Archiv für Blick am Abend

Ohne Sinn und Geschmack

Die meisten Menschen kennen Emma Watson als Hermine aus den Harry-Potter-Filmen. Seit Juni ist sie auch UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte. In dieser Funktion hat sie am Samstag eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten und für die Initiative „HeForShe“ geworben, die Männer dazu aufruft, sich für Frauenrechte einzusetzen.

Für ihre Rede hat Watson viel Zuspruch und Lob bekommen — aber auch Kritik von selbsternannten Männerrechtlern, die ihr den Einsatz für Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit übelnehmen.

Eine ganz eigene Interpretation der Rede liefert dagegen die Schweizer Gratiszeitung „Blick am Abend“, deren Titelseite am Montag so aussah:

Im Artikel heißt es:

Dabei sieht ‘Hermine’ vor allem die Männer als Opfer: ‘Feminismus hat heute viel mit Männer-Hass zu tun’, mahnte sie am Samstag im UNO-Hauptquartier in New York. ‘Das muss aufhören!’ Feminismus gelte als aggressiv und unattraktiv. Watson wills richten.

Tatsächlich sagte Watson (das Redemanuskript als PDF):

[...] the more I have talked to about feminism the more I’ve realised that fighting for women’s rights has too often become synonymous with man-hating. If there is one thing I know for certain, it is that this has to stop.

Das Blatt schafft es also, Emma Watsons Botschaft ins Gegenteil zu verkehren: Aus einer feministischen Rede wird so ein fast schon anti-feministischer Appell.

Während der „Blick am Abend“ Emma Watson das Wort im Munde herumdreht, gibt sich die Münchner „Abendzeitung“ alle Mühe, ihren Ruf als — vergleichsweise — seriöse Boulevardzeitung zu demontieren. Am Montag schien es, als würden Nutzer des Imageboards „4chan“ damit drohen, Nacktfotos von Watson zu veröffentlichen, angeblich als Reaktion auf deren Rede.

Für die „Abendzeitung“ ein willkommener Anlass, sich um den Preis für die geschmackloseste Klickstrecke des Jahres zu bewerben und ihren Lesern „die schöne Emma nochmal angezogen“ zu zeigen:

Wird Emma Watson das nächste Opfer des Nacktbilder-Skandals? Der Countdown für die Veröffentlichung läuft beriets [sic!]

fragt der Teaser speicheltriefend, und am Ende des Artikel wartet die umissverständliche Aufforderung an lüsterne Leser, die Zugriffszahlen der Webseite in die Höhe zu treiben: „Klicken Sie sich durch unser Bilderstrecke!“

Nur schade für die „Abendzeitung“, dass sie keine Klickstrecke mit der nicht mehr angezogenen Emma Watson präsentieren wird können. Mittlerweile hat sich nämlich herausgestellt, dass die vermeintliche Drohung von einer Marketing-Agentur* fingiert wurde, um Barack Obama unter Druck zu setzen, das Imageboard „4chan“ zu schließen.

Den verlinkten Artikel hat „Spiegel Online“ auf Facebook übrigens mit diesem geschmackvollen Post beworben:


Mit Dank an Katharina! „Spon“-Screenshot via @queerdenkerin.

*Nachtrag, 25. September: Felix hat uns darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung „Marketing-Agentur“ irreführend ist, „Spiegel Online“ nennt Rantic deshalb „die elaborierte Schöpfung eines sehr ehrgeizigen Trolls.“

100 Prozent der Überschrift sind falsch

Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick am Abend“ befasste sich gestern mit der Situation der Asylbewerber im Land. Und mit deren Gesundheitszustand.

Das Blatt stellt fest, dass …

(…) viele [Asylbewerber] mit dem HI-Virus infiziert sind. In einer Kurzanalyse des Bundesamts für Gesundheit (BAG) steht: „Ein vergleichsweise hoher Anteil HIV-Positiver geht auf Personen aus der Subsahara-Region zurück.“ Also Leute aus Ländern wie Nigeria, Eritrea oder dem Kongo.

Im nächsten Absatz wird es etwas komplizierter. Dort kommt ein Sprecher der Schweizer Aids-Hilfe zu Wort:

„Mit Blick auf Personen aus Subsahara zeigen die epidemiologischen Daten, dass sich über 60 Prozent der betroffenen Personen bereits in ihren Herkunftsländern mit HIV infiziert haben“, sagt Harry Witzthum von der Aids-Hilfe.

