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Irgendwas über Lena

Das mit „Bild“ und Lena Meyer-Landrut ist so eine Sache: Nachdem die Zeitung die Castingshow „Unser Star für Oslo“ wochenlang ignoriert hatte (BILDblog berichtete), musste sie irgendwann erkennen, dass das Interesse an Lena zu groß war, um nicht darüber zu berichten.

Da Lena Meyer-Landrut aber nicht mit „Bild“ spricht, müssen sich Zeitung und Online-Ableger seit Wochen irgendwelche Geschichten aus Sekundärquellen zusammenklauben, um irgendwas bringen zu können.

Einen vorläufigen Höhepunkt hat diese Ratlosigkeit heute erreicht: Während „Bild“ auf Seite 1 groß verkündet, Lenas Welt „erklären“ zu wollen, gibt Bild.de unumwunden zu:

Unser Grand-Prix-Star: Lena bleibt ein Rätsel – auch nach dem Sieg!

Aber selbst die spärlichen Fakten, die „Bild“ und Bild.de zusammengetragen haben, wollen nicht so recht zusammenpassen:

Auf dem linken Oberarm trägt Lena eine Ritterlilie (siehe „Religion“). Ihre Mutter war gegen das Tattoo – deshalb musste Lena bis zu ihrem 18. Geburtstag warten.

(„Bild“)

Lena hat ein Tattoo! Sie trägt eine Lilie auf dem linken Arm. Natürlich mit Erlaubnis von Mama.

(Bild.de)

Mit Dank auch an Alex.

Das bisschen Folter

Zu den Dingen, die für „Bild“ absolut unverständlich sind, zählt die Tatsache, dass auch Menschen, die schlimme Verbrechen begangen haben, Menschenrechte haben.

Entsprechend groß ist das Entsetzen bei Bild.de über ein Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR): Die Bundesrepublik Deutschland hat nicht hart genug gegen den früheren Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner und seine Kollegen durchgegriffen, die im Jahr 2002 dem der Kindesentführung verdächtigten Magnus Gäfgen mit „Schmerzen“ gedroht hatten, wenn dieser nicht den Aufenthaltsort seines Opfers preisgebe. Gäfgen gestand wenig später, doch der entführte Junge war bereits tot.

Die Frage, ob das so erzwungene Geständnis und die daraus folgenden Beweise juristisch verwertbar seien, wurde seitdem heftig diskutiert. Gäfgen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt — in einem Verfahren, das der EGMR auch jetzt als „fair“ bewertete. Doch die Folterandrohung, so der Gerichtshof, die hätte nicht sein dürfen.

Für Bild.de ist dies unbegreiflich: Ein Kindermörder hat Menschenrechte!

Folter-Vorwurf im Verhör: Europa-Gericht gibt Kindermörder Gäfgen Recht. Ein Urteil, das uns alle sprachlos macht

Mit der Sprachlosigkeit war es dann allerdings doch nicht so weit her …

Mit Dank auch an Martin E.

Nachtrag/Korrektur 17.45 Uhr: Anders als hier anfangs behauptet hat der EGMR die Bundesrepublik nicht für die Folterandrohung an sich verurteilt, sondern für die unzureichende Bestrafung der mit Folter drohenden Polizisten.

Er hat gar nicht gebohrt!

Haben Sie schon mal ein Loch in eine Wand gebohrt?

Wenn es nach Bild.de ginge, müsste das ungefähr so abgelaufen sein: Sie haben die Wand mit Wasser aufgeweicht und gewartet, bis sich an einer Stelle ein Loch aufgetan hat. Voila: Loch.

Was sagen Sie? Das ist völliger Unsinn? Ja.

In Guatemala Stadt hat sich gestern – übrigens nicht zum ersten Mal – ein Loch in der Straßendecke aufgetan, ein dreistöckiges Haus verschluckt und mindestens einen Menschen getötet. Dabei handelt es sich um ein so genanntes „Sinkhole“, auch „Erdfall“ genannt: Der Unterboden wurde weggespült, die Oberfläche ist abgesackt. Das kann an den schweren Regenfällen durch den Tropischen Sturm „Agatha“ liegen — oder auch nicht.

