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„Bild“-Richter vorverurteilen „G20-Plünderer“

Bei der von vielen Tiefpunkten geprägten „Bild“-Berichterstattung zu den G20-Ausschreitungen gibt es seit drei Tagen einen neuen Tiefpunkt: Nun (vor)verurteilen die „Bild“-Richter schon jemanden, bei dem einiges dafür spricht, dass er unschuldig ist, und stellen ihn an den Pranger.

Derzeit läuft in Hamburg der Prozess gegen den 30-jährigen Dimitri K.:

Als G20-Chaoten am 7. Juli einen Supermarkt im Schanzenviertel plünderten (Schaden: 1,7 Mio. Euro), soll er mittendrin gewesen sein. Anklage: besonders schwerer Landfriedensbruch.

K. sagt, er sei nicht vor Ort gewesen. Stattdessen sei er am fraglichen Tag mit Schmerzen zu Hause geblieben, schließlich hätten ihn am Vortag Polizisten angegriffen. Die Verlobte von K. bezeugte dessen Aussage.

Doch, so die „Bild“-Medien …

Doch ein verknackter G20-Plünderer identifizierte ihn. Sven B. (19) ist sich sicher: K. war dabei. Die Hals-Tattoos erkenne er wieder, hundertprozentig!

Für den Prozess zwar unerheblich, für die „Bild“-Redaktion aber bemerkenswert: Dimitri K. hat nicht nur ein Hals-Tattoo. Unter seinem rechten Auge hat er das Wort „Fuck“ tätowiert und unter dem linken das Wort „Cops“. Was jetzt schon nach einer Folge „Richterin Barbara Salesch“ klingt, wird noch besser:

Als der Angeklagte dann aber seine linke Hand zeigte, war plötzlich alles anders. Statt des von B. beschriebenen „187“-Tattoos stehen dort arabische Schriftzeichen. Irritiert änderte der Zeuge seine Aussage: „Ich bin mir sicher, dass er es nicht ist.“

Fassen wir mal zusammen: Ein Angeklagter, der ein Alibi für die Tatzeit zu haben scheint. Ein Zeuge, der den Angeklagten erst schwer belastet und dann komplett umkippt. Eine Tätowierung, die den Angeklagten belasten könnte, die es aber gar nicht gibt. Es sieht aktuell nicht gerade so aus, dass Dimitri K. während des G20-Gipfels „einen Supermarkt im Schanzenviertel“ geplündert hat.

Und was machen die „Bild“-Medien? Trotz dieser Entwicklung im Prozess zeigen sie K. vor drei Tagen bei Bild.de unverpixelt ganz oben auf der Startseite und nennen ihn „G20-Plünderer“ …

Screenshot Bild.de - G20-Plünderer mit Fuck Cops-Tattoo - Ihm steht der Hass ins Gesicht geschrieben - Dazu ein unverpixeltes Foto von Dimitri K
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

… und drucken vorgestern in der Hamburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung das Foto des angeblichen „Plünderers“ ebenfalls ohne jegliche Unkenntlichmachung:

Ausriss Bild-Zeitung - Prozess gegen Plünderer - Der Hass steht ihm ins Gesicht geschrieben - Dazu ein unverpixeltes Foto von Dimitri K

Persönlichkeitsrechte eines möglicherweise Unschuldigen? Sind der „Bild“-Redaktion doch egal. Und sowieso: Unschuldsvermutung? Ist der „Bild“-Redaktion doch egal. Julian Reichelt und sein Team treten elementare Prinzipien eines rechtsstaatlichen Strafverfahrens mit den Füßen. Für sie, die sich als Deutschlands oberste Ankläger und Richter sehen, reicht es offenbar, dass jemand angeklagt ist, um diese Person einem Millionenpublikum als Verbrecher zu präsentieren.

Reichelts Verachtung für deutsche Gerichte kann man regelmäßig in seinem Blatt beobachten. Sein gefährliches Rechtsverständnis präsentierte er am vergangenen Montag bei seinem Besuch in der Talkrunde „Hart aber fair“.

Mit Dank an Julia und @DonPepone110 für die Hinweise!

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„Schmutz-Kampagne bei der SPD“: „Bild“ fällt auf „Titanic“ rein

Es ist alles noch viel schlimmer und trauriger und lustiger.

Die vermeintlichen E-Mails von Kevin Kühnert, die die „Bild“-Redaktion vergangene Woche dazu veranlasst haben, eine große Titelgeschichte über eine „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ zu veröffentlichen, stammen gar nicht von einem Russen namens „Juri“. Sie stammen auch nicht — wie wir vermutet haben — von einem Jugendlichen, der dank dreieinhalb Minuten Microsoft-Outlook-Gefummel „Bild“ mit einer plumpen Fälschung reingelegt hat. Die E-Mails stammen von der „Titanic“-Redaktion:

Screenshot Titanic-Website - miomiogate – Juri, Kühnert, Bild und TITANIC

Die „Bild“-Zeitung ist einem Fake der TITANIC aufgesessen. Am Freitag hatte „Bild“ unter der Schlagzeile „Neue Schmutzkampagne bei der SPD“ einen Mailverkehr veröffentlicht, der belegen soll, daß Juso-Chef Kevin Kühnert bei seiner NoGroKo-Initiative Hilfe eines russischen Internettrolls namens Juri in Erwägung gezogen hat. Dieser Schriftverkehr wurde aber u.a. von TITANIC-Internetredakteur Moritz Hürtgen an „Bild“ lanciert: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und ‚Bild‘ druckt alles, was ihnen in die Agenda paßt.“

Stimmt das denn nun? Oder handelt es sich nach Jan Böhmermanns „Varoufake“ um den nächsten Fake-Fake? Wir waren auch erst skeptisch. Inzwischen glauben wir der „Titanic“ aber voll und ganz. Vor allem aus zwei Gründen:

1) Auf der „Titanic“-Seite kann man sich den angeblichen Mail-Verkehr zwischen Kühnert und „Juri“ runterladen. Diese Unterhaltung enthält deutlich mehr Mails als von „Bild“ bisher veröffentlicht. Soll heißen: Hätte sich die „Titanic“-Redaktion zusätzliche Mails zwischen dem falschen Kühnert und „Juri“ erfunden, wäre es für die „Bild“-Redaktion ein Leichtes, die „Titanic“-Version zu widerlegen. Das hat sie bisher nicht getan.

