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Wenn zwei sich streiten

Das las sich gestern fast schon wie ein Happy-End. Zweieinhalb Wochen nachdem das Prominentenpaar Sylvie und Rafael van der Vaart seine Trennung bekannt gegeben hatte, titelte „Bild“:

Sylvie & Rafael van der Vaart - ALLES WIEDER GUT! Angeblich...

Im Inneren erfuhr der Leser dann auf einer halben Seite „alles über das Liebes-Comeback“:

Der eine ist ohne den anderen nur die Hälfte Wert; So läuft das Liebes-Comeback bei den van der Vaarts ab

Nun, was war passiert? Die „Bild“-Leute Christiane Hoffmann und Babak Milani erklären es gleich zu Beginn ihres Artikels:

„Der Duft nach dem Regen …

Das Gefühl nach dem Weinen …

Der Klang einer zweiten Chance …“

Sylvie van der Vaart (34) öffnete gestern Mittag öffentlich ein wenig ihr Herz. Drei Zeilen postete sie bei „Facebook“, dazu ein Foto des Sonnenaufgangs am Hamburger Hafen. Ihre Worte lassen erahnen, was für ein Gefühlschaos sie in den letzten zwei Wochen durchlebt hat. Sie signalisieren die Hoffnung auf Romantik, auf die Rückkehr der Liebe, auf die Ruhe nach dem Sturm.

Einmal in Fahrt, schwingen sich die Autoren in fast schon Wagner’sche Höhen auf:

Sylvie ohne Rafael ist wie Currywurst ohne Curry. Ein Großteil IHRER Karriere hat das starke Fundament der „Familie van der Vaart“.

Wenn du wirklich liebst, musst du irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es die Liebe nicht ohne das Leiden gibt. Die Liebe ist nicht so perfekt wie Sylvies blonde Föhnfrisur. Streit, Konflikt und böse Worte gehören dazu. Du darfst nur den Respekt nicht verlieren und deine Liebe. Und dich selbst.

Denn der Duft nach dem Regen ist wundervoll …

Hach ja.

Bild.de widmete sich derweil ebenfalls dem Dreizeiler:Sylvies hoffnungsvoller Facebook-Eintrag - Sie wünscht sich doch so sehr, dass es wieder klappt

Und lieferte gleich einen Screenshot mit:

Sylvie postete am Mittwoch diese drei Zeilen auf Facebook

Gepostet wurden „diese drei Zeilen“ also auf einer Seite namens „Sylvie van der Vaart NEWS“ — doch die ist, wie sich nach knapp viersekündiger Recherche zeigt, nicht das offizielle Profil der Moderatorin, sondern eine Fan-Seite. Frau van der Vaart selbst hat mit den Worten, die ihr „Bild“ und Bild.de in den Mund legen und genüsslich ausschlachten, in Wirklichkeit also nichts zu tun.

Das stellten auch die wahren Verfasser des „hoffnungsvollen Facebook-Eintrags“ gestern auf ihrer Seite klar:Liebe BILD-Zeitung, liebe CHRISTIANE HOFFMANN und BABAK MILANI es freut uns dass sie unsere "Fan-Seite" (wie oben angegeben) lesen und hieraus Informationen für ihre Berichterstattung auf bild.de beziehen. Jedoch würden wir uns freuen wenn sie unsere Worte nicht als Sylvie's Worte ausgeben. Besagtes "Hafenfoto mit hoffnungsvollen Worten" haben WIR gepostet, und nicht Sylvie. Ihre Redaktion arbeitet seit Jahren sehr gut mit Frau van der Vaart zusammen. Bitte respektieren Sie Ihre Privatsphäre und produzieren Sie nicht immer neue Schlagzeilen aus Worten die nicht einmal von Sylvie selbst stammen! Vielen Dank!

Bild.de hat die betreffenden Artikel mittlerweile gelöscht.

