, den Angehörigen die Speicherkarte zu geben, soll ein Familienmitglied

ausgerastet sein und derart brutal auf den Mann eingeprügelt haben, dass dieser einen Kiefer- und einen Augenhöhlenbruch erlitt.

Weil dem Fotografen zudem die Speicherkarte abgenommen worden sei, ermittle die Staatsanwaltschaft jetzt gegen zwei Angehörige wegen Körperverletzung und räuberischen Diebstahls.

Weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei hatten den Fall öffentlich gemacht. „Auf ausdrücklichen Wunsch des Opfers“, wie es heißt.

Nach unseren Informationen war der Fotograf im Auftrag der dpa unterwegs. Die Agentur wollte sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht zu der Sache äußern.

dpa, sid  etc.

Für eine Handvoll Massenschläger

Pressemitteilungen der Polizei lassen den abschreibenden Journalisten normalerweise eher geringen Interpretationsspielraum. Wenn sich der „Verunfallte“ mit seinem „Kraftfahrzeug“ vom „Unfallort entfernt“, gibt’s eben nicht viel rumzudeuten, da ist die Sache klar.

Die Mitteilung, die am Montagabend nach dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal von der Polizei Essen rausgehauen wurde, war allerdings nicht ganz so eindeutig zu lesen. Dort hieß es:

Polizei Essen im Einsatz
Kurz nach Spielschluß kam es zu einer Schlägerei vor der Essener Grugahalle, wo zuvor tausende Fans den deutschen Sieg über Portugal gefeiert hatten. Bis zu circa 100 Personen gerieten kurzfristig in Streit.

„Schlägerei“, „100 Personen“, „Streit“ – da kann man als diensthabender dpa-Polizeimeldungszusammenfasser mitten in der Nacht schon mal durcheinanderkommen. Die Agentur meldete jedenfalls anderthalb Stunden nach der Polizeimeldung:

Schlägerei mit rund 100 Beteiligten nach Auftaktsieg der Nationalelf
Nach dem WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft haben sich rund 100 Fans in Essen geprügelt. Wie die Polizei mitteilte, eskalierte am Montagabend ein Streit vor der Essener Grugahalle, in der zuvor Tausende Menschen den 4:0-Sieg gegen Portugal verfolgt hatten.

Haben Sie’s bemerkt? In der Pressemitteilung gerieten die 100 Personen „in Streit“ — bei der dpa haben sie sich „geprügelt“. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung:


Die dpa ist nicht die einzige Quelle für diese Artikel. Manche beruhen auch auf dem Sport-Informations-Dienst (SID), der gestern in gleich vier verschiedenen Meldungen berichtete, in Essen sei es zu einer „Massenschlägerei“ beziehungsweise einer „wüsten Prügelei“ gekommen. Als Beleg verweist der SID auf die oben zitierte Pressemitteilung der Polizei — in der von Massenschlägerei allerdings gar keine Rede ist.

Gestern Mittag, gut 14 Stunden nach ihrer ersten Meldung, hatte die dpa es dann schließlich auch geschafft, nochmal bei der Polizei nachzufragen — und siehe da: In der neuesten Meldung prügelten sich nicht mehr alle 100 Personen, sondern nur noch „etwa eine Handvoll“:

In Essen gerieten nach dem Schlusspfiff laut Polizeiangaben rund hundert Menschen vor der Essener Grugahalle in Streit. In dem Tumult sei etwa eine Handvoll Fans handgreiflich geworden, zwei Menschen erlitten leichte Verletzungen, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag.

Diese korrigierte und deutlich unspektakulärere Fassung hat es allerdings nur in in die wenigsten Medien geschafft.

Via Reviersport. Mit Dank an Wolfram L.

Ein schönes, falsches Bild von Google

Wenn Digitalthemen Schlagzeilen machen, ist es ein Alptraum für Bildredakteure. Denn das Internet ist nicht fotogen. An Hackern in Skimasken, Snowden-Fotos und abfotografierten Bildschirmen hat sich das Publikum schon lange sattgesehen.

