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„Bild“ wühlt in Gerwald Claus-Brunners In­tim­sphä­re

Wir haben heute noch einmal bei der Berliner Staatsanwaltschaft nachgefragt, und ihr Sprecher Martin Steltner hat uns bestätigt: Es gibt weiterhin keinen Nachweis dafür, dass der frühere Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner den Mann, der tot in seiner Wohnung lag, vor dessen Tod sexuell missbraucht hat. An den bisherigen Erkenntnissen dürfte sich auch nichts mehr ändern: Da sich Claus-Brunner später selbst das Leben nahm und gegen Tote nicht ermittelt wird, sind die Ermittlungen inzwischen eingestellt.

„Bild“ und Bild.de hatten Gerwald Claus-Brunner ziemlich früh nach Bekanntwerden der Tat zum „Sex-Killer“ erklärt, „B.Z.“ und „Berliner Kurier“ schrieben, dass er sein Opfer missbraucht habe. Inzwischen sprechen auch die „Bild“-Medien nicht mehr von Missbrauch. Aus „Sex-Killer“ wurde „Killer-Pirat“. Aber Sex spielt in der „Bild“-Berichterstattung über Gerwald Claus-Brunner weiter eine zentrale Rolle:


In dem Artikel von gestern schreiben Franziska Klemenz und Juliane Weiss über Claus-Brunners Partnersuche im Internet, über seine Chats mit anderen Männern, in denen es um „extreme Sex-Fantasien“ gegangen sein soll, über seine sexuellen Vorstellungen. Sie zeigen einen Screenshot seines privaten Profils bei einem Dating-Portal mit persönlichen Angaben, dazu drei Fotos eines Mannes, mit dem Gerwald Claus-Brunner auf diesem Portal befreundet gewesen sein soll. Auf den Bildern sieht man den Mann beim Ablecken eines Stiefels, man sieht ihn „nur mit einem Tiefschutz bekleidet“ und in der Badewanne, während er mit Bier überschüttet wird. Dieser Mann hat weder etwas mit dem Tod von Gerwald Claus-Brunner zu tun noch mit dem Mord an dem 29-jährigen Opfer. Die „Bild“-Medien zeigen trotzdem seine Fotos. Sein Gesicht haben sie dabei immerhin verpixelt.

Heute legen „Bild“ und Bild.de noch einmal nach:


Es geht um die Bestellung zweier handgefertigter Sex-Spielzeuge. Der Inhaber der von Gerwald Claus-Brunner damit beauftragten Manufaktur sprach offenbar mit „Bild“-Autorin Juliane Weiss. Er lieferte ihr auch Claus-Brunners gezeichneten Sex-Spielzeug-Entwurf, den „Bild“ und Bild.de veröffentlichen. In dem Artikel darf er außerdem eine kurze Ferndiagnose zur Psyche seines früheren Kunden abgeben („‚deutet auf einen Hang zu Masochismus und Selbstzerstörung hin'“).

Wir haben mit dem Medienanwalt Dominik Höch über die Berichterstattung gesprochen. Seine Einschätzung dazu:

Die detaillierten Berichte in der Boulevardpresse gestern und heute über das angebliche Sexualleben des Piraten-Politikers Claus-Brunner stellen sich nach meiner Einschätzung als Verletzung dessen postmortalen Persönlichkeitsrechts dar. Dieses Recht, das die Angehörigen geltend machen können, garantiert auch über den Tod hinaus einen Wert- und Achtungsanspruch gegenüber dem Verstorbenen. Dies folgt aus dem Schutz der Menschenwürde im Grundgesetz. So schrecklich die mutmaßlich von Claus-Brunner begangene Tat ist, dürften detaillierte Berichte über seine sexuellen Vorlieben und bestellte Sex-Spielzeuge die Grenze des Zulässigen überschreiten. Dies gilt jedenfalls, solange die Behörden keinen Hinweis dafür haben, dass es bei dem Tötungsdelikt zuvor Missbrauchshandlungen gegeben hat.

Die Tat von Gerwald Claus-Brunner ist durch nichts zu rechtfertigen. Sie rechtfertigt aber auch nicht diesen massiven Eingriff in seine Intimsphäre.

Linke Nummer mit der/die ComputerIn

Ja, bei „Bild“ gab es heute auf der Titelseite mal wieder eine richtig schöne Möglichkeit, sich aufzuregen. Bild.de lieferte der Stammleserschaft bereits gestern Abend die Vorlage zum Blutdruckhochschrauben und Empören über den „GENDER-GAGA“:

In beiden Artikeln geht um die Linksfraktion in Flensburg. Die haben nämlich am vergangenen Mittwoch einen Vorschlag gemacht, der seitdem für ziemlich viel Rummel sorgt. „Bild“-Mann Ralf Schuler schreibt dazu:

Irre Gender-Posse im Flensburger Rathaus!

