Die Welt  Welt Online  Etc.

WM-Maskottchen Fuleco verarscht

Mensch, diese Fifa schon wieder. Kaum steht die Fußball-WM vor der Tür, leistet sie sich die nächste "Blamage" (Welt.de). Einen "peinlichen Fehlgriff" (stern.de). Einen "Fauxpas" (oe24.at). Eine "unnötige" (mopo.de) und "verheerende" ("RP Online") "Panne".

Es geht um den Namen des Maskottchens. "Fuleco" heißt das Vieh Gürteltier, wie seit November 2012 bekannt ist. In einer mehrmonatigen Abstimmung hatten zuvor fast zwei Millionen Brasilianer über den Namen abgestimmt. "Fuleco" setzte sich als klarer Sieger gegen die beiden anderen Vorschläge durch. Laut offizieller Fifa-Erklärung ist das Wort "eine Verschmelzung von 'futebol' (Fussball) und 'ecologia" (Umweltschutz)".

Die "Welt" weiß es aber besser:

Außerdem – und das mag die Fifa nicht gewusst haben – existiert das Wort "Fuleco" in der brasilianischen Umgangssprache bereits und heißt nichts anderes als … Arsch. Tja, nun ist es raus.

Fifa-Blamage - Das Maskottchen der Fußball-WM 2014 heißt "Arsch"

Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen:
Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"(mopo.de)

Kugelgürteltier "Fuleco" - Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"(stern.de)

Fauxpas - Peinlich! WM-Maskottchen heißt "Arsch"(oe24.at)

WM 2014 - Peinliche Panne: WM-Maskottchen Fuleco heißt „Arsch“(tt.com)

Fußball / WM 2014 - WM-Maskottchen heißt "Arsch"(sport1.de)

Fussball-WM 2014 - Maskottchen „Fuleco“ – der „Arsch“(shz.de)

Gürteltier "Fuleco" - Namenspanne! Das WM-Maskottchen heißt "Arsch"
(express.de)

Peinliche Panne in Brasilien - "Arsch" ist das Aushängeschild der Fußball–WM("RP Online")

Peinliche FIFA-Panne - Brasiliens WM-Maskottchen heißt "Arsch"(n24.de)

Wir machen es kurz: Das ist alles Unsinn. "Fuleco" heißt nicht "Arsch". Bis vor Kurzem existierte das Wort im Sprachgebrauch nicht einmal.

Der Journalist Dietmar Lang, der seit zehn Jahren in Brasilien lebt und laut eigenen Angaben weder im beruflichen noch im privaten Umfeld "jemals nur im entferntesten" gehört hat, "dass der Name 'Fuleco' negativ besetzt ist oder sein könnte", hat das in einem Blogeintrag ausführlich erläutert. Ein anderer Journalist aus Brasilien hat uns unabhängig davon das Gleiche geschildert: Das Wort bedeute keineswegs "Arsch" und tauche — wenn überhaupt — erst seit der Vorstellung des Maskottchens hin und wieder auf.

Auch in den Kommentaren bei Welt.de regte sich gleich Widerspruch:meine Frau ist Brasilianerin, sie meinte das stimmt nicht, Fuleco bedeutet gar nichts, ist kein Wort aus Brasilien...und sie muss es ja wissen... Als Brasilianerin finde ich äußerst peinlich, dass ein solcher Text ohne Recherche veröffentlicht wird. Fuleco existierte bis 2012 nicht in unserer Sprache, damit meine ich auch die Umgangssprache. Ich bin Brasilianer und kenne das Wort "Fuleco" nicht. Falls es "Arsch" bedeuten sollte, muss es regional sein, denn viele von uns kennen es nicht.

Wie kommt die "Welt"-Autorin also darauf, dass die Vokabel "im Brasilianischen schon besetzt" war (ergo: peinliche Blamage für die Fifa)? Eine Quelle für diese Behauptung gibt sie nicht an.

Vielleicht hat dieser Eintrag in einem portugiesischen "Urban Dictionary" etwas damit zu tun. Dort ist nämlich in der Tat zu lesen, "Fuleco" bedeute "Arsch". Doch der Eintrag wurde exakt an dem Tag veröffentlicht, an dem auch die Namenswahl verkündet wurde. Dietmar Lang schreibt:

Ein schlechter Scherz, ein Hoax, den im Land des fünffachen Weltmeisters keiner ernst genommen hat – zumal auf besagter Seite weitere 53 zweifelhafte Definitionen nachzulesen sind. Auch die brasilianischen Medien haben eine mögliche Zweideutigkeit nie aufgegriffen.

Inzwischen sind auch einige deutschen Medien nicht mehr ganz so überzeugt von dem, was sie zuvor noch munter nachgeplappert hatten. Die "Huffington Post" hat unter ihrem Artikel einen Nachtrag veröffentlicht, in dem sie mit Verweis auf Langs Blogeintrag einräumt, dass "Fuleco" "offenbar doch nicht 'Arsch'" bedeute. Bei Bild.de haben sie ihren ursprünglichen Artikel ("Au, Backe! WM-Maskottchen heißt 'A.…'") lieber gleich ganz gelöscht. In einem neuen Artikel ("Wirbel um Namen von WM-Maskottchen") stellen sie nun fest, dass "ziemlich viel Verwirrung" geherrscht habe, freilich ohne zu erwähnen, dass auch sie ziemlich viel verwirrt waren.

Die "Welt"-Autorin wehrt sich jedoch gegen die Kritik und beharrt weiterhin auf ihrer Version:

Das Wort "Fuleco" hatte schon zu Zeiten der afrikanischen Sklaven in Brasilien eine Bedeutung. Weil sie das R zwischen Vokalen nur schwer aussprechen konnten, sprachen sie es wie L (s.g. lambdacismo). Deshalb wurde aus dem Wort Furo (Loch) das gesprochene Wort Fulo. Das Suffix "eco" wird in der brasilianisch/portugiesischen Sprache auch als Verkleinerungsform genutzt. Aus Fulo + eco wurde Fuleco, um "kleines Loch" zu sagen. Das war mir als Erklärung in der Kolumne aber zu viel des Guten, weswegen ich es nur wie im veröffentlichten Text beschrieben habe.