Nicht ganz so schlimm war es, als der Europäische Gerichtshof am Dienstagmorgen eine überraschende Entscheidung verkündete: Der Suchmaschinenkonzern Google wurde verpflichtet, bestimmte Artikel über den spanischen Kläger nicht mehr zu verlinken. Es war kein Problem, denn die dpa hatte das perfekte Bild im Angebot: Eine Google-Angestellte, die einsam zwischen den riesigen Serverschränken an einem Laptop sitzt und Wartungsarbeiten vornimmt. Das Foto ist so perfekt, dass es bei vielen Online-Portalen verwendet wurde.

Auf sueddeutsche.de, …

Screenshot: Sueddeutsche.de

… auf spiegel.de ,…

googlefoto-spon

welt.de

googlefoto-welt

… bei der Frankfurter Rundschau, beim Handelsblatt und vielen anderen.

Das Problem an dem Bild: Es ist eine Fälschung. Oder eine künstlerische Neuinterpretation des Google-Rechenzentrums in Oregon.

Es stammt aus der Hochglanzproduktion „Where the Internet lives„, mit dem sich Google 2012 von seiner besten Seite präsentieren wollte. Die Fotografin Connie Zhou hatte, wie Google nach herber Kritik schließlich einräumte, aus ästhetischer Gründen Korrekturen an den Originalbildern vorgenommen. Mal wurden die Kontraste bereinigt, mal ein störender Lichtfleck ausgeblendet, mal die Perspektive des Bildes digital verändert. Bei dem heute so prominenten Bild baute sie jedoch gleich das Gebäude um: Der breite Gang neben der Google-Mitarbeiterin — hier die Originalaufnahme — wurde kurzerhand in der Nachbearbeitung mit einem Serverschrank überdeckt, sodass sie komplett von Computern eingeschlossen scheint. Sehr symbolisch, aber eben auch falsch.

Die prominente Bildverfälschung, die zum Beispiel vor zwei Jahren von Zeit Online aufgegriffen worden war, war der Bildredaktion der dpa entgangen. Auf unsere Nachfrage hat ein Sprecher der Nachrichtenagentur nun Konsequenzen versprochen: „Wir ziehen das Bild jetzt aus dem Dienst zurück, denn Bildmanipulationen jeglicher Art sind mit den dpa-Standards nicht vereinbar.“

Nachtrag, 13:02 Uhr: Süddeutsche.de hat das Bild inzwischen transparent ersetzt.

dpa  

Liebenswerte Löwen für die Rhön

Das hessische Umweltministerium hat heute bekannt gegeben, wilde Tiere, die im Zoo keinen Platz mehr finden, im Land auswildern zu wollen. Ein erster Versuch mit einem Bären verlief erfolgreich: Eine einheimische Nachrichtenagentur ließ ihn sich widerstandslos aufbinden.

Die Meldung, die der hessische Landesdienst von dpa heute um 16:27 Uhr brachte, klang noch halbwegs harmlos:

Hessen plant Auswilderungsprogramm für Zoo-Tiere

Wiesbaden (dpa/lhe) – Hessen plant ein Auswilderungsprogramm für Zoo-Tiere. Es werde geprüft, ob die Kernzonen im Biosphärenreservat Rhön oder im Kellerwald für eine Auswilderung dieser schützenswerten Tiere geeignet sei, erklärte Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) am Montag in Wiesbaden. „Wir möchten vermeiden, dass Tiere getötet werden, nur weil in den Zoos offensichtlich kein Platz mehr für sie ist und sie nicht in die europäischen Zuchtaustauschprogramme aufgenommen werden können.“ Der Kopenhagener Zoo hatte vor wenigen Tagen zwei ausgewachsene Löwen und deren Junge eingeschläfert, um Platz für ein neues Zuchttier zu schaffen und Inzucht zu verhindern.

Ja, da blieben noch ein paar Fragen offen, aber die würde sicher die Zusammenfassung beantworten, die dpa für 17 Uhr ankündigte. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später ergänzte dpa:

Giraffen, Löwen und Ozelots sollen künftig in hessischen Naturschutzgebieten zu sehen sein.

Der Löwe ist das hessische Wappentier, das passt schon. Und solche Attraktionen kurbeln ja auch die Wirtschaft in strukturschwachen Regionen an:

Das Auswilderungsprogramm für Zootiere diene auch nicht nur dem Tierwohl, sondern auch der Stärkung des ländlichen Tourismus, betonte Hinz. Das Biosphärenreservat Rhön und der Kellerwald würden damit künftig über ein Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Naturschutzgebieten verfügen.

