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Kokain im alten Zopf

Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.

Der Kölner „Express“ hatte vergangene Woche dieses Glück:

Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung „Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.

Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!

Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:

Im WDR hatten Forscher des „Rechtsmedizinischen Instituts“ der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, „und peng!“, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei „Tatort“-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der „Express“ spricht von einer „Überraschung“, von einem „Schock-Ergebnis in der Sendung“.

Die „Bild“-Medien zogen nach:

Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.

Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei „Quarks & Co.“, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von „Quarks & Caspers“, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.

Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, „jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert“. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, „dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.“ Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.

Und so kommentiert das Team der Sendung den „Express“-Artikel bei Facebook: „Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.“ Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.

Mit Dank an Axel B. für den Hinweis!

Dirk Hoerens halbe Hartz-Wahrheit über Ausländer

Heute, auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung:

Wegen der starken Zuwanderung von Flüchtlingen steigt die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Bezieher deutlich an. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) stammte nach jüngsten Daten jeder 4. Stütze-Empfänger (26 %) aus dem Ausland.

Insgesamt bezogen 1,541 Millionen Ausländer Hartz IV, 170 207 (12,4 %) mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der deutschen Hartz-Empfänger sank dagegen um 239 995 (–5,2 %) auf 4,36 Millionen. Im Schnitt sind 7,7 % der Deutschen auf Hartz angewiesen, bei Ausländern sind es 18 %.

Die meisten ausländischen Stütze-Empfänger kommen aus der Türkei (295 260), Syrien (242 391) und Polen (92 506). Am stärksten gestiegen gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Eritrea (+229,4 %) auf 16 764 und Syrien (+195,1 %).

Obwohl dieses „Die“-und-„wir“-Stück von Dirk Hoeren stammt, ist es für sich genommen erstmal richtig. Die Zahlen stimmen. Man kann sie in einer Statistik der „Bundesagentur für Arbeit“ (PDF) nachlesen.

Ein anderer Aspekt aus derselben Veröffentlichung der Bundesagentur war Hoeren aber nicht mal einen Halbsatz wert: Dass auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer in Deutschland steigt. Im Mai 2016 — das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen — waren 3,119 Millionen Menschen aus dem Ausland hier sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind immerhin 312.996 mehr als ein Jahr zuvor, ein Plus von 11,2 Prozent.

Was in Hoerens Text ebenfalls nicht vorkommt: In der Statistik der „Bundesagentur für Arbeit“ ist bei jedem Herkunftsland, das extra ausgewiesen wird (und das sind immerhin: Afghanistan, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Estland, Eritrea, Griechenland, Italien, Irak, Iran, Kosovo, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Nigeria, Pakistan, Polen, Portugal, Rumänien, Russische Föderation, Serbien, Slowakei, Slowenien, Somalia, Spanien, Syrien, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine und Ungarn), ein positiver Zuwachs von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten vermerkt.

Anders gesagt: 2016 sind mehr Ausländer in Arbeit als ein Jahr zuvor, unabhängig davon, woher sie kommen.

Der Trick mit dem Weglassen der halben Wahrheit hat bei Dirk Hoeren übrigens System, im vergangenen Oktober hat er ihn schon einmal angewendet. Damals ging es um die „Zahl der Hartz-IV-Empfänger aus Asyl-Ländern“. Das gleiche Schema: Hoeren schreibt über die steigenden Zahlen der sogenannten „Leistungsempfänger im SGB II“ und erwähnt die steigende Zahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus „Asyl-Ländern“ mit keinem Wort. Das kann man so machen — ist dann aber einseitig.

Bitte nicht falsch verstehen: Wenn die Zahl der ausländischen Hartz-IV-Empfänger steigt, dann kann und soll man darüber berichten. Wenn man dabei aber den anderen Teil der Geschichte weglässt und ein undifferenziertes Bild zeichnet, nützt das am Ende vor allem einer Gruppe — den Rechtspopulisten, die ihrer Gefolgschaft einen neuen Aufreger für den nächsten Stammtisch liefern können:

Hinterher ist Bild.de immer schlauer

Als vergangenen Freitag die ersten Eilmeldungen aus München über die Agenturen gingen, war die Lage einigermaßen unübersichtlich. Klar war eigentlich nur, dass es Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum gegeben hatte, es vermutlich mehrere Tote gegeben hatte und die Polizei im Großeinsatz war.

Am Montag hatten sich viele offene Fragen vom Wochenende geklärt, und Julian Röpcke und Antje Schippmann konnten sich bei Bild.de an eine Art Meta-Analyse der Ereignisse machen.

Oder — weniger wohlwollend ausgedrückt — ans fröhliche Hinterher-alles-besser-Wissen:

Doch war der Polizeieinsatz und vor allem das Kommunikationskonzept der Polizei wirklich so gut, wie die Politiker behaupten?

Röpcke und Schippmann nutzen zur Beantwortung der Frage ein streng wissenschaftliches Konzept, das darauf beruht, den Kenntnisstand vom Montag mit dem vom Freitagabend abzugleichen:

Tatsache ist, dass es genau einen Schützen gab, der an einem Ort in der Stadt — rund um das Olympia-Einkaufszentrum, den nahen Mc Donald’s und das angrenzende Parkhaus — seine Tat beging. Trotzdem ging die Einsatzleitung der Polizei Falschmeldungen und Gerüchten auf den Leim, sprach lange von mehreren Tätern „mit Langwaffen“ und unterschiedlichen Tatorten in München.

Statt „auf den Leim“ hätten die beiden auch „nach“ schreiben können, aber das hätte ja angedeutet, dass die Polizei diese Falschmeldungen und Gerüchte ordnungsgemäß überprüft hätte, und hätte auch gar nicht so herablassend geklungen.

