Archiv für Bild

Julian Reichelt erfindet Richter-Zitat

In der „Bild“-Zeitung von heute kann man mal wieder sehr schön sehen, wie unsauber „Bild“-Oberchef Julian Reichelt arbeitet, wie egal es ihm ist, seine Leserschaft ordentlich zu informieren, wie sehr er auf journalistische Verantwortung und verantwortlichen Journalismus pfeift. Und das alles nur, um mal wieder so richtig losknallen zu können.

Es geht um eine Entscheidung des Landgerichts Frankfurt am Main. Das hat gestern Ansprüche eines Studenten aus Israel gegen „Kuwait Airways“ auf Beförderung sowie auf Entschädigung wegen Diskriminierung zurückgewiesen. Der junge Mann wollte mit der staatlichen Fluglinie von Frankfurt nach Bangkok reisen, mit Zwischenstopp in Kuwait. Als die Airline von seiner Staatsangehörigkeit erfuhr, stornierte sie sein Ticket. In Kuwait gibt es ein Gesetz, das Geschäftsbeziehungen jeglicher Art mit Staatsbürgern Israels verbietet. Dieses „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ kann man empörend und das Verhalten von „Kuwait Airways“ schäbig finden. Genauso kann man es völlig zurecht schrecklich finden, dass einem Menschen aufgrund seiner Staatsangehörigkeit ein Flug verweigert wird.

Das Landgericht Frankfurt gab „Kuwait Airways“ gestern allerdings recht — es entschied, dass es den israelischen Studenten nicht befördern müsse. „Bild“-Chefchef Julian Reichelt kommentiert dazu heute in „Bild“ und bei Bild.de:

Ausriss Bild-Zeitung - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Screenshot Bild.de - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Der Israeli klagt in Deutschland — und verliert. Der Israeli sei Kuwait Airways — und jetzt kommt ein Zitat — „nicht zumutbar“, so das Landgericht Frankfurt.

Dass Juden in irgendeiner Weise „nicht zumutbar“ sein sollen, ist die Sprache der „Nürnberger Rassengesetze“, die wiederum Grundlage für Boykott, Deportation und schließlich „Endlösung“ waren.

Dass ein deutscher Richter sich dieser Sprache bedient, um ein Skandalurteil zu rechtfertigen, ist eine Schande für Deutschland.

Erstmal: So ungewöhnlich ist die Wendung „nicht zumutbar“ in Gerichtsentscheidungen nicht. Einem Richter aufgrund von zwei regelmäßig verwendeten Worten vorzuwerfen, er bediene sich der „Sprache der ‚Nürnberger Rassengesetze'“, ist bemerkenswert.

Was noch bemerkenswerter ist: Auch wenn Julian Reichelt sich alle Mühe gibt („und jetzt kommt ein Zitat“), es so aussehen zu lassen, als würde er in seinem Kommentar sauber zitieren, arbeitet er extrem unsauber. Er reißt die zwei Worte „nicht zumutbar“ komplett aus dem Zusammenhang.

Das Landgericht Frankfurt hat — anders als Reichelt es darstellt — nicht gesagt, der Israeli sei „Kuwait Airways“ „nicht zumutbar“. Stattdessen schreibt es in einer Pressemitteilung (PDF), dass es für die Fluglinie „nicht zumutbar“ sei, gegen ein in Kuwait geltendes Gesetz zu verstoßen und damit rechtliche Folgen für die eigenen Mitarbeiter in Kauf zu nehmen:

Das Landgericht hat heute entschieden, dass es der kuwaitischen Fluggesellschaft aus rechtlichen Gründen unmöglich ist, den Kläger aufgrund seiner israelischen Staatsbürgerschaft zu befördern. Das Einheitsgesetz zum Israel-Boykott verbiete es nämlich der kuwaitischen Fluggesellschaft als juristischer Person des Staates Kuwait, einen Vertrag mit einem israelischen Staatsangehörigen zu schließen. Verstöße dagegen würden in Kuwait mit Gefängnisstrafe, harter Arbeit oder Geldstrafe geahndet. Es sei einer Vertragspartei nicht zumutbar, einen Vertrag zu erfüllen, wenn sie damit einen Gesetzesverstoß nach den Regeln ihres eigenen Staates begehe und sie deswegen damit rechnen müsse, dort bestraft zu werden. Das Landgericht hat ausgeführt: „Es geht bei der Beurteilung einer rechtlichen Unmöglichkeit nicht darum, aus Sicht eines deutschen Gerichts zu beurteilen, ob das Gesetz eines fremden Staates — hier das Gesetz (…) des Staates Kuwait — sinnvoll ist und ob es nach den Wertungen der deutschen und europäischen Rechtsordnung Bestand haben könnte.“ Eine inhaltliche Bewertung des kuwaitischen Einheitsgesetzes zum Israel-Boykott ist mit dem heute verkündeten Urteil daher nicht — auch nicht mittelbar — verbunden.

Julian Reichelt ist ja nicht doof, er kann lesen. Er ist in der Lage, die Begründung des Gerichts zu verstehen. Er will sie aber nicht verstehen. Ihm ist es offenbar egal, dass er seinen Leserinnen und Lesern falsche Fakten präsentiert.