Aber frieren die da nicht, die Giraffen und die Löwen, in der Steppe des Kellerwaldes? Aber nein:

Wegen des sich rapide ändernden Weltklimas dürften sich die ausgesiedelten Wildtiere ohne Anpassungsschwierigkeiten auch in hessischen Naturräumen heimisch fühlen, erklärte die Ministerin.

Und —

Alle ausgewilderten Tiere sollen nach ihren Worten vom allgemeinen Jagdrecht ausgeschlossen werden.

Okay…



Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis irgendjemand bei dpa scharf den Rückwärtsgang einlegte. Um 17:29 rief die Agentur beide Meldungen zurück:

Er handelt sich um einen Aprilscherz des hessischen Umweltministeriums.

Oder — angesichts der Tatsache, dass der 1. April erst morgen ist — womöglich auch um einen zeitlosen Test, ob diese Agenturleute wirklich alles glauben.

Mit Dank an Mathias S.!

Eine Frage, Bild.de

Seit wann tragen „US-Kampfjets“ eigentlich das Hoheitszeichen der polnischen Luftstreitkräfte?US-Kampfjets in Polen - Ein F-16-Kampfjet der US-Luftwaffe ist auf der Militärbasis in Lask im Zentrum Polens gelandet. Das Pentagon ließ zuletzt 12 Maschinen sowie 300 Soldaten im Rahmen einer Militärübung, wie es hieß, nach Polen verlegen

Vielleicht hat ja die dpa eine Idee. Immerhin hat sie das Foto heute in Umlauf gebracht — und dabei ebenfalls behauptet, es handele sich um einen „F-16 fighter“ der „US Air Force“.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 17. März: Bild.de spricht jetzt nur noch von „Kampfjets“. Der Zusatz bezüglich der „US-Luftwaffe“ wurde entfernt.

dpa  

Produkte aus Ihrer Region

Die „Berliner Morgenpost“ berichtet heute über den Handel mit illegalen Zigaretten in der Hauptstadt. Ein Sprecher des Zollfahndungsamts Berlin-Brandenburg erklärt:

„Inzwischen liegt der Anteil der gefälschten Ware aus illegalen Fabriken, die in der Region angeboten wird, bei 90 Prozent“

Bei so einem Satz kann man am frühen Morgen schon mal durcheinanderkommen. Blöd nur, wenn man gerade bei der Deutschen Presse-Agentur im Dienst ist. Die fasste den „Morgenpost“-Artikel so zusammen:Illegale Zigaretten kommen überwiegend aus der Region
Im Text behauptet die dpa:

Etwa 90 Prozent der Zigaretten, die in Berlin auf dem Schwarzmarkt verkauftt werden, kommen aus illegalen Fabriken in der Region.

Unterschied bemerkt? Einmal nicht richtig hingeschaut und schwupps!, gibt es in Brandenburg illegale Zigaretten-Fabriken.

Der Tippfehler („verkauftt“) wurde von den meisten Medien, die diese Meldung übernommen haben, zwar korrigiert, am Inhalt zweifelte aber offenbar niemand. Selbst bei der „Berliner Morgenpost“, auf deren (richtigem) Artikel die (falsche) dpa-Meldung beruhte, erschien der Text im Newsticker.

Inzwischen hat die dpa eine Berichtigung veröffentlicht (Nachtrag, 7. Januar: die Berichtigung erschien wenige Minuten nach der ursprünglichen Meldung), die Überschrift lautet jetzt: „Illegale Zigaretten kommen überwiegend aus illegalen Fabriken“. Irgendwelche Folgen hatte diese Berichtigung aber nicht mehr.

Mit Dank an Stephan S.

