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Von Brandstiftern zu Brandstiftern

Es kommt nur selten vor, dass wir verstehen, was uns Franz Josef Wagner mit seinem Geblubber mitteilen will, und noch viel seltener, dass wir mit ihm einer Meinung sind. Heute aber ist so ein Tag, zumindest ein bisschen, denn er richtet seine — ausnahmsweise mal recht nachvollziehbaren — Gedanken an die „Idioten“ von „Pegida“.

Liebe Pegida-Idioten,

es ist Weihnachten. Vor 2000 Jahren suchten zwei Flüchtlinge, Josef und seine hochschwangere Frau Maria, eine Unterkunft.

Es ist Weihnachten 2014. Und Ihr Pegida-Idioten demonstriert in Dresden gegen die Überfremdung.

Wagner malt sich aus:

Was, wenn die Eltern von Jesus in Dresden an einer Haustür geklopft hätten. Die Eltern sahen nicht aus wie Deutsche. Ihre Hautfarbe ist dunkel. Sie sprachen auch kein Deutsch. Sie sprachen Armenisch und vielleicht Griechisch.

Naja, „Armenisch“ mit Sicherheit auch nicht, sondern Aramäisch, aber gut. (In der Online-Version wurde es heimlich korrigiert.)

2014 hätte man Josef und Maria nicht in einen Stall einquartiert. Sie wären in ein Asylantenheim gekommen. Auf manche Asylantenheime sprayen Idioten Nazi-Parolen.

Maria, Josef und Jesus würden also in diesem Asylantenheim leben. Und jeden Montag würden 10 000 Pegida-Idioten schreien: „Wir sind das Volk“.

Jesus, verzeih uns. Das Volk ist leider oft dumm.

Herzlichst
Franz Josef Wagner

Nun ist es, bei allem Verständnis, schon sehr bemerkenswert, dass ausgerechnet der „Chefkolumnist“ von „Bild“ solche Töne anschlägt und dass sich auch der Rest der „Bild“-Zeitung jüngst so Pegida-kritisch gibt. Als würde sich ein Fachgeschäft für Feuerwerkskörper plötzlich darüber beschweren, dass es überall knallt.

Denn es ist doch gerade die „Bild“-Zeitung, die solche Idioten seit Jahren immer wieder aufscheucht, anstachelt und mit neuer Munition versorgt. Die mit verdrehten Fakten und erfunden Geschichten immer wieder Stimmung gegen Ausländer macht und es dabei vor allem auf Muslime abgesehen hat. Die gegen „Asylantenheime“ (allein dieses Wort!) hetzt und Angst vor Überfremdung schürt und damit genau jenen Leuten unter die Arme greift, die jetzt gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gehen.

Nur mal als Beispiel: der „Islam-Rabatt“. Anfang des Jahres unterstellten die „Bild“-Medien in einer großangelegten Kampagne der deutschen Justiz, sie bestrafe Moslems milder als christliche Angeklagte (BILDblog berichtete). Dafür gab es zwar keinerlei Belege, aber „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ bastelten sich kurzerhand ihre eigene Wahrheit, indem sie entscheidende Fakten unter den Tisch fallen ließen, eine Studie verzerrt wiedergaben und dann einfach behaupteten, an deutschen Gerichten gebe es einen „Islam-Rabatt“:

Bild.de-Chef Julian Reichelt forderte hysterisch: „Keine Scharia in Deutschland!“, diverse ahnungslose Politiker sprangen ihm blindlings bei — und die Moslemhasser rieben sich die Hände, weil sie nur noch die „Bild“-Artikel teilen mussten, um auf „die Gefahren des Islam in Deutschland“ hinzuweisen.

Eine Korrektur der Berichterstattung hat es übrigens bis heute nicht gegeben.

Oder die Hasspredigt von Nicolaus Fest (BILDblog berichtete), der im Sommer in der „BamS“ unter anderem geschrieben hatte, der Islam störe ihn immer mehr — ihn störe die „weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund“, die „totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle“ und so weiter –, darum sei der Islam auch ein „Integrationshindernis“, was man „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“ solle. Fest schloss mit den Worten:

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Zwar versuchten „Bams“-Chefin Marion Horn und „Bild“-Chef Kai Diekmann daraufhin noch, den (Image-)Schaden zu begrenzen, doch da hatten die Hetztiraden schon längst die Runde gemacht und tosende Beifallstürme in den Rassistenblogs ausgelöst. Und dass es dieser Kommentar überhaupt erst ins Blatt geschafft hat, zeigt einmal mehr, wie fahrlässig die „Bild“-Menschen mit ihrer publizistischen Verantwortung und Macht umgehen. Oder, je nachdem, wie mutwillig sie sie missbrauchen.

Wie bei der Sache mit dem „Asyl-Hotel“ in Bautzen (BILDblog berichtete), erschienen vor gut drei Monaten:

Auch das ist eine völlig verzerrte Darstellung der Tatsachen, die offensichtlich nur dazu dient, die Asylbewerber in ein schlechtes Licht zu rücken. Es stimmt zwar, dass sich die Sanitäter Schutzwesten besorgt haben, aber nicht aus Angst vor Einsätzen in dem Heim, sondern als generellen Schutz bei allen Einsätzen, egal, wo sie stattfinden.