Schon seit Jahren pflegen Sylvie van der Vaart und „Bild“ ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Frau van der Vaart, ihres Zeichens „Model, Moderatorin usw.“ (Bild.de), war bereits mehrfach als Kolumnistin für das Blatt tätig, sie spielte beim „Bild-Super-Manager“ mit, stylte einen „Bild“-Reporter um und war einen Tag lang Chefredakteurin bei Bild.de. „Bild am Sonntag“ warf einen Blick in Sylvies Kleiderschrank, „Bild“ bummelte mit ihr durch ihre Heimat Eppendorf, und Bild.de zeigte sie in Dessous, in Dessous und in Dessous.

Als die Eheleute van der Vaart zu Beginn des Jahres — exklusiv in „Bild“ — ihre Trennung bekannt gaben, war also schon abzusehen, dass sich das Blatt mit der Post-Trennungs-Berichterstattung nicht gerade zurückhalten würde. Dass sich die Redakteure aber dermaßen ins Zeug legten, hat dann doch ein wenig überrascht.

1. Januar:

Love-Story ohne Happy-End

1. Januar:Sylvie und Rafael van der Vaart: Ehe kaputt!

2. Januar:Schon nächste Woche muss Rafael ausziehen

2. Januar:Nach diesem Foto war Schluss!

2. Januar:Die frisch getrennten Van der Vaarts

2. Januar:Sylvie und Rafael: Woran zerbrach ihre Ehe?

2. Januar:Warum scheitern so viele Bilderbuch-Ehen?

2. Januar:Post von Wagner: Liebe van der Vaarts

3. Januar:Sylvie van der Vaart zu BILD: "Ich liebe ihn immer noch, aber die Trennung ist endgültig"

3. Januar:Was passierte genau in der Silvester-Nacht?

3. Januar:Was wird jetzt aus Söhnchen Damian?

3. Januar:Rafael und Sylvie van der Vaart sprechen in BILD: Die Karriere killte ihre Liebe!

3. Januar:Wie lange spielten sie nur noch das perfekte Paar?

3. Januar:Das sagen Fans, Kollegen und die Welt

3. Januar:Van der Vaart trägt noch die Liebes-Schuhe

3. Januar:Welche Rolle spielt die Busenfreundin?

4. Januar:Sylvie van der Vaart beim therapeutischen Shoppen

4. Januar:Wurde Sylvie zu stark für ihren Mann?

4. Januar:Hat diese Holländerin was mit der Trennung zu tun?

4. Januar:Wieso quatschen sie von Liebe und trennen sich doch?

5. Januar:Wegen Ehe-Zoff: Linken-Politiker fordern Sperre für van der Vaart

5. Januar:Welche Rolle spielt Sylvies mysteriöses Medium?

6. Januar:Sabia Boulahrouz weicht nicht von Sylvies Seite

6. Januar:Glück gejagt, Liebe verloren

7. Januar:Van der Vaarts Busenfreundin: Auch ihre Ehe ist kaputt!

7. Januar:Sylvies Psycho-Trainerin: Ist sie die Schluss-Macherin?

7. Januar:Van der Vaart jetzt auch noch verletzt

8. Januar:Van der Vaart: Verletzung wegen Ehe-Aus?

10. Januar:Möbelwagen da! Van der Vaart zieht aus

13. Januar:Nach dem Ehe-Aus: Das ist van der Vaarts sturmfreie Bude

Am 16. Januar dann die Überraschung:Sylvie: "Wir wollen es wieder miteinander versuchen"

„Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen“, verrät Sylvie van der Vaart (34) dem „Gala“-Chefredakteur Christian Krug bei einem Treffen vor wenigen Tagen. UND: „Ich liebe Rafael immer noch so sehr!“

Doch im Laufe des Tages wurde das Ehe-Wirrwarr immer verrückter.Ehe-Wirrwarr immer verrückter

Am Mittwochmorgen überraschte uns die Nachricht vom Liebes-Comeback der van der Vaarts: „Ich bin so glücklich. Wir wollen es wieder miteinander versuchen“, soll Sylvie van der Vaart (34) dem „Gala“-Chefredakteur Christian Krug am Rande eines Termins verraten haben und der druckte es prompt in seinem Magazin. (…)

