Archiv für Bild.de

„Bild“ der Frau

Am 24. Mai dieses Jahres verkündete die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau auf einer Pressekonferenz, dass es zwei Festnahmen wegen eines Sexualmords gegeben hat. Eine chinesische Studentin wurde zwei Wochen zuvor erst vergewaltigt und dann umgebracht. Die beiden mutmaßlichen Täter — ein Mann und eine Frau — sind Deutsche.

Am nächsten Tag titelte die „Bild“-Zeitung:

Dazu schrieb die Redaktion:

Zwei Deutsche sind dringend tatverdächtig, vergewaltigt und sogar gemordet zu haben. Aber kann und darf die Tat mit ihrer Herkunft in Verbindung gebracht werden? Die Fakten, die Debatte, was Deutsche sagen — SEITE 7

Stop! Natürlich hat „Bild“ nicht so getitelt und auch nicht diesen Text veröffentlicht. Das haben wir uns nur ausgedacht. Zum Glück hat „Bild“ nicht so getitelt und auch nicht diesen Text veröffentlicht. Denn was wäre das für eine irrsinnige Debatte: Zwei Deutsche sollen eine schreckliche Tat gegen eine Frau verübt haben — und schon diskutiert man über das Frauenbild aller Deutschen? Ein Rückschluss von zwei Personen auf eine Gruppe von Millionen von Menschen? Und dann müssen sich Personen aufgrund ihrer Herkunft noch von den Taten, mit denen sie rein gar nichts zu tun haben, distanzieren, sich erklären?

Gestern verkündete die Staatsanwaltschaft Bochum auf einer Pressekonferenz, dass es eine Festnahme wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes gegeben hat. Zwei chinesische Studentinnen wurden im August beziehungsweise im November vergewaltigt. Der mutmaßliche Täter — ein Mann aus dem Irak — ist als Flüchtling nach Deutschland gekommen.

Heute titelt die „Bild“-Zeitung:

Dazu und zu einem Sexualmord in Freiburg, bei dem der mutmaßliche Täter aus Afghanistan stammt, schreibt die Redaktion:

Zwei Flüchtlinge sind dringend tatverdächtig, vergewaltigt und in einem Fall sogar gemordet zu haben. Aber kann und darf die Tat mit ihrer Herkunft in Verbindung gebracht werden? Die Fakten, die Debatte, was Flüchtlinge sagen — SEITE 7

Diese Schlagzeile und diesen Text wiederum haben wir uns nicht ausgedacht. Das ist so alles tatsächlich heute erschienen.

Auch diese Debatte ist natürlich irrsinnig. Es fängt schon damit an, wer „die Flüchtlinge“ sein sollen, über deren Frauenbild „Bild“ gerne debattieren möchte. Sind es die Flüchtlinge aus dem Irak und aus Afghanistan, weil die Taten vermutlich von einem Iraker und einem Afghanen verübt wurden? Sind es die Flüchtlinge aus Syrien? Die aus Nigeria? Aus Eritrea? Aus Albanien? Aus Russland? Und selbst wenn man sich auf zwei oder drei Herkunftsländer festlegen würde, ist die Verallgemeinerung noch immer dieselbe.

„Bild“-Chefin Tanit Koch hat heute morgen getwittert, dass ja auch der Oberbürgermeister von Freiburg, der Grünen-Politiker Dieter Salomon, im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ das problematische Frauenbild von Flüchtlingen erwähnt hat:

Das stimmt. Das Frauenbild der beiden Flüchtlinge, die in Freiburg beziehungsweise in Bochum festgenommen wurden, ist, sollten sie sich als die tatsächlichen Täter herausstellen, ganz sicher ein Problem. Und es wird unter den vielen Flüchtlingen auch noch viele weitere Männer geben mit einem sehr problematischen Frauenbild. Zwischen Salomons Aussage über „manche Flüchtlinge“ und Tanit Kochs Schlagzeile über die Flüchtlinge liegen aber Welten. Es gibt schließlich auch manche Österreicher, manche Portugiesen, manche Deutschen, manche Kölner, manche Berliner mit einem ausgesprochen problematischen Frauenbild. Aber es sind eben nicht die Österreicher, nicht die Portugiesen und so weiter. Und „Bild“ würde auch nicht auf die Idee kommen, nach zwei Sexualmorden durch Franzosen verallgemeinernd eine Debatte „um das Frauenbild von Franzosen“ auszurufen.

Das soll freilich nicht das Geschehene relativieren. Aber die Suche nach den Ursachen für so grausame Taten wie in Bochum und in Freiburg erfordert schlicht mehr als einen Blick in den Reisepass. In einem lesenswerten Interview mit WDR.de erklärt der Kriminologe Christian Pfeiffer, dass Nationalitäten bei Kriminalität keine Rolle spielten:

„Richtigerweise müsste gefragt werden: Wie sind die Merkmale von Männern, die Frauen vergewaltigen? Dann merken Sie, dass Nationalität bei Kriminalität keine Rolle spielt, aber sehr wohl Faktoren, die in der Kindheit prägend sind. Männer, die als Kinder zum Beispiel von ihren Eltern geprügelt wurden, die Ohnmacht oder wenig Liebe erfahren haben, neigen später dazu, ihr Sexualverhalten als Machtspiel zu gestalten und die Demütigung des Gegenübers als einen lustvollen Aspekt zu erleben.“

Und zum Einfluss der Kultur:

Macho-Kultur baut sich also drastisch ab durch einen kulturellen Lernprozess. Das sind keine festen Merkmale bestimmter Nationen, sondern kulturell gelernte Verhaltensmuster, die sich sehr schnell auch verflüchtigen, wenn die Menschen eine Integrationschance haben.

