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Medien diffamieren Gewaltopfer

David Dao wurde in den vergangenen Tagen gleich zweimal zum Opfer. Erst zerrten ihn Sicherheitsleute gewaltsam aus einem Flugzeug, dann machten sich Medien über seine Vergangenheit her, ohne dass er selbst irgendeinen Anlass dazu gegeben hätte.

Dao, ein 69-jähriger Arzt aus Kentucky, hatte ein Ticket für den ausgebuchten „United“-Flug 3411, der am Sonntag von Chicago nach Louisville ging. Doch Dao flog nicht mit. „United“ wollte eigenen Mitarbeitern Plätze im Flugzeug verschaffen, bat dafür mehrere ausgewählte Passagiere, die Maschine gegen eine Geldzahlung zu verlassen, darunter auch David Dao. Als der sich weigerte, wurden Sicherheitsleute handgreiflich. Handyvideos, auf denen Dao über den Gang des Flugzeugs geschleift wird, gingen um die Welt. Dao musste ins Krankenhaus, es gibt Aufnahmen von ihm, auf denen er aus dem Mund blutet. Ein riesiges PR-Desaster für „United Airlines“.

Doch anstatt sich weiter auf das unfassbare Verhalten der Airline zu konzentrieren, verschoben einige Medien, darunter auch deutsche, ihren Fokus: Auf einmal ging es auch um David Daos Vergangenheit, ein Gerichtsverfahren gegen ihn, den Verlust seiner Zulassung als Arzt.

Damit angefangen hatte die in Kentucky ansässige Zeitung „Louisville Courier-Journal“. Recht schnell nahmen größere Medien die Meldung von Daos früherer Verurteilung auf. In Europa dürfte das Onlineportal des britischen Knallblatts „Daily Mail“ zu den Ersten gezählt haben.

Am vergangenen Dienstag stiegen auch Medien aus Deutschland, der Schweiz und Österreich in die Schmierenkampagne gegen ein eigentliches Opfer ein. Bild.de berichtete über Daos „dunkle Vergangenheit“:

Stern.de machte mit:

Das Schweizer Portal blick.ch veröffentlichte einen Artikel:

Genauso derstandard.at aus Österreich:

Allein schon in der Wahl des Themas, das nichts mit dem Vorfall an Bord der „United“-Maschine zu tun hat, steckt der Subtext: Ja, klar, das ist schon ganz schön heftig, was David Dao passiert ist. Aber ein lieber Kerl war er nun auch nicht gerade. Oder etwas stärker zugespitzt: Es hat vielleicht gar nicht mal den Falschen getroffen.

Die Medien, die David Daos „dunkle Vergangenheit“ für berichtenswert halten, diskreditieren mit ihren Artikeln ein Opfer einer komplett unnötigen Gewaltanwendung, indem sie einen Fall rauskramen, der über zehn Jahre zurückliegt. Dao hat damals eine Strafe bekommen, die er abgesessen hat. Er ist als Arzt wieder zugelassen. Wäre er wegen Randalierens an Bord eines Flugzeugs verurteilt worden — okay, dann könnte man das in der Berichterstattung vielleicht erwähnen. Stünde er auf einer No-Fly-List — dito. Aber nichts dergleichen ist der Fall. David Dao wurde schlicht per Zufallsprinzip von „United“ als einer der Passagiere ausgewählt, die im Flugzeug Platz machen sollten. Er wurde schlecht behandelt. Er hat die Situation am Sonntag nicht selber herbeigeführt. Jetzt muss er aushalten, dass ihn Zeitungen und Onlineportale weltweit diffamieren.

Zwischenzeitlich gab es sogar das Gerücht, dass die Medien beim Wühlen nach früheren Vergehen Informationen über den falschen David Dao veröffentlicht haben. Es gibt nämlich einen anderen Arzt namens David Dao aus New Orleans. Inzwischen scheint allerdings klar zu sein: Immerhin diesen Fehler haben die Redaktionen nicht begangen. Doch es bleibt dabei: Für die Berichterstattung über das Geschehen am vergangenen Sonntag ist es völlig irrelevant, ob David Dao früher etwas Schlimmes getan hat oder nicht — niemand verdient es, so behandelt zu werden.

Gerüchterstattung

Es ist schon ein Kreuz mit dem Twitter-Journalismus oder der „neuen Medienwelt“, wie sie Thomas Schuler heute auf der Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ anhand von Gerüchten über den Gouverneur des US-Bundesstaats New York beschreibt:


Manchmal schicken Journalisten heute eine Frage über das Internet raus und nennen das Recherche. Erkundungen über die Stichhaltigkeit des Gerüchts, die eigentlich vor der Entscheidung über eine Veröffentlichung steht, machen das Gerücht bereits öffentlich.

