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Kontrolle für Gepiercte in großen Autos? „Bild“ erfindet Politiker-Zitate

Ein Besuch bei der Jahreshauptversammlung des örtlichen Kegelvereins, den Taubenzüchtern des Nachbardorfes oder einer Fragerunde des CDU-Kreisverbandes ist sicher nicht die Aufgabe, die sich viele Journalisten wünschen. Es ist aber auch eine vergleichsweise simple Übung — hingehen, zuhören, aufschreiben, was so gesagt wurde. Doch selbst an solch einfachen Dingen scheitert „Bild“ kläglich.

Am Montag berichteten Bild.de und die Leipzig-Ausgabe der „Bild“-Zeitung von einer Veranstaltung des Leipziger CDU-Kreisverbandes. Immerhin schaute dort Michael Kretschmer vorbei, der aktuell noch Generalsekretär des Sächsischen CDU-Landesverbandes ist und bald Ministerpräsident des Freistaats sein dürfte. Kretschmer hielt erst eine gut 20-minütige Rede und stellte sich in der anschließenden Aussprache den Fragen der anwesenden CDU-Mitglieder.

Für „Bild“-Autor Erik Trümper waren vor allem zwei Aussagen Kretschmers interessant. In der einen geht es um die Nutzung der Videoüberwachung auf Autobahnen. Trümper schreibt:

Und Kretschmer? Legte beim Thema Sicherheit gleich nochmal nach. So empfahl er die elektronische Videoüberwachung auf den Autobahnen Richtung Grenze: „Wenn ich da sehe, dass ein Gepiercter ein großes Auto fährt, dann ist das verdächtig und kann ihn kontrollieren.“

Um es direkt klarzustellen: Das hat Michael Kretschmer so nie gesagt — das Zitat ist eine Erfindung von „Bild“-Autor Erik Trümper. Die Aussage, die Trümper dem CDU-Mann in den Mund legt, ist natürlich so bescheuert, dass sie sich bestens für eine kleine Empörungsrunde eignet. „Focus Online“ hat sie zum Beispiel aufgegriffen:

Screenshot Focus Online - Michael Kretschmer - Sachsens künftiger Ministerpräsident will Menschen mit Piercing kontrollieren lassen

Und auch Netzpolitik.org:

Screenshot Netzpolitik.org - Sachsens künftiger Ministerpräsident findet Menschen mit Piercing verdächtig

Sie alle beziehen sich auf „Bild“ und Erik Trümper. Bei Netzpolitik.org haben sie inzwischen mitbekommen, dass das „Bild“-Zitat völlig falsch ist und ein „Update“ veröffentlicht.

Tatsächlich sprach Michael Kretschmer in der Fragerunde über das Thema Innere Sicherheit und die Kfz-Kennzeichenerfassung auf Autobahnen. Er sagte:

Es gibt zwei Komponenten, über die wird relativ wenig gesprochen. Das eine sind die technischen Einsatzmittel. Da geht es auch gar nicht zuerst mal um die Autos, mit denen die Polizisten durch die Gegend fahren, sondern da geht es um die Funkgeräte, da geht es um die Frage der Tablets, da geht es um die Frage Kfz-Kennzeichenerfassung, also etwas, was ich jetzt auch vor Kurzem erstmal das erste Mal selber gesehen habe. Und wenn man das sieht, fällt man auch vom Glauben ab, warum das alles so ist. Derzeit wird das so praktiziert: An der Autobahn, wenn Sie jetzt nach Dresden fahren oder nach Berlin, steht da irgendwo in der Abfahrt ein Polizeifahrzeug, mit einem Fernglas, guckt: Wie ist das Kennzeichen von dem Auto?, guckt: Was ist das für eine Marke? Der zweite Kollege gibt das durch ans Revier, der checkt das und fragt, ob das Kfz-Kennzeichen zu dem Auto passt, ob der Halter er sein könnte …

In diesem Moment zeigte Kretschmer auf seinen Nebenmann Frank Tornau, der 42 Jahre alt ist, einen Anzug mit Krawatte und keine Piercings trug:

Screenshot des Mitschnitts von Michael Kretschmers Auftritt, in dem er auf seinen Nebenmann zeigt

… oder ob das irgendwie ein junger gepiercter Typ ist. Und wenn da irgendwie die Dinge nicht miteinander zusammenpassen, wird der Kollege rausgewunken. So. Das dauert. Das bindet Personalkraft. Das ist absolut ineffizient. Und wenn man dann sieht, dass es technische Lösungen gibt, die das vollkommen von alleine machen, innerhalb von Bruchteilen von Sekunden, und wir es nur deswegen nicht einrichten, weil wir die rechtlichen Rahmen nicht haben, weil Leute sich hinter Datenschutz verstecken, dann muss man sagen: Das kann doch nicht sein.

Das kann man immer noch völlig bescheuert und höchst bedenklich finden. Aber Michael Kretschmer sagt an keiner Stelle, dass es verdächtig sei, wenn „ein Gepiercter ein großes Auto fährt“ und dass man Gepiercte in großen Autos generell kontrollieren solle.

An einer zweiten Stelle desselben Artikels arbeitet „Bild“-Mitarbeiter Trümper ähnlich unsauber. Er behauptet, Kretschmer habe zu einer Vergewaltigung in der Leipziger Parkanlage Rosental eine „fragwürdige Idee“ geäußert:

Kretschmer: „Wenn ich Oberbürgermeister wäre, würde ich nach einem solchen Überfall erst einmal Schneisen schlagen lassen. Damit sich Verbrecher dort nicht verstecken können.“

Die gut 120 Leipziger CDUler schwiegen peinlich berührt. Denn was sie — im Gegensatz zu Kretschmer — wissen: Das Rosental steht unter Naturschutz. Und mehr Polizeikräfte für Leipzig sind eventuell effektiver als Kettensägen …

Diese angebliche Aussage Kretschmers schaffte es als noch konkreteres Zitat sogar in die Überschrift der „Bild“-Zeitung …

