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Wer ist hier der Chef?

Seit die Menschheit denken kann, wird sie von existenziellen Fragen gequält: „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, „Was ist in der Big-Mac-Sauce eigentlich drin?“, …

Immerhin auf eine dieser Fragen hat Bild.de die Antwort gefunden:

Millionen Hamburger-Fans wollten es schon immer mal wissen: Was ist in der Big-Mac-Sauce eigentlich drin? Nun erreichte diese Frage auch McDonald’s in Kanada — und die Antwort gibt es per Video im Netz: Der Chef persönlich steht in der Küche und erklärt, dass es eigentlich gar kein Geheimrezept ist, denn alles stehe schon lange im Internet.

Mal davon ab, dass die genaue Zusammensetzung der Sauce auch nach dem Betrachten des Videos ein Betriebsgeheimnis bleibt: Der Mann ist nicht „der Chef persönlich“ — jedenfalls nicht das, was man in Deutschland gemeinhin unter dem Chef eines Unternehmens versteht.

Wenn Sie mal schauen wollen:

Fastfood für zuhause: McDonald

In der Bauchbinde des Videos steht zwar „executive chef“, aber das ist ein „falscher Freund“. Machen wir doch einfache eine kurze Reise durch verschiedene Sprachen, Jahrhunderte und Küchen:

Das französische „chef“ (abgeleitet vom lateinischen „caput“ = „Kopf“), das im 17. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde, steht für einen Vorgesetzten oder Leiter einer Organisation. Der „chef de cuisine“ ist entsprechend der „Leiter der Küche“. Dieser Begriff wurde im Englischen auf „chef“ gekürzt, so dass „chef“ dort nun sehr allgemein für „Koch“ steht.

Dan Coudreaut, der Mann im Video, ist der „executive chef“, also der leitende Koch, von McDonald’s in Nordamerika. Er ist verantwortlich für die Entwicklung neuer Produkte und Rezepte.

Mit Dank an KiMasterLian und Andreas H.

Nachtrag, 13. Juli: Bild.de hat Dan Coudreaut im Text und in der Überschrift zum „Koch“ gemacht, im Video ist er immer noch „Chef“. (In der URL war interessanterweise von Anfang an von einem „Koch“ die Rede.)

Keine Lieder über Liebe

Als der damalige Bundespräsident Christian Wulff dem „Bild“-Chefredakteur auf die Mailbox quatschte, ließen sich Kai Diekmann und seine Redaktion nicht von einer Veröffentlichung eines geplanten Artikels über Wulffs private Hausfinanzierung abbringen. Nun ist es offenbar einigen rangniederen Politikern gelungen, einen auf den ersten Blick deutlich weniger brisanten Artikel, der bereits auf Bild.de erschienen war, wieder löschen zu lassen. Das behauptet zumindest der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm.

Dehm ist nicht nur Politiker der Partei Die Linke, sondern auch Musiker, Komponist und Produzent. In dieser Funktion (und der des „Kondom-Erfinders“) hat ihn die „Bild“-Redakteurin Angi Baldauf anlässlich der Veröffentlichung seiner neuen CD „Grosse Liebe. Reloaded“ für die Zeitung porträtiert. Ihr Artikel erschien am Samstagabend auf Bild.de:

Diether Dehm (62): Dieser Linke ist der erste Popstar im Bundestag. Hit-Schreiber, Sänger, Kondom-Erfinder — Der Abgeordnete Diether Dehm hat alle Hände voll zu tun.

Etwa 18 Stunden später war der Artikel wieder verschwunden, ist aber auf Dehms Internetpräsenz noch nachzulesen (PDF).

Es spricht wenig dafür, dass der Artikel bei Bild.de versehentlich veröffentlicht und dann wieder zurückgezogen wurde. Bild.de hatte ihn über den offiziellen Twitter-Account beworben:

So erregte der Artikel offenbar auch die Aufmerksamkeit der CDU-Abgeordneten Erika Steinbach, die sich öffentlich empörte:

Frau Steinbach und Herrn Dehm verbindet eine Jahrzehnte alte Feindschaft: 1990 hatte Steinbach behauptet, Dehm sei vor Jahren Stasi-Mitarbeiter gewesen. Dehm ließ diese Behauptung gerichtlich verbieten, doch 1996 tauchte eine Stasi-Akte auf, aus der hervorging, dass Dehm als von 1971 bis 1978 als Informeller Mitarbeiter die Staatssischerheit der DDR mit Informationen aus seinem Umfeld versorgt hatte. Es folgte eine längere Auseinandersetzung, die mit der Feststellung endete, dass Steinbach Dehm als „Stasispitzel“ bezeichnen darf.