Die Linke beantragt im Gleichstellungsausschuss, Arbeitsgeräte künftig geschlechtsneutral zu benennen. Beispiel: der/die BleistiftanspitzerIn, der/die StaubsaugerIn.

Begründung: Es sei in einer „sozial gerechten und antidiskriminerenden Gesellschaft nicht hinzunehmen“, dass häufig nur der männliche Artikel (der) benutzt würde. Am Mittwoch wird der Antrag beraten.

In einem Kommentar legt Schuler noch mal nach:

Es gibt diese Idee der Flensburger Linksfraktion tatsächlich. Genau genommen handelt es sich allerdings nicht um einen Antrag, sondern um einen Ergänzungsantrag (PDF). Und dieser feine Unterschied ist in dieser Geschichte nicht unwesentlich. Denn die Linken-Fraktionsvorsitzende Gabriele Ritter sagt, dass das mit der genderneutralen Bezeichnung für Arbeitsgeräte nie ernst gemeint war, sondern lediglich eine satirische Reaktion auf einen Antrag der freien Wählergemeinschaft „Wir in Flensburg“. Die hatte einen Tag vor dem Ergänzungsantrag der Linksfraktion den Vorschlag (PDF) eingebracht, „Ratsfrauen“ in Zukunft „Ratsdamen“ zu nennen, weil das doch viel besser zum männlichen Pendant „Ratsherren“ passe. Gabriele Ritter und ihr Team fanden das so bescheuert, dass sie nicht anders wussten, als mit ihrem völlig abwegigen Ergänzungsantrag zu reagieren und den „Ratsdamen“-Vorschlag der Wählergemeinschaft ad absurdum zu führen.

Bei Bild.de erwähnt Ralf Schuler diese Abfolge von Antrag und Ergänzungsantrag am Ende seines Textes, auf der „Bild“-Titelseite steht davon hingegen kein Wort. Dafür aber dieser letzte, kurze Absatz:

Die Linke ruderte gestern zurück, will den Antrag nun als Satire verstanden wissen.

Das ist schlicht falsch. Denn die Flensburger Linksfraktion stellte bereits am 22. September, also einen Tag nach ihrem Ergänzungsantrag, klar, dass die Sache mit der/die ScannerIn und der/die ComputerIn und der/die BleistiftanspitzerIn nicht ernst gemeint war:

DIE LINKE wird den Antrag der WiF ablehnen und empfiehlt dies übrigens auch für den eigenen Ergänzungsantrag, der durch die Neuschaffung von Begriffen wie „der/die ScannerIn“, „der/die AbfalleimerIn“ oder „der/die StaubsaugerIn“ bestenfalls für Lachanfälle in den 13 Etagen des Rathauses sorgen sollte.

Das hätte auch Ralf Schuler mit anderthalb Minuten Recherche rausfinden können, wenn er mal auf die Website der Linksfraktion in Flensburg geschaut hätte. Oder wenn er den Artikel von Lars Wienand gelesen hätte, der für die „Funke Mediengruppe“ schon vor drei Tagen über den Fall schrieb und klarstellte, dass es sich um einen Witz handelt. Oder wenn er den ebenfalls drei Tage alten Artikel des rechten Blatts „Junge Freiheit“ (den verlinken wir natürlich nicht) entdeckt hätte …

… unter dem recht schnell stand:

AKTUALISIERUNG: Die Linke im Flensburger Rat teilte auf ihrer Internetseite mit, sie selbst werde gegen den von ihr eingebrachten Antrag stimmen. Die Beschlußvorlage, die sich auch in der offiziellen Dokumentendatenbank des Rats der Stadt Flensburg findet, habe „bestenfalls für Lachanfälle in den 13 Etagen des Rathauses sorgen“ sollen.

Aber Schuler machte all das nicht. Stattdessen echauffierte er sich über den „GENDER-GAGA IN FLENSBURG“ — und der machte schell Medienkarriere. „Spiegel Online“ übernahm die Geschichte zum Beispiel:

Und selbst bis nach Österreich und in die Schweiz hat es die Meldung geschafft, zu oe24.at beziehungsweise 20min.ch:


Die Folgen ihres kleinen Witzes seien heftig gewesen, sagte uns Linken-Fraktionschefin Gabriele Ritter am Telefon. Es habe freundliche Reaktionen gegeben von Leuten, die das alles verstanden hätten. Es habe kritische Reaktionen gegeben. Auf die habe sie geantwortet. Und es habe böse Reaktionen gegeben. In einer dieser bösen Reaktionen schrieb der Autor, dass Gabriele Ritter sich einen Pistolenlauf in den Mund stecken solle.

Mit Dank an Peter U. für den Hinweis!

