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Julian Reichelts Fehler zwischen Anspruch und Wirklichkeit

„Es fällt mir grundsätzlich leicht, mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben. Es ist aber nicht so, dass ich mich über Entschuldigungen freue, gar nicht. Ich glaube aber, dass sie ein wichtiger Teil der journalistischen Aufrichtigkeit und Ausdruck unserer proaktiven Kommunikation sind.“

Julian Reichelt hat am Donnerstag eine neue Imagekampagne gestartet, für sich, für „Bild“. In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sprach der Leiter von Bild.de, der seit Anfang Februar auch Vorsitzender aller „Bild“-Chefredaktionen ist, übers Fehlermachen und übers Entschuldigen. Das falle ihm eben „grundsätzlich leicht“, so wie im Januar, als „Bild“ und Bild.de behaupteten, Sigmar Gabriel werde SPD-Kanzlerkandidat. Als dann rauskam, dass es Martin Schulz wird, entschuldigten sich die „Bild“-Medien und Julian Reichelt für ihren Fehler. Genauso vor vier Tagen, nachdem klar war, dass es den „Sex-Mob“ mit lauter Flüchtlingen, der laut „Bild“ an Silvester durch Frankfurt „tobte“, nie gab.

Ein möglicher Claim für Reichelts Imagekampagne steht ebenfalls im Interview mit dem „Tagesspiegel“:

„Ehrlichstes Medium: Das ist kein Versprechen, das ist der Anspruch an mich.“

Jeder, der daran zweifelt, dass die „Bild“-Redaktionen vorzügliche Arbeit abliefern, könne laut Reichelt seit 40 Jahren nicht mehr überprüft haben, ob das überhaupt stimmt:

Na ja, „Bild“ galt und gilt jetzt nicht in allen Bereichen und bei allen Geschichten als das ehrlichste Medium Deutschlands.

Der überwiegende, der überragende Teil dieser Vorbehalte ist über 40 Jahre alt. Viele, die diese Vorbehalte vor sich hertragen und aktiv verbreiten, haben ihr Weltbild vor 40 Jahren das letzte Mal bei „Bild“ überprüft und geschaut, mit welchem Aufwand wir unsere Inhalte recherchieren.

Hier beim BILDblog überprüfen wir unsere Vorbehalte jeden Tag aufs Neue. Und andauernd finden wir bei „Bild“ und Bild.de Artikel, die faktisch falsch sind, in denen Persönlichkeits- oder Urheberrechte oder beides verletzt werden, in denen „Bild“ auf die Menschenwürde pfeift, in denen das Blatt gegen einzelne Gruppen hetzt oder Material für Hetze liefert.

Uns geht es dabei nicht darum, dass irgendjemand um Entschuldigung bitten soll. Es würde schon längst genügen, wenn ein grundlegendes Interesse darin bestünde, Fehler transparent zu korrigieren — gern ohne großes Pardon.

Ob bei „Bild“ und Bild.de dieses Interesse besteht? Ob das Reagieren auf Fehler so „grundsätzlich leicht“ fällt, wie Julian Reichelt einen gern glauben machen möchte? Und vor allem auch dann, wenn es nicht die spektakulären Fehler sind wie ein falscher Kanzlerkandidat oder ein herbei fantasierter „Sex-Mob“? Da haben wir größere Zweifel.

Wir haben mal unser Archiv durchwühlt und geschaut, ob die „Bild“-Redaktionen im vergangenen Jahr reagiert haben, wenn wir auf Fehler in ihrer Berichterstattung hingewiesen haben. All die Fälle, in denen wir beispielsweise kritisiert haben, dass „Bild“ Persönlichkeitsrechte verletzt, haben wir ausgeklammert. Es ging uns nur um klare Fehler.

Hier eine Auswahl, in chronologischer Reihenfolge:


Die Ruhrgebiet-Ausgabe der „Bild“-Zeitung und Bild.de berichteten am 8. März 2016, dass dem „Wendler-Gitarristen“ bei einem Unfall drei Finger abgerissen wurden. Noch am selben Tag schrieb der „Wendler-Gitarrist“ auf seiner Facebook-Seite, dass das nicht stimmt.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Bild.de berichtete am 16. April 2016, dass ein „Schädlingsbekämpfer“ aus London „Super-Ratten“ gefangen habe, „rund 60 Zentimeter lang, etwa so groß wie Katzen.“ Dazu seien sie möglicherweise noch Kannibalen. Das Foto, das der „Schädlingsbekämpfer“ auf seiner Facebook-Seite gepostet hatte, stammte allerdings gar nicht von ihm, sondern von „National Geographic“. Und es zeigte auch keine „Super-Ratten“ aus London, sondern Nutrias aus den USA. Und das Foto war bereits drei Jahre alt, als die Bild.de-Redaktion ihre Geschichte veröffentlichte.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Bild.de berichtete am 26. Juli 2016 über eine Studie des „GfK Vereins“, bei der das Ergebnis unter anderem sein soll, dass die „Angst vor Zuwanderung“ gewachsen sei. Das stimmt allerdings gar nicht: Schaut man sich die „GfK“-Umfrage mal genauer an, sieht man, dass nicht nach der „Angst“ gefragt wurde, sondern neutral danach, was die „am dringendsten zu lösenden Aufgaben im Land“ ist. Außerdem bringt Bild.de das Ergebnis auf falsche Weise mit damals aktuellen Terroranschlägen in Verbindung.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Ebenfalls am 26. Juli 2016 behaupteten „Bild“ und Bild.de, dass das Regierungspräsidium Stuttgart „ein Navi-Verbot“ für die Autobahn 8 bei Leonberg verhängt habe. Dabei handelte es sich lediglich um ein Hinweisschild, das die Autofahrer sensibilisieren sollte.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Am 24. August 2016 berichtete Bild.de über eine „Burkini-Razzia am Strand von Nizza“ und zeigte dabei ein Foto mit mehreren Polizisten, die eine Frau auffordern, ihre Klamotten auszuziehen. Die Frau trug nach eigener Aussage aber gar keinen Burkini, sondern eine Leggins, eine Tunika und ein Kopftuch.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite, das Foto ist kommentarlos verschwunden.