Bereits am Freitag hatte Julian Röpcke, unter Zuhilfenahme des Buchs „Onlinesprache — So chatten die Jugendlichen heute“ von 1998, auf Twitter seinem Unmut Ausdruck verliehen, dass die Münchener Polizei nach zahlreichen Gerüchten über weitere Tatorte sicherheitshalber mal in der ganzen Stadt davor gewarnt hatte, vor die Tür zu gehen:

Diese Kritik wiederholt der Artikel von Bild.de:

Über den ganzen Abend hinweg gab es eine Vielzahl von Gerüchten, unbestätigten Meldungen und neuen Horror-Geschichten — beispielsweise über weitere Schützen im Zentrum der Stadt und der U-Bahn. Dies war wohl größtenteils der Panik der Betroffenen zu verdanken — und auch der Präsenz Hunderter schwer bewaffneter Sicherheitskräfte, die Passanten irrtümlich für Attentäter hielten. Soweit so verständlich.

Doch, dass sich die Münchener Polizei mit ihrer enormen internationalen Reichweite bei Twitter an der Verbreitung solcher — im Rückblick falscher — Meldungen über eine „Schießerei in der City“ und „unconfirmed reports of more violence“ (unbestätigte Berichte über mehr Gewalt) beteiligte, hat sicher nicht zur Stabilisierung der Lage beigetragen, sondern im Gegenteil die Lage noch zusätzlich verschärft.

Nun ist es „im Rückblick“ leicht, das Verhalten der Polizei zu kritisieren, aber Röpcke zielt auf Twitter und in dem Artikel haarscharf am Thema vorbei: Die Polizei hat sich ja nicht im direkten Sinne an der „Verbreitung“ der Gerüchte „beteiligt“, sondern darauf hingewiesen, dass ihr diese Gerüchte bekannt seien, und den Menschen geraten, sicherheitshalber zuhause zu bleiben.

(Es ist übrigens relativ sicher, dass Röpcke diese Differenzierung nicht verstehen und „keinen Sinn“ darin erkennen wird — das hat er nämlich am Donnerstag schon nicht.)

Hätte die Polizei einfach mal auf „Bild“ gehört, denn dort vermuteten sie schon früh, dass es keine weiteren Täter gab:

Und überhaupt:

Auch darum orderte man immer weitere Einheiten in die Stadt, inklusive der Spezialeinheit GSG-9 und Polizeikräfte aus anderen Bundesländern. „Besser zu viel als zu wenig“, argumentierten später viele. Ob die Polizei aber tatsächlich einen Überblick über die Lage behielt und 2300 Polizisten zur Sicherung eines Tatorts und Ausschalten eines 18-Jährigen notwendig waren, bleibt unklar.

Man kann sich ausmalen, wie die Reaktion von Bild.de ausgefallen wäre, wenn zu wenige Polizisten im Einsatz gewesen wären. Aber auch ohne das Wissen im Nachhinein bleibt dieser Absatz perfide: Die Polizei hatte zum Beispiel schon relativ früh erklärt, warum sie von einer „akuten Terrorlage“ gesprochen hatte:

Dazu sagte der Sprecher: „Wir gehen insofern von einem Terroranschlag aus, als wir mit unseren Maßnahmen bei dieser Annahme die höchstmögliche Wirkung erzielen und wir lieber zu viel als zu wenig Personal auf der Straße haben. Wenn sich herausstellt, dass es einen anderen Hintergrund hatte, haben wir den worst case auch abgedeckt.“

Und Sätze, die auf „… bleibt unklar“ enden, sind natürlich eh ein journalistischer Offenbarungseid: Röpcke und Schippmann wissen es also selbst nicht — aber Hauptsache, sie haben es der Münchener Polizei mal so richtig gezeigt. Oder zumindest ein bisschen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist es legitim, das Vorgehen der Polizei in Frage zu stellen — auch, oder gerade besonders, wenn dieses Vorgehen und der Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins von Politikern und Medien überall gefeiert werden. Und vermutlich ist die Polizei selbst am zerknirschtesten darüber, dass sie „mitten in der Nacht zwischen 3:05 und 3:18 die Verletztenzahl erst mit 21 angab und dann auf 16 herunter korrigierte“, wie ihr Bild.de auch noch vorwirft.

Aber die „Fragen über Fragen“, die Röpcke vollmundig auf Twitter ankündigte, bleiben überwiegend unbeantwortet. Die Antwort auf die großspurige Frage „Wie erfolgreich war die Polizeiarbeit wirklich?“ bleibt auch Bild.de schuldig. Es „bleibt“ eben „unklar“.

Mit Dank an Johanna für den Hinweis!

Mit gefälschten Tweets zum Schweinsteiger-Wechsel

Per Eilmeldung ging die Nachricht heute an viele Smartphones in Deutschland: Bastian Schweinsteiger, bei der Europameisterschaft in Frankreich noch Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft, beendet seine Karriere in der DFB-Elf. Fast zeitgleich kamen Gerüchte auf, dass bei seinem aktuellen Verein Manchester United bald ebenfalls Schluss sei, weil der neue Trainer José Mourinho nicht weiter mit Schweinsteiger plane.

Genau das richtige Material für Bild.de-Spekulationen:

Die Sportredaktion hat auch schon ein paar Ideen:

Englische Medien berichten, dass Fenerbahce Istanbul Interesse haben soll.

Oder geht Schweini in die Stadt der Liebe? Vor Wochen, also noch vor dem angeblichen United-Rauswurf, gab es bereits Gerüchte um Paris Saint-Germain.