Sie fügt noch eine Textstelle auf Portugiesisch als "Quelle" an, die aber lediglich erklärt, warum aus "furo" "fulo" wurde ("Lambdazismus"). Alle anderen Behauptungen belegt sie nicht.

Und selbst wenn die Geschichte stimmt: Wie aus dem "kleinen Loch" der "Arsch" und letztlich die große "Fifa-Blamage" wurde, hat sie damit immer noch nicht erklärt.

Mit Dank an Marcelo S.

Anzeige

Was wir nicht alle ein bisschen sind

Im Jahr 1995 fragte der Limonadenhersteller Bluna in seiner Werbung: "Sind wir nicht alle ein bißchen Bluna?". Im Jahr 2013 zeigte sich, dass viele Journalisten, wenn schon nicht Bluna, dann zumindest ein bisschen bekloppt sind.

3.1., "Neue Osnabrücker Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen genial?

4.1., "Badische Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen narzisstisch?

10.1., Tagesanzeiger.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hipster?

10.1., "The European":

Sind wir nicht alle ein bisschen Betty?

13.1., "Sonntag aktuell":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hugo?

18.1., "Manager Magazin":

Sind wir nicht alle ein bisschen Chuck Norris?

19.1., "Rhein-Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen Landrat?

21.1., FM4:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tarantino?

28.1., "Cicero":

Sind wir nicht alle ein bisschen Brüderle?

30.1., "Fränkischer Tag":

Sind wir nicht alle ein bisschen Wüstling?

5.2., "Taunus Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen Mutti?

14.2., Blick.ch:

Sind wir nicht alle ein bisschen neon?

19.2., SWR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Linksfraktion?

20.2., Elle.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Mademoiselle?

28.2., taz.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Clown?

28.2., "Christ & Welt":

Sind wir nicht alle ein bisschen Merkel?

5.3., "Gelnhäuser Tagblatt":

Sind wir nicht alle ein bisschen taubstumm?

6.3., "Stuttgarter Nachrichten":

Sind wir nicht alle ein bisschen italienisch?

9.3., "Tauber-Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen kommunikationssüchtig?

17.3., "Hamburger Feuilleton":

Sind wir nicht alle ein biß­chen Yoga?

27.3., Heute.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen gaga?

5.4., "DerWesten":

Sind wir nicht alle ein bisschen Aldi?

12.4., "RP Online":

Sind wir nicht alle ein bisschen hormongesteuert?

13.4., "Nürnberger Nachrichten":

Sind wir nicht alle ein bisschen Kaspar Hauser?

20.4., "Thüringische Landeszeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen korrupt?

23.4., Bild.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

23.4., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

24.4., "Rhein Main Presse":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

27.4., "Wirtschafts Woche":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

29.4., "Berliner Kurier":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?"

8.5., "Tagesspiegel":

Sind wir nicht alle ein bisschen Schwabe?

12.5., "Focus Online":

Sind wir nicht alle ein bisschen Kate?

13.5., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Schlager?

24.5., "Nürnberger Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hoeneß?

25.5., "Allgemeine Zeitung":

Sind wir nicht alle ein bisschen Zeitung?!

6.6., "Darmstädter Echo"

Sind wir nicht alle ein bisschen Büchner?

7.6., ZDF.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Zombie?

12.6., "Schwäbische Zeitung"

Sind wir nicht alle ein bisschen Bulli?

15.6., "Stuttgarter Zeitung"

Sind wir nicht alle ein bisschen Fußball?

17.6., "Saarkurier Online":

Sind wir nicht alle ein bisschen Psycho?

25.6., "Südkurier":

Sind wir nicht alle ein bisschen Indie?

28.6., "Nürnberger Nachrichten"

Sind wir nicht alle ein bisschen Monster?

9.7., "Main Post":

Sind wir nicht alle ein bisschen U-Bahn?

15.7., Krone.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Hippie?

22.7., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Papst?

13.8., Deutschlandfunk.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Romeo?

20.8., "Blickpunkt Brandenburg":

Sind wir nicht alle ein bisschen Elfenwald?

22.8., "B.Z.":

Sind wir nicht alle ein bisschen Seeed?

23.8., "Allgemeine Zeitung"

Sind wir nicht alle ein bisschen bling-bling?

24.8., "Saarbrücker Zeitung"

Sind wir nicht alle ein bisschen Bauer?

6.10., "Sonntag aktuell"

Sind wir nicht alle ein bisschen flexitarisch?

7.10., "Nürnberger Nachrichten"

Sind wir nicht alle ein bisschen schizo?

14.10., "Die Welt":

Sind wir nicht alle ein bisschen Tonio Kröger?

17.10., BR.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen zahlungsunfähig?

23.10., "104.6 RTL":

Sind wir nicht alle ein bisschen BER?

25.10., "Südwest Presse"

Sind wir nicht alle ein bisschen Gaudi?

27.10., "Sonntag aktuell"

Sind wir nicht alle ein bisschen Vettel?

8.11., "Stuttgarter Nachrichten"

Sind wir nicht alle ein bisschen Pop?

11.11., Stern.de:

Sind wir nicht alle ein bisschen Wookiee?

18.11., "Tagesspiegel":

Sind wir nicht alle ein bisschen Reihenhaus?

28.11., dpa:

Sind wir nicht alle ein bisschen Beethoven?

2.12., Woman.at:

Sind wir nicht alle ein bisschen Tussi?

11.12., "Stuttgarter Nachrichten":

Sind wir nicht alle ein bisschen Hobbit?

14.12., "Heilbronner Stimme"

Sind wir nicht alle ein bisschen Truppe?

31.12., "Frankfurter Rundschau"

Sind wir nicht alle ein bisschen Tebartz?

31.12., "Die Welt":

Sind wir nicht alle ein bisschen Porno?

Der Kita-Krieg und die Ökofaschisten

Das Online-Gästebuch des Delingsdorfer Kindergartens war lange Zeit ein Ort des Friedens. Da bedankte sich "Miss Schmidt" herzlich für das "tolle Laternenfest", und "Henrys Mama" zeigte sich "beeindruckt" von der großartigen "Cats-Aufführung". Wie gesagt: ein Ort des Friedens. Doch dann kam der 26. März. Und mit ihm der "Kita-Krieg".

