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Keine „Bild zur WM“

Nächste Woche, am 6. Juni, will der Axel-Springer-Verlag anlässlich der Fußball-WM wieder eine Sonderausgabe der „Bild“-Zeitung veröffentlichen und kostenlos „an alle deutschen Haushalte“ verteilen. Warum? Na, entweder aus Liebe zu seinen Nächsten oder aus geschäftlichem Kalkül. Wir tippen auf Letzteres.

Die Aktion ist die dritte ihrer Art, im November (zum Jubiläum des Mauerfalls) soll die vierte folgen. Für den Verlag scheinen sich diese Gratis-“Bild“-Nummern also durchaus zu lohnen. Für eine ganzseitige Anzeige in der ersten Gratis-“Bild“ verlangte der Verlag vier Millionen Euro, für eine halbseitige Anzeige 2,2 Millionen. Auch für die WM-Ausgabe hat Springer ordentlich getrommelt; eine Werbefläche auf der Titelseite wurde mit großem Tamtam versteigert, der Verlag zählt sie zu den „besonders begehrten Werbeformaten, die stets ausgebucht sind“.

Aber am meisten wirbt „Bild“ mit dieser Aktion natürlich für sich selbst. Millionenfach wird das Blatt mitsamt seinen Ansichten unters Volk gebracht, flächendeckend und ungefragt. Eine gigantische PR-Aktion in eigener Sache, schon wieder.

Man kann die Aktion ignorieren und die Ausgabe einfach wegschmeißen. Man kann dem Verlag aber auch zeigen, dass man sein Blatt nicht haben will. Man kann ihm die Zustellung untersagen und ihm das Leben damit zumindest ein bisschen schwerer machen — weil man mit seinen Methoden und seiner Auffassung von Journalismus nicht einverstanden ist, weil man den Papiermüll vermeiden will oder weil man einfach keine Lust darauf hat, ungefragt eine „Bild“-Zeitung zu bekommen.

Wenn Sie die „Bild zur WM“ nicht haben wollen, müssen Sie dem Verlag bis übermorgen (30. Mai) mit einer Mail an keinebildzurwm@bild.de widersprechen.

Die Mail sollte Ihren Namen, ihre vollständige Adresse und eine Widerspruchserklärung enthalten — etwa so:

Max Mustermann
Musterstraße 1
12345 Musterstadt

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben für Juni 2014 die bundesweite kostenlose Verteilung einer „BILD zur WM“ angekündigt. Hiermit untersage ich der Axel Springer SE, ihren Tochtergesellschaften, Beauftragten und anderen Vertragspartnern ausdrücklich, mir an die oben genannte Anschrift „BILD zur WM“ (auch nicht als Bestandteil einer anderen Publikation) zuzustellen oder in den Briefkasten einzulegen oder durch Dritte zustellen oder in den Briefkasten einlegen zu lassen. Ferner untersage ich Ihnen ausdrücklich, meine persönlichen Daten zu einem anderen Zwecke zu verwenden, als es für die logistische Umsetzung des hier ausgesprochenen Zustellverbotes sowie der Vermeidung von Missbrauch zwingend notwendig ist, und fordere Sie auf, anschließend sämtliche Daten umgehend und restlos zu löschen.

Sie können der Zustellung auch (kostenpflichtig) per Telefon widersprechen — unter 01806 00 87 41.

Laut der Deutschen Post sollen auch Hinweise am Briefkasten beachtet werden, aus denen ausdrücklich hervorgeht, dass man die „Bild“ nicht erhalten möchte. Der Aufkleber, den der Cartoonist Ralph Ruthe vor zwei Jahren gebastelt hat (siehe ganz oben), ist ja ohnehin zeitlos verwendbar.

Nachtrag, 31. Mai: Viele Widersprecher haben heute folgende Antwort vom Axel-Springer-Verlag erhalten:

Leider haben Sie Ihren Widerspruch so spät versandt, dass er von unseren logistischen Prozessen, die einen organisatorischen Vorlauf erfordern, nicht mehr erfasst werden konnte.

Wir wissen nicht, ob das stimmt oder eine Ausrede ist. Die Deadline für die Widersprüche (30.5.) wurde uns von der Deutschen Post genannt (auch heute auf erneute Nachfrage) und geht auch aus einer internen Anweisung hervor, aber offenbar hat der Verlag sie kurzfristig geändert.