Klassisch ein Wechsel in die USA. In der MLS könnte Schweini trotz schwindender Geschwindigkeit noch sportlich dominieren.

Oder vielleicht nach Botswana? Oder in die oberste kirgisische Liga? Wenn man nur lange genug rät, wird schon ein Treffer dabei sein.

Besonders angetan sind die Leute von Bild.de aber von dem Gedanken an einen möglichen Schweinsteiger-Wechsel zu einem Bundesliga-Verein:

Seit Wochen hält sich das Comeback-Gerücht um Schweini vor allem im Ruhrpott: Ist Schalke am Helden von Rio dran?

Tatsächlich soll es diese Schalke-Gerüchte geben. Nun ist ein Wechsel von Bastian Schweinsteiger nach Gelsenkirchen erstmal recht unwahrscheinlich, Bild.de hat aber zwei Hinweise gefunden, die das Ganze untermauern sollen:

Schon Anfang Juni tauchte ein Tweet auf, in dem die Verpflichtung als fix gemeldet wurde. Angeblicher Absender: der offizielle Schalke-Account. Aktuell wird Schweini schon im Schalke-Kader geführt.

Das Portal stützt sich bei dieser Aussage auf zwei Tweets des Twitter-Nutzers @Pilzeintopf, der zu seinem Lieblingsklub FC Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen auch bloggt. Anfang Juni twitterte er ein Foto eines vermeintlich offiziellen Schalke-Tweets:

Und heute dann:

Mit ordentlich funktionierenden Augen und zweieinhalb Sekunden Hinschauen kann man sehen, dass mit der Kaderliste was nicht stimmt. Da wäre zum Beispiel die völlig andere Schriftgröße und Schriftfarbe bei Bastian Schweinsteiger. Oder der merkwürdige weiße Balken hinter Schweinsteigers Namen und seinem Geburtsdatum. Oder dass Schalke 04 Mittelfeldspieler Schweinsteiger in der Abwehr eingeordnet haben soll.

Um herauszufinden, dass es sich um eine billige Fälschung handelt, hätte man auch auf die Schalke-Website gehen, dort die richtige Kaderliste aufrufen und herausfinden können, dass die Nummer 28 bereits an den Nachwuchsspieler Joshua Bitter vergeben ist:

All das war Bild.de aber offensichtlich zu umständlich.

Bei dem Foto des angeblich offiziellen Schalke-Tweets aus dem Juni ist die Sache schon etwas kniffliger, die Fälschung deutlich besser. @Pilzeintopf bestätigte uns allerdings auf Nachfrage, dass es sich ebenfalls um einen Fake handelt und der FC Schalke 04 nie über seinen offiziellen Twitter-Account einen Wechsel von Bastian Schweinsteiger vermeldet hat.

Die mit Fake-Tweets gefüllte „Schweini“-Gerüchteküche von Bild.de ist übrigens ein „Bild-plus“-Artikel. Da zahlt man doch gerne.

Mit Dank an @Pilzeintopf und @TypischerTyp für die Hinweise!

Bild.de macht den Deutschen Angst

Der „GfK Verein“, eine „Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marktforschung“, hat am Dienstag eine neue Studie veröffentlicht. In der „Challenges of Nations 2016“ geht es um „die dringendsten Aufgaben“, die die Befragten in ihrem jeweiligen Land sehen. 27.675 Interviews hat der „GfK Verein“ dafür in 24 Nationen geführt, 2104 davon auch in Deutschland. Das zentrale Ergebnis laut Pressemitteilung:

Das Thema Zuwanderung bewegt die Deutschen wie kein anderes: Etwa vier von fünf Bundesbürgern (83 Prozent) halten Zuwanderung und Integration für eine der am dringendsten zu lösenden Aufgaben im Land.

Bild.de macht daraus:

Wumms! Das passt für das Portal bestens zu den Attentaten der vergangenen Tage:

Zwei Terroranschläge (Würzburg, Ansbach), ein Amoklauf (München) und eine Beziehungstat (Reutlingen) — Deutschland hat in der vergangenen Woche Gewalttaten erlebt, die vor allem eine Folge haben: Sie verunsichern die Bevölkerung.

Dass alle Taten von Männern mit Migrationshintergrund begangen wurden, sorgt zusätzlich für Spannung. Die Studie „Challenges of Nations 2016“ vom GfK-Verein fragt daher: Was bereitet den Deutschen am meisten Kummer?

Wir haben uns die Pressemitteilung des „GfK Vereins“ mal genauer angeschaut und per Telefon bei einer Sprecherin nachgefragt, ob die Umfrageergebnisse die Lesart von Bild.de zulassen.

Antwort: Nein.

Zwar schreibe auch der „GfK Verein“ von „Sorge“ und „Besorgnis“. Die Frage, die den Teilnehmern in der Studie gestellt wurde, sei aber ohne Wertung versehen gewesen — „Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in [jeweiliges Land] zu lösen sind?“ Man habe nicht nach Angst oder Kummer oder Sorgen oder Besorgnis gefragt.

Und auch die Verknüpfung mit den jüngsten Attentaten, die Bild.de herstellt, ist völliger Quatsch. Denn die Befragung fand im Frühjahr dieses Jahres statt, für Deutschland im März. Ohne seherische Fähigkeiten konnten die Teilnehmer nichts von den Vorfällen in Würzburg, Ansbach, München oder Reutlingen wissen. Die Sprecherin sagte uns, dass der „GfK Verein“ die Studie jedes Jahr unabhängig von irgendwelchen Ereignissen durchführe.

Das alles haben die meisten Medien auch verstanden. Der „Tagesspiegel“ schreibt von der „größten Herausforderung“, der „Bayerische Rundfunk“ von einem „wichtigen Thema“, und bei „Spiegel Online“ ist die Zuwanderung die „dringendste Aufgabe“.

