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Die nächste Gratis-“Bild“ steht an

Im November will der Axel-Springer-Verlag die Haushalte dieses Landes wieder ungefragt mit Gratis-Ausgaben der „Bild“-Zeitung belästigen. Zumindest hat er das (in etwas anderer Wortwahl) seinen Werbekunden angekündigt (PDF, S. 54). Die „Bild zum Mauerfall“ soll voraussichtlich am 8. November erscheinen.

In der Ankündigung steht auch:

Personen, die ausdrücklich keine Zustellung wünschen und dies anmelden oder eindeutig zum Ausdruck gebracht haben, werden von der Zustellung ausgeschlossen.

Das war auch bei den bisherigen Gratis-“Bild“-Ausgaben so, allerdings wurden beim letzten Mal nicht alle Widersprüche akzeptiert — weil sie nicht rechtzeitig eingegangen seien, behauptete der Verlag.

Damit er sich diesmal nicht mit diesem Argument herausreden kann, haben wir beim Sprecher des Verlags nachgefragt, bis wann die Widersprüche spätestens abgeschickt werden müssen und an welche E-Mail-Adresse sie gehen sollen. Seine Antwort lautete:

[W]ir wissen bisher nur, dass wir uns zum Jahrestag des Mauerfalls etwas Besonderes einfallen lassen. Was das allerdings sein wird, ist im Moment noch völlig offen.

Natürlich. Dabei plant der Verlag die Gratis-“Bild“ schon mindestens seit März. Und vor Kurzem hat er noch mal explizit für das Projekt getrommelt (PDF, S. 16). Nun ja. Sobald er dann mal mit den Widerspruchs-Bedingungen rausrücken will, werden wir sie hier veröffentlichen.

Für eine ganzseitige Anzeige in der „Bild zum Mauerfall“ verlangt Springer übrigens vier Millionen Euro.

B.Z., Bild  

Die düsteren Manga-Fantasien des Boulevards

Im November vergangenen Jahres wurde bei Berlin ein 14-jähriges Mädchen mit mehreren Messerstichen getötet. Der mutmaßliche Täter wurde kurz darauf festgenommen.

„Bild“ berichtete damals — wie gewohnt — ohne Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte des Opfers …

… oder die des Verdächtigen:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Die Fotos stammten offensichtlich von Facebook. Dem Verdächtigen spendierte „Bild“ zwar einen schwarzen Augenbalken, nannte aber gleichzeitig so viele persönliche Informationen, dass sich an der Identifizierbarkeit kaum etwas geändert haben dürfte.

Beim Durchstöbern des Facebook-Profils des jungen Mannes stießen die Reporter aber noch auf etwas anderes, woraufhin die Berichterstattung (auch in der „B.Z.“) plötzlich eine ganz neue Stoßrichtung bekam — sie fanden nämlich: Manga-Zeichnungen.


„Bild“ beschrieb den mutmaßlichen Täter fortan konsequent als „Manga-Killer“ oder „Manga-Freak“, als „dicklichen“ „Außenseiter“, als „Einzelgänger“ und „versponnenen Sonderling“, der in einer „Wahn-Welt“ lebe, wie man ja schon an den „brutalen Manga-Bildern“ erkennen könne.

Die Freunde, die [M.] (20) zu Hause in seinem Jugendzimmer besuchen, haben riesige Kulleraugen und Kindchen-Gesichter. Sie kämpfen mit Schwertern, es geht um Leidenschaft und Tod. [...]

In seiner Internet-Welt ist [M.] so wie seine Manga-Helden. Gut aussehend, groß, bewundert. Verlässt er das Haus seiner Eltern in einer Kleinstadt im [Kreis XY], schrumpft er wieder zum Außenseiter.

Und auf der anderen Seite das „bildschöne und intelligente“ Mädchen, das „Kulleraugen-Girl“, das ausgesehen habe, „wie aus der Fantasie-Welt“ des mutmaßlichen Täters entsprungen.

