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„Ihr Gaffer seid echt das Letzte!“ Aber eure Fotos nimmt „Bild“ gern

Die „Bild“-Medien haben ja auch mal Recht. Zum Beispiel, wenn es um Gaffer und Schaulustige bei Unfällen geht. Bei diesem Thema platzt „Bild“-Chefreporter Peter Tiede nämlich schon mal der Kragen:

Und zwar in diesem Artikel:

Ende April schrieb Tiede seinen Gaffer-Kommentar und fand darin ziemlich deutliche Worte, Großbuchstaben und Ausrufezeichen für die „verhaltensgestörte Stau-Pegida“ sowie die „Schwarm-Verblödung und Gruppen-Verrohung auf unseren Autobahnen“:

Das macht mich rasend: Wieder sind Retter und Helfer auf dem Weg zu einem schweren Autobahn-Unfall blockiert und bei ihrer Arbeit auch noch beschimpft worden!

JA, SCHON WIEDER! Asphalt-Pöbel! Fremdleid-Gaffer! Rettungsgassen-Penner!

In den Tagen nach Tiedes geplatztem Kragen erschien bei Bild.de gehäufte Gaffer-Kritik. Am 3. Mai veröffentlichte das Portal beispielsweise „Die Gaffer-Galerie von der A4“ und zeigte dort (verpixelte) Bilder von LKW- und Autofahrern, die mit ihren Handys eine Unfallstelle filmten oder fotografierten:

Drei Verletzte nach einem Crash auf der A4. Ein Transporter ist umgekippt, die Bergung schwierig. Doch statt zügig an der Unfallstelle vorbei zu rollen, halten viele Kraftfahrer skrupellos mit der Handykamera drauf.

Am 18. Mai titelte Bild.de zu einem Unfall auf der A1: „SCHON WIEDER! Gaffer behindern Unfall-Retter“.

Problem bei der Rettung: Die anderen Autos ließen die Retter nicht durch! Christian Bahrs von der Feuerwehr Harpstedt: „Die Rettungsgasse hat wenig bis gar nicht funktioniert. Und auf der Gegenspur hat ein LKW-Fahrer auf dem Standstreifen angehalten und Fotos gemacht, statt zu helfen.“

Nur zwei Tage später der nächste Bild.de-Text: „Gaffer stören Retter nach Massen-Crash!“

Die Rettungsgasse fehlte auf langen Abschnitten, Gaffer stiegen aus ihren Autos und liefend (sic) fotografierend und filmend über die Autobahn! Die Polizei musste eingreifen, sprach Mahnungen aus.

Und so gibt es immer mal wieder die völlig berechtigte Gaffer-Schelte in den „Bild“-Medien. Erst gestern am späten Abend erneut bei Bild.de:

Dutzende Gaffer versammelten sich indes um den Unfallort. Ein junger Mann hielt mit dem Handy drauf.

Heute berichtet das „Bild“-Onlineportal über einen Unfall auf der A9 in Bayern, bei dem nach aktuellem Stand 18 Menschen ums Leben kamen. Dafür benutzt es auch dieses Foto als Aufmacher-Optik:

Als Quelle ist lediglich „privat“ angegeben. Die Person, die das Foto geschossen hat, muss sich auf der gegenüberliegenden Autobahnspur befunden haben. Und sie hat es ganz offensichtlich aus einem Fahrzeug heraus gemacht — oben rechts kann man in der Spiegelung der Fensterscheibe das Armaturenbrett und das Lenkrad erkennen. Es sieht stark nach einer Gaffer-Aufnahme aus.

Gaffer sind „echt das Letzte“, findet „Bild“. Außer sie liefern der Redaktion dramatische Fotos.

Mit Dank an Coroline S., Manni, Harald C.-H., Frank L. und Frederik für die Hinweise!

Nachtrag, 4. Juli: Inzwischen haben es noch mehr Aufnahmen, die von Autofahrern stammen, die gestern an der Unfallstelle auf der A9 vorbeigekommen sind und ihr Mobiltelefon gezückt haben, zu Bild.de geschafft.