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In einem Artikel vom 12. September behauptet Bild.de, dass die Asche des verstorbenen David Bowie bei einer Zeremonie beim Festival „Burning Man“ verstreut worden sei. David Bowies Sohn, die offizielle David-Bowie-Facebookseite und ein Sprecher der Verwaltung des David-Bowie-Nachlasses sagten nach der internationalen Berichterstattung über die angebliche Ascheverstreuung, dass das alles Blödsinn sei.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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„Bild“ und Bild.de verkündeten am 6. Oktober 2016, dass Frank-Walter Steinmeier nicht als Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl aufgestellt werde. Steinmeier ist am vergangenem Sonntag zum Bundespräsidenten gewählt worden. Außerdem steht in dem Artikel der „Bild“-Medien: „In der SPD heißt es zudem: Wenn Merkel ‚eine einigermaßen akzeptable Frau‘ als überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue präsentiere, könnten zumindest die GenossINNEN kaum Nein sagen.“ Dabei gab es mit Luc Jochimsen und Gesine Schwan, Dagmar Schipanski und Uta Ranke-Heinemann, Hildegard Hamm-Brücher und Luise Rinser sowie Annemarie Renger bereits zahlreiche Frauen, die bei der Wahl angetreten sind. Dazu kommt noch Marie-Elisabeth Lüders, die zwar nie offiziell angetreten war, bei der Bundespräsidentenwahl 1954 allerdings eine Stimme bekam.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Gabor Steingart veröffentlichte am 10. Oktober 2016 Passagen aus seinem neuen Buch in „Bild“ und bei Bild.de. Er schimpft darin über das „Europa der Selbstbediener“, was man angeblich auch an einem Supermarkt sehen könne: „Den EU-Parlamentariern in Straßburg steht im Inneren des Parlamentskomplexes ein nur für sie und ihre Mitarbeiter zugänglicher Supermarkt zur Verfügung“. Bloß: Diesen Supermarkt gibt es nicht.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Am 26. Oktober 2016, als der „Horror-Clown“-Hype in vollem Gange war, berichtete Bild.de über einen aktuellen „Horror-Clown“-Auftritt in einer „McDonald’s“-Filiale in Bocholt: „Die Mitarbeiter verstecken sich hinter dem Tresen, etwa 15 Leute laufen in Panik aus dem Laden.“ Das Video, auf dem der Artikel beruht, war schon damals zwei Jahre alt. Und weder zeigt es 15 Leute, die „in Panik aus dem Laden“ laufen, noch sind Mitarbeiter zu sehen, die „sich hinter dem Tresen“ verstecken. Stattdessen hört man ziemlich viel Gekicher und Gelächter.

Der Artikel ist ohne jeglichen Hinweis von der Seite verschwunden.

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Die „Bild“-Medien schrieben am 23. November 2016, dass die Botschaft der Volksrepublik China „chinesische Frauen vor dem Sex-Täter von Bochum“ warne, und dass das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eine „Reisewarnung“ ausgesprochen habe. Hintergrund ist eine Vergewaltigung einer chinesischen Studentin nahe des Uni-Geländes in Bochum. Es stimmt zwar, dass es einen „konsularischen Hinweis“ gegeben hat, dieser sei allerdings nicht mit einer Reisewarnung zu vergleichen, so eine Sprecherin der chinesischen Botschaft.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Das ungarische Model Barbara Palvin hat für ein Magazin die berühmte Bein-Überschlag-Szene von Sharon Stone im Film „Basic Instinct“ nachgestellt. Und das, so Bild.de am 10. Dezember 2016, „stilecht ohne Höschen“. Auf ihrem Instagram-Account hat Palvin allerdings extra geschrieben: „FYI i am wearing underwear 😉“.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

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Weil an einer türkisch-deutschen Schule in Istanbul zeitweise ein „Weihnachtsverbot“ galt, schaute „Bild“ am 19. Dezember 2016, wo in Deutschland „aus Rücksicht auf Muslime die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen“ würden. Die Redaktion präsentierte sieben Beispiele. Sechs davon waren falsch.

Wir haben keine Korrektur dieser Fehler in „Bild“ gefunden.

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Bild.de schrieb am 29. Januar 2017, dass der britische Leichtathlet Mo Farah in einem Facebook-Post Donald Trump angegriffen und dabei geschrieben habe, dass der US-Präsident ihn „zu einem Alien gemacht“ habe. Tatsächlich reagierte Farah mit einem Beitrag in dem Sozialen Netzwerk auf Trumps Einreiseverbot für Muslime. Farah wurde in Somalia geboren (später stellte sich allerdings raus, dass das Einreiseverbot für ihn nicht galt). In seinem Facebook-Post schrieb er: „On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.“ Dieses „alien“ heißt im Englischen in der Regel so viel wie „Ausländer“ oder „Fremder“ oder „Fremdling“. Und nicht „Alien“.

Der Artikel steht bei Bild.de unverändert auf der Seite.

(Noch einmal: All diese Beispiele stammen nicht von 1977, sondern nur aus den vergangenen zwölf Monaten (wobei wir im Sommer eine zweimonatige Pause beim BILDblog eingelegt hatten). Daneben wird es in dieser Zeit noch zahlreiche weitere Fehler in „Bild“ und bei Bild.de gegebene haben. Wir können hier allerdings nur über jene schreiben, die wir selber mitbekommen, oder auf die uns unsere Leser hinweisen.

Stefan Niggemeier hat drüben bei „Übermedien“ weitere „Bild“-Beispiele „für grob irreführende Berichterstattung“ aus den vergangenen Jahren gesammelt.)

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Ganz am Ende seines Interviews mit dem „Tagesspiegel“ sagt Julian Reichelt noch:

Werden Sie Ihre Entschuldigungen auf eine pro Tag oder eine pro Monat deckeln? Es geht ja streng Richtung Ehrentitel „Chef-Entschuldiger des Axel-Springer-Verlags“.

Den Titel will ich ganz sicher nicht. Ich will nicht die Entschuldigungen deckeln, sondern die Fehler. Aber wo Entschuldigungen notwendig sind, werden wir sie aussprechen.

Das liest sich erstmal wie ein Versprechen für die Zukunft. Sollte es auch schon im vergangenen Jahr gegolten haben, hat Julian Reichelt sich nicht dran gehalten.

Franz Josef Wagner und der ausgefranste Barte des Propheten

Anfangs war es noch die Faszination für den Menschen Martin Schulz, die „Bild“-Briefchef Franz Josef Wagner inspirierte. Dieser Lebensweg! Am 26. Januar, also zwei Tage nachdem bekannt wurde, dass nicht Sigmar Gabriel, sondern Martin Schulz die SPD im Bundestagswahlkampf führen wird, schrieb Wagner:

Lieber Martin Schulz,

Sie sind ein Kanzlerkandidat wie aus einem Roman. Ich hätte gerne die Filmrechte. Da ist ein Junge, der nur Fußball im Kopf hat. Er ist mit der B-Jugend Vizemeister geworden. Fußballprofi wollte der Junge werden. Eine schwere Verletzung beendete seinen Traum.

Im Gesicht des Kanzlerkandidaten Schulz sieht man nicht die Narben – aber wie verheilt sind die Wunden in seiner Seele? Er ist Schulabbrecher, er ist ein Junge ohne Zukunft. Er beginnt zu trinken, sich die Welt schönzutrinken. Gerichtsvollzieher stehen vor seiner Tür. Er denkt an Selbstmord. Er ist ein Gespenst aus Alkohol und Trübsinn.

Wie man aus all dieser Scheiße rauskommt, davon handelt der Roman. Wie man die Kurve kriegt. Wie man wieder ein Bürger wird. Das ist der Roman des Martin Schulz.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Aus dieser Faszination für seinen Romanhelden wurde schnell mehr. Wagner verliebte sich „quasi“. Den Brief, den er am 6. Februar in „Bild“ veröffentlichte, adressierte er nicht an Martin Schulz, sondern an „Umfrage-König Schulz“:

Lieber Umfrage-König Schulz,

es scheint, als wären alle blindverbliebt in Sie. Blindverliebt ist die schönste Liebe. Es ist das Verliebtsein.

Da ist jemand, der seine Fehler nicht vertuscht. Schulabbrecher, Alkoholiker. Da ist jemand, der nicht mit Schummel-Doktor-Titeln Karriere macht.

Wir sind verliebt in einen Guttenberg von unten.

Ich mag Schulz, wie er redet. Er entzückt, bezaubert SPD-Wähler.

Ich bin quasi verliebt in ihn. Er verspricht mir so viel, aber ich weiß nicht, was.