Stern.de und die „Südwest Presse“ haben das Wort „Besorgnis“ vom „GfK Verein“ übernommen.

Aber nur Bild.de findet in den Ergebnissen der Studie eine Angst der Deutschen.

Mit Dank an @Pertsch für den Hinweis!

Das Attentat von München und die Medien

Zur Berichterstattung über das Attentat in München am vergangenen Freitag und all ihren Schwächen starteten noch am selben Abend viele Diskussionen. Sie drehten sich um grundsätzliche Fragen: Sollten Redaktionen besser erstmal abwarten, wie sich das Geschehen entwickelt, oder direkt live auf Sendung gehen? Tragen TV-Sender durch die Verbreitung von Gerüchten zu sehr zur Panik bei? Ist ein öffentlich-rechtlicher Newskanal nötig, der rund um die Uhr Nachrichten sendet und in Ausnahmesituationen schneller reagieren kann (übrigens eine Diskussion, die es schon länger gibt)?

In diesem Blogpost soll es um verschiedene Beobachtungen und ganz konkrete Beispiele gehen, in denen sich Medien unserer Meinung nach problematisch verhalten haben oder gar falsch berichtet wurde.

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Am vergangenen Freitag um 18:24 Uhr, also noch elf Minuten, bevor die Polizei München bei Twitter zum ersten Mal vor der Situation am Olympia-Einkaufszentrum warnte und darum bat, den Bereich ums OEZ zu meiden, twitterte „BR24“, das Online- und App-Team des „Bayerischen Rundfunks“:


(Den Tweet hat die Redaktion recht schnell wieder gelöscht.)

Wie hätten die nächsten Anfragen ausgehen, wenn sich jemand bei „B24“ gemeldet hätte? Vielleicht: „Könntest Du mal im Einkaufszentrum nachschauen, wie es da so aussieht und für uns mit dem Handy draufhalten?“?

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Als dann die ersten Kamera-Teams und Live-Reporter am Einkaufszentrum angekommen waren, standen sie teilweise gefährlich nah am Tatort und/oder den Truppen der Polizei im Weg:

Bei RTL konnte man sogar live mitverfolgen, wie Fotografen von den Beamten weggeschickt werden mussten:

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Positiv aufgefallen ist uns am Freitagabend, dass viele Medien ohne das Zeigen von verletzten oder getöteten Menschen auskamen. Möglicherweise lag die Zurückhaltung schlicht daran, dass den Redaktionen nicht viele Fotos oder Videoaufnahmen von Opfern zur Verfügung standen. Aber es gab sie. Und Bild.de wollte nicht auf das Zeigen von Blutlachen und Toten verzichten:


(Zusätzliche Unkenntlichmachungen durch uns.)

Die Redaktion fand das Foto so zeigenswert, dass sie es in den folgenden Stunden und Tagen gleich mehrfach verwendete:




Und auch „Bild“ druckte den Mann ab, der durch einen Kopfschuss getötet wurde:

Immerhin: Bild.de und „Bild“ haben mindestens das Gesicht, teilweise auch den kompletten Oberkörper des Mannes verpixelt. Und dennoch ist das Zeigen dieses Fotos, ob verpixelt oder nicht, problematisch — allein schon wegen der Uhrzeit der Veröffentlichung.

Erstmals ist uns das Foto um 20:42 Uhr bei Bild.de begegnet, ganz oben auf der Seite. Gut möglich, dass es da schon einige Minuten online war. Es handelt sich also um einen Zeitpunkt, zu dem die Identifizierung des Opfers aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht abgeschlossen war, und somit auch die Angehörigen noch nicht informiert gewesen sein dürften. Sollten diese (wohl wissend, dass ihr Vater/Sohn/Ehemann rund ums Olympia-Einkaufszentrum unterwegs war) auf der Suche nach Informationen zum Attentat auch bei Bild.de vorbeigeschaut haben, könnten sie beim Aufrufen der Website zumindest stark verunsichert worden sein. Denn das auffällige rote Oberteil des Mannes dürften sie wiedererkannt haben.

Dass dieses Szenario nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, zeigt diese Passage aus einem „Focus Online“-Text zum Attentat in München:

Zu Hause wartete schon ihre kleine Schwester. „Sie lag weinend auf dem Sofa.“ Jetzt wird Cahuans H. klar: Nicht alle Bekannten sind in Sicherheit. Sie erfährt: Der Bruder einer Freundin wurde erschossen. Auf einigen Fotos von Augenzeugen sieht man den Jungen, er trägt einen roten Pullover. Cahuans H. berichtet von Handyanrufen, in denen die Schwester des Erschossenen ins Telefon schreit. „Er ist tot, ich habe sein Handy, er ist tot!“

Und auch der Vater des Täters hat seinen Sohn kurz nach den ersten Schüssen anhand eines wackeligen Handyvideos, das im Internet kursierte, erkannt und sich bei der Polizei gemeldet.

Völlig allein waren „Bild“ und Bild.de übrigens nicht — bei „N24“ sollen ebenfalls Opfer zu sehen gewesen sein:

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Neben all diesen hässlichen Vorgängen gab es am Freitagabend und in den vergangenen Tagen auch großes Lob: für das Social-Media-Team der Polizei München. Die Beamten twitterten in der Nacht von Freitag auf Samstag sachlich, aber sehr bestimmt, sie warnten in verschiedenen Sprachen, baten um Mithilfe bei der Aufklärung der Tat und um Zurückhaltung beim Streuen von Gerüchten.

