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Heiteres Zahlenpiraten

Am Wochenende findet in Offenbach der Bundesparteitag der Piratenpartei statt.

Oder, wie Bild.de es formuliert:

Am Wochenende findet in Offenbach der erste Bundesparteitag der Piratenpartei statt.

Dieser Satz wäre dann richtig, wenn es die Bundesparteitage 2008 in Hannover und Bielefeld, den Bundesparteitag 2009 in Hamburg, die Bundesparteitage 2010 in Bingen und Chemnitz und den ersten Bundesparteitag 2011 in Heidenheim nie gegeben hätte.

Insofern ist auch die Eröffnung des Interviews mit dem Piratenpartei-Vorsitzenden Sebastian Nerz mindestens unglücklich:

BILD.de: Die Piraten chatten normalerweise im Netz über ihre politischen Ziele. Jetzt findet ihr Parteitag in der Stadthalle Offenbach statt. Ist das nicht altmodisch?​

Gerade noch richtig wäre der Satz von Bild.de vielleicht, wenn er so lautete:

Am Wochenende findet der erste Bundesparteitag der Piratenpartei in Offenbach statt.

Mit Dank an Andre S.

Nachtrag, 18.00 Uhr: Bild.de hat sich für diese kreative Neufassung entschieden:

Am Wochenende findet in Offenbach der erste Bundesparteitag der Piratenpartei statt – seit dem sensationellen Erfolg bei der Berlin-Wahl.

Und Katzen würden Whiskas kaufen (2)

Bei aller Kritik, die in den letzten Tagen auf ihn einprasselt, darf sich Karl-Theodor zu Guttenberg wenigstens über eine positive Schlagzeile freuen.

Bild.de berichtet heute:

Neue Umfrage 15 Prozent würden "Guttenberg-Partei" wählen
Der neuesten Forsa-Umfrage zufolge würden 15 Prozent der Deutschen eine „Guttenberg-Partei“ wählen.

15 Prozent. Das klingt so, als ob eine Partei mit Karl-Theodor zu Guttenberg an der Spitze in etwa so stark wäre wie die Grünen in aktuellen Umfragen. Für eine neue Partei ist das durchaus ein stolzes Ergebnis.

Was Bild.de seinen Lesern allerdings verschweigt, ist wie diese 15 Prozent zustande gekommen sind. Die Frage, die Forsa stellte, lautete nämlich in etwa so: „Könnten Sie sich vorstellen, eine Partei zu wählen, deren Vorsitzender Karl-Theodor zu Guttenberg heißt?“

Das Problem bei dieser Art von Umfrage ist, dass das Ergebnis so gut wie nichts mit tatsächlich zu erwartenden Stimmen bei einer Wahl zu tun hat. Jeder Befragte verfügt praktisch über beliebig viele Stimmen. Denn es geht nur darum, ob man sich vorstellen (!) kann, (irgendwann einmal) eine solche Partei zu wählen. Die meisten der 15 Prozent können sich wahrscheinlich auch vorstellen, noch ganz andere Parteien zu wählen.

Die gleiche Nummer hatte „Bild am Sonntag“ schon vor über einem Jahr mit einer „Thilo-Sarrazin-Partei“ abgezogen und das Ergebnis von 18 Prozent als „Umfrage-Schock für Merkel und Gabriel“ bezeichnet (BILDblog berichtete).

15 Prozent sind allerdings auch vergleichsweise niedrig, wenn man bedenkt, dass selbst eine Spaßpartei 18 Prozent bei einer solchen Umfrage ergattern konnte — ein Umstand, den jetzt etwa auch die Nachrichtenagentur AFP als Einordnungshilfe angibt:

Eine neue Partei hätte aber auch mit [zu Guttenberg] als Zugpferd der Umfrage zufolge begrenztes Potenzial: Nur 15 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich vorstellen könnten, eine „Guttenberg-Partei“ zu wählen. So viel Zustimmung hätte demnach vor zwei Jahre aber auch Komiker Hape Kerkeling für eine Partei seiner Kunstfigur Horst Schlämmer bekommen.