2) Bereits am Freitag haben wir aus „Bild“-Kreisen erfahren, dass der „anonyme Informant“ die „Bild“-Redaktion besuchen wird, um seine Geschichte weiter zu verifizieren. In einem Telefonat hat uns „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff heute erzählt, dass Moritz Hürtgen als Informant bei „Bild“ zu Gast war — ohne dass Wolff wusste, dass wir von dem Besuch bereits wissen. Es wäre ein sehr großer Zufall, wenn Tim Wolff sich diesen Besuch nur ausgedacht und damit exakt unsere Informationen bestätigt hat.

Und dann gibt es noch einen dritten Punkt. Diesen Rechtfertigungsversuch bei Twitter von „Bild“-Oberchef Julian Reichelt:

Das ist der Julian Reichelt, der von sich selbst gern behauptet, dass es ihm „grundsätzlich leicht“ falle, „mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.“ Das ist der Julian Reichelt, der nach dem Flüchtlings-„Sex-Mob“-Reinfall in Aussicht gestellt hat, bei „Geschichten, die für ‚Fake News‘ anfällig sind“, eine „Bild“-Spezialtruppe mit „noch mehr gestandenen Nachrichtenleuten“ einzusetzen, damit es solche Reinfälle nicht wieder gibt. Das ist der Julian Reichelt, der in seinen Worten stets so groß ist und in seinen Taten stets so klein. Das ist der Julian Reichelt, dem man nichts glauben kann.

Was Reichelt offenbar nicht versteht: Die „Titanic“-Redaktion hat mit dieser Aktion nicht versucht, „journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren“. Sie hat es geschafft, das nicht-journalistische Arbeiten von „Bild“ zu verdeutlichen. Denn es bleibt trotz der längeren Erklärung bei Bild.de, wie es „zu dieser Schlagzeile“ kam, dabei: Die „Schmutz-Kampagne“ wurde erst in dem Moment zur „Schmutz-Kampagne“, als die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands aus der ganzen Sache eine große Titelgeschichte gemacht hat. Die „Schmutz-Kampagne“ ist bei „Bild“ entstanden. Vorher war es lediglich ein Spinner (beziehungsweise „Titanic“-Redakteur Moritz Hürtgen) mit offensichtlich gefälschten E-Mails, für den sich niemand interessiert hätte. Es bleibt auch dabei, dass stets mehr gegen die Echtheit der Mails gesprochen hat als dafür. Warum greift „Bild“ die Story überhaupt auf, wenn sie von Anfang an mindestens merkwürdig ist? Warum in dieser großen Aufmachung? Warum bringen „Bild“ und Reichelt gerade diese Titelzeile, wenn sie doch die ganze Zeit so skeptisch waren? Warum „Schmutz-Kampagne bei der SPD“ und nicht „Schmutz-Kampagne gegen die SPD“? Und natürlich bleibt bei dieser Schlagzeile, die „Bild“ gewählt hat, bei vielen Leuten hängen: „Der Kühnert? Das war doch der, der mit den Russen gemeinsame Sache gemacht hat!“ — auch wenn „Bild“-Autor Filipp Piatov ganz am Ende auflöst, dass es „für die Echtheit der E-Mails“ „keinen Beweis“ gebe. Das alles nun als die große Skepsis „von Beginn an“ darzustellen, zeugt nur davon, was für ein schlechter Verlierer Julian Reichelt ist.

Und nur nebenbei: Dieser Tweet, den Piatov vorgestern noch gepostet hat, sieht nun nicht nach massivem Misstrauen aus:

Nein, es war anscheinend keine „plumpe Fälschung“, auf die Piatov und „Bild“ reingefallen sind und die sie zur Titelgeschichte aufgeplustert haben, sondern eine filigrane Fälschung.

Die „Titanic“-Aktion zeigt, dass man bei Julian Reichelt, Filipp Piatov und der gesamten „Bild“-Redaktion sehr gute Chancen hat, mit Desinformationen ins Blatt zu gelangen, wenn man nur die richtigen Knöpfe drückt. Im aktuellen Fall hat die „Titanic“-Redaktion sehr geschickt eine Mischung aus SPD (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) und dem bösen Russen (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) gewählt.

Zum Schluss bleibt uns nur, uns vor Moritz Hürtgen, Dax Werner und der „Titanic“-Redaktion zu verneigen. Und alle BILDblog-Leser aufzufordern, sofort ein „Titanic“-Abo abzuschließen, um die Redaktion in ihrer wichtigen Aufklärungsarbeit zu Deutschlands größter Satire-Zeitung „Bild“ und zu „Bild“-Oberwitz Julian Reichelt zu unterstützen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Neue Schmutz-Kampagne bei „Bild“

Ganz am Ende des Artikels fällt ein entscheidender Satz:

Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.

Und es ist noch schlimmer: Es spricht einiges dafür, dass die E-Mails, auf denen die heutige „Bild“-Titelstory basiert, Fälschungen sind. Doch das hielt die Redaktion und „Bild“-Autor Filipp Piatov nicht davon ab, diese Geschichte zu bringen (bei Bild.de hinter der Bezahlschranke):

Ausriss Bild-Titelseite - Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD - Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri

„Juso“-Chef Kevin Kühnert soll sich für seine #NoGroKo-Kampagne Hilfe von „einem Russen namens ‚Juri‘ aus St. Petersburg“ geholt haben — Social Bots, gefälschte Facebook-Accounts und Stimmungsmache inklusive. Wobei, das ist schon falsch. Der „angebliche Kühnert“ soll das getan haben. So schreibt es Piatov. Der „Bild“-Autor scheint also zu wissen, dass da was nicht stimmt. Auch weil er bei Kühnerts Pressesprecher nachgefragt hat, und dieser Piatov erklärt hat, dass von der Mail-Adresse, von der die „brisanten Mails“ stammen sollen, gar keine Nachrichten verschickt werden können:

Was sagt der Juso-Chef zu den Vorwürfen? „Wir würden niemals auf solche Methoden zurückgreifen“, so Kühnerts Sprecher. Der Schreibstil entspreche nicht dem des Juso-Chefs, sein Englisch sei „nicht besonders gut“. Zudem seien die E-Mails von kevin.​kuehnert@​jusos.​de geschickt worden — laut den Jusos „technisch nicht möglich“. Als Absender-Adresse tauche bei Kühnert stets die SPD-Adresse kevin.​kuehnert@​spd.​de auf.