Julian Röpcke, „Political editor“ von „Bild“ und Bild.de, gefiel das, was die Polizei München bei Twitter veranstaltete, hingegen gar nicht:

Röpckes Kritik bezog sich auf diesen Tweet der Polizei:

Wenn also eine offizielle Stelle in einer unübersichtlichen Situation darum bittet, vorsichtig zu sein, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob „in der City“ Gefahr besteht, macht das Julian Röpcke „*sprachlos*“.

Sein „Bild“-Kollege Björn Stritzel, mit dem Röpcke am Freitagabend zusammen an einem Text zum Attentat arbeitete, verbreitete hingegen wirklich gefährliche Gerüchte:

Gerade einmal 70 Minuten später wurde aus dem möglichen „rightwing extremist“ ein möglicher Islamist:

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Das Gerücht, dass es sich bei dem Attentat um einen islamistischen Terroranschlag handeln könnte, schaffte es auch auf die Website der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“. In einem Kommentar schrieb „HNA“-Redakteur Jörg-Stephan Carl um 21:17 Uhr — als also noch nicht wahnsinnig viel über die Tat und ihre Hintergründe bekannt war:

Die Islamisten haben der ganzen Welt den Krieg erklärt. Der Fanatismus, der religiös angestachelte Allmachtswahn, die Mordlust der Dschihadisten machen vor niemandem halt. Deutschland hatte bisher weitgehend Glück, der große Anschlag war ausgeblieben. Das Glück ist aufgebraucht.

Es deutet alles darauf hin: Der islamistische Terror ist in Deutschlands Großstädten angekommen. […]

Sich gegen Terror wehren, bedeutet immer auch, ihn aushalten zu müssen. Bei allem Entsetzen, bei aller Wut auf die Täter, bei aller Trauer über die Opfer — es klingt schal nach den Ereignissen in München: Aber das normale — das freie — Leben muss weitergehen, der Islamismus darf nicht triumphieren.

Am Samstag, als klar war, dass die Tat keinen islamistischen Hintergrund hatte, veröffentlichte die „HNA“ den Kommentar um 8:42 Uhr noch einmal. Die Redaktion hatte den Text umgestellt und Textteile zum Islamismus gestrichen. Unter anderem findet man im Kommentar nun diese Passage:

Nach all dem durchlittenen Terror in den Metropolen Europas beschleicht einen sofort die bange Angst: Ist der islamistische Terror auch in einer deutschen Großstadt angekommen? Am Freitagabend wusste das noch niemand. Inzwischen geht die Polizei von einem jugendlichen Einzeltäter aus.

***

Am Samstag und Sonntag wurde die Berichterstattung, mit mehr Zeit für die Recherche, nicht zwingend besser. Die Redaktionen von Bild.de und „Bild am Sonntag“ haben sie zum Beispiel dafür genutzt, sich Fotos der Opfer zu besorgen:


(Diese und alle weiteren Unkenntlichmachungen durch uns.)

(„Bild am Sonntag“ hat die Fotos auf der Titelseite und noch ein weiteres Mal im Innern der Zeitung komplett ohne Verpixelung veröffentlicht, Bild.de mit einem sehr schmalen Balken über den Augen; inzwischen hat Bild.de die Gesichter einiger Opfer stärker verpixelt, andere zeigt die Seite wiederum ohne jegliche Verpixelung.)

Als Quelle gibt Bild.de bei den meisten Fotos „privat“ an. Was in der Regel so viel heißt wie: in den Sozialen Medien zusammengeklaubt. Persönlichkeitsrechte und der Respekt vor der Trauer der Angehörigen spielen bei der Jagd nach Fotos offenbar keine Rolle.

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Bei „Focus Online“ hat die Redaktion die Zeit ebenfalls genutzt und ziemlich genau recherchiert, wo die Familie des Attentäters wohnt. In einem Artikel beschreibt das Portal seinen Lesern die Lage der Wohnung in München sehr detailliert — den Straßennamen, ein Foto des Hauses, das Stockwerk, in dem sich die Wohnung befinden soll, dazu Informationen aus dem Leben der Eltern, den Beruf des Vaters. Wer die Familie irgendwann mal aufsuchen will, muss sich nur den „Focus Online“-Text schnappen (auf einen Link oder einen Screenshot der Überschrift verzichten wir bewusst).

***

Natürlich sammelten und veröffentlichten viele Medien auch jegliche Details, die sie zum Täter finden konnten. Der Psychologe Jens Hoffmann warnt schon seit Jahren und auch aktuell im Interview mit den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ genau davor:

Wie wären Trittbrettfahrer jetzt zu vermeiden?

Hoffmann: Durch sehr vorsichtige Berichterstattung. Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken. Ich fand es eine sehr gute Entscheidung, das Gesicht des Täters in dem Video zu verpixeln, das ihn beim Schießen zeigt.

Dennoch zeigen viele Onlineportale, viele Zeitungen, viele TV-Sender Fotos des Attentäters. Ein Großteil kürzt seinen Namen ab, aber nicht alle. Die massive Berichterstattung über seine Person macht ihn jedenfalls zum Star. Er bekommt für seiner Tat Aufmerksamkeit und Reichweite.

Besondere hilfreich sind dabei die „Bild“-Medien:





Bild.de veröffentlicht sogar Artikel, die sich wie Manuskripte von Actionfilmen lesen:

Er rennt durch die Nacht. In Panik. Überall Polizei. Es ist erst wenige Stunden her, da erschoss A[.] kaltblütig neun Menschen. In einer Seitenstraße bleibt er stehen. Und richtet die Waffe auf seinen Kopf…

Der Text geht in diesem Ton weiter. Viel stärker kann man eine schreckliche Tat nicht auf ein Podest heben.