Auch nach der (noch nicht rechtskräftigen) Entscheidung des Landgerichts Frankfurt kann man das kuwaitische „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ erbärmlich finden. Man kann die Begründung des Landgerichts Frankfurt für völlig falsch halten und von einem „Skandal-Urteil“ sprechen. Man kann auch, so wie es Reichelt in seinem Kommentar tut, die Bundeskanzlerin auffordern, „Kuwait Airways“ die Start- und Landerechte in Deutschland zu entziehen. Man sollte aber, damit alles zur eigenen Meinung passt, nicht irgendwelche Zitate erfinden.

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Für „Bild“-Kritik ist in „Bild“ kein Platz

Zum Boulevard-Murks von „Bild“ gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: „Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.“

Sie stammt aus einem Text, der in der „Bild“-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel „Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden“ geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei „Bild“-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum „Bayern-Doc“, weil er keine Lust hatte, sich von den „Bild“-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte „Bild“ dann Neuers „Bild“-Kritik — ohne den „Bild“-kritischen Teil –, um einen neuen „Bild“-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

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Die Verlierer von „Bild“

Es braucht nicht viel, um für die „Bild“-Redaktion der „VERLIERER“ des Tages zu sein. Ein Tweet reicht schon. Und in diesem Tweet muss nur ein einziger Buchstabe an der falschen Stelle stehen — schon landet man schwarzumrandet auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - FDP-Chef Christian Lindner (38) betätigt sich als Geschichtslehrer. Auf Twitter erinnerte er an die Bedeutung des Datums 9. November (1918 Republikgründung, 1938 Reichspogromnacht, 1989 Mauerfall): lehrt, dass Demokratie immer neu gewonnen werden muss. Allerdings schrieb er statt Pogrom Progrom. BILD meint: Nachsitzen!

Da müssen wir aber erstmal schauen, ob in dem Raum mit all den Nachsitzern noch Platz für Christian Lindner ist. Dort befinden sich schließlich schon einige Mitarbeiter der „Bild“-Medien.

Bild.de gestern, also an dem Tag, an dem Lindner „Progrom“ twitterte:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze mit weißen Nelken nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht vor 79 Jahren.

Im Teaser zu dem Artikel derselbe Fehler:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht.

Bild.de am 4. Mai dieses Jahres:

Screenshot Bild.de - Die Skulptur steht in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem bis zur Progromnacht am 9. November 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hannovers stand.

Bild.de am 11. November 2016:

Screenshot Bild.de - Unfassbar! Zum Gedenktag der Reichsprogromnacht haben Neonazis auf einer widerlichen Hass-Seite eine Karte mit 70 Standorten veröffentlicht, die jüdische Einrichtungen und Geschäfte in Berlin markiert.

Bild.de am 16. Juli 2016:

Screenshot Bild.de -In der Reichsprogromnacht 1938 wurde das Geschäft verwüstet und angezündet.

Bild.de am 2. Mai 2015:

Screenshot Bild.de - Die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde 1938 in der Reichsprogromnacht verwüstet, im Juli 1939 abgerissen.

Bild.de am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Reichsprogromnacht: Gedenken an ermordete Mitbürger

Im Artikel kommt auch noch diese Variante vor:

Screenshot Bild.de - Zur Gedenkfeier anlässlich der Reichsprogomnacht vor 75 Jahren kamen deutlich mehr Menschen ins Alte Rathaus als vorgesehen.

Bild.de ebenfalls am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Bewegende Rede von Bundespräsident Joachim Gauck (73) zum Gedenken an die Progromnacht vom 9. November 1938

Bild.de am 13. Mai 2009:

Screenshot Bild.de - Bremens Juden erhielten erst 1850 ihre vollen Bürgerrechte. Nationalsozialisten zerstörten in der Reichsprogromnacht (1938) die erste Synagoge im Schnoor.

Bild.de am 10. November 2006:

Screenshot Bild.de - Nach Gedenken an Progromnacht in Frankfurt (Oder)

Und:

Screenshot Bild.de - Neonazi-Randale nach einer Gedenkveranstaltung zur Progromnacht vom 9. November 1938.

Nachtrag, 13. November: Die „Bild“-Redaktion hat sich heute selbst zum „VERLIERER“ des Tages erklärt:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - Am Freitag forderten wir FDP-Chef Christian Lindner (38) an dieser Stelle zum Nachsitzen auf. Grund: Er hatte das Wort Pogrom (russisch für Zerstörung) falsch geschrieben. Allerdings nicht er allein: Bild leider auch. Sogar ziemlich oft. Bild meint: Wer im Glashaus nachsitzt

Mit Dank an Patrick für den Hinweis!

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„Bild“ denkt auch an die Kleinen

Regt sich hier irgendjemand über die Millionäre, Milliardäre und Riesenkonzerne auf, die laut „Paradise Papers“ der „Süddeutschen Zeitung“ in Steuerparadiesen und mit Briefkastenfirmen unglaublich viel Steuern sparen? Ja? Dann mal halblang! „Die kleinen Leute“ machen das doch auch:

Ausriss Bild-Zeitung - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

So sah vorgestern die Titelseite der „Bild“-Zeitung aus. Bild.de stellte bucklige Einkaufstütenschlepper und lachende Champagnerschlürferinnen gegenüber:

Screenshot Bild.de - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

Auf Seite 2 der „Bild“-Zeitung war es schon keine Frage mehr, ob „die kleinen“ besser sind als die „großen Fische“:

Ausriss Bild-Zeitung - Milliardenbetrug durch die großen Fische, doch die kleinen sind nicht besser

Was soll das werden? Das typische „Bild“-Spiel, das auch Gertjan Verbeek, einst Trainer des VfL Bochum, erkannte, als er einen „Bild“-Reporter bei einer Pressekonferenz anblaffte: „Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus?“ Will die „Bild“-Redaktion eine Neid-Debatte? Will sie die Enthüllungen der „Paradise Papers“ kleinschreiben, weil ja auch der Büroangestellte bei der Pendlerpauschale schummelt, und die Putzfrau zweimal die Woche schwarz arbeitet: Schaut da, die Kleinen, die machen das doch auch — regt euch also mal nicht so auf?