Nun ließ die Moderatorin den Bericht jedoch zurückweisen. Sie habe zu diesem Thema gar kein Interview gegeben, von einer Versöhnung könne keine Rede sein, teilte ihr Management mit. Das Paar stehe in gutem Kontakt, alles andere müsse die Zukunft zeigen.“

Diese Zukunft erschnupperte „Bild“ dann, wie eingangs beschrieben, gestern aus dem „Duft nach dem Regen“. Eine Korrektur der Ente findet sich heute nicht im Blatt. Nur der dürre Hinweis, dass Sylvie van der Vaart ab 22. Februar eine neue RTL-Show moderieren wird. Ganz ohne Lyrik.

Mit Dank an Rene W., Frederik S., Tinnef, Nora R. und Sarah.

Wie man aus Kinskis Untaten Kapital schlägt

Im aktuellen „Stern“ erhebt die Schauspielerin Pola Kinski schwere Vorwürfe gegen ihren 1991 verstorbenen Vater Klaus: Er habe sie als Kind und Jugendliche jahrelang sexuell missbraucht und vergewaltigt.

Auf der medialen Welle, die diese Enthüllungen auslösten, surften auch „Bild“ und Bild.de von Anfang an mit: Am Mittwoch waren die Vorwürfe Titelgeschichte in „Bild“ und Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an Pola Kinski („Klaus Kinski gehörte eigentlich ins Gefängnis, er ist leider tot“). Pola Kinskis Halbschwester Nastassja erklärte „exklusiv in BILD“, dass sie stolz auf ihre Schwester sei, und in „Bild am Sonntag“, dass ihr Vater sie „viel zu sehr angefasst“ habe. Am Freitag exzerpierten die „Bild“-Reporter Mark Pittelkau und Dora Varro eine Autobiographie Klaus Kinskis von 1975, in der dieser bereits „alles“ aufgeschrieben habe, und „Bild am Sonntag“ druckte (wiederum „exklusiv“) Passagen aus Pola Kinskis neuem Buch, das am Montag erscheint.

Dass sich selbst aus einer solchen schlimmen Familiengeschichte noch Kapital schlagen lässt, zeigte dann am Wochenende Bild.de:

Sein Tochter wirft ihm vor, sie missbraucht zu haben. Klaus Kinski: Zwischen Genie und Wahnsinn. Schauen Sie sich seine Filme bei BILD MOVIES an!

Mit Dank an Mario S., Daniel und Linus W.

Totrecherchiert

Als Wolfgang L. vor gut einem Monat seine Lokalzeitung aufschlug, war er fassungslos.

Denn:

Wolfgang [L.] (62) aus Heidelberg musste lesen, er sei tot

Oder anders:Heidelberger Rentner (62) ist entsetzt - Ich las meine eigene TODESANZEIGE

Totgesagte leben länger…Fassungslos hält Rentner Wolfgang [L.] (62) aus Kirchheim seine eigene Todesanzeige in den Händen. […]

Rentner [L.] ist sich sicher: „Dahinter kann nur meine Noch-Ehefrau Uschi stecken. Wir sind seit einem halben Jahr getrennt, doch sie macht mir das Leben bis heute zur Hölle.“

Ganz ähnlich muss sich auch Hannah W. im Juni 2012 gefühlt haben. Oder Rudolf K. im Sommer 2008. Und eine andere junge Frau vor knapp zwei Wochen.

Denn auch sie schlugen die Zeitung auf und mussten lesen, sie seien tot. Genauer: Sie schlugen die „Bild“-Zeitung auf.

Im Fall von Hannah W. hatten „Bild“ und Bild.de eine „Bluttat in Berliner WG“ mit einem Foto der jungen Frau bebildert – obwohl sie weder, wie in dem Artikel behauptet, das Mordopfer war, noch sonst irgendetwas mit dem Vorfall zu tun hatte. Das Foto sowie biografische Details von Hannah W. hatten die Redakteure im sensationsgeilen Eifer kurzerhand aus dem Blog der Studentin geklaut (BILDblog berichtete).