Seitdem füllt sich das Gästebuch des Kindergartens plötzlich mit Einträgen, in denen Begriffe wie "Öko-Diktatur" vorkommen und "Kinderfeindlichkeit", in denen von den "verschrobenen Vorstellungen" einiger "Gutmenschinnen" die Rede ist, von "Körperverletzung", "dusseligem Ökogefasel" und "linksextremem Ökoterror". Auch in vielen anderen Ecken des Internets wird auf das Kita-Personal eingedroschen. Die Erzieherinnen werden als "Ökofaschisten" beschimpft, als "hartherzige", "kalte", "machtgeile" und "hirnkranke" Frauen.

Ins Rollen gebracht wurde diese Empörungswelle von einem Artikel, der am Dienstag in der "Welt", dem "Hamburger Abendblatt" und der "Berliner Morgenpost" erschienen ist. Darin berichten die Eltern eines vierjährigen Jungen aus Delingsdorf bei Hamburg, dass man ihnen den Kita-Platz gekündigt habe. Vorausgegangen war ein Streit mit der Kita-Leitung und dem Bürgermeister, weil die Eltern ihrem Sohn statt Butterbroten ein paar Kekse mit in die Kita gegeben hatten. Die Kita hatte dem Sohn die Kekse wieder mit nach Hause gegeben – versehen mit einem Zettel, auf dem stand: "Bitte denken Sie daran, dass wir ein zuckerarmer Kindergarten sind." Die Eltern beschwerten sich beim Bürgermeister, es entwickelte sich ein Streit, und am Ende stand die Kündigung des Kita-Vertrages. So weit die etwas verkürzte Darstellung der Ereignisse.

Das "Hamburger Abendblatt" drückte es so aus:

Kita wirft Vierjährigen nach Streit um Kekse raus

Während in der Überschrift lediglich ein zeitlicher Zusammenhang festgestellt wird, klingt das im Artikel schon deutlich anders. Und in "Bild" erst recht:

Kita wird Kind (4) raus - Weil es Kekse in der Brotdose hatte
Dies ist die unglaubliche Geschichte über einen kleinen Jungen, seine Kita – und einen Butterkeks!

Thore (4) aus Delingsdorf bei Hamburg darf nicht mehr in den Kindergarten, weil seine Eltern das falsche Essen in die Brotdose packten! Die Gemeinde kündigte jetzt den Kita-Vertrag mit Thores Eltern. Aus wichtigem Grund, heißt es. Der wichtige Grund: Butterkekse!

Nun ist aus dem zeitlichen Zusammenhang also endgültig ein kausaler geworden. Auch im "Express" heißt es, der Junge müsse "alleine zu Hause spielen, weil seine Eltern Süßigkeiten in die Frühstücksdose gepackt hatten". Laut "Hamburger Morgenpost" wurde er rausgeworfen, "nur weil er Süßigkeiten dabei hatte".

Und schon ist es so weit:

Ganz Deutschland diskutiert über die unglaubliche Geschichte des kleinen Thore (4) aus Delingsdorf bei Hamburg.

"Ganz Deutschland" heißt bekanntlich: "Bild" und Bild.de. Und konkret sieht das so aus:Der Irra Kita-Keks-Streit - Das sagen die BILD.de-Leser - "ist das ein Kindergarten oder eine Sekte?"

Bild.de, 27. März:Rausschmiss wegen Keksen in der Brotdose - "Erzieherinnen entlassen" oder "Fehlverhalten der Eltern"? - Die große Kita-Diskussion: Das sagen BILD.de-Leser

Bild.de, 27. März:Rechte in Kindertagesstätte -- Keks in der Kita - kann mein Kind dafür fliegen?

Bild.de, 28. März:Eltern oder Erzieher - Wer bestimmt, was Kinder in der Kita essen?

Bild.de, 28. März:6

Bild.de, 29. März:BILD.de fragt bei Eltern nach - Was halten SIE vom irren Kita-Keks-Streit?

"Bild"-Titelseite, 28. März:

Kita-Krieg! Eltern gegen Erzieher, Erzieher gegen Eltern - und die Leidtragenden sind die Kinder

Weil sich ihre Eltern beschwert hatten, dürfen Oda (3) und Thore (4) nicht mer in ihre Kitas. Was ist nur los in deutschen Kindergärten? Eltern und Erzieher berichten über den täglichen Kita-Krieg. Der große BILD-Report.

Das andere Beispiel, das "Bild" hier rausgekramt hat, betrifft übrigens einen Fall, der aus dem November 2012 stammt. Schon damals hatte "Bild" darüber berichtet. Und schon damals hatte der Trägerverein die Vorwürfe zurückgewiesen.

Was die "unglaubliche Geschichte des kleinen Thore" angeht, behauptet "Bild" auch in diesem Artikel, die Kita habe ihn rausgeworfen, weil er die Kekse dabeihatte. Auf shz.de, dem Internetauftritt des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, kann man derweil eine ganz andere Version der Geschichte lesen. Dort heißt es:

Differenzen zwischen der Gemeinde und den Eltern von Thore gibt es bereits seit längerer Zeit. Karola und Christian [P.], beide berufstätig, prangern seit zwei Jahren vermeintliche Mängel in der Kindertagesstätte "Lütte Lüüd" an.

(…) Am 25. Januar kommt es dann zum Keks-Konflikt.

(…) Der Streit eskaliert. Schließlich nimmt sich der Jugend-, Sport– und Kulturausschuss des Themas an. "Um die Persönlichkeitsrechte der Eltern zu schützen, war die Sitzung zu diesem Punkt natürlich nicht öffentlich", erklärt der Bürgermeister. Das habe er Karola und Christian [P.] verdeutlicht. Die Eltern empfinden den Hinweis als Rauswurf. "Wir wurden als Querulanten dargestellt und gingen", sagt Christian [P.]. Er kritisiert das Vorgehen des Bürgermeisters, der lautstark und aggressiv agiert habe. Darüber habe er sich bei der Kommunalaufsicht beschwert.

Fünf Tage später liegt die Kündigung des Kindergartenplatzes zum 25. März auf dem Tisch, "aus wichtigem Grund". Das Vertrauensverhältnis sei nachhaltig gestört, begründet das Amt Bargteheide-Land. Die Eltern sollten sich eine andere Einrichtung suchen.