Natürlich summiert sich dieses Ergaunern im Kleinen bei Millionen jährlichen Familienfeiern, die als Geschäftsessen deklariert werden. Dem Staat fehlt dadurch enorm viel Geld, das er eigentlich bekommen müsste. Darüber kann man sich zurecht ärgern. Aber die Schwerpunktsetzung, die Aufmachung und der Zeitpunkt der „Bild“-Titelgeschichte vom Dienstag nehmen Dampf aus einem aktuellen, wichtigen Thema: das systematische Verhindern von Steuerzahlungen durch Reiche und Superreiche in einem riesigen Ausmaß. Und dank „Paradise Papers“ gibt es für manche dieser Fälle nun Unterlagen, die dies nahelegen oder sogar beweisen.

Wirklich konsequent ist das Relativieren der „Bild“-Redaktion auch nicht. Normalerweise regt sie sich tierisch auf, wenn der Staat von Einzelpersonen übers Ohr gehauen wird.

Ein Beispiel. Wenn ein Asylbewerber aus dem Sudan sich mit Hilfe von sieben verschiedenen Identitäten 21.701 Euro ertrickst, titelt “Bild” groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Abzocke - So wird der Staat noch immer ausgetrickst!

Das sei „ein krasser Fall von Sozialbetrug“, schreiben die Autoren dann. Ralf Schuler, Leiter des „Bild“-Parlamentsbüros, kommentiert, dass der Fall „richtig wütend“ mache. Das sei „kriminelle Energie. Sozialbetrug als Geschäftsmodell!“ Kriminelle Energie, Betrug als Geschäftsmodell — das passt auch zu zahlreichen Fällen in den „Paradise Papers“. Nur die Wut verspürt Schulers Redaktion dazu offenbar nicht.

Noch ein Beispiel. Wenn eine Frau „(31, polizeibekannt)“ aus Serbien in Berlin lebt und mit ihren sechs Kindern „Tausende Euro Leistungen bezogen“ hat, „obwohl ihr Asylantrag abgelehnt wurde“, titelt „Bild“ groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asylbetrug - So leicht ist es, in Deutschland abzukassieren

Das sei „ein unglaublicher Fall“, schreiben die Autoren dann. In seinem Kommentar fordert Dirk Hoeren, Chefkorrespondent der „Bild“-Zeitung, „Missbrauch und Betrug“ zu stoppen.

Noch ein Beispiel. Wenn ein Mann aus Deutschland bei seinem Antrag auf Sozialhilfe Einkünfte aus Häusern im Ausland verschwiegen haben soll, schreibt „Bild“ tagelang:

Ausriss Bild-Zeitung - Berlins schlimmster Sozial-Schmarotzer aufgeflogen

Noch ein Beispiel. Wenn sich eine obdachlose Hartz-IV-Empfängerin, die für ihre Essens-Bons keinen Alkohol und keinen Tabak bekommt, 113 Flaschen Mineralwasser besorgt, diese direkt vor dem Geschäft auskippt und sich vom Pfandgeld Alkohol und Tabak kauft, schreibt „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Unfassbar - Hier kippt eine Hartz-IV-Empfängerin Wasserflaschen aus, die sie für ihre Essens-Bons bekommen hat. Vom Pfand will sie Alkohol und Zigaretten kaufen

Wegen einer 50-Euro-Trickserei mit Steuergeld echauffiert sich die „Bild“-Redaktion und stellt diese Frau, die wohl zu den Ärmsten der Armen gehört, an den Pranger.

Wenn einige Millionäre und Milliardäre sich niedrige bis gar keine Steuern erschummeln, die dem Staat dadurch fehlen, titelt „Bild“ zwar auch groß, aber nur um mit dem Finger auf die buckligen Einkaufstütenschlepper zu zeigen und zu fragen: Und was ist mit den Kleinen?

Mit Dank an @ThomasLaschyk für den Hinweis!

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Die miesen Mobber von „Bild“

Mariah Carey soll sich den Magen verkleinert haben lassen. Das berichtet Bild.de und beruft sich dabei auf einen Artikel des „Promi-Portals ‚Page Six'“, das sich wiederum auf eine „anonyme Quelle“ beruft:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey - Magen verkleinert - wegen miesem Mobbing

Ja, zugegeben, wir haben auch schon mal eine bessere Quellenlage gesehen. Doch ob es nun stimmt oder nicht, dass die Sängerin sich „bereits vor einem Monat“ von einem „Star-Chirurgen aus Bevery Hills“ „Teile ihres Magens“ operativ entfernen lassen hat, ist gar nicht so wichtig. Interessant ist der angebliche Grund, den Bild.de nennt:

Der Grund demnach: das explodierende Gewicht von Mariah Carey — und fiese Online-Kommentare von bösen Mobbern!