Dieses Foto — auch hier nur die Quellenangabe „privat“ — zum Beispiel:

Die Redaktion hat außerdem ein Handyvideo veröffentlicht, auf dem der brennende Bus zu sehen ist:

Bei „RTL aktuell“ lief gestern das gleiche Video, während später im selben Beitrag die problematischen Gaffer thematisiert wurden:

Die „Bild“-Zeitung hat eine Gaffer-Aufnahme — vermutlich ein Standbild aus dem oben bereits erwähnten Handyvideo — sogar auf die heutige Titelseite gepackt …

… und auf Seite 2 gleich eine ganze Gaffer-Foto-Collage veröffentlicht:

Mit Dank an Christian M., Stefan K., @kaeptn99 und @KiCKLOCHONE für die Hinweise!

B.Z., Bild  

„Bild“ und „B.Z.“ legen Grünen-Politikerin falsches Zitat in den Mund

Rummms!

Mit dieser Haudrauf-Interjektion zeigt die „Bild“-Zeitung in der Regel, dass irgendjemand irgendetwas Knalliges/Heftiges/Stammtischiges gesagt hat. Und sie freut sich in der Regel dann, weil sie dadurch eine Debatte anheizen kann.

Gestern gab es in der Berliner Regionalausgabe mal wieder einen „Bild“-„Rummms!“, in einem Vorabbericht zur inzwischen durchgeführten Zwangsräumung des linken Kiezladens Friedel54 im Neuköllner Reuterkiez:

In BILD spricht jetzt Grünen-Politikerin Katrin Schmidberger (34) Klartext: Sie wohnt in diesem Kiez, befürchtet gewalttätige Ausschreitungen.

Schmidberger sagt: „Ich will nicht, dass Rigaer-Straße-Wixxer in meinen Kiez kommen und alles zerdeppern. Das ist unser Kiez. Schreiben Sie Wixxer mit zwei x.“

Und weiter: „Spaß haben, sich auf den Gipfel in Hamburg eingrooven, das können sie meinetwegen auf dem Tempelhofer Feld. Da haben sie genug Platz zum Steineschmeißen.“

Rummms!

Das Problem dabei: Katrin Schmidberger hat weder das eine noch das andere gesagt. Sie hat überhaupt nicht mit „Bild“-Autor Olaf Wedekind gesprochen. Und sie wohnt auch nicht „in diesem Kiez“. Es ist alles völlig falsch.

Doch der Reihe nach.

Gestern veröffentlichte die Berliner „Bild“-Redaktion einen großen Artikel über eventuelle Ausschreitungen während der Friedel54-Räumung:

Das Aufmacher-Foto zeigt Katrin Schmidberger, Sprecherin für Wohnen und Mieten der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie setzt sich schon lange für bezahlbaren Wohnraum und gegen die Verdrängung aus den Kiezen ein. Dass ausgerechnet sie, wie von „Bild“ durch die Sprechblase illustriert, die Aktivisten in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain als „Wixxer und Steinewerfer“ bezeichnet, wäre eine große Überraschung. Genau das richtige „Rummms!“-Potential, nach dem „Bild“ stets sucht.

Die Redaktion warb mit dieser Geschichte auch auf Aufstellern, die vor Kiosken in der ganzen Stadt stehen — unter anderem vor einem Laden in der Rigaer Straße, wo die „‚Rigaer-Straße-Wixxer'“ vorbeikommen.

„Bild“-Rechercheur Peter Rossberg erklärte den Artikel am Abend vor dessen Erscheinen bei Twitter zu seiner „Lieblingsgeschichte morgen“:


(Den Tweet hat Rossberg inzwischen gelöscht.)

