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„Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern

Heute ist das neue Buch von Rainer Wendt erschienen. Es heißt „Deutschland schafft sich ab“ „Deutschland in Gefahr“. Und es wird von „Bild“ und Bild.de ordentlich beworben:


Hauptberuflich ist Rainer Wendt Talkshowgast. Das lässt sich nämlich besonders gut mit seiner Nebentätigkeit als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ (eine von mehreren Polizeigewerkschaften in Deutschland) verbinden. In dieser Rolle fordert er immer wieder strikte Law-and-Order-Maßnahmen: Wenn Wendt so vor sich hindampfplaudert, bringt er schon mal „einen Zaun entlang der deutschen Grenze“ ins Spiel oder „strenge Leibesvisitationen“ beim Einlass ins Fußballstadion.

Jetzt also ein ganzes Buch mit lauter Wendt’schen Vorschlägen. Und damit das auch so richtig durch die Decke geht, veröffentlichen die „Bild“-Medien Auszüge daraus — riesige Ankündigung auf der heutigen Titelseite inklusive.

Gemessen an der Abrechnungsankündigung ist der Text relativ zurückhaltend. Neben ziemlich inhaltsleeren („Ist schon irgendwie recht spät, aber immerhin.“) und etwas verqueren Sätzen („Beschäftigte des Rechtsstaates, die in ausreichender Zahl vorhanden, respektiert und abgesichert und vernünftig bezahlt und versorgt werden müssen.“) sticht ein Gedanke von Rainer Wendt besonders raus:

Selbstverständlich sind Tunesien, Marokko und Algerien sichere Herkunftsländer — es sind deutsche Urlaubsländer!

Was auch immer „deutsche Urlaubsländer“ sein mögen — daran sollte sich die Politik laut Rainer Wendt, immerhin Vertreter von 94.000 Polizisten in Deutschland, also orientieren: „Waren da schon mal Deutsche im Urlaub? Na dann, sicheres Herkunftsland!“ Für den Südsudan oder Somalia werden sich doch bestimmt auch noch ein paar abenteuerlustige deutsche Rucksacktouristen aus den vergangenen Jahren finden lassen.

Aber selbst wenn man bei den Ländern bleibt, die Wendt in seinem Text nennt: Was haben Urlaubsstatistiken und gut besuchte Edel-Wellness-Spa-Ressorts mit Menschenrechten oder der Sicherheitslage der Einheimischen zu tun?

Und dazu sind vor allem Algerien und Tunesien in Teilen aktuell alles andere als empfehlenswerte Urlaubsziele. Zu Algerien hat das „Auswärtige Amt“ beispielsweise eine Teilreisewarnung herausgegeben:

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Region und anhaltender Drohungen von terroristischen Gruppen wird bei Reisen nach Algerien zu erhöhter Vorsicht geraten.

Es besteht weiterhin die Gefahr von Entführungen und Attentaten durch terroristische Gruppierungen, die sich auch gegen westliche Ausländer richten können.

Und zu Tunesien schreibt es:

Die tunesische Regierung unternimmt weiterhin umfangreiche Anstrengungen, um Touristen vor dem Risiko terroristischer Anschläge zu schützen. Das Auswärtige Amt rät jedoch angesichts der weiter bestehenden terroristischen Gefährdung zu erhöhter Aufmerksamkeit, insbesondere in der Nähe touristischer Anziehungspunkte und religiöser Kultstätten sowie an symbolträchtigen Daten

Wo wäre Rainer Wendt mit seinen Parolen besser aufgehoben als bei „Bild“ und Bild.de? Die Werbekampagne ist übrigens als Serie angelegt — morgen geht’s in den „Bild“-Medien weiter mit Teil 2.

„Bild“ sucht den verschwundenen Chinesen. Wir suchen mit.

Lieber Junliang L.,

über Dich kursieren die unterschiedlichsten Pressemeldungen. Mal sollst Du ein chinesischer Tourist sein, der aus Versehen in die Mühlen der deutschen Asylbürokratie geraten ist, mal ein urplötzlich verschwundener Asylsuchender. (Sogar beim Namen gibt es Unklarheiten. Die „Bild“-Medien nennen Dich manchmal „Junliang“ und manchmal „Jinliang“.)

