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Die Jagd auf Schumachers Privatsphäre

Nicola Pohl, die Schumi-Beauftragte der „Bild“-Zeitung, ist fassungslos.

Manche Meldungen machen einfach fassungslos.

Wie BILD aus Krankenhauskreisen erfuhr, haben zwei unbekannte Männer vor rund zwei Wochen versucht, sich Zugang zum Krankenzimmer des schwer verletzten Formel-1-Rekord-Weltmeisters zu verschaffen.

Nach BILD-Informationen wollten die beiden, höchstwahrscheinlich Angehörige anderer Patienten, heimlich ein Handyfoto von Schumi machen. (…) Die Eindringlinge konnten von einem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma des Krankenhauses noch rechtzeitig davon abgehalten werden, direkt an Schumacher heranzukommen.

Ohne Frage eine in jeder Hinsicht ekelhafte und niederträchtige Aktion. Sofern es denn stimmt, was Nicola Pohl da berichtet.

Dass aber ausgerechnet die jetzt um Fassung ringt, ist schon ein starkes Stück. Nicola Pohl, tapfere Verteidigerin von Schumis Privatsphäre. Klar. Und dann ausgerechnet in der „Bild“-Zeitung, zu deren Repertoire es durchaus gehört, unangemeldet und unerwünscht in die Krankenzimmer von Unfallopfern zu platzen und dort gemachte Fotos auch ohne ausdrückliche Genehmigung zu veröffentlichen.

Jedenfalls — Nicola Pohl. Die ist bei „Bild“ normalerweise für die Formel 1 zuständig. Seit dem Ski-Unfall von Michael Schumacher besteht ihr Job aber in erster Linie darin, vor Schumachers Krankenhaus rumzustehen, an Schumachers Unglücksort rumzustehen, sämtlichen Schumacher-Gerüchten hinterherzuhecheln, alte Fakten in neue Schlagzeilen zu verwandeln und aus jedem vermeintlichen Informationsfetzen eine große Sensation zu basteln. Ihr Vertreter im Vor-dem-Krankenhaus-Rumstehen ist übrigens „Bild“-Newcomer Julien Wilkens (wenn er nicht gerade schon woanders rumsteht).

Und das ist bislang dabei rausgekommen:
Ausrisse: "Bild" und "Bild am Sonntag" vom 30.12.2013 bis 12.04.2014
Seit Monaten gieren die Macher und Leser der „Bild“-Zeitung nach Insider-Infos aus dem Krankenhaus. Schumachers Managerin Sabine Kehm kann noch so oft mitteilen, dass es nichts Neues gibt, dass man Geduld haben muss, dass sie keine Details nennen wird. Und sie kann noch so oft darum bitten, sich ausschließlich an die offiziellen Mitteilungen zu halten, die Ärzte in Ruhe arbeiten zu lassen, das Arztgeheimnis und Schumachers Privatsphäre zu respektieren. Aber die „Bild“-Zeitung will sich damit einfach nicht zufriedengeben. Sie will mehr. Sie will Exklusives. Spektakuläres. Hetzt unermüdlich der Frage nach: Was passiert im Zimmer von Schumacher? Und vermeintliche Antworten darauf werden pompös präsentiert wie Jagdtrophäen. Privatsphäre? Pah.

Das Blatt will immer als erstes berichten, wenn sich irgendwas tut, verlässt sich lieber auf „BILD-Informationen“ statt auf offizielle Statements und nimmt dabei in Kauf, überholte oder gar falsche Tatsachen zu verbreiten. Die Redaktion gibt vor zu wissen, wie es „wirklich um Schumi steht!“, sie prahlt damit, mehr zu erfahren als die anderen, näher dran zu sein an Schumacher, tiefere Einblicke zu haben in sein Umfeld, seine Krankenakte, sein Zimmer, seine Privatsphäre.

Und immer mittendrin: Nicola Pohl. Im Artikel von gestern, über die Einringlinge, die Schumacher fotografieren wollten, schreibt sie noch:

Ob sie geplant hatten, das Bild später meistbietend zu verkaufen, ist nicht bekannt.

Ebenso unbekannt ist, ob die „Bild“ die Fotos, wenn sie zu erwerben gewesen wären, gekauft und veröffentlicht hätte statt sich über den Versuch, sie zu machen, groß auf der Titelseite zu empören.

Mit Dank auch an Wimo.

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Sauerster Gurkentitel aller Zeiten?