In einigen Kommentaren zur heutigen „Bild“-Schlagzeile findet man den Hinweis, dass die „Bild“-Medien mit ihren ständigen Bikini-Fotos und Busen-Wortspielen ebenfalls ein ganz besonderes Frauenbild propagieren. Nun muss man sicher zwischen brutaler Unterdrückung von Frauen in manchen Ländern und den Herrenwitzen der „Bild“ unterscheiden. Und dennoch führen ganz bestimmt auch das ständige Reduzieren von Frauen auf ihr Aussehen, das ständige Lustigmachen über ihr Aussehen, das ständige Degradieren zum Lustobjekt, das Desinteresse an ihren Leistungen, das Abdrucken von Nippelblitzern und „Huch, Höschen vergessen“-Bildern zu einem schiefen, problematischen Frauenbild. „Bild“ und Bild.de hämmern ihren Lesern dieses Frauenbild seit Jahren und Jahrzehnten ein. Unsere Beobachtung ist, dass es unter der ersten Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung nicht besser geworden ist.

Dieses Blatt nimmt jetzt also „das Frauenbild von Flüchtlingen“ in Angriff. Der zugehörige Artikel ist übrigens weitaus differenzierter und weniger reißerisch als man nach dem Schreck über die Schlagzeile erstmal befürchten könnte.

Aber was interessiert das die Leser, die die „Bild“-Redaktion mit ihrer Pauschalschlagzeile anspricht und damit deren Ressentiments und Rassismus bedient? Auf der Facebookseite der Zeitung geht es aktuell ordentlich rund. „Bild“ scheint dabei kein großes Interesse an einer Moderation der „Debatte um das Frauenbild von Flüchtlingen“ zu haben:

Schwanz ab und raus

wir schaffen das … nur Geduld, lasst euch ermorden und vergewaltigen . Und immer daran denken , 1 Armlänge Abstand dann passiert nix …. armes Deutschland

Aha……kommen damit nicht klar….ich brech im Kreis….und das gibt ihnen das Recht zu morden und zu vergewaltigen? RAUS MIT SOLCHEM PACK!!!!!!

Der Islam passt hier in Deutschland nicht rein! Und trotzdem nehmen wir diese degenerierten Affen auf, naja wie heißt es so schön jeder (Land) ist seines Glückes Schmied.

Sofort am wand stehlen

Das Problem lässt sich nicht lösen…. die Menschen sind unter schweren Bedingungen groß geworden….. das ist alles so scheissegal was dieses Dreckspack hinter sich hat, diese Elendige Bongobuschbande hat sich hier an Regeln zu halten und wenn nicht sofort raus damit scheissegal ob die dann auf der Straße sitzen… die haben hier nichts verloren, am besten garnicht erst rein lassen. Ps. Als böser Deutscher noch das Schlusswort – Refugees not welcome…

Ganz einfach egal wer Vergewaltigt, Kinder missbraucht oder Tötet hat seine Menschenrechte verloren und gehört standrechtliche Erschossen .

viel eher sind die flüchtilinge ein problem sie sind als kultur als menschen zu primitiv nicht zivilisiert genug deswegen last sie untersich irgend wo auf der welt noch ein wenig erwacksen werden bevor man sie in eine stadt frei laufen läst , ganz friedlich und zivilisiert gesagt

Nicht das Frauenbild ist das Problem, es ist das Problem das diese Invasoren hier sind!!!

In den Knast Lebenslänglich Morgens Mittags und Abends 20 Stockschläge.So geht man mit dem Pack um ich möchte die Politiker mal hören wenn es ihr Kinder oder Frauen wären.

Deutschland fürt doch ma die Todesstrafe ein das bissen was die an Knast bekommen wow so Leute verdien kein Leben die nehmen Leben also können sie auch mit ihrem Leben bezahlen

Einfach mal eine angemessene Strafe : —Schwanz ab

Überhaupt die Flüchtlinge sind das Problem. Zumindestens die die sich hier illegal aufhalten : Leider gibt es gewissen Sachen und Gebäude nicht mehr

Nicht langen Fackeln weg mit dem Dreck,nein bin kein Rassist!

Ihr könnt euch alle bei Merkel bedanken, hoffentlich wird sie iwann mal auch vergewaltigt. So blickt sie es dann vielleicht und lässt keine Afghanen rein

Da bringt es nur eins, die Strafen hier müssen drastischer ausfallen, entweder sofortige Abschiebung oder zwangskastration.

Alle Vergewaltiger kastrieren und danach verbrennen.. Unabhängig von der Herkunft

Egal welche Nationalität solche abscheulichen Verbrechen begeht, den Tätern gehört die Rübe vom Hals geschossen !!!!!!

Keine lange diskussion !! Schwanz ab und zurück in die heimat!!!!!!!

Wenn ich meine Meinung hier reinschreiben würde dann würde das SEK in wenigen minuten vor meiner tür stehen.. Wählt die AFD

normal die arschgesichttttter haben doch nie eine normale frau gesehen.Allne zurück schicken

Die gehören in einen Knast wo sie den ganzen tag gefoltert werden , dieses dreckspack

Eine Frau ist wenig wert in diese Länder. Das hat mit fremdfeindlichkeit nichts zu tun.es ist einfach so

357 kaliber sag ich blos.auge um auge zahn um zahn steht auf schon in der bibel

Sofort Hinrichten. Da muss man nicht noch Jahre lang Verhandlung führen..