Zu allem Überfluss hat Dich Bild.de nun zur inoffiziellen Fahndung ausgeschrieben und veröffentlicht, wenn man ihnen glauben mag, Teile des von Dir unterschriebenen Asylantrags. Zusammen mit einem persönlichen Aufruf:

Du kennst Dich wahrscheinlich nicht so gut mit der deutschen Sprache aus, zumal manches auch nur zwischen den Zeilen steht. Wir verraten Dir deshalb, was die Mitarbeiter von Bild.de meinen, wenn sie Dir zeigen wollen, „wie schön Deutschland wirklich ist“:

1.) Hier kann man schön unverpixelte Fotos von Tätern und Opfern veröffentlichen.
2.) Hier kann man schön Facebook-Profile plündern.
3.) Hier kann man schön den Pressekodex missachten.
4.) Hier kann man schön gegen den Presserat wettern.
5.) Hier kann man schön Krankenakten und persönliche Dokumente ausschlachten.
6.) Hier kann man schön Falschmeldungen in Umlauf bringen.
7.) Hier kann man schön Ressentiments schüren und Vorurteile verstärken.
8.) Hier kann man schön die niedersten Instinkte seiner Leser bedienen.
9.) Hier kann man schön Stimmung gegen Ausländer, Minderheiten und Benachteiligte machen.
10.) Hier kann man bei aufkommender Kritik schön patzig werden oder Nebelkerzen werfen und sich hinter Selbstironie verstecken.

Wenn Du all das erfahren willst, und zwar am eigenen Leib, dann melde Dich bei „Bild“. Die haben dort sicher schon Dutzende passender Schlagzeilen in der Schublade wie:

  • „Ein Chinese mit dem Kontrapass“
  • „Um lei Tung: Dieser Chinese kennt keine Abkürzungen“
  • „Junliang: Schlitzauge sei wachsam!“
  • „Kau der Welsch: Der Mann mit dem Mao-am-Anzug“
  • „Erst kam der Chinese, dann war der Hund weg!“
  • „Messer-und-Gabel-Allergie: Dieser Chinese isst Fisch nur mit (Fisch)stäbchen.“
  • Du kannst Dich aber auch statt bei „Bild“ bei uns BILDbloggern melden. Wir können Dir zwar aus Zeitgründen momentan nicht zeigen, „wie schön Deutschland wirklich ist“, haben aber Tipps parat, was man machen kann, wenn die „Bild“-Zeitung unangekündigt bei einem vor der Tür steht.

    Deine BILDblogger

    Heinz Buschkowsky und das falsche „Pokémon“-No-Go im Islam

    Jeden Mittwoch darf Heinz Buschkowsky „Klartext“ reden. Immer wieder geht es in seiner Kolumne in der Berlin-Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung um Zuwanderung, genauer: um die negativen Aspekte der Zuwanderung. Darin ist der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln schließlich selbsternannter Experte.

    In seinem aktuellen Text aber behandelt Buschkowsky ein ganz anderes Thema:

    Bei Bild.de wird in der leicht abgewandelten Überschrift auch direkt klar, welche „Monster“ er genau meint:

    Auch nach mehrfachem Lesen seines Textes und entgegen dem Titel seiner Kolumne wird nicht ganz klar, wofür Buschkowsky nun eigentlich plädiert: mehr Spielhallen, weniger „Pokémon“? Mehr Monster, weniger Glücksspiel? Immerhin einen seiner Gedanken umreißt er eindeutig: Für Muslime sei „Pokémon Go“ ein — Achtung, Wortspiel — No-Go.

    Junge und Mittelalte starren auf ihr Handy und rennen scheinbar ziellos durch die Gegend. Autofahrer kümmert ihr Handy mehr als die Ampel, es werden Partys gefeiert oder mit Taschenlampen bis morgens um 5 Uhr Grünanlagen durchstöbert.

    Das ist ziemlich irre, bringt Menschen aber in Bewegung. Die israelische Marine soll damit Soldaten anwerben, im Islam ist das Spiel bereits mit einer Fatwa verboten worden, weil die Figuren auf der Evolutionstheorie basieren.

    War ja klar, der Islam wieder, ein weiteres Lieblingsthema von Buschkowsky.

    Einziges Problem: Heinz Buschkowsky schreibt Quatsch. Nicht „im Islam“ ist „Pokémon Go“ per Fatwa verboten worden, sondern in Saudi-Arabien. Und das auch nicht erst gerade, sondern bereits vor 15 Jahren. Um die Jahrtausendwende gab es schon einmal einen „Pokémon“-Hype. Die Fatwa von damals wurde in Saudi-Arabien nun für „Pokémon Go“ erneuert.

    Die „Deutsche Welle“ schreibt dazu:

    Der Rechtsgelehrte Scheich Saleh al-Fausan erklärte Medienberichten zufolge, das neue Spiel sei grundsätzlich wie das alte. In der Fatwa von 2001 wird Pokémon mit einem Glücksspiel verglichen. Weiter heißt es, die Figuren schienen auf der Evolutionslehre von Charles Darwin zu basieren. Beides wird vom Islam abgelehnt.

    Der Islam in Saudi-Arabien, der Islam weltweit — solche Feinheiten interessieren Heinz Buschkowsky nicht, wenn er in „Bild“ so richtig „Klartext“ dampfplaudert.