Offenbar zu kompliziert für die Redakteure von „Blick am Abend“. Denn aus dem Zitat bastelten sie diese Überschrift:"60 Prozent der Asylbewerber sind HIV-positiv"

Der zitierte Sprecher Harry Witzthum schrieb uns auf Anfrage:

Meine Aussage hat mit der Überschrift nichts zu tun, das ist ein falsches Zitat. Meine Aussage, die im Text richtig zitiert wird, lautet, dass mehr als 60% der in der Schweiz diagnostizierten HIV-positiven Migranten sich bereits im Herkunftsland mit HIV infiziert haben. Die Aussage, dass 60% der Asylbewerber HIV-positiv sind, ist vollkommen falsch. Der Titel wurde nicht von der Journalistin gesetzt.

Via @FabianEberhard.

Nachtrag, 6. Dezember: In seiner gestrigen Ausgabe hat sich der „Blick am Abend“ für seine „Unsorgfältigkeit“ entschuldigt:Titel war falsch

Hauptsache motzen

Die Journalistin Verena Mayer musste, als sie in der Zürcher Kronenhalle für 25 Franken einen kleinen Salat aß, mitansehen, wie am Nachbartisch die Rechnung beglichen wurde:

Sie betrug – ungelogen – 3489 Franken.

Das ist eines der Beispiele, mit denen sie im „Tagesspiegel“-Artikel „Das Leben ist schön teuer“ klar zu machen versucht, wie teuer das Leben in Zürich ist.

Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick am Abend“ mochte das nicht auf sich sitzen lassen und konterte am Mittwoch mit einer Replik. Unter dem Titel „Gekommen um zu motzen“ versuchen die Redakteure, Mayers Beispiele zu entkräften. Dafür nahmen sie sich fast eine Doppelseite Platz, die von einem Foto einer deutschen Flagge dominiert ist (PDF-Datei, Seiten 2 und 3):

Gekommen um zu motzen

In der Einführung zum Text heißt es:

Die deutsche Journalistin Verena Mayer lebt in Zürich und kritisiert im deutschen "Tagesspiegel" das teure Leben – wir relativieren.

Auch wenn die „motzenden“ Deutschen mittlerweile zu den größten Gruppen von Ausländern in der Schweiz zählen: Verena Mayer ist Österreicherin, wie ein kurzes Anwerfen einer Suchmaschine in den ersten Resultaten verraten hätte. Immerhin, der „Tagesspiegel“ ist tatsächlich aus Berlin.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Seine Karriere startete Stefan Büsser 2004 bei „Blick“. Nach eigenen Angaben wurde er gleich „prominentester Praktikant des Landes“ und machte sich „national einen Namen“. 2007 wechselte er als „News-Redaktor“ zu „heute“, dem Vorgänger des heutigen „Blick am Abend“. Seit 2008 arbeitet er für Radio Energy. Alle diese Medien gehören mehrheitlich dem Schweizer Verlag Ringier, so ist es keine Überraschung, dass Büsser auch schon als „Ringier-Kind“ bezeichnet wurde.

Inzwischen versucht er sich auch als Moderator und Comedian – für „Blick am Abend“ Grund genug, ihm ein paar Fragen zu stellen Platz für Statements einzuräumen (Ausgabe vom 13. September 2011):

Ausriss "Blick am Abend"

Büsser erzählt nicht nur, von welchen Marken sein Handy und sein Laptop sind, er gibt auch an, wo er online einkauft:

Ausriss "Blick am Abend"

Geschenkidee.ch? Ah ja, das das ist doch diese „e-Commerce-Plattform“, die Ringier 2008 zu 100 Prozent übernahm. Wie hieß es damals?

Indem die verschiedenen multimedialen Ringier Medien und Plattformen genutzt werden, kann die starke Marktposition weiter ausgebaut werden.

Über die vertraglichen Details haben die Parteien Stillschweigen vereinbart.

Im Impressum von „Blick am Abend“ wird die Geschenkidee.ch GmbH unter den „Beteiligungen“ ausgewiesen:

Ausriss "Blick am Abend"

Vor ein paar Monaten spielte sich das übrigens schon mal fast genau so ab (Ausgabe vom 1. Februar 2011):

Ausriss "Blick am Abend"

Ausriss "Blick am Abend"