Verliebte weinen viele Tränen.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Einige Tränen und neun Tage später ist die Romanze allerdings schon wieder zu Ende. Franz Josef Wagner ist nicht mehr „blindverliebt“, plötzlich kann er wieder sehen. Und was er da sieht, lässt ihn erschrecken: einen Bart! Ja, doch, Martin Schulz trägt einen Bart. Wobei, nein, eigentlich ist das nicht mal ein Bart, das ist ein „Spinnennetz“, „ein ausgefranster Teppich“. Wagner schreibt heute:

Lieber Martin Schulz,

der Wert eines Menschen hängt nicht von Äußerlichkeiten ab. Aber bitte, rasieren Sie sich! Ein Kanzlerkandidat sollte nicht so ein Spinnennetz vor seinem Gesicht haben.

Sie wollen das Gesicht Deutschlands werden, mit diesem ausgefransten Teppich im Gesicht.

Warum rasieren Sie sich nicht?

Weil Sie keine Zeit haben? Weil alles wichtiger ist als rasieren? Oder weil Sie mit Ihren 61 Jahren noch immer ein Revoluzzer sein wollen?

Ihr Bart irritiert mich. Ich weiß nicht, was er bedeuten soll.

Eine anständige Rasur dauert zehn Minuten. Man seift sein Gesicht ein, bis die Barthaare weich werden.

Und dann schneidet man von unten nach oben.

Und dann hat man ein glattes Gesicht.

Das glatte Gesicht von Martin Schulz will ich sehen.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Dass Franz Josef Wagner mal findet, dass die Fußballer des FC Bayern München in der Kabine auf Deutsch über Goethe und Schiller sprechen sollten, und später schreibt, dass nun wirklich nicht wichtig sei, dass die Fußballer des FC Bayern München in der Kabine auf Deutsch über Goethe und Schiller sprechen, ist typisch für den „Bild“-Kolumnisten. Genauso, dass er das „Dschungelcamp“ mal für genau das Richtige und mal für genau das Falsche in Zeiten des Terrors hält.

Meist liegen einige Jahre zwischen widersprüchlichen Wagner-Briefen. Dass er sich dieses Mal innerhalb weniger Wochen erst in einen Menschen verliebt, und seine Gefühle dann mangels Rasur erkalten — das ist selbst für Franz Josef Wagner ein besonderes Dramolett.

Mit Dank an @Thomann_J und @Thosch73 für die Hinweise!

„Bild“ füttert rechte Hetzer mit „Sex-Mob“-Gerücht

Aktuell verspricht ein Medium nach dem anderen, etwas gegen „Fake News“ machen zu wollen, erst gestern kündigte das „ZDF“ den Start eines „crossmedialen Faktencheck-Projekts“ an. Und tatsächlich könnten Medien eine wichtige Rolle spielen beim Versuch, rumgereichte Falschmeldungen in den Griff zu bekommen. Sie können bei dem Thema aber auch eine schreckliche Rolle spielen, so wie „Bild“ vor etwas mehr als einer Woche:

Der Artikel erschien auch bei Bild.de, als kostenpflichtiger „Bild plus“-Beitrag:

So viel schon mal an dieser Stelle: Diesen „Sex-Mob“ dürfte es, so der aktuelle Kenntnisstand, nie gegeben haben. Er könnte die Erfindung einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe sein, gut möglich, dass sie damit Stimmung gegen Flüchtlinge machen wollte. Die „Bild“-Medien haben die Geschichte jedenfalls dankbar aufgegriffen, haben sie verbreitet, ohne sie ausreichend zu überprüfen, haben sie selber sogar noch zugespitzt und sie haben mit ihrer Reichweite aus ihr eine Story gemacht, die von Rechten und Nochrechteren in Sozialen Netzwerken rumgereicht wurde, die von anderen Medien aufgegriffen wurde, die es sogar bis nach Großbritannien und zu „Breitbart“ schaffte.

Doch dazu später mehr. Fangen wir vorne an.

Am 6. Februar schreibt die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung riesengroß:

Eines der „OPFER“, das „IHR SCHWEIGEN“ bricht, ist die 27-jährige Irina A. Sie erzählt „Bild“-Reporter Stefan Schlagenhaufer von ihren angeblichen Erlebnissen an Silvester:

Sie schwiegen einen Monat lang, wollten die Vorfälle vergessen — doch jetzt platzt es aus den Opfern heraus: In der Silvesternacht kam es in der Frankfurter Restaurant- und Delikatess-Meile „Freßgass'“ zu massiven sexuellen Übergriffen.

„Ich kann froh sein, dass ich eine Strumpfhose anhatte“, erzählt Irina A. (27), die Silvester in der City feierte. „Sie fassten mir unter den Rock, zwischen die Beine, an meine Brüste, überall hin. Mir und meinen Freundinnen. Immer mehr dieser Typen kamen. Ihre Hände waren überall.“

„Diese Typen“ seien Araber gewesen, so Jan Mai, ein bekannter Frankfurter Gastronom, der auch die Bar betreibt, in der Irina A. Silvester gefeiert haben soll, und der nach eigener Angabe gegen 1 Uhr in seinen Laden kam:

„First-In“-Chef Jan Mai (49): „Als ich rein kam, war der ganze Laden voll mit einer Gruppe von rund 50 Arabern. Sie sprachen kein Deutsch, tranken den Gästen die Getränke weg, tanzten sie an. Die Frauen baten mich um Hilfe, weil sie angegrabscht werden. Die Stimmung kippte komplett.“

Einen Absatz später wird „Bild“ noch konkreter — Nordafrikaner seien es gewesen:

Mai holt Personal aus seinem Restaurant um die Ecke. Ein marokkanischer Angestellter versucht, mit den Nordafrikanern zu sprechen: „Die waren hochaggressiv, es gab Geschrei, Handgemenge.“

Um 3 Uhr sei es dann noch einmal richtig losgegangen, erzählt Jan Mai „Bild“-Reporter Schlagenhaufer. Und der erzählt es seinen Lesern weiter:

Um 3 Uhr der nächste Höhepunkt. Mai: „Zwischenzeitlich drangen die Männer ins ‚Garibaldi‘ und andere Läden ein — mit Pyrotechnik. Ich war gerade im ‚Gibson‘, als ich angerufen wurde: ‚Wir haben wieder Probleme mit Massen an Flüchtlingen‘. Ich rannte mit drei Türstehern auf die Freßgass‘.“

Inzwischen also schon „Massen an Flüchtlingen.“

Irgendwann war die Silvesternacht auch rum. Und es passierte einige Wochen erstmal nichts, weil keiner der Beteiligten sich zu den vermeintlichen Vorfällen äußerte. Dann meldeten sich aber Jan Mai und Irina A., die Hauptzeugen in Stefan Schlagenhaufers Text. Dazu kommen zwei Angestellte von Mai. Und es gebe laut „Bild“ noch „Informationen“, die alles unterstützen:

Nach BILD-Informationen waren 900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge mit dem Zug aus Mittelhessen nach Frankfurt gekommen. Als sie nicht in die Sicherheitszone am Mainufer kamen, zogen sie weiter — in die Freßgass‘.