    Mit Dank an Martin für den Hinweis!

    Nachtrag, 16:05 Uhr: Am vergangenen Samstag wurde „Pokémon Go“ auch im Iran verboten, einen Tag zuvor hatten „Malaysias oberste islamische Autoritäten den Muslimen ihres südostasiatischen Landes das beliebte Handyspiel verboten“, schreibt heise.de. Sofern Heinz Buschkowsky nicht über seherische Fähigkeiten verfügt, konnte er davon aber nichts wissen — sein Text erschien am Mittwoch vergangener Woche.

    „500 Euro Bild-Zeitung-Leserreporter? Hör auf jetzt!“

    Im Verfahren gegen Gina-Lisa Lohfink könnte das Gericht morgen ein Urteil fällen. Dabei geht es um die Frage, ob das Model die zwei Männer Pardis F. und Sebastian C. fälschlicherweise beschuldigt hat, sie vergewaltigt zu haben.

    Jahrelang kursierten Videos im Internet, die Lohfink, F. und C. zeigen — ob beim einvernehmlichen Sex oder bei einer Vergewaltigung, wird rund um das laufende Verfahren weiterhin diskutiert.* In den Videos soll Lohfink auch immer wieder eindeutig „Hört auf!“ sagen. Der Fall hat zur aktuellen Debatte beigetragen, wann es sich um eine Vergewaltigung handelt und wann nicht.

    Inzwischen sollen die Videos aus dem Internet gelöscht worden sein. Damit sich ihre Leser aber dennoch so richtig aufgeilen ein besseres Bild machen können, haben „Bild“ und Bild.de neun der zwölf Videos transkribiert und diese Verschriftlichung gestern veröffentlicht:


    Dieses Transkript beweist nichts — außer der Tatsache, wie unendlich schwierig es selbst bei Vorliegen von Video-Material sein kann, im Bereich des Sexualstrafrechts Recht zu sprechen. Das Protokoll ermöglicht jedoch eine bessere Meinungsbildung als die bisher ins Internet gestellten Video-Sequenzen, die die Debatte prägten.

    „Bessere Meinungsbildung“ klingt erstmal gut. Nun haben sich die „Bild“-Medien in ihrem aufklärerischen Eifer (wohlgemerkt: Eine bessere Meinung dürfen sich natürlich nur zahlende Zeitungs- oder „Bild-plus“-Kunden bilden) aber nicht nur auf Szenen beschränkt, die für die Vergewaltigungsfrage relevant sein könnten. Sie schildern beispielsweise auch explizit, an welchen Körperstellen bei Gina-Lisa Lohfink „eine weiße Flüssigkeit“, „vermutlich Sperma“ zu sehen ist.

    Eine Passage des Transkripts fanden wir dann aber tatsächlich ganz interessant (zum besseren Verständnis: Sebastian P. will in dieser Situation den Song „Carmen“ von Sido hören):

    Gina-Lisa: „Hör auf jetzt, gib Handy!“

    Sebastian P.: „Ja, ich will kurz Carmen hören!“

    Gina-Lisa: „Halt’s Maul, Paul! Gib Handy jetzt!“

    Sebastian P.: „Hey, fang mal …, mach mal Handy weg.“

    Pardis F.: „Mach mal aus, Mann.“

    Sebastian P.: „Ja, ist doch schon aus.“

    Pardis F.: „Mach doch aus.“

    Sebastian P.: „Ist doch schon aus.“

    Gina-Lisa: „Wie kann man nur die ganze Zeit filmen? Warum? Brauchst du Geld, oder was?“

    Sebastian P.: „Alter, für dich das Lied.“

    Gina-Lisa: „500 Euro Bild-Zeitung*-Leserreporter? Hör auf jetzt!“

    Das haben die „Bild“-Medien mit ihrer Leser-Reporter-Aktion also inzwischen erreicht: Wenn eine Person in einer delikaten Situation ungewollt gefilmt oder fotografiert wird, denkt sie mit als erstes an die Möglichkeit, dass diese Aufnahme zu Geld gemacht werden soll und bei „Bild“ landet.

    Mit dem Sternchen hinter „Bild-Zeitung“ verweist das Blatt übrigens auf diesen Absatz:

    *BILD wurden — wie anderen Medien auch — mehrfach Videos aus der Nacht angeboten. Die Redaktion hat Kauf und Veröffentlichung stets abgelehnt.

    *Korrektur, 12. August: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, „die Frage des laufenden Verfahrens“ sei, ob es sich um einvernehmlichen Sex oder um eine Vergewaltigung gehandelt habe.