Ausriss Bild-Zeitung - Wenn ich OB wäre, ließe ich Schneisen durchs Rosental schlage

… und in paraphrasierter Form in die Bild.de-Schlagzeile:

Screenshot Bild.de - Fast-Ministerpräsident in Leipzig - Kretschmer würde Schneisen durchs Rosental schlagen damit sich Verbrecher nicht mehr verstecken können

Allerdings hat Michael Kretschmer bei seinem Auftritt in Leipzig nicht explizit von „Schneisen durchs Rosental“ gesprochen, sondern von „anderen Orten“:

Und wenn Sie in anderen Orten sind, wo so etwas Schlimmes wie so eine Vergewaltigung wie hier gerade auch passiert ist, dann würden Ihnen die Bürgermeister sagen: „Das Erste, was wir machen, ist, erstmal Sichtachsen zu schneiden, schauen, dass man sich da nicht verstecken kann.“

Auch das „peinlich berührte“ Schweigen, das Trümper beobachtete haben will, geht aus dem Videomitschnitt nicht hervor. Die Zuhörer sind in der Situation genauso leise wie in den Minuten davor und danach, während Michael Kretschmer spricht.

Weil wir Zweifel haben, dass bei den „Bild“-Medien überhaupt irgendetwas ankommt, an dieser Stelle ein Tipp für alle anderen Redaktionen: Schreibt nienienie einfach so und ungeprüft von „Bild“ oder Bild.de ab.

Mit Dank an Jacob P. für den Hinweis!

Die Sheriffs der „Bild“-Medien haben wieder auf Rechtsstaat gepfiffen

Am vergangenen Wochenende haben sich die Mitarbeiter der „Bild“-Medien mal wieder ihre Sheriffsterne an Hemden und Blusen gepinnt, sind auf Verbrecherjagd gegangen und auf rechtsstaatlichen Prinzipien rumgetrampelt.

Der Fall, den sie sich ausgesucht haben: ein Mord an einem zweijährigen Kind in Hamburg. Montag vergangener Woche soll der Vater des Kindes seine Tochter getötet haben und dann geflüchtet sein. Bewiesen ist noch nichts, es gibt allerdings Hinweise, dass der Mann diese schreckliche Tat begangen hat. Gestern wurde er in Spanien von der Polizei festgenommen.

Bereits wenige Stunden, nachdem der Tod des Kindes bekannt wurde, fragte die Bild.de-Redaktion ungeduldig:

Screenshot Bild.de - Warum fahndet die Polizei nicht öffentlich nach dem Killer?

Immerhin durfte eine Staatsanwältin im Artikel erklären:

Oberstaatsanwältin Nana Frombach zum Thema Öffentlichkeitsfahndung gegenüber BILD: „Wir führen noch andere Ermittlungen durch, daher liegen die Voraussetzungen für eine Öffentlichkeitsfahndung derzeit nicht vor. Die erste Voraussetzung ist dafür immer eine erhebliche Straftat, die zweite, dass es keine weiteren erfolgreichen Ermittlungsansätze gibt.“

Heißt: Die Ermittler gehen davon aus, Sohail A. zügig zu schnappen. Erst als letzte Maßnahme wird die Polizei mit einem Foto des Täters an die Öffentlichkeit gehen.

Am Wochenende reichte es den Redaktionen von Bild.de und „Bild am Sonntag“ dann. Immer noch keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei — da mussten sie handeln. Am Samstagabend veröffentlichte Bild.de diesen Beitrag:

Screenshot Bild.de - Dringend gesucht - Das erste Foto des Kinder-Killers
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag von uns.)

Nur zur Erinnerung: Es gab zu diesem Zeitpunkt (und auch später) keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei. Es war noch nichts bewiesen. Es gab noch kein Geständnis. Die Bild.de-Mitarbeiter haben sich mit diesem Artikel nicht nur zu Polizisten gemacht, sondern gleich auch noch zu Richtern.

Dass es zu diesem Zeitpunkt keine offizielle Fahndung per Foto durch die Ermittlungsbehörden gibt, wissen die sechs Bild.de-Autoren ganz genau. Sie schreiben es schließlich selbst:

Noch immer gibt es keine offizielle Foto-Fahndung der Behörde, obwohl Sohail A. dringend tatverdächtig ist.

Eine Öffentlichkeitsfahndung ist für die Polizei das letzte Mittel, wenn alle anderen Ermittlungsansätze keinen Erfolg gebracht haben. Nana Frombach, Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft: „Es gibt noch Ermittlungsansätze.“

Nach BILD-Informationen sind Zielfahnder der Polizei dem Mann, der nach Deutschland 2011 als Flüchtling kam und schon längst hätte ausreisen müssen, sehr dicht auf den Fersen. Ermittler aus Deutschland und auch ausländische Dienste jagen den Killer unter Hochdruck.

Ermittler sollen den Mann „unter Hochdruck“ jagen. Zielfahnder sollen ihm „dicht auf den Fersen“ sein. Es soll noch immer „Ermittlungsansätze“ geben. Und trotzdem entscheidet die Bild.de-Redaktion, sich einfach mal so über rechtsstaatliche Prinzipien hinwegzusetzen, etwa dass Richter oder Staatsanwälte eine Öffentlichkeitsfahndung anordnen müssen.

Einen Tag später zog die Redaktion der „Bild am Sonntag“ nach. Auf der Titelseite und im Blatt präsentierte sie das Foto des Mannes wie ein Fahndungsplakat:

Ausrisse  Bild am Sonntag Titelseite - Kindermord in Hamburg - Die Polizei sucht diesen Mann
Ausrisse Bild am Sonntag Innenteil - Kindermord in Hamburg - Die Polizei sucht diesen Mann

Gestern dann die Nachricht, dass der Gesuchte in Spanien gefasst wurde. Es geht keine Gefahr mehr von ihm aus. „Bild“ und Bild.de zeigen sein Foto heute dennoch bei mehreren Gelegenheiten ohne irgendeine Unkenntlichmachung — genauso wie ein Bild des getöteten Kindes:

Ausriss Bild Titelseite - So fassten sie den Kinder-Mörder
Ausriss Bild Innenteil - Fahnder fassten Killer in Spanien
Screenshot Bild.de - So fassten sie den Kinder-Mörder
Screenshot Bild.de - Im Video - Hier führt die Polizei den Kinder-Killer ab

Mit Dank an Daniel K., Frank H., Musti und @postillleaks für die Hinweise!