Diesmal gibt es also kein Entrinnen vor der Gratis-“Bild“. Zumindest nicht per Widerspruch. Nach wie vor gilt aber: Wer an seinem Briefkasten deutlich darauf hinweist, dass er kostenlose Zeitungen oder spezifisch die „Bild“-Zeitung nicht erhalten möchte, sollte (theoretisch) verschont bleiben. Ein „Keine Werbung“-Aufkleber reicht aber nicht aus, weil die Gratis-“Bild“ als „Presseerzeugnis“ gilt.

Und wenn die Druckerpatrone gerade leer ist: Bei dieser Druckerei erhält man gegen einen rückadressierten und frankierten Umschlag (0,60€) zehn Briefkasten-Aufkleber mit der Aufschrift „Bitte keine Bild einwerfen“.

Nachtrag, 4. Juni: Der Axel-Springer-Verlag hat jetzt den Grund für die Nichtbeachtung einiger Widersprüche genannt: Es habe an der „sehr späten, punktuellen Häufung“ gelegen, heißt es in einer Mail an die Widersprecher:

Sehr geehrte [...],

der 30.05.2014 war das letzte Datum, an welchem die bei uns eingegangenen Widersprüche in aufbereiteter Form an unseren Vertriebspartner, die Deutsche Post AG, übermittelt werden mussten, um für die komplexen, bundesweiten logistischen Prozesse berücksichtigt zu werden. Dies ist uns trotz sorgfältiger Vorbereitung wegen einer sehr späten, punktuellen Häufung für einige wenige Widersprüche nicht gelungen.
Sie gehören leider dazu und es tut uns leid, dass Ihr Widerspruch nicht auf diese Art und Weise verarbeitet werden konnte.

Sie haben aber die Möglichkeit, der Zustellung durch einen Hinweis („Bitte keine BILD zur WM“) an Ihrem Briefkasten zu widersprechen. Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang, dass ein einfacher Widerspruch gegen Werbung („Bitte keine Werbung einwerfen“) hierfür nicht ausreicht, da es sich bei dieser Sonderausgabe der BILD um ein Zeitungsprodukt handelt.

Man könnte sich das selbst nicht ausmalen

Immer dann, wenn ein Mensch von einer Heuballen-Maschine zerschreddert wird oder sich beim Kitesurfen aus Versehen selbst erdrosselt, wenn jemand überfahren, ertränkt, vom Blitz erschlagen, erschossen, verbrannt, in Stücke gehackt oder auf eine andere brutale oder „bizarre“ Weise getötet, verletzt oder gedemütigt wird, immer dann ärgert sich die „Bild“-Zeitung, dass sie nicht mit dabei war.

Aber sie weiß sich zu helfen. Statt grausamer Fotos gibt’s dann eben so etwas:

(Nachtrag, 13. September: Wir haben die erste Zeichnung — „Bauernsohn von Heumaschine zerschreddert“ — ausgetauscht, weil sie vom Presserat missbilligt wurde.)

Immerhin kann man den „Bild“-Zeichnern nicht vorwerfen, sie würden sich keine Mühe geben. Beim „Express“ dagegen, wo sie sich am Wochenende ebenfalls an einer Illustration versucht haben, wurden nicht nur die moralischen (sofern vorhanden), sondern gleich auch alle ästhetischen Ansprüche mit Schmackes über Bord geworfen:Ausriss:

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Tempelhofer Feld: Jede Verstimme zählt!

Mit Volksentscheiden in Berlin hat die „Bild“-Zeitung schlechte Erfahrungen gemacht: die Leute wollten partout nicht so wählen, wie es die Zeitung wollte.

Trotzdem findet am kommenden Sonntag schon wieder einer statt. Es geht um die Zukunft des alten Tempelhofer Flughafengeländes. Es gibt zwei Gesetzesvorschläge. Eine Bürgerinitiative fordert, das Feld komplett frei zu halten. Der rot-schwarze Senat will es an den Rändern bebauen lassen.

Viel komplizierter ist die Sache eigentlich nicht.

Aus den Formulierungen auf den Stimmzetteln geht der Unterschied zwischen den beiden widersprüchlichen Vorschlägen leider nicht ganz so klar hervor, weshalb es prinzipiell eine gute Idee ist, dass die „Bild“-Zeitung ihren Lesern heute erklären wollte, worüber sie eigentlich abstimmen.