Nach dem Aufschrei der Medien nahm der Bürgermeister auf einer eiligst einberufenen Pressekonferenz Stellung zur Entscheidung der Gemeinde:

"Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, Experten der Kreisverwaltung hinzugezogen", sagt Bürgermeister Knudsen. Ihr Fazit sei gewesen, dass es dem Kindeswohl dienlicher sei, wenn Thore den Kindergarten verlasse. Der Bürgermeister: "Das Kind spürt den Konflikt, zumindest unter bewusst. Es spürt, dass seine Eltern diesen Kindergarten, in den es gehen soll, eigentlich ablehnen. Das schadet ihm mehr als ein Wechsel."

Die Eltern legten Widerspruch gegen die Kündigung ein, doch der wurde zurückgewiesen. Schließlich suchten sie den Weg in die Medien.

In dieser Version der Geschichte ist also nicht der Keks der Grund für den Rausschmiss, sondern die Auseinandersetzung darüber – ein kleiner, aber bedeutender Unterschied. Denn in dieser Version geht der Konflikt von zwei Parteien aus. In der "Bild"-Version nur von einer.

Der Bürgermeister erklärte daher schon am Donnerstag, die Schlagzeilen der Boulevardmedien träfen nicht "den Kern der Wahrheit". Auf shz.de heißt es:

[Bürgermeister Knudsen:] "Der Keks war nicht der Grund für die Kündigung." Allerdings ist er sich nicht sicher, ob das noch irgendjemand hören möchte. Längst hat der Fall eine gewaltige Eigendynamik entwickelt. "Die Mitarbeiter des Kindergartens werden mittlerweile bedroht und als Öko-Faschisten bepöbelt."

Das "Abendblatt" ruderte Mitte der Woche immerhin zurück und widmete dem "Machtwort" des Bürgermeisters einen eigenen Artikel. Für "Bild" hingegen sind diese Aussagen nicht der Rede wert. Ebenso wie die Stellungnahme der Elternvertreter, die mittlerweile herausgegeben wurde. Darin schreiben sie, sie seien "überrascht über die aktuelle Berichterstattung unseres Kindergartens":

Wir sind sprachlos und auch ohnmächtig, da wir nicht wissen, wie wir auf diese Medienberichte reagieren sollen.

Fakt ist: Nein, hier wurde niemandem wegen einem Butterkeks gekündigt. Seit 2 Jahren gibt es Differenzen zwischen der Familie und dem Kindergarten.

(…) Auf die weiteren Vorwürfe können wir leider nicht eingehen. Das laufende Verfahren wird hier hoffentlich bald auch der Gegendarstellung Gehör verschaffen. Wir bitten Euch, die Medien sorgfältig zu prüfen. (…) Wir bedauern den Medienrummel, der auf den Kindergarten, den Erziehern und vor allem auf den kleinen Thore und seiner Familie hereinprasselt.

Die Eltern des Jungen haben sich unterdessen selbst mit einem Brief gemeldet. Laut shz.de heißt es darin:

Wir wurden von zwei Elternvertretern in Kenntnis gesetzt, dass nach dieser gewaltigen Presse-Lawine bezüglich der Kündigung des Betreuungsverhältnisses in der Kindertagesstätte Delingsdorf über die Betreuung unseres Sohnes Thore eine Welle von Hass auf die Gemeinde, die Kindertagesstätte und den Bürgermeister einschlägt. Wir distanzieren uns von diesem Hass und den Drohungen.

"Kein Bürger der Gemeinde" dürfe "darunter leiden oder bedroht werden", zitiert shz.de die Eltern. "Zerstören Sie nicht den Dorffrieden und das Miteinander innerhalb der Gemeinde durch Androhungen und Hass."

Doch "Bild" befindet sich immer noch im "Kita-Krieg" (der offenbar so etwas ist wie der inoffizielle Nachfolger des "Schnitzel-Krieges"). In einem Artikel über den "täglichen Kita-Ärger" empören sich in der heutigen Ausgabe erneut Eltern über die "Unverschämtheiten" in den deutschen Kindergärten. Und von "Thore (4) aus der Nähe von Hamburg" behauptet "Bild" immer noch, er sei "aus seiner 'zuckerfreien' Kita geworfen [worden], weil er Butterkekse in der Brotdose hatte". Munition für die Kämpfer gegen den Ökoterror.

Der neueste Eintrag im Online-Gästebuch des Kindergartens (Stand heute Morgen) stammt übrigens von "Mama aus Delingsdorf". Sie schreibt:

(…) Glaubt der Rest der Republik wirklich, dass ein ganzes Dorf seine Kinder in diesen Kindergarten geben würde, wenn die Umstände so wären, wie ihn manche Zeitungen beschreiben? Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man einer ganzen Gemeinde unterstellt, sich nicht für das Wohl seiner Kinder zu interessieren und bei der Kindergartenwahl keine Sorgfalt walten zu lassen. (…) Ich nehme das beinahe persönlich.

(…) Unser Sohn geht gern in diesen Kindergarten. Die Menschen dort haben Lob und Anerkennung verdient und nicht Schimpf und Schande!

Liebe Kommentatoren: Es ist nicht immer alles so, WIE es in der Zeitung steht, nur WEIL es in der Zeitung steht.

Mit Dank an Robert G. und Martin.

Nachtrag, 1. April: Zwei Stunden nach Erscheinen unseres Eintrags sind auch die Leute von Bild.de zurückgerudert – oder sagen wir: Sie haben die Richtung gewechselt. Unter der Überschrift "Jetzt rollt eine Wutwelle durch das Dorf" heißt es:

Auf der Homepage des Kindergartens ist ein heftiger Streit entbrannt. Eltern wettern gegen Eltern, Unbekannte gegen Dorfbewohner, von "Öko-Terror" und Machtdemonstration ist die Rede. "Einem kleinen Kind den Keks zu verweigern, ist widerlich", schreibt jemand.

Dass diese "Wutwelle" erst aufgrund der Springer-Medien losgerollt ist, erwähnt Bild.de natürlich nicht. Und natürlich zitieren sie auch keine jener Beschimpfungen, die nur deshalb geschrieben wurden, weil deren Verfasser im Glauben standen, der alleinige Kündigungsgrund sei der Keks gewesen.