Nicht das frauenbild ist ein Problem… Die Flüchtlinge sind das Problem!

Schwanz ab! Lebenslang Knast mit Wasser+Brot+unter Aufsicht sein Leben lang Arbeiten! Natürlich ist das Wasser und das Brot sein ganzer Lohn!!!…

Hinrichten & Öffentlich um 20:15 auf allen Fernsehsendern übertragen.

Mit Dank an Jan H. und Alexander M. für die Hinweise!

Die Fotobeschaffer von Hameln

Eigentlich wollten wir hier im BILDblog schon vor knapp zwei Wochen über den Fall berichten. Es geht um die erschreckende Tat eines Mannes, der erst auf seine Frau einstach, ihr dann ein Seil um den Hals band und sie anschließend an seinem Auto hinter sich herzog.

Damals, am 23. November, veröffentlichte „Bild“ diesen großen Artikel:


(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Und auch Bild.de berichtete (auf einen Link verzichten wir ganz bewusst) mit einem kostenpflichtigen „Bild plus“-Artikel:

In den Tagen zuvor hatten die „Bild“-Medien das Geschehen im niedersächsischen Hameln schon intensiv begleitet. Sie hatten unverpixelte Fotos des Opfers gezeigt (vermutlich mit Zustimmung der Familie), sie hatten unverpixelte Fotos des geständigen Täters gedruckt, sie hatten Fotos von Blutspuren veröffentlicht. Das volle Programm.

Am 23. November sind sie noch einen Schritt weiter gegangen: „Bild“ und Bild.de (bereits einen Tag zuvor) verbreiteten eine Aufnahme des Opfers Kader K. aus dem Krankenbett auf der Intensivstation, riesengroß, wie man oben erahnen kann. Zu dieser Zeit lag sie in der Universitätsklinik in Hannover im Koma, hilflos, angeschlossen an viele Schläuche. Die „Bild“-Mitarbeiter verzichteten auf jegliche Unkenntlichmachung.

Dass die Veröffentlichung dieses Fotos eines lebensgefährlich verletzten Opfers auf Kritik stoßen könnte, dürften auch „Bild“ und Bild.de geahnt haben. Jedenfalls stellten sie bereits in der Unterzeile klar, dass „der Bruder von Kader K.“ „in BILD“ spreche, und ihren Artikel begannen die Autoren direkt so:

„WIR WOLLEN DER WELT ZEIGEN, WAS DIESER HUND KADER ANGETAN HAT.“

Das sagt Maruf K. (35), der Bruder von Verbrechensopfer Kader K. (28).

Ein paar Absätze später schreiben sie:

Ihr Bruder fotografierte sie auf der Intensivstation, gab BILD das Foto — weil die Familie dokumentieren will, was geschehen ist.

Deswegen hatten wir das Thema erstmal nicht aufgegriffen: Wenn eine Familie sich dazu entscheidet, das Foto eines Angehörigen an „Bild“ zu geben, kann die Zeitung es auch drucken. Natürlich hätte sich die Redaktion dazu entschließen können, aus Pietät auf den Abdruck zu verzichten oder das Opfer zumindest zu anonymisieren. Aber bei einer solchen Entscheidung geht es um Anstand. Und es geht um „Bild“ und Bild.de.

Heute ist in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel zu der „Gewalttat in Hameln“ erschienen. Tim Neshitov hat die Familie von Kader K. besucht und mit ihr über den tragischen Fall gesprochen. Neshitov zitiert in seinem Text auch den Bruder, der „Bild“ das Foto seiner Schwester im Krankenbett gegeben hatte:

Die Bild-Zeitung hat ihr obligatorisches Opferfoto abgedruckt, sogar mit Beatmungsschläuchen, wofür Kaders älterer Bruder auf der Intensivstation sein Handy zücken musste („Ich war verwirrt, wie im Nebel, und die sagten noch, so ein Foto würde Kader nützen“).

Der Bruder von Kader K. bereue es inzwischen, bei dieser „Bild“-Geschichte mitgemacht zu haben, sagte uns Tim Neshitov auf Nachfrage.

Wir werden ab und zu gefragt, warum wir „Bild“ und Bild.de immer noch beobachten und regelmäßig kritisieren. Dazu kommt oft der Satz: „Die Leute von ‚Bild‘ sind doch gar nicht mehr so schlimm wie früher.“ Vielleicht nicht alle. Einige aber schon.

Mit Dank an Rosemarie H., Thomas S., Fab und @HoechDominik für die Hinweise!

„Bild“ bietet Rainer Wendt Plattform für Generalverdacht

Rainer Wendt durfte bei „Bild“ und Bild.de mal wieder was sagen. Der Bundesvorsitzende der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ ist immer schnell zur Stelle/immer schnell angerufen, wenn irgendwo etwas passiert, das mit den Themen Sicherheit und/oder Polizei zu tun hat. Erst im August, als sein Buch „Deutschland in Gefahr“ erschien, machten die „Bild“-Medien groß Werbung für Wendts Werk.