Die „B.Z.“ brachte ebenfalls einen Text von Olaf Wedekind zum Thema, zwar etwas kürzer, aber genauso falsch:

Die Zitate in „Bild“ und „B.Z.“ stammen nicht von Katrin Schmidberger, sondern von ihrer Fraktionskollegin Anja Kofbinger. Die hat, anders als Schmidberger, auch tatsächlich ihr Wahlkreisbüro im Reuterkiez. Die Verwechslung der beiden Politikerinnen durch „Bild“ und „B.Z.“ dürfte nach Angaben der Grünen in etwa so zustande gekommen sein: Nach einem Anruf der Redaktion bei den Grünen in Neukölln, hat Anja Kofbinger zurückgerufen. Ein Kollege von Olaf Wedekind leitete den Anruf an diesen weiter, womöglich mit der Ansage, dass Katrin Schmidberger am Apparat sei. Wedekind hat dann mit der Frau am anderen Ende der Leitung telefoniert, ohne wirklich zu wissen, mit wem er da spricht. Anja Kofbinger soll allerdings mehrfach gesagt haben, dass sie Anja Kofbinger ist.

Katrin Schmidberger veröffentlichte gestern auf ihrer Website eine „Richtigstellung zu angeblichen Zitaten in der Bild/B.Z.“ und schrieb bei Facebook, dass sie mit niemandem aus dem Springer-Verlag gesprochen habe.

„Bild“ hat heute eine „Richtigstellung“ veröffentlicht:

Sie finden sie nicht auf Anhieb? Sie steckt dort rechts, eingeklemmt zwischen „Bier-Botschafter“ und „U-Bahn-Strecken“:

Und auch in der „B.Z.“ gibt es eine „Berichtigung“:

Bild  

„Vergewaltigt im Ehebett – Ehepflicht oder Verbrechen?“

Zum 65. Geburtstag von „Bild“ und zur dazugehörigen Gratis-Ausgabe für alle Haushalte in Deutschland durfte auch Julian Reichelt etwas sagen. In einer Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlags wird der „Bild“-Oberchef folgendermaßen zitiert:

„Diese BILD Sonderausgabe für alle deutschen Haushalte ist unser Bekenntnis, dass wir an eine noch bessere Zukunft für Deutschland und den Journalismus glauben. Denn BILD ist Teil dieses modernen und weltoffenen Landes, das BILD seit 65 Jahren begleitet.“

„Bild“ als „Teil dieses modernen und weltoffenen Landes“, und das seit 65 Jahren.

Wie „modern und weltoffen“ die „Bild“-Medien heute sind, kann jeder selbst nachschauen — am Kiosk, bei Bild.de oder auch hier im BILDblog. Aber wie sah das zum Beispiel in den 70ern oder 80ern aus?

Ein Blick in „Günter Wallraffs BILDerbuch“ lohnt sich immer und erst recht nach solchen Aussagen wie der von Julian Reichelt. 1985 hat Wallraff diese selbst zusammengestellte Auswahl von „Bild“-Schlagzeilen der vorangegangenen 15 Jahre veröffentlicht. Das Buch zeigt in konzentrierter Form, was für ein chauvinistischer Haufen die „Bild“-Redaktion damals gewesen sein muss, ein Paradegegenbeispiel für „modern und weltoffen“.

Zum Beispiel, wenn es um Frauen ging. Da wurden reichlich Klischees bedient …

Frauen fahren doch schlechter
(Dezember 1983)
Billig, billig! Frauen im Kauf-Rausch!
(Juli 1975)

… Professoren durften wilde Thesen aufstellen …

Deutscher Professor: Frauen leisten ein Drittel weniger als Männer
(März 1980)

… und es wurde offen die Frage gestellt, ob Opfer von Grabschattacken nicht vielleicht doch „selber schuld“ seien:

Busengrabscher: Sind viele Frauen selber schuld?
(April 1984)

Apropos sexualisierte Gewalt: Anstatt Vergewaltigungen in der Ehe aufs Schärfste zu kritisieren, stieß „Bild“ damals lieber eine Debatte an, ob so eine Vergewaltigung durch den eigenen Ehemann nicht doch ganz in Ordnung ist und zur „Ehepflicht“ einer Frau gehört:

Immer mehr deutsche Frauen klagen - Vergewaltigt im Ehebett - Ehepflicht oder Verbrechen?
(Juni 1979)

Oder anders gefragt:

Darf ein Mann seine eigene Frau vergewaltigen?
(Dezember 1978)