Auch vieles andere an dem Artikel ist unwahr oder wird verzerrt dargestellt, das haben sowohl die Polizei als auch das DRK als auch der Betreiber des Heims mehrfach mitgeteilt, und obwohl die „Bild“-Redaktion das weiß, und obwohl sie weiß, dass die Berichterstattung viele Menschen gegen die Flüchtlinge aufhetzt, ist der Artikel immer noch unverändert online.

Oder erst neulich: das Märchen vom Verbot der Weihnachtsmärkte (BILDblog berichtete). Vor zwei Wochen behauptete die „Bild am Sonntag“ (in Anlehnung an eine „B.Z.“-Geschichte von vor einem Jahr), in Berlin-Kreuzberg seien statt „Weihnachts-“ nur noch „Wintermärkte“ erlaubt, um Andersgläubige nicht zu stören. Völliger Unfug zwar, aber die „BamS“ verbreitete die Geschichte trotzdem, wie gewohnt mit verzerrten Darstellungen und verschwiegenen Fakten, fragte: „Wird auf dem Altar der politischen Korrektheit die christliche Tradition geopfert?“ und lieferte den Pegida-Hetzern damit eines ihrer plakativsten „Argumente“.

Eine Korrektur der „BamS“ ist bis heute nicht erschienen. Der Artikel ist immer noch online.

So könnten wir ewig weitermachen: Schnitzelkrieg, Moslem-Feiertag, Sarrazin, Sonne-Mond-und-Sterne-Fest, Ehrenmorde, überhaupt: kriminelle Ausländer und und und und und und und

Die oben ausführlicher beschriebenen Beispiele stammen alle nur aus diesem Jahr, und es sind nur die knalligsten dafür, wie die „Bild“-Zeitung seit Jahren unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Angst vor der Islamisierung schürt und damit den Idioten, die Franz Josef Wagner heute so kritisiert, wissentlich in die Hände spielt.

Und um abschließend nochmal auf Wagners Gedankenspiel zurückzukommen:

Was, wenn die Eltern von Jesus in Dresden an einer Haustür geklopft hätten[?]

Dann hätten sie wahrscheinlich schlechte Karten gehabt. Zumindest an der Haustür eines „Bild“-Lesers.

Mit Dank auch an Sejfuddin.

Nachtrag, 17. Dezember: Die Eltern von Jesus waren bei der Geburt übrigens keine „Flüchtlinge“, wie Wagner schreibt, sondern (wenn überhaupt) auf dem Weg, sich von der Finanzbehörde registrieren zu lassen. Fliehen mussten sie erst später, als König Herodes Wind davon bekommen hatte und Jesus umbringen lassen wollte. Mehr dazu: hier.

Mit Dank an D., Georg, Lukas und Matthäus.

Wie „Bild“ den Tod einer Studentin ausbeutet

Vor zweieinhalb Wochen wurde in Offenbach eine Studentin auf einem McDonald’s-Parkplatz von einem Mann so schwer verletzt, dass sie zuerst ins Koma fiel und wenige Tage später starb. Offenbar hatte sie versucht, einen Streit zu schlichten.

Der Fall sorgt seither für großes Aufsehen. Und vor allem die „Bild“-Medien schlachten ihn seit Tagen auf beispiellose Weise aus:












































49 Artikel haben „Bild“, Bild.de und die „Bild am Sonntag“ seit dem Vorfall rausgehauen, im Schnitt fast drei Artikel täglich. Sie zeigten unzählige Fotos des Opfers und des mutmaßlichen Täters (meist von Facebook kopiert und natürlich kein bisschen verpixelt), veröffentlichten private Details, Informationen aus dem Krankenhaus („Nach BILD-Informationen begann gegen 21.30 Uhr die Organentnahme“), besuchten den Tatort, die Trauerfeiern, den Friedhof, die Moschee, die JVA, fotografierten Trauernde, wühlten in Facebook-Profilen, bastelten Klickstrecken, aber offensichtlich war die Gier der lüsternen „Bild“-Macher und -Leser damit immer noch nicht befriedigt.

Am Montag folgte, „exklusiv“ in „Bild“:

Sowohl in der Print-Ausgabe als auch bei Bild.de werden die Szenen der Überwachungskamera — „die letzten Minuten, die Tugce bewusst erlebte!“ — detailliert dokumentiert, die entscheidenen Momente hat die Redaktion sogar extra von einem Illustrator nachzeichnen lassen.


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Schon in den Tagen davor hatte das Blatt stolz verkündet:

Und als wäre das nicht schon dreist und eklig genug, versuchten die „Bild“-Geier auch noch, Geld damit zu verdienen: Das exklusive „Protokoll des Überwachungsvideos“ gab es nur gegen Bezahlung — hinter der „Bildplus“-Paywall.

Inzwischen dürfen sich auch nicht-zahlende Leser bei Bild.de anschauen, was auf dem Parkplatz passierte; das „Beweis-Video“ ist frei verfügbar.