Julian Reichelt erklärt Deutschland zum reichsten Land der Welt

Hätte Julian Reichelt nicht diese große Macht, wäre seine Show ja eigentlich ganz amüsant. Hier mal populistisch poltern, da mal Fakten komplett falsch darstellen, zwischendurch mittelmäßige Witze. Man muss sich das aber immer wieder klarmachen: Reichelt hat das letzte Sagen bei Bild.de, wo er selbst Chefredakteur ist, bei der „Bild“-Zeitung, bei „Bild am Sonntag“ und bei der „B.Z.“, wo er den Chefredakteurinnen Tanit Koch, Marion Horn und Miriam Krekel noch mal vorgesetzt ist. Und wenn man das realisiert hat, ist zum Beispiel seine Faktenfremdheit alles andere als amüsant.

Am Samstag hatte Julian Reichelt zum Aus von „Air Berlin“ und dem großen Spektakel um den letzten Berlin-Flug der Airline mal wieder so viele Gedanken, dass sie nur in zwei Tweets passten:

Screenshot eines Tweets von Julian Reichelt - Irgendwie symptomatisch, dass sich in Berlin solch spektakuläre Momente aufgrund einer Pleite zutragen. Tempelhof zu, BER eine Bauruine, Airberlin bankrott. Die Hauptstadt des reichsten Landes der Welt hat es geschafft, sich bei der Luftfahrt zu deindustrialisieren.

Irgendwie symptomatisch, dass sich da gleich mehrere Fragen stellen.

Zum Beispiel: Was hat der Bankrott von „Air Berlin“ mit einer Deindustrialisierung der Luftfahrt zu tun?

Wir würden sagen: nichts, es handelt sich schließlich nicht um Industrie, sondern um ein Dienstleistungsunternehmen.

Und seit wann ist Deutschland das „reichste Land der Welt“?

Es gibt eine Reihe verschiedener Möglichkeit, den Reichtum eines Landes zu messen. Nach dem nominalen Bruttoinlandsprodukt liegen die USA auf Platz eins, nach dem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt ist es China, beim nominalen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt Luxemburg vorn, beim kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist es Katar, beim Privatvermögen sind es laut „Allianz“-Studie dann wieder mal die USA, laut „Credit Suisse“ die Schweizer, und beim Wohlstandsindex einer Denkfabrik liegt Neuseeland ganz vorne. Deutschland ist zwar oft weit oben mit dabei, aber nie „das reichste Land der Welt“, wie Julian Reichelt behauptet.

Dass ein „Vorsitzender der Chefredaktionen“ seinen Mitarbeitern ein solches Desinteresse an korrekten Fakten vorlebt, ist wirklich alles andere als amüsant.

„Bild“ kennt die falsche Diagnose

Wenn man von Bild.de falsch informiert werden will, muss man dafür schon zahlen. Gestern am frühen Abend meldete die Redaktion zur Verletzung von Thomas Müller, Stürmer des FC Bayern München:

Screenshot Bild.de - Bild kennt die Diagnose - So lange fehlt Müller den Bayern

Nur, wer für ein „Bild plus“-Abo zahlt, erfährt im Artikel:

Die Verletzung ist viel schlimmer als bisher gedacht.

Nach BILD-Informationen hat sich Müller im rechten Oberschenkel einen Muskelbündelriss zugezogen.

Der Weltmeister fällt auf jeden Fall für die beiden Kracher-Spiel am Mittwoch in Leipzig (Pokal) und am Samstag gegen Leipzig aus. Wahrscheinlich wird die Rückkehr noch länger dauern. Müller drohen fünf bis sechs Wochen Pause.

Mit der Veröffentlichung der „BILD-Informationen“ hat sich das „Bild“-Team auch per Push-Nachricht bei allen „Bild“-App-Nutzern gemeldet:

Screenshot Bild-Push-Nachricht - Bild kennt die Diagnose: So lange fehlt Müller den Bayern

Und die „Bild“-Zeitung schreibt heute ebenfalls:

Thomas Müller (28) fehlt dagegen nicht nur zweimal gegen Leipzig. Seine Verletzung ist viel schlimmer als bisher gedacht. Nach BILD-Informationen hat sich Müller im rechten Oberschenkel einen Muskelbündelriss zugezogen.

Dem Weltmeister drohen fünf bis sechs Wochen Pause.

Der FC Bayern München hat heute eine kurze Mitteilung zur Verletzung von Thomas Müller rausgegeben. Der Verein schreibt darin:

Thomas Müller hat beim 1:0-Sieg des FC Bayern am Samstag beim Hamburger SV einen Muskelfaserriss im rechten hinteren Oberschenkel erlitten. Damit fällt der deutsche Nationalspieler für voraussichtlich drei Wochen aus.

Die Bild.de-Redaktion hat inzwischen vermeldet, dass es sich bei Müllers Verletzung um einen Muskelfaserriss handele. Aber so richtig glaubt sie den Münchner Medizinern nicht — schließlich gibt es ja die „BILD-Informationen“:

Nach BILD-Informationen handelt es sich mindestens um einen schweren Muskelfaserriss, wohl einen Muskelbündelriss. Die Ausfall-Zeit von drei Wochen wäre dann optimistisch prognostiziert.

Mit Dank an Michael für den Hinweis!

Alter schützt vor „Bild“-Geilheit nicht

Die Mitarbeiter von „Bild“ und Bild.de gucken sich gern Aufnahmen von jungen Mädchen an und zeigen sie dann rum. Sie betrachten die Fotos, bewerten das Aussehen der Minderjährigen und schreiben darüber. 15 Jahre alt? 16 Jahre alt? 17 Jahre alt? Diese Jugendlichen können doch auch schon „heiße Kurven“ haben und „Hotchen“ sein. Und manchmal haben auch schon Neunjährige einen Schlafzimmerblick, wenn die „Bild“-Redaktion das findet.