Nach einer Abi-Feier an einem Hamburger Gymnasium haben gestern mehrere Schüler über Kopfweh und Übelkeit geklagt. Soll ja durchaus mal vorkommen. Doch in diesem Fall waren es nicht die Abiturienten selbst, bei denen die Symptome auftraten, sondern vor allem jüngere Schüler. Was also war passiert?

Die „Bild“-Zeitung weiß es:Schlimmster Schul-Streich aller Zeiten? - Fünftklässler bei Abi-Feier vergiftet

Im Artikel gibt sie dann aber selbst zu, dass es sich dabei lediglich um einen Verdacht handelt:

Der Verdacht: In den auch an Jüngere ausgeschenkten Getränken wie Cola oder Fanta könnten Drogen, K.O.-Tropfen oder Abführmittel gewesen sein. Polizisten beschlagnahmen einen Kasten Limonade. Proben der Getränke werden zur Untersuchung ins Toxikologische Institut des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf [UKE] gebracht.

Währenddessen darf sich der Sprecher der Schulbehörde schon mal empört darüber auslassen, dass es ja ein „absolutes Alkoholverbot“ gegeben habe, „das hinterlistig und zulasten von jungen Schülern umgangen wurde“. Woher er diese Informationen hat, sagt er nicht.

Inzwischen sind die ersten Blut- und Getränke-Untersuchungen abgeschlossen. Und siehe da: Kein Alkohol, keine Drogen, keine K.O.-Tropfen, keine Abführmittel.

Die einzige Erklärung der Ärzte im UKE für das Verhalten der Kinder, ist eine Hysterie, die unter den Schülern ausgebrochen sein könnte. Oberärztin Daniela Nolkemper sagte NDR 90,3: „Es wurden keine Alkoholspiegel gemessen bei den Kindern. Ich weiß nur, dass die Kinder hier völlig unauffällig und unbeeinträchtigt waren.“ Aber sie seien sehr aufgeregt gewesen und hätten Angst gehabt. Die Ärztin vermutet, dass sich eine Massenhysterie entwickelte hatte, ausgelöst möglicherweise durch eine Lautsprecherdurchsage der Schulleitung, in der es hieß, dass die Feier abgebrochen werde, weil Drogen und Alkohol gefunden worden seien.

Die Polizei hat ihre Ermittlungen inzwischen auch eingestellt.

Die „Bild“-Zeitung aber wird noch bis heute Abend in den Kiosken und Zeitschriftenständern dieses Landes verkünden, die Schüler seien „vergiftet“ worden. Auch eine Form von Massenhysterie.

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Irre: Bekiffte EU-Huren retten Pleite-Griechen

Jaha, so kennt man sie, die Europäische Union: Erlässt völlig „irre“ Verordnungen, damit die Pleite-Griechen, die alten Penner, weiter wie verrückt Schulden machen können, auf unsere Kosten, kennt man auch.

Aus dem Plan, die Berechnung der Wirtschaftsleistungen der europäischen Länder zu harmonisieren und internationalen Standards anzupassen, macht „Bild“ ein Stück, das die rassistischen Ressentiments der eigenen Mitarbeiter und der Leser bedient und weiter befördert. Dabei geht es in keiner Weise um eine Sonderregelung für die EU-Krisenländer.

Soweit, so „Bild“. Aber Brüssel-Korrespondent Dirk Hoeren hat noch mehr getrickst, um zu seiner irren Schlagzeile zu kommen. Er behauptet:

EU-Krisenländer wie Griechenland und Italien können ab 1. September ihre Schuldenstände mit einem Trick drastisch senken. Dann werden auch Einkünfte aus Betrug, Schwarzarbeit, Prostitution und der Kauf von Drogen in der Wirtschafts-Statistik erfasst!

Schuldenabbau durch Kriminalität — wie schräg ist das denn?

Der Statistik-Trick geht auf eine neue EU-Verordnung zum EU-“System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen“ zurück (BILD berichtete). Danach werden in der Wirtschaftsleistung bisher nicht erfasste Bereiche künftig berücksichtigt:

* Prostitution zählt dann als „Dienstleistung“.
* Betrug, illegale Geschäfte, Schwarzarbeit sind „Produktionstätigkeiten“.
* Drogenkauf fällt unter „Individualkonsum“.

Nur: Das ist alles gar nicht neu. Illegal erwirtschaftetes Geld soll längst in die Berechnung der Wirtschaftsleistung eingehen.