Laut Angaben des „Hessischen Rundfunks“ ermittelt deshalb nun die Staatsanwaltschaft:

„Es handelt sich um ein unmittelbares Beweismittel“, so [Axel Kreutz, Sprecher der Zweigstelle Offenbach der Staatsanwaltschaft Darmstadt]. Und ein solches gehöre nicht in die Öffentlichkeit, sondern müsse vor Gericht analysiert und bewertet werden. Die Behörde will herausfinden, woher die Zeitung das Video bekommen hat. Sie ermittelt „gegen Unbekannt“.

Durch die Veröffentlichung des Videos werde das Beweismittel zwar nicht wertlos für den Gerichtsprozess, allerdings bestehe die Gefahr, dass dadurch Zeugen in ihrer Aussage manipuliert werden könnten. „Man muss damit rechnen, dass sich Zeugen vor ihrer Vernehmung das Video anschauen und ihre Aussage dann damit abgleichen“, so Kreutz. Dadurch könnten unter anderem subjektive Erinnerungen an das Geschehen eingefärbt werden.

Auch Interpretationen des Videos, die im Vorfeld eines Prozesses über die Medien verbreitet würden, könnten einen Einfluss auf Zeugenaussagen haben – womöglich auch auf die Schöffen in einem Gerichtsverfahren.

Auch die Familie der Verstorbenen zeigte sich entsetzt über die Veröffentlichung. Auf einer Facebookseite, die von Freunden und Angehörigen betrieben wird, verurteilen sie die Verbreitung des Videos als „bodenlose Frechheit“:

Das Video kannte die Familie, da es als Beweismittel gilt. Jedoch war es nicht mit ihr abgesprochen, dass es in der Öffentlichkeit landet. Wir teilen das Video hier auch nicht.

Ihr könnt euch vorstellen, wie es für die Eltern oder Brüder sein muss, ihre geliebte Tuğçe „live“ sterben sehen zu müssen.

Nur den Leuten von „Bild“ ist das wie immer scheißegal.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Der öffentliche Tod einer jungen Mutter

Am vergangenen Mittwoch ist in Emmerich eine 26-jährige Frau im Beisein ihrer kleinen Kinder erstochen worden. Laut Polizei war ein Nachbar der Familie über den Balkon in die Wohnung eingedrungen, hatte dort zuerst die 45-jährige Oma schwer verletzt und dann im Schlafzimmer, wo sich auch die Kinder aufhielten, brutal auf die junge Mutter eingestochen. Sie war schon verblutet, als die Rettungskräfte eintrafen.

Der mutmaßliche Täter, der auf seiner Flucht noch einen dritten Menschen attackierte, wurde am Tag darauf festgenommen; er habe die Taten gestanden, teilte die Polizei mit.

Die Medien interessierten sich natürlich sehr für den grausamen Fall, allerdings verzichteten sie in ihren Berichten auf Fotos der Opfer, änderten alle Namen und nannten auch sonst kaum persönliche Details, eine Praxis, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber bei Weitem nicht ist, nicht mal in den sogenannten seriösen Medien, wie man ja zuletzt an den fürchterlichen Opfergalerien zum MH17-Unglück sehen konnte. Umso erfreulicher, dass sich die Medien diesmal so zurückgehalten haben.

Bis auf „Bild“ natürlich.

Dort gab es mal wieder das volle Sensationsprogramm: Die Zeitung druckte Fotos vom Abtransport der Leiche und davon, wie die (immerhin verpixelten) Kinder aus dem Haus getragen werden; zeigte (sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe) Fotos vom Haus, in dem die Tat geschah, von der Wohnungstür der Familie, von der Wohnungstür des mutmaßlichen Täters und vom Haus des dritten Opfers. „Bild“ ist auch das einzige Medium, in dem die Namen der Betroffenen nicht geändert wurden. Und das einzige, das ein unverpixeltes Foto der getöteten Frau veröffentlicht hat — und zwar einmal am Mittwoch …

… und zweimal am Donnerstag …


… außerdem in der Bundesausgabe …

… in der Regionalausgabe (Ruhrgebiet) …

… nochmal in der Bundesausgabe …

… und nochmal in der Regionalausgabe:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Als Foto-Quelle ist in der Printversion (wenn überhaupt) „Privat“ angegeben. Online heißt es:

In Wahrheit stammt das Foto aber natürlich nicht von „Bild“-Mann Stefano Laura, sondern vom Facebookprofil des Opfers. Auch das (mit schwarzem Alibi-Balken versehene) Foto des mutmaßlichen Täters hat sich „Bild“ kurzerhand bei Facebook besorgt, Quellenangabe: keine.

Am Donnerstag haben wir den Axel-Springer-Verlag um eine Erklärung zu dem Fall gebeten. Eine Antwort haben wir bis heute nicht bekommen.

Übrigens: Wie gestört die Leute von „Bild“ mit diesem Thema umgehen, zeigt sich in der heutigen Ausgabe in ganz besonderer Weise. In einem Artikel über die Wild-Unfälle vom Wochenende hat die Zeitung einem Reh (!) das gewährt, was die meisten menschlichen Opfer nicht bekommen: ein verpixeltes Gesicht.

Mit Dank an Stephan T. und Kurt Wolfgang S.