Um auf eine solche Frage überhaupt zu kommen, muss in einer Redaktion schon einiges schieflaufen. In „Bild“ durften sich die vergewaltigenden Männer dann auch noch rechtfertigen:

Deutsche Männer: Warum wir unsere Frauen vergewaltigen
(März 1980)

In den Schlagzeilen über Gastarbeiter aus der Türkei zeigte „Bild“ ebenfalls, dass das Blatt alles andere als „modern und weltoffen“ ist. Die „Bild“-Mitarbeiter warnten ihre Leserinnen und Leser vor den Türken …

Koffer, Kisten, Kühlschrank - Vorsicht, die Türken kommen
(Juli 1978)
Noch eine Million Türken wollen zu uns kommen!
(August 1976)

… machten aus ihnen katzenfressende Sonderlinge …

In Mannheim sind 180 Katzen spurlos verschwunden - Ein Türke rief an: Großen Hunger, ich fressen Kater
(August 1978)

… und das Allgemeinwohl bedrohende Amokfahrer:

Gastarbeiter am Steuer: Trümmer und Tote - Sie kaufen alte Autos - Führerscheine vom Schwarzen Markt - Viele können nicht lesen
(Juli 1973)

Julian Reichelt sagt gerne mal, dass Leute, die „Bild“ heute kritisieren, ihr Weltbild seit 30, 40 Jahren nicht mehr aktualisiert hätten. Er selbst scheint bei seiner Weltbildaktualisierung die vergangenen 30,40 „Bild“-Jahre einfach vergessen zu haben.

Alles hat eine Moral, nur die Wurst hat zwei

In deutschen Supermärkten herrscht der Irrsinn, der „PREIS-IRRSINN“:

Preis-Irrsinn im Supermarkt - Fleisch billiger als Obst!

„Schweineschnitzel zum halben Preis, das Kilo für 4,49 Euro“, „Rinderbraten für 5,55 Euro“, „2,99 Euro das Pfund“ Putenschnitzel — Bild.de hat völlig Recht, dass man mal darüber nachdenken sollte, ob das alles noch ganz richtig ist, für die Tiere, für die Bauern, für die Verbraucher:

Fleisch zieht, vor allem billiges Fleisch. Darauf setzen die Werber — allen Debatten über Gesundheit und Tierschutz zum Trotz.

Eine Lebensmittel-Expertin vom „Bundesverband der Verbraucherzentralen“ erklärt im Bild.de-Artikel von gestern: Die fleischigen Lockvogel-Angebote aus den Supermarkt-Prospekten würden künstlich billig gemacht und quersubventioniert:

„Wenn sie damit eine fünfköpfige Familie in den Laden bekommen, die für 150 Euro ihren Wocheneinkauf macht, dann rechnet sich das.“

Also, zusammengefasst: Es gibt Bedenken, ob die Billig-Fleisch-Angebote verantwortungsvoll sind. Und sie sollen die Leute in die Supermärkte und Discounter locken, damit die dort noch mehr Kohle lassen.

Die „Bild“-Zeitung feiert diese Woche ja groß ihr Jubiläum: 65 Jahre „Bild“. Gestern bekam ganz Deutschland als Geschenk ungefragt die Gratis-„Bild“ in den Briefkasten gesteckt. In der heutigen Ausgabe gibt es für alle Leserinnen und Leser den „Geburtstags-Kracher von LIDL & BILD“: mit einem Coupon, den man ausschneiden muss, bekommt man — damit sich jeder auch mal wieder das teure Obst leisten kann — bei „Lidl“ ein halbes Kilo Erdbeeren, eine Mango und einen Ananas-Kokos-Banane-Smoothie, alles zusammen für 1,99 Euro.

Ach nee, das Angebot sieht doch etwas anders aus:

Zum Geburtstag geben BILD und LIDL einen Aus - Grill-Knaller-Paket - Sechs Würstchen, ein Ciabatta und ein Bier für 1,99 Euro!
(„einen ausgeben“ für „1,99 Euro“ — sowas schafft auch nur „Bild“)

Sechs Rostbratwürstchen, dazu eine Büchse Bier und ein Brot für 1,99 Euro. Sechs Rostbratwürstchen sind 540 Gramm Fleisch. Zu diesem „PREIS-IRRSINN“ können wir nur noch einmal Bild.de zitieren:

Fleisch zieht, vor allem billiges Fleisch. Darauf setzen die Werber — allen Debatten über Gesundheit und Tierschutz zum Trotz.