Besonders ausgeprägt ist derzeit die Leidenschaft der „Bild“- und Bild.de-Mitarbeiter für Kaia Gerber. Die Tochter von Cindy Crawford ist aktuell 16 Jahre alt. Schon im Januar 2012 schrieb Bild.de über ihre „Rehaugen und die brünetten Locken“. Kaia Gerber war damals zehn. Mit 13 Jahren war sie für die Bild.de bereits:

Screenshot Bild.de - Crawford-Tochter Kaia Gerber (13) - So wunderwunderschön wie Mama!

„Im zarten Alter von gerade einmal 14 Jahren“ war Kaia dann reif für das „Bild“-Prädikat „hot“. Oder in der etwas niedlicheren Variante und zusammen mit ihrer Mutter:

Screenshot Bild.de - Cindy Crawford und Tochter Kaia - Das doppelte Hotchen

In den dazugehörigen Artikel hat Bild.de solche Sätze über das „unverschämt gute Aussehen“ des Teenagers geschrieben:

Dunkle Walla-Walla-Mähne, mandelbraune Augen, sinnliche Lippen und Beine bis zum Himmel! Ihr unverschämt gutes Aussehen hat der 14-jährige Teenie definitiv von Model-Mama Cindy geerbt.

Im Februar dieses Jahres schmachtete das Bild.de-Team erneut die „Beine bis zum Himmel“ der damals 15-Jährigen an. Anfang September vermeldete die Redaktion, dass Gerbers Beine 87 Zentimeter lang seien. Und vor zwei Tagen ging es mal wieder — oh Wunder — um die Beine der inzwischen 16-Jährigen:

Screenshot Bild.de - Crawford-Tochter Kaia Gerber (16) - Gehen zwei Streichhölzer bummeln

Die Leidenschaft für die „sinnlichen Lippen“, die „Beine bis zum Himmel“ und die „Rehaugen“ von Kaia Gerber teilen die „Bild“-Mitarbeiter übrigens mit ihren „Springer“-Kollegen von der „B.Z.“.

Kaia Gerber ist nicht die einzige Minderjährige, die die „Bild“-Medien sexualisiert. Im Januar dieses Jahres zeigte Bild.de ein Foto von „Beach-Babe“ Sasha Obama und schrieb über deren „heiße Kurven“ im Strandoutfit. Die Tochter von Barack Obama war zu der Zeit 15 Jahre alt. Vergangenes Jahr im Juli war Lionel Richies Tochter Sofia dran. Auch der damals 17-Jährigen attestierte Bild.de „heiße Kurven“:

Screenshot Bild.de - Lionel Richies Tochter Sofia (17) - Achtung, gefährlich heiße Kurven!

Endgültig irre wurde es vorgestern bei „Bild“. Auf der letzten Seite, beim „HINGUCKER des Tages“ schrieb das Blatt über Elvis-Tochter Lisa Marie Presley:

Mit ihr schauten ihre Tochter Riley (28) sowie ihre Zwillinge Harper und Finley (9) mit typischem Presley-Schlafzimmerblick in die Kameras.

Zwei Neunjährige mit „Schlafzimmerblick“?

Vielleicht ist das alles aber auch nur Gleichberechtigung: Warum sollten neun-, 15- oder 17-jährige Mädchen von der „Bild“-Redaktion nicht genauso auf ihr Äußeres reduziert werden wie erwachsene Frauen?

Mit Dank an Matthias L. für den Hinweis!

Harvey Weinstein in Norbert Körzdörfers Sex-Sammelsurium

Die „Bild“-Zeitung hat seit Montag eine „NEUE SERIE“, in der es um den „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ gehen soll, also um die Missbrauchs-Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein. Gestern erschien Teil eins:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - Er zwang Frauen, seine Kronjuwelen zu küssen als sei es der Siegelring des Papstes - Die Schönen und das Biest

Heute Teil zwei:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - In der Traumfabrik ging es immer auch um Sex - Hollywood, die Stadt der Sünde

Morgen soll Teil drei kommen. Wir wagen keine Prognose, wie lang diese Serie noch gehen wird. Autor ist jedenfalls Norbert Körzdörfer, und es ist so schlimm, wie man nach dieser Information befürchten kann.

Beide bisher erschienenen Ausgaben sind Sammlungen von Anekdoten und Gerüchten aus Hollywood. Der einzige Zusammenhang: Sex. Körzdörfer schreibt solche Sätze:

Hollywood war immer Penis-fixiert. Ein Film-Boss zu BILD: „Hier haben große Penisse Filme für kleine Penisse gemacht“

30 Jahre Ego-Orgie — mit Stöhnen und Schweigen.

Warum ist Hollywood immer auch ein sexuelles Sodom und Gomorrha?

Nach dem dritten Drink an der Bar hört man immer dieselbe Story: Der Oscar (3,9 Kilo schwer) ist gerüchte-geflüstert angeblich dem Penis eines Stunt-Stars nachempfunden — er ist 34 cm lang.

Sex ist die Währung des Erfolgs.

Warum fahren nachts so viele „Stretchlimos“ von Club zu Club — es ist ein motorisiertes Phallus-Symbol.

Wenn Johnny Depp im Club „Viper Room“ sitzt, will jeder Mini-Rock mit High Heels in die VIP-Sektion.

Das alles stammt aus Serien-Teil eins. In Teil zwei geht es ähnlich weiter:

Gab es nicht schon immer männliche „Godzillas“, die sexy „Bambis“ jagten?

Legendär war auch sein [Charlie Chaplins] Penis. „Glied-Gespräche“ waren Klatsch-Talk. Eine seiner Geliebten (drei Millionen Abfindung von fünf Ehe-Männern) fragte ihn: „Stimmt das, was alle Mädchen behaupten — dass du bestückt bist wie ein Hengst?“

Der deutsche Kult-Regisseur F. W. Murnau († 42) war homosexuell. Er starb bei einem Autounfall 1931. Am Steuer saß sein 14-jähriger philippinischer Diener — mit dem er es angeblich getrieben hat.