„Wir helfen“ – beim rechten Verwirrspiel

Anfang des Monats, am 5. September, feierten die „Bild“-Redaktionen ein Jubiläum: „Ein Jahr ‚Wir helfen'“. Was als Reaktion auf die positive Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den ankommenden Geflüchteten im Spätsommer 2015 begann und schnell zur „Bild“Werbekampagne mit prominenter Unterstützung aus Showbusiness, Politik und Fußballbundesliga wurde, fand nach einigen Monaten überhaupt nicht mehr statt. Die „Wir helfen“-Badges verschwanden aus den Twitter-Profilbildern der „Bild“-Mitarbeiter, der Ton in der Berichterstattung über Geflüchtete und Asylbewerber und Migranten wurde wieder rauer.

Heute kann man gut sehen, dass „Bild“ zu alten Mustern zurückgekehrt ist. Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe steht es riesengroß:

Der Artikel von Zahlenverdreher Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach basiert auf Daten der Bundesregierung, die damit auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion geantwortet hatte. Zusammengefasst sagt der Artikel: In Deutschland leben — Stand Ende Juni 2016 — 549.209 abgelehnte Asylbewerber. 406.065 davon sind seit mehr als sechs Jahren hier. Von den knapp 549.209 abgelehnten Asylbewerbern haben 46,6 Prozent ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Von diesen Zahlen unabhängig leben 168.212 Ausländer mit einer Duldung in Deutschland. Die Gründe dafür, dass sie nicht abgeschoben werden, sind sehr unterschiedlich: Manche haben keinen Pass (37.020), bei anderen ist die Situation im Heimatland zu unsicher (10.620), wieder andere können nicht ausreisen, weil hier gegen sie aktuell ein Strafverfahren läuft (440).

Schaut man sich die 60-seitige Antwort der Bundesregierung (PDF) mal genauer an, wird einem recht schnell klar, dass eine differenzierte Betrachtung der Zahlen zwingend nötig ist, um dem Thema gerecht zu werden. Denn hinter den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern stecken Hunderttausende persönliche Schicksale und Geschichten, die völlig unterschiedlich sind. Das schafft der „Bild“-Artikel in weiten Teilen nicht.

Ein Beispiel: Zu den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern zählt die Statistik auch 12.727 Polen. Die haben ihre Asylanträge natürlich nicht vor ein paar Monaten gestellt, sondern zu einer Zeit, in der Polen noch kein Mitglied der Europäischen Union war. Heute können diese 12.727 Menschen als EU-Bürger völlig legal hier leben. Ihr abgelehnter Asylantrag von damals hat heute keine Relevanz mehr, an eine Abschiebung ist nicht zu denken. Über diese Fälle verliert der „Bild“-Artikel kein Wort.

Ein anderes Beispiel: Ein großer Teil der 549.209 abgelehnten Asylbewerber lebt nicht nur seit „mehr als 6 Jahren“ in Deutschland, wie „Bild“ schreibt, sondern teilweise seit Jahrzehnten. Ihre Asylanträge stammen mitunter aus den 1980er-Jahren (4150). 170.166 von ihnen haben ihren Asylantrag noch im vergangenen Jahrtausend gestellt. Sie leben also schon über 16 Jahre in Deutschland. Auch darauf gehen die „Bild“-Autoren nicht detailliert ein.

Der „Bild“-Text erwähnt zwar die 46,6 Prozent abgelehnter Asylbewerber, die ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen. Was er aber nicht erwähnt: Daneben gibt es auch noch 34,8 Prozent mit einem befristeten Aufenthaltsrecht. Das heißt: 81,4 Prozent beziehungsweise 447.056 der 549.209 in Deutschland lebenden abgelehnten Asylbewerber haben ein Bleiberecht. Sie halten sich völlig legal in Deutschland auf und können rein rechtlich nicht abgeschoben werden. Unter den restlichen 102.153 abgelehnten Asylbewerbern (18,6 Prozent) gibt es einige mit einer Duldung, weil sie sich mitten in einer Ausbildung befinden oder krank sind oder einen Angehörigen pflegen und so weiter. Auch sie können aufgrund ihrer derzeitigen Situation nicht abgeschoben werden. Und so bleiben nicht mehr viele abgelehnte Asylbewerber übrig, die derzeit als „ausreisepflichtig“ gelten. In der Statistik der Bundesregierung ist von 52.870 „ausreisepflichtigen Personen ohne Duldung“ die Rede, allerdings müssen nicht alle von ihnen abgelehnte Asylbewerber sein. Trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl schreibt „Bild“ vom „Neuen Irrsinn bei der Abschiebung“.

Was an dem „Irrsinn“ so richtig „neu“ sein soll, ist ebenfalls nicht ganz klar. Die Linksfraktion stellt ihre Kleine Anfrage jedes Jahr aufs Neue an die Bundesregierung. Vergangenes Jahr — Stand Ende Juni 2015, also vor der großen Zuwanderung durch Geflüchtete — lebten 538.057 abgelehnte Asylbewerber in Deutschland (PDF). Das sind gerade mal 11.152 weniger als 2016.