Mit Karacho an der Realität vorbei

Vor drei Wochen hat „Bild“ den Fußballer Donis Avdijaj (FC Schalke) umgetauft. Statt „49-Mio-Bubi“ nennt das Blatt ihn jetzt nur noch …



„Crash-Bubi“. Warum? Weil er jung ist. Und — darum:

Der Schalke-Bubi, der eine 49-Mio-Euro-Ausstiegsklausel in seinem Vertrag hat, hat seinen Sportwagen zerlegt. Der Verdacht: Es passierte bei einem illegalen Auto-Rennen.

So richtige Zweifel schienen die Autoren an diesem „Verdacht“ aber nicht zu haben: Avdijaj habe den Lamborghini „verfolgt“ hieß es im Artikel, und sei ihm dann reinge“rauscht“:

Laut Augenzeugen sollen die Autos bis zu 160 km/h schnell gewesen sein und sich ein spontanes Rennen geliefert haben.

Kurz darauf sprach Bild.de dann auch unmissverständlich von „Raserei“ und schrieb auch in den darauffolgenden Tagen:

Avdijaj raste in einen Lamborghini.

Während „Bild“ sich schon munter ausmalte, was dem Spieler wegen nun „blühen“ könnte („Crash-Konsequenzen“, „Abmahnung“, „Schrottet er jetzt seine Karriere?“), sagte Schalke-Manager Horst Heldt:

„Wir wollen ihn nicht vorverurteilen, warten die Ergebnisse der Polizei-Ermittlungen ab.“

Und die liegen laut DerWesten.de nun vor. Demnach war der wilde „Crash-Bubi“ mit sage und schreibe 36 km/h (!) unterwegs, als er in den Lamborghini „raste“.

Avdijaj habe eine kleine Geldsumme bezahlen müssen und seinen Führerschein wiederbekommen. Die angeblichen Augenzeugen, auf die sich „Bild“ berufen hatte („160 km/h“), hätten sich bislang nicht bei der Polizei gemeldet.

Mit Dank an Max und Robin L.! Siehe auch: Die 36 km/h-Raserei (koenigsblog.net)

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Zwei, wie füreinander geschaffen

Der „Stern“ schreibt in seiner aktuellen Ausgabe über die „gefährliche Nähe“ zwischen Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer und Gerhard Schröder. Laut dem Artikel soll Maschmeyer dem Altkanzler zwei Millionen Euro für die Rechte an dessen Autobiographie gezahlt haben — doppelt so viel wie bisher bekannt.

„Privates wurde mit Geschäftlichem vermischt“, finden einige Journalisten; die „Stern“-Enthüllung geht seit gestern durch alle Medien. Oder durch fast alle. Denn „Bild“ hat bislang kein einziges Wort darüber berichtet, weder in der Print-Ausgabe noch online.

Woran das wohl liegt? Ist der „stern“ vielleicht nicht glaubwürdig genug für ein Sorgfaltsmedium wie „Bild“? Oder hat es womöglich etwas damit zu tun, dass Béla Anda, Politikchef von „Bild“, sowohl Schröders Regierungssprecher als auch später Maschmeyers Kommunikationschef war? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Auch Carsten Maschmeyer und die „Bild“-Zeitung stehen sich gefährlich nahe.

Seit Jahren sind die beiden dicke Kumpels, was praktisch ist für den Finanzmann, denn wenn mal wieder irgendwelche Vorwürfe gegen ihn laut werden, kann er sich gleich via „Bild“ vor Millionen Lesern verteidigen. Als sich etwa 2011 eine NDR-Doku kritisch mit Maschmeyer und der AWD beschäftigte, bot das Blatt ihm schon einen Tag nach der Sendung die Möglichkeit, den Vorwürfen in einem Pseudo-Verhör ausführlich zu widersprechen (BILDblog berichtete). Als „Bild“ knapp ein Jahr später berichtete, dass Maschmeyer die Anzeigen für das Wulff-Buch bezahlt hatte, durfte er auch gleich seine Version der Geschichte loswerden. Als er 2013 von Günther Jauch in dessen Talkshow „attackiert“ wurde, durfte er kurz darauf bei Bild.de zurückschlagen.

Die „Bild“-Zeitung gibt „Maschi“, wie sie ihn liebevoll nennt, eine Plattform, wenn er eine braucht, sie hofiert ihn über die roten Teppiche, feiert ihn als vielleicht etwas umstrittenen, aber eigentlich doch herzensguten Wohltäter, und als er Veronica Ferres heiratete („Zwei, wie füreinander geschaffen“), wünschte die „Bild am Sonntag“ natürlich „von Herzen: Alles Glück dieser Welt!“

Aber auch für „Bild“ hat die Freundschaft zu Maschmeyer so ihre Vorteile. Als Maschmeyer 2012 sein Buch veröffentlichte, war es die „Bild“-Zeitung, die vorab exklusive Auszüge daraus drucken durfte. „Bild“ erfuhr auch vor allen anderen Medien von den Morddrohungen gegen Maschmeyer, und freilich lassen er und Frau Ferres sich auch regelmäßig auf den „Bild“-Events blicken, worüber die Zeitung dann wieder ganz entzückt berichten kann.