Journalismus auf Irrwegen

Es ist aber auch eine kuriose Geschichte, die die dpa da entdeckt hat. Unter der Überschrift …Bosnische Fußball-Fans reisen zum Auswärtsspiel ins falsche Land

… tickerte die Agentur in der vergangenen Woche:

Auf der europäischen Landkarte haben mehrere Fußball-Fans aus Bosnien-Herzegowina wohl die Übersicht verloren: Sie wollten ihr Team am vergangenen Dienstag beim entscheidenden letzten WM-Qualifikationsspiel im litauischen Kaunas unterstützen. Doch statt nach Litauen reisten die Fans ins benachbarte Lettland – sie hatten bei der Buchung nicht genau aufgepasst, wohin die Reise geht.

Tja — dumm gelaufen.

Es dauerte nich lange, bis sich auch andere Medien für die Geschichte der „Touristen-Trottel“ (Süddeutsche.de) interessierten — so etwa das „Hamburger Abendblatt“, die „Mopo“tagesschau.de, die „Sächsische Zeitung“, sport1.de, der „Kölner Stadt-Anzeiger“, „NWZonline“, der „General-Anzeiger Bonn“, der „Nordkurier“, die „Rhein-Zeitung“, express.de, die „Saarbrücker Zeitung“, die „Rheinische Post“, die „Nürnberger Zeitung“, die „Main Post“, die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und und und.

Doch so schön sie auch ist: Die Geschichte der verirrten Fans ist ein Fake.

Sie stammt nämlich ursprünglich von der kroatischen Satire-Seite Novosti24.net. Dort kann man sich gefälschte Artikel generieren lassen, um seine Freunde (oder die Medien) zu veräppeln. Dafür muss man einen Namen sowie Beruf und Herkunftsort eingeben und kann dann aus mehreren vorgegebenen Themen eines auswählen – zum Beispiel, dass [Name] tagelang auf dem Klo eingesperrt war, einen Abend mit Justin Bieber gewonnen hat, sich für den Playboy auszieht oder beim Eurovision Song Contest mitsingt. Oder aber, dass [Name] zusammen mit anderen bosnischen Fußball-Fans aus Versehen nach Lettland statt nach Litauen gefahren ist. Die zuvor eingetippten Daten erscheinen dann im Text, der aussieht, als sei er ein echter Artikel.

Auf unsere Anfrage teilten die Betreiber des Portals mit:

Novosti24.net ist eine Website, um lustige Fake-News zu erstellen, die man seinen Freunden zeigen kann – also ja: Diese Geschichte ist ein Fake von unserer Seite. Nichts in diesem Artikel ist wahr, es ist alles erfunden. Der Text ist in den vergangenen Tagen schon auf etlichen kroatischen/bosnischen/serbischen Zeitungs-Websites aufgetaucht. Es ist wirklich lustig, wie Journalisten in ganz Europa über etwas schreiben, das überhaupt nicht passiert ist. Aber wir sind froh, wenn wir Leute zum Lachen bringen können.

Nachdem wir die dpa darauf hingewiesen hatten, forschte sie noch mal nach und musste schließlich einräumen, dass es nun „deutliche Zweifel“ an der Geschichte gebe. Wie uns ein Sprecher erklärte, hätten zunächst verschiedene Medien in Südosteuropa über den Fall berichtet, mit einiger Verzögerung dann aber darauf hingewiesen, dass es sich um einen Scherz handele. Auch im Baltikum sei die Geschichte vielfach aufgegriffen worden, noch dazu mit sehr unterschiedlichen Quellenangaben. Da das alles ein sehr großes Durcheinander sei und die Authentizität der Geschichte nicht abschließend geklärt werden könne, sei die Meldung im dpa-System jetzt gesperrt worden.

Tja — dumm gelaufen.

Mit Dank an Muamer A.

Sehen alle gleich aus (7)

Am vergangenen Wochenende fand in Neuhausen ob Eck das Southside-Festival statt. Neben den zahlreichen, im Vorfeld bekannt gewordenen großen Namen gab es auch eine echte Überraschung:

Sänger Notorious B.I.G. unterstützte Macklemore auf der Bühne

Christopher George Latore Wallace, bekannt als Notorious B.I.G., wurde im März 1997 erschossen.

Der Mann, der beim Southside auf der Bühne stand, war Michael Wansley alias Wanz, der auch auf Macklemores Hitsingle „Thrift Shop“ zu hören ist.

Die „Stuttgarter Zeitung“ hat den Fehler am Montag nach einem Blogeintrag bei kessel.tv korrigiert, aber die fehlerhafte Bildunterschrift kam ursprünglich von der Deutschen Presseagentur (dpa).

