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Fünf Jahre alter Steuersünder-Pranger in der Schweiz entdeckt

Eine Nachricht aus der Schweiz versetzt die deutsche Medienlandschaft seit Sonntag in Aufruhr:

Die „Tagesschau“ hat gestern über die Sache berichtet die „Tagesthemen“ auch, ebenso „ZDF heute“, das „heute Journal“, „RTL aktuell“, die dpa, „Spiegel Online“, Bild.de, die „Huffington Post“, „Focus Online“, FAZ.net, Web.de, News.de, „RP Online“, die Online-Auftritte von „Stern“, „Handelsblatt“, n-tv, N24, Deutschlandfunk, „Berliner Morgenpost“, „Welt“ und so ziemlich jedes andere Medium in Deutschland.

Fast alle von ihnen berufen sich auf die Schweizer „Sonntagszeitung“ und behaupten, dass die Schweizer Steuerverwaltung „jetzt“ damit „begonnen“ habe,

die Namen möglicher deutscher und anderer ausländischer Steuerbetrüger im Internet zu veröffentlichen.

Bloß: Das stimmt gar nicht. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) veröffentlicht solche Namen nicht erst seit Neuestem und schon gar nicht „erstmals“ (Bild.de), sondern bereits seit fünf Jahren — für jedermann zugänglich im Internet.

Ein Beispiel: So klingen die Mitteilungen, die vor ein paar Tagen vom ESTV veröffentlicht wurden und über die jetzt alle schreiben:

Um die Geltendmachung des rechtlichen Gehörs zu ermöglichen, fordert die ESTV [Vorname Nachname], geboren am [Geburtsdatum], spanischer Staatsangehöriger, auf, ihr innerhalb von zehn Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zur Zustellung bevollmächtigte Person in der Schweiz zu bezeichnen beziehungsweise eine aktuelle Adresse in der Schweiz mitzuteilen.

Ein Blick ins Bundesblatt-Archiv zeigt jedoch, dass es ähnliche Mitteilungen schon lange gibt, zum Beispiel die folgende, fast wortgleiche Meldung vom Juni 2013 (damals sogar noch mit Adresse):

[…] hat die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) in [Vorname Nachname], geb. [Geburtsdatum], letzte bekannte Adresse: [Adresse], Spanien, am 4. Juni 2013 die folgende Mitteilung erlassen:
– [Vorname Nachname] wird hiermit durch die ESTV aufgefordert, innert 10 Tagen ab Publikation der vorliegenden Mitteilung eine zustellungsbevollmächtigte Person, einen Vertreter oder eine Vertreterin in der Schweiz zu bezeichnen.

So verfährt die ESTV schon seit mindestens 2010. In ihrem Archiv finden sich etliche solcher Mitteilungen samt Klarnamen, Geburtsdaten, Staatsangehörigkeiten und Adressen.

Was also ist jetzt das Neue an der Geschichte? Nichts.

Aus unserer Sicht ist da gar nichts neu

teilte uns auch ESTV-Sprecher Patrick Teuscher auf Nachfrage mit. Geändert habe sich an der Praxis nichts.

Der einzige Unterschied zu früher sei, dass inzwischen deutlich mehr Amtshilfegesuche gestellt werden: 2014 erreichten das ESTV insgesamt über 2700 Anfragen von ausländischen Behörden, in den Jahren davor waren es jeweils nur halb so viele. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Namen der Betroffenen auch früher schon im Internet veröffentlicht wurden. Im Übrigen sei es auch nicht korrekt, die Betroffenen gleich als „Steuersünder“ zu bezeichnen. Dass ihre Namen dort auftauchen, heiße erstmal nur, dass es steuerliche Unklarheiten gibt.

Eine (oder: die einzige) mögliche Erklärung dafür, warum die deutschen Medien jetzt plötzlich über die Namensveröffentlichung berichten, ist das geschickte Händchen von Arthur Rutishauser, dem Chefredakteur der Schweizer Sonntagszeitung. Der hatte die Story (geschrieben von ihm persönlich) am Sonntag auf der Titelseite gebracht …

… und so getan, es handele sich um eine Neuigkeit:

Jetzt veröffentlicht die Behörde die Namen von Betroffenen im Bundesblatt, das im Internet für jedermann zugänglich ist.