Aber auch andere Blätter machen mit und packen das Foto des Täters auf ihre Titelseiten (immerhin beide mit einem schmalen Balken über den Augen):


Dass es auch anders geht, selbst im Boulevard, hat am Sonntag die „B.Z.“ gezeigt:

Mit großem Dank an alle Hinweisgeber!

Das besondere „Bild“-Mitgefühl

Was mag in Eltern und Freundin des Todes-Piloten vorgehen? Sind sie mit der Tat des Sohnes nicht gestraft genug?

Gemeint sind in diesen zwei Fragen die Eltern und die frühere Freundin von Andreas L., dem Co-Piloten des Germanwings-Flugs 4U9525. L. hatte im März vergangenen Jahres ein Flugzeug in die französischen Alpen gelenkt, wodurch er und 149 weitere Menschen ums Leben kamen. Die oben zitierte Passage stammt aus einem Artikel, den „Bild“ und Bild.de am Dienstag veröffentlichten:



(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Der Mann, der Anzeige gegen die Eltern von Andreas L. erstattet hat, hat bei dem Unglück vor 16 Monaten seine Tochter und sein Enkelkind verloren. Der Lebensgefährte seiner Tochter ist ebenfalls gestorben. Die „Bild“-Medien schreiben dazu:

Der schwere Vorwurf des Düsseldorfer Unternehmers: Die Eltern [von L.] hätten sich mitschuldig gemacht. […]

Konkret geht es um die zahlreichen Arztbesuche des kranken L[.]. Eltern und Freundin hätten davon gewusst und den späteren Amok-Piloten zu den Medizinern begleitet, ihn jedoch nicht davon abgehalten zu fliegen, so die Anzeige. […]

Sein juristischer Beistand, Klaus Brodbeck, zu BILD: „Die Anzeige ist für uns die einzige Möglichkeit, dass in diese Richtung ermittelt wird.“ Für ihn komme der Straftatbestand der Beihilfe zur fahrlässigen Tötung in 149 Fällen in Frage.

Und nun fragt das Dreierautorenteam von „Bild“ also mitfühlend, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon genug gestraft seien.

Dass „Bild“-Mitarbeiter sich ums Wohlbefinden von Angehörigen von Tätern sorgen, ist, gelinde gesagt, überraschend. Gerade im Fall von Andreas L. Denn die „Bild“-Medien hatten wenige Tage nach der Tat von L. kein Problem damit, auch seine Eltern in den Fokus der Berichterstattung zu zerren:

Autor Tim Sönder nannte in dem Artikel die Berufe der beiden Eltern und ließ einen „Trauma-Experten“ eine Ferndiagnose über sie anstellen.

Nur wenige Tage später ging es in einem weiteren Artikel noch einmal um das Ehepaar L.:

Erneut wurden die Berufe genannt, dieses Mal von „Bild“-Mitarbeiter Philipp Blanke. Er ließ den „Trauma-Experten“ ebenfalls zu Wort kommen. Und bei seiner Recherche hat er offenbar auch im Umfeld der Familie rumgeschnüffelt — eine Nachbarin der Großeltern von L. erzählt in dem Text nämlich über die Kindheit des Piloten.

Nun kann man Andreas L. aufgrund seiner Tat als Person der Zeitgeschichte sehen. Doch seine Eltern sind kein Teil dieser Tat, dieses zeitgeschichtlichen Ereignisses. Sie haben das Recht auf Privatsphäre.

Davon unabhängig sollte man ihnen auch ein Recht auf Trauer zugestehen. Neben dem Verlust ihres Sohnes müssen sie auch verarbeiten, dass dieser für den Tod vieler weiterer Menschen verantwortlich ist. Doch wie soll das funktionieren, wenn die „Bild“-Medien jede Kleinigkeit nutzen, um über ihren Sohn zu berichten? Zum Beispiel wenn sich ein früherer Bekannter im Fernsehen über ihn äußert …

… oder wenn die „Tagesschau“ zum Jahrestag des Unglücks sein Gesicht nur verpixelt zeigt …

… oder wenn „Bild“ einen Mann findet, der genauso heißt wie ihr Sohn:

Sie müssen mit ansehen, dass Bild.de Fotos vom Grab ihres Sohnes veröffentlicht. Und dass Bild.de aus angeblichen privaten E-Mails ihres Sohnes zitiert:

Und dass Bild.de, gerade erst vor zwei Wochen, Fotos aus Ermittlungsakten veröffentlicht, die die private Wohnung von L. …




… und auch sein Kinderzimmers im Haus der Eltern zeigen:

Autor des Artikels ist Mike Passmann. Passmann ist es auch, der am Dienstag mit seinen zwei Kollegen fragte, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon gestraft genug seien.

Genies unter sich

Kaum zu glauben, aber wahr:

Hein-Georg wird heut‘ siebzig J …

Ach nee, doch nicht:

Kaum zu glauben, aber wahr: In diesem Bild sind mehr als nur drei Gesichter zu erkennen!

„Dieses Bild“ ist das hier, das die Leute von Bild.de, wie sie schreiben, auf einem Instagram-Account namens „brainteaserss“ gefunden haben, auf dem vor einiger Zeit immerhin zehn verschiedene Rätselbilder gepostet wurden und der seit rund zweieinhalb Jahren inaktiv ist:

Von „brainteaserss“ (bzw. von irgendeiner, bis zu 15 Jahre alten, anderen Internet-Quelle) hat Bild.de auch die Auswertung des Rätsels übernommen:

Wenn du …

  • … sechs findest, hast du eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.
  • … sieben findest, hast du eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe.
  • … acht findest, bist du ein sehr aufmerksamer Mensch, Glückwunsch!
  • … neun findest, bist du extrem aufmerksam, sehr intuitiv und kreativ.