Sein [Rudy Valentinos] Lieblings-Geschenk: ein schwarzer Dildo aus Blei (Art-dèco-Stil) mit seinem Autogramm in echtem Silber.

Die platinblonde Sexbombe Jean Harlow († 26) über ihr Liebes-Rezept: „Männer lieben mich, weil ich keine Unterwäsche trage. Und Frauen mögen mich auch — weil ich ihnen nie einen Mann stehlen würde — jedenfalls nicht für lange.“

Als Frauen-„Monster“ galt die blonde Sex-Löwin Mae West († 87). Sie umgab sich mit muskulösen Leibwächtern, die sie in den Drehpausen vögelte.

Wer hatte was mit wem in Hollywood? Wessen Penis war der größte? 34 Zentimeter? Marlene Dietrich verführte John F. Kennedy. Jack Nicholson lockte viele Frauen in seine Limousine. Hier wurde gevögelt, da wurde es getrieben. Das ist der Stoff, den die „Bild“-Redaktion für angemessen hält, um den „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ in einer Serie aufzuarbeiten, also den mehrfachen mutmaßlichen Missbrauch von Frauen sowie mutmaßliche Vergewaltigungen.

Für Körzdörfer und „Bild“ geht es nicht um Machtstrukturen, die Weinstein all das erst ermöglicht haben sollen, um offizielle oder unausgesprochene Schweigeabkommen, um Mitwisser und Helfer. Sie schauen nicht auf andere gesellschaftliche Bereiche, in denen Männer ihre Positionen ebenfalls regelmäßig sexuell ausnutzen, in Chefetagen, an Universitäten, in Redaktionen. Es geht ihnen stattdessen um Dildo-Geschenke und die Frage, wer wie ein Hengst bestückt ist.

Und noch schlimmer: Körzdörfers große Sammlung von sündigen Hollywood-Geschichtchen wirkt, als wäre das, was Weinstein vorgeworfen wird, nur eine weitere Anekdote in diesem alltäglichen Wahnsinn. „Legendär ist die ‚Besetzungscouch‘ von Harvey Weinstein — um an eine glitzernd-glänzende Rolle zu kommen, mussten viele Schauspielerinnen erstmal die Kronjuwelen des Mega-Produzenten polieren“ könnte ebenfalls in Körzdörfers Sex-Sammelsurium stehen. Alles ganz normal also?

Heute haben Norbert Körzdörfer und „Bild“ schon mal Folge drei ihrer Serie „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ angeteasert:

Morgen in BILD

Das „Neue Hollywood“ nach dem Weinstein-Skandal?

Ein Film-Boss zu BILD: „Wenn Sie einer schönen Frau ein Kleider-Kompliment machen, kann das schon als sexuelle Belästigung missverstanden werden!“

Na, toll — erst darf man in Hollywood keine Frauen mehr missbrauchen, und bald darf man dort gar nichts mehr sagen.

Extrem links und unglaublich weit weg von den Fakten

Nach dem Sittenwächter-Entsetzen über den „Tatort“ im Pornomilieu und dem falschen Sadomaso-Unmut über die Serie „Babylon Berlin“ ging es gestern weiter mit der „Bild“-Kritikreihe an der ARD. Und wieder traf es den „Tatort“:

Ausriss Bild-Zeitung - Baader-Meinhof-Experte Stefan Aust klagt an - RAF-Propaganda im Tatort

Es sei „gefährlicher Unsinn“, was Sonntagabend ab 20:15 Uhr für anderthalb Stunden im „Ersten“ zu sehen war, sagt Stefan Aust im Interview mit „Bild“, weil bei den Zuschauern fälschlicherweise hängenbleiben werde, dass RAF-Mitglieder im Gefängnis Stammheim von einer geheimen Gruppe umgebracht worden seien.

Die Befürchtung kann man haben. Vielleicht bekommen die Zuschauer es aber auch hin, Fiktion als Fiktion zu erkennen.

Bei Bild.de legte gestern Mittag Redakteur Daniel Cremer mit einem Kommentar zum „Tatort“ nach:

Screenshot Bild.de - Kommentar von Bild-Redakteur Daniel Cremer - Was den RAF-Tatort unerträglich machte

Der „Verschwörungs-Unsinn“ in dem Fall aus Stuttgart sei schon „unsäglich“ gewesen, schreibt Cremer.

Unerträglich fand ich aber noch eine ganz andere Szene.

Richy Müller erzählt in der Rolle als Kommissar Lannert von seiner Zeit als Student in Hamburg. Er habe damals in einer WG mit RAF-Sympathisanten gelebt. Ja, er habe sogar ein RAF-Mitglied getroffen. Sein Partner schaut irritiert. Darauf sagt Müller er sei ja keiner „von denen gewesen“ — aber man war jung und wollte die Welt verändern. Ende der Szene.

„Die Verharmlosung von Terror und Gewalt“ habe Deutschland mittlerweile gelernt, solange sie linksextrem sei, so Cremer. Dennoch könne er sich „nur schwer erklären, wie eine solche Szene von allen Instanzen der ARD durchgewunken wird.“

Man stelle sich (vielleicht in zehn Jahren) einen „Tatort“ aus Leipzig vor. Der ältere Kommissar erzählt seinem jüngeren Kollegen, er habe als Student in einer WG mit PEDIGA- und NSU-Sympathisanten gelebt. Da habe er auch mal NSU-Mitglied Uwe Mundlos getroffen. Er sei aber keiner von denen gewesen. Er war nur jung und wollte die Welt verändern.

Man stelle sich vor, das würde gesendet. Und man stelle sich die Reaktionen darauf vor. Man braucht viel Vorstellungskraft. Denn (Gott sei Dank) würde niemand auf die Idee kommen, den Zuschauern so ein weichgespültes rechtsextremes Weltbild unterzujubeln.