Dass die Abschiebungen aus Deutschland in den vergangenen Jahren stetig angestiegen sind, erwähnen Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach nicht. 2012 waren es knapp 8000 Menschen, die abgeschoben wurden, 2013 knapp 10.000, 2014 knapp 11.000, 2015 knapp 21.000. „Bild“ nennt lediglich die Zahl aus diesem Jahr — ohne Vergleichswerte, dafür im Zusammenhang mit den abgelehnten Asylbewerbern:

Exakt 13 134 Ausländer haben die deutschten Behörden von Januar bis Ende Juli abgeschoben. Aber Hunderttausende abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin in Deutschland!

Die „Bild“-Titelgeschichte drehte heute eine ordentliche Runde in der deutschen Medienlandschaft. Eine ganze Reihe von Redaktionen griffen die Geschichte auf …


(faz.net)

(„Focus Online“)

(„RP Online“)

… wohl auch, weil die „dpa“ und andere Agenturen früh morgens eine Meldung dazu herausgaben. Inzwischen hat die „dpa“ zwei deutlich differenziertere Stücke veröffentlicht. Die meisten Redaktionen haben die erste kurze Meldung durch einen der längeren Texte ersetzt.

Und auch von Politikern und Polizeigewerkschaftern gab es Reaktionen. Zum Abschluss des „Bild“-Artikels durfte sich Redaktionsliebling Rainer Wendt, Chef der „Deutschen Polizeigewerkschaft“, äußern („Es gibt eine regelrechte Abschiebeverhinderungsindustrie. Das muss sich dringend ändern.“). Und auch CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich durfte was sagen („Wer zulässt, dass abgelehnte Asylbewerber dem Staat derart auf der Nase herumtanzen, zerstört das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates.“).

Im Büro der Linken-Politikerin Ulla Jelpke hat die „Bild“-Zeitung natürlich kein Statement für ihren Artikel eingeholt. Dabei ist die Bundestagsabgeordnete federführend bei der jährlichen Kleinen Anfrage der Linksfraktion, auf die sich „Bild“ stützt. Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach hätten Jelpke zum Beispiel hiermit zitieren können:

Seit Jahren ist aufgrund regelmäßiger Anfragen der Linksfraktion bekannt, wie viele Geflüchtete in Deutschland mit welchem Status leben. Dass auch viele abgelehnte Asylsuchende gute Gründe für einen Verbleib in Deutschland haben können und später eine befristete oder unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, ist deshalb nichts Neues. Zum Beispiel können humanitäre oder medizinische Abschiebungshindernisse vorliegen. Unter den Abgelehnten sind auch Geflüchtete aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder den Irak, die aus guten Gründen nicht abgeschoben werden. Nicht wenige Ablehnungen werden durch Verwaltungsgerichte aufgehoben. Das zu skandalisieren zeigt, wie verroht und vergiftet die Asyldebatte mittlerweile geführt wird.

Wie gefährlich der unsaubere Umgang mit Zahlen in der Flüchtlings-, Asyl- und Abschiebungsdebatte durch „Bild“ sein kann, zeigt die Reaktion der AfD. Bundesvorstandsmitglied Georg Pazderski schrieb mit Bezug auf den Artikel in einer Presseerklärung:

Mehr als eine halbe Million abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin unrechtmäßig in Deutschland, die große Mehrheit davon schon seit über sechs Jahren. Viele besitzen noch nicht einmal einen Pass.

Dass das „unrechtmäßig“ inhaltlich völlig falsch ist, dringt wohl kaum bis zu den johlenden AfD-Anhängern durch. „Wir helfen“, „Bild“? Ja, den Rechtspopulisten bei ihrem Verwirrspiel.

Im Innern der Zeitung titelt „Bild“ übrigens:

Noch einen „fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen“ dazu gedacht — und schon ist man gefährlich nah am Populismus eines Andreas Scheuer.

„Bild“ zeigt private Fotos von getöteten Menschen

Am vergangenen Sonntag entdeckte die Polizei in einer Bonner Wohnung zwei Leichen. Es handelte sich um eine 48-Jährige und ihren 11-jährigen Sohn. Der Lebensgefährten der Frau und Vater des Kindes, der anfangs nirgendwo zu finden war, wurde zum Verdächtigen.