Vor allem auf diese angebliche „auffällige Ähnlichkeit“ zwischen den Zeichnungen und dem mutmaßlichen Täter bzw. dem Opfer wiesen die Boulevardmedien immer wieder hin:

Das passt natürlich hervorragend: Der „Manga-Killer“, der sein Opfer wenige Wochen vor der Tat als „düstere Comic-Figur“ zeichnet — mit Wunden, die später auch bei dem getöteten Mädchen gefunden werden.

Doch so sehr es sich die Medien auch wünschen: Es stimmt nicht. Die Bilder, die den Täter und das Opfer zeigen sollen, stammen aus dem Kunstportal „deviantArt“ und wurden von einer Frau gezeichnet, die mit der Tat nicht das Geringste zu tun hat. Die sogenannten Fan-Arts zeigen auch keine realen Personen, sondern Figuren aus den Mangas „Black Rock Shooter“ und „Naruto“.

Die Zeichnerin beschwerte sich schon im November darüber, dass ihre Bilder ohne Genehmigung abgedruckt und als „persönliche Mord-Motive“ missbraucht worden waren. Sie erstattete auch Strafanzeige gegen „Bild“ und „B.Z.“, doch die Staatsanwaltschaft Berlin stellte das Ermittlungsverfahren ein.

In ihrer Begründung verwies die Staasanwaltschaft auf §50 UrhG, wonach in der „Berichterstattung über Tagesereignisse“ auch die Vervielfältigung von Werken erlaubt ist, „die im Verlauf dieser Ereignisse wahrnehmbar werden“. Diese Vorschrift trage, so die Staatsanwaltschaft, dem Umstand Rechnung, dass „die rechtzeitige Einholung bei aktuellen Ereignissen kaum möglich“ sei und gestatte daher „ausnahmsweise eine zustimmungsfreie Nutzung“.

Eine seltsame Begründung. Denn die Zeichnungen wurden auch mehrere Tage nach dem Mord noch gedruckt; die Redaktionen hätten also durchaus Zeit gehabt, den Ursprung der Bilder zu klären und eine Zustimmung einzuholen. Dass sie später nicht mehr behaupteten, der Mann habe die Figuren selbst gezeichnet, sondern lediglich schrieben, er habe sie „auf sein Internet-Profil geladen“, deutet außerdem darauf hin, dass sie sich im Klaren darüber waren, dass er nicht der Urheber der Zeichnungen ist. Und: Die Staatsanwaltschaft schreibt selbst, dass mit „Berichterstattung“ die „sachliche Schilderung tatsächlicher Geschehnisse“ gemeint sei. Was an „Die schwarze Kunst des Mädchen-Killers“ sachlich sein soll, schreibt sie allerdings nicht.

Wie dem auch sei: Spätestens seit Ende November — damals wandte sich die Mutter der Zeichnerin mit einer Beschwerde direkt an „Bild“ und „B.Z.“ — wissen die Redaktionen, dass die Zeichnungen nicht vom mutmaßlichen Täter stammen. Sie wissen auch, dass die angeblichen Ähnlichkeiten höchstens Zufall sein können. Und dass die Zeichnerin nicht mit der Verwendung ihrer Bilder einverstanden ist.

Tatsächlich hat die „B.Z.“ die Zeichnungen mittlerweile aus ihren Online-Artikeln gelöscht, und auch als vor wenigen Tagen der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begann, verzichtete die „B.Z.“ auf den Abdruck der Manga-Bilder.

Die „Bild am Sonntag“ nicht.

Diese Zeichnung hat der Täter auf sein Internet-Profil geladen. Die Manga-Figur sieht [dem Opfer] ähnlich, zeigt ein zierliches Mädchen mit traurigem Blick. Auf seinem Bauch hat es zwei lange Narben

Darüber, dass die Zeichnung von jemand anderem stammt und die Figur — inklusive Narben — ein gängiges Motiv in der Manga-Szene ist, verliert die Redaktion mal wieder: kein Wort.