Als kleines Schmankerl haben wir exklusiv noch einmal die „Wahlergebnisse“ aller fiktiven Parteien der letzten Jahre zusammengefasst. Dass das Gesamtergebnis über 100 Prozent liegt, ist kein Zufall:

Mit Dank an Maik H.

Wetter, dass..?

Leiden auch Sie unter den „knackig kalten“ Temperaturen und kommen Sie kaum noch mit der Beseitigung des „vielen Schnees“ nach? Nein? Dann leben Sie offenbar in einem anderen Deutschland als dem, für das Bild.de und mopo.de vor viereinhalb Wochen einen „Horror-Winter“ bzw. „Arktis-Winter“ angekündigt haben:

Knackig kalt und viel Schnee In vier Wochen beginnt der Horror-Winter

Schnee-Chaos schon im November? Bald kommt der Arktis-Winter!

Unter Berufung auf den Wetterdienst donnerwetter.de behauptete Bild.de am 22. Oktober:

Er wird kommen. Mit Minusgraden und viel Schnee. Drei Monate lang. Und Ende November geht es schon los!

Bibber-Alarm: In vier Wochen beginnt der Horror-Winter!

(…) Der November startet wahrscheinlich noch sehr mild, so dass der Absturz der Temperaturen Mitte/Ende November recht heftig ausfällt. Wir erwarten dann sogar schon die ersten Schneefälle bis ins Flachland, sagen die Donnerwetter-Experten in ihrer Winter-Prognose.

Und mopo.de orakelte ähnlich dramatisch:

Minusgrade. Schnee. Glatteis. Und das für Monate! Der nahende Winter – wird er so schlimm wie im vergangenen Jahr? Droht uns gar ein echter Horror-Winter? Michael Klein von „Donnerwetter.de“ ist sich zumindest ziemlich sicher, dass es richtig kalt wird – und kündigt für November bereits das erste Schnee-Chaos an.

Bereits am 24. Oktober kommentierte Jörg Kachelmann die Vorhersagen von Bild.de und mopo.de in einem Video auf YouTube folgendermaßen:

Niemand weiß heute, wie der Winter wird. Was Sie da lesen ist alles Schwachsinn. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Kann sein, dass ein kalter Winter kommt, muss aber nicht. (…) Das Wetter weiß es im Moment selbst noch nicht. Leider sind wir in der Meteorologie noch nicht so weit, das so weit im Voraus vorhersagen zu können. Es gibt (…) kein anderes Land, in dem dieser Stuss abgedruckt wird.

Ähnlich formulierte es der Leiter des Institutes für Wetter- und Klimakommunikation auf wetterspiegel.de, als vor einem Jahr ähnliche Prognosen über den Winter 2010/11 aufgestellt wurden:

Frank Böttcher, Leiter des Institutes für Wetter- und Klimakommunikation und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft in Norddeutschland, stellt klar: „Wir können heute seriös Wetterprognosen für ein paar Tage machen. Wie das Wetter in ein paar Wochen wird, wissen wir nicht.“ (…) Mit dieser Art von Vorhersagen steigen nach Ansicht von Frank Böttcher diese unseriösen Propheten in die „Fußstapfen von Nostradamus“ und verlassen den Boden wissenschaftlich gesicherter Prognosen. „Diese Kollegen bringen die Meteorologie in Verruf. Sie nutzen die Unkenntnis der Öffentlichkeit für große Schlagzeilen.“, so Böttcher.

Immerhin zeigt sich Bild.de flexibel. Nachdem dort noch vor einem Monat für Ende November Schneechaos angekündigt wurde, heißt es jetzt:

DER TROCKENSTE NOVEMBER ALLER ZEITEN Sandsturm-Warnung fürs Wochenende

Mit Dank an BJ.

Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht

Die Berliner Band Die Ärzte hält nicht viel von der „Bild“-Zeitung. Sie hält auch nicht viel von der Leipziger Band Die Prinzen.

Aus diesem Dreieck ist jetzt eine Geschichte in der Leipziger Regionalausgabe von „Bild“ entstanden:

Wegen Prinz Sebastian! "Ärzte" legen sich mit ihren Fans an

Die Ärzte sind Deutschlands berühmteste Spaß-Punk-Kombo – doch bei den Prinzen hört für sie der Spaß auf!

Unglaublich, aber wahr: „Den die ärzte ihr offizieller Fanclub“ (die Band schreibt sich bescheidenerweise selbst klein) muss das „offiziell“ ab sofort streichen, heißt jetzt „Die Ärzte Fanclub“ (5560 Mitglieder). Auslöser: Ein Interview mit Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel im Fanclub-Magazin „Prawda“!

Bei Bild.de ist die Überschrift sogar noch ein bisschen eskalativer:

Wegen Interview mit Prinzen-Sänger: "Die Ärzte" zensieren ihre Fans

Tatsächlich scheint das Interview in der Fanclub-Zeitschrift ein Katalysator für die Umbenennung gewesen zu sein:

Ärzte-Manager Axel Schulz auf der Fanclub-Homepage (www.​daefc.​de): „Nach außen wird durch den Zusatz ‚offiziell‘ unkorrekterweise vermittelt, der Fanclub würde die Meinung der Band wiedergeben. (…) Höhepunkt war sicherlich das Interview mit Sebastian Krumbiegel.“

So weit das Zitat in „Bild“.

Aus dem, was Schulz noch so schrieb, lässt sich gut erkennen, wie unpassend die „Bild“-Schlagzeile mit der „Zensur“ ist:

Wir können und wollen euch die Inhalte der PRAWDA und des Newsletters nicht vorgeben, geschweige denn alle Texte vor Abdruck prüfen. Der mündige Fan ist uns wichtig! Deshalb hat sich das Management, auch im Namen der Band, entschlossen, sich von dem Titel „offiziell“ im Fanclub zu verabschieden. Wir sind der Ansicht, dass wir alle davon profitieren werden. Ihr gelangt so zu mehr Unabhängigkeit und werdet als eigenständiges Sprachrohr der Fans wahrgenommen. Auch der Vorwurf der Kritiklosigkeit durch eine vermeintlich zu große Nähe zum Management lässt sich so entkräften.

Und ganz so herzlos, wie „Bild“ es darstellt, scheinen Band und Management auch nicht zu sein:

Zudem werden wir die Kosten der Namensumstellung übernehmen, und die versprochenen Ticketvergünstigungen wie bisher beibehalten, so dass aus der Namensänderung den Fans keine Nachteile entstehen.

Auch der Fanclub selbst ist mit der neuen Situation nicht unglücklich, befreit es den Club doch aus einem Dilemma:

Wir können uns eine Fanclubarbeit, bei der jede Kleinigkeit (insbesondere, wenn sie nicht direkt die Band betrifft) dem Management vorgelegt und abgesegnet werden muss, nicht vorstellen, und wir sind auch nicht der Meinung, dass das in eurem Interesse wäre. Das Management teilt in dieser Hinsicht unsere Meinung.

Von der Seite der Mitglieder wiederum hören wir immer wieder die Aussage, dass der Fanclub zu unkritisch berichtet und als reines Promoorgan des Managements fungiert.

Mit Dank an Miguel.

Auf dem Boulevard wird schon Salz gestreut

So lag „Bild“ gestern in Berlin am Kiosk:

So zeigt sich ein Berliner Abgeordneter im Internet

Im Inneren erklärte die Zeitung dann, wer der Abgeordnete ist (Simon Weiß von der Piratenpartei) und was er da auf dem Foto macht:

Ein junger Mann beugt sich über eine Linie weißes Pulver. An seine Nase hält er eine Papierrolle. Und deutet an, die weiße Substanz hochzuziehen als wäre es Kokain. Daneben steht ein Salzstreuer. Das Foto zeigt Pirat Simon Weiß (26), der im Abgeordnetenhaus sitzt. Er hat es über den Internetdienst Twitter veröffentlicht.