Schon in den bislang geltenden Grundlagen (Stand 2003) heißt es:

Diese Tätigkeiten sind auch dann einzubeziehen, wenn sie illegal ausgeübt werden oder den Steuer-, Sozialversicherungs-, Statistik- oder anderen
Behörden verborgen bleiben.

Und:

Illegale wirtschaftliche Vorgänge sind nur dann Transaktionen, wenn alle beteiligten Einheiten an ihnen freiwillig teilnehmen. Beim illegalen Kauf, Verkauf oder Tausch von Drogen oder Diebesgut handelt es sich daher um Transaktionen, bei Diebstahl dagegen nicht.

Dirk Hoeren schreibt über diese Unterscheidung spitz: „Das nennt man wohl EU-Logik.“ Okay, nennen wir es halt EU-Logik. Es ist dann halt nur keine neue EU-Logik.

Die EU hat ihre Mitgliedsländer nur gerade daran erinnert, diese Regeln auch entsprechend anzuwenden. In Deutschland zum Beispiel ist das nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes bisher nicht der Fall. Posten wie der Handel mit Drogen oder der Schmuggel von Tabak fehlten bislang in der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes. Prostitution dagegen ist darin enthalten (sie ist ja auch nicht illegal).

Das Bundesamt schätzt, dass die Einberechnung der illegalen Aktivitäten das deutsche Bruttoinlandsprodukt nur minimal steigern werde, vielleicht um einen Zehntelprozentpunkt. Europaweit soll es aber viel mehr sein — schreibt jedenfalls Dirk Hoeren:

(…) am 1. September gibt es einen gewaltigen Pusch [sic!]. Dann wächst die Wirtschaftsleistung in der gesamten EU auf einen Schlag um rd. 2,4 % — aber nur auf dem Papier. Denn künftig werden — und das ist kein vorweggenommener Aprilscherz — auch Einnahmen aus Verbrechen und der Prostitution in der EU-Wirtschaftsstatistik berücksichtigt.

Aha, naja, klar: Andere Völker sind halt viel krimineller als die Deutschen, auch das weiß man ja als „Bild“-Macher und -Leser.

Nur dass die 2,4 Prozent, auf die die Wachstumssteigerung tatsächlich geschätzt wird, gar nicht durch die Einnahmen aus Verbrechen und Prostitution zustande kommen. Der weitaus größte Teil (1,8 Prozent) des, äh, „Puschs“ entsteht dadurch, dass in Zukunft erstmals Forschung und Entwicklung als Teil des Bruttoinlandsprodukt mitgezählt werden. Das ist die tatsächliche große Umstellung, die jetzt ansteht.

Kann Griechenland also, wie „Bild“-Hetzperte Hoeren meint, aufgrund einer „irren EU-Verordnung“ mit Drogen und Sex seine Schulden senken? Nun: Wie es aussieht, sind „Prostitution“ und „Drogen“ in Griechenland längst Bestandteil der Berechnung der privaten Konsumausgaben, also Teil des Bruttoinlandsproduktes:

Irre. In der „Bild“-Logik ist das aber natürlich eine schlechte Nachricht, weil es bedeutet, dass „die Griechen“ dann ihre Schulden gar nicht mehr weiter mit Sex und Drogen senken können.

Die „Bild“-Theorie vom „Islam-Rabatt“

Im Februar 2013 ist in Wiesbaden eine schwangere Frau von ihrem Ex-Freund niedergestochen worden. Die Frau und das ungeborene Kind starben, und der Mann musste sich vor Gericht verantworten. Vergangene Woche wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine „besondere Schwere der Schuld“ erkannte das Landgericht aber nicht, damit besteht nach 15 Jahren die Chance auf Haftentlassung. Die Entscheidung begründete der Richter angeblich damit, dass der Täter, ein Deutsch-Afghane, sich „aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden“ habe.

Und genau das ist für die Leute von „Bild“ ein Skandal.

„Keine Scharia in Deutschland!“, schrie Bild.de-Chef Julian Reichelt, und seine Print-Kollegen fragten:Straf-Rabatt wegen religiöser Herkunft?
Drei Tage später war das Fragezeichen plötzlich verschwunden:Ausriss: "Bild am Sonntag" vom 30. März 2014

Da waren selbst hartgesottene Islamhasser beeindruckt. Das Hetz-Portal „Politically Incorrect“ schrieb:

Ja was ist denn in die BILD am SONNTAG (BamS) gefahren? [...] Gleich zwei mal packt das Springer-Blatt das heiße Thema Islam an – und zwar in einer Deutlichkeit, die es in sich hat.