Das hat schon fast was Symbiotisches: Maschmeyer profitiert von der Reichweite und Meinungsmacht der „Bild“-Zeitung, sie von seiner Berühmt- und Berüchtigtheit. Und von seinem Geld.

2008 spendete Maschmeyer eine Million Euro aus seinem Privatvermögen an die „Bild“-Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“. Bei der Gala 2010 gab er 1,4 Million Euro, außerdem sponsorte die AWD im selben Jahr Bandenwerbung für „Ein Herz für Kinder“ im Wert von 500.000 Euro. Im vergangenen Jahr zahlte Maschmeyer erneut eine Million aus eigener Tasche an die „Bild“-Organisation. In gut drei Wochen findet die nächste Spendengala statt.

Kein Wunder, dass die „Bild“-Leute ihren Maschi lieber in Ruhe lassen.

Mit Dank an Sabine.

1. Nachtrag, 14. November: Tja, was sollen wir sagen? Heute berichtet „Bild“ plötzlich doch über die Geschichte — und zwar so:

2. Nachtrag, 14. November: Béla Anda hat unseren Eintrag gelesen. Und nicht verstanden. In seinem „Bild“-Politik-Newsletter schreibt er (mit „Osnablogger“ ist übrigens Stefan Niggemeier gemeint):

Bild, Focus, Stern  etc.

Wie DFB, Medien und „Die Mannschaft“ auf einen Fake hereinfielen

Morgen startet in den Kinos der DFB-Werbespot WM-Film „Die Mannschaft“, in dessen Trailer* gleich zu Beginn dieses Zitat auftaucht:


(Screenshot aus dem Trailer.)

Die Filmemacher und DFB-Verantwortlichen müssen sehr stolz auf dieses Zitat sein, denn es eröffnet nicht nur den Trailer und war Inspiration für den Titel, sondern wurde gar zur „Leitidee“ des ganzen Projekts erklärt. In einer Pressemitteilung schrieb der DFB vor einigen Wochen:

Der Film […] stellt den besonderen Teamgedanken als entscheidend für den vierten Titelgewinn heraus. „Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!“ Dieses Motto, ein Twitter-Beitrag des englischen Kapitäns Steven Gerrard nach dem 7:1-Triumph des DFB-Teams im Halbfinale gegen Brasilien, ist die Leitidee.

Doof nur: Das Zitat stammt gar nicht von Steven Gerrard.

Der „Twitter-Beitrag“, auf den sich der DFB bezieht, sieht so aus:

Da steht zwar „Steven Gerrard“, und das Foto zeigt ihn auch, doch hinter dem Account steckt nicht Gerrard selbst, sondern ein Fan. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass über Gerrard in der dritten Person getwittert wird, oder auch am fehlenden blauen Haken (Sportler dieser Größenordnung haben in der Regel verifizierte Accounts, wie man schön an dieser Liste sieht), vor allem aber an der Profilbeschreibung, in der es heißt:

Your mouth-piece centre for #LFC transfers news and rumours #DareToGerrard #TeamGerrard

Als Website wird im Profil außerdem eine Steven-Gerrard-Fanseite verlinkt.

Kurzum: Eigentlich hätte auch der DFB darauf kommen können, dass das ach so schöne Zitat nicht vom damaligen Kapitän der Engländer stammt, sondern von irgendwem.

Und die Medien genauso. Aber die sind auch drauf reingefallen, schon damals, als der Tweet um die Welt ging. Und zwar durch die Bank. So erschien das angebliche Gerrard-Zitat unter anderem in der „Bild“-Zeitung, in der „Berliner Zeitung“, in der „Süddeutschen Zeitung“, in der „Welt“, im „Stern“, im „Focus“, im „Tagesspiegel“, in der „Badischen Zeitung“, der „Saarbrücker Zeitung“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Rheinischen Post“, den „Aachener Nachrichten“, dem „Darmstädter Echo“, der „Westdeutschen Zeitung“, dem „Bonner General-Anzeiger“, auf den Webseiten des „Handelsblatts“, der „Berliner Morgenpost“, der „Sport Bild“, der „Augsburger Allgemeinen“, der „Sportschau“, der „Hamburger Morgenpost“, bei Web.de, T-Online, der AFP, dem SID und bei vielen, vielen mehr.

Aber vielleicht als kleinen Trost, damit wir die fußballpatriotische Ein-Hoch-auf-uns-Stimmung jetzt nicht völlig zerschießen: Es gibt noch ein anderes Zitat, nämlich vom damaligen Trainer der Brasilianer, der nach der 1:7-Niederlage gegen Deutschland sagte:

We tried to do what we could, we did our best – but we came up against a great German team.

Das knallt zwar nicht so schön, ist aber wenigstens kein Fake.

Mit Dank an David.

*Korrektur/Nachtrag, 13. November: Das falsche Gerrard-Zitat taucht nur im Trailer auf, nicht im Film selbst, wie wir zunächst geschrieben hatten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Inzwischen haben wir auch den Verfasser des Tweets erreicht und ihm ein paar Fragen gestellt:

Hallo @iSteven8Gerrard, nur der Vollständigkeit halber: Bist Du der echte Steven Gerrard?
Nein, ich bin nicht der echte Steven Gerrard.