Spätestens an diesem Punkt hätte die Recherche von „Bild“-Autor Piatov zu Ende sein können. Denn damit ist klar: Der „anonyme Informant“, der sich an die „Bild“-Redaktion gewendet hat, ist offenbar ein Hochstapler und dazu kein besonders guter. Doch statt diesem „Informanten“ zu sagen, dass er Mist erzählt, haben „Bild“ und Piatov das Material angenommen und eine große Titelgeschichte daraus gestrickt.

Wir haben auch noch mal nachgefragt bei Kühnerts Sprecher Benjamin Köster. Der bestätigt: Es gebe zwar die Adresse kevin.kuehnert@jusos.de, allerdings verberge sich hinter ihr kein eigenes Postfach. Mails, die an diese Adresse geschickt werden, würden automatisch weitergeleitet. In Kühnerts Fall an dessen @spd.de-Adresse, bei anderen „Juso“-Mitgliedern teilweise an private Mail-Adressen. Da sich hinter ihr kein Mail-Postfach verberge, könne man von der @juso.de-Adresse auch keine Nachrichten verschicken, so Köster. Und wir haben nachgeschaut: Auch E-Mails von Kühnerts „Juso“-Chef-Vorgängerin Johanna Uekermann kamen stets von einer @spd.de-Adresse.

Da kommt also irgendein Hanswurst mit offensichtlich gefälschten Beweisen daher — und „Bild“ macht daraus eine Geschichte? Eine Titelgeschichte? Wie einfach ist es bitte, mit seiner Desinformation auf die „Bild“-Titelseite zu gelangen?

Timo Lokoschat, seit Kurzem leitender Redakteur bei „Bild“, glaubt an eine „Intrige“* gegen Kühnert und dessen #NoGroKo-Vorhaben und findet den „Krimi“ allein deshalb „unbedingt berichtenswert“. Eine „Intrige“? Wenn irgendein Wichtigtuer mit billig gefälschten E-Mail-Texten ankommt? Eine solche „Intrige“ kann jeder Teenager mit Zugang zu Microsoft Outlook in dreieinhalb Minuten entwerfen. Und wird das alles nicht erst zur „Intrige“ durch die Veröffentlichung auf der „Bild“-Titelseite? Macht nicht „Bild“ das ganze erst zur „Schmutz-Kampagne“? „Bild“ ist die „Schmutz-Kampagne“.

Jedenfalls: Wenn das eine „Intrige“ sein soll, die es wert ist, groß auf einer Titelseite thematisiert zu werden, dann wären die Titelseiten aller deutschen Zeitungen nur noch voll mit derart dünnen Geschichten. Ständig melden sich irgendwelche Leute mit irgendwelchen vermeintlichen brisanten Dokumenten bei Redaktionen. Oft sogar bei allen auf einmal in großen Sammelmails. In fast allen Fällen ist der Verschwörungsschmu so schnell zu durchschauen wie die heutige „Bild“-Story. Diese Titelgeschichte ist nichts anderes als Nichts, ganz groß aufgepumpt.

Apropos, zum Abschluss hätten wir auch noch ein Angebot: Hallo „Bild“, hallo Filipp Piatov, hallo Timo Lokoschat, wir haben hier noch Screenshots mehrerer E-Mails von merkel.angela@kanzlerqueen.de rumliegen, in denen die Bundeskanzlerin den minutiös geplanten Austausch der deutschen Bevölkerung durch CDU-wählende Syrer bestätigt. Na, wäre das nicht was für euch?

*Nachtrag, 22:16 Uhr: Timo Lokoschat hat seinen Tweet inzwischen gelöscht.

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Helene Fischer widerspricht „totalem Quatsch“ von „Bild“

Helene Fischer kann nicht singen. Also, aktuell kann Helene Fischer nicht singen. Fünf Auftritte in Berlin musste ihr Management absagen und nun werden auch zwei geplante Konzerte in Wien nicht stattfinden. Die Sängerin ist krank und muss sich schonen.

Bei Facebook veröffentlichte Helene Fischer gestern eine Art Entschuldigung an all ihre Fans, vor allem an jene, die schon Hotels gebucht oder sich für die Konzerte extra freigenommen haben. Auch Bild.de berichtet über diesen Facebook-Post:

Screenshot Bild.de - Seit einer Woche ist sie krank - Helenes Entschuldigung an ihre Fans

Ganz am Ende des Artikels steht:

Und eins stellt sie zum Schluss noch einmal ganz klar: Sie ist nicht (!) schwanger.

Schwanger? Wer bringt denn sowas ins Spiel? Ach, hier — Bild.de in einem Text am Sonntag:

Screenshot Bild.de - Sie sagte ins gesamt fünf Konzerte ab - Was bedeutet die Hand auf Helenes Bauch?

Schon am 30. Januar beim Konzert in Stuttgart hielt sie sich beim Singen mehrfach die Hand auf den Bauch. Als würde sie etwas schützen wollen. Es gab schon häufiger Schwangerschaftsgerüchte um Fischer.