Gefährlicher Journalismus

Journalisten sollten den Werther-Effekt kennen. Jene Tatsache also, dass sich mehr Menschen das Leben nehmen, wenn zuvor ausführlich über einen Suizid berichtet wurde. Dieser Effekt ist schon in vielen Untersuchungen bestätigt worden: Je länger und prominenter über einen Suizid berichtet wurde, desto größer war der folgende Anstieg der Selbstmordrate.

Darum fordern viele Institutionen — darunter der Deutsche Presserat, die Weltgesundheitsorganisation und die Deutsche Depressionshilfe –, dass Medien zurückhaltend über Suizide berichten sollen. Insbesondere dann, wenn es sich um einen Prominenten handelt.

Journalisten wissen also, dass sie eine große Verantwortung tragen, wenn sie über solche Fälle berichten. Dass sie ganz genau abwägen sollten, was und wie sie berichten — weil sie im schlimmsten Fall dazu beitragen könnten, dass sich Menschen das Leben nehmen.

Doch vielen scheint das egal zu sein.

Nach dem Tod von Robert Enke hatten etliche Medien tagelang ohne jede Rücksicht über dessen Suizid berichtet. Die Zahl der Selbsttötungen stieg daraufhin massiv an. „In Anbetracht früherer Befunde zum Werther-Effekt scheint sich dieser Zusammenhang ohne Einfluss der Medienberichterstattung kaum zu erklären“, schrieben Kommunikationswissenschaftler der Uni Mainz später in einer Analyse der Enke-Berichterstattung. Auch sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich in der Berichterstattung über Selbstmorde einiges ändern muss, um Nachahmungstaten zu verhindern.

Nur leider ist das vielen Journalisten immer noch egal.

Gestern wurde bekannt, dass sich der Schauspieler Robin Williams das Leben genommen hat.

Genügt das nicht schon an Informationen? Ist es für das Verständnis dieses Ereignisses wirklich erforderlich zu erfahren, wo, wie und womit er sich umgebracht hat, was er dabei anhatte, wie er aufgefunden wurde? Reicht es nicht, wenn die Leser erfahren, dass es ein Suizid war?

Offenbar nicht:




Viele Überschriften wollen wir gar nicht zitieren, weil sie einzig aus der Beschreibung der Suizidmethode bestehen. Und es sind nicht nur die Boulevardmedien, die ausführlich auf die „traurigen Details seiner letzten Minuten“ eingehen. Beschrieben werden die Begleitumstände unter anderem bei den Agenturen AFP und AP, in der „Berliner Morgenpost“, im „Südkurier“, im „Express“, bei „RP Online“, „Focus Online“ und der „Huffington Post“, auf den Internetseiten der „Tagesschau“, der „Welt“, der „FAZ“, der „Deutschen Welle“, der „tz“, des „Hamburger Abendblatts“, der „Mopo“, der „Gala“, der „Bunten“, der „inTouch“, von N24, RTL, der österreichischen „Krone“, dem Schweizer „Blick“ und vielen, vielen mehr.

Aber es gibt zum Glück auch positive Entwicklungen. Ein paar Medien halten sich tatsächlich zurück, etwa die dpa, die nicht auf die Begleitumstände von Williams’ Tod eingegangen ist. Eine bewusste Entscheidung, wie uns dpa-Sprecher Christian Röwekamp auf Anfrage mitteilte. Es habe „intensive Gespräche“ gebeben, auch mit den Kollegen in den USA, woraufhin die Agentur beschlossen habe, „eine sehr zurückhaltende Linie zu fahren“.

Und die „Bild“-Zeitung nennt unter ihrem heutigen Artikel immerhin die Nummer der Telefon-Seelsorge. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass ihr wirklich etwas daran liegt, die Zahl der Nachahmer gering zu halten — ein paar Zeilen weiter oben beschreibt auch sie ganz ausführlich, wo und wie sich Williams das Leben genommen hat.