Du hast ja mitbekommen, dass Dein Tweet („Deutschland hat eine Mannschaft!“) ganz schön die Runde macht. Stammt das Zitat denn von Dir oder vom echten Gerrard?
Das Zitat ist von mir. Während der Weltmeisterschaft haben meine Freunde ich darüber gesprochen, dass sich die Deutschen so gut schlagen, weil sie im Gegensatz zu Brasilien oder Argentinien als Mannschaft spielen. Dann bin ich auf Twitter gegangen, und das waren die Sätze, die mir in den Kopf kamen.

Wie heißt Du denn wirklich und worum geht’s bei Deinem Twitter-Projekt?
Mein echter Name ist Seumas Beathan. Der Twitter-Account hat als normale Fanseite [über Gerrard und den FC Liverpool] begonnen, und zurzeit arbeite ich noch an einer Website für Liverpool-Fans.

Seit Juli hat dein Tweet über 35.000 Retweets bekommen. Ist das Dein erfolgreichster Tweet?
Ich hatte ein paar, die über 1.000-mal retweeted wurden, aber dieser ist mit Abstand der erfolgreichste.

Jetzt taucht er sogar im Trailer zum offiziellen DFB-WM-Film auf und wurde zur „Leitidee“ des Projekts erklärt — ist das der krönende Moment?
Nun, ja und nein. Ja, weil es natürlich unglaublich ist, meinen Tweet im Trailer zu sehen, aber auch nein, weil ich keine Anerkennung dafür bekommen habe. Außer ein paar Journalisten und deutschen Fans hat niemand gemerkt, dass der Tweet in Wirklichkeit gar nicht von Steven Gerrard kam.

Aber hast Du denn nicht manchmal ein schlechtes Gewissen, Dich als Steven Gerrard auszugeben? Oder besser: Wenn so viele Leute glauben, Du seist er?
Ich gebe mich nicht wirklich als er aus. Offensichtlich gibt es einige Leute, die mich fälschlicherweise für den echten Gerrard halten, aber der Großteil meiner Follower ist sich bewusst, dass es ein Fan-Account ist. Und ich versuche so gut wie möglich, die Leute zu korrigieren und darauf hinzuweisen, dass es nur eine Fanseite ist.

Hat Dich jemals irgendein deutscher Journalist oder Fußball-/Film-Mensch kontaktiert, um zu überprüfen, ob Du der echte Gerrard bist?
Nein, und das enttäuscht mich. Der DFB hat mein Zitat ohne Erlaubnis benutzt, darüber bin ich ziemlich unglücklich.

Hast Du überlegt, Dir einen Anwalt zu nehmen?
Nein, das möchte ich nicht. Mir missfällt auch nicht unbedingt die Tatsache, dass der Tweet benutzt wurde, sondern dass sie mich nicht kontaktiert und es nicht geschafft haben, mich korrekt zu zitieren.

Hast Du den echten Gerrard eigentlich jemals getroffen?
Nein, leider noch nicht. Aber ich hoffe, dass ich das eines Tages werde.

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„Bild“ erklärt falschen Mann für tot

Gestern berichtete „Bild“-Reporter Jörg Völkerling über einen Unfall in Bayreuth, bei dem ein junger Mann ums Leben gekommen ist und ein weiterer schwer verletzt wurde.

Unter einem der kleineren Fotos steht:

[W.] (19) starb beim Aufprall des Wagens

Natürlich schreibt „Bild“ nicht „W.“ , sondern den vollen Vornamen des Mannes, seinen Spitznamen und abgekürzten Nachnamen, und natürlich sind die Fotos im Original nicht verpixelt. Als Foto-Quelle steht dort „Privat“, was so viel heißt wie: „bei Facebook geklaut“.

Damit pfeift das Blatt mal wieder auf die Persönlichkeitsrechte des Opfers — und auf den Pressekodex, nach dem die Identität von Opfern „besonders zu schützen“ und „für das Verständnis eines Unfallgeschehens […] in der Regel unerheblich“ ist.

Aber nicht nur das: „Bild“ hat sich außerdem mal wieder durch das falsche Facebook-Profil gewühlt. Das Foto zeigt nicht den verstorbenen Fahrer, sondern den Beifahrer, der verletzt überlebt hat.

Es ist schon mindestens das zweite Mal in diesem Jahr, dass sich die Fotojäger von „Bild“ in ihrer blinden Gier am falschen Facebook-Profil bedienen. Erst vor drei Monaten hatte die „Bild am Sonntag“ einen Unschuldigen zum Mörder erklärt, weil er bei Facebook zufällig genauso heißt wie der Verdächtige in dem Fall. Und 2012 erklärte „Bild“ eine junge Frau für tot, die mit dem Mord, um den es ging, nicht das Geringste zu tun hatte.

Immerhin hat sich das Blatt heute per Mini-Korrektur für den „bedauerlichen Fehler“ von gestern entschuldigt:

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Was von der Gratis-„Bild“ übrig blieb

… landete zumindest in Frankfurt wieder da, wo es hergekommen war:

Dass die PARTEI von „Bild“ wegen der Müll-Lieferung angezeigt wurde, wie sie am Wochenende behauptete, stimmt laut Frankfurter Polizeipräsidium übrigens nicht. Wäre auch zu schön gewesen.