Helene Fischer widerspricht in dem Post an ihre Fans übrigens nicht nur den Schwangerschaftsgerüchten, sondern auch einer Geschichte über einen „Wunderheiler aus den USA“ und den Spekulationen, sie werde nie wieder singen können:

PS.: ich kann es nicht oft genug sagen, lasst euch von den Medien nicht blenden, was jetzt zählt, ist nur mein geschriebenes Wort an EUCH! Ich bin weder schwanger und auch kein Wunderheiler aus den USA behandelt mich! Totaler Quatsch! Ich bin auch nicht todkrank, ich komme wieder!!!

Ein „Wunderheiler aus den USA“? Helene Fischer nie wieder auf der Bühne? Woher stammt das nur?

„Bild“ gestern:

Ausriss Bild-Zeitung - Helene Fischer - Kann sie nie wieder singen? Wieder zwei Konzerte abgesagt - Wunderheiler aus USA soll ihre Stimme retten - Und ihr Flori schickt Fotos vom Karneval

Und Bild.de gestern („Bild plus“-Inhalt):

Screenshot Bild.de - Helene Fischer immer noch krank - Wunderarzt aus USA eingeflogen

Außerdem ist ihre Stimme nach BILD-Informationen durch den Infekt so stark angegriffen, dass jetzt sogar ein Wunder-Arzt aus den USA eingeflogen wurde.

Der Amerikaner soll Helene heilen.

Eine Hand auf dem Bauch, die eine Schwangerschaft bestätigen soll, ausgedachte Wunderheiler und Fragezeichen in Überschriften, die jede noch so blödsinnige Spekulation erlauben — das ist alles nicht mehr weit entfernt von den Irrsinnsberichten im Stile von „Freizeit Revue“, „Die Aktuelle“ und all den anderen bunten Knallblättern.

Mit Dank an Stefan T. für den Hinweis!

Nachtrag, 15. Februar: Die „Bild“-Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe auch über den Facebook-/Instagram-Post von Helene Fischer. Zu einem Artikel, in dem Désirée Nick über den „Seelenzustand“ der Sängerin schreiben darf, hat die Redaktion einen Screenshot gestellt:

Ausriss Bild-Zeitung - Dankt ihren Fans für die guten Wünsche: Gestern meldete sich Helene Fischer wieder bei Facebook zu Wort

Ärgerlich: Die Bildunterschrift, in die leider kein Hinweis mehr zu Fischers Medienkritik passte, sitzt exakt über der Stelle, in der Fischer „die Medien“ (also, genau genommen: „Bild“) kritisiert.

„Bild“ übernimmt Politiker-Draufhauen von AfD und „Pegida“

Es ist schrecklich anzusehen, wie sich einige Spitzenpolitiker derzeit präsentieren. Sigmar Gabriel zum Beispiel, der sich als gekränkter abgesägter Außenminister dazu hinreißen lässt, in einem Interview seine kleine Tochter zu benutzen, um Rache an der SPD und Martin Schulz zu üben:

Gabriel sagte mit Blick auf seine Zukunft: „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Zuhause freuen sich schon mal alle darauf.“ Seine kleine Tochter Marie habe ihm am Donnerstagfrüh gesagt: „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Eine Fünfjährige vorschicken und sie mit einem Spruch über das Aussehen einer anderen Person zurückschlagen lassen — das muss man erstmal für richtig halten.

Oder Olaf Scholz, dessen Versprechen, auch bei einer erneuten Großen Koalition Bürgermeister Hamburgs zu bleiben, in Anbetracht des mächtigen Postens als Finanzminister nichts mehr wert ist.

Oder Martin Schulz, der mit dem Umstoßen von unumstößlichen Positionen, ein denkbar schlechtes Bild eines Berufspolitikers abgibt.

All diese — mitunter schweren — Fehler sind traurig und tun weh, weil sie das ohnehin schwindende Vertrauen in Politiker und Politik im Allgemeinen weiter zerstören. Sie stärken die, die alle Politiker für korrupt und machtbesessen halten.

Für diese Leute, die genug haben von „den da oben im Parlament“, scheint die „Bild“-Redaktion heute einen Kommentar auf ihrer Titelseite verfasst zu haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht über die Titelseite

DAS MEINT BILD

Erbärmlich!

Was haben SPD-Vorsitzende und Joghurt gemeinsam?

Ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum. So spottet man im Berliner Regierungsviertel.

Das politische Ende von Martin Schulz, erst als Vorsitzender, jetzt als Außenminister, bevor er überhaupt Außenminister wurde, bestätigt so ziemlich jedes Vorurteil, das man über Niedertracht und Charakterlosigkeit in der Politik haben kann.

Genau die Genossen, die Schulz mit dem DDR-Ergebnis von 100 Prozent zu ihrem Oberhaupt gewählt haben, erpressen wenige Monate später seinen unwürdigen Abgang herbei.

Sigmar Gabriel, der unser Land repräsentiert und Schulz wie Kanonenfutter in den Wahlkampf geworfen hat, weil er selber nicht den Schneid hatte, gegen Angela Merkel anzutreten und zu verlieren, versteckt sich im entscheidenden Moment hinter seiner fünfjährigen Tochter und legt ihr den bitterbösen und politisch vernichtenden Satz in den Mund, Papa müsse jetzt nicht mehr so viel Zeit „mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“ verbringen.

Männer, die für ihre persönlichen Machtkämpfe ihre Töchter benutzen – das ist der Zustand unserer politischen Elite in Deutschland. Erbärmlich.

Sigmar Gabriel sagt etwas, das man ohne Zweifel kritisieren kann und vielleicht auch muss. Und daraus leitet „Bild“ einen erbärmlichen „Zustand unserer politischen Elite in Deutschland“ ab? Das ist populistisch. Das ist undifferenziert. Das ist verachtend. Das ist gefährlich. Das ist die Übernahme der Formulierung und der Stimmungsmache, die man sonst von AfD und „Pegida“ kennt.