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Bigotterie-Bigotterie

Wenn sich das Medienmagazin „Zapp“ über Hinrichtungs-Videos bei Facebook empört und dabei auch Szenen zeigt, in denen Vermummte mit Schusswaffen auf die vor ihnen knienden (aber unkenntlich gemachten) Männer zielen, dann ist das für „Bild“-Chef Kai Diekmann B-I-G-O-T-T-E-R-I-E.

Wenn sich hingegen die „Bild“-Zeitung über Facebook-Fotos mit abgetrennten Köpfen empört und dabei auch Facebook-Fotos mit abgetrennten Köpfen (aber unkenntlich gemachten Gesichtern) zeigt, dann ist das für „Bild“-Chef Kai Diekmann — Alltag.

Nachtrag, 17 Uhr: Kai Diekmann hat selbst eingesehen, dass es ein „fail“ war.

Randale auf Umwegen

Das Land Nordrhein-Westfalen will bei Fußballspielen künftig offenbar weniger Polizei einsetzen, was die „Bild“-Zeitung seit ein paar Tagen zum Anlass nimmt, das sportliche Sommerloch mit ein bisschen Hysterie zu füllen.

Für ihre gestrige Ausgabe hat sie sich diese neue Schreckensliste ausgedacht:

Minden, Mannheim, Hamm, Kassel, Würzburg, Magdeburg gehören zu den gefährlichsten Orten im deutschen Fußball.

Grund: Es sind sechs von zehn Umsteige-Knotenpunkten der Deutschen Bahn, an denen die Fans Wochenende für Wochenende aufeinander prallen.

Begleitend dazu haben die „Bild“-Onliner eine flotte Infografik gebastelt, deren Informationsgehalt sich bei näherem Hinsehen allerdings eher in Grenzen hält (Klick für größere Version):

Gut, inzwischen wurde der „sehr lange Text“ ersetzt, aber viel besser ist es dadurch nicht geworden.

Ein paar Beispiele.

Am 23. August könnte es laut Bild.de in Minden gefährlich werden, weil dort Schalke-Fans (die nach Hannover wollen) auf Fortuna-Köln-Fans (die nach Bielefeld wollen) treffen könnten:

Allerdings: Von Köln fahren Züge direkt nach Bielefeld, die Fans müssen also gar nicht umsteigen. Und wenn, dann eher in Hamm, nicht in Minden.

Einen Tag später könnten sich laut Bild.de am selben Bahnhof die Duisburger Fans (nach Chemnitz) und die Mainzer (nach Paderborn) treffen:

Auch sehr unwahrscheinlich — von Minden gibt es gar keine direkte Zugverbindung nach Paderborn (dagegen aber aus Hannover und Kassel).

Für die Fans von Dortmund II dürfte es auch eher schwierig werden, auf dem Weg nach Bielefeld in Minden umzusteigen, die Züge fahren nämlich über Bielefeld nach Minden.

Und die Fans der Stuttgarter Kickers lässt Bild.de auf ihrem Weg nach Bielefeld sowohl in Frankfurt (Main) als auch in Mannheim, Minden, Hannover und Kassel umsteigen — was ebenfalls sehr unrealistisch sein dürfte.

Oder das Aufeinandertreffen von Rostockern (nach Regensburg) und Schalkern (nach Hannover) in Hannover: Wenn die Schalker in Hannover ankommen, dürften die Rostocker schon längst wieder weg sein, weil ihr Spiel anderthalb Stunden früher beginnt und allein die Fahrt von Hannover noch mindestens vier Stunden dauert.

Aber solche Details übersieht die „Bild“-Redaktion ganz gerne mal, wenn sie ihr nicht in den Kram passen.

Das Foto, auf dem der Bahnsteig in Bengalo-Flammen steht, stammt übrigens nicht von einem der genannten Randale-Bahnhöfe, sondern vom Hamburger Hauptbahnhof, wie an dem Schild „Hamburg Hbf“ nicht allzu schwer zu erkennen ist — wenn man es denn sehen kann. In der Print-Ausgabe wurde es abgeschnitten; „Bild“ brauchte den Platz für die Schlagzeile.