Recht hat er, der Cremer.

Und doch liegt er, was die Fakten betrifft, ziemlich daneben. Denn in der Szene, die sich der „Bild“-Redakteur rausgesucht hat, gibt es recht deutliche Kritik an der RAF-Gewalt. Cremer verschweigt sie nur. Außerdem ist nichts an dem, was Richy Müller in seiner „Tatort“-Rolle sagt, linksextrem.

Hier das Transkript der entscheidenden Szene, in der die beiden Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz auf einem Parkplatz im Auto sitzen (in der ARD-Mediathek ab Minute 55:28):

Lannert: Ich kann seit Wochen nicht mehr wirklich schlafen. Der Doc meint, ab einem bestimmten Alter kommt alles zurück.

Bootz: Du warst beim Arzt?

Lannert: Drehst ja durch, so ohne Schlaf. Und jetzt auch noch plötzlich die RAF wieder. Damals wollten alle wissen, was wirklich in Stammheim passiert ist. War es Selbstmord oder Mord? Immerhin war es der Kampf der Kinder gegen ihre Väter.

Bootz: Du klingst ja wie der letzte Radikale von damals.

Lannert: Wir haben den Hunger in Afrika gesehen, Sebastian. Und uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein, so kann sie nicht sein. Diese Ungerechtigkeit. Und dann überall diese alten Nazi-Köppe, Lehrer, Politiker, vor allem in der Justiz. Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.

Bootz: Die Sehnsucht?

Lannert: Ja, wir waren jung. Wir wollten nicht werden wie unsere Eltern. Ich bin mit 16 von zu Hause abgehauen. Lange Haare, Parka. Hab‘ in ’ner WG gewohnt in Hamburg. Da bin ich der Ensslin mal begegnet, ’72. Das war kurz vor ihrer Verhaftung. Saß sie aufm Flur, hat mich angelächelt. Nur dieser kurze Moment, und ich war elektrisiert. Fünf Jahre später dann kamen die Fotos aus Stammheim, aufgenommen mit einer reingeschmuggelten „Minox“. Sie sah brutal aus. Damals haben wir geglaubt, der Staat hat sie einfach umgebracht.

Bootz: Moment mal, was war das eben? Du hast in ’ner WG mit RAF-Sympathisanten gewohnt?

Lannert: Ja. Und dann wirst du Polizist. [Schaut in den Seitenspiegel] Ich glaub‘, uns hängt schon wieder jemand hinten dran.

Bootz: Echt? [Jetzt am Telefon] Ja, Bootz hier, Mordkommission. Ich hätt‘ ’ne Halterabfrage. Stuttgart-OS-2016. Ja? Ja, macht nichts, danke. [Legt auf, wieder zu Lannert] ‚Ne Nullauskunft, Halter gesperrt. Also Verfassungsschutz, Staatsschutz, sowas.

Lannert: Hab‘ ich dir ja gesagt.

Bootz: Wir müssen die irgendwie abschütteln.

Lannert: Gut. Hier, schau mich an. Ich war nicht dabei.

Bootz: Schon klar.

„Ende der Szene“, wie Daniel Cremer schreiben würde.

Kommissar Lannert spricht sich also gegen die Gewalt der RAF aus („Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.“). Die Ideale, die „Sehnsucht“, die er referiert, mögen links sein. Eine bessere Welt, mehr Gerechtigkeit. Aber linksextrem oder weichgespült linksextrem? Dann müsste der Song „Ich werd‘ die Welt verändern“ von der Band „Revolverheld“ als linksextremes Kampflied gelten (Refrain: „Ich werd‘ die Welt verändern, werd‘ endlich alles besser machen“).

Durch die Milde des 16-jährigen Thorsten Lannert passt dann auch Daniel Cremers Parallele nicht mehr. Was würde Cremers fiktiver Bewohner einer NSU-Sympathisanten-WG mit seinem „weichgespülten rechtsextremen Weltbild“ fordern? „Ausländer raus aus Deutschland, aber ohne Gewalt“? Und das ist laut Cremer dann das rechte Äquivalent zu Lannerts besserer Welt und dessen gewaltfreier Forderung nach mehr Gerechtigkeit?

Natürlich kann man der Meinung sein, dass der „Tatort“ unerträglich war. Man kann sich wundern, was von „der ARD durchgewunken wird“. Und man kann das alles in einem Kommentar aufschreiben. Aber dann sollte man seinen Lesern keine Fakten vorenthalten, die nicht zur Kritik passen.

„Bild“ schickt Konrad Adenauer in den Puff

Eine Warnung vorweg: Wer sich ab heute bei „Sky“ oder im kommenden Jahr im „Ersten“ vollkommen unbefleckt die Serie „Babylon Berlin“ angucken möchte, sollte besser nicht weiterlesen. Hier könnte stark gespoilert werden. Nur so viel: „Bild“ hat mal wieder ziemlichen Unsinn verbreitet.

Für alle anderen: „Bild“ hat mal wieder ziemlichen Unsinn verbreitet.

Da haben sich die Redakteurinnen und Redakteure des Boulevardblatts gerade erst vom Schock des vergangenen „Tatort“ erholt, in dem das Münchner Team in der Pornoszene ermittelte („So hat die ARD uns den ‚Tatort‘ versaut“, „Verstört brutaler TV-Sex mein Kind?“) — und dann das:

Ausriss Bild-Zeitung - ARD macht Adenauer zum Sadomaso-Freier!

… schreibt „Bild“ heute auf der Titelseite. Und auf Seite 2:

Ausriss Bild-Zeitung - ARD-Serie macht Polit-Legende zu Puff-Gänger - Das hat Adenauer nicht verdient!

Doch die ARD macht Konrad Adenauer gar nicht „zum Sadomaso-Freier“ oder zum „Puff-Gänger“. „Babylon Berlin“ macht Konrad Adenauer nicht „zum Sadomaso-Freier“ oder zum „Puff-Gänger“. Das macht allein „Bild“.