Bei Bild.de ging die Geschichte erst nach einer Drehung an der Meta-Schraube online und klang dann so:

Seine Idee: ein bisschen Drogen-Provokation. Wie originell!

Auf seinem Twitter-Account hat er ein neues Profilfoto eingestellt. Zu sehen: Simon Weiß, wie er seinen Kopf über eine Tischplatte beugt, mit der linken Hand hält er sich das linke Nasenloch zu, an das rechte Nasenloch drückt er eine Papierrolle, deutet an, eine helle Substanz hochzuziehen als wäre es Kokain. Links im Bild: ein Salzstreuer. Ha-ha!

Die Salz-Schnupf-Experten von Bild.de finden das offenbar nicht lustig:

Lustig hin, lustig her, Fakt ist: Der Landespolitiker täuscht eine Straftat vor.

Denn der Konsum von harten Drogen ist in Deutschland verboten!

Das stimmt so nicht: Der reine Konsum von Kokain ist in Deutschland nicht verboten, wohl aber der Besitz, die Herstellung oder der Handel (der Konsum ohne vorherigen Besitz ist natürlich ein wenig knifflig). Und unter „Vortäuschen einer Straftat“ versteht man die Anzeige einer nicht begangenen Straftat wider besseres Wissen.

Simon Weiß zeigte sich angesichts der großen „Bild“-Geschichte über seine Person auf Twitter recht entspannt und wollte die Aktion als „privat betriebene Satire“ verstanden wissen. Dem Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, der bei Bild.de erklärt hatte, dass seines Erachtens „durch das Foto der Konsum von harten Drogen verharmlost wird“, warf Weiß vor, den „Stichwortgeber“ für das „Hetzblatt“ „Bild“ zu „spielen“. Abschließend verwies er auf die Fotografin des Salzbildes, die „Bild“ nach eigenen Angaben darauf hingewiesen hatte, dass die Zeitung das Foto nicht ohne weiteres hätte abdrucken dürfen.

Mit Dank an Brainfucker, Markus M. und Sebastian C.

Lynchvorlage (2)

Im Juli hatte „Bild“ groß über einen Mann berichtet, der ein siebenjähriges Mädchen in Thüringen sexuell missbraucht und getötet hatte. Im Rahmen ihrer Berichterstattung bezeichnete die Zeitung den geständigen mutmaßlichen Täter als „Schwein“ und zitierte einen BKA-Beamten mit den Worten „Wenn er sich nicht selbst etwas antut, gäbe es im Knast genügend andere, die das gerne übernehmen würden.“

Wie um es den genügend Anderen im Knast einfacher zu machen, hatte „Bild“ den Fall mit einem großen, unverfremdeten Foto des Mannes illustriert (BILDblog berichtete):

Das ist Mary-Janes Mörder: Er hat sie missbraucht, gewürgt und warf sie lebend in den Bach

Wir haben uns beim Deutschen Presserat über die Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de beschwert. Wie in solchen Fällen üblich nahm die Abteilung Verlagsrecht der Axel Springer AG dazu Stellung und erklärte unter anderem, es entspräche der ständigen Spruchpraxis des Deutschen Presserats, dass bei vorliegendem Geständnis auch identifizierend über Tatverdächtige berichtet werden dürfe. (Der Presserat merkt dazu an, dass sich das Justiziariat dabei „auf den einzigen Fall mit diesem Tenor“ berufe.)