Gratis-„Titanic“ gegen Gratis-„Bild“ reloaded

Morgen könnte, wir berichteten bereits gestern darüber, in Ihrem Briefkasten eine Gratis-„Bild“ stecken. Bisher hatten sie dann vier Möglichkeiten bei Ihrem weiteren Vorgehen:

  • alles völlig egal finden
  • den Briefkasten nie wieder leeren
  • genüsslich die „Bild“-Zeitung lesen

Dank der Partei „Die PARTEI“ gibt es seit heute aber noch eine fünfte Möglichkeit: Sie können Ihre Gratis-„Bild“ gegen eine Gratis-„Titanic“ tauschen. Zumindest, wenn Sie morgen zwischen 13 und 18 Uhr in Hannover sind (weitere Orte siehe „Nachtrag“ weiter unten).

In einer Pressemitteilung von heute unterbreitet „Die PARTEI Hannover“ folgenden Vorschlag, was Sie morgen mit Ihrem Gratis-„Bild“-Exemplar anfangen könnten:

Der Axel-Springer-Verlag wird am morgigen Donnerstag, den 22.06.2017, erneut an alle Haushalte in der BRD ungefragt eine Bildzeitung zustellen. Doch was tun mit einem Geschenk, das doch eigentlich keiner will? (…)

Eine wünschenswerte Heizstoffspende nach Syrien oder Irak kommt aus logistischen Gründen nicht in Frage, so dass sich Die PARTEI Hannover mit Hilfe ihres exklusiven Sponsors, dem Titanic-Magazin, eine praktikable Lösung des Papierproblems erdacht hat und der Bevölkerung folgendes großzügige Angebot unterbreitet:

Die PARTEI Hannover wird am morgigen Donnerstag, den 22.06.2017 (direkt am Kröpcke, zwischen 13.00 – 18.00h) jede* (in Versalien: JEDE*) „Gratisbild“ gegen eine Ausgabe des Faktenmagazins der Marke „TITANIC“ umtauschen. Ohne Wenn und Aber!*

* Solange der Vorrat reicht! Danach werden bereits eingenommene Gratis-BILD-Zeitungen gegen Gratis-BILD-Zeitungen getauscht. Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen, max. 3 pro Person!

Also, an alle Hannoveranerinnen und Hannoveraner: Morgen tagsüber ab zum Kröpcke und sich endlich mal ein ordentliches journalistisches Produkt sichern.

Und ja: Dieses Angebot ist ernst gemeint, wie uns auf Nachfrage bestätigt wurde. Vor knapp drei Jahren gab es schon einmal eine große, erfolgreiche „Bild“-gegen-„Titanic“-Tauschaktion.

Nachtrag: An folgenden Orten können Sie am Donnerstag, 22. Juni, ebenfalls die Gratis-„Bild“ gegen eine Gartis-„Titanic“ eintauschen:

  • Göttingen: 13:15 bis 16:45 Uhr, Reinhäuser Landstr. 4, Raum 232 P² Fraktion
Bild  

„Bild“ in die Tonne reloaded

Achtung, Achtung! Wichtige Durchsage: Übermorgen, am Donnerstag, 22. Juni, wird der Axel-Springer-Verlag wieder jeden Haushalt in Deutschland ungefragt mit einer „Bild“-Zeitung behelligen. Vermutlich will die Redaktion so sich und den 65. „Bild“-Geburtstag feiern. Und ordentlich Kohle machen: Der Preis für eine ganzseitige Anzeige dürfte, wie schon bei vergangenen „Bild für alle“-Aktionen, bei rund vier Millionen Euro liegen.