Mit ihrer Verallgemeinerung spuckt die „Bild“-Zeitung all den Politikern ins Gesicht, die wirklich gute Arbeit leisten, die teils irre viel arbeiten, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, denen nicht alles egal ist, was nichts mit Posten und/oder Macht zu tun hat. Und die sich dennoch als „Volksverräter“ beschimpfen lassen müssen. Das Wettern gegen „unsere politische Elite in Deutschland“ auf der „Bild“-Titelseite ist davon zwar noch zwei, drei Schritte entfernt. Aber eben auch nur noch zwei, drei Schritte.

Angesprochen auf den AfDesken Kommentar seiner Redaktion, ruderte „Bild“-Oberchef Julian Reichelt bei Twitter ganz ordentlich zurück:

Jetzt dürfen die Ausländer auch noch die deutsche GroKo kaputt machen

Wer erinnert sich nicht an den riesigen Aufschrei der „Bild“-Zeitung im Juni 2017? „Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“ stand damals groß auf der Titelseite, nachdem die FDP ihre Basis über den Koalitionsvertrag in Nordrhein-Westfalen hat abstimmen lassen. Oberchef Julian Reichelt schrieb einen deftigen Kommentar: Die Demokratie werde beschädigt, wenn Ausländer, die bei der Landtagswahl gar nicht wählen durften, nun mitentscheiden können, ob eine Regierung zustande kommt oder nicht.

Wir. Wir erinnern uns nicht daran. Und das dürfte vor allem daran liegen, dass es keinen Aufschrei gab auf der „Bild“-Titelseite. Und auch keinen beschädigten „Demokratie“-Kommentar von Julian Reichelt.

Aber hier! Wer erinnert sich nicht an den riesigen Aufschrei der „Bild“-Zeitung im Dezember 2013? „Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“ stand damals groß auf der Titelseite, nachdem die Grünen ihre Mitglieder über den Koalitionsvertrag in Hessen haben abstimmen lassen. Julian Reichelt schrieb damals einen deftigen Kommentar: Die Demokratie werde beschädigt, wenn Ausländer, die bei der Landtagswahl gar nicht wählen durften, nun mitentscheiden können, ob eine Regierung zustande kommt oder nicht.

Ach, nee. Den Aufschrei gab’s ja auch nicht.

Jetzt aber:

Ausriss Bild-Titelseite - Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen

So sah die „Bild“-Titelseite gestern aus (also, wirklich). Und Chefchef Reichelt kommentierte auf Seite 2 dazu:

Ausriss Bild-Zeitung - Kommentar von Julian Reichelt - Demokratie beschädigt

Wählen darf in Deutschland nur, wer deutscher Staatsbürger ist. Nur Deutsche können also entscheiden, wer Deutschland regiert. Sollte man meinen.

Mit ihrem Mitgliederentscheid unterwandert die SPD dieses zwingend logische und eigentlich unumstößliche Prinzip. Denn über die für Deutschland so wichtige Frage, ob wir eine Regierung bekommen, dürfen in der SPD auch Mitglieder ohne deutschen Pass abstimmen.

Menschen, die hier nicht wählen dürfen, dürfen darüber entscheiden, ob eine gewählte Mehrheit eine Regierung bilden darf — oder nicht.

Kevin Kühnert, Vorsitzender der Jusos, macht sich das auch noch zunutze und mobilisiert, wen immer er in seinem Kampf gegen eine Regierungsbildung mobilisieren kann.

Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht darauf, ob dieses Verfahren dem widerspricht, was Wählerwille ist.

Das ist unanständig und schadet unserer Demokratie.

Das, was im Dezember 2013 in Hessen und im Juni 2017 in Nordrhein-Westfalen kein Problem war aus „Bild“-Perspektive, soll nun beim Mitgliederentscheid der SPD die Demokratie beschädigen. Worum geht es Julian Reichelt und seinem Team hier? Um Stimmungsmache gegen Ausländer? Um Stimmungsmache gegen die SPD? Um beides?

Allein ein Blick auf die Zahlen zeigt, um was für ein krampfhaft konstruiertes Problem es sich bei dem angeblichen Skandal handelt: Bis zum 4. März können 463.726 SPD-Mitglieder abstimmen, ob ihre Partei bei der Großen Koalition mitmachen soll oder nicht. Laut „Bild“ sind etwa 7000 von ihnen Ausländer, also rund 1,5 Prozent. Genauere Zahlen gibt es nicht, da die SPD die Nationalität ihrer Mitglieder nicht erfasst.

Dass es sich bei diesen 7000 nicht komplett um von Wladimir Putin eingeschleuste Abstimmungstrolle handeln kann, die Deutschland in eine schwere Krise schubsen wollen, bewies „Bild“ gestern selbst: Die Redaktion hat fünf Menschen gefunden, die ein SPD-Parteibuch, aber keinen deutschen Pass besitzen. Drei von ihnen wollen gegen den Eintritt in die Große Koalition stimmen, einer dafür, einer will sich noch den Koalitionsvertrag anschauen, bevor er entscheidet.

Diese Fokussierung auf die Ausländer beim anstehenden SPD-Mitgliederentscheid, dieses Aufteilen in die Deutschen und ihre Regierung einerseits und die Ausländer andererseits, diese 1,5-Prozent-Thematik auf die Titelseite zu heben — all das ist eine maßlose Übertreibung, entworfen für die analogen und digitalen Stammtische.

Menschen ohne deutschen Pass bestimmen schon seit Jahrzehnten in Parteien mit, wenn es um wichtige, die Wahl und das Parlament betreffende Fragen geht. Wäre es aus „Bild“-Sicht etwa genauso demokratiegefährdend, wenn bei der SPD einzig der Parteivorstand über das Zustandekommen der Regierung entscheiden würde, dieser Parteivorstand zuvor aber von denselben Ausländern in der SPD gewählt worden wäre?

Oder schauen wir zur CDU: Am 26. Februar wird es in Berlin einen Sonderparteitag der Christdemokraten geben. Angela Merkel hatte ihrer Partei dies nach der Wahl versprochen. Dort werden knapp 1000 Delegierte über denselben Koalitionsvertrag abstimmen, über den auch die SPD-Basis entscheidet. Diese Delegierten werden von den Landes-, Bezirks- und Kreisparteitagen gewählt. Und dort dürfen — alle „Bild“-Mitarbeiter festhalten! — Ausländer mitbestimmen.