Schon auf dem Titelblatt prangt die unmissverständliche Headline: „Islam-Rabatt für Jolins Mörder“. Ohne Fragezeichen!

(Der andere Islam-Artikel, über den sich „PI“ mindestens genauso doll freut, ist ein „Bams“-Interview mit einem deutsch-türkischen Schriftsteller – Überschrift: „‘Islam gehört zu uns wie die Reeperbahn nach Mekka’“.)

Und ohne Fragezeichen geht es bei Bild.de auch heute weiter:Der große Report - ISLAM-RABATT - So urteilen deutsche Gerichte

… obwohl es in der Print-Ausgabe noch da war:Geben unsere Gerichte ISLAM-RABATT? - Jolins Mörder bekam wegen seiner Religion eine mildere Strafe. Kein Einzelfall!

Die Antwort auf die Frage ist für „Bild“ natürlich eindeutig:

tatsächlich bekommen Angklagte immer wieder Islam-Rabatt!

Als Beleg listet „Bild“ zahlreiche einige ein paar genau zwei Fälle auf. Einer davon ist Ayhan S., der 2005 seine Schwester erschossen hatte und „gerade mal zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt“ wurde.

Der Richter: „Eine Mischung aus fest verankerten Vorstellungen von Familien-Ehre und eigenem Islam-Verständnis trieb ihn zur Tat.“

… schreibt „Bild“, lässt aber offen, was das mit welchem Rabatt auch immer zu tun haben soll.

Der zweite Fall besitzt sogar noch weniger Aussagekraft: Dort ist nicht mal das Urteil gesprochen worden.

Daneben führt die „Bild“-Zeitung noch eine Studie des Max-Planck-Instituts an, offenbar zur wissenschaftlichen Untermauerung ihrer „Rabatt“-Theorie. Die Untersuchung habe nämlich ergeben, schreibt „Bild“, dass sich der „kulturelle Hintergrund“ der Täter in „12 Prozent der Fälle […] strafmildernd“ ausgewirkt habe.

Die Macher der Studie selbst kommen jedoch zu einem völlig anderen Schluss, wie im aktuellen „Spiegel“ zu lesen ist:

Deutsche Strafgerichte behandeln sogenannte Ehrenmörder nicht milder als andere Beziehungstäter, sondern sogar strenger. Das ergibt eine Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, die demnächst erscheint. Die Forscherin Julia Kasselt hat 78 Fälle zwischen 1996 und 2005 ausgewertet, bei denen die Täter Partner oder Verwandte wegen kultureller „Ehrencodices“ angegriffen hatten. [..] Das Fazit der Forscherin: „Die Justiz gibt Ehrenmördern keinen ‘kulturellen Rabatt’.“

Egal. Für die „Bild“-Zeitung ist und bleibt die Sache ein Skandal. Und die ersten empörten Politiker-Zitate hat sie auch schon aufgetrieben, was bedeutet, dass spätestens jetzt auch andere Medien aufspringen:Nach Urteil gegen Isa S. - Politiker empört über "Islambonus" für Täter(bz-berlin.de)

Politiker gegen «Islam-Rabatt» für Straftäter(kath.net)

Nach Urteil gegen Deutsch-Afghanen - Keine Milde für „Ehrenmörder“ - Politiker lehnen „Islam-Rabatt“ für Straftäter ab(„Focus Online“)

Anders gesagt: Politiker und Journalisten empören sich über etwas, das nach neuesten Erkenntnissen überhaupt nicht existiert, das von der „Bild“-Zeitung aber mühsam herbei- und von anderen Medien blindlings abgeschrieben wird. Und als Beleg dient ihnen ausgerechnet die Studie, die eigentlich das genaue Gegenteil aussagt, was sie aber verschweigen.

Über so viel Entgegenkommen kann man sich als Moslemhasser natürlich nur freuen. „Politically Incorrect“ schreibt:

„Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze“, sagte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vor zehn Jahren. Wenn die oben erwähnten Artikel eine intensive und schnörkellose Debatte über die Gefahren des Islam in Deutschland auslösen, könnte die BamS vom heutigen 30. März 2014 eine nicht zu unterschätzende Katalysator-Funktion gehabt haben.

Mit Dank an Werner H. und G.K.

Nachtrag, 8. April: Siehe auch hier, hier und hier.