Oder, wie Bild.de es dann in eigenen Worten in der Überschrift formuliert:

(Um herauszufinden, warum Bild.de die Leser in dem Artikel eigentlich duzt, muss man vermutlich zwölf Personen auf dem Bild finden.)

Nun wird es aber etwas schwierig, die gesuchten neun Personen tatsächlich zu finden, denn das Gemälde („The General’s Family“ von Octavio Ocampo) ist bei „brainteaserss“ — wie an vielen anderen Stellen im Internet — am linken Rand ein bisschen zu weit beschnitten.

Es fehlt diese zweite, äußere Säule, die eigentlich nicht fehlen darf, wenn man die neun Personen finden will. Denn die Säule formt auch noch eine Gesichtssilhouette:

Das ist den Leuten bei Bild.de aber egal, die haben einfach ganz woanders noch ein Gesicht gefunden (hier mit der roten 8 „hervorgehoben“):

Für alle, die an der richtigen Lösung des Rätsels interessiert sind — die gibt es hier.

Mit Dank an Stefan W.

Die bigotten Hüter des Urheberrechts

Gestern konnte man bei Bild.de richtig was lernen — ohne Witz. Vor allem die Mitarbeiter des Portals selbst dürften durch diesen Artikel eine Menge Neues erfahren haben:

Denn die Fragen, die die Redaktion erst stellt und dann mit Hilfe eines Beitrags aus der Zeitschrift „Finanztest“ beantwortet, haben sich die Leute bei Bild.de unserer Meinung nach bisher viel zu selten durch den Kopf gehen lassen:

Doch darf man andere Personen einfach fotografieren? […] Wer darf fotografiert werden und wer nicht? Was darf ich veröffentlichen? Wann brauche ich das Einverständnis der Abgelichteten?

Also: Zettel und Stifte raus und mitschreiben, liebe Bild.de-Mitarbeiter — in nur zwei Schritten zum rechtschaffenen Boulevardredakteur.

Lektion 1: das Recht am eigenen Bild.

Jeder darf selbst bestimmen, ob er fotografiert oder gefilmt werden möchte oder nicht

Und wie sieht’s mit dem Veröffentlichen von Fotos aus?

Jeder Mensch hat das Recht zu entscheiden, ob ein Bild von ihm veröffentlicht wird. […] Gesetzlich gewährleistet ist letztlich das Recht des Menschen auf Anonymität.

Und Fotos von Kindern — muss ich da was Besonderes bei der Veröffentlichung beachten?

Nur mit Einwilligung der Eltern! Darüber hinaus muss auch das minderjährige Kind gefragt werden — sofern es in der Lage ist, die Bedeutung und Tragweite seiner Einwilligung zu überblicken.

Alles klar.

Weiter zu Lektion 2: das Urheberrecht.

Prinzipiell gilt: Wer das Foto knipst, ist auch der Urheber des Fotos. […] Er muss immer im Zusammenhang mit seinem Foto genannt werden.

Und was passiert, wenn das — mal rein theoretisch — ein Boulevardblatt missachtet?

Ohne Einverständnis des Urhebers darf ein Foto nicht veröffentlicht werden, sonst drohen empfindliche Geldstrafen.

Aber gilt das auch für dieses Internet?

Selbstverständlich gilt das Urheberrecht auch fürs Internet. […] Eine Veröffentlichung des Fotos liegt bereits vor, wenn es im Internet verwendet wird, denn dort wird es wieder anderen Nutzern zugänglich gemacht.

So einfach ist das, alte Rechtsmissachter von Bild.de. Und jetzt könnt ihr euer neues Wissen anwenden, indem ihr euch eure Kollegen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ schnappt und mal euer gesamtes Archiv nach Verletzungen der oben aufgeführten Grundsätze durchsucht. Die gibt es nämlich massenweise.

Zum Start könntet ihr euch beispielsweise hiermit beschäftigen …

… oder hiermit

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… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder mit all den anderen Fällen, in denen ihr auf Facebook-Profilen von Privatleuten gewildert, deren Fotos geklaut und ohne Nachfrage veröffentlicht habt; in denen euch das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild und das Urheberrecht völlig Wurscht waren.

Wie „Bild“ mit „Sex-Mob-Alarm“ Vorlagen für rechte Hetzer liefert

Die Geschichte, um die es hier geht, ist zwar bereits zwei Wochen alt. Da sie aber einmal mehr zeigt, wie „Bild“ und Bild.de mit unsauberen Recherchen Rechtspopulisten und Internethetzern Vorlagen liefern, wollen wir sie dennoch aufgreifen.

Am 3. beziehungsweise 4. Juli erschienen diese Artikel bei Bild.de (hinter einer Paywall) und „Bild“:


Die Düsseldorf-Ausgabe hatte die Geschichte sogar auf der Titelseite angeteasert:

Das „Geheimpapier“ ist eine internes Dokument der Düsseldorfer Polizei. Darin geht es vor allem um Verhaltensregeln für Polizeibeamte, die bei künftigen Sexualdelikten die Beweisaufnahme verbessern und spätere Identifizierungen ermöglichen sollen: Telefonnummern der Beschuldigten sollen aufgenommen werden, genauso tatsächliche Aufenthaltsorte und die Beschreibung der getragenen Kleidung oder körperlicher Merkmale. Außerdem sollen, wenn möglich, Fotos von den Verdächtigen gemacht werden.