Es hätte bloß geholfen, wenn der Mensch in der Redaktion, der damit beauftragt wurde, es selbst verstanden hätte. Oder in der Lage gewesen wäre, es so aufzuschreiben, dass …

Aber lesen Sie selbst:

DARÜBER STIMMEN SIE AB</p>
<p>Jeder stimmberechtigte Berliner bekommt am Sonntag zur Europa-Wahl auch einen Zettel für das Tempelhofer Feld.</p>
<p>Abgestimmt werden darf über zwei gegensätzliche Anliegen:</p>
<p>Abstimmungsfrage 1: Das Feld soll mit nichts und nie bebaut werden - an keiner Stelle. Beziehungsweise: Es können an den äußersten Rändern im Westen, Süden und Osten unter anderem Wohnungen, Kitas, Schulen und eine große Bibliothek entstehen.</p>
<p>Abstimmungsfrage 2: Der Großteil, nämlich 230 Hektar der insgesamt 300 Hektar, bleibt trotzdem Freifläche. Auch der Nordosten wir nicht bebaut.</p>
<p>Frage 1 und 2 schließen sich also aus. Trotzdem kann jeder auch beim 'Gegner' ankreuzen.</p>
<p>Nicht nur, um seine eigene Wahl nochmals abzusichern. Sondern auch für taktische Überlegungen. Denn theoretisch könnte es ja das Bürger-Anliegen geben, das ganze Feld für Wohnungen freizugeben. </p>
<p>Oder den Wunsch, die Zukunft des Feldes möge doch bitte wieder in die Hände des Abgeordnetenhauses gelegt werden.

Noch Fragen?

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Schamhaar-Verlängerung

Immer mal wieder bricht die „Bild“-Zeitung eine „große Schamhaar-Debatte“ vom Zaun und quetscht Promis und Passanten über deren Intimfrisuren aus.

Die jüngste Debatte vor ein paar Wochen war eigentlich schon beendet, doch nun gibt es eine (eher unfreiwillige) Fortsetzung:

(Klick für größere Version.)

GEGENDARSTELLUNG - in der BILD-Zeitung vom 02.04.2014 wurde ich auf Seite 5 in einem Artikel mit der Überschrift

Wer tickt hier nicht richtig?

„Hoffentlich ist das kein böses Omen“, schreibt „Bild Hamburg“:Die Uhr tickt schon nicht mehr...

Gestern um 23.20 Uhr in der Imtech Arena: Die HSV-Uhr, die die Bundesliga-Zugehörigkeit des HSV anzeigt, wird plötzlich schwarz! Nichts geht mehr, der Strom ist weg – nach 50 Jahren, 264 Tagen, 7 Stunden und 20 Minuten! Und das ausgerechnet nach dem 0:0 gegen Fürth im Kampf gegen den ersten Bundesliga-Abstieg.

Und Bild.de fragt:

Ist es nur ein dummer Zufall? Oder gar ein böses Omen? Glaubt man in Hamburg nicht mehr an die Rettung?

Naja:

Mit Dank an Katharina C. und Anonym.

Pictor Roy und der Hitler-Orgasmus

Pictor Roy ist ein wahrer Künstler. Und ein bisschen berühmt ist er inzwischen auch: Die „Bild“-Zeitung berichtet heute über ihn, die deutsche „Huffington Post“, Mopo.de, Express.de, Heute.at und der Online-Auftritt des „Berliner Kurier“.

Bis vor wenigen Tagen allerdings war Pictor Roy „nur in Insiderkreisen“ bekannt, wie Bild.de erklärt. Ein „Geheimtipp in der Kunstszene“. Dann kam sein Durchbruch. Mit diesem Bild:

Und nicht nur das: „orgasm to hell“ gelte zwar als Roys „provokantestes“ Werk, schreibt Bild.de. „Begehrt und von der internationalen Kunstszene gefeiert“ seien aber auch:

„orgasm to music“ mit Elvis Presley, „orgasm to peace“ mit Mahatma Gandhi, „orgasm to sport“ mit Muhammad Ali und „orgasm to science“ mit Albert Einstein.

Spätestens hier hätten die Journalisten ruhig mal stutzig werden können. Vielleicht hätten sie dann auch ein wenig recherchiert statt nur die Pressemitteilung des Auktionshauses abzuschreiben — und gemerkt, wie unglaublich die ganze Geschichte wirklich ist.