Mit Dank an Ingo H., Peter M. und Tjalf P.!

Bild, dpa  

Angehörige sollen Fotografen verprügelt haben

In Freiburg ist vor zwei Wochen die Leiche eines achtjährigen Jungen gefunden worden. Die Ermittler gehen von einem Verbrechen aus.

Das Medieninteresse an dem Fall ist so enorm, dass das Ordnungsamt vor der Beerdigung des Kindes eine Verfügung verhängen musste, um Fotos und Filmaufnahmen während der Trauerfeier zu verhindern. Der Friedhof wurde so gut es ging abgeschirmt, Kameraleute mussten draußen bleiben.

Einige Journalisten warteten jedoch, bis die Beisetzung vorbei war, gingen auf den Friedhof und knipsten dann.

„Bild“ druckte in der Stuttgarter Ausgabe ein Foto, auf dem (aus einiger Entfernung) zu sehen ist, wie das Grab des Jungen zugeschaufelt wird. Online ist außerdem ein riesiges Foto erschienen, auf dem man die Trauerkränze und das Grabkreuz sieht.

Wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten, hat noch ein weiterer Journalist auf dem Friedhof fotografiert — und ist daraufhin von Angehörigen des Jungen krankenhausreif geprügelt worden.

Familienangehörige des ermordeten Achtjährigen haben einen Pressefotografen zusammengeschlagen, weil er das Grab des Jungen fotografiert hat. Das Opfer erlitt massive Gesichtsverletzungen und musste stationär in einem Krankenhaus behandelt werden. Das bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg (…).

Der Fotograf habe mehrere Stunden nach der Beerdigung Fotos vom Grab des Jungen gemacht, sich damit aber „rein rechtlich“ nichts zu Schulden kommen lassen, zitiert die Zeitung eine Polizeisprecherin.

Als er sich weigerte, den Angehörigen die Speicherkarte zu geben, soll ein Familienmitglied

ausgerastet sein und derart brutal auf den Mann eingeprügelt haben, dass dieser einen Kiefer- und einen Augenhöhlenbruch erlitt.

Weil dem Fotografen zudem die Speicherkarte abgenommen worden sei, ermittle die Staatsanwaltschaft jetzt gegen zwei Angehörige wegen Körperverletzung und räuberischen Diebstahls.

Weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei hatten den Fall öffentlich gemacht. „Auf ausdrücklichen Wunsch des Opfers“, wie es heißt.

Nach unseren Informationen war der Fotograf im Auftrag der dpa unterwegs. Die Agentur wollte sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht zu der Sache äußern.

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Mach’s noch einmal, Vrabec

Zum Auftakt der 2. Bundesliga ist am Freitag in „Bild Hamburg“ ein großes „Start-Interview“ mit dem Trainer von St. Pauli erschienen:

Interessanterweise decken sich die Antworten aber ziemlich genau mit dem, was Vrabec schon am Tag zuvor auf einer Pressekonferenz gesagt hatte (Vergleich).

Hat der Trainer also alles zweimal erzählt? Einmal für alle und dann noch einmal, ganz persönlich nur für „Bild“?

Nein. Der Pressesprecher des Vereins erklärte uns auf Anfrage, dass „Bild“ kein Extra-Interview bekommen habe. „Bild“-Reporter Thomas Dierenga tut einfach nur so, als hätte er alleine mit dem Trainer gesprochen. Auch die Fragen der anderen Journalisten gibt er als die seinen aus. So ist „Bild“ vor einigen Jahren auch schon mal an ein „Exklusiv“-“Interview“ mit Ronaldo gekommen.

Im „Interview“ mit Vrabec findet sich nur eine Aussage, die nicht in der PK vorgekommen ist. Laut Pressesprecher Christoph Pieper stand der Trainer nach der Konferenz noch kurz mit einigen Journalisten zusammen, vielleicht sei die Aussage dort gefallen. Möglicherweise habe der Reporter sie auch in einem anderen Interview oder während des Trainigslagers aufgeschnappt. Klar ist jedenfalls: Das Interview, das „Bild“ vorgibt geführt zu haben, gab es nicht.