Trotzdem wertet die „Titanic“ die Umtauschaktion als „großen Erfolg“: Rund 10.000 Menschen hätten sich bundesweit an den Ständen versammelt; etwa 5.000 hatten „Bild“-Ausgaben dabei, die natürlich sofort unschädlich gemacht wurden:

Außerdem hatten mehr als 2.000 Haushalte der Zustellung zuvor per Mail widersprochen, mehrere Hundert wehrten sich zudem mit Anti-„Bild“-Aufklebern an ihren Briefkästen. Und viele Leser haben uns berichtet, dass in ihren Mehrfamilienhäusen (verdientsvollen Nachbarn/Postboten sei Dank) keine einzige Sonderausgabe gelandet sei.

Zwar dürfte sich die ganze Sache für den Axel-Springer-Verlag dennoch gelohnt haben (allein für die Anzeigen müsste er mehr als 30 Mio. Euro bekommen haben), aber immerhin: Aus dem Vorhaben, die Gratis-„Bild“ in „jeden Haushalt in Deutschland“ zu bringen, wie es der Verlag vollmundig angekündigt hatte, ist auch dieses Mal nichts geworden.

Mit Dank an alle, die mitgemacht haben!

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Die Feinde meiner Feinde sind meine Lokführer

Was die „Bild“-Zeitung vom gestern beendeten Streik der Lokführer, pardon, vom gestern beendeten „MONSTER-STREIK“ der Lokführer hielt, dürfte spätestens seit der Telefonterrorkampagne gegen GDL-Chef Claus Weselsky klar gewesen sein.


(Unkenntlichmachung von uns.)

Am Donnerstag, pünktlich zum Beginn des Streiks, schoss „Bild“ dann mit einer ganzen Anti-Streik-Seite nach, auf der die wütenden Gegner und Opfer nochmal ordentlich rumwettern durften:

Herzstück der Schimpferei: die Kritik aus den eigenen Reihen. „Wir sind Lokführer und finden den Streik bescheuert!“

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL hat zum bisher längsten Streik in der Bahn-Geschichte aufgerufen! Doch nicht alle folgen dem Aufruf: Einige sind Beamte, dürfen nicht streiken, andere Lokführer halten den Monster-Streik der GDL für völlig überzogen.

In BILD sagen vier von ihnen, warum sie heute zur Arbeit gehen – und den Streik bescheuert finden

Da wäre zum Beispiel ein Lokführer aus München, der sagt:

Dieser viertägige Streik ist voll daneben. Er trifft einfach zu viele Reisende, Familien, Pendler. Ich merke auch, dass ein Teil der GDL-Lokführer den Streik nicht mehr mitträgt, weil sie der Ausstand Lohn kostet. Ich bin für heute in der ICE-Bereitschaft eingesetzt und werde mit Sicherheit einen Zug fahren.

Was der Mann allerdings nicht sagt: Er ist gar kein Mitglied bei der GDL, sondern bei der konkurrierenden Gewerkschaft EVG, die überhaupt nicht mitgestreikt hat und den Tarifkonflikt stark kritisiert.

Auch zwei weitere, also insgesamt drei der vier interviewten Lokführer sind laut Gewerkschafts-Website Mitglied in der EVG und setzen sich unter anderem für die Eingliederung der Lokführer in die EVG ein. Es ist also keine Überraschung, dass sie nicht am Streik teilgenommen haben, dass sie ihn „voll daneben“ finden und auch sonst fleißig gegen die Konkurrenz von der GDL stänkern.

Und es ist keine Überraschung, dass die „Bild“-Zeitung diese Fakten auf ihrem Feldzug gegen Weselsky und den „MONSTER-STREIK“ ganz einfach verschwiegen hat.

Mit Dank an Max und Anonym.

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„Exklusiv“: „Bild“ bei Mauerfall jetzt auch auf allgemeinem Wissensstand

Die Füchse von der „Bild“-Zeitung, sie haben’s immer noch drauf. 25 Jahre nach dem Mauerfall, gerade rechtzeitig zum Jubiläum, enthüllen sie „exklusiv“, dass die Sache damals anders lief, als alle bisher dachten: Die DDR hatte den Mauerfall angekündigt!

„Bild“-Hauptstadt-Korrespondent Peter Tiede staunt:

Nicht am 9. November 1989, aber im Dezember sollte die Mauer fallen. Das geht aus einem Brief hervor (liegt BILD vor), den Berlins früherer Regierender Bürgermeister Walter Momper (69, SPD) am 6. November 1989 — drei Tage vor dem tatsächlichen Mauerfall — an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl schickte.

Darin schrieb Momper: Er gehe „davon aus, dass voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird“. Mehr als vier Millionen DDR-Bürger würden in der Folge binnen kürzester Zeit West-Berlin besuchen. Darauf sei seine Stadt nicht vorberiete.

Momper stützte sich nach BILD-Informationen bei dem Brief auf Informationen aus einem Geheim-Gespräch mit dem damaligen Ost-Berliner SED-ZK-Sekretär Günter Schabwoski (85).