Nachdem am Wochenende bekannt wurde, dass die Polizei den mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder einer 19-jährigen Studentin aus Freiburg gefasst hat und dass dieser Tatverdächtige ein 17-jähriger Junge ist, der vor einem Jahr als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist, fragt „Bild“ heute:

Mit Ausnahme von einigen wenigen Feststellungen (etwa: „Es ist ein grausames Verbrechen. Und es birgt enorme politische Brisanz.“ oder: „Fakt ist: Unter Gewaltkriminellen sind sie [unbegleitete minderjährige Flüchtlinge] keine besonders auffällige Gruppe.“ oder: „Fakt ist aber auch: Wäre der mutmaßliche Täter 2015 nicht nach Deutschland gekommen, hätte er hier nicht töten können.“) bezieht die Redaktion gar nicht selbst groß Stellung, sondern lässt andere Leute „MIT DIESER WAHRHEIT“ umgehen. Bild.de hat die Aussagen ebenfalls veröffentlicht:

So sagt zum Beispiel Wolfgang Huber, der frühere Ratsvorsitzende der „Evangelischen Kirche in Deutschland“, zu dem Fall:

„Menschengruppen pauschal zu verdächtigen, hilft dagegen nicht weiter.“

Oder Julia Klöckner, die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU:

„Solche Grausamkeiten werden leider von In- wie Ausländern begangen, das ist leider kein neues Phänomen.“

Oder der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel:

„Auch deshalb dürfen wir es nicht zulassen, dass diese abscheuliche Tat jetzt für Hetze und Verschwörungspropaganda missbraucht wird.“

Oder der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer:

„Ich habe vollstes Verständnis für die Empörung und Entrüstung der Bürger. Dennoch wäre es grundlegend falsch, alle Migranten und Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen.“

(Dies sind nur Auszüge aus den Stellungnahmen. In den beiden Artikeln von „Bild“ und Bild.de sind die jeweiligen Aussagen länger.)

Alles recht besonnene Aussagen bei einem Thema, das für hitzige Debatten sorgt. Der gemeinsame Tenor: Ruhe bewahren, nicht verallgemeinern, kein Generalverdacht gegen Geflüchtete.

In den Artikeln von „Bild“ und Bild.de gibt es dann aber noch die bereits erwähnte Aussage von Polizeigewerkschafter Rainer Wendt:

„Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind. Und während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der ‚Willkommenskultur‘. Kein Wort des Mitgefühls, nirgends Selbstzweifel, nur arrogantes Beharren auf der eigenen edlen Gesinnung. Die grausame Seite dieser Politik wird abgewälzt auf die Opfer und auf eine seit Jahren kaputt gesparte Polizei und Justiz. Und so wachsen die Gefahren für unser Land beständig.“

(In „Bild“ ist Wendts Aussage etwas kürzer.)

Wendt macht genau das, wovor Huber, Klöckner, Gabriel und Mayer warnen: Er verknüpft den tragischen Tod der 19-jährigen Studentin mit der „massenhaften Zuwanderung“. Er konstruiert aus einem Einzelfall einen Generalverdacht. Er spielt Zuwanderer und „viele andere Opfer“ gegeneinander aus. Er beschwört wachsende „Gefahren für unser Land“ herauf. Er schürt Ängste. Er macht Stimmung.

All das kann Rainer Wendt bei „Bild“ und Bild.de ohne Einordnung, ohne redaktionellen Widerspruch tun. Die „Bild“-Medien bieten ihm eine Plattform.

Dass Wendts Aussagen nicht unproblematisch sind, haben die Leute bei Bild.de offenbar auch gemerkt. Inzwischen haben sie nach dem langen Zitat des Polizeigewerkschafters diese zwei Tweets des stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Ralf Stegner zitiert:

Da es in diesem Beitrag um grässliche Verallgemeinerungen geht, hier noch ein wichtiger Punkt: Rainer Wendt spricht als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ nicht für alle Polizisten. Er spricht nicht einmal für alle gewerkschaftlich organisierten Polizisten. Es gibt neben der „DPolG“ nämlich noch einige weitere Polizeigewerkschaften. Zum Beispiel die deutlich größere „Gewerkschaft der Polizei“. Deren Bundesvorsitzender Oliver Malchow hat Wendts Aussagen bereits kritisiert:

Opfer bringen

Jörg Völkerling ist selbst für „Bild“-Verhältnisse ein besonderer Fall. Wenn sich beispielsweise eine Angeklagte vor einem Gerichtsprozess einen Aktenordner vors Gesicht hält, dann machen alle Fotografen Fotos von der Frau mit dem Aktenordner vor dem Gesicht. „Bild“-Polizei-und-Gerichtsreporter Völkerling sucht sich hingegen einen Platz im Saal, von dem aus er hinter den Ordner fotografieren kann. Ha, mal wieder alle reingelegt!

Völkerling war es auch, der Wetter-Moderator Jörg Kachelmann beim Hofgang in der Justizvollzugsanstalt Mannheim fotografierte — unerlaubter Weise, wie ein Gericht später feststellte. Als Kachelmann dann bei Twitter ein Foto von Völkerling auf der Lauer verbreitete, ging der „Bild“-Reporter vergeblich dagegen vor.

Jetzt hat Jörg Völkerling wieder mit einer für ihn typischen Aktion zugeschlagen.

Vor dem Landgericht Aschaffenburg läuft seit Donnerstag ein Prozess wegen zweifachen versuchten Totschlags, über den Völkerling berichtet. Der Fall in Kurzform: Ein Mann soll mit seinem Auto ziemlich dicht an zwei jungen Fußgängern vorbeigerast sein. Diese sollen ihm daraufhin einen Vogel und den Mittelfinger gezeigt haben. Der Mann soll gebremst, den Rückwärtsgang eingelegt und die beiden Fußgänger über den Haufen gefahren haben. Diese schleuderten gegen eine Hauswand und mussten mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Der Angeklagte sagt, er habe die jungen Männer lediglich zur Rede stellen wollen, er könne sich nicht erklären, warum sein Auto auf den Gehweg ausbrach.