Wir haben blöderweise auch erst Ende vergangener Woche von der neuerlichen Belästigung im Briefkasten erfahren. Andernfalls hätten wir früher hier davon berichtet — dann hätten Sie noch rechtzeitig Einspruch gegen die unliebsame „Bild“-Zustellung einlegen können. Dafür ist es jetzt leider zu spät.

Lassen Sie uns also das Beste draus machen und gemeinsam „Bild“ ganz herzlich zum 65. gratulieren: Wie schon vor zwei Jahren soll #BILDindieTonne!

Und das geht so: Zerknüllen Sie am Donnerstag Ihre ungelesene Gratis-„Bild“ und werfen Sie sie direkt in den nächsten Mülleimer. Machen Sie ein Foto davon und posten Sie es bei Facebook (entweder hier oder bei dieser Facebook-Veranstaltung), bei Twitter (mit dem Hashtag #BILDindieTonne) oder bei Instagram (ebenfalls mit dem Hashtag #BILDindieTonne).

Hier noch einmal das Wichtigste zusammengefasst:

Ach, und noch ein Vorschlag von uns: Beschränken Sie sich wirklich nur aufs Zerknüllen der „Bild“-Zeitung. Das kollektive Verbrennen des Blatts kann schnell etwas von der Bücherverbrennung haben. Und außerdem wollen wir nicht, dass sich „Bild“-Oberchef Julian Reichelt deswegen wieder so aufregen muss.

Sollten Sie bei dem Gedanken, eine „Bild“-Zeitung in Ihrem Briefkasten liegen zu haben, schon jetzt spontan Herpes bekommen, gibt es noch eine Möglichkeit, schlimmere körperliche Schäden am Donnerstag zu vermeiden (allerdings können Sie dann nicht bei unserer #BILDindieTonne-Aktion mitmachen): Die Post, die die Zustellung der vielen Millionen „Bild“-Exemplare in ganz Deutschland übernimmt, hat ihre Mitarbeiter angewiesen, nach Aufklebern auf den Briefkästen zu schauen. Ein Sticker mit „Bitte keine Werbung einwerfen“ hilft gegen die Gratis-„Bild“ nicht; Sticker mit dem Hinweis, dass man keine kostenlosen Zeitungen oder Anzeigenblätter erhalten will — oder noch besser: dass man keine „Bild“-Zeitung erhalten will –, sollen hingegen vor unerwünschten „Bild“-Einwürfen schützen.

Gerne können Sie dafür diese …


(Draufklicken für größere Version.)

… oder diese Vorlage …


(Draufklicken für größere Version.)

… benutzen. Oder Sie kleben einfach einen kleinen Zettel mit „Hier keine ‚Bild‘ einwerfen“ auf ihren Briefkasten.

Nachtrag, 21. Juni: Sollten Sie morgen zwischen 13 und 18 Uhr in Hannover sein, hätten wir noch ein tolles Tauschangebot für Sie: Gratis-„Bild“ gegen Gratis-„Titanic“.

„Maria W. hat ihre Geschichte frei erfunden“

Es verdichten sich die Hinweise, dass „Bild“ auf eine Betrügerin reingefallen ist.

Am 28. März 2015, vier Tage nach dem Absturz des „Germanwings“-Flugs 4U9525 in den französischen Alpen, veröffentlichte die „Bild“-Zeitung diese Titelgeschichte, die auch Bild.de aufgriff:



Die angebliche „Ex-Freundin“ von „Germanwings“-Co-Pilot Andreas Lubitz lieferte „Bild“-Reporter John Puthenpurackal genau die Bausteine, die wenige Tage nach dem Unglück für das Psychogramm eines Wahnsinnigen noch fehlten: Ausraster, Drohungen, die Ankündigung einer aufsehenerregenden Tat. Es passte alles wunderbar in das Bild, das Puthenpurackals Redaktion die Tage zuvor gezeichnet hatte.

In dem Artikel vom 28. März 2015 schrieb „Bild“:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Bereits im März dieses Jahres schrieb die Journalistin Petra Sorge in der „Zeit“, dass es trotz der Identitätsprüfung durch „Bild“ erhebliche Zweifel an der Geschichte von Maria W. gebe. Der für den „Germanwings“-Absturz zuständige Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa sagte damals: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“ „Bild“-Oberchef Julian Reichelt startete daraufhin eine ganz beachtliche Twitter-Kampagne gegen Sorge.