Ende des vergangenen Jahres kam es in einem „Bild“-Artikel über den Unfalltod zweier Mädchen erneut zu einer solchen Verwechslung (BILDblog berichtete ebenfalls).

Und Rudolf K., Vater eines Opfers eines Autounfalls, über den die Boulevardpresse tagelang berichtet hatte, musste 2008 in „Bild“ lesen, er sei an einem Herzinfarkt gestorben (BILDblog berichtete auch hier).

Es braucht also nicht die makabren Tricks irgendwelcher Noch-Ehefrauen, um quicklebendige Menschen für tot zu erklären und anderen das Leben zur Hölle zu machen. Nein, dafür braucht es nur die üblichen Methoden von „Bild“ und Bild.de.

Newtown im deutschen Onlinejournalismus

Heute vor einem Monat erschoss ein Mann in Newtown, Connecticut 27 Menschen, darunter 20 Kinder einer Grundschule.

Nach dem Amoklauf von Winnenden hatte der Deutsche Presserat im Jahr 2010 einen Leitfaden für die Berichterstattung über Amokläufe (PDF) veröffentlicht, in dem die deutschen Medien zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Opfer, Angehörige und Täter aufgerufen werden.

In welcher Form und in welchem Ausmaß deutsche Onlinemedien wie Bild.de, „Spiegel Online“, „Focus online“, FAZ.net oder sueddeutsche.de in der ersten Woche über die Ereignisse von Newtown berichtet haben, haben wir in einer Übersicht zusammengefasst:

  • Die deutsche Online-Berichterstattung über den Amoklauf in Newtown (PDF)

Jetzt XX

Es ist mal wieder Zeit für unser beliebtes Spiel:

Kalkofe macht jetzt auf Glööckler

Huch, jetzt hat Harald Glööckler (47) auch noch seinen eigenen Klön!

Wir sehen zwei pompöös gleich aussehende Bartträger, doch wer ist wer?

Der mit dem Klunker am Finger ist das Original. Der andere ist im wahren Leben glatt rasiert und heißt Oliver Kalkofe (47).

Für seine Sendung „Kalkofes Mattscheibe“ (heute, 23.15 Uhr, Tele 5) parodiert er den Modemacher.

(Hervorhebungen von uns.)

Na, was glauben Sie, welche Bedeutung das Wort „jetzt“ diesmal hat?

Um es nicht unnötig spannend zu machen: „Jetzt“ entspricht in diesem Fall „seit mindestens siebeneinhalb Jahren“.

So lang ist es her, dass Oliver Kalkofe in seiner „Mattscheibe“ (damals auf ProSieben) erstmals Harald Glööckler parodiert hat.

Mit Dank an Volker K.

Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid.

Obwohl die Lage auch Tage nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Connecticut immer noch unübersichtlich ist, scheinen die Medien zu jedem beliebigen Zeitpunkt und vorübergehenden Nachrichtenstand schon zu wissen, was das alles zu bedeuten hat.

Als „aus Ermittlerkreisen verlautete“ („Hamburger Morgenpost“), der Täter habe das Asperger-Syndrom, war für Bild.de schon alles klar:

Der irre Amok-Killer von Newtown: Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid. BILD.de erklärt das Asperger-Syndrom.

Die mediale Ferndiagnose läuft dabei so ab:

Ehemalige Mitschüler erinnern sich an einen nervösen, unsicheren Jungen. Wenn er angeschaut wurde, blickte er weg. Wenn man ihn ansprach, würgte er die Worte hervor.

Dieses Verhalten deutet auf eine bestimmte Krankheit hin: das „Asperger-Syndrom“, eine autistische Störung. Immer öfter, auch aus Ermittlerkreisen, fällt dieser Begriff, wenn es um den psychischen Zustand [des Täters] geht.

Der letzte Satz ist natürlich eine selbsterfüllende Prophezeiung, denn dieser Begriff fällt in Medien von Bild.de über die „Hamburger Morgenpost“ bis zu „Spiegel Online“.