Mit ihrem Vorgehen brechen die Behörden beim Bankgeheimnis ein weiteres Tabu, denn jetzt ist nicht nur für den ausländischen Fiskus einsehbar, wer ein Problem mit den Steuerbehörden hat, sondern für alle.

Einst wurden Bankkundennamen gehütet wie Staatsgeheimnisse, bis heute steht ihre Weitergabe unter Strafe. Doch neuerdings stellt sie die eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) zu Dutzenden ins Netz.

(Hervorhebung von uns.)

Praktischerweise lieferte Rutishauser (der ab Frühjahr übrigens auch die Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ übernehmen wird) den deutschen Medien auch gleich einen deutschen Aufhänger …

…, den die Journalisten natürlich dankbar aufgriffen. Und immer schön mit Verweis auf die vermeintlichen Enthüller der „Sonntagszeitung“.

So tingelt die Geschichte seit Tagen ungeprüft durch nahezu alle deutsche Medien. Dabei hätten die Journalisten durch einen kurzen Anruf bei der Steuerverwaltung oder einen Blick ins Bundesblatt-Archiv ganz einfach selbst herausfinden können, dass die Neuigkeit eigentlich gar keine ist.

Mit Dank an Matthias M.!

Fluchtfantasien

Was ist das Schlimmste, was ein Fußballer nach seinem letzten Spiel für einen Verein machen kann? Zum Beispiel sich wutentbrannt sein Trikot runterreißen und schnurstracks im Kabinentrakt verschwinden, ohne sich von den Fans zu verabschieden.

Und was das Sympathischste? Vielleicht noch schnell sein Trikot einem Fan mit Behinderung schenken, bevor er ordnungsgemäß und direkt zur vom Verband angeordneten Dopingkontrolle geht.

Na, und wie haben „Bild“ und Bild.de wohl dieses Foto interpretiert?

Genau:

Der Hintergrund: Am vorletzten Spieltag der 2. Fußballbundesliga bekam Fortuna Düsseldorfs Stürmer Charlison Benschop seine fünfte Gelbe Karte der laufenden Spielzeit. Er ist damit für die letzte Partie der Saison am kommenden Sonntag gesperrt. Gut möglich, dass Benschop nie wieder für Fortuna Düsseldorf aufläuft: Es gibt Gerüchte, dass er bald den Verein wechselt.

Diese Gemengelage nutzt „Bild“ für eine kleine Skandalgeschichte:

Direkt nach Abpfiff stürmt Benschop vom Platz, reißt sich sauer das Trikot vom Körper und verschwindet zur Doping-Probe — ohne sich wie der Rest des Teams von den mitgereisten Anhängern zu verabschieden.

Charlison Benschop wollte das so nicht stehen lassen:

Aber auch ohne Benschops Erklärung stünde die „Bild“-Interpretation auf wackeligen Beinen. Man sollte bei Sportreportern schließlich das Wissen voraussetzen können, dass Fußballprofis vor einer Dopingprobe nicht noch lange Fans umarmen und alte Wegbegleiter herzen können. In den „Anti-Doping-Richtlinien“ des DFB steht dazu (PDF):

Jeder betroffene Verein ist dafür verantwortlich, dass seine zur Kontrolle bestimmten Spieler den Chaperons bzw. dem Doping-Kontrollarzt und/ oder seinem Helfer nach Spielende direkt vom Spielfeld zum Raum für die Doping-Kontrolle folgen.

Mit Dank an Andreas S.!

Dauerfeuer der Halbwahrheiten

Seit Mitte vergangener Woche zieht eine neue Horrorstory aus Nordkorea ihre Kreise durch die westliche Medienwelt. Bild.de fasst sie so zusammen:

Schon wieder eine brutale Hinrichtung in Nordkorea.

Verteidigungsminister Hyon Yong Chol ist laut einem Agenturbericht abgesetzt und hingerichtet worden. (…)

Grund: Der Minister war (…) dabei ertappt worden, wie er bei offiziellen Militärveranstaltungen eindöste. Außerdem habe er Kim Widerworte gegeben.