„900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge“. Meldungen von „massiven sexuellen Übergriffen“. Fertig ist für „Bild“ die „Sex-Mob“-Geschichte. Auf seiner Facebook-Seite hatte Mai recht früh nach Erscheinen der Schlagzeile geschrieben: „Ich habe selbst nie von einem Sex Mob auf der gesamten Fressgass berichtet, sondern von sexuellen Belästigungen, Schlägereien und Diebstahl in meinem Lokal gesprochen.“

Dann ging es allerdings erst richtig los. Andere Medien berichteten. Das „Sat.1 Frühstücksfernsehen“ griff das Thema einen Tag später auf und besuchte Irina A. und Jan Mai in Frankfurt. Titel des Beitrags: „Wieder sexuelle Übergriffe an Silvester!“

Mai erzählt in dem Video, es seinen „massiv Syrer hier drin“ gewesen, die „Mädels belästigt haben, angefasst haben, sich an die Tische gesetzt haben, einfach mitgetrunken haben, sind ohne Jacke reingekommen, mit Jacke rausgelaufen, Jacken dann draußen versteckt, wieder reingekommen, haben wieder Jacken mitgenommen.“

Irina A. sagt, sie könne aus Angst abends immer noch nicht nach Hause laufen.

Die rechte „Junge Freiheit“ berichtete mit Bezug auf den „Bild“-Artikel:

Die „Epoch Times“ machte aus dem „Sex-Mob“ von „Bild“ „Sex-Attacken und Randale“:

Selbst in Großbritannien brachten Redaktionen Artikel über die angeblichen Vorkommnisse in der Frankfurter „Freßgass'“. express.co.uk zum Beispiel:

Und die UK-Ausgabe von „Breitbart“:

In den Sozialen Netzwerken haben rechte Gruppierungen und Hetzer die „Bild“-Geschichte zigmal geteilt. Bei Facebook beispielsweise einzelne „AfD“-Verbände, die „Junge Alternative“, Bürgerprotest-Gruppen, „Einzelfall“-Sammler, das ganze Spektrum:







Und auch bei Twitter drehte der Artikel dank Rechtspopulisten und eines „Bild“-Redakteurs eine ordentliche Runde:



In der Zwischenzeit legte die Frankfurter „Bild“-Redaktion noch einmal mit einem Artikel nach: „ein Sex-Mob tobte Sil­ves­ter in der Freß­gass‘. Opfer schilderten ex­klu­siv in BILD FRANK­FURT die trau­ma­ti­sie­ren­de Nacht.“ Das Blatt lässt einige Lokalpolitiker Stellung beziehen:

Zum Beispiel Chris­toph Schmitt, den si­cher­heits­po­li­ti­schen Spre­cher der CDU:

„Es darf nicht sein, dass Frauen sich so was gefallen lassen müssen. Wenn Schattenseiten der Flüchtlingspolitik Männer-Massen sind, die die Stadt unsicher machen, dann brauchen wir mehr Polizei auf den Straßen, mobile Videoüberwachung.“

Oder den unabhängigen Oberbürgermeisterkandidaten, Volker Stein:

„Während man um den Eisernen Steg ein hohes Aufgebot von Polizei verzeichnen konnte, wurde der Rest der Innenstadt den randalierenden Halbstarken überlassen. Wer sich in seinem Gastland so verhält, wie es die Berichte belegen, hat keinen Anspruch auf unsere Gastfreundschaft und sein Asylrecht verwirkt!“

„Männer-Massen“, „die die Stadt unsicher machen“. „Randalierende Halbstarke“. „Asylrecht verwirkt“. Und das alles, als noch überhaupt nichts belegt oder geklärt war, und die Polizei noch ermittelte.

Erste Zweifel, ob sich die Silvesternacht in der „Freßgass'“ tatsächlich so abgespielt hat, wie von Irina A. und Jan Mai geschildert, kamen bereits am 7. Februar auf. Sebastian Eder schrieb bei FAZ.net über den „Sex-Mob, den keiner gesehen hat“. Eder hatte bei der Polizei angerufen und gefragt, ob Anzeigen zu der Nacht vorliegen, doch da gab es keine. Er wunderte sich, dass keine Videos oder Fotos von den Vorfällen in den Sozialen Netzwerken zu finden waren. Und er fragte bei anderen Gastronomen nach, ob sie an Silvester ähnliches beobachtet haben, wie ihr Kollege Jan Mai in seinem „First In“. Hat aber keiner.

Außerdem hat sich Sebastian Eder mal das Facebook-Profil von Mai angeschaut:

Weil das Thema so brisant ist, muss man auch die Glaubwürdigkeit des Zeugen der „Bild“-Zeitung hinterfragen. Auf seiner privaten Facebook-Seite zeigte der „First In“-Chef bereits Sympathien für die AfD und schrieb zu Bildern „Herrenrunde und die Deutschen in Überzahl“. Außerdem teilte er im Dezember ein Video unter der Überschrift: „Merkel muss weg“. In dem Film marschiert der „Nationale Widerstand“ durch Berlin, ruft „Lügenpresse“ und „Hurensöhne“. In den Kommentaren steht auch mal „Deutschland, Deutschland über alles“. Veröffentlicht hat den Film Ignaz Bearth, ein Schweizer Politiker, der mal Mitglied einer rechtsextremen Partei und Sprecher von Pegida-Schweiz war.

Auf Eders Anfrage, ob er Sympathien für Rechte habe, antwortete Mai, dass das Unsinn sei, „aber ich bin mit der Einwanderungspolitik von Merkel nicht einverstanden und hoffe, dass der Erfolg der AfD dazu führt, dass die CDU das merkt.“

Einen weiteren Zeugen, den Jan Mai ihm nannte, rief Eder ebenfalls an. Der Mann, genauso wie Mai Gastronom auf der „Freßgass'“, berichtete von einer Massenschlägerei, er selbst habe eine Flasche über den Kopf bekommen. „Die Polizei hat die Identität eines Verdächtigen mittlerweile ermittelt: Es ist ein Georgier. Der andere Verdächtige, gegen den wegen einer Gewalttat auf der Freßgass an Silvester ermittelt wird, ist laut Polizei ein Deutscher“, schreibt Sebastian Eder.

Und auch die „Frankfurter Neue Presse“ war recht schnell misstrauisch. Boris Tomic kommentierte dort, auch bereits am 7. Februar:

Die Berichte eines stadtbekannten Restaurantbetreibers über marodierende Banden arabischer Herkunft auf der Freßgass‘ entbehren der Glaubwürdigkeit.

Der Titel vom Tomic‘ Kommentar: „Fake-News gibt es wohl nicht nur im Internet“.

In „Bild“ oder bei Bild.de ist von all diesen Zweifel in den vergangenen Tagen nichts zu lesen.

Am vergangenen Donnerstag fragten wir beim Polizeipräsidium Frankfurt nach, ob inzwischen Anzeigen eingetroffen sind. Ein Sprecher sagte uns, dass nichts vorliege. „FAZ“-Redakteur Sebastian Eder fragte gestern auch noch mal nach — noch immer lag keine einzige Anzeige vor.

Gestern Abend dann die große Wende bei Bild.de:

Die Frankfurt-Ausgabe der „Bild“-Zeitung berichtet heute ebenfalls, allerdings bedeutend kleiner als noch bei der Ursprungsgeschichte:

Das Blatt fragt, ob Jan Mai „alle belogen“ habe. Zeugen seien im Verhör zurückgerudert — „es habe sich um eine normale Schlägerei gehandelt und nicht um sexuelle Übergriffe.“ Die Polizei ermittle nun „wegen Vortäuschung einer Straftat“ gegen den „Promi-Wirt“, so die „Bild“-Medien. Lediglich in einem Absatz schreiben sie, dass Mai den ganzen Mist bei ihnen behauptet hat. Ihre eigene Rolle — das Übernehmen eines Gerüchts, die „Sex-Mob“-Zuspitzung, das Nachlegen mit den Politiker-Statements — erwähnen sie nicht.