„Gekonnt ins falsche Licht gerückt“

Gestern Abend lief im ZDF ein Film über ein Mädchen, das an Leukämie erkrankt. „Jeder Tag zählt“ heißt er, das Mädchen wird gespielt von der 17-jährigen Lilian Prent.

Die „Bild“-Zeitung hatte sich schon tagsüber mit dem Film und seiner Hauptdarstellerin beschäftigt — und zwar so:Für ZDF-Drama - Lilian (17) hungerte bis zum Kollaps

In dramatischen Worten schildert die Autorin, wie sehr Lilian für die Rolle „ihre Gesundheit aufs Spiel setzen musste“:

Sie hungerte für ihre erste große TV-Rolle. Damit sie auf dem Bildschirm überzeugt. Dann brach Lilian (17) zusammen …

[…] Um die Rolle authentisch spielen zu können, sollte die ohnehin schon schlanke Schülerin (50 Kilo bei 1,60 Meter Körpergröße) massiv Gewicht verlieren!

[…] IN SECHS WOCHEN NAHM SIE SIEBEN KILO AB!

[…] Doch die Diät ist zu heftig für ihren jungen Körper. KOLLAPS!

Zwar erfährt der Leser noch, dass die Diät natürlich mit Lilians Eltern, dem ZDF und der Produktionsfirma abgesprochen war und dass Lilian inzwischen „wieder ihr Normalgewicht“ erreicht hat, doch gerade mit ihrer Überschrift vermittle die „Bild“-Zeitung einen völlig falschen Eindruck, findet die Schauspielerin. Nachdem der Artikel erschienen war, schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite:

Liebe Leute, falls irgendwer von euch heute zufällig eine BILD Zeitung in die Hände bekommen sollte, möchte ich hiermit klar stellen, dass diese „Zeitung“ es mal wieder geschafft hat, alle Vorurteile zu bestätigen und Worte und Aussagen gekonnt ins falsche Licht zu rücken. Also hiermit: DIE ROLLE IN JEDER TAG ZÄHLT HAT MEINE GESUNDHEIT NICHT BELASTET! Das ZDF, die Regisseurin und die Produktionsfirma haben mich nie zu etwas gezwungen was ich nicht wollte und ich wurde nie unter Druck gesetzt. Wie reißerisch und dramatisch die BILD meinen Gewichtsverlust auch darstellt, ES GING MIR IMMER GUT! Ich konnte zu jedem Zeitpunkt auf die volle Unterstützung von seiten des ZDF rechnen. SCHWINDELGEFÜHL IST KEIN KOLLAPS! UND SCHON NACH DIESEN GERINGEN KREISLAUFPROBLEMEN WURDE DIE DIÄT SOFORT ABGEBROCHEN! Also Bitte, nehmt diesen Artikel nicht ernster als es war!

Zuerst, erzählte uns Lilian heute am Telefon, wollte sie der „Bild“-Zeitung eigentlich gar kein Interview geben, „da bin ich lieber ein bisschen vorsichtig“. Doch um Werbung für den Film zu machen, habe sie schließlich doch zugestimmt.

Etwa eine Stunde lang habe sie sich mit der „Bild“-Reporterin unterhalten – hauptsächlich über den Film und über ihre Karriere – und dabei auch immer wieder betont, dass eine solche Diät „bei Schauspielern nun mal vorkommt“. Und dass von Seiten des ZDF und der Produktionsfirma keinerlei Druck aufgebaut wurde; dass sie völlig frei in ihren Entscheidungen war. Sie habe auch eingeräumt, dass sie am Ende hin und wieder Kreislaufprobleme gehabt habe und – wenn überhaupt – kleine Schwindelattacken, dass aber jederzeit die Möglichkeit bestand, die Diät abzubrechen.

Später habe ihr die Autorin alle Zitate zur Autorisierung geschickt. „Da habe ich mir keine großen Sorgen gemacht“, sagt Lilian, „denn anhand der Zitate kann man ja schon abschätzen, in welche Richtung der Artikel gehen wird.“ Und diese Richtung schien ganz in Ordnung zu sein.

Wenig später dann aber die Überraschung. „Als ich den Artikel gesehen habe, kam ich mir schon ein bisschen verarscht vor“, sagt sie. Von den Zitaten sind nur noch die übriggeblieben, die sich auf die Diät beziehen. Und überhaupt werde mit dem Bericht ein Eindruck vermittelt, der schlicht und einfach falsch sei: „Es klingt so, als wäre ich ein Opfer des bösen ZDF und würde mich jetzt darüber beschweren — aber das stimmt überhaupt nicht“.