Die Bezeichnung „Schwein“ drücke nach Ansicht der Axel Springer AG aus, was der „weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung“ über den Mann und die ihm zur Last gelegten Taten denke. Wer das Vertrauen und die Unterlegenheit eines Kindes ausnutze, um es sexuell zu misshandeln und es dann qualvoll umzubringen, sei nach herrschender Ansicht als „Schwein“ zu bezeichnen. Auch die Einordnung als „beruflich und privat ein ewiger Verlierer“ sei zulässig, da der mutmaßliche Täter sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich sein Leben nicht „auf die Reihe“ bekommen habe, wie der Verlag weiter ausführte.

Den Abdruck des Fotos rechtfertigten die Springer-Juristen so:

Schon die Tatsache, dass jemand ein siebenjähriges Mädchen sexuell misshandele und sie danach ermorde, sei so außergewöhnlich, dass damit eine Fotoveröffentlichung gegen den Willen des Abgebildeten gerechtfertigt sei. Ein Großteil der deutschen Tagespresse haben über den Fall Mary-Jane berichtet.

Auszüge aus dem Pressekodex:

Ziffer 8 – Persönlichkeitsrechte

Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Richtlinie 8.1 – Nennung von Namen/Abbildungen

(1) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz. Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats ließ sich von dieser Begründung nicht beeindrucken und kam zu der Überzeugung, dass die Beiträge von „Bild“ und Bild.de die Persönlichkeitsrechte des Abgebildeten verletzten und damit gegen Ziffer 8 in Verbindung mit Richtlinie 8.1 (s. Kasten) des Pressekodex verstoße.

Die identifizierbare Abbildung des Täters ist aus Sicht des Beschwerdeausschusses „ethisch nicht vertretbar“. Ein Tatverdächtiger könne ausnahmsweise abgebildet werden, wenn dies im Interesse der Verbrechensaufklärung liege oder wenn das Verbrechen unter den Augen der Öffentlichkeit begangen werde. Eine solche Ausnahme sei im konkreten Fall aber nicht gegeben, „Bild“ hätte auch ohne Abbildung der Person oder mit ausreichend unkenntlich gemachten Bildern umfassend über den Fall berichten können.

Einen Verstoß gegen Ziffer 1 des Pressekodex, die zur Achtung der Menschenwürde mahnt, konnte der Beschwerdeausschuss jedoch nicht feststellen. Durch die Verwendung der Bezeichnung „Schwein“ werde deutlich, „dass die Tat von der Redaktion als Schweinerei verstanden werde“. Sie bringe mit „bildhafter Sprache“ eine zulässige Bewertung zum Ausdruck.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Die letzten Ausführungen sind bemerkenswert, hatte der Presserat den Begriff „Schwein“ (anders als etwa den Begriff „Bestie“) oder „Dreckschwein“ doch bisher meist als Verletzung der Menschenwürde angesehen.

Insgesamt wertete der Beschwerdeausschuss den Verstoß gegen Ziffer 8 aber als so schwerwiegend, dass er eine „Missbilligung“ aussprach (s. Kasten). Nach § 15 Beschwerdeordnung besteht zwar keine Pflicht, Missbilligungen zu veröffentlichen. Als Ausdruck fairer Berichterstattung „empfiehlt“ der Beschwerdeausschuss jedoch die Veröffentlichung.

Wolfgang Niedecken erklagt sich Respekt (2)

Der nicht einmal halbherzige Versuch, die Privatsphäre von Wolfgang Niedecken und seiner Familie zu respektieren, hat „Bild“ schon zwei Einstweilige Verfügungen eingebracht (BILDblog berichtete). Vergangenen Donnerstag kam eine dritte hinzu.

Die Anwälte des BAP-Sängers schreiben auf ihrer Internetseite, es sei Bild.de jetzt verboten …

  • ein Foto zu verbreiten, das Niedeckens Kinder bei einem Krankenhausbesuch zeige,
  • den angeblichen Verlauf eines Schlaganfalltests zu veröffentlichen: Bild.de hatte geschrieben, Niedecken habe auf die Bitte eines Arztes, die Wochentage aufzuzählen, einen Arm gehoben. Diese Behauptung sei laut Niedeckens Anwälten „frei erfunden“.
  • Details über die Krankenhausbehandlung Niedeckens zu verbreiten,
  • sowie Details zu geplanten Nachbehandlungen zu veröffentlichen.