    Wolf, Du hast die Gans gestohlen

    Liebe „Bild Hamburg“,

    zu Deiner Schlagzeile „Erster Wolf 30 km vor dem Gänsemarkt!“ fallen uns gleich mehrere Fragen ein:

    1.) Warum gerade vor dem „Gänsemarkt“ in Hamburg und nicht vor Rathaus, Alster oder Michel? Weil der Gänsemarkt nur 500 Meter von Eurem Büro am „Axel-Springer-Platz“ entfernt ist und ihr dort mittags beim Italiener einkehrt? Oder weil neben dem Wolf noch ein anderes Tier in der Schlagzeile vorkommen sollte? (Dann vielleicht ein kleiner Tipp: Das Lied heißt „FUCHS, Du hast die Gans gestohlen“.)

    2.) Ihr gebt die Entfernung mit „nur rund 30 Kilometer Luftlinie“ an:

    Euch ist schon bewusst, dass Wölfe laut „Brehms Tierleben“ und im Gegensatz zu beispielsweise Möwen vier Beine haben und sich nicht fliegenderweise fortbewegen, oder? (Powertipp fürs Ermitteln der korrekten Distanz „Wolf — Gänsemarkt“: Google Routenplaner, Einstellung „Fußgänger“.)

    Und wo wir gerade beim Thema Entfernungen sind: Warum gebt Ihr die Entfernung in Eurer gedruckten Version mit 30 Kilometern und online mit 36 Kilometern an? Weil Eure Onliner ein Herz für Tiere haben und noch einen 6-Kilometer-Umweg für ’nen Besuch beim Futtermitteldiscounter eingerechnet haben?

    3.) Wie kommt man damit klar, seinen Lesern mittels alarmistischer Überschrift Angst vor dem bösen Wolf zu machen, wenn man im (dünnen) Artikel einen Experten zu Wort kommen lässt, der keinerlei Bedrohungslage sieht:

    Wölfe bald auch in Hamburg? Glaubt Schmidt nicht: „Die Tiere sind scheu und meiden Menschen.“

    Okay, das war vielleicht etwas naiv … wir ziehen die Frage zurück.

    Als Bonus hier noch ein paar Vorschläge für weitere, alarmgetriebene Schlagzeilen:

    • Erstes Krokodil x Kilometer vor Alster-Schwimmhalle
    • Erster Tiger x Kilometer vor Kindertagesstätte
    • Erstes Faultier x Kilometer vor Axel-Springer-Büro Hamburg

    Den Ausgangspunkt haben wir Euch schon mal markiert. Wie man die Kilometer misst, haben wir Euch ja bereits weiter oben erklärt.

    Mit Dank an Thorsten H.!

    Verfahrene Verbotsfantasien

    Vergangenen Freitag war letzter Schultag in Bayern, und damit sind aktuell alle 16 Bundesländer in den Schulferien (wenn auch manche nur noch bis morgen). Also: Koffer packen, rein ins Auto und ab Richtung Süden brettern.

    Doch dann diese Geschichte in „Bild“:

    Bild.de berichtet ebenfalls:

    Und bei „Focus Online“ dieselbe Meldung:

    Auslöser für die Artikel ist das oben zu sehende Schild an der Autobahn 8 bei Leonberg, auf Höhe einer Wanderbaustelle: ein rot durchgestrichener Schriftzug „Navigation“ und darunter die Aufforderung, für die Weiterfahrt Richtung München und Stuttgart der normalen Verkehrsbeschilderung zu folgen.

    Aufgestellt hat es das Regierungspräsidium Stuttgart. Denn es zeigte sich, dass Navigationsgeräte die Auto- und LKW-Fahrer am Autobahndreieck Leonberg fälschlicherweise immer wieder auffordern, auf die linke Spur zu wechseln, wenn sie nach München weiter wollen — obwohl alle drei Spuren nach München führen. Die Folge: einige riskante Manöver über eine durchgezogene Linie, die zum Teil zu Unfällen führten.

    Die „Bild“-Medien schreiben dazu:

    Blindes Vertrauen aufs Navi hat auf der A8 bei Leonberg schon mehrere Verkehrsunfälle verursacht. Jetzt hat das Regierungspräsidium die Nase voll. Die Behörde hat ein Navi-Verbot verhängt!

    Doch bevor jetzt die deutsche Autofahrerlobby Schaum vor dem Mund bekommt („Jetzt wollen die da oben auch noch bestimmen, ob ich mein Navi benutzen darf oder nicht?!“): Das mit dem „Navi-Verbot“ stimmt gar nicht. Der Hinweis an der A8 ist lediglich ein Vorschlag.

    Die „Stuttgarter Zeitung“ hat nämlich mal beim Regierungspräsidium nachgefragt, was es mit dem neuen Schild auf sich hat:

    „Das neue Schild ist kein offizielles Verkehrszeichen und auch kein Verbotsschild, es ist ein Hinweisschild, das die Autofahrer sensibiliseren soll“, sagte gestern Matthias Kreuzinger, vom Stuttgarter Regierungspräsidium.