Diese Erklärungen waren Bild.de aber wohl ein bisschen zu wissenschaftlich und langweilig, weswegen man sich dort für folgende Sichtweise entschieden hat:

Guatemala: Tropensturm bohrt Loch in die Erde. Ein unglaubliches Bild – doch es ist echt: Ein gigantisches Loch klafft mitten in der Hauptstadt von Guatemala! Tropensturm "Agatha" bohrte es in die Erde. mehr ...

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Uli oder Dieter – Hauptsache Hoeneß

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Brüder verwechseln ist grade schwer in Mode:

Hoeneß

Zur Erinnerung: Dieter Hoeneß ist der Bruder des abgebildeten Uli Hoeneß.

Mit Dank an Florian B.

Nachtrag 14:45 Uhr: Es befindet sich nun kein Hoeneß mehr in der Bildergalerie. Noch nicht entschieden ist allerdings der Kampf um den Namen des verpflichteten Trainers im beiliegenden Artikel. Derzeit stehen zwei Erwähnungen von Steve McClaren fünf Erwähnungen von Steve McLaren gegenüber.

Schuhschmu mit Lena Meyer-Landrut

Die in jeder Hinsicht billigste Art, Schlagzeilen zu generieren, ist: sich ganz dumm stellen. Bei Bild.de ist das quasi Routine, und weil Lena Meyer-Landrut, die diesjährige deutsche Vertreterin beim Eurovision Song Contest, sich ohnehin weigert, mit der „Bild“-Zeitung zu sprechen, ein Vergnügen ohne Reue.

Und so kann Bild.de aus Ahnungslosigkeit einen Aufmacher machen:

2 Paar Schuhe - Ist Lena jetzt total gaga?

Lena Meyer Landruts Gaga-Proben in Oslo

(…) Knapp eine Woche vor dem Eurovision Song Contest wirkt Lena Meyer-Landrut (19) ganz durcheinander: Mit zwei verschiedenen Schuhen übte sie jetzt für ihren Auftritt am kommenden Samstag.

Abitur, Pressetermine, Geburtstagsfeier und immer wieder Proben, Proben, Proben – da kann man schnell mal vergessen, wo der passende Schuh liegt. (…)

Solange „Unser Star für Oslo“ beim Finale-Auftritt nicht den Text ihres Hits „Satellite“ vergisst, verzeihen wir gerne noch einen weiteren Schuh-Fauxpas.

Beim Betexten einer Bildergalerie kommt der diensthabende Lena-Lästerer dann richtig in Fahrt:

Lena, was ist mit deinen Latschen? Bei den Proben in Oslo ging Lena mit zwei verschiedenen Schuhen auf die Bühne
Nahaufnahme des Beweisfotos: Neuer Trend oder keine Zeit zum Umziehen?
Ein Termin jagt den nächsten, da bleibt Lena wenig Zeit für einen ordentlichen Schuhwechsel
Am kommenden Samstag geht es auf die große Eurovision Song Contest-Bühne. Fehler sind dann nicht mehr erlaubt!

In der Tat: Lena ist gestern bei ihrer ersten Probe mit zwei verschiedenen Schuhen aufgetreten. Weil sie ausprobieren wollte, welcher von beiden besser aussieht.

Das erklärte sie den Reportern von eurovision.de und eurovision.tv — auf letzterer Seite ist das entsprechende Video sogar schon seit gestern online.

Das ist die ganze Geschichte. Aber das ist natürlich keine Geschichte.

Nachtrag, 24. Mai. Aber keine Bild.de-Meldung ist zu blöd, um nicht vom Online-Ableger der „Rheinischen Post“ besinnungslos abgeschrieben zu werden:

(…) Auffälliges Detail: Lena trug zwei verschiedene Schuhe. Ob es sich dabei um einen Mode-Gag oder einen Styling-Faux-Pas handelte, ist noch unklar.

Nachtrag, 17.50 Uhr. „RP-Online“ hat den Fauxpas zurückgenommen.

Lassen auch Sie sich mal richtig verhöhnen!

Beim lustigen Auf-den-„Pleite-Griechen“-Rumhacken scheint selbst Bild.de mittlerweile die Lust vergangen zu sein, die eigenen Artikel mit irgendeiner Form von konstruierter Logik zu belasten.

GENERALSTREIK: Griechen verhöhnen unsere Kanzlerin!