Dehm war von 1976 bis 1988 Manager des Liedermachers Wolf Biermann gewesen. Biermann hatte hinterher behauptet, Dehm habe sich ihm gegenüber 1988 als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter offenbart, weswegen er ihn als seinen Manager entlassen habe.

Ein Vorfall, der auch im Bild.de-Artikel thematisiert wurde:

Den Vorwurf seines ehemaligen Liedermacher-Mitstreiters Wolf Biermann, er habe ihn bei der Stasi verpfiffen, hält er triumphierend das Dokument der Stasi selbst entgegen. Danach hatte die Stasi versucht, ihn als 24-Jährigen anzuwerben. Als Dehm aber 1977 Biermanns Manager geworden war und in Ostberlin sein Protestflugblatt gegen dessen Ausbürgerung verteilt hatte, stempelte die Stasi den „Perspektiv-IM“ zum DDR-Staatsfeind. Sogar mit Fahndungsbefehl, welcher heute eingerahmt neben den neun goldenen und vier Platin-LPs hängt.

Diether Dehm hält es dann auch für möglich, dass sich einige politische Gegner daran störten, „dass ausgerechnet ‚Bild‘ das entlastende Dokument erwähnt“.

Beschwert haben sich offenbar einige, wenn auch niemand so öffentlich wie Erika Steinbach. Im vom Liedermacher Konstantin Wecker herausgegebenen Blog „Hinter den Schlagzeilen“ heißt es:

Dann prasselte der Druck auf die Redaktion. Aus höchsten Kreisen von CDU, SPD, FDP usw.

Die Bildspitze wurde zur Ordnung gerufen. Zur herrschenden Ordnung.

Diether Dehm selbst erklärte uns auf Anfrage, ihm seien inzwischen Namen “aus den Fraktionsspitzen der drei Parteien” zu Ohren gekommen, die am Sonntag bei “Bild” “vorstellig geworden” sein sollen, um sich über die positive Berichterstattung über Dehm und seine neue CD zu beschweren.

Dass Bild.de den Artikel dann wieder offline genommen habe, sieht Dehm als Teil einer Kampagne gegen seine Partei, wie er uns schreibt:

Es ist nicht nur „Bild“, sondern das Gros der Verlagskonzerne, die LINKE nur skandalisiert in ihre Blätter lassen. Wir erleben gerade eine Auferstehung von Zensur a la McCarthy und Berlusconi, damit um Gotteswillen die Wut über die Zockerbanken in der Eurokrise nicht nach links geht.

Das treffe dann sogar seine „kleine, ziemlich unverdächtige Liebeslieder-CD“.

Die Pressestelle der Axel Springer AG antwortete auf unsere Anfrage, wir wüssten ja, dass der Verlag „zu Redaktionsinterna keine Auskunft“ gebe. So sei es auch in diesem Fall.

Mit Dank an Nico R. und Rita B.

Zweierlei Maß sind voll

Die Axel Springer AG kämpft seit Jahren gegen eine „Kostenlos-Mentalität“ im Internet.

Vor drei Jahren gehörte der Verlag zu den Unterzeichnern der sogenannten „Hamburger Erklärung“, in der es hieß:

Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben. Gesetzgeber und Regierung auf nationaler wie internationaler Ebene sollten die geistige Wertschöpfung von Urhebern und Werkmittlern besser schützen. Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben.

In letzter Zeit trommelte Springer an vorderster Front für ein Leistungsschutzrecht, das schon das Zitieren kurzer Textpassagen im Internet kostenpflichtig machen soll.

* * *

Und damit zum Wetter: Am Wochenende gab es beinahe im gesamten Bundesgebiet Unwetter, die teils schwere Ausmaße ausnahmen. Der Deutsche Wetterdienst DWD zählte insgesamt mehr als 364.000 Blitze.