Und weiter:

Alle greifen die Twitter-Frage von Koblin auf und rechtfertigen damit ihre Berichte. New York Post, Daily News, Talkradio, Huffingtonpost.com, AP, Reuters, die Online-Ausgabe der Washington Post - alle berichten. Sie nennen die Gerüchte Gerüchte, das schon. Aber sie verbreiten sie und sie befördern den Rufmord.

Doch man muss nicht nach Amerika schweifen, um diesen Medien-Mechanismus zu betrachten. Um zu sehen, wie die Berichterstattung Gerüchterstattung funktioniert, kann der Leser der „SZ“ auch einfach zwei Seiten weiter blättern. Dort, mitten im Wirtschaftsteil, berichtet gerüchtet die „Süddeutsche“ selbst. Über Kim Schmitz, den C-Prominenten der deutschen IT-Szene der 90er Jahre, gibt es nämlich neue Fakten Informationen. Nunja:

Der inzwischen 36-Jährige hat im Leben schon viele Rollen verkörpert: Einst ein vermeintlich genialer Hacker, dann ein scheinbar erfolgreicher Unternehmer, schließlich ein verurteilter Betrüger, und dann nur noch ein Phantom. Nun soll er wieder aufgetaucht sein. Das zumindest glaubt die neuseeländische Zeitung New Zealand Herald. Sie will den verschollenen "Kimble" gefunden haben, und zwar als Käufer einer der teuersten Villen des Inselstaates.

Das mag richtig sein oder auch nicht – mehr als einen anonymen Insider weiß auch der „New Zealand Herald“ nicht zu zitieren. Dies ist freilich ein Informationsweg, der gerade in Sachen Kim Schmitz chronisch unzuverlässig ist. Aber die „Süddeutsche“ hat nicht einfach nur Gerüchte abgeschrieben, sondern sogar recherchiert:

Seine längst stillgelegten Websites sind bis heute auf die Firma Kimpire Ltd mit Geschäftsadresse in der Metropole registriert. Kim Schmitz war dort am Montag weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar.

Und so wird aus einem unbestätigten Gerücht ein – nunja – unbestätigtes Gerücht.

Warum sich deutsche Leser für den angeblichen Hauskauf 23000 Kilometer entfernt interessieren sollten, lässt die „Süddeutsche Zeitung“ freilich offen – es ist schlichtweg ein willkommener Anlass, die uralten Kimble-Stories noch einmal zu erzählen.

Der Branchendienst „Meedia“ versuchte bereits am Montag die Dringlichkeit dieser Fast-Informationen zu vermitteln. Nicht neue Fakten, sondern das gewaltige Medienecho ist Anlaß für die Berichterstattung:

New Economy-Hochstapler zurück in den Schlagzeilen

Das Wort „Schlagzeilen“ ist freilich eine gewagte Interpretation der Sachlage, denn mehr als den einen Bericht einer neuseeländischen Zeitung hatte es bis dahin nicht gegeben.

Und der IT-Nachrichtendienst „Golem“ fantasierte am Montag gar von einer öffentliche Verlautbarung des notorisch lauten Schmitz. Nicht ein anonymer Insider, Schmitz selbst habe sich sich in den Medien zurückgemeldet:

Kim Schmitz meldet sich zurück

Aber wen interessieren schon Details, schließlich ist die Medienspirale längst in Gang gesetzt: Aus Gerüchten sind Schlagzeilen geworden, die dann von weiteren Medien zitiert werden können. So zum Beispiel am Dienstagnachmittag von der Online-Ausgabe des österreichischen „Standard“, die den Artikel der „Süddeutschen“ dankbar abschreibt aufgreift.

Obwohl die Geschichte damit durch die Hände von fünf Redaktionen gegangen ist, ist nicht einen Deut klarer, ob das Gerücht mehr als ein wildes Gerücht ist. Aber das ist egal. Denn wie es Alexander Becker bei Meedia formuliert:

Mittlerweile finden sich im Web so viele Gerüchte, Geschichten und Anekdoten über den vermeintlichen Hacker, dass sich Wahrheit und Fakten nur noch schwer trennen lassen. Damit hat der vermeintliche Kauf der Chrisco Mansion alles, was eine gute Schmitz-Story braucht. Fortsetzung folgt garantiert.

Nachtrag, 18.2.: Am Mittwoch hat auch die „Abendzeitung“ das Gerücht aufgegriffen – die Münchner haben wenigstens pro forma eine E-Mail verschickt.