Im Blatt und beim Onlineableger Bild.de steht, die Zuschauer würden Zeuge …

wie aus Konrad Adenauer, dem Vater der Bundesrepublik, ein Puffgänger gemacht wird, der u. a. auf flotte Dreier und Peitschen-Sex steht.

Die Handlung: Ein Kölner Kommissar wird 1929 nach Berlin geschickt, soll einen heimlich gedrehten Sex-Film mit Adenauer und zwei Prostituierten beschaffen. Am Ende der ersten Folge weiht Kommissar Rath seine Berliner Kollegen ein: „Der Oberbürgermeister von Köln wird erpresst — Herr Dr. Adenauer.“ Dazu wird ein Negativ aus dem Sex-Film gezeigt, das einen Mann mit runtergelassenen Hosen und zwei Frauen zeigt, von denen eine eine Peitsche hält.

Was die vier (!) für diesen Text verantwortlichen „Bild“-Mitarbeiter nicht schreiben: Am Ende stellt sich raus, dass es gar nicht Adenauer ist, der in dem Sex-Film zu sehen ist. Der damalige Oberbürgermeister von Köln und spätere Bundeskanzler ist in der Serie also ausdrücklich kein Flotter-Dreier- und Peitschen-Sex-Fan. Das erfahren „Bild“- und Bild.de-Leser nirgendwo. Für sie steht fälschlicherweise nur fest: Es gibt in der Serie einen fiktiven „heimlich gedrehten Sex-Film mit Adenauer und zwei Prostituierten“, und die ARD ist schuld.

Dabei hätten die „Bild“-Mitarbeiter wohl wissen können, dass Adenauer in „Babylon Berlin“ nicht zum „Puff-Gänger“ gemacht wird. Bei „Spiegel Online“ sagt Stefan Arndt, der mit der Firma „X Filme“ zum Produzententeam der Serie gehört:

„Es ist fast schon lustig zu sehen, welche Kreise unsere Serie im Bezug auf Konrad Adenauer nun zieht. Wir hatten die ‚Bild‘ darüber informiert, wie sich die Geschichte entwickelt, aber natürlich wollen wir unsere eigene Serie nicht am Starttag im Pay-TV spoilern. Dass es dennoch für eine Titelgeschichte zu reichen scheint, finden wir für die Aufmerksamkeit der Serie natürlich gut, aus journalistischer Sicht ist eine solche Vorgehensweise in Zeiten wie diesen schon sehr bedenklich.“

Trotz der Informationen von der Produktionsfirma hat „Bild“ für die eigene Geschichte einige Leute aufgescheucht, die mal sagen sollen, was sie davon halten, dass die ARD angeblich was ganz Schlimmes mit Konrad Adenauer angestellt hat. Zum Beispiel Tobias Bott von der „Konrad-Adenauer-Stiftung“:

Bei der angesehenen Konrad Adenauer Stiftung ist man sprachlos. Sprecher Tobias Bott: „Das ist Fiktion und hat mit der Wahrheit nichts zu tun. Die Geschichte ist für einen Kommentar zu absurd.“

Und auch beim 72-jährigen Enkelsohn von Konrad Adenauer, der ebenfalls Konrad Adenauer heißt, hat „Bild“ nachgefragt:

Enkel Konrad Adenauer (72) zu BILD: „Von einer Erpressung irgendeiner Art ist mir überhaupt nichts bekannt, aber mit so einer romanhaften Geschichte kann man natürlich viel Aufmerksamkeit erzeugen. In der Tat war Konrad Adenauer als Präsident des preußischen Staatsrates häufig in Berlin. Er pflegte eine intensive Nichtliebe zu Berlin. Das Leichtlebige, das Vulgäre dieser Stadt liebte er überhaupt nicht. Das kann man prüde oder spießig nennen, aber es hat ihn auch vor solchen Geschichten wie in ‚Babylon Berlin‘ bewahrt.“

Zum Abschluss ihres Artikels fragen die vier „Bild“-Autoren:

Muss man den Vater der Bundesrepublik wirklich zu einem Sadomaso-Freier machen?

Die Frage würden wir gern zurückgeben.

Dazu auch:

Franz Josef Wagner macht Jamaikaner zu Analphabeten

Wenn „Bild“-Briefchenschreiber Franz Josef Wagner einen Text so beginnt …

ein bisschen Völkerkunde in diesem Brief muss sein

… dann kann es danach nur bemerkenswert werden.

Der Text, aus dem dieser Einleitungssatz stammt, ist zwar schon ein paar Tage alt — er erschien am 27. September in „Bild“ und am späten Vorabend bei Bild.de. Wir wollen ihn hier aber doch noch aufgreifen. Also dann, Herr Wagner:

Ausriss Bild-Zeitung - Liebes Jamaika, ein bisschen Völkerkunde in diesem Brief muss sein. Jamaika geht es schlecht. 80 Tonnen Kokain werden pro Jahr von Südamerika nach Nordamerika durchgeschleust. Mafiöse Banden beherrschen die Insel. Es gibt Feuergefechte zwischen den Dealern und der Polizei.

Wagner kommt anschließend auf „die Koalitionsverhandler“ in der deutschen Bundespolitik, die nicht wüssten, „was Jamaika bedeutet.“ Danach eine mehr oder weniger zusammenhängende Gedankenkette: Sklaven-Händler, spanische Kolonialisten, britische Kolonialisten, Tanz und Gesang, Bob Marley, Dreadlocks, „I Shot the Sheriff“ und „No Woman, No Cry“*. Was einem eben so einfällt, wenn man fünfeinhalb Minuten vor Abgabe merkt, dass man ja noch gar nichts aufgeschrieben hat.

Und dann dieser Satz:

80 Prozent der Jamaikaner sind Analphabeten.

Nach einem kurzen Ausflug zum seit 20 Jahren entkriminalisierten Kiffen endet Wagner mit:

Ich machte einmal Urlaub auf Jamaika. Weißer Strand, Luxushotel. Als Tourist erfährt man nichts über Jamaika. Herzlichst, F. J. Wagner

Und auch später als „Bild“-Kolumnist hat man offenbar nich genug über Jamaika erfahren.