Nein! Da machen sich Leute im Internet lustig über das Gewicht von Mariah Carey? Denken sich blöde Wortspiele zu ihrer Figur aus? Schau an!

Wir wissen sogar, wo manche dieser „bösen Mobber“ sitzen und ihre „fiesen Online-Kommentare“ verfassen: im Axel-Springer-Hochhaus.

„Bild“ im Juli 2017:

Ausriss Bild-Zeitung - Carey im Glitzer-Fummel - Echt SPECK-takulär, Mariah!

Außen prall, darunter streich(el)fähig.

Pop-Presswurst Mariah Carey (47, „Butterfly“) treibt die Zahl überzeugter Vegetarier mit ihren ewig einschneidenden Bühnenoutfits dramatisch in die Höhe.

Fleischeslust wecken ihre hautfarben bestrumpften XL-Kurven im XS-Fummel nämlich NICHT!

Bild.de im Juli 2016:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey urlaubt auf Capri - Die Pop-Diva im Neoprall-Anzug

Carey klettert von einer Millionen-Dollar-Jacht und lässt sich von ihrem Gefolge helfen, wie es sich für eine Pop-Prinzessin gehört. Dabei trägt sie einen hautengen Neopren-Anzug, der ihre prallen Kurven zusammenquetscht — der dazugehörige Reißverschluss hat allerdings schon aufgegeben und bleibt auf Bauchnabel-Höhe hängen.

Bild.de im April 2015:

Screenshot Bild.de - Fiese Glitzer-Pelle - Mariah Carey trägt in Las Vegas dick auf

Bild.de im November 2014:

Screenshot Bild.de - Zehn um zehn - Zehn knackige Presswurst-Outfits von Mariah Carey

In China war es gerade wieder so weit: für ein Konzert zwängte sich Mariah Carey (44) in einen Ultra-Mini und bewies einmal mehr, dass sie die prominenteste Presswurst der Welt ist.

Bild.de im Oktober 2010:

Screenshot Bild.de - Sängerin XXL - Mariah Carey: Die fetten Jahre sind nicht vorbei

Wurde Mariah Carey (40) aufgepumpt? Oder ist sie tatsächlich schwanger? Sicher ist: Die fetten Jahre sind nicht vorbei, wie das Foto oben beweist!

Mit Dank an Moritz D. für den Hinweis!

Bild  

Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer bloß nicht von diesem „Bild“-Quiz

Die „Bild“-Redaktion will ja nicht nur Erwachsene mit falschen Fakten versorgen informieren, sondern auch junge Leute. Deswegen ist sie auch auf den Plattformen aktiv, die junge Leute eben so nutzen, zum Beispiel Snapchat.

Und wie ließe sich Wissen komprimiert besser vermitteln als in einem Quiz?

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer von diesem Quiz

Ähm, ja, nee. Besser du erzählst niemandem von diesem Quiz. Und erst recht nicht deinen Erdkunde- und Politik-Lehrern.

Denn während die „Bild“-Redaktion es noch hinbekommt, den Kölner Dom in Nordrhein-Westfalen zu verorten, Nürnberg als zweitgrößte Stadt in Bayern zu nennen und Helgoland, Föhr sowie Sylt nicht zu den Ostfriesischen Inseln zu zählen, geht bei dieser Usedom-Frage schon mal alles schief:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der größte Teil der Insel Usedom gehört zu - die vier Antwortmöglichkeiten: Polen, Niederlande, Österreich, Dänemark - laut Bild richtig: Polen

Es verläuft zwar ein Stück der deutsch-polnischen Grenze auf Usedom — die Insel gehört also zum Teil zu Polen. „Der größere Teil der Insel Usedom gehört“ allerdings zu Mecklenburg-Vorpommern — und damit zu Deutschland.

Bei einer anderen Frage in ihrem Erzähl-das-mal-deinem-Lehrer-Quiz gibt die Redaktion ein noch traurigeres Bild ab:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten ist ... - die vier Antwortmöglichkeiten: das Berghain, Schloss Bellevue, der Bundestag, Schloss Charlottenburg - laut Bild richtig: Schloss Charlottenburg

In den Jahren 2004 bis 2006 wurde das Schloss Charlottenburg tatsächlich mal vom Bundespräsidenten genutzt, allerdings nur als Zwischenlösung, als der eigentliche Amtssitz, Schloss Bellevue, renoviert wurde.

Wenn das Schloss Charlottenburg aktuell „der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten“ sein soll, dann ist das Axel-Springer-Hochhaus der Berliner Amtssitz versierter Quizmaster.

Mit Dank an @politischernate, @PatKloe und für die Hinweise!

30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn (3)

In der „Bild“-Zeitung ist heute so etwas wie eine Korrektur erschienen:

Ausriss Bild-Zeitung - In der Donnerstag-Ausgabe titelte Bild: 30000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden. Um die Korrektheit der Schlagzeile entbrannte heftiger Streit. Richtig ist: Die 30000 Personen, über deren Verbleib die Behörden offenbar keine zentral erfassten, gesicherten Erkenntnisse haben, sind nicht allein abgelehnte Asylbewerber. Hier hatte Bild nicht korrekt formuliert. Es sind zum Teil auch andere Ausländer, die vollziehbar ausreisepflichtig sind, weil zum Beispiel ihr Visum abgelaufen ist und sie sich deshalb illegal in Deutschland aufhalten würden.