Besonders brutal: Die Exekution wurde den Angaben zufolge mit Flakfeuer vollzogen.

Die Geschichte war am Mittwoch zuerst von der südkoreanischen Agentur Yonhap in die Welt gesetzt worden, die sich auf den südkoreanischen Geheimdienst NIS berief. Hierzulande wurde sie dann von den Agenturen AFP, AP, Reuters und dpa verbreitet.

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea so ist, übernahmen so ziemlich alle die Geschichte und ließen bis auf ein paar vereinzelte „offenbar“s und „soll“s kaum einen Zweifel an ihrem Wahrheitgehalt:




(Screenshots von „Focus Online“, Express.de, News.de, „T-Online“, Web.de, „RP Online“, den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“, „Zeit Online“, „Spiegel Online“, Heute.de, Stern.de, den Seiten der „Kölnischen Rundschau“, der „Wirtschaftswoche“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesschau“, des „SRF“, des „Tagesanzeigers“, der „Thüringischen Landeszeitung“, des „Deutschlandfunks“, des „Handelsblatts“, des „Tagesspiegels“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, des „Kuriers“, der „Aargauer Zeitung“, des „Südkuriers“, der „Sächsischen Zeitung“, der „FAZ“ und der „NZZ“. Auflistung sicherlich unvollständig.)

Und wie das mit Horrormeldungen aus Nordkorea ebenfalls so ist, stellte sich kurze Zeit später heraus: Stimmt (wahrscheinlich) doch nicht.

Am Tag nach Bekanntwerden der Story meldete die AFP:

Südkorea relativiert Angaben zu Exekution nordkoreanischen Ministers

Südkoreas Geheimdienst hat am Donnerstag zuvor kolportierte Angaben zur Absetzung und Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers Hyon Yong Chol relativiert. Hyon sei zwar entlassen worden, sagte ein Sprecher des Geheimdiensts NIS der Nachrichtenagentur AFP. Auch gebe es Geheimdienstberichte, denen zufolge er hingerichtet worden sein könnte. „Dies konnte aber noch nicht verifiziert werden“, sagte der Sprecher.

Also doch wieder nur ein unbestätigtes Konjunktivkonstrukt aus irgendeiner geheimen Quelle, das von den Medien fälschlicherweise als Tatsache dargestellt wird.

Nun wäre das nicht ganz so schlimm, wenn die Journalisten, die solche Geschichten rumposaunen, wenigstens auch bei der Richtigstellung so eifrig bei der Sache wären. Doch die Meldung vom Rückzieher des Geheimdienstes hat es nur in die wenigsten deutschen Medien geschafft (bisher haben wir ganze vier gezählt). Auch von den Agenturen, die die Story wie wild verbreitet hatten — allein die dpa hat sieben Texte dazu rausgehauen –, hat (bis auf die AFP) keine darüber berichtet, dass der Geheimdienst zurückgerudert ist.

Wahrscheinlich wird die Story nun also Teil des schaurig-bunten Nordkorea-Horror-Pools, aus dem sich die Medien alle paar Monate bedienen („So grausam richtet der Diktator seine Minister hin“), wenn das nächste Gerücht die Runde macht. Da hat die dpa anlässlich der Flak-Geschichte sogar die Nummer mit dem von Hunden zerfleischten Onkel wieder rausgefischt, die (wie die dpa an anderer Stelle selbst schreibt) in Wirklichkeit eine Satiremeldung war. Auch die von der vergifteten Tante wird aufgezählt, obwohl sie (wie die dpa an anderer Stelle ebenfalls selbst schreibt) vom südkoreanischen Geheimdienst als grundlos zurückgewiesen wurde.