Bei wetterpool.de, einem nicht-kommerziellen Portal von Hobbymeteorologen, sah die Blitzkarte entsprechend beeindruckend aus:

Das dachten sich wohl auch die Leute von Bild.de, nahmen eine solche Blitzkarte, entfernten die Legende, zeichneten die deutschen Grenzen nach und stellten sie ins Internet:

Hier kracht es am Häufigsten — Der Blitzatlas

Das war offenbar nicht ganz mit dem Rausfeilen der Fahrgestellnummer bei einem gestohlenen Auto zu vergleichen, denn in der Bildunterschrift steht immerhin noch die (aus der Grafik retuschierte) Quelle:

Die Blitz-Karte von Wetterpool.de zeigt, wann und wo sich in Deutschland die Blitze entluden. Blau steht für Freitag, grün für Samstag, Gelb für die Nacht von Samstag auf Sonntag und Rot für den Sonntag

Andererseits haben uns die Betreiber von wetterpool.de geschrieben, das Vorgehen von Bild.de sei „weder erwünscht, noch erlaubt, geschweigedenn abgesprochen“ gewesen.

Wir haben die Axel Springer AG, deren hundertprozentige Tochter Bild Digital für Bild.de verantwortlich ist, gestern Mittag mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Falls sie zuträfen, wollten wir außerdem wissen, wie dieses Vorgehen mit der Haltung des Verlags in Sachen Urheberrecht im Internet vereinbaren ließe. Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten.

* * *

Noch eine bunte Meldung vom Sport: Seit der italienische Nationalstürmer Mario Balotelli nach seinem Tor zum 2:0 gegen Deutschland zum etwas unkonventionellen Jubel sein Trikot ausgezogen hatte, ist er die Hauptfigur eines sogenannten Mems, bei dem sein Foto digital in zahlreiche fremde Umgebungen verpflanzt wird.

Der Grafiker und Musiker Friedemann Weise veröffentlichte am Freitag diese Variante auf seiner Facebook-Seite:

Er war sehr überrascht, als er seine Bearbeitung gestern auf der Titelseite von „Bild“ erblickte:

Nachtrag, 8. Juli: Bild.de hat die Blitzkarte von wetterpool.de entfernt. Friedemann Weise erklärte unterdessen bei Facebook, dass er lieber kein Geld von „Bild“ möchte.

Enttäuschte Liebe

Bei jedem Fußballturnier ist es das Gleiche. Solange die deutsche Mannschaft gewinnt, sieht es in „Bild“ so aus:

„Bild“, 9. Juni:

„Bild am Sonntag“, 10. Juni:

„Bild am Sonntag“, 10. Juni:

Bild.de, 11. Juni:

„Bild“, 14. Juni:

Bild.de, 14. Juni:

Bild.de, 14. Juni:

„Bild“, 15. Juni:

Bild.de, 16. Juni:

Bild.de, 16. Juni:

Bild.de, 19. Juni:

„Bild“, 23. Juni:

Bild.de, 23. Juni:

Sobald die deutsche Mannschaft aber rausfliegt, sieht es plötzlich so aus:

„Bild“, 29. Juni:
Neuer: 4, Hummels: 5, Badstuber: 5, Boateng: 4, Lahm: 5, Khedira: 4, Schweinsteiger: 6, Kroos: 5, Özil: 5, Podolski: 6, Gomez: 6

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

„Bild am Sonntag“, 1. Juli:

Bemerkenswert – aber kaum überraschend – auch dieser Dreiklang:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, ein paar Stunden später:

Bild.de, 30. Juni:

Außerdem ließ es sich „Bild“ nicht nehmen, die „Memmen“ in Einzelkritiken noch ein bisschen deutlicher niederzumachen:

Dass die Kritik weder etwas mit Fußball zu tun haben noch in irgendeiner Weise mit der vorherigen Berichterstattung übereinstimmen muss, dürfte jetzt auch nicht mehr groß überraschen. (Den Spruch über Mario Gomez hat „Bild“ sich übrigens nicht mal selbst ausgedacht.)

Und wie das so ist bei Profifußballern: Wenn einem die Argumente blöden Sprüche ausgehen, kann man ja immer noch auf deren Millionen-Gehältern rumreiten:

Man mag es kaum glauben, wie sehr ein deutscher Nationalspieler verwöhnt wird. (…)

Es ist eine Kuschel-Welt, in der unsere Nationalspieler beim DFB leben.

Als die deutschen Fußballer sich vor ein paar Tagen im Mannschaftshotel „gemütlich auf die Couch“ lümmelten und im eigenen Heimkino einen „großen Kinospaß in 3D“ anschauten, fand Bild.de das übrigens noch „megacool„.