So etwas komme durchaus vor, sagt Pieper, aber das sei kein „Bild“-spezifisches Phänomen. Auch andere Medien würden Pressekonferenzen als eigene Interviews verkaufen, übrigens nicht nur im Sportbereich. Für ihn sei aber der Inhalt entscheidender, nicht die Form der Präsentation. Weil das vermeintliche Interview „inhaltlich so weit okay“ gewesen sei, sei die Sache auch „kein extremer Aufreger“ für ihn. Zumindest in seiner Funktion als Pressesprecher. Er persönlich sehe diese Praxis aber schon problematisch, weil „dem Leser dort eine Form von Exklusivität vorgegaukelt wird, die es so nie gegeben hat.“

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wer hat’s erfunden?

„Bild“ beschäftigt sich heute mit Haris Seferović, dem neuen Spieler bei Eintracht Frankfurt. Und weil der aus der Schweiz kommt, klingt die Überschrift (Ausgabe Frankfurt) so:

Auch im Text taucht die kleine Spielerei mehrfach auf:

Eintracht wünscht sich Törli Törli unaufhörli!

Jetzt ist Seferovic doch in Frankfurt. Und sorgt hoffentlich unaufhörli für Törli Törli Törli anstatt für Ärger.

Zur Erklärung schreibt „Bild“ noch:

Törli ist ein liebevoller Begriff in der Schweiz für Tore.

Ja, das stimmt auch.

Allerdings — wir haben extra bei unseren Schweizer Freunden nachgefragt — nur für solche. Und nicht für solche.

Oder, wie der Schweizer „Blick“ schreibt:

Den Eintracht-Fans wird’s egal sein, dass in der ganzen Schweizer Fussballgeschichte noch nie jemand das Wort „Törli“ in den Mund genommen hat. Hauptsache, Seferovic schiesst seine Tore…

Mit Dank an Alexander M. und Hannes S.

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Die Opfer, die „Bild“ bringt (4)

In Gaza sind gestern nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsverwaltung 129 Menschen getötet und mehr als 400 verletzt worden. Beim Beschuss einer Schule der Vereinten Nationen, in die sich Tausende Menschen geflüchtet hatten, starben viele Kinder und humanitäre Helfer. Die USA verurteilten den israelischen Beschuss, kritisierten aber mit Blick auf die Hamas auch diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen, dass Waffen in UN-Einrichtungen versteckt worden seien. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte: „Es gibt nichts Beschämenderes, als schlafende Kinder anzugreifen.“ Die Vereinten Nationen hätten Israel den Standort der Mädchenschule mehrfach mitgeteilt. „Ich verurteile diesen Angriff auf das Schärfste. Er ist durch nichts zu rechtfertigen.“

In der „Bild“-Zeitung (Bundesausgabe) steht dazu heute:

 

Nichts.

 

Die „Bild“-Zeitung legt die Selbstverpflichtung des Axel-Springer-Verlages, „die Lebensrechte des israelischen Volkes“ zu unterstützen, in besonderer Weise aus. Sie lässt eine Seite des Krieges einfach weg.

Die andere Seite kommt umso prominenter und permanenter vor.

An dem Tag, an dem die „Bild“-Zeitung keinen Platz fand, die Toten im Gaza-Streifen überhaupt nur zu erwähnen, berichtete sie groß von einer Reise deutscher Politiker mit „Bild“ nach Israel:

Es war eine Reise für für Frieden, Freundschaft und Verständigung!

„Höhepunkt“ der Reise sei ein Treffen mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman gewesen.