Die „Frankfurter Neue Presse“ schreibt auch über die neuesten Entwicklungen:

Nach Informationen, die unserer Zeitung am Montagabend per Mail zugespielt wurden, konnten die Behauptungen von Mai und seiner Kollegin „nicht mal im Ansatz“ verifiziert werden. Irina A., die behauptete, man habe ihr unter den Rock, zwischen die Beine und an die Brüste gefasst, soll über Silvester nicht einmal in Frankfurt, sondern in Belgrad gewesen sein. Die Polizei habe ihre Flugtickets sichergestellt und suche seit Tagen nach ihr, um sie zu vernehmen, heißt es in der Mail an unsere Zeitung. Auch zu all diesen Ausführungen sagte der Polizeisprecher auf Nachfrage, dass er „nicht widersprechen“ könne.

Vermutlich werden die Versuche, das wirkliche Geschehen in der „Freßgass'“ nachzuzeichnen, nicht annähernd so viele Leute erreichen wie die hysterischen „Sex-Mob“-Schlagzeilen von „Bild“ und Bild.de.

Hätten die „Bild“-Medien von Anfang an sauberer recherchiert, nicht direkt alles geglaubt und verbreitet, was ihnen erzählt wird, hätte das alles vermieden werden können. So, mit all der Folgeberichterstattung und den geteilten Artikeln und Kommentaren in den Sozialen Netzwerken, ist die falsche Nachricht vom „Sex-Mob“ in der Frankfurter Silvesternacht kaum noch einzufangen.

Mit Dank an Stefan K., Andreas L., Andrea, @BKD_Schu und @zukunftsheld für die Hinweise!

Nachtrag, 14:13 Uhr: Bild.de entschuldigt sich auf der Startseite für die falsche Berichterstattung:

Das Portal schreibt:

Die BILD-Redaktion entschuldigt sich ausdrücklich für die nicht wahrheitsgemäße Berichterstattung und die erhobenen Anschuldigungen gegen die Betroffenen. Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von BILD.

BILD wird intern klären, wie es dazu kommen konnte.

Wenn die Redaktion es mit dieser Ankündigung ernst meint, sollte sie auch klären, wie die „Sex-Mob“-Überschrift entstand. Denn der inzwischen beschuldigte Gastronom Jan Mai bestritt sehr früh, je von einem „Sex-Mob“ gesprochen zu haben. In der gerade veröffentlichten Entschuldigung von Bild.de steht allerdings:

Die Zeugen (u.a. eine Kellnerin, ein Frankfurter Gastronom und zwei seiner Angestellten) berichteten gegenüber BILD von massiven mobartigen Übergriffen durch angetrunkene Ausländer.

Mit Dank an Mind und Mario für die Hinweise!

Nachtrag, 16. Februar: Bereits gestern veröffentlichte auch die Frankfurt-Redaktion der „Bild“-Zeitung eine „Entschuldigung in eigener Sache“:

Der Text ist identisch mit der „Entschuldigung in eigener Sache“, die Bild.de am Dienstag veröffentlicht hat.

Verlierer über Verlierer

Es kommt ja nicht so häufig vor, dass wir mit „Bild“ und Bild.de ausdrücklich einer Meinung sind. Aber in diesem Fall von heute können wir nur zustimmen: „Peinliche Foto-Panne“.

Alec Baldwin in seiner „Saturday Night Live“-Rolle als Donald Trump für den echten Donald Trump zu halten, wäre so, als würde man Susanne Pätzold in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Inka Bause für die echte Inka Bause halten:

Oder als würde man Martina Hill in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Bill Kaulitz für den echten Bill Kaulitz halten:

Oder als würde man Max Giermann, Michael Müller & Peter Nottmeier, Susanne Pätzold und Michael Kessler in iherer „Switch reloaded“-Rolle als „The Voice of Germany“-Jury für die echte „The Voice of Germany“-Jury halten:

Oder als würde man Susanne Pätzold in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Antonia Rados für die echte Antonia Rados halten.

Was „Bild“ wohl dazu meint?

Mit Dank an @dieterjosef für den Hinweis!

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„Bild“ übernimmt falschen Vorwurf eines Rechtsextremisten

In Nürnberg laufen aktuell zwei Prozesse gegen Journalisten, Kläger ist jeweils der Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann. Neben anderen Medien berichtet auch die „Bild“-Zeitung heute über die Verhandlungen:

Er gründete die terroristische „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die 1980 verboten wurde. Trotzdem möchte Karlzheinz (sic) Hoffmann (79) nicht „Terrorist“ genannt werden!

Deshalb verklagt der Rechtsextremist zwei „Tagesschau“-Journalisten. Von Patrick Gensing (41, NDR) will er 2500 Euro Schmerzensgeld, weil der ihn in einem Beitrag „Mörder und Terrorist“ nannte. Von Ulrich Caussy (sic) (64, BR) verlangt er 10 000 Euro, weil er ihn in einem Vortrag als „Drahtzieher“ des Oktoberfest-Anschlags von München 1980 bezeichnet habe

Erstmal zu „BR“-Journalist Ulrich Chaussy. Wofür in dem kurzen „Bild“-Artikel kein Platz mehr war: Hoffmann bezieht sich bei seinem Vorwurf laut sueddeutsche.de auf einen Text der „Erlangener Nachrichten“, die über Chaussys Vortrag berichteten. Chaussy bestreitet, Hoffmann als Drahtzieher des Oktoberfest-Anschlags bezeichnet zu haben, und verweist dabei sowohl auf sein Redemanuskript als auch auf eine Aussage des Journalisten der „Erlanger Nachrichten“.

Besonders interessant an dem „Bild“-Bericht ist der Unterschied, den die Redaktion bei den Vorwürfen gegen Gensing und Chaussy macht: Bei Chaussy verwendet „Bild“ den Konjunktiv („bezeichnet habe“), bei „NDR“-Journalist Gensing hingegen den Indikativ („weil der ihn in einem Beitrag ‚Mörder und Terrorist‘ nannte“). Nur: Patrick Gensing hat Karl-Heinz Hoffmann „in einem Beitrag“ nie „Mörder und Terrorist“ genannt, wie „Bild“ behauptet.

Es geht um diesen Artikel von tagesschau.de:

Im ersten Absatz schreibt Gensing:

Der Rechtsterrorismus in Deutschland wird aktuell mit dem NSU sowie mit den Ermittlungen gegen Neonazis aus Freital in Verbindung gebracht. Doch die Geschichte des rechten Terrors ist deutlich länger. In den 1970er- und 1980er-Jahren verübten Alt- und Neonazis schwere Anschläge. Sie griffen Polizisten und Linke, Migranten und Juden an, schmuggelten Waffen und töteten zahlreiche Menschen. Die „Deutschen Aktionsgruppen“, die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ oder die „Hepp-Kexel-Gruppe“ waren nur die bekanntesten militanten Nazi-Gruppierungen dieser Zeit.