Und am Donnerstag hat schließlich auch Bild.de die Nicht-Nachricht entdeckt und präsentiert sie natürlich brandheiß und inaktuell. Obwohl die „Bild“ Schmitz über Jahre unkritisch jede PR-Eskapade geglaubt hat, weiß die Redaktion jetzt nicht einmal von einem misslungenen Kontaktversuch mit dem „Prahlhans“ zu berichten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Großer Bruder nicht im Haus

Wie vergangene Woche auf vielen deutschsprachigen Nachrichtenseiten zu erfahren war, werden die Bewohner von England nicht nur auf der Strasse oder in der Bank überwacht. Nein, sogar in den eigenen Räumlichkeiten!

„Überwachung in den eigenen vier Wänden ist in England schon Realität“, schrieb beispielsweise netzwelt.de, denn „Haushalte werden mit Überwachungskameras ausgestattet“, so derstandard.at. Auch der österreichische „Kurier“, das Schweizer „20 Minuten“ sowie winfuture.de und gulli.com berichteten.

Wie die meisten dieser Medien zugeben, basieren ihre Storys auf einer Geschichte in der britischen Tageszeitung „Daily Express“ vom 23. Juli 2009.

Die Hauptaussage dieses Artikels lautet:

The Children’s Secretary set out £400million plans to put 20,000 problem families under 24-hour CCTV super-vision in their own homes.

They will be monitored to ensure that children attend school, go to bed on time and eat proper meals.

(Das Erziehungsministerium hat 400 Millionen Pfund teure Pläne, 20.000 Problemfamilien in ihren eigenen Wohnungen unter 24-Stunden-Videoüberwachung zu setzen.

Sie werden überwacht, um sicherzustellen, dass Kinder zur Schule gehen, rechtzeitig ins Bett gehen und sich richtig ernähren.)

Tatsächlich werden in „family intervention projects“ Familien mit unsozialem Verhalten von Sozialarbeitern besucht und überwacht. Aber persönlich, und nicht mit Überwachungskameras (CCTV), wie es im Artikel heißt. Wenn auch der „Telegraph“ 2008 ein von Sozialarbeitern per Video überwachtes Paar vermeldete — von einer breitangelegten Videoüberwachung in englischen Wohnzimmern kann nicht die Rede sein.

Erziehungsminister Ed Balls bezeichnete deshalb den Vorwurf der Videoüberwachung in einem von mehreren Einträgen auf twitter.com als „complete and total nonsense“.

Auf der Website des „Department for Children, Schools and Families“ dcsf.gov.uk heißt es dazu:

Families will not be monitored by CCTV in their own homes.

(Familien werden nicht per Video in ihren Wohnungen überwacht.)

Auch Blogs nahmen die Meldung auf und versuchten darauf, die Falschmeldung irgendwie zu retten. So schrieb Gadgetlab auf wired.com in einem Update, dass der Einsatz von Überwachungskameras zwar nicht speziell erwähnt, aber auch nicht dementiert wurde (doch, eben hier). Das Blog fefe.de wies in einem zweiten Update einfach mal auf eine Ausstrahlung des Films „1984“ hin.

Über die Pressekonferenz, bei der der „Express“ von den Plänen mit den Überwachungskameras erfahren haben will, berichteten übrigens auch diverse andere britische Medien — allerdings korrekt, ohne den „Big Brother“-Aspekt. Auf Europareise ging aber nur die spektakuläre Falschmeldung. Vermutlich steckt darin eine Lehre.

Mehr dazu auch im Notizblog von Torsten Kleinz.

„Wie viel macht das in Schilling?“

Zahlen mit mehr als zehn Stellen können schnell zum Problem werden. Nicht nur für achtstellige Taschenrechner, sondern auch für Leute, die diese Zahlen aussprechen müssen.

Eine Eins mit neun Nullen ist für uns eine „Milliarde“, während sie in den meisten englischsprachigen Ländern als „billion“ bekannt ist. Eine „Billion“ im Deutschen ist hingegen eine Eins mit zwölf Nullen, die auf Englisch „trillion“ heißt, was im Deutschen eine Eins mit achtzehn Nullen wäre …

Da ist es (theoretisch) hilfreich, wenn man eine Zahl in ihrer vollen Schönheit vor sich hat. So zum Beispiel die Summe, die eine Kreditkartenfirma angeblich von Josh Muszynski für eine Schachtel Zigaretten haben wollte:

23 148 855 308 184 500 Dollar

Waschen Sie Ihren Finger und zählen Sie die Zahl am Bildschirm von hinten nach vorne ab. Es sind 23 Billiarden, 148 Billionen, 855 Milliarden, 308 Millionen, 184 Tausend 500 Dollar. Oder der Einfachheit halber „23 Billiarden Dollar“, wie dpa heute tickerte.