Pictor Roy, der also bevorzugt Spermien mit Gesichtern prominenter Menschen malt und für dessen Werk angeblich 19,5 Millionen Dollar gezahlt wurden, hat keinen Wikipedia-Eintrag, aber dafür 40 Follower bei Twitter. Von seinen 15 Tweets beziehen sich zehn auf das Hitler-Bild.

Das angebliche Online-Auktionshaus, bei dem Roys Bild angeblich versteigert wurde, listet exakt einen Künstler — Pictor Roy. Und exakt eine Auktion — Roys Penis-Bild. Die Domain ist erst vor drei Wochen registriert worden, auf eine Adresse in Uruguay. Und die Londoner Adresse im Impressum findet sich sonst nur auf merkwürdigen, deutschen Pressemitteilungs-Sammel-Seiten.

Auch sehr interessant: Der Käufer des Hitler-Orgasmus-Bildes — laut Mopo.de ein „Internetunternehmer aus Palo Alto in Kalifornien“ — ist offenbar niemand Geringeres als der Facebook-Chef persönlich:

Da wundert es dann auch nicht mehr, dass Pictor Roy — hier auf einem Foto bei Bild.de:

… genauso aussieht wie Ernest Hemingway.

Wie gesagt: Pictor Roy ist ein wahrer Künstler. Aber noch viel besser als im Penisse-Malen ist er ganz offensichtlich im Journalisten-hinters-Licht-Führen.

Mit Dank an Jörg F.

Nachtrag, 15.35 Uhr: „Huffington Post“, express.de, mopo.de und berliner-kurier.de finden jetzt auch, dass die Geschichte „vermutlich nur ein Fake“ war und haben ihre Artikel korrigiert. Bild.de hat ihn einfach gelöscht.

Nachtrag, 16.10 Uhr: Jetzt ist er bei Bild.de wieder da.

Nachtrag, 10. Mai: … und mit folgendem Hinweis versehen:

Update: Die Pressemitteilung des Auktionshauses hat sich im Nachhinein als unwahr herausgestellt. Das tut uns leid. Aus Transparenzgründen ist der Beitrag aber weiter auffindbar.

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Deutsche Äpfel dicker als EU-Birnen

Wenn „Bild“, wie gestern, so etwas auf der Titelseite verkündet:

Dann lässt das Gerumpel der „Bild“-Leserschaft nicht lange auf sich warten:

Aber bevor Sie jetzt den Rechner runterfahren und schon mal ins Wochenende gehen („Sollen doch die Pleite-Staaten für uns schuften!“), lassen Sie uns kurz auf Folgendes hinweisen: „Bild“ redet Unsinn.

Das Blatt behauptet:

In Wahrheit beziehen sich die 40,6 Wochenstunden aber ausschließlich auf Vollzeitbeschäftigte (das hat Bild.de an anderer Stelle auch selbst geschrieben). Der angegebene EU-Durchschnitt bezieht sich aber auf alle Erwerbstätigen (inklusive Teilzeit). Und deren durchschnittliche Arbeitszeit lag in Deutschland bei 35,3 Wochenstunden.

Eigentlich hätte die Schlagzeile also heißen müssen:

Deutsche arbeiten 1,9 Std. weniger als EU-Durchschnitt

Oder auch:

Griechen arbeiten 6,8 Std. mehr als Deutsche

Die griechischen Erwerbstätigen lagen nämlich weit über dem Schnitt und kamen auf stolze 42,1 Stunden. Aber das verschweigt „Bild“ natürlich lieber ganz.

Mit Dank an Sebastian und Christopher R.

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Sehen alle gleich aus (9)

Gestern berichtete „Bild“ über den Tod der Tennisspielerin Elena Baltacha:

Das Foto zeigt jedoch nicht die Britin Baltacha, die Rechtshänderin war, sondern die Tschechin Petra Kvitová, die derzeit in Madrid um Weltranglisten-Punkte spielt.

Mit Dank an Andreas G.

Alles nur Fassade

Die Frau des Fußballers Robert Lewandowski, der zur kommenden Saison vom BVB zum FC Bayern wechselt, hat sich zum Abschied aus Dortmund etwas ganz Romantisches einfallen lassen:

LEWANDOWSKI - Kabinen-Kuss zum Abschied - Ab jetzt zählt nur noch Bayern

Bild.de schreibt:

Die Kabine ist sonst der heilige Ort der Fußballer. Jetzt nimmt uns Robert Lewandwoskis Frau Anna mit.