„Bild“ brachte gestern in der Bundesausgabe einen großen Artikel über den Prozessauftakt:


(Unkenntlichmachungen durch uns.)

Und auch Bild.de berichtete:


(Zusätzliche Unkenntlichmachungen durch uns.)

Dass die „Bild“-Medien ganz selbstverständlich ein Foto des (noch nicht verurteilten) Angeklagten veröffentlichen, ist zwar bedenklich, aber nicht ungewöhnlich. Schließlich scheint im Axel-Springer-Hochhaus der Grundsatz zu gelten: Leute, denen etwas vorgeworfen wird, wird man ja wohl noch zeigen dürfen!

Jörg Völkerling hat aber auch die zwei Opfer fotografiert.* Und das — so wirkt das Foto jedenfalls –, obwohl sie es nicht wollten: Das eine Opfer hat sich eine Kapuze übergezogen; das andere Opfer hat blöderweise keine Kapuze, hält sich dafür aber die Hand vors Gesicht. Beide haben sich von Völkerlings Kamera weggedreht. Und dennoch veröffentlichen „Bild“ und Bild.de dieses Foto:


(Zusätzliche Unkenntlichmachungen durch uns.)

Im Pressekodex des Deutschen Presserats steht zum „Opferschutz“:

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Nach Zustimmung sieht es in diesem Fall wahrlich nicht aus. Dennoch bedrängt „Bild“-Spezialfall Jörg Völkerling mit seiner Kamera die zwei Opfer, die eigentlich nur zu ihrem Gerichtsprozess und dabei nicht fotografiert werden wollen.

An dem Fall in Aschaffenburg kann man übrigens ganz gut sehen, nach welchen Kriterien die „Bild“-Medien Anonymisierungs-Balken und Verpixelungen verteilen: offenbar nach keinen. Bei Bild.de hat der Angeklagte einen schwarzen Balken vor die Augen gesetzt bekommen, das Gesicht des Opfers ohne Kapuze hat die Redaktion verpixelt. In der Print-Version gibt es weder das eine noch das andere.

Mit Dank an Philipp für den Hinweis!

*Korrektur, 27. November: Jörg Völkerling sagt, dass er von den Opfern „selbstverständlich“ eine Zustimmung zur Veröffentlichung des Fotos hatte:

Unser Fehler tut uns leid, wir ziehen die Kritik an der Veröffentlichung des Opferfotos zurück. An den anderen Kritikpunkten (Veröffentlichung eines Fotos des Angeklagten, willkürliche Anonymisierung bei „Bild“ und Bild.de) halten wir hingegen fest.

ARD-Fusions-Irrsinn bei „Bild“

Was „Bild“ und Bild.de vom Rundfunkbeitrag halten? Nun ja …











Kurz gesagt: alles Abzocke, Verschwendung, Geldverbrennung, Zwangsgebühren. So geht das seit Jahren. Allein, dass die „Bild“-Medien auch aktuell noch konsequent von der „GEZ“ schreiben, die es seit 2012 gar nicht mehr gibt.

Heute dann, fast wie eine Erlösung für die Beitrags-geschröpften „Bild“-Mitarbeiter, diese Meldung auf der Titelseite des Blatts und bei Bild.de als kostenpflichtiger „Bild plus“-Artikel:


Statt bisher neun ARD-Anstalten (NDR, WDR, Radio Bremen, RBB, MDR, SWR, SR, HR, BR) solle es bald nur noch vier geben: Nord, Ost, Süd, West:

Nach BILD-Informationen befürworten Mitglieder einer im Februar von den Ministerpräsidenten eingesetzten Arbeitsgruppe, eine Zusammenlegung zu vier größeren Anstalten.

„Bild“ und Bild.de zitieren auch „ARD-Chefin“ Karola Wille, allerdings nur mit allgemeinen Aussagen („‚Wir stehen vor einem tiefgreifenden Reformprozess'“, „Wille sprach vom ‚größten Reformprogramm‘ in der Geschichte der ARD“, „‚Wir werden uns verändern. Wir werden uns verändern müssen'“). Darin liest die „Bild“-Redaktion dann eben eine Bestätigung der großen „ARD“-Zusammenlegung.

Und was sagt die „ARD“? Die hat heute morgen mit einer Pressemitteilung reagiert:

Die Spekulationen der Bild-Zeitung über Fusionen von ARD-Landesrundfunkanstalten entbehren jeder Grundlage. Die in dem Beitrag skizzierten angeblichen „Geheimpläne“ sind blanker Unsinn und frei erfunden.

„Bild“ spricht Reisewarnung für Bochum aus

Es klingt ja fast nach echter Empörung, wenn Bild.de heute auf der Startseite fragt:

In der Ruhrgebiets-Ausgabe der „Bild“-Zeitung wird auf den ersten Blick immerhin etwas klarer, worum es bei dem möglichen China-Bochum-Zwist überhaupt geht:

Zum Hintergrund: Vergangene Woche wurde eine chinesische Studentin der Bochumer Ruhr-Universität in der Nähe des Campus vergewaltigt. Die Polizei sucht noch mit Phantombild nach dem Täter. Inzwischen hat sich auch das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eingeschaltet und den in Deutschland lebenden Chinesen auf der eigenen Website einige Sicherheitshinweise in der Landessprache gegeben.