    Mit Dank an Lutz K. für den Hinweis!

    Dirk Hoerens nächste halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer

    Die „Bild“-Medien scheinen ein neues Thema für sich entdeckt zu haben: die Hartz-IV-Ausländer. Denn nach seinem Artikel von gestern hat Chefzahlenleser Dirk Hoeren heute noch einmal in „Bild“ und bei Bild.de nachgelegt — mit einer großen Titelgeschichte und einem „Bild-plus“-Artikel:

    Die „neuen Zahlen“, auf die sich Hoeren bezieht, waren gestern auch schon bekannt. Sie stammen aus derselben Statistik der „Bundesagentur für Arbeit“ (PDF), auf die sich sein Artikel von Montag stützt. Aber anstatt einmal umfassend zu berichten, machen „Bild“ und Bild.de offenbar lieber eine Kampagne eine Serie aus der Veröffentlichung der Bundesagentur.

    Und so findet man in Dirk Hoerens heutigem Text fast ausschließlich die gleichen Zahlen, die er gestern schon aufgeschrieben hat. Dafür sind diese jetzt aber mit einer politischen Forderung verknüpft:

    CDU/CSU-Fraktionsvize Michael Fuchs (67) zu BILD: „Das Problem der hohen Hartz-IV-Quote von Flüchtlingen lässt sich nur durch Integration lösen. Dazu müssen die Flüchtlinge Deutsch lernen. Deshalb sollten die Hartz-Leistungen an den Integrationswillen gekoppelt werden. Wer sich nicht integrieren will, sollte weniger Hartz IV bekommen.“

    Um zu zeigen, wie hoch die „Hartz-IV-Quoten“ so sind, präsentieren die „Bild“-Medien diese Tabelle, aufgeschlüsselt nach 20 Herkunftsländern:

    Für eine weitere Spalte war natürlich kein Platz: Für die Anzahl der Personen, die aus den jeweiligen Ländern stammen und die in Deutschland einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen. Auch die weist die „Bundesagentur für Arbeit“ in ihrer Statistik aus.

    Und da wir finden — da hat sich unsere Meinung seit gestern nicht geändert –, dass zum gesamten Bild der Geschichte eben mindestens auch diese Zahlen gehören, liefern wir sie Ihnen hier für die 31 Nationalitäten, die die Bundesagentur gesondert auflistet, nach:

    Herkunftsland sv. Beschäftigte Hartz-IV-Empfänger
    Afghanistan 17.747 35.892
    Albanien 18.852 8570
    Bosnien und Herzeg. 63.133 17.055
    Bulgarien 88.080 73.088
    Eritrea 3796 16.764
    Estland 2316 749
    Griechenland 130.906 46.485
    Irak 17.708 64.712
    Iran 16.615 21.769
    Italien 243.160 70.911
    Kosovo 49.843 27.146
    Kroatien 134.366 16.150
    Lettland 11.779 4911
    Litauen 18.267 6746
    Mazedonien 24.790 14.717
    Nigeria 9890 8573
    Pakistan 13.173 16.213
    Polen 342.768 92.506
    Portugal 58.049 11.374
    Rumänien 237.498 60.084
    Russische Föderation 70.104 37.413
    Serbien 62.882 55.065
    Slowakei 26.087 4560
    Slowenien 10.381 1976
    Somalia 2513 5160
    Spanien 63.736 16.779
    Syrien 17.896 242.391
    Tschechische Republik 43.496 5466
    Türkei 515.630 295.260
    Ukraine 36.525 24.033
    Ungarn 88.523 9488

    (Stand: die aktuellsten verfügbaren Zahlen von April 2016)

    Bei sieben Ländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Pakistan, Somalia, Syrien) ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger höher als die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, bei den anderen 24 ist es umgekehrt.

    Kokain im alten Zopf

    Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.

    Der Kölner „Express“ hatte vergangene Woche dieses Glück:

    Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung „Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.

    Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!

    Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:

    Im WDR hatten Forscher des „Rechtsmedizinischen Instituts“ der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, „und peng!“, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei „Tatort“-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der „Express“ spricht von einer „Überraschung“, von einem „Schock-Ergebnis in der Sendung“.

    Die „Bild“-Medien zogen nach:

    Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.

    Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei „Quarks & Co.“, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von „Quarks & Caspers“, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.

    Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, „jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert“. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, „dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.“ Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.

    Und so kommentiert das Team der Sendung den „Express“-Artikel bei Facebook: „Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.“ Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.

    Mit Dank an Axel B. für den Hinweis!

    Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer

    Heute, auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung:

    Wegen der starken Zuwanderung von Flüchtlingen steigt die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Bezieher deutlich an. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) stammte nach jüngsten Daten jeder 4. Stütze-Empfänger (26 %) aus dem Ausland.