Am meisten stört sie sich am Wort „Kollaps“. Davon sei nie und nimmer die Rede gewesen, lediglich über die gelegentlichen Schwindelgefühle habe sie gesprochen. „Meine Aussagen sind journalistisch gekonnt ins falsche Licht gerückt worden“, sagt Lilian. In Zukunft werde sie — Werbung hin oder her — lieber wieder vorsichtig mit Anfragen der „Bild“-Zeitung umgehen.

Mit Dank an René K. und Stefan S.

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„Bild“ lässt falsche Frau tödlich verunglücken

Frau von eigenem Auto eingeklemmt - totEine Frau ist am Mittwoch in Berlin-Wilmersdorf vor einer Tiefgarage von ihrem eigenen Auto überfahren und dabei tödlich verletzt worden. „Bild“ berichtete am folgenden Tag in großer Aufmachung — und mit reichhaltiger Bebilderung*.

„Bild“-Mitarbeiter Jörg Bergmann hatte sich offenbar im gegenüber liegenden Haus in ein höheres Stockwerk begeben, um von oben die Rettungskräfte dabei fotografieren zu können, wie sie sich um die verletzte Frau kümmern.

Ein zweites Foto zeigt die Tiefgarage von innen; man sieht eine große Blutlache.

Ein drittes Foto zeigt mit der Quellenangabe „Foto: privat“ die getötete Frau, „Tot: Cornelia F. († 49)“.

Genauer gesagt, es zeigt sie nicht — wie die „Bild“-Zeitung heute einräumen muss:

BILD entschuldigt sich

(Für die anderen Fotos vom Unfallort entschuldigt sich „Bild“ natürlich nicht.)

Aber Jörg Bergmann, der „Bild“-Fotograf, dessen Name auch als Autor über dem Artikel steht, kennt sich ja mit Fotos von tödlich Verunglückten, die nicht die tödlich Verunglückten zeigen, aus.

*) alle Unkenntlichmachungen von uns.

Springer muss Schwerverbrecher recht geben

Ein Pärchen feiert Hochzeitstag.

Eigentlich keine der Geschichten, die die „Bild“-Zeitung groß auf Seite 3 erzählen würde, und wahrscheinlich hätte sie es auch in diesem Fall nicht getan, wenn es sich bei dem Pärchen nicht um Verbrecher, Verzeihung: um „Schwerst-Verbrecher“ handeln würde. Und zwar um schwule Schwerst-Verbrecher.

Das klingt dann schon eher nach einer Story für „Bild“, dachte sich „Bild“ und verfolgte das Paar während seiner Ausführung im vergangenen Dezember bei jedem Schritt:Freigang unter Aufsicht von drei Gefängnis-Aufsehern - Hier feiern zwei Schwerst-Verbrecher ihren 1. Hochzeitstag

Das Paar hatte sich 2008 im Knast kennen- und lieben gelernt, lebt jetzt in zwei Nachbarzellen.​

Dabei waren die Voraussetzungen für die Ehe nicht gerade gut: Walter stach 1997 seinem Ex-Partner mit einem 14 Zentimeter langen Messer in den Rücken. Bernhard ermordete 1992 eine Frau beim Sex. 2010 entdeckten Justizbeamte zudem Tausende Kinderpornos in seiner Zelle.​

Aus Angst vor Übergriffen von Mitgefangenen hält die Justiz die ungewöhnliche und einmalige Liebesbeziehung geheim. Trotzdem erlaubte die Anstaltsleitung zum Hochzeitstag einen Doppel-Ausgang.​

BILD war dabei

Warum? Keine Ahnung. Vielleicht hatten die Reporter ja einen Fluchtversuch erwartet, eine Schießerei oder wenigstens eine Schwulenparty. Aber stattdessen taten die beiden Schwerst-Verbrecher — von „Bild“ minutiös dokumentiert — Folgendes: Sie fuhren „mit der U-Bahn“, kauften in einem Supermarkt „Brot und Getränke“, gingen in ein „‘schwules Informations- und Beratungszentrum’“, tranken in einem indischen Restaurant „Mango-Lassi“, kauften bei Saturn „für knapp 60 Euro sieben DVDs“ und mussten abends wieder ins Gefängnis.