Weiter heißt es, Wolfgang Niedecken und seine Familie bäten erneut darum, die von Bild.de verbreiteten Behauptungen, die zum Teil frei erfunden seien, nicht zu übernehmen.

Wolfgang Niedecken erklagt sich Respekt

Vergangene Woche hatte die Kölner Rockgruppe BAP ihre anstehende Deutschlandtour wegen einer schweren Erkrankung des Sängers Wolfgang Niedecken absagen müssen. Das Management bat „eindringlich“ darum, die Privatsphäre von Wolfgang Niedecken und seiner Familie zu respektieren, woran sich vor allem „Bild“ nicht halten wollte (BILDblog berichtete).

Wolfgang Niedecken und seine Familie gingen vor Gericht und erwirkten zwei Einstweilige Verfügungen, die es „Bild“ verbieten

  • die genaue Krankheit Niedeckens zu benennen,
  • Details des angeblichen Erkrankungshergangs zu veröffentlichen: Bild und bild.de hatten behauptet, Herr Niedecken sei in seinem Haus zusammengebrochen und von seiner Frau hilflos auf dem Boden liegend aufgefunden worden. Beides ist laut Niedecken falsch.
  • Details über den angeblichen Gesundheitszustand und Genesungsprozess Niedeckens zu verbreiten,
  • Details zur Fürsorge der Familie Niedecken für Wolfgang Niedecken zu veröffentlichen,
  • sowie Fotos zu verbreiten, die die Ehefrau und Kinder Niedeckens bei Krankenbesuchen zeigen.

Die mit dem Fall betraute Rechtsanwaltskanzlei bittet im Namen von Niedecken und seiner Familie darum, die Berichterstattung von „Bild“ nicht zu übernehmen.

Das dürfte vor allem die „Rheinische Post“ interessieren, die vergangenen Freitag recht ausführlich nacherzählt hatte, was „Bild“ zuvor geschrieben hatte. Der rücksichtslose Tratsch kulminierte in dem Satz:

Dem Bericht zufolge verließen Niedeckens Frau Tina sowie die Töchter (…) am Nachmittag mit vom Weinen geröteten Augen die Klinik.

Sterben live

Vor zwei Jahren wurde „Bild“ vom Presserat wegen „unangemessen sensationeller“ Berichterstattung zum Tod von Michael Jackson gerügt. Zu der Überschrift „Hier verliert er den Kampf um sein Leben“ zeigte die Zeitung damals ein riesiges Foto, auf dem Jackson auf einer Trage liegend und an Beatmungsgeräte angeschlossen zu sehen war. Da dadurch bei Lesern der Eindruck entstehe, einem Menschen unmittelbar beim Sterben zuzusehen, sah der Beschwerdeausschuss darin einen Verstoß gegen die Menschenwürde (BILDblog berichtete).

Hat die Rüge gefruchtet? Nun, das mit dem „beim Sterben zusehen“ scheint immer noch spannend genug zu sein, um es auf der Startseite von Bild.de so anzuteasern:

FEUER IM FLUCHTMOBIL Hier verbrennen zwei Bankräuber

Im gut bebilderten Artikel heißt es:

Das Feuer lodert aus dem Dach des Wohnmobils, im Innenraum liegen zwei Bankräuber. Unklar, ob die beiden Männer schon tot sind, als das Feuer ausbricht, oder ob sie Opfer der Flammen werden.

Fehlen nur noch Chips und Bier …

Mit Dank an Christian S.

Griechen raus!

In dieser Woche haben sich ja die Ereignisse in der Griechenland-Krise förmlich überschlagen. Grund genug für „Bild“ und Bild.de die mit Leidenschaft geführte Hetzkampagne gegen die „Pleite-Griechen“ (BILDblog berichtete mehrfach) noch weiter auf die Spitze zu treiben.