Immerhin rückt Bild.de jetzt von dieser falschen Darstellung ab — und stellt statt eines kausalen nur noch einen zeitlichen Zusammenhang fest:

Thore hatte Butterkekse in seiner Brotdose, die Kita legt aber Wert auf die "zuckerarme" Ernährung im Haus. In der Folge gab es Streit und die Gemeinde kündigte den Vertrag mit Thores Eltern.

Auf der Internetseite des Kindergartens ist derweil folgender Hinweis veröffentlicht worden:

Leider haben sich in den letzten Tagen viele Menschen dazu berufen gefühlt, dieses Gästebuch für Beleidigungen und Bedrohungen zu missbrauchen.

Da sich hieraus auch polizeiliche Ermittlungen ergeben haben, sehen wir uns leider gezwungen, das Gästebuch vorübergehend zu schliessen.

Habemus tumultum

Als der weiße Rauch am gestrigen Abend, kurz nach 19 Uhr, den Schornstein der Sixtinischen Kapelle verließ, war klar: Die Katholische Kirche hat einen neuen Papst. Rund eine Stunde spekulierten die Kommentatoren der Fernsehanstalten darüber, wen die Wahl getroffen haben könnte, dann trat Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran auf den Balkon des Petersdoms und sprach folgende Worte:

Annuntio vobis gaudium magnum; habemus Papam:

Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Georgium Marium Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Bergoglio qui sibi nomen imposuit Franciscum

Nicht gesagt hat Tauran "Franciscum primum", was "Franziskus der Erste" gewesen wäre. Der neue Papst trägt also — anders als Johannes Paul I., der sich als erster Papst überhaupt direkt für die Ordnungszahl in seinem Papstnamen entschieden hatte — "nur" den Namen Franziskus. Und das bist zu dem Tag, an dem vielleicht irgendwann einmal ein Papst Franziskus II. gewählt werden sollte, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi noch einmal klarstellte.

Und das war offenbar auch bitter nötig:


("Süddeutsche Zeitung")


("Frankfurter Allgemeine Zeitung")


("Die Welt")


("Handelsblatt")


("Berliner Zeitung")


("Hamburger Abendblatt")


("Hamburger Morgenpost")


("Express")

Aber gut: Das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren. Die letzte Wahl eines Papstes ohne Ordnungszahl liegt 1100 Jahre zurück, da waren die Zeitungspressen noch nicht erfunden.

Noch etwas länger liegt das 8. Jahrhundert zurück, in das die Pontifikate von Johannes V., Sisinnius, Konstantin und Gregor III. fallen. Sie alle stammten aus Syrien, was insofern entscheidend ist, weil Syrien nicht zu Europa gehört und der Agentinier Jorge Mario Bergoglio damit nicht mehr der "erste nicht-europäische Papst" sein kann.

Außer in den Medien, natürlich:

  • Zum ersten Mal ein Papst, der nicht aus Europa stammt!
    ("Die Welt")
  • Ein historischer Moment: Zum ersten Mal ist ein Nichteuropäer zum Papst gewählt worden.
    ("Hamburger Abendblatt")
  • Die katholische Kirche beschreitet mit Franziskus I. — dem argentinischen Kardinal Jorge Bergoglio — neue Wege. Unter 265 Nachfolgern des Heiligen Petrus ist er der erste Nicht-Europäer.
    ("Stuttgarter Nachrichten")
  • Und er ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt, ihn wollten die Kardinäle[.]
    ("Süddeutsche Zeitung")
  • Der erste Papst in der Geschichte der katholischen Kirche, der nicht aus Europa kommt, ist auch der erste, der sich nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt hat, dem Heiligen der Armen.
    ("Frankfurter Rundschau")
  • Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Katholiken einen Papst, der nicht aus Europa stammt. Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, wurde zum 266. Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.
    ("Frankfurter Rundschau")
  • Der neue Papst ist nicht nur der erste Nicht-Europäer auf dem Heiligen Stuhl — er wählte auch einen Papstnamen, den keiner seiner Vorgänger trug. Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio heißt künftig Franziskus I.
    (AFP)
  • Historische Entscheidung im Vatikan: Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist am Mittwoch zum neuen Papst Franziskus I. gewählt worden. Damit steht erstmals in der Geschichte ein Nicht-Europäer an der Spitze der römisch-katholischen Kirche.
    (AFP)
  • Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erwartet neue Impulse durch das erste nicht-europäische Oberhaupt der Kirche.
    (hr-online.de)
  • Er ist der erste Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri.
    (n-tv.de)
  • Es ist das erste Mal, dass der Papst nicht aus Europa kommt.
    (AFP, Bild.de, abendblatt.de, mdr.de, derwesten.de, stern.de, …)

Wobei sich auch die katholischen Würdenträger offenbar nicht ganz in der Frühgeschichte ihrer Kirche auszukennen scheinen:

  • Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, erklärte: "Der lateinamerikanische Kontinent darf stolz sein, erstmals in der Geschichte der Kirche einen Nichteuropäer als Papst zu stellen."
    (Evangelischer Pressedienst)
  • [Der Münchner Kardinal] Marx sagte, dass der bisherige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, ein Papst der "vielen ersten Male" sei: der erste Jesuit, der erste Nicht-Europäer und der erste Franziskus.
    (Evangelischer Pressedienst)

Die Katholische Nachrichtenagentur KNA, der man bei diesem Thema wohl eine gewisse Kompetenz unterstellen darf, verbreitete heute extra eine eigene Meldung:

Papst Franziskus ist der erste Nichteuropäer auf dem Stuhle Petri seit 1.272 Jahren. Damals war mit Gregor III. (731– 741) ein aus Syrien stammender Papst Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.

Die KNA erwähnt unter anderem noch die Päpste Victor I. und Miltiades, die aus Afrika stammten, und zählt zusammen:

So gab es bis Mitte des 8. Jahrhunderts acht in Asien und zwei in Afrika geborene Päpste. Mit Petrus und Evaristus waren zwei Päpste Juden. Fünf — und noch dazu ein Gegenpapst — stammten aus Syrien.

Mit Dank an Jonathan K., Fuchs, Marcus H., Matthias M. und Laszlo J.

Ein Traum von einem Sozialdemokraten

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist seit dieser Woche nicht mehr Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan (CDU), weil ihr die Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf den Doktorgrad entzogen hat.* In der Dissertation von Frau Schavan seien "in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden", begründete die Universität ihre Entscheidung.