Immerhin etwas Einsicht.

Nur: Das stimmt in dieser Form nun auch nicht ganz, denn das Problem bei der großen „Bild“-Titelzeile von Donnerstag war letztlich nicht die Formulierung, sondern die Unfähigkeit, das Zahlenmaterial wenigstens ansatzweise zu verstehen, und die daraus resultierende falsche Rechnung. Dazu ist in dem Text von heute kein Wort zu finden. Stattdessen tut die Redaktion so, als hätte sie etwas Großes entdeckt, alles richtig verstanden, nur eben blöderweise „nicht korrekt“ formuliert:

BILD war auf die Zahl der rund 30 000 Personen gestoßen, weil das AZR [Ausländerzentralregister] (per Ende 2016) insgesamt 54 400 vollziehbar Ausreisepflichtige ausweist. Das Statistische Bundesamt führt zugleich rund 23 600 Personen, die staatliche Asyl-Leistungen erhalten.

Der Fehler, den „Bild“-Autorin Larissa Krüger gemacht hat: Diese beiden Zahlen zu verrechnen, die in dieser Form nicht zu verrechnen sind. Stattdessen hätte sie zum Beispiel die 28.000 vollziehbar ausreisepflichtigen Schutzsuchenden nehmen können, die das Statistische Bundesamt nennt. Übrig geblieben wären dann — statt 30.000 — rund 4400 Personen. Ob das für eine „Bild“-Titelgeschichte gereicht hätte?

Noch am Donnerstag hatte Bild.de darauf bestanden, dass an dem Bericht zu den vermeintlichen 30.000 verschwundenen ausreisepflichtigen Asylbewerbern nichts auszusetzen sei. Die Redaktion präsentierte sogar einen prominenten Fürsprecher mit einer angeblichen Bestätigung:

Screenshot Bild.de - Kanzleramtsminister Altmaier bestätigt Bild-Bericht - Niemand weiß, wie viele Asylsuchende abgetaucht sind

Die außergewöhnliche Logik dabei:

„Bild“ schreibt: Es sind 30.000.
Peter Altmaier sagt: Keine Ahnung, wie viele es sind.
Bild.de schreibt: Altmaier bestätigt „Bild“.

Was auch nicht unbedingt für die Fehlerkultur bei „Bild“ spricht: Über die, nun ja, Korrektur von heute hat die Redaktion natürlich nicht „Korrektur“ geschrieben, sondern:

Ausriss Bild-Zeitung - Das alles weiß das Bundesinnenministerium nicht über ausreisepflichtige Ausländer

Dazu auch:

12 680 Euro für jeden Asylbewerber? „Bild“ rechnet schon wieder falsch

Besonders ärgerlich an der falschen „Bild“-Titelzeile von gestern ist, dass sich die Zahl der vermeintlichen 30.000 „spurlos verschwundenen“ abgelehnten Asylbewerber kaum noch einfangen lässt. „Bild“ berichtet groß, andere Medien springen auf, in den Sozialen Netzwerken wird die Ziffer verbreitet, ein paar Politiker wiederholen sie — die 30.000 bekommt man aus Diskussionen über abgelehnte Asylbewerber nicht mehr raus, egal, wie weit sie von der tatsächlichen Zahl entfernt ist.

Bereits vorgestern hatte „Bild“ eine andere Zahl in die Welt gesetzt, für die das genauso gelten dürfte — ebenfalls zum Thema Asyl und ebenfalls falsch. Es geht um das Geld, das der Staat für jeden leistungsberechtigten Asylbewerber ausgibt.

Schon in der Überschrift klingt es dramatisch:

Ausriss Bild-Zeitung - Kosten für Asylbewerber sind 2016 regelrecht explodiert

Larissa Krüger, dieselbe „Bild“-Autorin, die gestern auch schon die falschen 30.000 errechnet hat, schreibt (online hinter der Bezahlschranke):

Die staatlichen Leistungen für Asylbewerber sind im Jahr 2016 um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen — obwohl die Zahl der Leistungsempfänger im gleichen Zeitraum von 974 551 auf 728 239 gesunken ist. (…)

Demnach zahlten Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2016 netto mehr als 9 Milliarden Euro (9,234 Milliarden) nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 2015 waren es noch rund 5,2 Milliarden.

Krüger hat dann die 9,234 Milliarden Euro für 2016 durch die 728.239 Leistungsempfänger für 2016 geteilt und kommt zu dem Ergebnis:

Im Schnitt wurden laut den jetzt vorliegenden Zahlen 2016 pro Leistungsbezieher 12 680 Euro ausgegeben — etwas mehr als 1000 Euro/Monat.

Mehr als 1000 Euro pro Monat? Eine wunderbare Vorlage für all jene, die gern sagen: „Die Flüchtlinge kriegen hier alles, und wir kriegen nix!“

Nur sind die 12.680 Euro pro Jahr zu hoch angesetzt. Wie viel zu hoch, können wir nicht exakt beziffern, denn das Zahlenmaterial, das Larissa Krüger hier vorlegt, lässt die Rechnung gar nicht zu, die sie damit anstellt. Das war schon bei den falschen 30.000 verschwundenen abgelehnten Asylbewerbern so, und ist in diesem Fall auch so.

Erstmal zu den 9,234 Milliarden Euro. Da schreibt die „Bild“-Autorin selbst in ihrem Artikel:

Kosten seien zudem wegen Überlastung im Jahr 2015 erst für 2016 verbucht worden.