Als Anfang der Woche bekannt wird, dass der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou eine Volksabstimmung über die empfindlichen Sparmaßnahmen plant, die mit dem zuvor beschlossenen Schuldenschnitt einhergehen, titelt Bild.de wenig diplomatisch:

Euro-Zocker Papandreou löst neue Krise aus Will uns der Griechen-Premier verarschen?

Ausgerechnet der windige Krawallnachwuchsjournalist Paul Ronzheimer, der bei seiner unsäglichen Drachmenrückgabeaktion vor einem Jahr bewiesen hat, dass er selbst ein hervorragender „Verarscher“ ist, schreibt Sätze wie:

Alle fragen sich: warum tut Papandreou das? Warum jetzt? Will er uns verarschen? (…)

Der Euro-Zocker

(…)

Was zockt der Griechen-Premier?

Diese Reaktion ist schon allein deswegen bemerkenswert, weil eine Volksabstimmung den von „Bild“ seit langem geforderten Austritt Griechenlands aus der Eurozone erheblich hätte beschleunigen können. Aber auch das vereinnahmende „uns“ und „alle“ ist unangebracht, wenn man bedenkt, dass es durchaus auch Stimmen gab, die die Entscheidung von Papandreou begrüßten.

Wie ein trotziges Kind forderte „Bild“ dann am Donnerstag unverhohlen auf der Titelseite:

Nehmt den Griechen den Euro weg! Frau Merkel, wir wollen auch eine Volksabstimmung!

Die Marschrichtung ist deutlich. „Bild“ glaubt wieder einmal für alle Deutschen sprechen zu können:

JETZT REICHT ES UNS! Wir bürgen für Hunderte Milliarden Euro, um die Pleite-Griechen zu retten – und dort soll erst eine Volksabstimmung klären, ob überhaupt gespart wird. Jetzt wollen wir auch eine Volksabstimmung: keine Milliarden mehr für Griechenland, Griechenland raus aus dem Euro!

Und den passenden „Stimmzettel“ liefert „Bild“ auch gleich mit (man beachte die falschen Landesfarben Schwarz-Schwarz-Rot):

Stimmzettel

Dieser Stimmzettel ist in seiner geballten Suggestivität und Einseitigkeit ein eindrucksvolles Zeugnis des Demokratieverständnisses von „Bild“: Kein Wort darüber, dass es vor allem deutsche Banken sind, die griechische Staatsanleihen halten und ohne die Milliardenhilfen ins Straucheln kommen würden. Kein Wort darüber, dass es rechtlich kaum möglich ist, dass die EU (und schon gar nicht Deutschland) den „Pleitegriechen (…) den Euro wegnimmt“. Kein Wort zu den bereits umgesetzten und geplanten Reformen und Sparmaßnahmen, für die Griechenland erst kürzlich gelobt wurde. Statt Informationen bietet „Bild“ nur jede Menge Emotionen.

Selbst in einem späteren Artikel, in dem sich Bild.de dann doch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzt, wird das „Wir-gegen-die“ wie selbstverständlich aufrecht erhalten:

Drohender Bankrott in Athen Wie kriegen wir die Griechen aus dem Euro? BILD.de erklärt die Rechtslage und mögliche Folgen

Immerhin, das durch die geplante Volksabstimmung angeknackste Weltbild von „Bild“ und Bild.de scheint wieder in Ordnung zu sein. Nachdem Papandreou aufgrund von innen- und außenpolitischem Druck die Volksabstimmung wieder abgesagt hat, sind die „Pleite-Griechen“ wieder genau da, wo „Bild“ sie anscheinend haben will – im Staub:

Euro-Krise beendet? Griechen kuschen vor Angela Merkules Papandreou bildet Not-Regierung! +++ Volksabstimmung abgesagt!

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