Heute liefert Petra Sorge in einem Artikel für „Buzzfeed“ neue Indizien dafür, dass Maria W. eine Hochstaplerin ist, und dass die „Bild“-Medien auf sie reingefallen sind.

Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Einsatzpläne bei „Germanwings“ aus Kostengründen so konzipiert waren, dass die Piloten am Ende eines Diensttages so gut wie immer in ihren Heimatflughafen zurückkehrten. Das Personal schlief dann meist in der eigenen Wohnung. Das passt kaum mit der Aussage von Maria W. zusammen, dass sie mit Andreas Lubitz durch Europa geflogen sei und heimlich mit ihm in Hotels übernachtet habe.

Außerdem ist es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass Andreas Lubitz und Maria W. „fünf Monate lang“ zusammen flogen. Bei „Buzzfeed“ sagt ein Sprecher von Lubitz‘ früherer Fluggesellschaft, dass die Crew täglich wechsle und man nur in Ausnahmefällen und durch Zufall mehrere Tage hintereinander gemeinsam fliege.

Schwerwiegender als diese Indizien ist eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall. Maria W. hat sich nach der Veröffentlichung bei „Bild“ mit ihrem Anliegen nämlich auch bei dem TV-Sender gemeldet. Nach fünf Monaten Recherche stand für die Redaktion fest: Maria W. ist eine Betrügerin. Petra Sorge zitiert in ihrem „Buzzfeed“-Text einen RTL-Pressesprecher: „‚Wir können vollumfänglich bestätigen, dass Maria W. ihre Geschichte frei erfunden hat. Dies hat sie bei einem 4. Treffen im Dezember 2015 explizit zugegeben'“.

Bei diesem vierten Treffen soll Maria W. laut eines RTL-Abteilungsleiters auch gesagt haben, dass sie überrascht gewesen sei, wie viel Arbeit sich der Sender mit der Recherche gemacht hat. Das kannte sie von ihrem Kontakt mit der „Bild“-Redaktion und John Puthenpurackal offenbar nicht.

Heiße „Bild“-Altherren könnten Finger nicht von Frauen-Body lassen

Manchmal reicht eine einzige Zeile unter einem Foto, und schon schüttelt’s einen vor lauter „Bild“-Breitbeinigkeit. Zum Beispiel diese hier:

Aber mal ehrlich: An Jörns Stelle könnten wir auch nicht die Finger von diesem knattergeilen Body lassen

Die Frau mit dem „knattergeilen Body“, von der die ehrlichen „Bild“-Redakteure die Finger nicht lassen könnten, war mit dem Schauspieler Jörn Schlönvoigt im Urlaub. Die „Bild“-Zeitung brachte am vergangenen Freitag eine ganze Fotoserie mit Bildern der beiden — er in Badehose, sie im silbernen Bikini –, die sie auf einer Jacht vor der Küste Mallorcas zeigen:

Ausriss Bild-Zeitung - Schauspieler Jörn Schlönvoigt mit neuer Freundin - Sexy Silber-Nixe geht GZSZ-Star ins Netz
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Bild.de berichtete bereits am späten Donnerstagabend:

Ausriss Bild.de - Sexy Silber-Nixe geht GZSZ-Star ins Netz

Die acht („Bild“) beziehungsweise 14 (Bild.de) Fotos, die in „Bild“ riesig ausgebreitet werden und bei Bild.de nur mit einem „Bild plus“-Abo zu sehen sind, haben alle eine gewisse Paparazzo-Ästhetik; wir wollen aber nicht ausschließen, dass sie gestellt sind. Da wir nicht sicher sein können, ob die Aufnahmen mit den Personen, die sie zeigen, abgesprochen waren, haben wir sie lieber verpixelt.