Aber da war die Mannschaft ja auch noch im Turnier.

Siehe auch:

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Abwärtsjournalismus

Das mit dem Witze erklären ist ja immer so eine Sache. Wir versuchen’s trotzdem mal.

Dieses Video wurde am Montag bei YouTube eingestellt:

Österreichische Polizisten, die eine Rolltreppe hinunterfahren — wie bizarr!

oe24.at, die Online-Ausgabe der Boulevard-Zeitung „Österreich“, schrieb dann auch gestern Abend:

Das ganze Land lacht über ein Polizei-Video. Cops beim Rolltreppen-Training – über 50.000 haben’s angeschaut.

(Wir haben sicherheitshalber mal nachgeschaut: Österreich hat 8,4 Millionen Einwohner. Die Formulierung „das ganze Land“ ist dort offenbar auch nicht wörtlich zu verstehen.)

Etwas hilflos haben die Redakteure auch noch einen Begleittext drumherum gestrickt:

Es ist das lustigste Video der Woche, das ganze Land lacht über die jungen Kieberer aus Linz. Zu sehen ist der Hit auf YouTube: Das spektakuläre „Rolltreppen-Training“ der Polizei.

Entstanden ist der Streifen am Linzer Hauptbahnhof. Untertitel: „Inhalte des Trainings: Sicheres Benutzen einer Rolltreppe (Verwendung des Handlaufs!)“.

Pärchenweise düsen die Uniformierten eine große Rolltreppe hinunter, kraxeln gleich daneben zu Fuß die Stiegen wieder hinauf.

Mehr als 50.000 Österreicher haben sich das Polizei-Video inzwischen angeschaut.

Dort haben die Leute von Bild.de dann das Video entdeckt, bei YouTube heruntergeladen und mit Zeitlupen, pathetischer Musik und „lustigen“ Kommentaren versehen:

Wie der beeindruckende Film zeigt, beherrschen die Beamten diese schwierige Aufgabe wie aus dem Effeff. Souverän, zügig, aber ohne Hektik erreichen alle Teilnehmer ohne Verletzungen sicher festen Boden.

Der Urheber, der das Video bei YouTube hochgeladen hatte, wird mit keinem Wort verlinkt. Dafür hat Bild.de aus den „mehr als 50.000“ Zuschauern (inzwischen sind’s etwas mehr als 60.000) „mehr als 500 000 Menschen“ gemacht.

Viel mehr weiß auch Bild.de nicht zu berichten. Was ein bisschen schade ist, denn so viel Mühe hätten sie sich gar nicht machen brauchen: Die Leute von nachrichten.at, dem Online-Portal der oberösterreichischen Zeitung „OÖNachrichten“, hatten bereits am Dienstagvormittag ein klein wenig recherchiert und Folgendes herausgefunden:

In einem aktuellen YouTube-Video ist zu sehen, wie Linzer Polizisten scheinbar das Rolltreppenfahren üben. Bei der Aktion handelt es sich aber um ein Abschlussvideo von fertig ausgebildeten Polizeischülern. [..]

„Die Idee dahinter war, dass sie als Zivilisten hinaufgehen, und dann als fertig ausgebildete Polizisten wieder hinunterfahren“, sagt Polizei-Pressesprecherin Simone Mayr. Das Aktion war eigentlich als private Feier gedacht und sollte als Erinnerung auf Video festgehalten werden. […] Eine Rolltreppen-Ausbildung für die Linzer Polizisten gibt es selbstverständlich nicht, bestätigt Mayr. Solche Trainings sind auch in Zukunft nicht geplant.

Mit Dank an Klaus.

Nachtrag, 30. Juni: Bild.de hat den Artikel dahingehend überarbeitet, dass jetzt von „mehr als 50 000 Menschen“ die Rede ist.

Auch als Orakel unbrauchbar

Die EM-Halbfinals 2012 sind vorbei, Deutschland ist (wieder einmal) gegen Italien ausgeschieden.

Das macht die großspurigen „Witze“ mancher Boulevardmedien im Nachhinein natürlich noch ein bisschen peinlicher:

„Hamburger Morgenpost“, gestern:
11 Gründe, warum wir heute Abend Italien wegputzen: Pizza End-Statione

„Abendzeitung“, gestern:
Arrivederci, Italia!