Fakten und Fiktion werden gefährlich vermischt, aber es gibt sich auch kaum jemand die Mühe, das zu verhindern. Auch in der Flak-Sache hätten die Journalisten mit ein bisschen Recherchewillen schon früh stutzig werden können, denn es gab bereits kurz nach der Veröffentlichung konkrete Zweifel an der Geschichte. So berichteten unter anderem die „New York Times“ und der „Guardian“ schon am Mittwoch (also an dem Tag, als die Meldung aufkam) über Cheong Seong-chang vom südkoreanischen Sejong Institute, der die Authentizität des Berichts infrage stellte. Der Verteidigungsminister sei kürzlich noch im nordkoreanischen Fernsehen zu sehen gewesen — normalerweise würden abgesetzte und hingerichtete Offizielle aber sofort aus allen TV-Bildern entfernt. Außerdem sei sein Name am 30. April (seinem angeblichen Hinrichtungstag) in der Tageszeitung des Regimes veröffentlicht worden.

„Das bedeutet, er war bis zum 29. April nicht verhaftet,“ sagte [Cheong Seong-chan]. „Das bedeutet, er wurde am 30. April verhaftet und am selben Tag hingerichtet. Das ist schwer zu glauben, es sei denn, er hat etwas Ungewöhnliches versucht, zum Beispiel ein Attentat auf Kim Jong-un.“

Hierzulande hat sich nur Welt.de ausführlich mit diesem Kritikpunkt beschäftigt. Die AFP erwähnte die Zweifel des Analysten am Mittwoch immerhin am Rande und zitierte ihn mit den Worten, der Bericht sei „unüberlegt“; es handele sich um „wackelige, unbestätigte Geheimdienstberichte“.

Dieses Zitat steht auch beim „Guardian“. Da geht es allerdings noch weiter:

He added: “It needs to be verified, but is already being reported as fact by the media, which only adds to the confusion.”

In deutschen Medien sucht man diesen Satz vergeblich.

Mit Dank an Erik H.

„Bild“-Reporter lässt Heidi Klum schreiend aus der Halle rennen

Sie werden es mitbekommen haben: Gestern wurde das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ wegen einer Bombendrohung abgebrochen.

Für die „Bild“-Medien war Klatsch- und Quatschreporter Daniel Cremer vor Ort, der den ganzen Abend eifrig twitterte. Sein mit Abstand erfolgreichster Tweet war der hier:

Viele Medien übernahmen die Information oder bauten Cremers Tweet direkt in ihre Artikel ein:

Heidi Klum lief schreiend aus SAP Arena

(abendzeitung-muenchen.de)

Heidi Klum soll „schreiend“ aus der Halle gelaufen sein – noch bevor das Publikum diese verlassen durfte.

(tz.de)

„Schreiend“ soll Heidi Klum (41) die SAP-Arena in Mannheim nach der Bombendrohung verlassen haben.

(„InTouch“ online)

Heidi Klum (41) hätte allerdings angeblich „schreiend“ die Halle verlassen.

(promiflash.de)

Laut einem Bild-Reporter soll Heidi Klum die Halle schreiend verlassen haben.

(yahoo.com)

Die „Bild“-Zeitung selbst druckte die Info heute sogar auf die Titelseite. Über Nacht sind dann auch alle Restzweifel, die Anführungszeichen und das „soll“ verschwunden:

„Heidi Klum verließ mit Tochter Leni schreiend die Arena“.

Nunja. Pro7 teilte heute mit:

Das muss man den Leuten von Pro7 natürlich nicht glauben. Recht haben sie aber trotzdem, und lustigerweise kommt der Beleg dafür von „Bild“ selbst:

Auf dem Video ist zu sehen, wie Heidi Klum ganz ruhig ihre Tochter in Empfang nimmt und die Halle verlässt. Ohne ein einziges Mal zu schreien.

Diese Geschichte war auch nicht die einzige Meldung des „Bild“-Reporters, die heute dementiert wurde. Gestern Abend schrieb er:

Pro7 entgegnet heute:

Die Polizei hat inzwischen bestätigt, dass es keine Verletzten gab.

„Bild“-Mann Daniel Cremer war übrigens auch einer der ersten, die schon von einer Bombendrohung sprachen, während der Sender noch auf „technische Probleme“ verwies. Wie Sender-Sprecher Christoph Körfer später erklärte, wollte man so eine Panik verhindern:

(…) deswegen mussten wir auch zunächst von einem technischen Defekt sprechen, um eine Panik zu verhindern. Daran haben sich leider nicht alle Medien gehalten. [Manche] Medien haben relativ unreflektiert von einer Bombendrohung gesprochen und haben damit billigend in Kauf genommen, dass hier eine Panik in der Halle ausbricht.