    Insgesamt bezogen 1,541 Millionen Ausländer Hartz IV, 170 207 (12,4 %) mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der deutschen Hartz-Empfänger sank dagegen um 239 995 (–5,2 %) auf 4,36 Millionen. Im Schnitt sind 7,7 % der Deutschen auf Hartz angewiesen, bei Ausländern sind es 18 %.

    Die meisten ausländischen Stütze-Empfänger kommen aus der Türkei (295 260), Syrien (242 391) und Polen (92 506). Am stärksten gestiegen gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Eritrea (+229,4 %) auf 16 764 und Syrien (+195,1 %).

    Obwohl dieses „Die“-und-„wir“-Stück von Dirk Hoeren stammt, ist es für sich genommen erstmal richtig. Die Zahlen stimmen. Man kann sie in einer Statistik der „Bundesagentur für Arbeit“ (PDF) nachlesen.

    Ein anderer Aspekt aus derselben Veröffentlichung der Bundesagentur war Hoeren aber nicht mal einen Halbsatz wert: Dass auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer in Deutschland steigt. Im Mai 2016 — das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen — waren 3,119 Millionen Menschen aus dem Ausland hier sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind immerhin 312.996 mehr als ein Jahr zuvor, ein Plus von 11,2 Prozent.

    Was in Hoerens Text ebenfalls nicht vorkommt: In der Statistik der „Bundesagentur für Arbeit“ ist bei jedem Herkunftsland, das extra ausgewiesen wird (und das sind immerhin: Afghanistan, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Estland, Eritrea, Griechenland, Italien, Irak, Iran, Kosovo, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Nigeria, Pakistan, Polen, Portugal, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Slowakei, Slowenien, Somalia, Spanien, Syrien, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine und Ungarn), ein positiver Zuwachs von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten vermerkt.

    Anders gesagt: 2016 sind mehr Ausländer in Arbeit als ein Jahr zuvor, unabhängig davon, woher sie kommen.

    Der Trick mit dem Weglassen der halben Wahrheit hat bei Dirk Hoeren übrigens System, im vergangenen Oktober hat er ihn schon einmal angewendet. Damals ging es um die „Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Asyl-Ländern“. Das gleiche Schema: Hoeren schreibt über die steigenden Zahlen der sogenannten „Leistungsempfänger im SGB II“ und erwähnt die steigende Zahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus „Asyl-Ländern“ mit keinem Wort. Das kann man so machen — ist dann aber einseitig.

    Bitte nicht falsch verstehen: Wenn die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Empfänger steigt, dann kann und soll man darüber berichten. Wenn man dabei aber den anderen Teil der Geschichte weglässt und ein undifferenziertes Bild zeichnet, nützt das am Ende vor allem einer Gruppe — den Rechtspopulisten, die ihrer Gefolgschaft einen neuen Aufreger für den nächsten Stammtisch liefern können:

    Das Attentat von München und die Medien

    Zur Berichterstattung über das Attentat in München am vergangenen Freitag und all ihren Schwächen starteten noch am selben Abend viele Diskussionen. Sie drehten sich um grundsätzliche Fragen: Sollten Redaktionen besser erstmal abwarten, wie sich das Geschehen entwickelt, oder direkt live auf Sendung gehen? Tragen TV-Sender durch die Verbreitung von Gerüchten zu sehr zur Panik bei? Ist ein öffentlich-rechtlicher Newskanal nötig, der rund um die Uhr Nachrichten sendet und in Ausnahmesituationen schneller reagieren kann (übrigens eine Diskussion, die es schon länger gibt)?

    In diesem Blogpost soll es um verschiedene Beobachtungen und ganz konkrete Beispiele gehen, in denen sich Medien unserer Meinung nach problematisch verhalten haben oder gar falsch berichtet wurde.

    ***

    Am vergangenen Freitag um 18:24 Uhr, also noch elf Minuten, bevor die Polizei München bei Twitter zum ersten Mal vor der Situation am Olympia-Einkaufszentrum warnte und darum bat, den Bereich ums OEZ zu meiden, twitterte „BR24“, das Online- und App-Team des „Bayerischen Rundfunks“:


    (Den Tweet hat die Redaktion recht schnell wieder gelöscht.)

    Wie hätten die nächsten Anfragen ausgehen, wenn sich jemand bei „B24“ gemeldet hätte? Vielleicht: „Könntest Du mal im Einkaufszentrum nachschauen, wie es da so aussieht und für uns mit dem Handy draufhalten?“?