Keine Flucht, keine Party — nicht mal Händchenhalten oder einen Kuss gab es in diesen „sechs Stunden Freiheit“, wie der Autor mit spürbarer Enttäuschung feststellt. Aber immerhin verriet „ein Justiz-Beamter“ dann doch noch, dass sich die beiden „hin und wieder“ „umarmen“.

Tja. Und wer das alles erfahren wollte, musste sich entweder die „Bild“-Zeitung kaufen oder einen „Bild Plus“-Zugang holen.

Wir erzählen das, weil die Geschichte nicht nur komplett sinnfrei ist, sondern zum Teil schlichtweg falsch. Einer der beiden Gefangenen ist gegen die Berichterstattung vorgegangen und hat Gegendarstellungen erwirkt, die gestern in der „Bild“-Zeitung und in der „B.Z.“ (die ebenfalls berichtet hatte) erschienen sind:

Gegendarstellung - zu: "Hier feiern zwei Schwerst-Verbrecher ihren 1. Hochzeitstag" in Bild vom 28.12.2013, S. 3 - Sie schreiben: "2010 entdeckten Justizbeamte ... Tausende Kinderpornos in seiner Zelle". Dazu stelle ich fest: Bei mir wurde ein Datenträger beschlagnahmt, auf dem 31 kinderpornografische und 11 jugendpornografische Bilder gespeichert gewesen sein sollen. Von dem Vorwurf wurde ich freigesprochen, weilk ich von diesen Bildern nichts wusste. Sie schreiben im Zusammenhang mit meiner eingetragenen Lebenspartnerschaft: "Aus Angst vor Übergriffen hält die Justiz die... Liebesbeziehung geheim." Dazu stelle ich fest: Das ist falsch. Berlin, den 6. Januar 2014 - RA Eisenberg für "Bernhard P." - Bernhard P. hat recht.

Gegendarstellung - zu „Beim Inder gab’s Mango-Lassi, bei Saturn Gewalt DVDs“, “in BZ„ vom 28.12.2013, S. 12 Sie schreiben: „2010 entdeckten Justizbeamte … Tausende Kinderpornos in seiner Zelle“. Dazu stelle ich fest: Bei mir wurde ein Datenträger beschlagnahmt, auf dem 31 kinderpornographische und 11 jugendpornografische Bilder gespeichert gewesen sein sollen. Von dem Vorwurf wurde ich freigesprochen, weil ich von diesen Bildern nichts wusste. Sie schreiben im Zusammenhang mit meiner eingetragenen Lebenspartnerschaft: „Aus Angst vor Übergriffen hält die Justiz die… Liebesbeziehungen geheim.“ Dazu stelle ich fest: Das ist falsch. Berlin, den 6. Januar 2014 RA Eisenberg für „Bernhard P.“ Bernhard P. hat recht.Der Anwalt des Mannes teilte uns auf Anfrage mit, dass er auch weiter juristisch gegen den Verlag vorgehen werde. Anfangen kann er dann mit Bild.de — dort ist der Artikel nach wie vor online.

Nachtrag/Korrektur, 12.40 Uhr: Bild.de hat den Artikel (offenbar schon vor Veröffentlichung unseres Eintrags) gelöscht.

Nachtrag, 7. März: … und jetzt auch die Gegendarstellung veröffentlicht.

Werben mit den Opfern

In der vergangenen Woche sind bei einem Wohnungsbrand in Mannheim drei kleine Kinder gestorben. Bundesweit wurde über den traurigen Fall berichtet, natürlich auch in „Bild“, blatthoch in der Bundesausgabe:Reporterin Janine Wollbrett schildert, wie „qualvoll“ die Kinder ums Leben gekommen sind, lässt Zeugen, Feuerwehr und Oberbürgermeister zu Wort kommen und spekuliert über die Brandursache. Im Grunde tut sie also das, was auch andere Medien tun — mit einem Schuss mehr Sensationsgeilheit, versteht sich, und mit der Besonderheit, dass auch die Namen der Opfer genannt werden, das ist für das Blatt ja üblich in solchen Fällen und macht „Bild“ nun mal zu „Bild“.

Genau wie das, was ein paar Tage später passierte. Gestern nämlich erschien in der „Bild“-Zeitung und bei Bild.de Folgendes:

Stolz präsentiert Janine Wollbrett „eines der letzten Fotos der 3 toten Kinder“, das sie offenbar im Verwandten- oder Freundeskreis der Familie aufgetrieben hat. „Witwenschütteln“ hieß das früher mal, das Blatt selbst umschreibt es aber lieber so:

Jetzt sprach BILD erstmals mit der bulgarischen Familie über die Tragödie!