Die hatte ihren Fehler auch schon bemerkt und korrigiert, konnte uns auf Nachfrage aber auch nicht genau erklären, wie es dazu hatte kommen können. Der Fotograf habe die Information vor Ort erhalten, aber ob er sich verhört hatte, verschaukelt wurde oder es sonstwie zu einem Missverständnis gekommen war, ließ sich nicht mehr rekonstruieren.

Mit Dank an Arno Nym.

Der imaginäre Umfragen-Aufwind der Piraten

Dafür, dass die Medien kaum etwas für so nachrichtenträchtig halten wie Meinungsumfragen, tun sie sich erstaunlich schwer, sie korrekt zu interpretieren.

Heute berichtet die Nachrichtenagentur dpa in mehreren Meldungen, dass die Piratenpartei „Aufwind in Umfragen“ erfahre:

Nach vielen Rückschlägen über Monate hinweg geht es für die Internet-Partei laut Umfragen endlich wieder aufwärts. Im Wahltrend der „Bild am Sonntag“ liegt sie nun mit vier Prozent auf Augenhöhe mit der FDP.

Entsprechend schreibt „Spiegel Online“, die Umfrage sorge auf dem aktuell in Neumarkt stattfindenden Bundesparteitag der Piraten für „gute Laune“, und behauptet: „Das Umfrageergebnis ist nach Monaten der erste Hoffnungsschimmer für die Partei (…).“

Keineswegs.

Auch in der Vorwoche hatte die Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ die Piraten schon bei vier Prozent gesehen, ebenso wie übrigens auch einmal im April, den größten Teil des Februar und den ganzen Januar.

Die neue Umfrage zeigt keinen „Aufwind“ für die Piraten: Sie stagnieren laut Emnid bei vier Prozent (siehe Ausriss).

Um einen Aufwärtstrend zu konstruieren, müsste man die wöchentlichen Emnid-Umfragewerte mit denen anderer Institute vergleichen, zum Beispiel denen von Forsa für den „Stern“ und RTL, die die Piraten aktuell bei 2 Prozent sehen. Wenn das funktionierte, könnte man aber zum Beispiel auch jede Woche vermelden, dass die SPD im Aufwind und im Sturzflug ist: Forsa schätzt die Wahlchancen der Sozialdemokraten nämlich chronisch niedriger ein als die anderen Institute. So würde jede neue Forsa-Umfrage (im Vergleich mit Emnid) einen Absturz der SPD in der Wählergunst bedeuten und jede neuen Emnid-Umfrage (im Vergleich mit Forsa) einen Zuwachs.

Nachtrag, 14:35 Uhr. Das ging schnell. Die dpa hat ihre Zusammenfassung berichtigt mit den Hinweis, die Neufassung stelle „in Überschrift und Text die Entwicklung bei den Umfragen klar: Kein Aufwind, da Emnid schon vergangene Woche für die Piraten 4 Prozent errechnet hatte.“

„Tagesschau“-Ausfall mit Folgen

Wir sind ja nicht die einzigen, die Fehler in deutschsprachigen Medien aufschreiben. Die Medien machen das auch gerne mal selber — wobei sie sich deutlich lieber den Pannen ihrer Mitbewerber widmen, als den eigenen.

Gestern Morgen konnte „Focus online“ mit einem spektakulären Problem anderer Leute aufwarten:

7.30-Uhr-Sendung in der ARD: Tagesschau fällt aus – zum ersten Mal in 60 Jahren. Peinliche Premiere für die ARD: Am Freitag ist die Tagesschau ausgefallen – zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte.

Okay, die Ausgabe der „Tagesschau“, die ausgefallen ist, war die um 8 Uhr und nicht die um 7.30 Uhr. Und es war auch nicht ganz „zum ersten Mal“, dass eine „Tagesschau“ nicht gesendet werden konnte, wie der zuständige NDR in einer Pressemitteilung am Vormittag erklärte:

Einen Tagesschau-Ausfall gab es u. a. vor rund zehn Jahren. Damals war an einem Sonntagmorgen ein Verteiler für die öffentliche Stromversorgung in der Nähe des ARD-aktuell-Studios bei Bauarbeiten beschädigt worden.