Wir wissen natürlich nicht, wer „Bild“ dieses brisante Dokument nach all den Jahren zugespielt hat. Ob es „Bild“-Freund Helmut Kohl war. Oder Schabowski. Oder doch das ZDF.

Das hatte vor fünf Jahren, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, eine Dokumentation mit dem Titel „Der schönste Irrtum der Geschichte“ gesendet. In der Pressemitteilung zur Ankündigung hieß es damals:

ZDF-Recherchen belegen jetzt, dass sowohl der West-Berliner Senat als auch das Bundeskanzleramt vorgewarnt waren. Bei einem Gespräch am 29. Oktober 1989 hatte ZK-Sprecher Günter Schabowski Berlins Regierendem Bürgermeister Walter Momper mitgeteilt, dass die DDR-Regierung eine kurzfristige Grenzöffnung für alle Bürger anstrebe. Erstmals zitiert der Film aus einem Brief, in dem Momper am 6. November 1989 auch Bundeskanzler Helmut Kohl informierte: „Der Senat geht davon aus, dass voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird (…) Es ist daher davon auszugehen, dass nahezu alle Einwohner der DDR bald reisen können.“

Na sowas.

Momper selbst hatte von dem Treffen mit Schabowski schon im Juni 2009 im RBB-Inforadio erzählt, woraufhin die „B.Z.“ meldete:

Momper wusste zehn Tage vor dem Mauerfall vom Mauerfall

Die „Welt“ schrieb:

DDR kündigte Momper Reisefreiheit für alle an

Über den Brief Mompers an Kohl, über den „Bild“ heute „exklusiv“ berichtet, berichtete Ende Oktober 2009 auch schon die „Badische Zeitung“:

Neue Übergänge müssten geöffnet werden, die BRD müsse Kontakt mit der DDR aufnehmen, man müsse Eisenbahnzüge bereitstellen und endlich das Begrüßungsgeld regeln. Im Kanzleramt von Helmut Kohl scheint der Brief in irgendeiner Posteingangsmappe stecken zu bleiben. Oder er wird geprüft. Intensiv. Niemand reagiert.

Oder wie es im WDR-Rundfunk ebenfalls zum 20. Geburtstag des Mauerfalls hieß:

Am 6. November schreibt [Momper] an Bundeskanzler Helmut Kohl, um ihn über die Vorkommnisse zu informieren: „Es ist davon auszugehen, dass nahezu alle Einwohner der DDR bald reisen können“. Die sensationelle Nachricht bleibt auf dem Dienstweg stecken. Helmut Kohl erreicht sie nicht.

In ihrer Kritik der ZDF-Dokumentation von 2009 maulte die „Welt“ damals übrigens:

Die alte Legende von der vorzeitigen Information Walter Mompers durch Schabowski am 29. Oktober 1989 wird erneut präsentiert. Tatsächlich gab es das Gespräch, wie seit Jahren bekannt ist; dabei sagte Schabowski den Vertretern des West-Berliner Senates aber nur, dass im Dezember Reisefreiheit geplant sei. Auch ein Brief von Momper an Bundeskanzler Helmut Kohl vom 6. November 1989, in dem genau diese Information steht, ist bereits seit über zehn Jahren bekannt und nicht erstmals in der Dokumentation zu sehen.

Aber was zum 20. Jubiläum schon alt und bekannt war, kann eine „Bild“-Zeitung auch zum 25. noch exklusiv enthüllen.

Nachtrag, 9:15 Uhr. Die Nachrichtenagentur AFP glaubt die „Bild“-Behauptungen unbesehen. Anstatt im Archiv nachzusehen oder wenigstens eine paar Begriffe in eine Suchmaschine einzugeben, erweckt sie ebenfalls den Eindruck, „Bild“ habe neue Informationen. Entsprechend meldet AFP nun:

Bericht: Momper frühzeitig in Plan zu Maueröffnung eingeweiht
Zeitung zitiert aus Brief des SPD-Politikers an Kohl

Berlin (AFP) – Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) war 1989 einem Bericht zufolge schon frühzeitig in der Plan der DDR-Führung zur Öffnung der Mauer eingeweiht. Bereits im Monat vor der Grenzöffnung am 9. November habe Momper davon gewusst, wie aus einem Brief des SPD-Politikers an den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hervorgeht, aus dem die „Bild“ am Donnerstag zitierte.

In diesem auf den 6. November 1989 datierten Dokument kündigte Momper gegenüber Kohl an, dass „voraussichtlich im Dezember 1989 für die Einwohner Ost-Berlins und der DDR eine weitgehende Reisefreiheit hergestellt wird“. Nach seinen Informationen dürften die DDR-Bürger ab diesem Zeitpunkt mit ihren Personalausweisen die innerdeutsche Grenze passieren, schrieb Momper demnach.

Momper stützte sich dabei nach „Bild“-Informationen auf Erkenntnisse aus einem Geheimgespräch mit dem SED-Funktionär Günter Schabowski. Beide hätten sich Ende Oktober im Ost-Berliner Palast Hotel auf Wunsch von Schabowski getroffen. (…)

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