Bei der CDU werden also Menschen, die bei der Bundestagswahl nicht ihre Stimme abgeben durften, über die Delegierten abstimmen, die über den Koalitionsvertrag abstimmen. Ist das dann in Ordnung aus Sicht der „Bild“-Redaktion? Ist der Ausländer damit noch weit genug entfernt von der Macht? Oder bedeutet Julian Reichelts Logik konsequent zu Ende gedacht, dass Ausländer eigentlich über gar nichts mehr in deutschen Parteien entscheiden sollten, was irgendwie mit einer Regierungsbildung zu tun haben könnte, und dass man sie dann am besten gleich gar nicht erst eintreten lassen sollte?

Aber mal weg von dem Ausländer-Fokus der „Bild“-Redaktion. Der zweite Teil ihrer Titelzeile ist auch interessant: „über deutsche Regierung abstimmen“. Das stimmt im Detail nicht. Die Regierung besteht aus Bundeskanzler beziehungsweise Bundeskanzlerin und Bundesministern. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wählen den Bundeskanzler/die Bundeskanzlerin. Und die Minister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin vom Bundespräsidenten ernannt. So entsteht in Deutschland die Regierung. Weder die deutschen Wähler (die die Abgeordneten wählen) noch die SPD-Mitglieder mit ihrem aktuellen Mitgliederentscheid stimmen über die Regierung ab.

Stattdessen wird die SPD-Basis bis zum 4. März darüber entscheiden, wie sich ihre Partei verhalten soll. Es entsteht ein Meinungsbild dazu, was sie mit dem Koalitionsvertrag machen soll. Von dieser „politischen Willensbildung“, bei der die Parteien mitwirken sollen, spricht schon das Grundgesetz in Artikel 21.

Ob der SPD-Mitgliederentscheid 463.726 Menschen in Deutschland viel mehr Macht gibt als allen anderen — dazu gibt es eine völlig legitime Debatte. Schlagzeilen, wie die der „Bild“-Zeitung von gestern, tragen dazu nicht bei. Sie vergiften sie.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„KiKa“ soll von den „Bild“-Medien bereits versaute Kinder versauen

ACHTUNG, ACHTUNG! DIESER BEITRAG ENTHÄLT SCHLECHTE WITZE UND BEGRIFFE, DIE KINDER LAUT „BILD“ UND BILD.DE „VERSAUEN“ KÖNNEN!

Jörg Schulz und Stephan Kürthy machen sich ernsthaft Sorgen um „unsere Kinder“. Und die zwei „Bild“-Autoren haben auch schon einen Schuldigen ausgemacht, der „unsere Kinder“ in Gefahr bringt — der „Kinderkanal“ von ARD und ZDF:

Screenshot Bild.de - Intim-Lexikon - So versaut der Kika unsere Kinder

Der „KiKa“ soll nämlich daran Schuld sein, dass Jugendliche jetzt rausfinden können, dass der Penis auch mal „Latte“ und die Vagina „Muschi“ genannt wird. Oder dass Engländer zu Hoden „balls“ sagen, während Brüste in Spanien „limones“ genannt werden.

Schulz und Kürthy schreiben:

Nächster Aufreger um den Kinderkanal von ARD und ZDF. So finden sich auf der KiKA-Homepage zwei „Fremdsprachen-Spickzettel“.

► Thema: „Brüste und Vagina international“ und „Penis und Hoden international“.

Mit kleinen Zeichnungen versehen, will der KiKA spielerisch „Lust auf Angeberwissen“ wecken und schreibt dazu: „Wie wär’s mit einem Fremdsprachen-Spickzettel für geläufige Bezeichnungen von Brust und Vagina bzw. Penis und Hoden? Weil wir sehr gelacht haben und auch noch etwas dazulernten, wollten wir dir das nicht vorenthalten. Denn ganz ehrlich: ein bisschen Spaß muss sein.“

Der Spaß liest sich dann u.a. so: Euter für Brüste, Loch für Vagina, Peitsche für Penis und Liebeskartoffeln für Hoden.

Nein! Donnerwetter!

Die Empörung auf Seiten der „Bild“-Medien ist deswegen so scheinheilig und unglaubwürdig, weil sie — Überraschung! — selbst gerne mal über „Latten“ und „Muschis“ und „Eier“ und „Glocken“ berichten. Und das auch nicht einfach nur so im normalen Programm bei „Bild“ und Bild.de, sondern speziell für eine ganz ähnliche Zielgruppe wie die des „KiKa“ (beim öffentlich-rechtlichen Sender definiert man diese für die „FremdsprachenSpickzettel“ als „Zuschauer auf ihrem Sprung zwischen Kindsein und Erwachsenwerden“).

Beim inzwischen eingestellten „Bild“-Jugendangebot „BYou“ findet man beispielsweise einen Artikel mit „25 richtig schlüpfrigen Witzen“. Und die gehen dann so:

Eine Oma geht zum Metzger und bestellt eine Salami. Der Metzger: „Am Stück oder in Scheiben?“ Da reißt die Oma ihren Rock hoch und fragt: „Ist das ’ne Pussy oder ein CD-Player?“

Gehen zwei Nutten durch Mainz. Meint die eine: „Mainz ist ein Drecksloch.“ — Meint die andere: „Meins auch.“

Was ist der kleinste Dom der Welt? — Der Kondom. Kann nur einer drin stehen. Und sogar die Glocken hängen draußen!

In einem anderen „BYou“-Artikel geht es um „Morgenlatten“. Wiederum in einem anderen um „Lümmel“, „Dödel“, „Schwengel“, „Pimmel“ und „Nudeln“. In einem weiteren „BYou“-Beitrag geht es um „Eiersalat“. Und auch Ausdrücke wie „Muschi“, „Mumu“, „Vorbau“ und „Holz vor der Hütte“ kommen in „BYou“-Texten vor.

