Archiv für Bildbetrachtung

Direkt aus der Photoshop-Hölle


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy, draufklicken für eine größere Version)

„‚Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk“, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

Warum gibt es Kunst? Warum verbringen erwachsene Menschen ihre Zeit damit, besinnungslos auf Steine einzudreschen, giftige Farbdämpfe einzuatmen und durch schwersten Alkoholdunst hindurch Franz-Josef-Wagner-Kolumnen zu verfassen? Schon seit frühester Frühe geht es in der Kunst immer auch um Unsterblichkeit. Künstler ruinieren ihre Gesundheit, verkürzen ihr Leben, um ihren Ruhm über den Tod hinaus zu verlängern. Ihre reichen Auftraggeber hingegen hoffen, die eigene Lebenserwartung als Skulptur, Porträtgestalt oder Von-Hagens-Plastinat wenigstens symbolisch auszudehnen. Nur selten gelingt es dem Kunstwerk jedoch, den Tod selbst zu überwinden, direkt einen Blick in ein besseres Jenseits zu ermöglichen.

Leo Fischer hat mit seinen 35 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Mit der Komposition „Freund von Topmodel Miriam Höller — Red-Bull-Pilot stirbt bei Heli-Absturz“ sind wir diesem alten Menschheitstraum ein Stücklein nähergekommen. Über dem exklusiv für Bild.de und seinen nimmermüden Leichenbeschauer J. Reichelt zerschellten Hubschrauber („Hubi“), der im Grau von Himmel und Gebirg fast doppelt begraben („Grabi“) erscheint, erhebt sich, wiedergänger- oder doch wenigstens zombiehaft, der verblichene Hannes Arch („Archi“) in alter Pracht.

Von jenseitigem Glanz umspielt, in frischeste Farben getaucht (Autokontrast), triumphiert der Tote über das ewiggraue Einerlei von Natur, Aerodynamik und „Bild“-Berichterstattung. Jesushaft dem Grabe entsprungen, rettet er sogar sein ihm angetrautes Top-Model Miriam „Miri“ Höller aus den Klauen der Unterwelt — obwohl sie gar nicht offiziell als verstorben galt. So wird das Paar von „Bild“ gleichsam doppelt umgebracht, nur um kurz darauf in größerer Pracht ins Leben zurückzukehren.

Beide freuen sich sichtlich, dem Tode noch einmal entronnen zu sein — verweist ja der Inferno-Glanz um Arch, der Name seiner Freundin „Höller“ und nicht zuletzt die Bezeichnung des Unglücksapparats („Heli“, Anspielung auf nord. Totengöttin „Hel“, engl. „hell“) darauf, woher die beiden Untoten genau kommen: nämlich direkt aus der Hölle, der Hölle von Photoshop Elements. Der heiße Atem des Satans scheint Arch noch hinterherzuwehen, sein Haupthaar wird vom höllischen Aufwind mächtig gebläht.

Tod und Leben durchdringen sich, nehmen einen Drink an der „Bild“-Bar, tauschen Visitenkarten aus. Wir als Betrachter sind sozusagen miterlöst, denn wir wissen: Tot ist man erst, wenn „Bild“ einen vergessen hat. Und das kann dauern.

Gottes Werk und Reichelts Foto


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

„‚Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk“, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

Katastrophen sind nicht schön. Die „Bild“-Berichterstattung darüber auch nicht. Viele ethische Grundsätze müssen im Kopfe von „Bild-plus“-Chef Julian Reichelt hin- und hergerollt werden: Wie leuchtet man eine Leiche richtig aus? Wo kriegen wir am schnellsten Klassenfotos der toten Kinder her? Wo wohnen die Eltern, haben wir exklusive Heulbilder?

Leo Fischer hat mit seinen 35 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Angesichts dieser komplizierten Ethik-Lage überrascht es nicht, daß „Bild“ im Fall des kaputtgerummsten Städtchens Amortadella schnell handeln mußte — und statt toter Kinder ausnahmsweise eine quietschfidele Nonne vor die Kamera gebracht hat: „Ich war mir sicher, dass ich sterben würde“, sagt Schwester Mariana zu „Bild“. „Aber in dem Moment, als eigentlich schon alles vorbei war, kam eine Stimme und rief meinen Namen. Da war ich mir sicher: Gott ist da.“

Wer mag dieser Gott sein, wer hat Mariana erhört? Eventuell hält Bild.de sich selber dafür. Gottgleiche Ausmaße hat jedenfalls der angenehm fleischige Mikrofon-Dödel, der sich da von linksunten ins Nonnen-Face schraubt. Mikro-Glieder gehören bekanntlich zur Grundausstattung von „Bild“-Mitarbeitern, bei „Bild plus“ dürfen es dann gerne ein paar Zentimeter mehr sein. Eine notdürftig abgeklebte Kopfwunde weckt Assoziationen an die Stigmata des Heilands bzw. eine kurz zuvor erfolgte persönlichkeitsoptimierende Schläfenlappen-Op (Lobotomie).