Bild.de, gestern:
Wir wünschen schon jetzt eine gute Heimreise

Und erst letzten Samstag hatte „Bild“ noch groß verkündet:
Uns stoppt keiner mehr!

Mit Dank auch an C.

Fachblatt für Geschmacklosigkeiten

Ein Mann hat offenbar versucht, auf verschiedenen Internetplattformen ein Auto zu verkaufen, das sich seiner Ansicht nach dadurch hervortat, dass es früher dem Fußballer Robert Enke gehört hatte, der sich im Jahr 2009 das Leben genommen hatte.

„Bild“ kommentiert das heute so:

Geschmacklos! Auto-Verkäufer warb mit totem Enke
Man kann sich diesem Urteil natürlich anschließen — sollte dann andererseits dringend noch einmal daran erinnern, wie „Bild“ vier Tage nach Enkes Tod bei Facebook für ihren Online-Auftritt geworben hatte (in dem damals u.a. viele Paparazzi-Fotos von der trauernden Witwe, unter anderem am Grab ihrer Tochter zu sehen waren):


Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Für sie am Ball

Für diese Schlagzeile auf Bild.de gilt das gleiche wie für die Momente, in denen man unbekleidet vom eigenen Partner mit einer anderen Person im heimischen Schlafzimmer überrascht wird: Es ist nicht, wonach es aussieht.

Martin wollte Casillas-Freundin abschießen

Zum einen ist da der Vorwurf des „Abschießenwollens“, den Bild.de so beschreibt:

Vor dem Anstoß versuchte Marvin Martin (24) die spanische TV-Reporterin Sara Carbonero (28) abzuschießen.

Die Verlobte von Spaniens Torhüter Casillas moderierte gerade am Spielfeldrand, als Martin Maß nahm.

Warum er nur Auswechselspieler ist, bewies der Mittelfeldmann eindrucksvoll: Sein Schuss verfehlte die schöne Moderatorin.

Es bedarf schon einigen bösen Willens, in dieser Aktion Absicht zu erkennen — und nicht einfach ein verunglückte Volley-Annahme:

(Auch die Behauptung, Frau Carbonero habe „im letzten Moment zur Seite springen“ können, dürfte angesichts des Videos leicht übertrieben wirken. Aber eine frontal getroffene Kamera ist offenbar nicht so spektakulär, wie eine beinahe getroffene „schöne Moderatorin“.)

Zum anderen lautete die Überschrift ursprünglich „Nasri wollte Casillas-Freundin abschießen“, weil die Sportexperten von „Bild“ Marvin Martin zunächst für Samir Nasri gehalten hatten.

Nachdem einige Leser in den Kommentaren auf diese Verwechslung hingewiesen hatten, überarbeitete Bild.de unauffällig den gesamten Artikel — und sorgte dafür, dass die Kommentare unter dem Artikel nicht mehr angezeigt werden.

In der gedruckten „Bild“ allerdings kann man die ursprüngliche Verwechslung noch in aller Pracht nachlesen:

Nasri wollte Casillas-Freundin abschießen

Mit Dank an Jan David Sch., Moritz S., Arno W., Thomas Sch. und S.K.

Ein Hauch von NICHTS

Was ist DAS denn? NICHTS, oder?

Genau: Nichts. Im Grunde geht es hier um etwas, das gar nicht da ist. Oder, sagen wir: vermutlich nicht da ist. Jedenfalls ist es ein gutes Beispiel dafür, was „Bild“ aus einem vermeintlichen „NICHTS“ alles machen kann.

Hast Du etwa nichts drunter, Heidi?

So fragte „Bild“ am Montag großflächig auf der letzten Seite. Und spekulierte munter drauflos:

Warum so hüllenlos? Der Stoff des giftgrünen Kleides war gnadenlos. Hätte die Moderatorin etwas drunter getragen, es wäre wahrscheinlich sichtbar gewesen. Und somit ein absolutes No-go für einen öffentlichen Auftritt.

