Archiv für Daily Mirror

Hetze, Manipulation und Wahlkampf auf den Titelseiten

„Bild“ will nicht nur berichten, „Bild“ will auch Politik machen. Die Redaktion setzt dann alles daran, den amtierenden Bundespräsidenten abzusägen, einen Verteidigungsminister ganz nach oben zu schreiben oder einen uralten Vorschlag der Grünen kurz vor der Bundestagswahl zum großen Skandal aufzubauschen. Häufig klappt es.

Bei all der Parteilichkeit und Einmischung der „Bild“-Zeitung bleibt das, was vor Wahlen in Großbritannien passiert, etwas Besonderes und besonders Eindrucksvolles: Die dortigen Boulevardblätter berichten nicht — sie machen Wahlkampf auf ihren Titelseiten, sie hetzen und manipulieren.

Die Briten stimmen heute über ein neues Parlament ab. Ein kurzer Blick auf die aktuellen Cover von „Daily Mirror“, „Daily Express“, „Daily Mail“ und „The Sun“ reicht, um zu sehen, wie einseitig die Schlagzeilen und Artikel sind, wie deutlich sich die jeweiligen Redaktionen auf die Seite der Labour Party beziehungsweise der Tories schlagen.

Der „Daily Mirror“ ist für Labour, die Anweisung an die Leserschaft eindeutig: „VOTE Labour“. Das Blatt macht Theresa May zum „FACE OF FEAR“, das man heute an der Wahlurne loswerden könne: „Today’s your chance to get rid of Mrs May“.

Titelseite Daily Mirror - Lies, damned lies and Theresa May - Don't condemn Britain to five more years of Tory broken promises
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Der „Daily Express“ druckt eine ähnlich klare Anweisung, allerdings im Sinne der Tories und Premierministerin May:

Titelseite Daily Express - Vote for May today
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Die „Daily Mail“ positioniert sich ebenfalls explizit für die Tories. Mit dem richtigen „tactical voting guide“ könnten die Leserinnen und Leser den britischen Geist neu entfachen:

Titelseite Daily Mail - Your tactical voting guide to boost the Tories an Brexit - Let's reignite British spirit
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Die mit Abstand übelste Titelseite hat „The Sun“ veröffentlicht. Das Blatt hat Labour-Parteichef Jeremy Corbyn — hehe, lustiges Wortspiel mit dessen Nachnamen — in einen Mülleimer gepackt, ihn zum „Terroristen-Freund“ erklärt und geschrieben, dass nur ein „vote for Theresa May’s Conservatives — not Ukip, or any other –“ helfen werde, um den „MARXIST EXTREMIST“ Corbyn zu verhindern:

Titelseite The Sun - Don't chuck Britain in the Cor-bin - terrorists friend, useless on Brexit, destroyer of jobs, enemy of business, massive tax hikes, puppet of unions, nuclear surrender, ruinous spending, open immigration, marxist extremist
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Blöde aller Länder, vereinigt euch!

Wenn eine Boulevardzeitung bei einer Boulevardzeitung abschreibt, die ihre Informationen aus einer Boulevardzeitung entnimmt, kann dabei nur Grütze herauskommen — Grütze, die inzwischen einen Großteil der Journalismus-Ersatz-Portale im Internet ausmacht.

So schreibt der Online-Ausleger von „Bild“ unter Berufung auf den „Daily Mirror“ (und der wiederum unter Berufung auf ein Blog der spanischen „20 Minutos“) über den Sänger der rumänischen Popband Jukebox, der bei einem Auftritt im rumänische Fernsehen sein Mikrofon falsch herum gehalten hat.

„Wie blöd ist das denn?“, fragt Bild.de und findet den Auftritt „einfach nur mega-peinlich“.

Ja ja, die Rumänen. Nur: Der Sänger kann nach mehr als 1000 Live-Konzerten mit Mikrofonen umgehen und hat sich einfach einen Spaß erlaubt, wie er der rumänischen Presse (leider auf rumänisch) erklärt hat. Das übrigens nicht zum ersten Mal: Bereits einige Wochen vor seinem Auftritt in der Sendung „Stele sub lupa“ hielt er sich in einer Show des Fernsehsenders TVR1 das falsche Mikrofonende an den Mund.

Das „20 Minutos“-Blog hat inzwischen erkannt, dass seine Einschätzung des Auftritts vermutlich falsch war.

Und jetzt könnte man natürlich fragen: „Wie blöd ist Bild.de denn?“ und den Daily Mirror einfach nur mega-peinlich finden … aber lassen wir das.

Den Sänger jedenfalls freut es: Nachdem unter anderem MSN sowie die „Sun“ auf den Zug aufgesprungen sind, wurde sein Video schon über 700.000 Mal angeklickt.

Mit Dank an Andreas N.!