Dass Bild.de das Asperger-Syndrom letztlich einigermaßen fundiert und unaufgeregt erklärt, dürfte an den Quellen liegen, mit denen die Seite gearbeitet hat. Das Porzellan ist da freilich schon zerschlagen: „Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid.“ Und das, ohne dass bisher überhaupt klar wäre, ob der Täter wirklich das Asperger-Syndrom hatte.

Der Blogger Querdenker, selbst Autist, hat sich in zwei Texten damit auseinandergesetzt, wie die Medien dieser Tage mit dem Thema umgehen.

* * *

Einige hatten ihn vielleicht schon vermisst, heute ist er endlich da: Kriminologe Christian Pfeiffer, Hans Dampf in allen Gossen, beantwortet auf Bild.de die wichtigsten Fragen („Kann man Amokläufer erkennen?“, „Ist so ein Massaker auch in Deutschland möglich?“):

BILD.de: War das ein untypischer Amoklauf?

Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer: „Das war ein sehr untypischer Amoklauf. Der Täter hat eine unglaubliche Wut auf seine Mutter. Deshalb hat er sie auch erschossen. Doch das hat ihm anscheinend nicht gereicht, deshalb ist er in die Schule gefahren, an der die Mutter unterrichtete. Er suchte gezielt die Räume auf, in denen die Mutter lehrte und wütete weiter.“

Der Zeitstempel des Artikels ist von Montagabend, 23.55 Uhr. Seit Samstagabend deutscher Zeit ist klar, dass – vorsichtig ausgedrückt – erhebliche Zweifel daran bestehen, dass die Mutter des Täters Lehrerin oder auch nur Aushilfslehrerin war.

cnn.com schrieb:

Entgegen früherer anderslautender Berichte war [die Mutter] keine Lehrerin an der Schule, wo die Morde stattfanden, sagte Janet Vollmer, eine Vorschullehrerin an der Sandy Hook Elementary School.

(Übersetzung von uns.)

Und das „Metropolis“-Blog des „Wall Street Journals“ berichtete:

Eine ehemalige Vertreterin der Schulbehörde von Newton widersprach früheren Berichten, wonach es eine Verbindung [der Mutter] zur Sandy Hook Elementary School gegeben habe, möglicherweise als Teil des Lehrkörpers.

„Niemand hat von ihr gehört“, sagt Lillian Bittman, die bis 2011 in der lokalen Schulbehörde arbeitete. „Lehrer kennen sie nicht.“

(Übersetzung von uns.)

Tatsächlich fehlt der Name der Frau auf der Mitarbeiter-Seite der offiziellen Website der Schule.

Aber wer hätte schon auf die Idee kommen können, dort nachzusehen? Journalisten etwa? Die zitieren lieber Experten, die wissen, dass der Täter „gezielt“ die Räume aufgesucht habe, „in denen die Mutter lehrte“.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Im Luftraum ist hinten noch Platz

Vor gut einem Jahr sind sich im Luftraum über Frankfurt zwei Flugzeuge ungewöhnlich nahe gekommen. Der Vorfall wurde daraufhin von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) überprüft, vergangene Woche hat sie ihren Untersuchungsbericht veröffentlicht.

„Bild“ fasst ihn in der Frankfurter Regionalausgabe so zusammen:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe

Online widmete Bild.de dem „Schockbericht“ gleich zwei Artikel, beide mit derselben Grafik illustriert:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe über Hessen!

Die Grafik zeigt die gefährliche Situation: Der Lufthansa-Airboss vorweg, der Aeroflot A 320 dahinter. Der Abstand: an einer Stelle gerade mal 30 Meter.

In den Artikeln selbst klingt das schon ein wenig anders:

Es war laut Flugsicherung der „gefährlichste Zwischenfall im deutschen Luftraum“ seit langem, der sich am 13. Dezember 2011 um 14.27 Uhr und 55 Sekunden rund 1500 Meter über Raunheim abspielte …(…)

Die beiden Flugzeuge kommen sich immer näher, über Raunheim beträgt der Abstand der A320 zur gefährlichen „Wirbelschleppe“ des riesigen Airboss gerade noch 30 Meter.