Um der Mutmaßerei ein bisschen Glaubwürdigkeit zu verpassen, wurde noch ein „Vertrauter“ der Protagonistin herangezogen:

„Heidi überlässt NICHTS dem Zufall! Lieber kein Slip, als einen, den man sieht …“

Ganz abgesehen davon, dass sich der vermeintliche „Vertraute“ mit dieser Antwort glatt als Society-Experte beim Privatfernsehen bewerben könnte, reichte den Leuten von „Bild“ das Geschwurbel aber offenbar als Bestätigung für das, was sie ohnehin schon wussten — und schon gerieten die „Bild“-Mühlen in Bewegung:

Diese Promi-Damen
mögen

Unter dieser Überschrift präsentierte Bild.de eine 34-teilige Fotostrecke zu Heidi Klum und veröffentlichte parallel eine 16-teilige Fotostrecke mit „Unterwäscheblitzern“ diverser Popstars.

Bild.de diente außerdem mit Beispielen wie Britney Spears („schockte“ schon 2006 mit „Unten-ohne-schamlos-Fotos“) oder Paris Hilton („drängt uns auch immer mal wieder Unten-ohne-Fotos auf“) und vergaß dabei natürlich nicht, einige der aufgedrängten Unten-ohne-schamlos-Fotos in Großversion mitzuliefern. (Sollte ein Leser mal Zweifel am Unten-ohne-Grad der Fotos hegen, kann er sich dank der zusätzlichen Vergrößerungsfunktion sogar auf einer Groß-Groß-Version von der schamlosen Nacktheit der „Promi-Damen“ überzeugen.)

Abends wusste Bild.de dann auch schon, was „Deutschland“ von der ganzen Sache hielt:

Heidi Klum ohne Slip im TV: Das sagt Deutschland

„Ein Vorbild sollte sich nicht so verhalten…“, „Das hat wirklich kein Trend-Potenzial…“, „So geht das nicht…“, „Ich bin total erschrocken…“

Die Meinungen der von BILD.de befragten Passanten zu Heidi Klums (39) Sliplos- Auftritt in der US-Show „Project Runway“ sind eindeutig – auf großes Verständnis für diese Aktion kann die Topmodel-Mama also nicht hoffen.

„Deutschlands“ Meinung erfährt man in einem anderthalbminütigen Video („Mädels, tragt ihr auch ‚unten ohne‘?“), in dem irgendwelche Passanten etwas dazu sagen. In einer weiteren Fotostrecke („Das sagen die Deutschen zu unten ohne“) sagen dieselben Passanten noch mal dasselbe dazu.

Dass Heidi Klum „ohne Slip im TV“ aufgetreten ist, ist mittlerweile auch gar keine Spekulation mehr, sondern von Bild.de kurzerhand zur Tatsache erklärt worden.

O-Ton des Bild.de-Reporters im Video:

Heidi Klum wird immer verhaltensauffälliger. Jetzt ist die 39-Jährige in einer US- TV-Show ohne Schlüpfer aufgetreten!

Am Mittwoch war es dann so weit: Aus der Spekulation, die zur Tatsache geworden war, wurde schließlich eine „Debatte“!

Die Unten-ohne-Debatte

Die höschenlose Heidi Klum (39) im hautengen Kleid löste einen Riesenwirbel aus.

Dass man außerhalb des „Bild“-Universum von diesem „Riesenwirbel“ nichts mitbekam, interessierte dort selbstverständlich niemanden. Stattdessen durften jetzt auch endlich mal die ran, die sich auch an anderen von „Bild“ heraufbeschworenen Debatten immer herzlich gerne beteiligen. „BILD bittet deutsche Promis um ihre Meinung“, hieß es, und ihre wertvollen Informationen durften beisteuern: Mariella Gräfin von Faber- Castell, Jenny Elvers, „Mode-Legende“ Wolfgang Joop, Franziska Knuppe („seit fünf Jahren Gesicht und Body der Dessousfirma ‚Triumph'“) und Yasmina Filali („‚Die Hose bleibt an! Im Auto schnalle ich mich doch auch an'“).

Jetzt wurde es selbst den Lesern bei Bild.de zu viel. Im „Slip-Voting“ machten 42 Prozent der Befragten ein Kreuzchen bei: „Wieso die Aufregung? Der Slip zeichnet sich unter dem Kleid doch eh nur ab.“

Wieso die Aufregung? Gute Frage. Für Bild.de aber kein Grund zum Innehalten. Ganz im Gegenteil: Aus dem offenkundigen Desinteresse ihrer eigenen Leserschaft strickten die Leute von Bild.de wieder eine ganz neue Story. Und so ging es direkt weiter in die nächste Phase, die Post-Debatten-Phase:

Schlüpfrig? Nein. Clever!