Daraus stricken „Bild“ und Bild.de (als kostenpflichtiger „Bild plus“-Artikel) nun eben ihre Geschichten. Das chinesische Konsulat warne „Frauen vor NRW-Stadt“, heißt es bei Bild.de in der Dachzeile. Und „Bild“ schreibt:

Jetzt hat sich die Botschaft der Volksrepublik China eingeschaltet: Sie warnt chinesische Frauen vor dem Sex-Täter von Bochum!

Das stimmt nicht. Die Veröffentlichung des Konsulats vom vergangenen Freitag resultiert natürlich aus dem Vorfall in Bochum, es handelt sich aber um eine allgemeine Warnung und nicht um eine konkrete vor der Stadt Bochum oder „vor dem Sex-Täter von Bochum“. Das haben einige Medien auch verstanden. „Der Westen“ schreibt beispielsweise:

Verschiedene Medien berichteten, das chinesische Generalkonsulat habe konkret vor Bochum oder dem Täter vom 16. November gewarnt. In der Mitteilung heißt es allerdings allgemein: „Aufgrund der aktuellen öffentlichen Sicherheitssituation in seinem Zuständigkeitsbereich weist das Generalkonsulat erneut die chinesischen Staatsbürger darauf hin, auf ihre persönliche Sicherheit zu achten, insbesondere an abgelegenen und unbelebten Plätzen.“

Den „Bild“-Medien ist das wurscht. Sie machen gleich die ganz große Nummer draus und tun so, als hätte das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eine „Reisewarnung“ für Bochum oder für Deutschland oder für wasauchimmer ausgesprochen:

Gleichzeitig veröffentlichte das Generalkonsulat einen „konsularischen Hinweis“: Alle Chinesen werden darin aufgefordert, „ernsthaft auf die persönliche Sicherheit zu achten, insbesondere wenn sie sich an entlegenen Orten befinden“. Das entspricht einer Reisewarnung, wie sie auch das deutsche Außenministerium für bestimmte Regionen oder Länder aussprechen kann.

Um es kurz zu machen, liebe „Bild“-Reiseführer: nein. Der „konsularische Hinweis“ sei nicht mit einer Reisewarnung zu vergleichen, sagte eine Sprecherin der chinesischen Botschaft dem WDR.

Mit Dank an Lukas H. für den Hinweis!

„Die Sensation liegt in der Luft“

Es gibt ja das hartnäckige Gerücht, dass beim Wrestling alles geplant und abgesprochen sei. Die Schläge seien gar keine richtigen Schläge, die Fehden nur ausgedacht. Also nix da mit großen sportlichen Überraschungen, stattdessen ein bis ins kleinste Detail ausgeklügeltes TV-Spektakel.

Und so könnte man die Nachricht, dass der frühere Wrestling-Superstar Bill Goldberg nach zwölf Jahren Ring-Abstinenz sein Comeback gibt und dabei mal eben den normalerweise alles dominierenden Brock Lesnar in gerade mal 90 Sekunden fix- und fertigmacht, schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und sich denken: „Nun gut, ist eben alles nur Show und soll ja Quote bringen.“

Man könnte aber auch so tun, als wäre bei der Veranstaltung „Survivor Series“ in der Nacht von Sonntag auf Montag wirklich was passiert. Etwas Ungewöhnliches. Etwas Bemerkenswertes. Eine „WRESTLING-SENSATION“:

„Bild“-Redakteur Enrico Ahlig schrieb gestern dazu:

Die Wrestling-Welt steht unter Schock!

Die Sensation liegt in der Luft.

Jetzt diese Szenen!

Der Ringrichter zählt … 1…2…3! Die Sensation ist perfekt.

Das Match war so kurz, die WWE konnte alle Aktionen in der Wiederholung zeigen. Das gab es noch nie!

Das ist so, als würde man aus dem Theater kommen und völlig aufgelöst in den WhatsApp-Familienchat tippen: „Oh Gott, oh Gott, Ihr glaubt es nicht! Da haben sich gerade zwei junge Menschen das Leben genommen 😢😭“

Ahlig fragte dann noch: „Was steckt hinter dem kurzen Match?“ Wir würden vermuten: Der Wunsch des Veranstalters, der sogenannten „WWE“, dass möglichst viele Medien den Goldberg-Auftritt zu einer „WRESTLING-SENSATION“ hypen. Der „Bild“-Redakteur hat aber noch eine andere Idee:

Außerdem sieht jetzt alles nach einem weiteren Match von Goldberg aus. Denn obwohl er zunächst nur für einen Kampf unterschrieben hat, wird die WWE alles tun, um die beiden erneut aufeinander loszulassen.

Und heute dann die Nachricht bei Bild.de:

Man könnte fast meinen, beim Wrestling ist alles geplant und abgesprochen.

Mit Dank an @ralfheimann für den Hinweis!

Hohe Fehlerquote

Heute Abend, in gut einer Stunde, spielt RB Leipzig in der Fußball-Bundesliga bei Bayer 04 Leverkusen. Beim Bezahlsender „Sky“ werden sich vermutlich einige Hunderttausend Leute das Spiel anschauen. Und das könnte dann für „Bild“-Sportchef Walter M. Straten der nächste ultimative Beweis sein, dass der ziemlich umstrittene Fußballklub aus Sachsen gar nicht so doof ist, wie ihn viele Fans anderer Vereine finden. Doch der Reihe nach.