Ein Teil der 9,234 Milliarden Euro wurde also gar nicht 2016 für leistungsberechtigte Asylbewerber ausgegeben, sondern bereits 2015, aber erst 2016 verbucht. Die Zahl der Ausgaben für 2016 ist in der Statistik also zu hoch, die für 2015 zu niedrig. Die „regelrechte Explosion“ der „Kosten für Asylbewerber“ im Jahr 2016, die „Bild“ in der Überschrift beschwört, ist schlicht und einfach auch auf Verwaltungsabläufe und einen Stau bei den Abrechnungen zurückzuführen.

Das Statistische Bundesamt schreibt in einer „Vorbemerkung“ des Zahlenmaterials, mit dem Larissa Krüger arbeitet (PDF, Seite 5):

Eine nach § 3 Absatz 2 BstatG durchgeführte Qualitätsuntersuchung zeigt, dass die hohe Zunahme von Schutzsuchenden im Zeitraum August 2015 bis März 2016 und die damit verbundene Arbeitsbelastung in den Berichtsstellen, keine zeitgerechte Buchung von Ausgaben zuließen. Viele Ausgaben wurden daher erst (nachträglich) in 2016 verbucht. Die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG ist somit für das Jahr 2015 untererfasst und für 2016 übererfasst.

Und dann zu den 728.239 Leistungsempfängern. Diese Zahl stammt aus derselben Statistik (PDF, Seite 8: 728.239 Leistungsempfänger, Seite 23: 9,234 Milliarden Euro) des Statistischen Bundesamtes. Während sich die Ausgaben von 9,234 Milliarden Euro aber auf einen Zeitraum beziehen (das Jahr 2016, mit eingerechneten Ausgaben von 2015), handelt es sich bei der Anzahl der Leistungsempfänger um eine Zahl zu einem Stichtag, dem 31. Dezember 2016. All diejenigen, die in den Monaten Januar bis November 2016 irgendetwas vom Staat bezahlt bekommen haben, aber im Dezember 2016 nichts mehr, sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt. Sie gibt also nicht alle Leistungsempfänger im Jahr 2016 an, für die die Milliarden von Euro ausgegeben wurden.

Larissa Krüger teilt eine zu hohe Zahl, die sich auf einen Zeitraum bezieht, durch eine zu niedrige Zahl, die sich auf einen Stichtag bezieht. Das Ergebnis kann nicht sauber sein.

Deswegen schreibt das Statistische Bundesamt in der bereits erwähnten „Vorbermerkung“ auch:

Für das Berichtsjahr 2016 wurde festgestellt, dass trotz Rückgangs der Empfängerzahlen, die Ausgaben nach dem AsylbLG stark gestiegen sind. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch zu beachten, dass die Statistiken der Empfänger von Leistungen nach dem AsylbLG und die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG nicht unmittelbar vergleichbar sind. So werden die Ausgaben und Einnahmen für das gesamte Berichtsjahr, die Empfänger jedoch zum Stichtag 31.12. erfasst. Eine Berechnung der pro Kopf Ausgaben ist somit nur eingeschränkt möglich und kann nur einen Annährungswert darstellen.

Auf Nachfrage sagte man uns beim Statistische Bundesamt, dass man Larissa Krüger explizit mitgeteilt habe, dass das Berechnen eines Pro-Kopf-Wertes mit diesem Zahlenmaterial keinen Sinn mache. Die „Bild“-Autorin hat es dann trotzdem getan.

30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn (2)

Wir hatten ja gestern bereits geschrieben, dass wir Zweifel haben, ob bei den „Bild“-Leuten überhaupt irgendetwas ankommt. Heute zeigt sich einmal mehr: Nein, kommt es nicht.

Es geht noch einmal um die heutige „Bild“-Titelgeschichte. Vorhin haben wir hier im Blog aufgeschrieben, dass die Autorin Larissa Krüger Zahlen völlig falsch einsetzt und damit zum viel zu hohen Ergebnis kommt, dass 30.000 abgelehnte Asylbewerber verschwunden seien. Wendet man die Zahlen, die Krüger nutzt, richtig an, sind es eher 3000, vermutlich sogar noch weniger.

Bei Twitter auf diesen Fehler angesprochen, schreibt Ralf Schuler, Leiter des „Bild“-Parlamentsbüros:

Die vermeintliche Bestätigung durch Kanzleramtsminister Peter Altmaier gibt es jetzt bereits bei Bild.de. Und es ist ganz bestimmt keine vollumfängliche Bestätigung der „Bild“-Geschichte von heute, auch wenn Bild.de das in der Dachzeile weismachen will:

Screenshot Bild.de - Kanzleramtsminister Altmaier bestätigt Bild-Bericht - Niemand weiß, wie viele Asylsuchende abgetaucht sind

Die Redaktion wiederholt noch einmal dieselbe falsche Zahl von 30.000 abgelehnten Asylbewerbern, was sie nicht richtiger macht, und zitiert dann Altmaier:

BILD fragte im Kanzleramt nach, wollte von Angela Merkels Kanzleramtsminister wissen, wie so etwas entstehen kann. Und Peter Altmaier bestätigte den BILD-Bericht zu den verschwundenen Flüchtlingen.