„Pussy“, „Loch“, „Glocken“, „Latte“, „Eier“, „Muschi“, „Vorbau“, „Holz vor der Hütte“ — all das finden Jörg Schulz und Stephan Kürthy beim „KiKa“ ganz schlimm und gefährlich. Als ihre „BYou“-Kollegen „unsere Kinder“ mit denselben Begriffen „versaut“ haben, hatten sie offenbar nichts einzuwenden.

Vermutlich ist es Schulz und Kürthy letztlich auch völlig egal, dass diese Begriffe beim „KiKa“ auftauchen. Es dürfte einfach eine günstige Gelegenheit gewesen sein, die laufende Kampagne gegen den Kindersender fortzuführen.

Mit Dank an Gregor G., @f_herbers und @janfranzisko für die Hinweise!

Hier treffen Sie Julian Reichelt: Wo er isst! Wo er feiert! Wo er wohnt!

Die Überschrift ist natürlich völliger Quatsch.

Aber man stelle sich das mal vor: Irgendein Holzkopf kommt auf die Idee, die Namen und Adressen all der Restaurants zu veröffentlichen, in die Julian Reichelt gern zum Mittagessen geht. Oder eine Liste rauszubringen mit den Clubs, in denen der „Bild“-Oberchef regelmäßig feiert. Oder, noch schlimmer, ein Foto samt Ortsbeschreibung von dem Haus zu posten, in dem Reichelt im Penthouse wohnt.

Julian Reichelt würde sich vermutlich heftig beschweren, immerhin passte ihm schon die Veröffentlichung einer groben Schätzung seines Gehalts nicht, weil das seine Familie in Gefahr bringe. Julian Reichelt würde sich völlig zu Recht beschweren, und wir würden ihm zustimmen, auch wenn es Julian Reichelt ist.

Zum Glück passiert sowas ja nicht so häufig, weil genügend Leute Anstand haben und die Privatsphäre anderer Menschen respektieren, auch von den Personen, die prominent in der Öffentlichkeit stehen. Außer die Leute von „Bild“ und ihr Chef Julian Reichelt — die haben diesen Anstand offenbar nicht.

Seit drei Tagen gibt es eine neue Serie bei „Bild“, Bild.de und „Fußball Bild“. „Kosmos der Klubs“ ist ihr Titel, und sie soll der Leserschaft verraten, „wo Sie die Spieler Ihres Vereins treffen können“. In Folge 1 ging es um den FC Bayern München …

Screenshot Bild.de - Hier treffen Sie die Spieler in München - Warum die Bayern-Stars diesen Wellblechbunker lieben - Wo die Spieler essen gehen, wo sie feiern, in welchen Stadtteilen sie wohnen

… in Folge 2 um Eintracht Frankfurt …

Screenshot Bild.de - Wo Sie die Frankfurt-Profis treffen können - Hier feiern die Eintracht-Stars ihre Siege - Wo sie feiern, wo sie essen, wo sie shoppen

… heute dann in Folge 3 um den HSV:

Screenshot Bild.de - Pizza für 7,50 Euro - Diesen Italiener liebt HSV-Trainer Hollerbach - Wo die Stars feiern, wo sie essen, wo sie shoppen

Und weil es insgesamt 18 Bundesligavereine gibt, ist zu befürchten, dass uns noch mindestens 15 weitere Folgen erwarten.

Neben längst Bekanntem (die Fußballer aus München gehen häufig in die Praxis von Dr. Müller-Wohlfahrt, wenn sie verletzt sind — oho!) veröffentlichen die „Bild“-Medien im „Kosmos der Klubs“ auch Dinge, die bisher sicher nicht jeder wusste und die vielleicht auch nicht jeder wissen sollte: Wo der neue HSV-Trainer Bernd Hollerbach öfters Pizza isst. Wo Jérôme Boateng „super-zarte Steaks“ verdrückt. Die Lieblings-Discos der Spieler des FC Bayern. Zu welchem Inder Alex Meier häufig geht. In der Folge über Eintracht Frankfurt zeigt die Redaktion ein Foto eines Hochhauses und schreibt dazu: „Auch hier wohnen Spieler.“

Bei Bild.de kommt man an diese Informationen nur, wenn man ein „Bild plus“-Abo hat. Oder anders gesagt: Julian Reichelt und seine Mitarbeiter versuchen, mit dem Privatleben anderer Menschen Kasse zu machen.

Mit Dank an @koeppenjan für den Hinweis!

„Bild“ macht aus mutmaßlichen Opfern „vermeintliche Opfer“

Fangen wir ganz einfach und der Sache völlig unangemessen an: Wenn ein Junge ein vorbeifahrendes Auto sieht und denkt, es handelt sich um einen Opel, und zu seiner Mutter sagt: „Mama, da ist ein Opel“, und die Mutter dann hinschaut und sieht, dass es gar kein Opel ist, sondern ein BMW, dann könnte man sagen: Der vermeintliche Opel war in Wirklichkeit ein BMW.

Es geht um das Wort „vermeintlich“. In aller Regel deutet es auf eine Situation hin, in der irrtümlich etwas angenommen wird: Das vermeintliche Schnäppchen war tatsächlich gar kein Schnäppchen. Das vermeintliche Churchill-Zitat stammt gar nicht von Churchill. Und so weiter.

Schreibt eine Redaktion von „vermeintlichen Opfern“ eines bekannten deutschen Regisseurs, dann legt sie sich damit fest, dass die erhobenen Vorwürfe nicht stimmen. Sie legt sich fest, dass die Frauen lügen, die Dieter Wedel derzeit beschuldigen, sie gedemütigt, misshandelt, vergewaltigt zu haben.

Heute in „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Drei Wochen, nachdem im Zeit-Magazin vier Frauen schwere Vorwürfe gegen Star-Regisseur Dieter Wedel (75) wegen Machtmissbrauchs, sexueller Belästigung und Vergewaltigung erhoben haben, gibt es nun neue Anschuldigungen. In einem dreiseitigen Zeit-Dossier kommen vier weitere vermeintliche Opfer und Schauspieler Michael Mendl (73) zu Wort.