„Bild“ und Bild.de berichteten am Dienstag bundesweit über den Fall und die Suche der Polizei:

In dem Artikel ist auch ein unverpixeltes Foto des Gesuchten zu sehen, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Sinn machte, weil er eben zur Fahndung ausgeschrieben war. Was viel problematischer ist: Die „Bild“-Medien zeigten auch ein privates Foto der getöteten Frau, ebenfalls ohne irgendeine Verpixelung:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Im Pressekodex des Deutschen Presserats heißt es in Richtlinie 8.2:

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Und als wäre das Zeigen der Frau nicht schon rücksichtslos genug, veröffentlichten „Bild“ und Bild.de auch noch ein privates Foto des 11-jährigen Jungen:

Noch einmal ein Blick in den Pressekodex, dieses Mal Richtlinie 8.3:

Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.

Außerdem schreiben die Redaktionen über eine schwere Krankheit des Jungen.

Der Verdächtige wurde inzwischen gefasst. Ein Passant erkannte ihn, wohl auch aufgrund der Berichterstattung in den Medien. Gestern dann der nächste große Bericht, dieses Mal in der Köln-Ausgabe der „Bild“-Zeitung; bei Bild.de gab es ebenfalls einen Artikel über die neuen Geschehnisse:

In einem ersten Verhör soll der Mann zugegeben haben, seiner früheren Freundin zwar 15.000 Euro gestohlen zu haben, er bestreitet allerdings, etwas mit ihrem Tod und dem seines Sohnes zu tun zu haben. Die Reporter von „Bild“ und Bild.de haben in der Zwischenzeit ein weiteres Foto der Frau und des Kindes aufgetrieben, das sie ihrer Leserschaft unbedingt präsentieren wollen:

Woher die „Bild“-Leute all die Fotos haben, verraten sie lieber nicht. In den Fotocredits heißt es wie immer in solchen Fällen: „Fotos: PRIVAT“. Das könnten sie endlich mal wörtlich nehmen.

Zum „Sex-Killer“ erklärt

Gerwald Claus-Brunner, der frühere Politiker der Piratenpartei, den Polizisten am Montag tot in seiner Berliner Wohnung gefunden haben, soll zuvor einen anderen Mann und dann sich selbst getötet haben.

Die heutige Titelseite der „Bild“-Zeitung:

Heute bei Bild.de:

Die „B.Z.“ titelt und schreibt:

Die Ermittler vermuten, dass das Opfer vor der Tat sexuell missbraucht wurde.

Und beim „Berliner Kurier“ heißt es:

Der Suizid des bekannten Politikers schockte Berlin. Entsetzlicher, was Ermittler jetzt herausfanden: Claus-Brunner tötete und missbrauchte vorher einen Mann (29), fuhr die Leiche sogar noch quer durch Berlin.

Wir haben bei der zuständigen Berliner Staatsanwaltschaft nachgefragt, ob es derzeit Hinweise dafür gibt, dass das Opfer, wie von den Medien behauptet, vor dem Tod missbraucht wurde. Ihr Sprecher Martin Steltner sagte uns, dass er die Berichterstattung nicht bestätigen könne: „Wir haben keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch.“

Mit Dank an Fabian S. und Sascha K. für die Hinweise!

Einen wichtigen Punkt vergessen

Fans, Spieler, Mitarbeiter des SV Werder Bremen müssen momentan aber auch wirklich einiges einstecken. Aus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten, in der Bundesliga ohne Punkt aus drei Spielen und ein Torverhältnis von 2:12. Die Bremer sind Letzter, ihren bisherigen Trainer Viktor Skripnik haben sie am Sonntag rausgeworfen. Und gestern machte sie die „Bild“-Zeitung auf der Titelseite auch noch zum „VERLIERER“ des Tages:

Andere Medien berichten ebenfalls vom Klettern der Dortmunder in der ewigen Bundesliga-Tabelle — und damit automatisch auch vom Abstieg des SV Werder Bremen. „Focus Online“ zum Beispiel:

Oder abendzeitung-muenchen.de:

Oder ovb-online.de:

Oder „Sky“:

Oder echo24.de:

Der Ursprung der meisten dieser Schlagzeilen ist eine Meldung der Sport-Nachrichtenagentur „sid“. Und auch Borussia Dortmund selbst verkündet stolz:

Macht man sich die Mühe, die Zahlen mal etwas genauer zu betrachten, und schreibt nicht einfach ab, kommt man ins Grübeln: Warum sollte der SV Werder Bremen mit seinen 748 Siegen und 440 Unentschieden aus insgesamt 1767 Spielen hinter den Dortmundern stehen, die in ihrer Bundesligahistorie weniger Siege (730) und weniger Unentschieden (427) als die Bremer geholt haben (allerdings haben sie auch 102 Spiele weniger als Werder Bremen absolviert; Stand: vor dem aktuell laufenden Bundesligaspieltag)?

Der Haken an der Sache ist der Unterschied zwischen Zwei- und Drei-Punkte-Regel. Früher bekamen Mannschaften für einen Sieg zwei Punkte und für ein Unentschieden keinen einen Punkt. Ab der Saison 1995/96, als die Drei-Punkte-Regel eingeführt wurde, gab es drei Punkte für einen Sieg und einen Punkt für ein Unentschieden.