Für Tilman Krause, Leitender Literaturredakteur bei der "Welt", ist der Fall Schavan kein Einzelfall, sondern Symptom einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Er schreibt:

Der Fall Schavan erinnert noch einmal an einen Umstand, der dem Vergessen anheimzufallen droht, aber zum Verständnis unserer Gegenwartsnöte unabdingbar ist: Der Ausverkauf von Bildung, der naive Glaube, jeder könne ein Intellektueller sein und der Aufstieg ins Bildungsbürgertum lasse sich in zwei, drei Jahren bewältigen – all diese törichten Illusionen sind auf sozialdemokratischem Mist gewachsen.

Krause fragt, was man von einer Frau halten solle, die, "aus einfachen Verhältnissen kommend, promovieren will um jeden Preis, hauptsächlich aber ohne vernünftig studiert zu haben" und die — "mit anderen Worten" — "Bildung missverstand wie Honecker den Sozialismus".**

Nimmt man dazu noch die Tatsache, dass Annette Schavan ihre Fahrt ins akademische Glück im Fach Erziehungswissenschaften angestrebt hat und sich dafür an der Universität Düsseldorf immatrikulierte, dann hat man ein so lupenreines sozialdemokratisches Aufstiegsmuster beisammen, dass man schon fast wieder an der Daseinsberechtigung der CDU zweifeln möchte, wenn solche Lebensläufe sich jetzt dort finden statt in der SPD, wo sie hingehören.

Krause liefert dann eine "kleine Erinnerung an die universitäre Landschaft, wie sie sich im Jahr von Annette Schavans Dissertationsanstrengung, also 1980, darbot". Erziehungswissenschaften seien damals in etwa das gewesen, was heute "Kulturmanagement" oder "Journalistik" seien: "ein Non-Fach, eine intellektuelle Simulation".

Im Falle von Annette Schavan kam es aber laut Tilman Krause noch schlimmer:

Und nun Düsseldorf. Wer aus Nordrhein-Westfalen stammte und auf sich hielt, schickte seine Kinder doch nicht nach Düsseldorf! Bonn, Münster, Köln waren die renommierten Ausbildungsstätten, Bochum galt als interessante Reformuniversität, aber Düsseldorf, 1965 gegründet, stand nun wirklich für gar nichts – außer für den sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle.

Die Uni Düsseldorf ist für Krause also quasi der betongewordene "sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle".

Und tatsächlich hatte die Landesregierung NRW 1965 die Umwandlung der bisherigen Medizinischen Akademie in eine "Universität Düsseldorf" beschlossen.

Der "Spiegel" schrieb damals:

Nordrhein-Westfalen, den anderen Bundesländern bislang nur in den Einnahmen und Einwohnern weit voraus, entwickelt sich nun zum hochschulreichsten Land der Bundesrepublik. Treibende Kraft ist Kultusminister Professor Paul Mikat, Geburtshelfer von fünf Universitäten (Bochum, Dortmund, Ostwestfalen, Aachen, Düsseldorf).

Paul Mikat war Mitglied der CDU. So, wie überhaupt die ganze Landesregierung unter Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) damals aus CDU und FDP bestand.

Mit Dank an Ralf B.

*) Nachtrag/Hinweis, 19.30 Uhr: Streng genommen ist es wohl so, dass Frau Schavan ihren Doktorgrad zumindest solange behält, bis das Verwaltungsgericht Düsseldorf über ihre Klage gegen die Aberkennung entschieden hat.

**) Nachtrag/Hinweis, 9. Februar: In der Onlineversion steht nun "die mit anderen Worten Bildung missverstand wie Ulbricht den Sozialismus". Zuvor hatte dort — wie in der Printversion — "Honecker" gestanden. Die Universität Düsseldorf steht aber immer noch für den "sozialdemokratischen Traum".

Sportlich, sportlich (1–4)

Am Freitag gewann die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr WM-Qualifikationsspiel in Irland mit 6:1. Am Sonntag feierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" den "Hauch von Befreiung", den dieses Ergebnis bedeutete.

Was laut "Sonntagszeitung" vor allem an einem Mann lag:

In Dublin genügte ein Name, um das Steigerungspotential im Vergleich zur EM zu vermessen. Marco Reus präsentierte sich nicht nur wegen seiner beiden Tore als ein weiterer Spieler, der den Unterschied ausmachen kann.

Doch obwohl Reus gegen Irland der Matchwinner war, gab es offensichtlich kein brauchbares Foto von ihm aus dem Spiel — die "FAS" jedenfalls druckte ein Foto aus dem EM-Viertelfinale gegen Griechenland, gut zu erkennen am EM-Logo auf den Ärmeln und an den deutschen und griechischen Fahnen unter dem Adler:

Mit Dank an Oskar L.

***

Apropos Adler: Am Sonntag fand das sogenannte "Jahrhundertspiel" zwischen Deutschland und Italien statt, bei dem ehemalige Nationalspieler beider Länder für einen guten Zweck gegeneinander antraten.

Der Kölner "Express" schreibt dazu auf seiner Website:

30:000 Fans waren in die Frankfurter Arena gekommen, und sie sahen Ballack noch einmal mit dem DFB-Adler auf der Brust.

Das darüber abgebildete Foto zeigt allerdings deutlich, dass Ballack gar keinen DFB-Adler auf der Brust hatte:

Genau genommen hatte keiner der deutschen Spieler den DFB-Adler auf der Brust, weil es sich nicht um ein offizielles Spiel des Deutschen Fußballbundes handelte und dessen Wappen deshalb auch nicht verwendet werden durfte. Weswegen auch die Überschrift "Ballack genießt Auftritt im DFB-Trikot" auf wackligen Beinen steht.

Mit Dank an Tim W.

***

In der Nacht zum Sonntag kam es in Fürth zu einer Massenschlägerei mit neun Verletzten.

Der Sportinformationsdienst sid schreibt:

Nach Angaben der Polizei sollen sich zu jenem Zeitpunkt 40 Anhänger des Aufsteigers in ihrem Vereinsheim aufgehalten haben, als gegen 1.30 Uhr rund 60 Fans des Club auftauchten.