So haben es unter anderem „Focus Online“, „Spiegel Online“, tagesschau.de und taz.de übernommen.

Bild.de kam überraschenderweise zu einer Zahl, die – entgegen der sonstigen Veranlagung des Mediums – deutlich niedriger ausfällt:

Kreditkarten-Schock: 23 Billionen Dollar für ein Päckchen Zigaretten

Quasi als Ausgleich zur Tiefstapelei von Bild.de hat sich der österreichische „Standard“ in seiner Online-Ausgabe für eine andere Richtung entschieden:

23 Quadrillionen Dollar für ein Packerl Zigaretten

Nachdem sich Leser in den Kommentaren beschwert hatten, entschied man sich für eine etwas exotische Form der Korrektur und ergänzte den Artikel um einen lehrreichen Satz:

US-amerikanische „Quadrillionen“ werden aufgrund der unterschiedlichen Systeme im Deutschen eigentlich mit „Billiarden“ bezeichnet.

Denn wenn CNN „quadrillion“ schreibt, kann man’s ja auch machen.

Mit Dank an Maria, Andreas W. und Markus S.

Nachtrag, 19:20 Uhr: Bild.de hat den „Billionen“-Artikel gelöscht und einen neuen „Billiarden“-Artikel online gestellt.

Der enthält nur noch einen klitzekleinen Schönheitsfehler:

Josh Muszynski ist erleichtert: Er muss die 23 Billionen Dollar nicht abbezahlen

2. Nachtrag, 22:03 Uhr: Jetzt sind’s auch in der Bildunterschrift Billiarden.

3. Nachtrag, 17. Juli: Auch der „Standard“ hat seinen Artikel überarbeitet. Offenbar wollte man dort auf Nummer Sicher gehen, denn die Überschrift lautet nun vollständig:

für ein Packerl Zigaretten

Meteorit auf Weltreise

Es ist eine sensationelle Geschichte, die die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ („WAZ“) da vor zwei Wochen im Essener Lokalteil versteckt hatte: die eines Jungen, neben dem ein Meteorit einschlug, als er auf dem Weg zur Schule war.

Auf Fotos zeigte der 14-jährige Gerrit in der „WAZ“ den etwa erbsgroßen Meteoriten; den Krater, den dieser beim Aufprall in der Asphaltdecke hinterließ, und eine Brandnarbe auf dem Handrücken, die er selbst beim Einschlag davongetragen hat.

Ob die Geschichte tatsächlich stimmt, lässt sich schwer sagen: Sie klingt sehr unwahrscheinlich, ist aber nicht unmöglich. Experten sind sehr skeptisch, sich aber auch uneins. Wir haben mit den Eltern des Jungen Kontakt aufgenommen, aber die möchten mit keinem Medienvertreter mehr sprechen.

Andere Medien haben offenbar nicht einmal den Versuch unternommen, der Geschichte auf den Grund zu gehen, und schrieben lieber munter ab, was woanders stand: „Bild“ fasste den „WAZ“-Artikel kurz zusammen, hielt sich dabei aber noch an die bisher bekannten Fakten und übertrieb es lediglich bei der Überschrift:

All-Attacke auf Gerrit (14): Ein Meteorit hat mir die Hand verbrannt

Dann kam „Central European News“ ins Spiel, eine in Wien ansässige Nachrichtenagentur, die sich offenbar darauf spezialisiert hat, deutschsprachige Meldungen ein bisschen aufgeplustert nach Großbritannien zu verkaufen (wie im vergangenen Jahr die Geschichte von Josef Fritzl und seiner Hautcreme).

Britische Medien berichteten anschließend so über den Fall:

Schoolboy survives direct hit by meteorite travelling at 30,000mph
(„Daily Mail“)

14-year-old hit by 30,000 mph space meteorite. A schoolboy has survived a direct hit by a meteorite after it fell to earth at 30,000mph.
(„Daily Telegraph“)

Wie man auf die Zahl von 30.000 Meilen pro Stunde (48.280 km/h) kommt, ist schwer nachvollziehbar: Beim Eintritt in die Atmosphäre sind Geschwindigkeiten von bis zu 260.000 km/h denkbar, unten auf der Erde würde ein Meteorit aber nur noch mit Fallgeschwindigkeit (etwa 200 km/h) ankommen, wie der Scienceblogger Phil Plait anmerkt.