„Bild“-Chef Kai Diekmann fällt zu all dem aber nur eins ein:

Mit Dank an Boris R., Benedikt S. und Johannes K.!

Volle Pulle vorbeigesteuert

Ein todsicherer Weg, den geneigten Bild.de-Leser so richtig auf die Palme zu bringen? Eine angeblich neue Steuer aufwerfen. Und wenn sich diese Steuer auch noch auf etwas Alltägliches bezieht — zum Beispiel aufs Biertrinken –, dann ist in der Kommentarspalte Jahrmarkt.

Da kann man dann wunderbar auf die Politiker schimpfen, die dem kleinen Mann nicht mal sein Feierabendbier lassen wollen …

… auf die EU, die alles totreguliert …

… auf die Griechen, weil’s die Griechen sind …

… und auf Hartz-IV-Empfänger, die doch eh alle ein Alkoholproblem haben:

Alles in allem ist der Bild.de-Mob ziemlich wütend:

Hintergrund für den Zorn ist eine OECD-Studie, nach der „politische Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch“ jedes Jahr mehr als 44.000 Leben in Deutschland retten könnten. Dazu gehören neben strengeren Regeln für Alkoholwerbung und vermehrte Alkoholkontrollen im Straßenverkehr auch „höhere Steuern auf alkoholische Getränke“.

Die Quintessenz laut Bild.de:

Nun hat jedoch kein einziger deutscher Politiker die Einführung einer Biersteuer gefordert, was vor allem daran liegen dürfte, dass es die schon seit Jahrhunderten gibt, samt Biersteuergesetz und Biersteuerverordnung. Also, liebe Bild.de-Leser, jetzt einmal ganz stark sein: Ihr zahlt schon heute jedes Mal, wenn Ihr Euch einen hinter die Binde kippt.

Mit Dank an Gerald H.!

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Böcken werfen

Menschenskinder, der Nachname des bisherigen Bremer Bürgermeisters, der gestern verkündete, er wolle nach dem schwachen Wahlergebnis künftig auf sein Amt verzichten, ist aber auch knifflig …

Wie schreibt sich der Bürgermeister von Bremen? Jens Boernsen, Börnsen oder Böhrnsen? Richtig ist der Name mit „ö“ und „h“. Seine eigene Partei, die SPD, sollte das wissen.

Oder mit etwas mehr Bild.de-Häme:

Aber nicht nur die SPD sollte es hinbekommen, Jens Böhrnsens Namen richtig zu schreiben, sondern auch Journalisten, die über Böhrnsen berichten wollen. Zum Beispiel die von Bild.de:

15. April 2009 (übernommen von dpa):

15. April 2009 (übernommen von dpa):

24. Juni 2009 (übernommen von dpa):

30. Juni 2010:

3. Juli 2010:

30. Juni 2011:

12. Juni 2013:

31. Januar 2014:

Einigkeit also bei Bild.de und SPD, wie man Jens Boernsen/Börnsen/Böhrnsen falsch schreibt. Einen Unterschied gibt es dann aber doch:

Wenig später ist auch dem SPD-Twitter-Team der Fehler aufgefallen. Sie haben sich umgehend für den Boernsen-Bock entschuldigt.

Auf sowas können wir bei Bild.de sicher lange warten.

In 80 Fehlern um die Welt

Rennfahrer Lewis Hamilton und seine Formel-1-Kollegen hatten die vergangenen Wochen frei, nach dem Großen Preis von Bahrain war erstmal Rennpause. Und die hat Hamilton ordentlich genutzt:

Genau genommen ging’s für ihn in Teilstücken und dann aufsummiert „einmal um die Welt“. Wie Bild.de auf Hamiltons 45.000-Kilometer-Trip kommt?

Die genaue Reiseroute kann man auf seinem Twitter-Account nachvollziehen. Hamilton postete von jeder Station mehrere Fotos.