Die ewige Bundesligatabelle, die Borussia Dortmund seit dem vergangenen Wochenende auf Platz zwei sieht, wirft diese beiden Regeln durcheinander. Teams, die erst seit der Regelumstellung richtig erfolgreich sind, werden bevorzugt. Werder Bremen, mit vielen Siegen auch schon während der Zeit der Zwei-Punkte-Regel, wird benachteiligt.

Wie bedeutend der Unterschied zwischen Zwei- und Drei-Punkte-Regel im Einzelfall sein kann, zeigen verschiedene Rechenbeispiele: Bayer Leverkusen ist in der Saison 1999/2000 Zweiter hinter Bayern München geworden. Hätte damals noch die Zwei-Punkte-Regel gezählt, wäre Leverkusen Meister geworden. Gleiches gilt für den FC Schalke in der Saison 2000/01. Der 1. FC Nürnberg wäre in der Saison 1998/99 nicht abgestiegen. Und der HSV hätte in den vergangenen Jahren mehrfach als Absteiger festgestanden.

Es gibt übrigens einige Seiten, die die Siege, Unentschieden und Niederlagen von früher aufs Drei-Punkte-System umgerechnet haben (merkwürdigerweise gehört die offizielle Bundesliga-Website, auf die sich auch Borussia Dortmund im Tweet bezieht, nicht dazu). Und dort steht der SV Werder Bremen nach wie vor auf Platz zwei. Bleibt den Fans, Spielern und Mitarbeitern immerhin dieser Trost.

Mit Dank an Lennart für den Hinweis!

Nachtrag, 15:35 Uhr: Auf der Vereinswebsite stellt Borussia Dortmund ebenfalls klar, dass es verschiedene Versionen der ewigen Bundesliga-Tabelle gibt und dass der Klub dort auf unterschiedlichen Plätzen zu finden ist:

In der von der DFL offiziell geführten „Ewigen Tabelle“ ist Borussia Dortmund mit 2236 Punkten aus 1665 Spielen Zweiter vor Werder Bremen (2235 aus 1767). Diese Tabelle berücksichtigt die seit 1963 tatsächlich vergebenen Punkte. Bis 1995 gab es für einen Sieg zwei Zähler. In der Tabelle des kicker Sportmagazins sind alle Spiele auf die Drei-Punkte-Regel umgelegt. Hier ist der BVB Vierter hinter Bayern München, Werder Bremen und dem Hamburger SV.

Mit Dank an Julian H. für den Hinweis!

Des Kaisers neuer Name

Ach, ist das alles traurig. Sie waren gerade dabei, ihre alte Beziehung zu restaurieren, Franz Beckenbauer und die „Bild“-Zeitung. Beckenbauer plauderte wieder in „Bild“ über Fußball. Und „Bild“ nannte Beckenbauer wieder „Kaiser“. Hier und da schrieb die Redaktion sogar schon wieder von „Franz“. Vergessen schien der Ärger um den Skandal zur Fußball-WM 2006 in Deutschland — so eine popelige Sommermärchen-Affäre kann doch keinen Männerbund zerstören. Und dann kommen gestern plötzlich „Spiegel“ und „Spiegel Online“ und machen alles wieder kaputt.

5,5 Millionen Euro soll Franz Beckenbauer als Chef des WM-Organisationskomitees kassiert haben. Dabei hatte er stets beteuert, ehrenamtlich gearbeitet zu haben. Außerdem, so scheint es, hatte er jahrelang kein großes Interesse, dieses Honorar zu versteuern.

„Bild“ und Bild.de kommen nicht umhin, darüber zu berichten. Und nennen ihren Freund „Franz“ seit gestern wieder nur distanziert „Beckenbauer“:




Dabei war in den letzten Wochen und Monaten alles wieder so schmusig:

(26. August)

(18. Juli)

„Bild“ ernannte Franz Beckenbauer — also den Mann, der im Skandal um die WM 2006 nicht gerade durch ein großes Maß an Aufklärung auffiel — sogar zum „Klartext-Kaiser“:

(11. Juli)

Natürlich gab es, wie bei jedem guten Liebescomeback, auch bei Beckenbauer und „Bild“ zwischendurch kleine Rückschläge. Zum Beispiel als Anfang dieses Monats bekannt wurde, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft auch gegen Franz Beckenbauer ermittelt:

(1. September)

(1. September)

(1. September)

Aber eigentlich war alles wieder in Butter. Vor allem während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich, als „Le Kaiser“ für „Bild“ und Bild.de das Geschehen bei der EM kommentierte, fanden sie wieder zusammen:


(27. Juni)

(13. Juni)

Da wurde es zwischenzeitlich sogar wieder richtig privat:

(23. Juni)

Wir wünschen den beiden auf ihrem weiteren Weg alles Gute — also „Bild“ und Franz Beckenbauer.