42 Prozent sind der Meinung: „Wieso die Aufregung? Der Slip zeichnet sich unter dem Kleid doch eh nur ab“ – und dieser Meinung ist auch die BILD.de-Lifestyle- Redaktion.

Denn bei genauerer Betrachtung wird klar: Das Topmodel mit einem Hang zum Perfektionismus hatte eigentlich gar keine andere Wahl, als den Slip ausnahmsweise mal im Schrank zu lassen. Wegen des zarten Satins und der transparenten Einsätze an der Seite hätte sich Unterwäsche – egal wie klein – wirklich nur unschön abgezeichnet.

Und wenn Sie jetzt sagen: Das mit dem Abzeichnen hatte „Bild“ doch schon im allerersten Artikel festgestellt! — Genau.

In der normalen Welt ist unterdessen Alles beim Alten geblieben. Die Ursprungsfrage, ob jetzt ein Höschen im Spiel war oder nicht – wenn es denn überhaupt jemanden gibt, den das interessiert – ist nach wie vor unbeantwortet.

In der Welt von „Bild“ und Bild.de aber gibt es nicht nur eine Antwort darauf (kein Höschen!), sondern auch eine Bewertung derselben („Clever!“), einen wichtigen Hinweis für die Leserinnen („IMMER daran denken, die Beine schön geschlossen zu halten“), es gibt fünf Artikel, mehrere Fotostrecken, eine Umfrage unter Passanten, eine Umfrage unter „Promis“, eine Umfrage unter den Lesern — und nicht einmal den Hauch eines Erkenntnisgewinns.

Das ist das, was „Bild“ aus einem vermeintlichen „NICHTS“ alles machen kann.

Nachtrag, 25. Juni: Wenn Sie schon schon ungläubig den Kopf geschüttelt haben, dann passen Sie mal auf!

Das schrieb Bild.de gestern:

Eine vermeintlich höschenlose Heidi Klum (39) löste in der vergangenen Woche einen Riesenwirbel aus. Nun geht der Schlüpfer-Rummel in die nächste Runde.

Klingt schon jetzt wie der blanke Hohn. Aber es geht noch weiter:

Mit einem luftigen Auftritt sorgt das deutsche Supermodel erneut für Aufregung. (…) Beim Werbe-Dreh für ein Haarspray in New York blies der Wind Heidis blauen Trenchcoat nach oben und gab die Sicht auf ihr knackiges Hinterteil frei!

Das heißt übersetzt: Es gibt ein Foto, auf dem ungefähr ein Zentimeter von Heidi Klums Pobacke zu sehen ist (kann man sich auf Bild.de selbstverständlich wieder in normaler, in großer und in ganz großer Version anschauen). Da stellt sich natürlich die Frage:
Lüftet dieses Foto Heidis Schlüpfer-Geheimnis?
Wir machen es kurz:

Das viel diskutierte Schlüpfer-Geheimnis kann auf diesem Foto leider nicht gelüftet werden. Selbst bei näherer Betrachtung ist das Rätsel nicht zu lösen. Es ist weder ein Slip noch kein Slip zu sehen!

Sie dürfen jetzt weitermachen mit dem Kopfschütteln.

Mit Dank an Matthias M., Sven, Robin und Ulrike H.

„Bild“ erzählt einen vom trojanischen Pferd

Sollte es in absehbarer Zeit zu einem Krieg zwischen Deutschland und Griechenland kommen, kann man den Leuten von „Bild“ nicht vorwerfen, nicht alles dafür getan zu haben: Erst hetzen sie seit zwei Jahren gegen die „Pleite-Griechen“, jetzt haben sie sich auch noch auf ein Terrain vorgewagt, bei dem viele Menschen noch weniger Spaß verstehen als bei drohenden Staatspleiten — Fußball.

Der trojanische BILD-Reporter im Griechen-Hotel

Und so klingt es, wenn sich so ein „Bild“-Reporter in einem polnischen Hotel frei bewegt:

Ich fühle mich wie 007.

Ich, der BILD-Reporter, spioniere bei den Griechen, unseren Gegnern am Freitag.

Nein, wir wussten auch nicht, dass die Griechen am Freitag gegen die Redaktionsmannschaft von „Bild“ spielen. Aber vielleicht ist das Gefühl, „ganz Deutschland“ zu sein, bei „Bild“-Mitarbeitern genauso tief verwurzelt wie ihre Boshaftigkeit gegenüber den Griechen:

Am Dienstag ziehe ich ein. Mein Doppelzimmer kostet 93 Euro pro Nacht. Lobenswert sparsam, die Griechen.