Am Vortag berichtete „Bild“ groß über Deutsche Touristen in Israel. Die getöteten Menschen im Gaza-Streifen, sie kamen hier nur in einer Weise vor, dass man glauben könnte, sie seien in Israel gestorben:

Außerdem ließ sich eine „Bild“-Reporterin von einem israelischen Soldaten die „Terror-Tunnel der Hamas“ zeigen und erzählt, dass durch einen solchen Tunnel Hamas-Kämpfer nach Israel eingedrungen seien und fünf israelische Soldaten erschossen hätten.

Und „Bild“ verkündete, dass die deutschen Politiker — „Auf Mission für Verständigung und gegen Judenhass in Israel!“ — in Israel gelandet seien und am nächsten Tag unter anderem Außenminister Avigdor Lieberman treffen würden.

Noch einen Tag zuvor, am Dienstag, bestand die Berichterstattung über den Gaza-Krieg in der „Bild“-Zeitung darin, anzukündigen, dass deutsche Politiker mit „Bild“ nach Israel reisen würden, um „ein Zeichen gegen Judenhass und Intoleranz“ zu setzen.

Solidarität mit Israel bedeutet für „Bild“, den Lesern eine Seite der Geschichte systematisch vorzuenthalten.

 

Archiv: Die „Bild“-Berichterstattung über Nahost-Kriege 2006 und 2009:

Kein Platz für Judenhass!
Für Moslemhass aber schon

In dieser Woche hat die „Bild“-Zeitung eine große Kampagne gestartet.

WIR WERDEN NICHT LÄNGER SCHWEIGEN!

Nach den antijüdischen Attacken der vergangenen Tage erhebt Deutschland jetzt seine Stimme – GEGEN Antisemitismus und Judenhass. Und FÜR Toleranz.

Nur zur Erinnerung: Diese Zeitung, die da FÜR Toleranz kämpft, ist genau dieselbe, die jahrelang eine beispiellose Hetzkampagne gegen ein ganzes Volk geführt hat. Und die bei jeder Gelegenheit Misstrauen und Hass gegenüber Sinti und Roma schürt. Und die erst neulich noch versucht hat, einen „Islamrabatt“ an deutschen Gerichten zu unterstellen.

Aber jetzt geht es ja nicht um Roma, sondern um Juden, und gegen die darf nicht gehetzt werden, das findet sogar „Bild“.

schrieb auch Bild.de-Chef Julian Reichelt, als er sich vor zwei Tagen über den „menschenverachtende[n] Hass“ empörte, der sich in den Sozialen Netzwerken breitmache.

Die Postings auf unseren Social-Media-Seiten reichen von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Adolf-Hitler-Fotos. (…)

Um es einmal ganz klar zu sagen:
► Wir bei BILD und BILD.de wollen solche Menschen nicht.
► Wir wollen sie nicht als Leser, nicht als User, nicht als Facebook-Freunde, nicht als Twitter-Follower.
► Wir wollen mit ihnen nichts zu tun haben.
► Wir wollen ihr Geld nicht, ihre Klicks nicht, ihre Zeit nicht, ihre Aufmerksamkeit nicht.

Jetzt auf einmal. Vergangene Woche brauchte „Bild“ erst sechs Tage und einen Blogeintrag von uns, um den menschenverachtenden Hass von ihren Social-Media-Seiten zu entfernen.

Aber selbst wenn man den Populismus und die Scheinheiligkeit mal ausblendet, selbst wenn man verdrängt, was die „Bild“-Zeitung in der Vergangenheit getan hat und wie verlogen ihr plötzliches Toleranzgetue deshalb wirkt, selbst dann hat diese Kampagne noch einen widerlichen Beigeschmack. Denn während das Blatt den Hass auf die eine Religion kritisiert, befeuert es zugleich den Hass auf eine andere.