Unter einer Überschrift, laut der die Griechen „unsere Kanzlerin“ (gemeint ist Angela Merkel) „verhöhnen“, beginnt Paul Ronzheimer, „Pleite-Griechen“-Beauftragter von „Bild“, seinen Artikel mit diesen Worten:

Generalstreik in Griechenland – wieder einmal steht der Pleitestaat still. Statt dessen ziehen Demonstranten durch die Straßen Athens, halten Transparente hoch mit Aufschriften wie „Uns reicht es“ – und verhöhnen unsere Kanzlerin!

… nur um dann selber zu erklären:

Wir sehen skandierende Menschen, die ein großes Plakat vor sich hertragen. Darauf: Griechenlands Premier Giorgos Papandreou und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Was genau auf dem Plakat steht, ist nicht zu erkennen, doch die Griechen scheinen auf unsere Regierungschefin besonders wütend zu sein.

Noch mal zum Mitdenken: Ronzheimer hat keinen Plan, was auf dem Plakat steht, aber er konnte erkennen, dass die Kanzlerin „verhöhnt“ wird. Womöglich hätte er das sogar erkannt, wenn es gar kein Plakat gegeben hätte.

Mit Dank an Michael und André H.

Bad Kleinigkeiten

Bundespräsident Horst Köhler hat gestern entschieden, das Gnadengesuch der früheren RAF-Terroristin Birgit Hogefeld abzulehnen.

Birgit Hogefeld, wer war das noch mal? Bild.de behauptet:

Am 27. Juni 1993 wurde Hogefeld gemeinsam mit ihrem RAF-Komplizen Wolfgang Harms bei einem dramatischen GSG-9-Einsatz auf dem Bahnhof von Bad Kleinen festgenommen.

Wie man es dreht und wendet: Das ist völliger Unfug.

Denn erstens hieß der Mann Wolfgang Grams und zweitens wurde er in Bad Kleinen nicht festgenommen, sondern erschossen — ob von sich selbst oder einem GSG-Beamten, ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Mit Dank an Marvin S.

Nachtrag, 17.40 Uhr: Bild.de hat den Satz so zusammengekürzt, dass er richtig ist:

Am 27. Juni 1993 wurde Hogefeld bei einem dramatischen GSG-9-Einsatz auf dem Bahnhof von Bad Kleinen festgenommen.

Weiterleben im Internet

Die Leute bei Bild.de scheinen nicht einsehen zu wollen, warum etwas, das irgendwo im Internet zu sehen ist, nicht auch bei Bild.de im Internet zu sehen sein sollte: Wenn sie über eine Person schreiben wollen, von der es keine offiziellen Fotos und Informationen in den einschlägigen Archiven gibt, bedienen sie sich deshalb ungefragt bei Facebook, StudiVZ und Co (s. Kasten).

Und wenn ihnen eine Facebook-Gruppe gut gefällt, kopieren sie einfach die Fotos daraus, ohne die Urheber, deren Namen darunter stehen, um Erlaubnis zu fragen.

Nachdem vergangene Woche in Tripolis ein Airbus beim Landeanflug abgestürzt ist, waren Fotos des einzigen Überlebenden, eines neunjährigen Jungen aus den Niederlanden, in zahlreichen Medien zu finden. Bild.de reichte das offensichtlich nicht, aber zum Glück gibt es ja das Internet:

IM INTERNET SCHRIEB RUBENS FAMILIE ÜBER DEN URLAUB: Die letzten Tage vor dem tödlichen Absturz

Doch im Internet lebt die Familie weiter: Rubens Vater führte während der Reise Tagebuch, stellte es kurz vor der Heimreise online. Mit Fotos toller Landschaften und wilder Tiere. Und Fotos der Söhne.

Ungeniert zeigt Bild.de diese privaten Fotos in einer Bildergalerie — Fotos, deren Urheberrechte auch mit dem Tod des Fotografen nicht automatisch erloschen sind, und auf denen die Familienmitglieder zu erkennen sind.

Doch damit nicht genug: Auch bei den Texten, die der Familienvater über die Reise geschrieben hat, hat sich Bild.de nachhaltig bedient und breitet die Erlebnisse, die für Freunde und Angehörige der Familie bestimmt waren, vor seiner Leserschaft aus.