Bereits gestern Abend bei Bild.de:

In einem dreiseitigen „Zeit“-Dossier kommen vier weitere vermeintliche Opfer und Schauspieler Michael Mendl (73) zu Wort.

Ist das nun Wortklauberei? Finden wir nicht. Wenn Frauen sich in vielen Fällen nicht trauen, über sexuelle Gewalt zu sprechen oder Vergewaltigungen anzuzeigen, weil sie Angst haben, dass man ihnen nicht glauben könnte; weil sie Angst haben, dass man sie nur als „vermeintliche Opfer“ sehen könnte, ist eine Formulierung wie die der „Bild“-Medien Gift.

Ist das nun einfach nur fehlende Genauigkeit bei der Wortwahl des anonymen Autors? Könnte sein. Jedenfalls hat Bild.de die Stelle inzwischen in „vier weitere mutmaßliche Opfer“ geändert. Aber warum darf bei den „Bild“-Medien jemand über ein solch heikles Thema schreiben, der den Unterschied zwischen „vermeintlich“ und „mutmaßlich“ nicht kennt?

Das Ende des „Bild“-Artikels über die neuen Anschuldigungen gegen Dieter Wedel ist ebenfalls bemerkenswert. Sowohl online als auch in der Print-Version gibt es diesen „Hinweis“:

Screenshot Bild.de - Hinweis der Redaktion - Bild hält die schweren Vorwürfe gegen Dieter Wedel für ausreichend plausibel, um umfangreich darüber zu berichten. Dennoch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein großer Teil dieser Vorwürfe juristisch verjährt ist und Dieter Wedel deswegen nicht die Möglichkeit erhalten wird, sich in einem ordentlichen Gerichtsverfahren dagegen zu verteidigen. Nach journalistischen Standards halten wir es für gerechtfertigt, über die Vorwürfe zu berichten, die in der Zeit von zahlreichen Zeugen erhoben werden. Bisher hat Dieter Wedel alle Anschuldigungen bestritten. Es steht Aussage gegen Aussage.

Ein paar Gedanken zu dieser bis dato einmaligen Aktion:

  • Ein solcher Kasten wäre in vielen, vielen Fällen, in denen „Bild“ und Bild.de Menschen schon lange vor „ordentlichen Gerichtsverfahren“ vorverurteilt haben, angebracht gewesen. Stattdessen haben „Bild“-Mitarbeiter üble Kampagnen gestartet und auf „journalistische Standards“ keinerlei Wert gelegt.
  • Es ist schon interessant, wie die „Bild“-Redaktion den Umstand der Verjährung nicht als Problem der Frauen beschreibt, die nun nicht mehr rechtlich gegen Dieter Wedel vorgehen können, sondern als Problem Wedels, der sich nun nicht mehr verteidigen könne.
  • Und natürlich kann Dieter Wedel sich gegen die Vorwürfe juristisch verteidigen. Die angeblichen Taten, die ihm vorgeworfen werden, mögen zum größten Teil verjährt sein, wenn auch nicht alle. Die Anschuldigungen aber stammen von heute. Wenn Wedel sich gegen sie wehren möchte, beispielsweise wegen Verleumdung, kann er das tun.

„Bild“ tritt auf die Ärmsten der Armen ein

Wir wissen noch immer nicht, was bei „Bild“-Mitarbeitern an der Stelle sitzt, an der bei Nicht-„Bild“-Mitarbeitern ein Herz schlägt. Aber was immer sich dort befinden mag — es muss in der Lage sein, Empathie zu vermeiden und Wut zu erzeugen:

Dieses Bild macht wütend!

Diese Worte stammen von „Bild“-Reporter Julien Wilkens. Das Foto, das ihn so wütend macht, landete heute bei Bild.de ganz oben auf der Startseite …

Screenshot Bild.de - Diese Masche von Job-Verweigerern macht wütend - Hier wird aus Wasser Bier und der Staat zahlt
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

… und mit zwei weiteren Fotos in der „Bild“-Bundesausgabe auf Seite 3:

Ausriss Bild-Zeitung - Hier wird aus Wasser Bier und der Staat bezahlt es

Wilkens, immer noch wütend, schreibt dazu:

Wir sehen zwei Männer, die vor einem Supermarkt in Berlin stehen. Sie öffnen nacheinander zwölf Wasserflaschen, kippen sie in die Grünanlage. Siehe da: Wenig später wird aus Wasser Bier … Und der Staat zahlt!

Dieses Bild macht wütend! Denn einer der Männer, der offensichtlich der Trinker-Szene angehört, geht danach in den Supermarkt, gibt die Flaschen zurück — und kauft sich vom Pfand fünf Dosen Bier (je 29 Cent plus Pfand).

BILD erklärt die seltsame Tauschaktion: Das Wasser haben die Männer mit Lebensmittel-Gutscheinen [für Hartz-IV-Empfänger] gezahlt. Auf denen steht ausdrücklich: nicht für Tabak, nicht für Alkohol.

Ein Mann, offenbar Hartz-IV-Empfänger, offenbar alkoholkrank, offenbar einer der Ärmsten der Armen, kippt Wasser im Wert von 2,28 Euro (zwölf Flaschen à 19 Cent) weg, um seine Sucht stillen zu können. Dieser Pipibetrag reicht „Bild“-Mitarbeitern für eine Der-Staat-wird-ausgenommen-!-Skandalstory. 2,28 Euro reichen bei „Bild“ und Bild.de, um arme Gestalten vorzuführen, sie an den Pranger zu stellen, auf sie einzutreten.

Laut Credit hat Julien Wilkens die drei angeblich wütend-machenden Fotos selbst aufgenommen. Was für eine traurige Vorstellung: Ein „Bild“-Reporter, das Smartphone im Anschlag, verfolgt einen Alkoholabhängigen durch einen Supermarkt, um an einen Aufreger zu kommen. Allein der Gedanke macht wütend.

Mit Dank an Stefan P. und Simon für die Hinweise!

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