Diese Nachricht hat sich im Laufe des Vormittags auch zu „Focus Online“ rumgesprochen. Dort lautet die Formulierung inzwischen:

Heute Morgen um 8 Uhr ist die Tagesschau ausgefallen – zum ersten Mal in ihrer 60-jährigen Geschichte aus redaktionsinternen Gründe [sic!].

Auch die Deutsche Presse Agentur (dpa), die sich in ihrer ersten Meldung weitgehend auf die Angaben von „Focus Online“ verlassen hatte, musste die falsche Uhrzeit der ausgefallenen Sendung korrigieren.

Anfangs hatte dpa geschrieben:

Laut „Focus“ ist es das erste Mal in der 60-jährigen Geschichte der „Tagesschau“, das [sic!] eine Sendung ausgefallen ist.

Später schrieb die Agentur:

Ausfälle der „Tagesschau“ sind selten. Unter anderem konnte nach Angaben des NDR vor etwa zehn Jahren eine Nachrichten-Sendung wegen eines Stromausfalls nicht gesendet werden. Damals war bei Baggerarbeiten in der Nähe des Sendezentrums ein Verteiler geschädigt worden.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke konnte diesen Ausfall uns gegenüber dann auch noch konkretisieren:

Am 26.11.2006 fiel eine Kurzausgabe am Sonntagvormittag aus, weil die Stromversorgung für das gesamte Stadtviertel durch einen Bagger lahmgelegt wurde.

Womit diese Überschrift von „Spiegel Online“ im Nachhinein auch eher halbrichtig ist:

"Tagesschau" erstmals seit zehn Jahren ausgefallen. Schuld war der Kollaps einer Mitarbeiterin: Am Freitag konnte die 8-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau" nicht gesendet werden - erstmals seit zehn Jahren. Die Angestellte wurde ärztlich versorgt und wird inzwischen im Krankenhaus behandelt.

In seinem Blog schreibt Gniffke:

Dann lese ich auf einer News-Website von einem “peinlichen Moment für die ARD”. Ehrlich gesagt fand ich das nicht peinlich, sondern habe mich um die Mitarbeiterin gesorgt. Ihr galt meine erste Frage. Sie wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht und untersucht. Glücklicherweise wurde sie mittags entlassen – es geht ihr wieder besser.

(Das mit dem „peinlichen Moment“ war auch „Focus Online“.)

Und dann war da natürlich noch jemand, der immer verlässlich zur Stelle ist, wenn bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern irgendwas schief geht.

Bild.de hatte zunächst geschrieben:

Wenige Wochen nach der fiesen Lotto-Panne hat heute Morgen im Ersten schon wieder etwas nicht geklappt. Zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte konnte die ARD-“Tagesschau“ nicht gesendet werden.

Das war ziemlicher Quatsch. Bei der „fiesen Lotto-Panne“ vor drei Wochen, auf die Bild.de anspielte, hatte die Ziehung der Lottozahlen wiederholt werden müssen, weil zwei Kugeln nicht in die Lostrommel gefallen waren. Allerdings im ZDF.

Bild.de hat den Satz mit der Behauptung, dass „im Ersten schon wieder etwas nicht geklappt“ hätte, ziemlich schnell und sehr unauffällig aus dem Artikel entfernt.

Doch auch der zweite Satz war ja, wie wir inzwischen wissen, so nicht richtig. Und so hat Bild.de den Artikel noch mal unauffällig überarbeitet, jeden Verweis auf einen „historische[n] Ausfall im Ersten“ entfernt und sich für diesen eher sachlichen Anfang entschieden:

Die ARD-“Tagesschau“ konnte am Freitag um 8 Uhr nicht gesendet werden. Die Sendung im Rahmen des „Morgenmagazins“ musste ausfallen, weil eine wichtige Mitarbeitern kurz zuvor zusammengebrochen war!

Verglichen mit der sensationsheischenden Berichterstattung mancher Medien dürfte der Ausfall der „Tagesschau“ der am wenigsten peinliche Teil dieser Geschichte gewesen sein.

Mit Dank an Benjamin K., Helge, Benjamin G. und Volker G.

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