Seine Antwort: „Bis­lang weiß nie­mand genau, wie viele Asyl­su­chen­de Deutsch­land und Eu­ro­pa wie­der ver­las­sen haben, ohne sich ab­ge­mel­det zu haben oder viel­leicht in die Schwarz­ar­beit ab­ge­taucht sind.“

Zusätzlich „hat ver­mut­lich noch eine er­heb­li­che Zahl an Per­so­nen un­ab­hän­gig von staat­li­chen Maß­nah­men frei­wil­lig das Land ver­las­sen, die in kei­ner Sta­tis­tik auf­tau­chen“, so Altmaier.

„Bild“ schreibt: 30.000 sind verschwunden.
Altmaier sagt: Niemand weiß, wie viele verschwunden sind.
Bild.de schreibt: Altmaier bestätigt „Bild“.

Tja.

Wie fatal eine falsche Schlagzeile auf der „Bild“-Titelseite ist, zeigen nicht nur die Reaktionen von rechten Scharfmachern, die diese gern aufgreifen, sondern auch die Reaktionen von Politikern. Sie glauben „Bild“ den Unsinn einfach und plappern ihn nach.

Im Bild.de-Artikel kommen verschiedene Parlamentarier zu Wort. Es ist zum Heulen:

Der BILD-Bericht über die rund 30 000 verschwundenen Flüchtlinge hatte bei Politikern Entsetzung und Empörung ausgelöst — die Opposition sprach sogar von „Staatsversagen“. FDP und CSU forderten Zentren für Ausreisepflichtige, „aus denen denen das Entweichen unmöglich ist“.

Wolfgang Kubicki fordert aufgrund des „Bild“-Berichts zum Beispiel spezielle „Abschiebeeinrichtungen“:

FDP-Vize Wolfgang Kubicki zu BILD: „Ob 30 000 oder nur 20 000 Menschen, die unser Land verlassen müssen, verschwunden sind, ist völlig egal. Dass sowas überhaupt möglich ist, straft die Aussage lügen, in unserem Staat würden die Behörden die Sicherheit bestmöglich gewährleisten.“

Seine Forderung: „Wir brauchen dringend Abschiebeeinrichtungen, aus denen das Entweichen unmöglich ist.“

„Ob 30 000 oder nur 20 000 Menschen“ ist also egal. Und nur 3000?

Und auch Burkhard Lischka übernimmt einfach die falschen 30 000:

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka: „30 000 Menschen können nicht einfach verschwinden. Es ist allerdings ein dramatischer Kontrollverlust, wenn die zuständigen Behörden keine Ahnung haben, wo sie sind. Mich wundert nicht, dass solche Zustände immer wieder im Bereich von Innenminister Thomas de Maizière zu finden sind. Er war es doch, der in den letzten Monaten etwa 3 000 Stellen beim BAMF abgebaut hat.“

„Bild“-Oberchef Julian Reichelt soll neulich bei einem Auftritt gesagt haben:

Wenn man einen Fehler gemacht hat, ist das beste Wort „Entschuldigung“.

Ja. Oder einfach so tun, als hätte man keinen Fehler gemacht.

Nachtrag, 4. November: Trotz der vermeintlichen Bestätigung aus dem Bundeskanzleramt schreibt nun auch die „Bild“-Zeitung, dass die Zahl von 30.000 nicht richtig war.

30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte sich die „Bild“-Redaktion als Speerspitze der deutschen Willkommenskultur inszenieren. Den Slogan „Wir helfen“ ließ sie damals Politiker auf Pappschildern hochhalten und Fußballprofis auf deren Ärmeln tragen.

Es ist noch gar nicht so lange her, aber es hat sich seitdem viel geändert. Auch und vor allem ist die Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de über Flüchtlinge und Asylbewerber eine ganz andere geworden. Die „Bild“-Medien meinen, sie seien nur ehrlich, sprächen nur Wahrheiten aus und Probleme an. Aber das ist falsch. „Bild“ und Bild.de bringen immer wieder auch völlig falsche Informationen und Zahlen in Umlauf. Heute etwa mit dieser Titelgeschichte:

Ausriss Bild-Zeitung - 30000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden!

Schon im Anreißer auf Seite 1 klingt es dramatisch:

Neuer, unfassbarer Behördenskandal: Von gut 30 000 abgelehnten, sofort ausreisepflichtigen Asylbewerbern wissen die Behörden nicht, wo sie stecken. Zum Teil haben sie Deutschland wohl einfach verlassen — oder sind hier untergetaucht.

Auf Seite 2 breitet Autorin Larissa Krüger den „ABTAUCH-SKANDAL“ dann so richtig aus:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

Das darf doch nicht wahr sein. BILD deckt die nächste Behörden-Panne im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf.

Regierung und Behörden wissen nicht, wo gut 30 000 abgelehnte und vollziehbar ausreisepflichtige Asylbewerber derzeit sind.

In Deutschland — warum auch immer — untergetaucht? Außer Landes? Keine Ahnung!

Nur: „Bild“ deckt hier gar nichts auf. Außer die eigene Ahnungslosigkeit und die eigene Unfähigkeit, die richtigen Zahlen rauszusuchen.

Krüger schreibt:

Die Fakten: Laut Bundesregierung waren Ende Dezember 2016 genau 54 437 Personen vollziehbar ausreisepflichtig (inzwischen sind es rund 65 000). Aber laut Statistischem Bundesamt bezogen im Jahr 2016 nur 23 617 dieser Personen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Über den Verbleib des Restes von 30 820 Personen (Stichtag 31.12.2016) haben die Behörden und Statistiker KEINE Informationen.