    ***

    Als dann die ersten Kamera-Teams und Live-Reporter am Einkaufszentrum angekommen waren, standen sie teilweise gefährlich nah am Tatort und/oder den Truppen der Polizei im Weg:

    Bei RTL konnte man sogar live mitverfolgen, wie Fotografen von den Beamten weggeschickt werden mussten:

    ***

    Positiv aufgefallen ist uns am Freitagabend, dass viele Medien ohne das Zeigen von verletzten oder getöteten Menschen auskamen. Möglicherweise lag die Zurückhaltung schlicht daran, dass den Redaktionen nicht viele Fotos oder Videoaufnahmen von Opfern zur Verfügung standen. Aber es gab sie. Und Bild.de wollte nicht auf das Zeigen von Blutlachen und Toten verzichten:


    (Zusätzliche Unkenntlichmachungen durch uns.)

    Die Redaktion fand das Foto so zeigenswert, dass sie es in den folgenden Stunden und Tagen gleich mehrfach verwendete:




    Und auch „Bild“ druckte den Mann ab, der durch einen Kopfschuss getötet wurde:

    Immerhin: Bild.de und „Bild“ haben mindestens das Gesicht, teilweise auch den kompletten Oberkörper des Mannes verpixelt. Und dennoch ist das Zeigen dieses Fotos, ob verpixelt oder nicht, problematisch — allein schon wegen der Uhrzeit der Veröffentlichung.

    Erstmals ist uns das Foto um 20:42 Uhr bei Bild.de begegnet, ganz oben auf der Seite. Gut möglich, dass es da schon einige Minuten online war. Es handelt sich also um einen Zeitpunkt, zu dem die Identifizierung des Opfers aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht abgeschlossen war, und somit auch die Angehörigen noch nicht informiert gewesen sein dürften. Sollten diese (wohl wissend, dass ihr Vater/Sohn/Ehemann rund ums Olympia-Einkaufszentrum unterwegs war) auf der Suche nach Informationen zum Attentat auch bei Bild.de vorbeigeschaut haben, könnten sie beim Aufrufen der Website zumindest stark verunsichert worden sein. Denn das auffällige rote Oberteil des Mannes dürften sie wiedererkannt haben.

    Dass dieses Szenario nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, zeigt diese Passage aus einem „Focus Online“-Text zum Attentat in München:

    Zu Hause wartete schon ihre kleine Schwester. „Sie lag weinend auf dem Sofa.“ Jetzt wird Cahuans H. klar: Nicht alle Bekannten sind in Sicherheit. Sie erfährt: Der Bruder einer Freundin wurde erschossen. Auf einigen Fotos von Augenzeugen sieht man den Jungen, er trägt einen roten Pullover. Cahuans H. berichtet von Handyanrufen, in denen die Schwester des Erschossenen ins Telefon schreit. „Er ist tot, ich habe sein Handy, er ist tot!“

    Und auch der Vater des Täters hat seinen Sohn kurz nach den ersten Schüssen anhand eines wackeligen Handyvideos, das im Internet kursierte, erkannt und sich bei der Polizei gemeldet.

    Völlig allein waren „Bild“ und Bild.de übrigens nicht — bei „N24“ sollen ebenfalls Opfer zu sehen gewesen sein:

    ***

    Neben all diesen hässlichen Vorgängen gab es am Freitagabend und in den vergangenen Tagen auch großes Lob: für das Social-Media-Team der Polizei München. Die Beamten twitterten in der Nacht von Freitag auf Samstag sachlich, aber sehr bestimmt, sie warnten in verschiedenen Sprachen, baten um Mithilfe bei der Aufklärung der Tat und um Zurückhaltung beim Streuen von Gerüchten.

    Julian Röpcke, „Political editor“ von „Bild“ und Bild.de, gefiel das, was die Polizei München bei Twitter veranstaltete, hingegen gar nicht:

    Röpckes Kritik bezog sich auf diesen Tweet der Polizei:

    Wenn also eine offizielle Stelle in einer unübersichtlichen Situation darum bittet, vorsichtig zu sein, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob „in der City“ Gefahr besteht, macht das Julian Röpcke „*sprachlos*“.

    Sein „Bild“-Kollege Björn Stritzel, mit dem Röpcke am Freitagabend zusammen an einem Text zum Attentat arbeitete, verbreitete hingegen wirklich gefährliche Gerüchte:

    Gerade einmal 70 Minuten später wurde aus dem möglichen „rightwing extremist“ ein möglicher Islamist:

    ***

    Das Gerücht, dass es sich bei dem Attentat um einen islamistischen Terroranschlag handeln könnte, schaffte es auch auf die Website der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“. In einem Kommentar schrieb „HNA“-Redakteur Jörg-Stephan Carl um 21:17 Uhr — als also noch nicht wahnsinnig viel über die Tat und ihre Hintergründe bekannt war:

    Die Islamisten haben der ganzen Welt den Krieg erklärt. Der Fanatismus, der religiös angestachelte Allmachtswahn, die Mordlust der Dschihadisten machen vor niemandem halt. Deutschland hatte bisher weitgehend Glück, der große Anschlag war ausgeblieben. Das Glück ist aufgebraucht.