Im Hauptbild hingegen sehen wir die geschwätzige Gottesdienerin attraktiv auf eine Leiter hindrapiert — als wäre sie gerade frisch vom Kreuz herabgestiegen. Den Blick hochkonzentriert aufs Handy gerichtet, den Podex auf einem Stück Sackleinen kühlend, bringt das nackte Füßlein sogar etwas zarte Erotik in dieses pietà-hafte Tableau. Auf welcher App ihre glaubensstarken Augen wohl ruhen? Auf Twitter, Snapchat oder Xhamster? Oder nicht doch besser auf der „Bild“-App? Schauen, welche Mitschwestern es zwischenzeitlich zerbrezelt hat?

Das BILDblog begrüßt jedenfalls den Trend, nur mehr leichtverletzte Opfer von Katastrophen zu zeigen und die wirklich guten Splatter-Effekte schön hinter der Paywall zu verstecken. Dann wird uns beim Besuch von Bild.de auch nicht mehr ganz so schlecht.

Kakerlaken im Gesicht


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

„‚Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk“, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

„Kunst ist es, die Kunst zu verstecken“, hieß es bei den Römern, und auch die Kunst von „Bild“ ist eine des Versteckspiels — eine Art Topfschlagen für zwei bis zehn Erwachsene von 7 bis 77, auf Speed und ohne Hosen. Im Fall der Porträtkomposition „Kakerlaken, aufgepaßt!“ dient dieses Spiel auch einem höheren moralischen Zweck, nämlich der Menschenwürde. Der Porträtierte, kurz „ER“ genannt, ist durch eine Art Montage-Technik verfremdet: Ähnlich wie bei den „assoziativen Bildern“ von Giuseppe Arcimboldo, der menschliche Gesichter aus Obst und Gemüse zusammensetzte, bestehen „SEINE“ Gesichtszüge aus den Körpern von Kakerlaken. Der Porträtierte wird entstellt, durch diese Entstellung jedoch zugleich in seiner Anonymität geschützt; seine Würde wird gewahrt.

Leo Fischer hat mit seinen 35 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Sogar die Frau an seiner Seite kann diese Würde nicht verringern — sein edler Anzug, seine noble Haltung heben ihn heraus aus der Sphäre des Skandals. Während Gina-Lisa raubtierartige Körpermuster und eine insektenhaft verborgene Augenpartie präsentiert, sich dazu hinter einer klauenartig erhobenen Hand verbirgt wie ein Tier auf der Hatz, gewinnt der verborgene Gentleman gleichzeitig an Menschlichkeit, an Sympathie — gerade dadurch, daß er nicht prima facie in „Bild“ stattfindet. Ähnlich gewinnen auch die Kakerlaken, die von Bild.de — aufgepaßt! — gewarnt und gewissermaßen vor den beiden Promis gerettet werden. Hier zeigt sich auch die legendäre Tierliebe von Bild.de.

Daß es sich bei dem Insektenherrn um Florian Wess handelt, erfährt nur, wer dumm genug ist, der Witwe Springer jeden Monat 4,99 Euro in den Bettelstock zu werfen, oder wer kostenlos meinen Text liest. Es spielt aber auch keine Rolle, ist in Wahrheit doch Gina-Lisa Zentrum dieser Erzählung — wer sich an ihre Seite stellt, so die Aussage, wird selbst Teil des Dschungels, schmutzig, von Parasiten befallen. Parasiten, denen Bild.de mehr Respekt und Ansprache schenkt als den beiden Menschen dahinter.

Heißt es doch von Herrn Wess im Begleittext, er sei seiner Freundin „zur Seite“ gestanden, „als sie im Fall wegen angeblicher Vergewaltigung vor Gericht musste“, und dieser Satz, abgesegnet und verantwortet von Stilgott und Bild.de-Chef Julian Reichelt, ist so wundervoll zerstört und zerschunden wie nur das Gesicht von Herrn Wess selbst — man kann ihn so lesen, als sei Gina-Lisa diejenige, welche vergewaltigt habe, und man kann ihn so lesen, als sei sie wegen einer Lüge bestraft worden.

Dies paßt ganz hervorragend zu dem sog. „Sex-Video“, das „Bild“ am Wochenende veröffentlicht hat — nicht etwa eins zu eins, das wäre ja auch zu teuer gekommen, sondern als kostengünstige Textabschrift, aus der man im Detail erfährt, welche Körperteile wann zum Einsatz kamen. „Bild“ veröffentlichte dieses Dokument der Brutalität mit dem Vorsatz, es den Lesern zu überlassen, wie sie diese Brutalität zu bewerten hätten, und überließ damit auch gleich die ganze Frau zehntausend wichsenden „Bild“-Lesern.