Überhaupt wirkt der ganze Text wie eine traurige Mischung aus dem Worst-Of-Programm von Fips Asmussen und dem Aufsatz „Mein schönstes Ferienerlebnis“ eines Grundschülers:

Am härtesten arbeitet bei den Griechen die Kaffeemaschine. Sie haben zwei davon in ihrem Bereich. Eine kann Cappuccino und Latte Macchiato, die andere normalen Kaffee. Sie arbeiten Vollzeit.

Ja, Kaffee wäre jetzt wirklich hilfreich, so unspannend wie die Erlebnisse aus dem Mannschaftshotel sind:

Ich sehe Theofanis Gekas (32), den Stürmer aus der Bundesliga (Bochum, Leverkusen, Hertha, Frankfurt). Gekas hat Kopfhörer in den Ohren, hört Musik über sein iPhone. Der singt sich schon heiß aufs Spiel.

Fast wäre beinahe etwas vielleicht passiert:

Mit meinem Handy mache ich Fotos. Plötzlich tippt mich der Barkeeper an. Er will wissen, wer ich bin. Ist meine Zahnarzt-Tarnung (weißes Hemd, weiße Hose, weiße Turnschuhe) aufgeflogen? Ich schwitze. Cool bleiben. Ich tue so, als sei ich aus Russland und murmele „nix kappitschi“. Der Barkeeper zieht Leine. Puh…

Dann aber doch noch etwas, das überraschend zum Skandal taugt:

Plötzlich schreit jemand im Hinterhof. Ich renne hin, schaue um die Ecke und sehe Georgios Karagounis. Der ist 35 und Kapitän der Griechen. Er schreit in Disco-Lautstärke in sein Handy. Jedes zweite Wort ist „Malaka“. Ein griechischer Freund bringt mir bei, dass „Malaka“ auf Deutsch so etwas heißt wie „Leck mich am Arsch“.

Den Brüller sehen wir am Freitag nicht auf dem Platz. Malaka-Karagounis ist gesperrt.

Derlei schnarchige Belanglosigkeiten, bemüht aufgeregt erzählt, haben offenbar dennoch ausgereicht, dass einzelne griechische Medien über den „Bild“-Reporter im Mannschaftshotel berichten.

Oder, wie Bild.de es nennt:

Griechenland tobt!

Die Reaktionen scheinen aber vor allem einem Missverständnis geschuldet:

Auf der Homepage des griechischen TV-Senders „Star“ steht: „Neue Provokation der BILD. BILD nennt Karagounis einen Malaka.“

In dem Bericht heißt es weiter: „Im Hotel der geliebten Nationalmannschaft ist ein deutscher Reporter der BILD eingedrungen und setzt seine Provokationen gegen das Spiel fort. Höhepunkt ist: Er nennt Karagounis einen Malaka – ein Arschloch.“ Ein Missverständnis durch eine unglückliche Formulierung in BILD: Die Formulierung „Malaka-Karagounis“ sollte keine Beleidigung des Griechen-Kapitäns sein („Malaka“ bedeutet unter anderem Wi…er)! Sondern ein Spitzname, weil Karagounis bei seinem Telefonat häufig „Malaka“ sagte. BILD bedauert das Missverständnis.

Was halt so passiert, wenn skandalwillige Beinahe-Journalisten auf beiden Seiten mit erhöhtem Blutdruck mit Fremdsprachen hantieren.

Dieses internationale Doppelpass-Spiel könnte bis zum Viertelfinalspiel am morgigen Abend so weitergehen, wenn der „trojanische BILD-Spion“, dessen Gesicht die Zeitung verpixelt hat, nicht vorher auffliegt.

Nach unseren Informationen handelt es sich bei dem Mann um Jörg Weiler, der sonst bei Borussia Dortmund für „Bild“ im Einsatz ist und dort unter anderem an der unrühmlichen Berichterstattung über einen im Stadion tödlich verunglückten Fan beteiligt war.

In Troja gewannen damals übrigens die Griechen, wie sogar „Bild“ richtig erklärt.

Mit Dank auch an Martin E., Michael, Dietfried D. und Ernst R.

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