Abgesehen von einer Bildunterschrift („Mitglieder der ‚Wehrsportgruppe Hoffmann‘ stehen in uniformähnlicher Kluft auf dem Grundstück von Karl-Heinz Hoffmann in Ermreuth bei Nürnberg“) ist dies die einzige Stelle in Gensings Text, an der der Name „Hoffmann“ fällt. Und das auch nur in Bezug auf die von Hoffmann gegründete „Wehrsportgruppe“ und nicht auf Hoffmann als Person.

Vor Gericht versuchte Karl-Heinz Hoffmann nun, den Eindruck zu erwecken, dass Patrick Gensing ihn als „Mörder und Terroristen“ darstelle. Doch dies ließ die zuständige Richterin nicht zu, wie Claudia Henzler bei sueddeutsche.de schreibt:

In der Verhandlung wurde deutlich, dass es Hoffmann nicht nur darum geht, was ihm konkret in Text und Rede zu Last gelegt wurde — oder eben nicht. Er will sich dagegen wehren, dass der Eindruck erweckt worden sein könnte, er sei ein Terrorist oder Mörder. Entsprechende Anträge wies die Vorsitzende Richterin zurück. Das Gericht werde nur der Frage nachgehen, ob die Journalisten tatsächlich behauptet haben, dass Hoffmann persönlich mit Waffen handelte oder Menschen ermordete. Zweifel daran wurden in der Verhandlung deutlich.

Das alles kommt im „Bild“-Artikel nicht vor. Stattdessen übernimmt das Blatt einfach Karl-Heinz Hoffmanns falschen Vorwurf.

Nachtrag, 12. Februar: Die Nürnberger Redaktion der „Bild“-Zeitung, von der der Artikel zu den Gerichtsprozessen stammt, hat sich via Twitter bei Patrick Gensing entschuldigt:

Bild, Bild.de, oe24.at  etc.

Beim EU-Stifte-Verbot wird’s „Bild“ zu bunt

Welche Bausteine braucht eine Redaktion, wenn sie ihren Lesern mit einem einzigen Artikel mal wieder vor Augen führen will, wie blöd die Europäische Union eigentlich ist?

Irgendwas mit Regulierung wäre gut, am besten ein Regulierungs-Irrsinn. Und ein Verbot müsste es geben. Immer wollen diese Eurokraten uns Bürgern was verbieten. Und dann müsste die ganze Sache im Verborgenen abgelaufen sein. Und man müsste noch mal klarmachen, dass das alles Firlefanz ist und es doch eigentlich ganz andere, wichtigere Probleme in Europa gibt, die man anpacken müsste. Und wenn dann noch durch Kinder Emotionen im Spiel sind — Bingo!

Dirk Hören, bei „Bild“ eigentlich für die Zahlenjonglage verantwortlich, hat so eine eierlegende EU-Wollmilchsau gefunden. Vergangenen Freitag präsentierte er sie auf der Titelseite des Blatts:

Und auch bei Bild.de erschien sein Text:

Das geht in der Überschrift ja schon mal gut los: Verbot durch die Eurokraten ✅

Und auch der Artikeleinstieg in der „Bild“-Zeitung …

Neuer EU-Irrsinn

… beziehungsweise bei Bild.de …

Neuer Regulierungs-Irrsinn aus Brüssel

… passt perfekt ins EU-Bashing. Doppeltreffer: Regulierung ✅ Irrsinn ✅

Wie sieht’s aus mit der Heimlichtuerei in Brüssel? Auch da hat Dirk Hören was:

Die EU hat — unbemerkt von der Öffentlichkeit — die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug drastisch verschärft.

Agieren im Verborgenen ✅

Und der Firlefanz? Für den Punkt nutzt Hören ein Zitat von CSU-Politiker Markus Ferber:

Der CSU-EU-Abgeordnete Markus Ferber: „Es wäre besser, die großen Probleme anzupacken, statt Kinder in ihrer Kreativität einzuschränken.“

Um Wichtigeres kümmern ✅
Arme Kinder ✅

Andere Medien berichteten ebenfalls über die EU-Entscheidung und bezogen sich dabei größtenteils auf den „Bild“-Artikel. Als Beispiel hier das österreichische Knallportal oe24.at, das von dem angeblichen Stifte-Verbot besonders „genervt“ war:

Es ist so: Die Europäische Union hat die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug gesenkt. Davon sind unter anderem auch Buntstifte und Wasserfarben betroffen. Buntstifte dürfen ab 2018 nur noch zwei Milligramm Blei pro Kilogramm Spielmaterial enthalten. Bisher sind 13,5 Milligramm erlaubt. Bei Wasserfarben wurde der Grenzwert von 3,4 auf 0,5 Milligramm herabgesetzt.

Dirk Hören schreibt:

Das Problem: Fast alle Kinder-Farben enthalten den Füllstoff Kaolin und das Weißpigmet Titandioxid. Das sind Mineralien aus der Erdrinde und enthalten deshalb von Natur aus geringste Spuren Blei, die chemisch nicht entfernt werden können. Betroffen von dem Verbot sind vor allem helle Farbtöne, weil sie viel Weißpigmet enthalten.

Also können Kinder jetzt bald gar nicht mehr mit Buntstiften und Wasserfarben malen? Werden sie in ihrer Kreativität eingeschränkt, wie CSU-Mann Ferber behauptet? Mitnichten.

Noch am selben Tag, an dem der „Bild“-Bericht erschien, veröffentlichte die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission eine „Klarstellung“:

Gleich zu Beginn heißt es:

Die Europäische Kommission weist einen Bericht der „Bild“-Zeitung zurück, laut dem die EU Buntstifte und Wasserfarben verbiete.

Die niedrigeren Grenzwerte für Blei in Spielzeug basierten „auf den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die bestätigen, dass Blei gerade für Kinder giftiger ist, als man viele Jahre glaubte.“ Neueste Daten zeigten, „dass es keinen sicheren Grenzwerte für Blei gibt und dass sogar kleinste Mengen schädlich für die Entwicklung des kindlichen Gehirns sein können.“

Ein Großteil der betroffenen Spielzeuge erfülle bereits die notwendigen Grenzwerte für Blei, „drei Arten von Malwerkzeugen“ habe man allerdings entdeckt, „von denen einige wenige die strengeren Grenzwerte nicht erfüllen: Fingerfarben, Buntstifte und Wasserfarbenkästen.“ Dazu schreibt die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission auf ihrer Facebook-Seite:

70 bis 80 Prozent der Buntstifte und Wasserfarben erfüllen die schärferen Blei-Grenzwerte aber bereits locker. Buntstifte und Wasserfarben wird es weiter zu kaufen geben, die „Kreativität der Kinder“ wird also nicht eingeschränkt.

Einen Tag später griffen „Bild“ und Dirk Hören das Thema noch einmal auf:

Die Info, dass die Kommission einen „Bericht der ‚Bild‘-Zeitung“ zurückgewiesen hat, hat leider nicht mehr in die kurze Meldung gepasst.

Mit Dank an Johannes K. und Jan H. für die Hinweise!

Sigmar Gabriel hat keine Ahnung, wie „Bild“ auf Falschmeldung kam

Für Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt gab es diese Woche eine Menge Lob. Toll sei es, wie transparent er mit dem Fehler seiner Redaktion umgeht, die vor knapp zwei Wochen behauptet hatte, dass Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat der SPD werde. Inzwischen steht fest, dass nicht Gabriel, sondern Martin Schulz die Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf führen wird — und dass Bild.de mit der Meldung von Anfang Januar danebenlag.