Genau: Der Abstand zur Wirbelschleppe betrug 30 Meter. Der Abstand zwischen den beiden Flugzeugen aber war laut Untersuchungsbericht erheblich größer. Vertikal waren die Maschinen nämlich knapp 61 Meter voneinander entfernt.

Ach so, und dann waren da noch 1.796 horizontale Meter zwischen den beiden Flugzeugen, die „Bild“ ganz unterschlägt. Nach der Art, wie das Blatt rechnet, lägen Zugspitze und Mount Everest bloß läppische sechs Kilometer voneinander entfernt.

Die BFU betonte uns gegenüber auf Anfrage, unmittelbare Kollisionsgefahr habe zu keiner Zeit bestanden. Das steht auch explizit in dem Untersuchungsbericht. Doch darüber verliert der „Bild“-Redakteur (der den Airbus übrigens nach „Bild“-Art konsequent „Airboss“ nennt) kein Wort.

Die Grafik, mit denen „Bild“ und Bild.de die „gefährliche Situation“, diese Beinahe-„Flugzeug-Katastrophe“ illustrieren, müsste also eigentlich in etwa so aussehen:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Das Ende ist nah

Eine gute Eigenschaft hat er ja, dieser ganze Weltuntergangs-Wahnsinn: Er ist befristet.

Sobald die Welt am Morgen des 22. Dezember aufwacht, sich träge aus dem Bett schält und beim Blick in den Spiegel merkt, dass ja doch noch alles dran ist, spätestens dann haben hoffentlich auch die Medien die Schnauze voll.

Aber bis es so weit ist, jagen sie noch mal alles raus, was sie in die Finger kriegen. Irgendwas, egal, Hauptsache „Weltuntergang“ kommt drin vor, am besten in Kombination mit Sex, Satanisten oder Aliens. Das mit der ernsthaften Berichterstattung haben die Journalisten bei dem Thema ohnehin längst weitgehend aufgegeben.

Für die optischen Dramatisierung äußerst beliebt: Der Kalenderstein der Maya. Haben Sie sicher schon mal gesehen. Auf Bild.de zum Beispiel:Die letzten Vorbereitungen für den Weltuntergang

Das steht wirklich im Maya-Kalender

Was Sie machen sollten, bevor die Welt untergeht

Der Kalender der Maya prophezeit den Weltuntergang am 21. Dezember

Oder auf „Focus Online„:Der Maya-Kalender, der das Ende der Welt am 21. Dezember 2012 verheißt, verlieh dem mexikanischen Tourismus Flügel.

Oder auf Express.de:Kalender zu Ende - am 21.12.2012 geht die Welt unter

Oder auf WDR5.de:Das Dramolett: Der Maya-Kalender endet 2012

Oder auf Stern.de:

Video: Wieso am 21. Dezember die Welt untergeht

Oder bei „Welt (Online)“, hier, hier, hier, hier oder hier:

Wissenschaftler sagt Weltuntergang 2012 ab

Blöd nur: Das auf den Bildern ist gar nicht der Kalender der Maya. Es ist ein Kalender der Azteken.

Nikolai Grube, Professor für Altamerikanistik und renommierter Maya-Forscher der Uni Bonn, schreibt uns auf Anfrage:

Das ist der aztekische Kalenderstein, 1000 km und 700 Jahre von den klassischen Maya entfernt … Das ist so, als würden Sie zur Illustration des Reichstagsgebäudes eine osmanische Moschee aus Izmir zeigen. Solche Fehler sagen viel über die Kenntnisse und den Respekt der Medienmacher für fremde Kulturen aus. Es gibt nicht eine Abbildung des Maya-Kalenders, sondern mehrere tausend. Der Maya-Kalender ist eine Idee, er ist eine bestimmte Form der Zeitrechnung und liegt deshalb tausenden von Hieroglypheninschriften zugrunde.

Diesen Unterschied zu erkennen, dafür hätte schon ein kurzer Blick in die Wikipedia genügt.