Die zwei Zahlen von der Bundesregierung beziehungsweise dem Statistischen Bundesamt mögen stimmen. Aber sie passen nicht zueinander. Denn die 54.437 vollziehbar ausreisepflichtigen Personen, die die Bundesregierung nennt, sind nicht nur Asylbewerber, sondern auch andere Ausländer, die ausreisepflichtig sind, zum Beispiel Urlauber mit abgelaufenen Visa. Diese Gruppe ist — Überraschung — gar nicht in der Lage, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu bekommen, und kann daher auch nicht in den Zahlen des Statistischen Bundesamts auftauchen (oder dort fehlen).

Und es sind nicht nur ein paar wenige visalose Urlauber, die Larissa Krüger in ihrer Apfel-Birnen-Rechnung übersieht. Das Bundesinnenministerium schreibt uns in einer Stellungnahme zum heutigen „Bild“-Bericht:

Die Differenz zwischen der Zahl der Leistungsberechtigten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und der Zahl der im Ausländerzentralregister (AZR) erfassten ausreisepflichtigen Ausländer ohne Duldung lässt nicht den Schluss zu, dass sich die genannte Personengruppe allein aus abgelehnten Asylbewerbern zusammensetzt.

So verkennt der Artikel schon grundsätzlich, dass es sich überhaupt nur bei etwa 49 % aller im AZR als ausreisepflichtig registrierten Ausländer um Personen handelt, zu denen auch die Ablehnung eines Asylantrages im AZR eingetragen ist.

51 Prozent der Personen, die Krüger in ihre Asylrechnung einbezieht, gehören dort überhaupt nicht rein, weil sie nicht abgelehnte Asylbewerber sind, sondern beispielsweise Urlauber ohne Visa. Das heißt: Statt mit 54.437 Personen müsste die „Bild“-Autorin mit 26.674 Personen rechnen. Diese Zahl passt auch viel besser zu der Statistik, die das Statistische Bundesamt heute rausgegeben hat und nach der 28.000 Schutzsuchende am Stichtag 31. Dezember 2016 vollziehbar ausreisepflichtig waren.

Statt um 30.820 geht es also lediglich um 3057* Personen. Und auch das dürfte noch nicht die endgültige Anzahl „spurlos verschwundener“ abgelehnter Asylbewerber sein, wie „Bild“ sie nennt. Denn nicht alle ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber beziehen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wenn der Betroffene etwa selbst über ein ausreichendes Vermögen verfügt, oder Angehörige zum Unterhalt verpflichtet sind, tauchen diese Personen nicht in der Statistik auf, die Larissa Krüger herangezogen hat.

Dazu kommt, dass auch die Verantwortlichen im Statistischen Bundesamt sagen, dass ihre Zahl, die Krüger für die Rechnung genutzt hat, dafür nicht taugt. Gudula Geuther vom „Deutschlandfunk“ hat mit ihnen gesprochen (Audio, 2:57 Minuten). So notieren zum Beispiel die Kommunen, die die Gelder auch an die ausreisepflichtigen abgelehnten Asylbewerber auszahlen, nicht immer deren genauen aufenthaltsrechtlichen Status dazu. Die Zahl der 23.617 ausreisepflichtigen Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz dürfte tatsächlich also noch mal etwas höher sein, was die Differenz noch mal etwas kleiner werden lassen dürfte als 3057.

Oder in Kurzform und ohne die vielen Zahlen und Rechnungen: Die heutige Schlagzeile von „Bild“ ist kompletter Unsinn, auf wenn die Kollegen von Larissa Krüger das Zahlenwirrwarr für eine „tolle Recherche“ halten.

Krügers Geschichte hat bereits eine ordentliche Populisten- und Hetzerrunde gedreht. Bei Bild.de ist sie hinter der Bezahlschranke gestartet

Screenshot Bild.de - Der Abtauch-Skandal - 30000 abgelehnte Asylbewerber sind spurlos verschwunden

… von dort aus in Facebook-Gruppen wie dem „Viktor Orban Fanclub Deutschland“ gelandet …

Screenshot Facebook des Postings in der Gruppe Viktor Orban Fanclub Deutschland

… und bei faktenfeindlichen Anheizern wie Claus Strunz …

Screenshot Facebook des Postings von Claus Strunz

… und David Berger:

Screenshot Facebook des Postings von David Berger

„Wir helfen“, haben „Bild“ und Bild.de mal behauptet. Heute helfen sie vor allem rechten und noch rechteren Gruppen mit Vorlagen für deren Stimmungsmache.

*Nachtrag, 18:46 Uhr: Durch einen Rechenfehler unsererseits war in einer früheren Version von 4146 Personen die Rede. Tatsächlich ist die Differenz zwischen der „Bild“-Zahl und der Zahl, die die Statistiken wirklich hergeben, noch größer.

Nachtrag, 22:14 Uhr: Die Geschichte geht weiter: Bild.de behauptet nun, Kanzleramtschef Peter Altmaier bestätige den „Bild“-Bericht. Dabei sagt Altmaier nur, dass niemand wisse, wie viele abgelehnte Asylbewerber verschwunden sind.

Nachtrag, 4. November: Inzwischen sieht auch die „Bild“-Redaktion ein, dass es nicht 30.000 verschwundene abgelehnte Asylbewerber sind.

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