In dem Dokument stehen neben diesen Handlungsanweisungen für Polizisten aber auch einige Sätze zu Art und Anzahl von sexuellen Übergriffen. Und auf die stürzten sich die „Bild“-Medien:

Laut eines Geheimpapiers gibt es immer mehr sexuelle Übergriffe in Badeanstalten, bei denen gleich mehrere Täter ihr Opfer bedrängen, begrapschen und missbrauchen.

In einer internen Mail an ihre Kollegen schreiben die Beamten vom Kriminalkommissariat 12, zuständig für Sexualdelikte und Vermisstenfälle: „Das KK 12 stellte dar, dass die Sexualstraftaten einen enormen Anstieg verzeichnen. Insbesondere die Tatbestände Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern in den Badeanstalten schlagen hier ins Gewicht.“ Die Täter seien „zum größten Teil Zuwanderer“.

Klar, über solche Missstände muss berichtet werden.

Wäre nur gut, wenn man auch konkrete Zahlen hätte, die den „enormen Anstieg“ bestätigen. Und die liefern „Bild“ und Bild.de vorerst nicht.

Dennoch sprangen andere Medien auf die „Bild“-Schlagzeile auf. Welt.de zum Beispiel:

Oder die „Huffington Post“:

Selbst in Großbritannien wurde berichtet, vom Knallblatt „Daily Mail“:

Besonders heftig hat der „Bayernkurier“, das Polterorgan der CSU, das Thema aufgegriffen:

Redakteur Wolfram Göll schreibt:

Ein Problem, von Medien, Verantwortlichen und manchen Behörden lange verharmlost und von linken Politikern mit einem Sprechverbot belegt: moslemische Zuwanderer, meist aus Afghanistan, Pakistan, Marokko, aber auch Syrien, dem Irak und anderen moslemischen Ländern, stellen in deutschen Schwimmbädern Jugendlichen nach, oft minderjährigen Mädchen, aber auch Buben, um sie sexuell zu missbrauchen.

In vielen Schwimmbädern wurden mittlerweile verschärfte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, aber manche sprechen immer noch von Einzelfällen. Wie viele „Einzelfälle“ sexuellen Missbrauchs braucht es, damit die Politik reagiert?

Es gab allerdings auch Medien, die nicht blind der Geschichte von „Bild“ und Bild.de gefolgt sind, sondern recherchiert haben, allen voran die „Rheinische Post“. Die Redaktionen haben bei der Polizei nachgefragt, bei der „Deutschen Gesellschaft für Badewesen“, bei örtlichen Schwimmbadbetreibern.

Die Ergebnisse für Düsseldorf in Bezug auf sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe:

2014: sieben Anzeigen
2015: 17 Anzeigen
2016: bis Anfang Juli acht Anzeigen

Das soll der „enorme Anstieg“ sein, den „Bild“ und Bild.de in die Welt gesetzt und aufgrund dessen sie den „Sex-Mob-Alarm“ ausgerufen haben.

Wohlgemerkt: Hierbei geht es erstmal nur um Anzeigen, nicht um Verurteilungen. Und: Die Taten, die als Sexualdelikte angezeigt werden können, sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von penetrantem Beobachten und Fotografieren in der Umkleidekabine übers Grapschen bis zu Vergewaltigungen. Nichts davon ist zu verharmlosen und jeder Vorfall muss verfolgt werden, aber es besteht eben doch einen Unterschied in der Schwere der Tat. Und: Diese Zahlen sagen noch nichts darüber aus, ob sich die Anzeigen „zum größten Teil“ gegen Zuwanderer richten. In ganz Nordrhein-Westfalen, auch das hat die „Rheinische Post“ recherchiert, gab es im laufenden Jahr 103 Anzeigen wegen Sexualdelikten, davon 44, bei denen die Beschuldigten Zuwanderer waren.

Die „Berliner Zeitung“ hat bei Polizeistellen in ganz Deutschland nachgefragt. Von „einem massiven Anstieg sexueller Übergriffe in Schwimmbädern“ könne in keinem Bundesland die Rede sein. Selbst Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und Urheber der These „Mehr Verkehrstote durch Flüchtlingskrise“, versucht im Artikel zu deeskalieren: „‚Wir sprechen hier nicht von einem Massenphänomen.'“

Wie kommen „Bild“ und Bild.de dann auf die Bedrohung des deutschen Badevergnügens?

Ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei erklärte noch am Montag, dem Erscheinungstag der „Bild“-Geschichte zum „Geheimpapier“, gegenüber dem WDR:

„Die Übergriffe in der Silvesternacht haben die Statistik nach oben getrieben, denn das Papier bezog sich auf die Gesamtzahl von Sexualdelikten.“

Und eben nicht nur auf Vorfälle in Schwimmbädern. Die etwas unklare Formulierung in dem Polizeidokument hatte die „Bild“-Redaktion anscheinend falsch interpretiert.

Wir haben ebenfalls bei der Polizei Düsseldorf nachgefragt: Warum hat man nicht auch schon „Bild“ die Fallzahlen mitgeteilt? Das hätte schließlich die alarmistische Überschrift verhindern können. Eine Sprecherin sagte uns, dass die „Bild“-Anfrage am Sonntag reingekommen sei. Da sei man nicht in der Lage, entsprechende Zahlen zu recherchieren. Am Montag sei das dann kein Problem gewesen. So lange wollten die „Bild“-Medien aber offenbar nicht warten.

Als die Zahlen dann am Montag bekannt wurden, veröffentlichten sie auch Bild.de und die Düsseldorf-Ausgabe von „Bild“:


Gut, dass „Bild“ und Bild.de einen klärenden Artikel nachgeliefert haben.

Blöd, dass der „Sex-Mob“-Ursprungsartikel da schon fest im Gedankengut rechter Dumpfbacken verankert war:






Mit Dank an Martin und Boris R.!

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