Aber vielleicht gelingt es den Medien ja in den verbleibenden sieben Tagen, selbst da noch einen draufzusetzen.

Mit Dank an Stefan B.

Torwarttor und Taxifahrt zählen doppelt

Mario Balotelli gilt als spezieller Charakter, die Boulevardmedien in ganz Europa berichten gern über sein schwer zu zügelndes Temperament und seine exzentrischen Anwandlungen. Spätestens seit seinen zwei Toren im EM-Halbfinale gegen Deutschland steht der Italiener in Diensten von Manchester City auch bei den deutschen Medien im Fokus.

Gaga-Balotelli 2000 Euro für ein Taxi

Bild.de berichtete am Montag:

Der Stürmer von Manchester City hält offenbar nichts von elektronischen Navigationssystemen. Lieber lässt er sich die Strecke von Manchester nach London von einem Taxifahrer zeigen. Der teure Spaß soll ihn jetzt ganze 980 Euro gekostet haben. Pro Strecke! Inklusive Rückweg blätterte Balotelli also rund 2000 Euro hin.

Am Dienstag zog die gedruckte „Bild“ nach. Eine Quelle nennen beide nicht, aber es spricht vieles dafür, dass die Geschichte ursprünglich aus dem englischen „Sunday Mirror“ stammt, wo sie am Samstagabend online gegangen war.

Nur, dass der „Mirror“ von ganz anderen Zahlen schreibt:

Diesen letzten Einblick in Marios Heißsporn-Welt gewährte sein Agent Raiola in einem Interview mit einem niederländischen Magazin. […]

Ein Taxi von Manchester nach London kostet atemberaubende 400 Pfund in jede Richtung!

(Übersetzung von uns.)

400 Pfund, das sind etwa 495 Euro. Macht 980 für hin und zurück und nicht „pro Strecke!“, wie Bild.de behauptet — und anschließend etwa der „Berliner Kurier“.

Der Sportinformationsdienst (sid) war beim Abschreiben erfolgreicher und kommt auf eine Summe von „insgesamt also rund 1000 Euro“.

„RP Online“ hingegen ist das Kunststück gelungen, die Quelle zu nennen, aber die falsche Zahl:

Wie der englische Mirror berichtet, habe Balotelli dafür 980 Euro pro Richtung berappen müssen. Insgesamt also rund 2000 Euro.

Wie realistisch die ganze Geschichte überhaupt ist, steht auf einem anderen Blatt. Von dem „niederländischen Magazin“, dem Balotellis Agent davon laut „Mirror“ berichtet haben soll, fehlt nämlich bisher jede Spur.

Mit Dank an Tim.

The Faces of Germany

Der Suchmaschinenkonzern Google hat mehrere Listen der meistbenutzten Suchbegriffe des Jahres 2012 veröffentlicht.

Für Bild.de eine willkommene Gelegenheit, eine Klickstrecke mit den „häufigsten Suchanfragen 2012“ zu bauen.

Mit dabei:

"The Voice of Germany" – Xavier Naidoo, Boss Hoss, Nena und Rea (v.l.n.r.) sind extrem beliebt und die meist gesuchte TV-Show in Deutschland

Bei der Beschriftung ist Bild.de leider ein kleiner Fehler unterlaufen, denn das Bild zeigt nicht „Xavier Naidoo, Boss Hoss, Nena und Rea (v.l.n.r.)“, sondern Max Giermann, Michael Müller & Peter Nottmeier, Susanne Pätzold und Michael Kessler (v.l.n.r.).

Oder anders: Das Foto zeigt nicht die Jury von „The Voice of Germany“, sondern die dazugehörige Parodie bei „Switch reloaded“, über die Bild.de im Oktober noch geschrieben hatte, sie sei „so genial, dass man sie kaum vom Original unterscheiden kann“.

Was damit bewiesen wäre. Und das nicht zum ersten Mal.

Mit Dank an Marcel G.

Nachtrag, 16.24 Uhr: Bild.de hat das Foto der falschen Jury gegen eines der echten ausgetauscht.

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