Mit wem genau sie gesprochen hat, verrät die Reporterin nicht. Zitiert werden lediglich „eine Verwandte“ und „eine Freundin“ — mit der Mutter aber, die „Bild“ ebenfalls im Foto zeigt, hat sie sich offenbar nicht unterhalten. Wie auch? Sie „steht bis heute unter Schock“, wie „Bild“ selbst schreibt, „muss starke Medikamente nehmen“ und liegt vermutlich noch im Krankenhaus. Es ist also sehr fraglich, ob die Mutter ihr Einverständnis für die Veröffentlichung der Fotos gegeben hat. Es ist ja sogar fraglich, ob sie überhaupt davon wusste.

Dabei gibt es, gerade in solchen Fällen, strenge Regeln für Journalisten. Erst im vergangenen Jahr hat der Presserat Ziffer 8 des Pressekodex („Schutz der Persönlichkeit“) überarbeitet, um die Opfer von Straftaten und Unglücken besser vor identifizierender Berichterstattung zu schützen. Es wurde sogar extra eine neue Richtlinie (8.3) hinzugefügt, in der die Journalisten darauf hingewiesen werden, „dass insbesondere bei der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle Kinder und Jugendliche in der Regel nicht identifizierbar sein sollen“.

Generell gilt:

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Ob „Bild“ in diesem Fall die Erlaubnis hatte, die Namen und Fotos zu veröffentlichen, wissen wir nicht. Wir gehen aber — schon allein aus Erfahrung — eher nicht davon aus.

Mit den Fotos lässt sich dann, wenn man genügend wenig Skrupel hat, sogar für den Verkauf des eigenen Blattes werben, nämlich so:

via @KaeptnEmo.

Zum Täter gemacht

In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen ist vor zwei Wochen eine 61-jährige Frau getötet worden.

Für die Kölner „Bild“-Ausgabe stand der Täter schnell fest:Patensohn schlägt liebe Oma (†61) tot

(Die Gesichter und Namen haben wir unkenntlich gemacht.)

Selbst ein mögliches Motiv lieferte das Blatt:Sie soll ihn auf frischer Tat beim Klauen erwischt haben

Gegen den Patensohn war zwar tatsächlich ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen worden; er selbst schwieg aber zunächst und wies die Vorwürfe dann zurück.

Jetzt stellte sich heraus: Er ist offenbar unschuldig. Vergangene Woche wurde nämlich ein anderer Mann verhaftet, der die Tat gestanden hat.

Der Patensohn ist inzwischen freigelassen worden. Bei Bild.de wird er — samt Foto, abgekürztem Namen und Motiv — aber immer noch als Täter präsentiert.

Mit Dank an Eva.

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Ente mit Gänsefuß

Klopp knallhart… heißt es heute in der Ruhrgebiets-“Bild“.

Und darunter das Zitat:"Wir stürzen den HSV noch tiefer in die Krise!

Wobei „Zitat“ nicht ganz richtig ist, denn — ist Ihnen was aufgefallen? Die schließenden Anführungszeichen fehlen. Nun, vielleicht hat sie einfach jemand vergessen.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Leute von „Bild“ sie mit Absicht nicht gesetzt haben. Vermutlich ist das ihre Kennzeichnung dafür, dass Klopp es „so in der Art“ gesagt hat. Oder dass er es unter Umständen so gesagt haben könnte. Oder dass er es so sagen wollte, aber nicht mehr genug Zeit war. Oder was auch immer. Jedenfalls: dass er es so nicht gesagt hat.

Hat er nämlich nicht.

„Wir stürzen den HSV noch tiefer in die Krise!“ Soll Jürgen Klopp gesagt haben. Hat er aber nicht. Das weiß jeder, der bei der gestrigen Pressekonferenz anwesend war, wer den Livestream gesehen hat – oder sich die Aufzeichnung ansehen möchte.

Das stellt der BVB jetzt auf seiner Internetseite klar. Und tatsächlich zeigt die Aufzeichnung, dass Klopp nichts gesagt hat, was auch nur annähernd in die Richtung der „Bild“-Überschrift geht. Im Text hat „Bild“ den Satz dann auch sicherheitshalber komplett ohne Anführungszeichen gedruckt:

Klopp knallhart: Wir stürzen den HSV noch tiefer in die Krise!

Und bei Bild.de wurde das Schein-Zitat nachträglich und unauffällig aus der Überschrift entfernt.

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