80 Prozent Analphabeten? Im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, gibt es rund 80 Prozent Analphabeten. Aber selbst in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan oder Mali können mehr als 30 Prozent der Menschen lesen und schreiben. Auf Jamaika liegt die Alphabetisierungsrate bei 88,7 Prozent. 11,3 Prozent der Bevölkerung sind also Analphabeten. Das ist immer noch ein hoher Wert. Sieht aber ganz anders aus als die „Völkerkunde“ eines Franz Josef Wagner.

Mit Dank an Lothar Z. für den Hinweis!

*Nachtrag, 12. Oktober: In einer ersten Version hatten wir den vermeintlichen Namen des Marley-Songs von Wagner übernommen: „No Women No Cry“ hatte der „Bild“-Kolumnist geschrieben. Das ist gleich doppelt falsch. Erstens muss es die Singular-Form „Woman“ sein. Und zweitens ist das Komma zwischen „No Woman“ und „No Cry“ inhaltlich bedeutend.

Mit Dank an @isoglosse für den Hinweis!

Kurz korrigiert (509)

Es gibt einiges zu korrigieren seit der vergangenen Ausgabe. Fangen wir also am besten direkt an …

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… und zwar mit „Björn Böhning“, der gar nicht Björn Böhning ist. Heute in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung:

Ausriss Bild-Zeitung - Björn Böhning (39), Chef der Senatskanzlei, steht am Kofferband und wartet

Die Person, die „am Kofferband“ steht und „wartet“, ist nicht Böhning, sondern „Tagesspiegel“-Redakteur Sidney Gennies. Beide hatten Berlins Bürgermeister Michael Müller in die Partnerstadt Los Angeles begleitet — Böhning in seiner Rolle als Chef der Berliner Senatskanzlei, Gennies als Journalist.

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Auch mit USA-Bezug, allerdings ein etwas anderes Metier:

Screenshot Bild.de - Vor den Augen seiner Kinder - Wrestling-Irrer springt wieder vom Zehn-Meter-Käfig

Über den Ausdruck „Wrestling-Irrer“ lässt sich sicher streiten, schließlich handelt es sich um Shane McMahon, der nicht nur professioneller Wrestler ist, sondern auch der Sohn des „WWE“-Eigentümers Vince McMahon, und dem einigermaßen klar sein dürfte, was er da so macht. Eindeutiger ist die Sache beim angeblichen „10-Meter-Käfig“, der beim sogenannten „Hell in a Cell“-Match traditionell 20 Fuß hoch ist, was umgerechnet etwas mehr als sechs Meter sind. Deswegen sprechen die meisten Redaktionen auch von „20 feet“ beziehungsweise einer „Sechs-Meter-Bruchlandung“. Nur bei Bild.de kommen noch mal vier Meter obendrauf.

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Zehn Jahre obendrauf gab’s für France Gall, von der „WAZ“:

Ausriss WAZ - Heute vor 80 Jahren (1947) wurde France Gall geboren.

Wir haben mehrmals nachgerechnet und kommen zu dem Schluss: Entweder handelt es sich um eine Meldung vom 9. Oktober 2027, oder die „WAZ“-Redaktion hat Schwierigkeiten mit Zahlen. Die französische Sängerin France Gall wurde gestern jedenfalls 70 Jahre alt.

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Apropos „WAZ“: Die heißt laut sportbild.de nicht mehr „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, sondern „Westfälische Allgemeine Zeit“:

Screenshot sportbild.de - Wer wird neuer Trainer bei den Bayern? Seit dem Rauswurf von Carlo Ancelotti brodelt die Gerüchteküche. Jetzt kommt ein neuer Name ins Spiel: Laut der WAZ (Westfälische Allgemeine Zeit) wird auch Louis van Gaal (66) als neuer Coach im Umfeld des Rekordmeisters diskutiert.

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Aber zurück zum Jahreszahlen-Durcheinander. So eines hat auch Bild.de hinbekommen — bei dieser Geschichte:

Screenshot Bild.de - Nur null zu null gegen Peru - Messi und Argentinien vor WM-Aus

Heute Nacht entscheidet sich, ob die argentinische Nationalmannschaft und Lionel Messi bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland dabei sind. Bild.de schreibt dazu:

Dennoch ist die Quali aus argentinischer Sicht bisher eine einzige Enttäuschung!

Und es droht ein doppeltes Drama: Argentinien wäre zum ersten Mal seit 47 Jahren nicht bei einer WM-Endrunde dabei.

Da die Fußball-WM nicht alle 3,917 Jahre stattfindet, sondern alle vier Jahre, wäre Argentinien zum ersten Mal seit 48 Jahren „nicht bei einer WM-Endrunde dabei.“

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Ebenfalls Fußball, ebenfalls ein einfacher Rechenvorgang, den Bild.de nicht hinbekommt. Nachdem FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller gegen den FSV Mainz 05 getroffen hatte, schrieb die Redaktion:

Überragend: Es ist der 200. Scorer-Punkt in Müllers Bundesliga-Karriere (87 Tore, 103 Vorlagen) — und das in nur 261 Spielen!

Tatsächlich hat Müller bisher 97 Bundesliga-Tore geschossen. Die 200 Scorer-Punkte stimmen also — vorausgesetzt die 103 Vorlagen, die Bild.de nennt, sind korrekt. Andere Statistiken sagen allerdings, dass Müller seltener Vorlagengeber in der Bundesliga war.

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Und zum Abschluss noch eine falsche Bild.de-Rechnung. Zu den Gehältern in der ARD schreibt das Portal:

Angeführt wird die Liste von WDR-Intendant Tom Buhrow. Sein Verdienst: 399 000 Euro im 2016 — umgerechnet auf 12 Monate wären das 33 333 Euro!

Nein.

Mit Dank an Peter H., Peter S., Daniel P., Marco F., Lothar Z., Pippo, @BoehningB und @JuergenKuehner, für die Hinweise!

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