Zum Dank für ihre preiswerte Mitarbeit am Blatt wird sie nun selbst als halbes Tier gezeichnet, als flüchtige Dschungelkreatur, die durch ihre Berührung verunreinigt und gut angezogene Burschen in die Welt der Kakerlaken reißt. Immerhin: Es ist diese Tierwelt ganz bestimmt eine schönere und angenehmere als diejenige, in der solche Bilder, solche Texte entstehen. Wir, das Ungeziefer vom BILDblog, wünschen Frau Lohfink und Herrn Wess auf diesem Wege alles Gute dafür!

Der Sparkassenazubi und sein Newsletter


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

“’Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk”, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

Die Renaissance war eine Zeit der Entdeckungen, auch auf dem Gebiet der Kunst. Zentralperspektive, Fluchtpunkte, echtes 3-D ohne Brille — all diese Techniken revolutionierten das uralte Handwerk der Bildermalerei. In Florenz entdeckten Forscher den Humanismus, in Mailand die Homosexualität.

All diese Traditionen aufgreifend, jedoch durch die postmoderne Technik der bricolage ins Postmoderne transzendierend, steht die Foto-Collage „Abonnier‘ mir“ (unbekannter Photoshop-Meister, ca. 2015), veröffentlicht von dem Auktionshaus Bild.de. Das Gemälde ist derzeit noch ohne „Bild-plus“-Zugang erreichbar.

Leo Fischer hat mit seinen 34 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Im Vordergrund steht ein Porträt, Fachleute sprechen hier von einem „Freisteller“, der sogenannten „Fresse“. Dezent vor ein impressionistisches Wischiwaschi gesetzt, blickt uns der Bild.de-Chef interessiert und leicht erschöpft, ja gewissermaßen schon erledigt aus dem rechten Auge an, während das linke, odinsgleich geblendet oder schon von grünem Star gezeichnet, seltsam leblos nach innen sieht. Um den harten Mund des Jünglings steht eine zarte orangene Linie, evtl. von einer übereilt verzehrten Tomatensuppe herrührend. Das Dekolleté zeigt ins Ungewisse und bildet mit der rechten Geheimratsecke ein Parallelogramm; die linke Schulter ist leicht verschmiert.

Gibt schon dieses Porträtwerk Rätsel auf, irritiert seine Wiederverwendung im Bild umso mehr. Wie in einer Matroschka-Puppe steckt in dem Julian immer schon ein kleinerer Julian, der mit Piepsstimme die Abonnier-Bettelei seines großen Bruders wiederholt, und in diesem Piepmatz wiederum ein noch kleinerer Nano-Juli, und immer so weiter. Diese mise-en-abîme, „Sturz in den Abgrund“, genannte Technik war in früheren Epochen geeignet, die Omnipräsenz Gottes im Großen wie im Kleinen zu visualisieren — in einem gottlosen Universum finden wir jedoch überall nur Herrn Reichelt und seine Brustbehaarung. Wie in der Pop-Art werden auch hier Textfragmente durch Wiederholung ihrer Bedeutung beraubt; die Begriffe „Reichelt“, „Newsletter“ und „Top 7“ werden dem Betrachter so renitent ins Hirn gerammt, daß sich jeder Sinn, ja das Vertrauen in Sprache selbst verflüchtigt.

Was aber will der Künstler uns damit sagen? Man könnte meinen, hier habe ein Grafiker das überbordende Ego seines evtl. sogar jüngeren Chefs subtil in Frage zu stellen gesucht. Aber jenseits einer solch platt politischen Deutung erzeugt die schneckenhausartige Konstruktion des Bildes ein Gefühl tiefer seelischer Verkommen- und Verlorenheit, die über seinen tagesaktuellen Gehalt hinausreicht, und verweist auf ein allgemein-menschliches, in der Tradition antiker Herrschaftskritik stehendes memento mori, welches das leicht verzweifelte Antlitz des Burschen in die Tradition der großen Existenzialisten stellt.

Und wirklich: Konnte man dem lebensfrohen Kai Diekmann wenigstens noch abnehmen, an seinen Leichen- und Tittenfotos höchstpersönliche Befriedigung zu finden, also wenigstens ästhetisch hinter seinem Treiben zu stehen bzw. stehen zu haben, konfrontiert uns dieses „Bild“-Bild mit einem blutleeren Vertreter einer “lost generation” — ein postmoderner Anti-Held mit dem Charme eines Sparkassenazubis nach der zweiten Überstunde; ein Gott der kleinen Dinge, überfordert schon von der Frage, ob er Bild.de nun eher pro oder kontra Ausländerklatschen ausrichten soll. Wir alle finden uns in diesem Bild wieder, wir alle haben an Reichelts leicht gelüpftem Busen Platz. Vielleicht finden wir an ihm sogar Trost.