    Es deutet alles darauf hin: Der islamistische Terror ist in Deutschlands Großstädten angekommen. […]

    Sich gegen Terror wehren, bedeutet immer auch, ihn aushalten zu müssen. Bei allem Entsetzen, bei aller Wut auf die Täter, bei aller Trauer über die Opfer — es klingt schal nach den Ereignissen in München: Aber das normale — das freie — Leben muss weitergehen, der Islamismus darf nicht triumphieren.

    Am Samstag, als klar war, dass die Tat keinen islamistischen Hintergrund hatte, veröffentlichte die „HNA“ den Kommentar um 8:42 Uhr noch einmal. Die Redaktion hatte den Text umgestellt und Textteile zum Islamismus gestrichen. Unter anderem findet man im Kommentar nun diese Passage:

    Nach all dem durchlittenen Terror in den Metropolen Europas beschleicht einen sofort die bange Angst: Ist der islamistische Terror auch in einer deutschen Großstadt angekommen? Am Freitagabend wusste das noch niemand. Inzwischen geht die Polizei von einem jugendlichen Einzeltäter aus.

    ***

    Am Samstag und Sonntag wurde die Berichterstattung, mit mehr Zeit für die Recherche, nicht zwingend besser. Die Redaktionen von Bild.de und „Bild am Sonntag“ haben sie zum Beispiel dafür genutzt, sich Fotos der Opfer zu besorgen:


    (Diese und alle weiteren Unkenntlichmachungen durch uns.)

    („Bild am Sonntag“ hat die Fotos auf der Titelseite und noch ein weiteres Mal im Innern der Zeitung komplett ohne Verpixelung veröffentlicht, Bild.de mit einem sehr schmalen Balken über den Augen; inzwischen hat Bild.de die Gesichter einiger Opfer stärker verpixelt, andere zeigt die Seite wiederum ohne jegliche Verpixelung.)

    Als Quelle gibt Bild.de bei den meisten Fotos „privat“ an. Was in der Regel so viel heißt wie: in den Sozialen Medien zusammengeklaubt. Persönlichkeitsrechte und der Respekt vor der Trauer der Angehörigen spielen bei der Jagd nach Fotos offenbar keine Rolle.

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    Bei „Focus Online“ hat die Redaktion die Zeit ebenfalls genutzt und ziemlich genau recherchiert, wo die Familie des Attentäters wohnt. In einem Artikel beschreibt das Portal seinen Lesern die Lage der Wohnung in München sehr detailliert — den Straßennamen, ein Foto des Hauses, das Stockwerk, in dem sich die Wohnung befinden soll, dazu Informationen aus dem Leben der Eltern, den Beruf des Vaters. Wer die Familie irgendwann mal aufsuchen will, muss sich nur den „Focus Online“-Text schnappen (auf einen Link oder einen Screenshot der Überschrift verzichten wir bewusst).

    ***

    Natürlich sammelten und veröffentlichten viele Medien auch jegliche Details, die sie zum Täter finden konnten. Der Psychologe Jens Hoffmann warnt schon seit Jahren und auch aktuell im Interview mit den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ genau davor:

    Wie wären Trittbrettfahrer jetzt zu vermeiden?

    Hoffmann: Durch sehr vorsichtige Berichterstattung. Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken. Ich fand es eine sehr gute Entscheidung, das Gesicht des Täters in dem Video zu verpixeln, das ihn beim Schießen zeigt.

    Dennoch zeigen viele Onlineportale, viele Zeitungen, viele TV-Sender Fotos des Attentäters. Ein Großteil kürzt seinen Namen ab, aber nicht alle. Die massive Berichterstattung über seine Person macht ihn jedenfalls zum Star. Er bekommt für seiner Tat Aufmerksamkeit und Reichweite.

    Besondere hilfreich sind dabei die „Bild“-Medien:





    Bild.de veröffentlicht sogar Artikel, die sich wie Manuskripte von Actionfilmen lesen:

    Er rennt durch die Nacht. In Panik. Überall Polizei. Es ist erst wenige Stunden her, da erschoss A[.] kaltblütig neun Menschen. In einer Seitenstraße bleibt er stehen. Und richtet die Waffe auf seinen Kopf…

    Der Text geht in diesem Ton weiter. Viel stärker kann man eine schreckliche Tat nicht auf ein Podest heben.

    Aber auch andere Blätter machen mit und packen das Foto des Täters auf ihre Titelseiten (immerhin beide mit einem schmalen Balken über den Augen):


    Dass es auch anders geht, selbst im Boulevard, hat am Sonntag die „B.Z.“ gezeigt:

    Mit großem Dank an alle Hinweisgeber!

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