Julian Reichelt entschuldigte sich also auf Twitter für den Fauxpas, sein Team lieferte am Dienstag eine Erklärung, „Warum BILD falsch lag“ …

… und alle waren ganz angetan von der Fehlerkultur im Axel-Springer-Hochhaus. Auch wir finden es sehr gut, dass „Bild“ und Bild.de auf den Fehler reagiert haben. Wie diese Reaktion aussah — das müssen wir hier aber doch noch mal thematisieren.

In der Erläuterung von Bild.de, wie die falsche Eilmeldung über Sigmar Gabriels Kanzlerkandidatur zustande gekommen ist, steht unter anderem:

Die handfesten Hinweise und Informationen stammten aus zahlreichen Gesprächen mit SPD-Spitzenpolitikern — unter anderem mit Gabriel selbst und engen Vertrauten. Diese Gespräche begannen im Sommer 2016 und setzten sich bis ins neue Jahr fort.

Und:

Auch auf mehrfache Nachfragen bei der Recherche für die BILD-Geschichte vom 9./10. Januar wurde auf der Gabriel-Seite kein anderer Eindruck erweckt als der, der SPD-Chef sei weiterhin fest entschlossen anzutreten.

Bild.de hat also aus „Eindrücken“ und „handfesten Hinweisen“ eine Eilmeldung mit Tatsachenbehauptung gestrickt.

Besonders interessant ist, dass diese Hinweise laut Bild.de auch von „Gabriel selbst und engen Vertrauten“ gekommen sein sollen. Im aktuellen „Stern“, der Sigmar Gabriels Nicht-Kandidatur zusammen mit der „Zeit“ enthüllte, gibt es ein langes Interview mit dem bisherigen SPD-Parteichef. „Stern“-Chefredakteur Christian Krug fragt an einer Stelle:

Und Sigmar Gabriel antwortet:

Am Mittwoch — also einen Tag nach der großen Entschuldigung — erschien dieser Artikel bei Bild.de:

Die „5 GRÖSSTEN MERKWÜRDIGKEITEN“ aus Gabriels „RUMS-INTERVIEW“ mit dem „Stern“ sollen sein:

1. Warum schießt Gabriel so scharf gegen die Kanzlerin?

2. Wie kann sich der SPD-Chef selbst zum Außenminister ernennen?

3. Wie kommt er nur darauf, im neuen Job mehr Privatleben zu haben?

4. Warum hat er fünf Fotos seiner Tochter veröffentlichen lassen?

5. Warum hat Gabriel so lange geschwiegen?

Dass Sigmar Gabriel der Bild.de-Erklärung für die falsche Eilmeldung unbewusst (schließlich war das „Stern“-Interview schon längst gedruckt, als Julian Reichelt und sein Team die Erklärung veröffentlicht haben) widersprochen hat, erwähnt die Redaktion nicht.

Sigmar Gabriel hält sich nicht an die von „Bild“ vorgegebene Kandidatur

Es kommt nicht häufig vor, dass die „Bild“-Medien so transparent mit einem Fehler umgehen:

Seit heute steht fest, dass Sigmar Gabriel nicht als SPD-Kanzlerkandidat in den anstehenden Bundestagswahlkampf ziehen wird. Der „Stern“ und „Die Zeit“ berichteten als Erste darüber — ein schöner Scoop.

Bild.de hatte — wie im Screenshot oben steht — am 9. Januar unter Berufung auf interne Parteikreise geeilmeldet und getitelt:


Einen Tag später gab es in „Bild“ dann noch das volle Programm obendrauf: Riesenschlagzeile auf Seite zwei …

… und einen Brief von Franz Josef Wagner, der Sigmar Gabriel seine Bewunderung ausspricht, dass dieser sich tapfer „als Kanzlerkandidat der SPD“ zur Verfügung stellt:

Andere Nachrichtenseiten zogen nach und beriefen sich dabei — mehr oder weniger deutlich — auf die „Bild“-Medien. Die „Huffngton Post“ beispielsweise:

Oder „RP Online“:

Oder „Focus Online“:

Oder die „B.Z.“:

Und selbst das Team von stern.de, das sich aktuell zusammen mit den Print-Kollegen völlig zurecht für die Enthüllung des Gabriel-Rückzugs feiern lässt, übernahm vor zwei Wochen noch die „Bild“-Geschichte:

Auch die Nachrichtenagenturen berichteten, und so fand man den „Bild“-Fehler fast überall. Am 7. Januar, also zwei Tage vor der falschen Gabriel-Geschichte, feierte „Bild“ übrigens auf der Titelseite einen „Riesenerfolg für BILD“:

Die Spitzenposition im „ZITATE-RANKING!“ kommt nicht nur, aber auch daher, dass andere Medien Quatsch von „Bild“ immer wieder ungeprüft übernehmen.

Dass Bild.de und Chefredakteur Julian Reichelt sich jetzt entschuldigen ist gut und verdient Respekt. Ad hoc fallen uns nur zwei Situationen ein, in der Reichelt ähnlich transparent reagiert hat: Als Bild.de mal bei einem „Tagesanzeiger“-Autoren ganze Passagen geklaut hatte, bat der Bild.de-Chef per Twitter um Entschuldigung; als Bild.de mal bei einem Zitat von Günter Wallraff eine nicht ganz unwesentliche kritische Stelle einfach weggelassen hatte, räumte Reichelt per Twitter einen Fehler ein. Gut möglich, dass es noch ein paar weitere Situationen geben mag. Wahnsinnig viele dürften es allerdings nicht sein.

Bei einer ganz ähnlichen Geschichte wie jetzt bei Sigmar Gabriel gab es zum Beispiele keine ähnliche Reaktion: „Bild“ und Bild.de behaupteten Anfang Oktober vergangenen Jahres, dass Frank-Walter Steinmeier auf keinen Fall für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren werde:

Wenn heute Mittag die Spitzen von CDU, CSU und SPD im Kanzleramt zum Koalitionsgipfel zusammenkommen, wird es KEINE Einigung auf einen gemeinsamen Vorschlag geben. Vielmehr werden die zwei prominentesten Kandidaten aus dem Rennen genommen.

Der in fast allen Umfragen beliebteste Anwärter, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (60, SPD), wird nicht aufgestellt, weil Kanzlerin Angela Merkel (62, CDU) klar sagt: DER NICHT!

Als dann rauskam, dass SPD und CDU Steinmeier doch als Kandidaten nominieren, gab es keine Korrektur der „Bild“-Medien, keine Entschuldigung von Julian Reichelt. Der falsche Artikel ist unverändert online.

Doch zurück zur Kanzlerkandidatur bei der SPD. Inzwischen steht fest, dass Martin Schulz für seine Partei als Spitzenkandidat bei der kommenden Bundestagswahl antreten wird.