Nachtrag, 15. September: Ein Zeitpunkt, den wir in der Auflistung oben ganz vergessen haben, darf in einer „Bild“-Beckenbauer-Chronik nicht fehlen: Als Franz Beckenbauer vor zweieinhalb Wochen das neue Projekt „Fußball-Bild“ getestet hat und ganz begeistert war.

Mit Dank an Bas Tian für den Hinweis!

Auch mal die andere Seite zeigen

Wenn bei schlimmen Unfällen auf öffentlichen Straßen Feuerwehrleute und Sanitäter anrücken, haben sie in der Regel auch eine oder mehrere Decken dabei. Die halten sie dann als Sichtschutz vor die Verletzten, damit vorbeifahrende Gaffer nicht gaffen und allzu sensationsgeile Fotografen nicht fotografieren können.

Am vergangenen Samstag gab es so einen Unfall in Ruhpolding. Mehrere Kinder wurden beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren und dabei teilweise sehr schwer verletzt. Die Feuerwehr und die Sanitäter rückten also an, packten auch eine Decke aus und hielten sie vor die Verletzten, während diese vor Ort behandelt wurden.

Und was macht ein Fotograf, der keine Rücksicht auf irgendwas kennt, in so einer Situation? Geht einfach auf die andere Seite der Decke und macht vorn dort aus seine Aufnahmen. Einige Medien haben diese Fotos dann auch noch gebracht.

Bild.de zum Beispiel:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Oder „Bild“:

BR.de:

abendzeitung-muenchen.de:

chiemgau24.de:

pnp.de:

Unser Leser Götz Marx hat eine Idee, was beim Anblick der Decke wohl im Kopf des Fotografen vorgegangen sein muss: „Der BILD-Fotograf dachte wohl, die Feuerwehrleute halten die Decke bei den Opfern nur deswegen hoch, damit er nicht gegen die Sonne fotografieren muss!“

Mit Dank an Götz M. für den Hinweis!

Nachtrag, 13. September: Die Redaktion von BR.de hat das Foto inzwischen aus der Galerie entfernt.

Lach- und Unsachgeschichten

Im fernen Paralleluniversum der Regenbogenpresse gibt es eine billige Methode, die die Redaktionen gerne anwenden und die für geschätzte 50 Prozent ihrer Fantasieberichte die Grundlage bildet — der Richtige-Moment-Trick. Geht ganz einfach und ist irre effektiv: Man setzt einen Paparazzo bei einer öffentlichen Veranstaltung auf einen Prominenten an und lässt ihn solange die Linse auf den Schauspieler/Prinzen/Sportler/Wasauchimmer halten, bis diese Person mal so guckt, wie man sie in einem Artikel darstellen will: dusselig oder grimmig oder betrunken oder wieauchimmer. Und schon hat man eine neue Titelgeschichte.

Boris Becker guckt auf der Tribüne eines Tennisturniers seine Ehefrau Lilly ernst an? Ehekrise! Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat bei einem Empfang ein Glas Sekt in der Hand, und ihre Augenlider hängen auf Halbmast, weil sie gerade blinzelt? Alkoholabsturz! Nach diesem Schema lassen sich zig Storys in die Richtung biegen, die einem gerade am besten passt.

„Bild“ und Bild.de erzählen dieser Tage auffallend gern die Geschichten der respektlosen Angeklagten, die vor Gericht lächeln, lachen, grinsen, obwohl ihnen schlimme Dinge vorgeworfen werden.

Zum Beispiel Bill Cosby. Gegen den früheren Entertainer gibt es mehrere Missbrauchsvorwürfe. Vorgestern wurde festgelegt, dass der Prozess zu einem dieser Vorwürfe im Juni 2017 starten soll. Zur Anhörung am Dienstag erschien Bill Cosby persönlich. Er stieg aus dem Auto, lachte, wurde dabei fotografiert. Schon hatte Bild.de gestern eine Schlagzeile:

Zum Beispiel Sven Lau. Der Salafistenprediger steht in Düsseldorf vor Gericht. Ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Zum Prozessauftakt am Dienstag machten Fotografen reichlich Fotos, auf einigen grinst Lau beim Betreten des Gerichtssaals — für Bild.de das Ereignis, das in die Überschrift musste:

Zum Beispiel Otto L. Der heute 43-Jährige ist vergangenes Jahr mit der damals 15-jährigen „Tochter seiner Ex“ durchgebrannt. In einem ersten Urteil wurde er wegen Entziehung Minderjähriger verurteilt. Dagegen ging er vor und wurde am Montag freigesprochen. Über das Urteil schien er sich zu freuen. Jedenfalls titelte die Saaraland-Redaktion der „Bild“-Zeitung:

Zum Beispiel Norbert K. Er hatte mit einem Komplizen ein 17-jähriges Mädchen entführt und erfolglos 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Das Mädchen wurde erdrosselt und erstickt. Norbert K. wurde am Montag wegen Mordes durch Unterlassung und erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Haupttäter bekam lebenslang (die Urteile sind noch nicht rechtskräftig). Bei der Verhandlung am Montag unterhielt sich Norbert K. mit seinem Anwalt und lachte dabei auch. Bild.de:

Der Artikel steigt so ein:

Das Lachen der hübschen Anneli († 17) wird nie wieder real sein. Es wurde ausgelöscht, von ihren Entführern. Ausgerechnet einer dieser Männer wagt es, im Mordprozess ausgelassen zu lachen!

Genau diese unsachliche Empörung über kleine Momentaufnahmen treibt all die „Bild“-Grinse-Geschichten aus den vergangenen vier Tagen: „Was fällt euch Typen eigentlich ein, auch noch zu lachen?“ Es ist dabei egal — und auch gar nicht bekannt –, worüber die Personen lachen. „Bild“ und Bild.de lassen die Situationen dennoch wie eine Verhöhnung der Opfer wirken.

Bei Anruf Witwenschütteln

Am vergangenen Sonntag stürzte ein Kletterer in den Südtiroler Alpen ab und starb noch vor Ort. Der Mann lebte zwar schon seit mehreren Jahren in Österreich, er war aber gebürtiger Kölner. Und so griff die Köln-Redaktion der „Bild“-Zeitung die Geschichte am Montag auf:

Es war nur eine kleine Meldung, 15 Zeilen lang, beschränkt auf die wichtigsten Fakten. Für „Bild“-Verhältnisse also ein ausgesprochen ordentlicher Umgang mit einer so traurigen Nachricht, und wir wunderten uns schon, warum das Blatt nicht — wie sonst — Fotos des Verstorbenen zeigt oder Angehörige und Bekannte belästigt hat, um an Zitate zu kommen, oder sonst irgendwie Privatsphären missachtet hat.

Was wir nicht wussten: Während wir noch rätselten, liefen in der „Bild“-Redaktion in Köln schon die üblichen Post-mortem-Recherchen. Und so konnten „Bild“ und Bild.de (kostenpflichtig als „Bild-plus“-Artikel) gestern eine deutlich opulentere Aufmachung der Geschichte präsentieren:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Schon der erste Absatz gibt die Sensationsgier vor:

Er liebte die Berge, das Klettern, die Höhe. Doch sein Hobby wurde für ihn nun zur Todesfalle!

Und auch sonst haben die „Bild“-Mitarbeiter mal wieder unter Beweis gestellt, was sie alles Schreckliches so können. Da wäre zum Beispiel das Foto von Christian V., das „Bild“ und Bild.de groß und unverpixelt zeigen. Es stammt von der Homepage der Praxis, in der der Mann gearbeitet hat. Die „Bild“-Medien haben einfach seine Arbeitskollegen weggeschnitten und das Foto veröffentlicht.

Oder der Anruf in der Praxis:

Einen Tag danach erreicht BILD eine Arbeitskollegin von Christian V. […]. Sie erzählt unter Tränen: „Wir sind alle so geschockt. Christian war ein begeisterter Kletterer, viel in den Bergen unterwegs. Das ist alles so schlimm.“

Witwenschütteln am Telefon. Was denkt man sich als „Bild“-Reporter wohl nach diesem Gespräch? „Geil, die weint! Das nehm‘ ich.“?

Als er in den Südtiroler Alpen abstürzte, war Christian V. übrigens mit seiner Frau und einer Freundin unterwegs. „Bild“ schreibt:

Christians Ehefrau, die den Absturz wohl direkt miterlebte, wird nun psychologisch betreut.

Wenn man das weiß und dennoch eine solche Geschichte druckt, hält man sein eigenes Verhalten womöglich auch noch für völlig normal.

Nachtrag, 14:50 Uhr: Inzwischen haben wir die Praxis erreicht, in der Christian V. gearbeitet hat. Wir wollten wissen, ob dort jemand der „Bild“-Zeitung erlaubt hat, das Foto zu nutzen. Antwort: „Nein.“ Es habe nicht mal eine Anfrage gegeben.

Nur zur Erinnerung: Die Identität eines Opfers sei „besonders zu schützen“, sagt der Pressekodex. Für das Verständnis eines Unglücks sei „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich.“ Zwar könne das Foto eines Opfers „veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Aber das dürfte in diesem Fall eben nicht so gewesen sein.

Neben diesen presseethischen Grundsätzen dürfte „Bild“ mit der Veröffentlichung des Fotos auch das Urheberrecht des Fotografen missachtet haben. Als Quelle nennt die Redaktion lediglich das notorische „PRIVAT“.

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