Die Fotos und die eventuelle, damit zusammenhängende Verletzung der Privatsphäre sind eine Sache. Eine andere sind der dazugehörige Text und vor allem die Bildunterschriften. Dort gibt es neben der „knattergeil“-Zeile die gesammelte Altherrenwitzigkeit der „Bild“-Medien:

Jörn Schlönvoigt und seine brünette Sex-Bombe — schwer verliebt auf Mallorca

Alle J-ACHTung: Jörn Schlönvoigt und seine Hanna bei Hoppe-Hoppe-Reiter-Spielen an Deck

Der Silberpfeil will geölt werden: Jörn Schlönvoigt cremt seine neue Freundin Hanna ein

Kaum zusammen, da nimmt sich Jörn seine Hanna schon zur Brust

Aufschwung zur Liebe. So schön kann Nahkampf sein

Gemeinsames Sonnenbaden — da wird uns schon beim Zuschauen ganz heiß

Auf ihrem Tagesprogramm: DECKungsarbeit an Bord! Es wird getätschelt, geplanscht und gaaanz viel geknutscht.

Ein bisschen planschen im kalten Wasser würde auch den Altherren von „Bild“ und Bild.de ganz gut tun.

Mit Dank an @Fluxcompensator, @RA_Conrad und Lukas H. für die Hinweise!

„Bild“ im Reggae-Rasta-Klischee-Rausch

In Schleswig-Holstein dürfte bald eine sogenannte Jamaika-Koalition die Regierung bilden. Die Vertreter von CDU, Grünen und FDP haben sich am Dienstagabend auf einen gemeinsamen Koalitionsvertrag geeinigt. Und weil in der Nationalflagge von Jamaika eben die Farben Schwarz, Grün und Gelb vorkommen, spricht man von einer Jamaika-Koalition.

Die erfolgreichen Verhandlungen in Schleswig-Holstein brachten die „Bild“-Zeitung auf die Idee, in der gestrigen Ausgabe der Frage nachzugehen, ob ein solches Dreierbündnis auch in der Bundespolitik klappen könnte. Da müssen sie im Axel-Springer-Hochhaus in der Redaktionskonferenz zusammengesessen und überlegt haben, wie man das illustrieren könnte. Und dann dürften ungefähr solche Vorschläge gekommen sein:

Lass uns dem Lindner mal einen Joint in den Mund shoppen!

Ja, geil! Und die Merkel machen wir so’n bisschen exotisch, mit Ketten und Blumenkleid und Rastas und so.

Ha, genau. Und der Özdemir spielt wie so ein Wilder Trommel!

Pahaha! Und dann färben wir alle drei noch dunkler, sollen ja Jamaikaner sein.

Super! Und in die Überschrift packen wir noch irgendeine Kiffer-Anspielung!

Haben sie dann auch genau so gemacht:

Ausriss Bild-Zeitung - Nach Schwarz-Geld-Grün in Schleswig-Holstein - Kommt für Merkel die Jamaika-Koalition in die Tüte?

Auf der Startseite von Bild.de war diese „BILD-Montage“ gestern ebenfalls erschienen:

Ausriss Bild.de - Nach Schwarz-Geld-Grün in Schleswig-Holstein - Kommt für Merkel die Jamaika-Koalition in die Tüte?

Im Text geht das volle Stereotypenprogramm dann weiter:

Auch in Berlin wird offen über ein Dreier-Bündnis spekuliert. Reggae, Rausch und Rasta — kommt das für Merkel (und die anderen Parteien) in die Tüte?

So stellt sich die „Bild“-Redaktion eben einen typischen Jamaikaner vor: jointrauchend, trommelspielend, rastazöpfig.

Wir können nur hoffen, dass nicht irgendwo bald wieder eine sogenannte Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen entsteht. Sonst muss der bemitleidenswerte „Bild“-Photoshopper noch Angela Merkel digitalen Massai-Schmuck um den Hals binden, Martin Schulz einen Speer in die Hand drücken und beim Blackfacing voll aufdrehen, nur um das Klischeeverlangen seiner Kollegen zu stillen.

Nachtrag, 18. Juni: Bei „SpiegelKritik“ gibt es Kritik an diesem Beitrag.

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