Der „Spiegel“ und „Spiegel Online“ berichteten noch vor wenigen Wochen, Ende 2016, dass Schulz es nicht werden wird. Der „Spiegel“ titelte etwas zurückhaltender:

„Spiegel Online“ etwas deutlicher:

Und Bild.de übernahm die Geschichte und titelte ganz sicher:

Auch auf diese falsche Schlagzeile reagieren „Bild“ und Bild.de nicht mit einer Richtigstellung. Dafür ist aber am frühen Abend die von Julian Reichelt angekündigte Aufarbeitung des Bild.de-Fehlers im Gabriel-Fall erschienen:

Warum? Ganz einfach: Sigmar Gabriel und seine Sprunghaftigkeit sind schuld:

Tatsächlich begleiten Gabriel seit jeher Vorwürfe, er sei politisch sprunghaft und persönlich nicht immer berechenbar. Dass er sich in der für die SPD so lebenswichtigen Frage der Kanzlerkandidatur auch kurzfristig noch einmal umentscheiden würde — vielleicht hätte auch BILD das ahnen können oder gar müssen.

Bei Personalien rund um Kanzlerkandidaturen hat „Bild“ wirklich immer wieder doofes Pech.

Medien fallen auf satirischen Kreuzbandriss rein

Übermorgen, am Freitag, ist es soweit: Die Bundesliga startet wieder, und passend dazu bringt der „Axel-Springer-Verlag“ ein neues Produkt an die Kioske: die „Fußball Bild“. In Stuttgart und München wurde die tägliche Fußballzeitung in den vergangenen Monaten bereits getestet. Bald gibt es sie also auch bundesweit.

Das kann ja nur grandios werden, bei all der Expertise, die die „Bild“-Medien auf dem Feld so zu bieten haben. Die Fußballkenner von Bild.de schafften es gestern zum Beispiel, im alten Wappen von Juventus Turin einen Löwen zu entdecken, wo sonst alle nur einen Stier sehen:

Oder sie wissen durch ihre hervorragenden Kontakte in die Szene schon vorher von Trainerverpflichtungen, die dann gar nicht stattfinden.

Ein weiteres Beispiel, wie gut die Fußballberichterstattung bei „Bild“ und Bild.de ist, zeigt eine Meldung über den französischen Nationalspieler Dimitri Payet, die Bild.de gestern am späten Abend veröffentlicht hat, und „Bild“ in der heutigen Ausgabe bringt:


Payet spielt derzeit beim Londoner Premier-League-Klub West Ham United. Dort ist er aber nicht besonders glücklich und will gern weg, am liebsten wohl zum französischen Erstligisten Olympique Marseille. Damit sein aktueller Verein zustimmt, setzt Dimitri Payet ihn ziemlich unter Druck: Er teilte erst kürzlich mit, dass er sich weigere, für West Ham United zu spielen, bis der Klub ihn ziehen lässt.

Und jetzt also, so das geballte „Bild“-Fußballfachwissen, sogar die Drohung, dass sich Dimitri Payet selbst verletzen werde, wenn er nicht wechseln darf:

Der Franzose (kam 2015 für 15 Mio Euro) droht laut „L’Equipe“: „Ich schwöre, dass ich nie wieder das Trikot von West Ham anziehe. Wenn ihr mich nicht verkauft, werde ich mir selbst einen Kreuzbandriss zuziehen.“

Woher „L’Equipe“ diese Info hat, haben sie bei „Bild“ und Bild.de allerdings nicht nachgeschaut. Sie stammt nämlich vom französischen Portal footballfrance.fr (nicht zu verwechseln mit „France Football“), das sich auf der eigenen Seite so beschreibt:

FootballFrance.fr est un site d’informations parodiques consacré au football. Même si la rédaction de FootballFrance.fr s’appuie sur l’actualité pour écrire ses papiers, rien de ce qui est présent sur ce site n’est vrai, les personnes interrogées pour les besoins des articles n’existent pas, tout est faux. Voilà, c’est dit, salut !

„Tout est faux“ — um das zu verstehen, muss man in der Schule nicht zwingend einen Französisch-LK besucht haben. Footballfrance.fr ist eine Satireseite. Sie berichtet zum Beispiel über solche Geschichten: Ein Fan, der beim Afrika-Cup seinem Vordermann auf der Tribüne den Kopf abgeschlagen habe, weil er nichts vom Spiel sehen konnte.

„Bild“ und Bild.de sind nicht die einzigen Medien, die nicht mal kurz nachgedacht haben, wie realistisch es ist, dass ein Fußballer sich freiwillig selber eine Verletzung zufügen will, die ihn mehrere Monate ausfallen ließe, bevor sie ihre Texte veröffentlicht haben. In ganz Europa sind Zeitungen und Onlineportale auf das gefälschte Payer-Zitat reingefallen, und auch hier in Deutschland:


Die meisten Medien, die über Dimitri Payets vermeintliche Drohung geschrieben haben, haben ihre Artikel inzwischen gelöscht oder korrigiert, so auch „Spiegel Online“:

Bei den Fußballexperten von Bild.de steht der ganze Quatsch hingegen unverändert.

Mit Dank an Robert für den Hinweis!

Nachtrag, 19. Januar: Inzwischen hat auch Bild.de den Fehler bemerkt. Unter dem Artikel steht nun:

Anmerkung der Redaktion: Das Zitat von Payet hat es so nie gegeben. Es ist eine Erfindung von „Football France“, dem Satire-Ableger der französischen Fußball-Seite „France Football“. Wir bitte unsere Leser um Entschuldigung, dass wir das Zitat verbreitet haben.

Mit Dank an Frederik S. und Alexander M. für die Hinweise!

Franz Josef Wagner im Dschungel der Meinungen

Gut, wir geben zu: Das ist jetzt nicht gerade die Frage, die man sich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen und ganz dringend stellt. Dennoch: Was hält „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner eigentlich vom „RTL“-Quotenbringer „Dschungelcamp“?

Total super findet er die Sendung. Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei „das ansteckend Gesellige“, wie man es beim „Dschungelcamp“ findet, wichtig. Doch Wagner sagt auch: Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei so etwas wie das „Dschungelcamp“, mit „nackten Mädchen nach dem Terror“, nicht das Richtige.

Doch der Reihe nach.

Franz Josef Wagners Brief von heute ans liebe „Dschungelcamp“:

Liebes Dschungelcamp,

angesichts der Weltlage, Terror, Unsicherheit ist das ansteckend Gesellige wichtig. Ein paar Bierchen mit Freunden und schon sieht die Welt anders aus. Heiterer.

Nichts anderes ist das Dschungelcamp. Wir sehen die Kandidaten, wie sie ekliges Zeug essen.

Wir lachen über diese Idioten im Dschungelcamp. Sie amüsieren uns, weil sie so nackt, so blöd, so peinlich sind. Gott, gib uns nichts Schlimmeres als das Dschungelcamp.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wagner schreibt jedes Jahr im Januar einen Brief an die „RTL“-Sendung. So auch 2015. Auf den Tag genau vor zwei Jahren lautete sein Brief so:

Liebes Dschungel-Camp,

ich denke, dass ich Dich heute Abend nicht gucke. Du passt nicht in meine Gefühlswelt. Je suis Charlie ist meine Welt. Meine Welt ist Trauer und nicht Dschungel-Camp.

Im Dschungel-Camp treten abgehalfterte Promis auf, deren Verstand grenzwertig ist.

Ich kenne die Dschungel-Bewohner nicht, zwei Mädchen sollen „Playboy“-Models sein.

Nackte Mädchen nach dem Terror.

Ich bin kein Moralist, aber Dschungel-Camp gucke ich nicht. Nach dem Terror Titten — nein.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wenigstens bei einem Punkt ist er sich treu geblieben: Der Verachtung für die Menschen, die da im TV zu sehen sind.

Mit Dank an A. T. für den Hinweis!

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