Der Tourplan laut Bild.de: Bahrain — London — Mallorca — Monza — Los Angeles — Las Vegas — New York — Brackley — Barcelona.

Mal davon abgesehen, dass Bild.de vermutlich nicht auf Hamiltons Twitter-Account (wo bis heute Mittag nichts zu sehen war über Aufenthalte auf Mallorca und in Barcelona), sondern auf dessen Instagram-Account nachgeschaut, einen Zwischenstopp in Rom und einen in Monaco vergessen hat und auf keinem der Kanäle Fotos von Hamilton in Brackley zu finden sind, gibt es noch ein ganz anderes Problem:

Die Bild.de-Weltreisen-Rechnung haut also nur dann hin, wenn Hamiltons Pilot beim Flug von London nach Mallorca eine große Schleife über halb Europa gedreht hat und die Strecke Mallorca — Monza gleich mehrfach geflogen ist, bevor er zur Landung ansetzte.

Inzwischen haben sie auch bei Bild.de gemerkt, dass das alles nicht so ganz hinhaut — vielleicht haben die kritischen Leserkommentare unter dem Artikel dazu beigetragen. Text und Überschrift wurden jedenfalls klammheimlich geändert: Aus den 8775 Kilometern nach Mallorca sind 1347 geworden, die 9730 Kilomenter nach Monza sind jetzt nur noch 862. Und aus der 45.000-Kilometer-Weltreise wurde eine 27.606-Kilometer-Halbweltreise:

Nun hat Lewis Hamilton am 30. April — also zwischen seinem Aufenthalt in Kalifornien und dem Boxkampf, den er sich in Las Vegas angeschaut hat — allerdings dieses Foto bei Instagram gepostet:

At Silverstone today shooting some ads for our partners! #TeamLH #MercedesAMG #Blackberry #Epson #Petronas

Ein von Lewis Hamilton (@lewishamilton) gepostetes Foto am

Sollte er also tatsächlich die 8666 Kilometer von Los Angeles bis ins britische Silverstone und von dort wenig später wieder die 8318 Kilometer nach Las Vegas geflogen sein, wäre Lewis Hamilton in den vergangenen 14 Tagen 44.590 Kilometer geflogen. Also — wie Bild.de vor der Verschlimmbesserung behauptet hatte — einmal um die Welt.

Mit Dank an Bishop und Christian K.

Bild, Bild.de  etc.

Das „Bild“-Tagesmenü: Gerüchte aus eigenem Anbau

„Bild“ fragt heute:

Dieses Gerücht — Gündoğan (Dortmund) gegen Götze (Bayern) — mache derzeit die Runde, und weil dieser „Mega-Tausch“ „wirklich ein Hammer“ wäre, erschien online kurz darauf gleich der nächste Artikel:

Was Zorc dazu sagt („Ich kann mir das nicht vorstellen“), stand zwar schon im ersten Artikel, aber warum die Kuh nicht zweimal melken, wenn’s gerade so gut flutscht?

Jedenfalls: Eine Sache verschweigen „Bild“ und Bild.de in allen Artikeln konsequent, nämlich wer diese „wilden Gerüchte“ überhaupt in die Welt gesetzt hat. Nur soviel:

Beim „Sport1-Doppelpass“ sprachen die Experten über ein mögliches Tauschgeschäft zwischen dem BVB und Bayern.

Nun ja. Genauer gesagt wurde das Tauschgeschäft nur von einem ganz speziellen Experten in die Runde geworfen, und zwar von Walter M. Straten — dem Sport-Chef der „Bild“-Zeitung. Der war nämlich auch zu Gast bei „Doppelpass“ und sagte:

Wir müssten mal wissen, was Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke bei ihrem Vier-Augen-Gespräch im Käfer letzte Woche besprochen haben. Ich weiß nicht, ob Ihr da Wanzen versteckt hattet — wir hatten’s leider nicht –, deswegen können wir nur spekulieren. (…) Das war nicht das Vorstandsessen, wo mehrere Ohrenzeugen am Tisch saßen, sondern das waren nur die beiden. Da kann ich mir vorstellen, dass es a) um Gündogan ging… ich weiß es nicht, ich erzähl’ jetzt einfach mal: Vielleicht geht’s ja auch mit Tausch, Götze zurück… Gündogan…