Zu Beginn der Kampagne fragte „Bild“:

Gast-Pöbler Henryk M. Broder erklärte:

Der Judenhass, der sich derzeit entlädt, ist ein importierter, ein Judenhass mit Migrationshintergrund. Seine Protagonisten sind zum allergrößten Teil Araber und Türken, unterstützt von Bio-Deutschen, deren Großeltern noch selber „Juda verrecke!“ gebrüllt haben. (…)

Das Gewissen mancher arabischen und türkischen Mitbürger schlägt erst aus und dann zu, wenn sich ihre Wut gegen die Juden bzw. Israel richten kann. Erstens weil sie meinen, damit Zustimmung bei den Mitbürgern ohne Migrationshintergrund zu finden, zweitens weil sie sonst keine Gelegenheit haben, Dampf abzulassen und sich bemerkbar zu machen. Wann und wo sonst dürfen verschleierte Frauen bei politischen Demonstrationen mitlaufen?

Der Antisemitismus ist der „Sozialismus der dummen Kerle“, hat August Bebel gesagt, einer der Urväter der SPD. Die dummen Kerle von heute schreien nicht „Heil Hitler“, sondern „Allahu Akbar“. Sie wollen sich nicht von den Fesseln ihrer Traditionen, sondern Palästina von den Juden bzw. Zionisten befreien.

Auch Nicolaus Fest, der Vize-Chef der „Bild am Sonntag“, schreibt heute vom „importierten Rassismus“. Aber während Broder seine Ausführungen noch auf „manche arabische und türkische Mitbürger“ beschränkt, geht Fest noch einen Schritt weiter. Einen gewaltigen Schritt. Er schreibt:

Ich bin ein religionsfreundlicher Atheist. Ich glaube an keinen Gott, aber Christentum, Judentum oder Buddhismus stören mich auch nicht.

Nur der Islam stört mich immer mehr. Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle.

Mich stören Zwangsheiraten, „Friedensrichter“, „Ehrenmorde“.

Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.

Am Ende seiner Hasspredigt seines Kommentars fragt er:

Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Uff.

Es ist nicht das erste Mal, dass Nicolaus Fest in dieser Weise auffällt. Nicht umsonst werden seine „erstklassigen“ Kommentare regelmäßig in rechten Hetzblogs angepriesen; nicht umsonst bescheinigen selbst hartgesottene Moslemhasser, dass sie dieses oder jenes „in dieser Schärfe zu schreiben gar nicht gewagt hätten“ oder dass ihnen Fest „langsam unheimlich“ werde.

So explizit fremdenfeindlich wie heute war er aber wohl noch nie. Auf Twitter hagelte es auch gleich heftige Kritik, selbst „Bild“-Chef Kai Diekmann distanzierte sich, und mehrere Politiker forderten, „Bild“ solle sich für diesen „Schwachsinn“ entschuldigen. Fests Reaktion zeugte dann allerdings nur einmal mehr davon, wie hoffnungslos sein Fall ist:

Irgendwann muss aber dann doch mal jemand bei der „BamS“ den Verstand eingeschaltet haben, jedenfalls entschuldigte sich die Chefredakteurin Marion Horn heute Abend per Twitter:

Morgen wird außerdem in der Print-“Bild“ ein Kommentar von Kai Diekmann erscheinen, der wohl ebenfalls so etwas wie eine Entschuldigung sein soll, auch wenn viele Leser sie nicht als solche erkennen werden. Er schreibt:

Über den Islam sind in den letzten Jahren viele gesellschaftlich wichtige Debatten geführt worden.

Wie tolerant, wie friedfertig ist diese Religion? Wieviel Einfluss sollte der Islam – Glaube von Millionen Menschen in Deutschland – in unserem christlich geprägten Land haben?

Für BILD und Axel Springer gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus.

Und weiter:

Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.

Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben.

Auf den Kommentar von Nicolaus Fest, der genau das gemacht hatte, geht Diekmann mit keinem Wort ein.*

Aber er schreibt:

Zu welchem Gott die Gläubigen (…) beten, macht keinen Unterschied, darf keinen Unterschied machen. Bei BILD und Axel Springer ist deshalb kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben.

Wenn er das wirklich ernst meint, muss sich Nicolaus Fest wohl ein neues Hetzblatt suchen.

Siehe auch:

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