Der sid war so unvorsichtig, die Meldung als "Fußball/BL/Nürnberg/Fürth/Fans/Schlägerei" zu kategorisieren, woraus die Überschriftenmacher bei "Focus Online" folgendes folgerten:

1. FC Nürnberg gegen SpVgg Greuther Fürth: Massenschlägerei bei Bundesligaspiel.

Nur, dass am Wochenende nicht nur nicht das Spiel Fürth gegen Nürnberg stattfand (das ist erst Ende November), sondern wegen der Länderspielpause (s.o.) gar kein "Bundesligaspiel". Aber wenn Fans von Bundesligavereinen aufeinander einschlagen, muss das ja quasi ein Bundesligaspiel gewesen sein.

Mit Dank an Bastian.

***

Und dann war da noch die "Welt", die gestern den schwedischen Fußballer Zlatan Ibrahimovic porträtierte, der "als gemein, gefährlich und genial" gilt:

Auf der Skala der Traumberufe stünden wir Fußballreporter ganz oben, wenn da nicht mitunter diese brutale Wirklichkeit wäre: Erst bettelt man bei einem Star um ein Interview — um hinterher zu bedauern, dass es geklappt hat. So erging es jenem armen Kerl, der Zlatan Ibrahimovic einmal unbedingt vor der Kamera haben wollte. Der Torjäger kam nach dem Spiel vom Duschen, strebte zum Ausgang — und es kam zu folgendem Dialog.

"Zlatan!", schrie ihm der Reporter nach. Ibrahimovic hielt abrupt an, machte kehrt und sagte: "Was zum Teufel willst Du?" Der Reporter bugsierte den Rüden dann irgendwie vors Mikrofon, zupfte sich fürs Interview schnell die Haare schön — da verzog Ibrahimovic seine krumme Nase und maulte: "Zum Teufel, was hast Du für ein Parfüm? Du riechst nicht gut." Die Anspannung des Reporters nahm dramatisch zu, verkrampft lächelnd nahm er Anlauf zum Zwiegespräch, doch wieder war der Kicker schneller. "Das ist ja schlimm, wie Du riechst", beschwerte sich Ibrahimovic. Anschließend beantwortete er halbherzig eine kurze Frage zum Spiel, und der Reporter, erleichtert, bedankte sich: "Also, bis demnächst, wir sehen uns." "Besser nicht", sagte Ibrahimovic, rümpfte noch mal die Nase — und ging.

Wie ernst es Ibrahimovic mit seinen "Beschwerden" war, sehen Sie am Besten selbst:

Mit Dank an Boludo.

Schöner Einbrechen mit Facebook (2)

Und wer ist noch (und trotz BILDblog-Eintrag) hereingefallen auf die Ente, dass sich 78 Prozent der Diebe bei Facebook über gute Einbruchziele informieren?

Die "Welt" von heute — im womöglich ironisch benannten Ressort "Wissen":

Der "Welt"-Remix "Berliner Morgenpost":

Der Online-Auftritt des "Handelsblatts":

Und natürlich, ganz frisch, Bild.de:

Auch der Braanchendienst "Meedia" hält unbeirrt an dem Irrsinn fest; "Welt Online" hat immerhin einen Teil der Fehler unauffällig korrigiert*.

*) so unauffällig, dass wir es zuerst übersehen hatten.

Mit Dank an Frank!

Moslems machen der Liebe ein Ende

In London hat ein Kosmetikgeschäft geschlossen. Dies allein ist keine Meldung, die es in "Die Welt" schaffen würde — schon gar nicht in die dortige Rubrik "Meinung".

Wenn es sich allerdings um ein israelisches Kosmetikgeschäft handelt und der Schließung Proteste, Verzeihung: eine wöchentliche "wilde Demo Hunderter junger Muslime", vorangegangen sind, dann ist das natürlich ein Fall für "Die Welt" — und für die üblichen Islamfeinde, die solche Meldungen weitertratschen.

Autor Michael Stürmer, Historiker und Chefkorrespondent der "Welt"-Gruppe, hatte sich allerdings auch alle Mühe gegeben, das Ende des Londoner Flagship Stores der israelischen Kosmetikfirma Ahava an das schwarz-weiße Weltbild der Islamophoben anzupassen. Auf der einen Seite der christlich-jüdische, tolerante Westen, auf der anderen Seite eben die "wilden" Muslime, die in London am Liebsten "Londonistan" ausrufen würden:

Zur Gentrifizierung gehörte die Einrichtung der Londoner Hauptfiliale des israelischen, am Toten Meer beheimateten Unternehmens "Ahava" – was auf Hebräisch Liebe heißt.

Zu Londonistan gehört die jeden Samstag stattfindende wilde Demo Hunderter junger Muslime, die dieser Tage der Liebe ein Ende machten und das Unternehmen zwangen, den Laden aufzugeben.

Ausführlich beschreibt Stürmer die tollen Produkte von Ahava, die aus dem Heilschlamm vom Grunde des Toten Meeres hergestellt werden, und von der ruhmreichen Geschichte dieser Produkte ("Es gibt nicht viele moderne Kosmetikprodukte, deren Lob schon im Alten Testament zu finden ist.").

Aber nicht alle Menschen finden die Ahava-Produkte so toll wie Michael Stürmer, weswegen es zu unschönen Szenen kam:

In London hat der Heilschlamm zwar Kunden angezogen, aber leider auch gewalttätige Protestierer, die den benachbarten Läden, von Ahava nicht zu reden, das Leben so zur Hölle machten, als sei noch einmal Sodom und Gomorrha. Die Polizei gab sich redlich Mühe, aber nicht genug.

Nach Wochen des Kräftemessens gaben die braven Bobbys auf. Weder Polizei noch Anwohner hatten den Nerv, den Randalierern standzuhalten.

Für Stürmer ist klar, womit wir es hier zu tun haben:

London, einst die zivilisierteste Stadt in Europa, räumt zugereisten Fanatikern ein Vetorecht darüber ein, ob jemand einen Laden führen darf.

Die Lehre für London und den Rest der Welt: Wenn wir so weitermachen, ist Londonistan bald überall.

Wenn er sich nicht seinen ausführlichen Ausflügen in die Geschichte von Heilschlamm, Altem Testament und Totem Meer gewidmet hätte, hätte Stürmer vielleicht noch Zeit gehabt, auf ein nicht ganz unbedeutendes Detail in der Geschichte der Firma Ahava einzugehen: Die Firma produziert in einer israelischen Siedlung im Westjordanland, das eigentlich zu den palästinensischen Autonomiegebieten gehört. Diese Siedlung ist nach internationaler Einschätzung illegal und verstößt gegen die Genfer Konvention.