Für ein Knutsch-Foto!

Und das sieht so aus:

  Bei Instagram postete Lewandowskis Frau Anna dieses Knutsch-Foto aus der Kabine

Warum da immer noch das Trikot von Moritz Leitner hängt (obwohl er zurzeit gar nicht in Dortmund spielt), erklärt „Bild“ leider nicht. Und warum beim BVB die Türklinken in der Luft schweben, bleibt ebenfalls offen.

Könnte aber alles daran liegen, dass sich die beiden nicht in der Kabine geküsst haben, sondern vor einer Fototapete im VIP-Bereich des BVB.

Mit Dank an Christoph.

Nachtrag, 17.25 Uhr: Bild.de hat den Artikel korrigiert und unter dem Text einen Hinweis veröffentlicht:

*BILD hatte Tomaten auf den Augen

Zu der Geschichte „Kabinen-Kuss zum Abschied“ zeigten wir ein Foto von Dortmund-Stürmer Robert Lewandowski, der seine Frau Anna küsst. Den Kuss gab’s aber nicht in der BVB-Kabine, sondern vor einer Foto-Tapete. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

„Schämt euch alle!“ (2)

Knapp 24 Stunden hat die schizophrene Show gedauert. Und so plötzlich er begonnen hatte, war er dann auch wieder vorbei, der Pseudo-Kampf der „Bild“-Zeitung gegen die Sensationsgier der Menschen.SCHÄMT EUCH ALLE! - In Hamburg stürzt ein Mädchen (5) in die Elbe, kämpft um sein Leben - und Hunderte stehen da und gaffen
Während sich „Bild“ am Dienstag noch lautstark über die Schaulustigen echauffiert hatte, verlor das Blatt im gestrigen Artikel kein Wort mehr über sie. Keine Empörung, keine Vorwürfe, nichts. Alle moralischen Einwände wie weggeblasen.

Vielleicht war ihnen der Spagat zwischen der Kritik am fremden und der Lust am eigenen Voyeurismus dann doch zu anstrengend. Vielleicht haben sie auch gemerkt, dass die plumpe Scheinheiligkeit selbst bei eingefleischten „Bild“-Lesern nicht allzu gut ankommt (die Kommentarfunktion hat Bild.de gar nicht erst aktiviert). Womöglich liegt es auch einfach daran, dass ihr Hauptvorwurf an die Passanten — dass alle nur geguckt und nicht geholfen hätten — gar nicht stimmt: Die Polizei teilte nämlich am Dienstag mit, dass der Vater des Mädchens und ein Passagier einer Fähre noch ins Wasser gesprungen waren, um das Kind zu retten.

Was auch immer es war, das die „Bild“-Zeitung letztlich dazu bewogen hat, jedenfalls lässt sie die ganze Moralnummer jetzt weg und konzentriert sich wieder ganz auf die Sensationsgeilheit der eigenen Leserschaft. Wenn man nicht gleichzeitig so tun muss, als hätte man ein Herz, gehen solche Sachen ohnehin viel leichter von der Hand:

Rettungskräfte versuchen, die kleine [E.] wiederzubeleben

„Bild“ zeigt dieses Foto (schon wieder) ohne jede Unkenntlichmachung, sowohl online als auch in der gedruckten Bundesausgabe als auch in der Hamburger Regionalausgabe.

Noch viel größer zeigt „Bild“ aber:[E.] (5) stürzte in die Elbe und liegt im Koma - Die Verzweiflung eines Vaters, der sein Kind retten wollte

In der Bundesausgabe hat „Bild“ das Gesicht des Vaters halbherzig anonymisiert, in der Hamburger Ausgabe (Ausriss) gar nicht.

Der Mann ist kurz zuvor aus dem Wasser gezogen worden, liegt jetzt völlig erschöpft auf einer Trage, seine Tochter wird gerade wiederbelebt, Hunderte Menschen glotzen ihn an.

Genau diesen Moment hat die „Bild“-Zeitung verewigt, hautnah und riesengroß. Ein Geschenk an die Gaffer dieser Welt.

Mit Dank auch an Börries, Michalis P. und Christian M.

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