(Gelächter in der Runde und im Publikum)

Moderator: Also das wird jetzt ‘ne gewaltige Kaffesatzleserei! Vielleicht sollten wir an dieser Stelle stoppen. (…)

Straten: Also es ist wirklich Spekulation. Aber es wäre ja nicht unlogisch, Götze und Pep Guardiola, das ist irgendwie auch nicht so die ganz große Liebe, und man hat das Gefühl, dass sich Mario Götze auch nicht so weiterentwickelt hat… ich weiß nicht, ob er noch ein Jahr bleiben will bei Bayern oder ob man wirklich darüber gesprochen hat.

Darauf basieren also die „wilden Gerüchte“, die unzähligen Artikel und die ganze Aufregung um Götze und Gündoğan: auf dem, was „Bild“-Mann Walter M. Straten nicht weiß.

Mit Dank an Andreas G.

Seemannsgarn über die einsame Seglerin

Liz Clark hat wahrlich ein traumhaftes Leben: Vor zehn Jahren bekam die Studentin eine Segelyacht geschenkt, seitdem schippert sie alleine über die Meere, macht hier und da einen Zwischenstopp unter Palmen, engagiert sich für den Umweltschutz und lässt es sich an den Stränden dieser Welt so richtig gutgehen.

Doch seit dem Wochenende ist es plötzlich vorbei mit der Idylle. Denn seit Sonntag widerfährt der armen Liz Clark etwas sehr, sehr Unparadiesisches: Sie bekommt Post von „Bild“-Lesern.

Bild.de hatte kurz zuvor nämlich (von der „Daily Mail“ ab-)geschrieben:

Zu zweit in den Sonnenuntergang segeln – was kann romantischer sein?

Das denkt sich auch Seglerin Liz Clark (34): Die US-Amerikanerin aus San Diego (Kalifornien) war zehn Jahre und 25 000 Seemeilen alleine auf den Weltmeeren unterwegs. Jetzt sucht die Skipperin einen jungen Seebären zum Mitreisen! (…)

Bewerbungen an Liz können abenteuerlustige Matrosen unter www.swellvoyage.com schicken.

Ja, da wird sich Liz sicher tierisch gefreut haben über die all die abenteuerlustigen „Bild“-Matrosen, die sich seither bei ihr melden, vor allem, weil die Geschichte überhaupt nicht stimmt. Bei Instagram schreibt Clark (Übersetzung von uns):

Ich möchte die irreführenden Schlagzeilen der „Daily Mail“ und anderer europäischer Medien klarstellen, die geschrieben haben, ich würde „einen Mitsegler suchen“. Sie [die „Daily Mail“] hat mit mir ein sehr umfangreiches Interview über mein Leben geführt und dann die Schlagzeile aus einer meiner Antworten gezogen: Auf die Frage „Fühlen Sie sich manchmal einsam?“ antwortete ich: „Ja, natürlich fühle ich mich manchmal einsam, und ich hoffe, dass ich eines Tages den richtigen Segelpartner finde…“

Ich habe außerdem darüber gesprochen, wie mich das Alleine-Reisen mit der Natur/Gott/dem Spirit verbunden hat und dass ich überall, wo ich hingehe, immer nette und gastfreundliche Menschen treffe! Aber die Medien fanden wohl, das wäre das Aufregendste gewesen, das ich in der ganzen Stunde gesagt habe, also wurde „Mitsegler gesucht“ fälschlicherweise zur Überschrift. In Wahrheit suche ich momentan gar keinen „Segelpartner“, trotzdem bin ich dankbar für Eure Anfragen und wünschte, ich könnte ein Stück von diesem Leben mit Euch allen teilen.

Mit Dank an Michael K.

Mergste selbst, ne?

Uh, peinlich!

Den Nachnamen der deutschen Bundeskanzlerin mit „g“ statt „k“ schreiben — das ist ja so, als würde man am gleichen Tag Ungarns Ministerpräsidenten in einer Überschrift „Victor Orban“ statt „Viktor Orbán“ nennen:

Mit Dank an Dániel K.

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