Verschiedene Organisationen wie die pazifistische Bürgerrechtsbewegung Code Pink haben Ahava vorgeworfen, mit Bodenschätzen Geschäfte zu machen, die den Palästinensern gestohlen worden seien. In Südafrika dürfen Waren wie die von Ahava nicht mehr als israelische Produkte verkauft werden, sondern müssen als "Produkte illegaler Besiedlung in den Besetzten Palästinensischen Gebieten" ausgezeichnet werden.

Diese Informationen wären hilfreich gewesen um zu verstehen, dass sich die Proteste gegen Ahava nicht auf plumpen Antisemitismus reduzieren lassen. Vielmehr wären sie ein schönes Beispiel um zu zeigen, wie sich der seit Jahrzehnten schwelende Nahost-Konflikt im Alltag und im Badezimmerschrank westlicher Bürger niederschlägt. Doch Michael Stürmer hat sich dagegen entschieden, diese Geschichte zu erzählen.

Mit Dank an Christoph G.

Wat dem einen sin Uhl

Was unterscheidet eigentlich "Die Welt" von "Welt kompakt"? Der "axel springer mediapilot" erklärt es so:

DIE WELT ist die nationale Qualitätszeitung für traditionelle Eliten, die sich Herausforderungen stellen. WELT KOMPAKT im modernen Tabloidformat ist die Zeitung für die Entscheidungsträger der modernen Generation.

Doch wie kann die Junior-Ausgabe eine andere Zielgruppe ansprechen, wenn sie die wesentlichen Inhalte doch nur von der älteren Schwester übernimmt? Nun — ganz einfach. Heute zum Beispiel haben beide Blätter die selbe Geschichte über Wikileaks-Gründer Julian Assange auf den Titel gehoben. Mit einem kleinen Unterschied.

"Die Welt" titelt für die "traditionellen Eliten" so:

Ende eines Egomanen

"Welt kompakt" hingegen charakterisiert Assange für die "moderne Generation" ganz anders:

Der Untergang eines Visionärs

Logische Folgen von "logischen Folgen"

"Welt Online" musste vorgestern eine Gegendarstellung bringen, die gestern auch in der gedruckten "Welt" stand:

Gegendarstellung Gesine Lötzsch
zu "Danke Linkspartei" vom 15. 8. 2011

Sie schreiben in der "Welt" unter "Danke Linkspartei!": "….hatte Lötzsch argumentiert, die die Mauer als 'logische Folge' des Weltkrieges ansieht." Dazu stelle ich fest: Ich habe nicht von "logischer Folge" gesprochen. Ich sehe den Mauerbau nicht als logische Folge des Weltkriegs. Es gab zahlreiche andere historische Chancen als die Teilung Deutschlands.

Berlin, den 16.8.2011

Dr. Gesine Lötzsch

Anm. d. Red.: Frau Lötzsch hat recht. Die Berichterstattung der "Welt" stützte sich auf zwei Agenturmeldungen. Tatsächlich hat Frau Lötzsch nicht wortwörtlich von "logischer Folge" gesprochen.

Was hatte Frau Lötzsch dann tatsächlich gesagt und wie war es zu diesen ominösen Agenturmeldungen gekommen?

Gesagt hatte sie:

Ohne den Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion hätte es ja auch die deutsche Teilung nicht gegeben, dann hätte es auch keinen Mauerbau gegeben.

Dass die deutsche Teilung und der Mauerbau eine Folge des zweiten Weltkriegs (bzw. des Nationalsozialismus) seien, lässt sich aus diesen Worten sicher ableiten, mit der logischen Folge wird es da vielleicht schon kniffliger.

Doch AFP, dapd und dpa haben Lötzsch Äußerungen in mehreren Meldungen so zusammengefasst. Sie alle sprachen von einer logischen Folge, ohne das allerdings als wörtliches Zitat mit Anführungszeichen zu kennzeichnen. Woher diese Formulierung stammt, geht aus all diesen Meldungen nicht hervor.

Möglicherweise fand sie ihren Ursprung in einem Interview, das die "Passauer Neue Presse" mit FDP-Generalsekretär Christian Lindner geführt hatte:

Frage: Pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer provoziert Linksparteichefin Gesine Lötzsch und erklärt, die Mauer sei eine logische Folge des Zweiten Weltkriegs gewesen. Wie bewerten Sie diese Aussagen?

LINDNER: Die Linke verhöhnt die Maueropfer und diejenigen, die jahrzehntelang in Unfreiheit leben mussten. Frau Lötzsch wirkt wie die letzte Regierungssprecherin der DDR. Die Linkspartei ist nicht in der Bundesrepublik angekommen. Ihr Programm zeigt, dass sie ein anderes politisches System will. Wie man mit denen noch koalieren kann, müssen SPD und Grüne beantworten.

Auch in einem sogenannten "Medien-Vorab", das die "PNP" an die Agenturen schickte, hieß es:

FDP-Generalsekretär Christian Lindner findet gegenüber der "Passauer Neuen Presse" (PNP, Freitagsausgabe) deutliche Worte für die Aussage von Linksparteichefin Gesine Lötzsch, die Mauer sei eine logische Folge des Zweiten Weltkriegs. "Die Linke verhöhnt die Maueropfer und diejenigen, die jahrzehntelang in Unfreiheit leben mussten. Frau Lötzsch wirkt wie die letzte Regierungssprecherin der DDR", kritisiert Lindner. Die Linkspartei sei nicht in der Bundesrepublik angekommen, so die Liberale. Das Programm der Partei zeige, dass sie ein anderes politisches System wolle. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei daher gerechtfertigt.

Seitdem zog sich diese Formulierung durch zahlreiche Agentur-Meldungen und weitere journalistische Texte, bis am Montag in der "Welt" aus der sehr grenzwertigen Formulierung von der "logischen Folge" ohne Anführungszeichen eine eindeutig falsche Formulierung von der "logischen Folge" mit Anführungszeichen wurde.

Gegen die anderen Medien, die die Formulierung nicht als wörtliches Zitat ausgegeben hatten, ist Frau Lötzsch offensichtlich nicht vorgegangen.

Blättern: 1 2

Anzeige