Ende Oktober schrieb Straten in seiner Kolumne „Die Lage der Liga“ in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de:


Das Interesse an den Leipzigern ist bereits fast so groß wie an den alteingespielten Klubs der Liga. In der Einschaltquoten-Tabelle von Sky (Stand 8. Spieltag) rangiert Leipzig bereits auf Platz sechs. Hinter Bayern, Dortmund, Schalke, Köln und Hertha.

Heißt: Die Fans in ganz Deutschland wollen den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen. Ob sie ihn nun mögen oder nicht.

Wer steht in der Quoten-Rangliste am Ende?

Ingolstadt, Leverkusen, Augsburg, Hoffenheim — und ganz hinten Darmstadt.

Damit ist die Frage beantwortet, wer für die Liga wertvoller ist. Also: Schluss mit dem primitiven Leipzig-Bashing!

(Straten dürfte sich auf die „Sky“-Einschaltquoten-Tabelle von „Meedia“ beziehen.)

Mal davon abgesehen, dass es vielleicht nur von begrenzter Weitsicht zeugt, in einem Beitrag gegen das Bashing eines Fußballklubs andere Fußballklubs als weniger wertvoll darzustellen, übersieht Walter M. Straten in seiner Argumentation einen ziemlich wichtigen Punkt: den Bundesliga-Spielplan und dessen Auswirkungen auf die Einschaltquoten bei „Sky“.

Jeder Bundesliga-Spieltag besteht aus neun Partien. In der Regel findet eine davon am Freitagabend um 20:30 Uhr statt, fünf weitere parallel am Samstagnachmittag um 15:30 Uhr, eine am Samstag um 18:30 Uhr, eine am Sonntag um 15:30 Uhr und die neunte zwei Stunden später um 17:30 Uhr.

Am Samstag um 15:30 Uhr gucken viele „Sky“-Abonnenten die Konferenz mit allen fünf Spielen, und nur jene Fans, die ausschließlich ihren Verein sehen wollen, entscheiden sich am Samstagnachmittag für das Einzelspiel mit ihrem Klub. Bei den Spielen am Freitagabend, Samstagabend, Sonntagnachmittag und -abend gibt es diese Auswahl hingegen nicht. Es findet ja jeweils nur ein Spiel statt. Und deswegen sind die Einschaltquoten bei diesen Partien meist höher als bei den einzelnen Spielen am Samstagnachmittag.

Schaut man sich nun den Spielplan der bisherigen Bundesligasaison an, sieht man, dass RB Leipzig einer der Vereine ist, die die meisten Einzelspiele abbekommen haben. Zum Zeitpunkt, als Walter M. Straten seinen Text veröffentlich hat, waren es sechs Stück. Und das nach lediglich neun Spieltagen. Am vergangenen Spieltag ist noch ein weiteres Einzelspiel hinzugekommen.

Gut möglich also, dass „die Fans in ganz Deutschland“ gar nicht unbedingt „den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen“ wollen, „ob sie ihn nun mögen oder nicht“, wie Straten schreibt. Vielleicht wollen sie einfach nur Fußball gucken, unabhängig davon, wer da nun spielt.

Dafür spricht auch die Einschaltquote der Partie, um die es in Walter M. Stratens Beitrag hauptsächlich geht: SV Darmstadt gegen RB Leipzig. Das Spiel an einem Samstagnachmittag — also mit Konkurrenz von vier anderen Partien und der Konferenz — haben weniger als 5000 Leute eingeschaltet. In der offiziellen Messung heißt das: 0,00 Million.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Spannerfotos von Kindern? Das wird man ja wohl noch andeuten dürfen

Gestern, auf der Facebookseite von „Bild München“:

Linus Förster sitzt für die SPD im Bayerischen Landtag. Er ist dort jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion, stellvertretender Vorsitzender des Europaausschusses, außerdem ist Förster Vorsitzender der SPD im Bezirk Schwaben. Und jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg gegen ihn, wegen des „Verdachts der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen und der vorsätzlichen Körperverletzung“ — klar, dass so gut wie alle Medien berichten.

Bild.de auch. Und das gestern auf die ganz eigene Art und Weise:

Bei den Ermittlungen geht es laut Staatsanwaltschaft um den Verdacht der vorsätzlichen Körperverletzung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

Der Strafrechtsparagraf zum letztgenannten Vorwurf bezieht sich auch auf voyeuristische Spannerfotos und insbesondere Nacktaufnahmen von Kindern und Jugendlichen.

Im Artikel hat die Redaktion — es sollen schließlich „Erinnerungen an den Fall Edathy“ wach geworden sein — auch noch einige Links zu Beiträgen über Sebastian Edathy eingeblockt:

Um schon mal jetzt aufzulösen: Die Vorwürfe gegen Linus Förster haben rein gar nichts mit „Spannerfotos von Kindern“ oder Kinderpornographie oder irgendetwas Vergleichbarem zu tun, auch wenn Bild.de an verschiedenen Stellen versucht, es so wirken zu lassen. Das hat Försters Anwalt dem Reporter offenbar auch so gesagt. Im Artikel steht:

Derartige Spekulationen [Nacktaufnahmen von Kindern und Jugendlichen] wies Anwalt Schmid jedoch klar zurück: „Dies ist falsch!“

Und dennoch bringt Bild.de das Thema mal eben so fröhlich ins Spiel.