Der „Daily Telegraph“ wusste aber sowieso mehr als alle anderen:

[Gerrit] said: „At first I just saw a large ball of light, and then I suddenly felt a pain in my hand.

„Then a split second after that there was an enormous bang like a crash of thunder.“

„The noise that came after the flash of light was so loud that my ears were ringing for hours afterwards.

„When it hit me it knocked me flying and then was still going fast enough to bury itself into the road,“ he explained.

Damit wissen wir immerhin, wie viel Energie so ein Aufprall auf dem Weg von Essen nach England aufnimmt, denn in der „WAZ“ war der Junge noch so zitiert worden:

„Erst habe ich nur einen großen, weißen Lichtkegel gesehen. Meine Hand hat weh getan, dann hat es geknallt.“ […]

„Nachdem ich das weiße Licht gesehen habe, habe ich an meiner Hand etwas gespürt. Ich denke, dass mich der Meteorit gestreift hat. Vielleicht war es aber auch nur die Hitze“, berichtet er und zeigt den Rücken seiner linken Hand. Die rund zehn Zentimeter lange Brandwunde überdeckt bereits eine Kruste. „Das Geräusch, das folgte, klang wie das Reißen einer Steinplatte und war ziemlich laut“, erinnert sich Gerrit und deutet auf den kleinen Kreis aufgeplatzten Asphalts zu seinen Füßen.

Die „WAZ“ hatte in einem weiteren Artikel Ansgar Korte von der Essener Walter-Hohmann-Sternwarte erklären lassen, wie man herausfinden könne, ob es sich tatsächlich um einen Meteoriten handele. Korte sagte uns auf Anfrage, er habe zum Zeitpunkt des Interviews nichts von dem konkreten Fall gewusst und halte diesen im Nachhinein auch nicht für glaubwürdig.

Entsprechend vorsichtig hatte sich der Experte auch in der „WAZ“ geäußert:

„Ist es tatsächlich ein echter Meteorit, dann hat das Exemplar sogar einen gewissen Wert für Sammler und Mineralogen.“

Oder auf … ähm, Englisch:

Ansgar Kortem, director of Germany’s Walter Hohmann Observatory, said: „It’s a real meteorite, therefore it is very valuable to collectors and scientists.“

Auch sonst war der „Telegraph“ sehr früh allen anderen voraus:

Chemical tests on the rock have proved it had fallen from space.

Dabei wird der Stein nach unseren Informationen zur Zeit zwar in München untersucht. Ein Ergebnis steht aber noch aus.

Der Artikel im durchaus renommierten „Daily Telegraph“ war der Startschuss für eine internationale Karriere der Meldung: Amerikanische Medien bezogen sich auf den „Telegraph“-Artikel, die Geschichte erreichte u.a. Rumänien, die Türkei, Brasilien, Vietnam und die Ukraine. „Sky News“ verbreitete die gleichen falschen Zitate, woraufhin die australische Nachrichtenseite news.com.au aufschrieb, was Korte „Sky News“ erzählt haben soll.

Und nachdem sich erst kaum jemand in Deutschland für Gerrit und den Meteoriten interessiert hatte, näherte sich die Geschichte letzte Woche dann wieder ihrem Ursprungsort.

Zunächst machte sie einen kurzen Zwischenstopp beim österreichischen „Standard“, der mit dieser beeindruckenden Quellenangabe aufwartete:

Doch was nach reiner Fiktion klingt, hat sich tatsächlich so zugetragen, berichtet die britische Zeitung Telegraph.

Merkur-online.de:

„Die Chance, diesen Vorfall zu überleben, steht eins zu einer Million. Gerrit Blank aus Essen hat seine Chance genutzt – und die ganze Welt reißt sich um die Geschichte.
Bald schrieben Zeitungen über die Attacke aus dem All. Die Geschichte schwappte über die Landesgrenzen, nach Großbritannien und in die Türkei. Sogar ein australisches Nachrichtenmagazin schreibt über Gerrit Blank, der sich derzeit von seiner Verletzung erholt. (…)“

In erstaunlicher Meta-Form (siehe Kasten) schlug die Geschichte vergangenen Montag schließlich im Online-Auftritt des „Münchner Merkurs“, der „Allgemeinen Zeitung“ und anderen* auf, wo man sich sogleich an eine Rückübersetzung einzelner Zitate machte:

„Meine Ohren haben noch Stunden danach geklingelt“, beschreibt der Schüler.

*) Der wortgleiche Text, der ursprünglich auch im Online-Angebot der „Hessisch-Niedersächsichen Allgemeinen“ gestanden hatte, ist dort inzwischen verschwunden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!