Aber die Leute sind ja auch selbst Schuld:

Der auf diesem Bild noch siebenjährige Ruben beim Buddeln – die Familie veröffentlichte das Bild in ihrem Reise-Blog im Internet

Sooo ein Rohr verlegen

Die menschliche Vorstellungskraft ist begrenzt. Besonders große Objekte werden deshalb in „Fußballfelder“ umgerechnet, besonders Kleine in „menschliches Haar“.

Aber dazwischen?

Wer soll diese neueste Meldung zur Ölpest im Golf von Mexiko korrekt einschätzen können?

Ferngesteuerte Untersee-Roboter konnten das zehn Zentimeter dicke Rohr mitsamt einer Dichtung in die 53 Zentimeter breite Leitung stecken.

Zehn Zentimeter, das sind natürlich Maße, bei denen man schnell ins Straucheln gerät. Doch Hilfe naht — in Form von Bild.de:

Originalgröße

Was sagen Sie? Das sind nicht zwanzig zehn Zentimeter?

Na, das kommt ganz darauf an, wie groß der eigene Monitor ist und welche Bildschirmauflösung man eingestellt hat:

Originalgröße

Originalgröße

Originalgröße

Originalgröße

In der gedruckten „Bild“ wäre das natürlich einfacher gewesen …

Mit Dank an Lothar, Ellen L., soundZ und Thomas T.

Selbstbedienung bei Facebook

Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben. Gesetzgeber und Regierung auf nationaler wie internationaler Ebene sollten die geistige Wertschöpfung von Urhebern und Werkmittlern besser schützen. Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben.

„Hamburger Erklärung“, unter anderem unterzeichnet von der Axel Springer AG

Im Internet kommen die Leute ja auf die verrücktesten Ideen. Zum Beispiel gibt es da eine Facebook-Gruppe, in der Menschen Fotos online stellen, auf denen sie wie ihre T-Shirt-Motive auszusehen versuchen.

Oder Bild.de: Die fanden die Idee mit der Facebook-Gruppe so toll, dass sie einen eigenen Artikel darüber schrieben und dazu eine Bildergalerie bauten, für die sie sich bei Facebook bedienten, ohne die Urheber der 15 Fotos um Erlaubnis gefragt zu haben.

Die Gruppenmitglieder waren über dieses Vorgehen nicht gerade begeistert und so rief Lisa Rank, Initiatorin von „How to look like your shirt print“, in der Redaktion von Bild.de an. Der zuständige Mitarbeiter erklärte, er habe sich schon gedacht, „dass da was kommt“. Rank bot ihm an, Gruppenmitglieder um ihre Zustimmung zu bitten, damit Bild.de deren Fotos dann mit Genehmigung verwenden könne. Alle anderen Bilder sollten gelöscht werden. Kurze Zeit später rief Bild.de zurück und erklärte, die Bilder würden online bleiben — mit der beeindruckenden Erklärung, dass ja niemand zu erkennen sei.

T-SHIRT-LOOK-A-LIKE. NEUER FACEBOOK-TREND.<br />
Beim Trink-Motiv mit Sonnenbrille stört nur der Orangensaft

Verwendung hier mit freundlicher Genehmigung von Annika K.

Das stimmte zwar (Bild.de hatte sich die Mühe gemacht, Gesichter zu verpixeln, so sie zu sehen waren), hat aber exakt gar keine Auswirkungen auf das Urheberrecht, das weiterhin bei den Urhebern liegt, wie auch die Facebook-FAQ zum geistigen Eigentum klarstellen:

Bleiben das Urheberrecht und andere gesetzliche Rechte an Material, das ich auf Facebook hochlade, in meinem Besitz?

Ja, du behältst das Urheberrecht an deinem Inhalt. Mit dem Hochladen deines Inhalts erteilst du uns eine Lizenz, diesen Inhalt zu nutzen und anzuzeigen.

Am frühen Abend rief ein anderer Redakteur von Bild.de zurück und entschuldigte sich bei Lisa Rank. Er betonte immer wieder, dass sie niemandem etwas Böses gewollt hätten, ihnen die Gruppe nur so gut gefallen habe. Das Angebot, bestimmte Bilder für Bild.de freizugeben, schlug er aus und erklärte, Bild.de werde die Fotos trotz „unklarer Rechtslage“ runternehmen.

Es dauerte zwar noch einige Stunden, aber gegen Mitternacht war der ganze Artikel schließlich verschwunden.

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