Heute dann die Auflösung bei Bild.de und in der München-Ausgabe der „Bild“-Zeitung:


Sex-Skandal um den Augsburger Landtagsabgeordneten Linus Förster (51, SPD). Er soll Anfang September im Bett einer Hure heimlich die Handy-Kamera mitlaufen lassen haben. Danach flogen offenbar die Fetzen …

Das sind natürlich immer noch heftige Vorwürfe. Sie haben aber eben nichts Kinderpornographie zu tun. Dass Bild.de das Thema überhaupt ins Spiel bringt, könnte an dem Paragraphen liegen, um den es bei den Ermittlungen gegen Linus Förster geht: 201a Strafgesetzbuch, die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“. In Absatz 3 heißt es dort:

Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine Bildaufnahme, die die Nacktheit einer anderen Person unter achtzehn Jahren zum Gegenstand hat, herstellt oder anbietet, um sie einer dritten Person gegen Entgelt zu verschaffen

In den zwei Absätzen davor geht es um das, womit die „Bild“-Medien sonst eigentlich zu tun haben: unbefugte Bildaufnahmen einer Person in dessen Wohnung, die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs, unbefugt Bildaufnahmen von hilflosen Personen, das Zurschaustellen von Personen.

Mit Dank an Marcus D. für den Hinweis!

Bild.de wärmt einen Grusel-Clown in altem Frittenfett auf

Wir müssen noch einmal auf die Horror-Clowns zurückkommen. Vor vier Tagen veröffentlichte Bild.de diesen Artikel:

So eine seltene Sichtung verkaufen Julian Reichelt und sein Team natürlich direkt als kostenpflichtigen Inhalt, das entscheidende Video kann man aber auch ohne „Bild plus“-Zugang bei Youtube sehen.

Zu einer sich viermal wiederholenden Videosequenz sagt der Sprecher:

Horror-Clown-Alarm bei McDonald’s in Bocholt. Am Freitagabend gegen 21 Uhr stürmt ein Mann mit Maske und Motorsäge das Schnellrestaurant. Oli H. zückt sein Smartphone und filmt alles mit. Die Mitarbeiter verstecken sich hinter dem Tresen, etwa 15 Leute laufen in Panik aus dem Laden. Die ganze Zeit hört man das irre Lachen des Clowns. Und so schnell, wie er kam, ist er dann auch wieder verschwunden. Die Hintergründe des irren Auftritts bleiben völlig unklar.

Im dazugehörigen Artikel gibt es noch ein paar Aussagen vom filmenden Augenzeugen Oli H., der dort allerdings Markus H. heißt:

Freitagabend gegen 21 Uhr, Markus H. (22) sitzt mit einigen Freunden in einem McDonald’s-Restaurant in Bocholt: „Es war schon dunkel draußen. Wir hatten gerade unser Essen bekommen.“

Markus H. zu BILD: „Ich war im ersten Moment extrem geschockt. Wir dachten alle, das ist ein schlechter Scherz.“

Zu „Focus Online“ und selbst bis nach Österreich zu oe24.at hat es diese Horror-Clown-Geschichte geschafft:

Was weder Bild.de noch „Focus Online“ noch oe24.at den Lesern verrät: Die Aufnahmen sind bereits zwei Jahre alt. Und statt der 15 Leute, die „in Panik aus dem Laden“ laufen, sieht man in dem 51-Sekunden-Video vor allem zwei Mädchen, die sich vor Lachen kaum noch einkriegen. Und es sind auch keine Mitarbeiter zu sehen, die sich hinter dem Tresen verstecken, sondern ein Filialleiter, der mit dem Mann im Clown-Kostüm spricht.

Außerdem bleiben „die Hintergründe des irren Auftritts“ nicht völlig unklar, wie Bild.de behauptet. Das „Bocholter-Borkener Volksblatt“ hat nämlich mal nachgeforscht (Text hinter Bezahlschranke):

Im Teaser heißt es:

Panik bei McDonald’s in Bocholt, meldet eine Boulevardzeitung: Ein Gruselclown mit „offenbar echter Motorsäge“ habe die Gäste in Angst und Schrecken versetzt. Doch Entwarnung: Was sich da „Freitag gegen 21 Uhr“ ereignet haben soll, ist ein zwei Jahre alter Auftritt zu Halloween gewesen.

Die Lokalredaktion hat auch mit dem Grusel-Clown gesprochen. Der sagt heute:

„Ich hatte die Clownsmaske auf und die anderen haben das gefilmt. Das war damals ein echter Spaß für uns“, sagte der Bocholter Markus P. (Name geändert) dem BBV. […] Nun habe sich die Boulevardzeitung gemeldet und das Video gekauft.

Und:

Gruselclown Markus P. indes hat seinen zwei Jahre alten Auftritt ganz anders in Erinnerung: „Da ist niemand rausgerannt. Ich hab‘ mich am Anfang des Videos ruhig mit dem Geschäftsführer unterhalten.“

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder hat sich Bild.de bei dieser Geschichte von Oli/Markus H. so richtig über den Fast-Food-Tisch ziehen lassen. Oder die Redaktion hat sich all den Quatsch mit der Panik einfach ausgedacht. So oder so — für ein zwei Jahre altes Video zahlt man doch gerne ein „Bild plus“-Abo.

Mit Dank an @im_fo, Sisi T. und Ralf H. für die Hinweise!

Blättern: 1 2 3 4 ... 96