Archiv für Bild.de

„Bild“ könnte sich laut „Bild“ mehrfach strafbar gemacht haben

Manchmal stehen in der „Bild“-Zeitung auch interessante Sätze. Zum Beispiel am vergangenen Samstag in der Leipzig-Ausgabe:

Wenn sich das so bestätigt, ist das ohne Frage eine widerliche Tat. Aber klar sollte auch sein: Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Oder leicht abgewandelt ebenfalls am Samstag bei Bild.de:

Wenn sich das so bestätigt, ist das ohne Frage eine widerliche Tat. Allerdings: Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich möglicherweise strafbar machen.

Das, was sich „so bestätigen“ könnte, ist ein Vorfall vom vergangenen Dienstag im sächsischen Schkeuditz. Dort soll ein Mann beim örtlichen Reitverein eine Stute mit einem stockähnlichen Gegenstand missbraucht haben. Eine Überwachungskamera lieferte Fotos des Mannes, die eine Pferdewirtin auf Zettel druckte, die sie wiederum in der Region verteilte. Die FDP Nordsachsen verbreitete die Aufnahmen des Mannes, ebenfalls ohne Unkenntlichmachung, auf der eigenen Facebook-Seite und fragte dazu: „Wer kennt diesen Mann?“

Darüber berichteten dann auch „Bild“ und Bild.de:

Screenshot Bild.de - Polizei verärgert über Facebook-Post - FDP suchte nach mutmaßlichem Pferdeschänder
Ausriss Bild-Zeitung - Polizei verärgert über Facebook-Aufruf - Nordsachsen-FDP fahndet nach mutmaßlichem Pferdeschänder

Diese Fahndung sei nicht in Ordnung, sagt ein Polizeisprecher in „Bild“:

„Wir fangen erst an zu ermitteln und haben längst nicht alle Mittel ausgeschöpft. Eine Öffentlichkeitsfahndung ist dabei die letzte Maßnahme!“

Im Anschluss weisen die „Bild“-Medien in der bereits zitierten Passage darauf hin, dass man sich mit einem privaten Fahndungsaufruf strafbar machen könne.

Es ist gut und wichtig, dass die „Bild“-Redaktion mal so deutlich Position bezieht zu Fahndungsaufrufen, die nicht durch Gerichte angeordnet wurden. Denn als „Bild“-Leserin oder -Leser könnte man fast meinen, dass derartige Fahndungsaufrufe von Privatleuten oder Privatunternehmen das Geilste sind, wo gibt völlig in Ordnung sind.

Zur Erinnerung: So sah die „Bild“-Titelseite wenige Tage nach den Ausschreitungen rund um das G20-Treffen in Hamburg aus:

Ausriss Bild-Titelseite - Gesucht! Wer kennt diese G20-Verbrecher?
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Die „Bild“-Redaktion veröffentlichte im vergangenen Juli diesen Fahndungsaufruf in Millionenauflage, Vorverurteilung inklusive. Eine Öffentlichkeitsfahndung der Polizei gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir zitieren an dieser Stelle gern die Leipziger „Bild“-Ausgabe vom vergangenen Samstag:

Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Anderes Beispiel. Im vergangenen Oktober hat in Hamburg ein Mann seine eigene Tochter getötet und ist dann geflohen. Polizei und Staatsanwaltschaft verzichteten auf eine Öffentlichkeitsfahndung, weil man noch über erfolgsversprechende Ermittlungsansätze verfügte, die am Ende auch zur Festnahme des Mannes führten. Bild.de fragte bereits wenige Stunden, nachdem der Tod des Kindes bekannt geworden war, ungeduldig:

Warum fahndet die Polizei nicht öffentlich nach dem Killer?

Ein paar Tage später — es gab weiterhin keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei — reichte es den „Bild“-Medien. Sie veröffentlichten, ohne irgendeine Verpixelung, ein Foto des damals Tatverdächtigen:

Screenshot Bild.de - Dringend gesucht - Das erste Foto des Kinder-Killers

Noch einmal:

Wer private Fahndungsaufrufe verbreitet, kann sich strafbar machen.

Man muss aber nicht mal ins Archiv schauen, um auf die „Bild“-Bigotterie zu stoßen. Es reicht schon, in derselben Leipziger „Bild“-Ausgabe, aus der die Aussage zu privaten Fahndungsaufrufen stammt, vier Seiten zurückzublättern. Dann landet man im überregionalen Teil und bei dieser Geschichte:

Ausriss Bild-Zeitung - Ständig kriegt Marianne Fotos der Diebe - Diese Jungs haben mein Handy geklaut

Nicht nur Marianne „kriegt (…) Fotos der Diebe“ zu sehen, sondern auch die gesamte „Bild“- und Bild.de-Leserschaft. Sowohl online als auch in der Printausgabe zeigt die Redaktion ein unverpixeltes Foto der zwei Jungen, die die 70-Jährige beklaut haben und laut „Bild“ „etwa zehn Jahre alt“ sein sollen. Etwa zehn (!) Jahre alt.

Im Artikel sagt ein Polizeisprecher:

„Wir haben die Fotos der Jungen gesichert und fahnden jetzt nach ihnen.“

Es braucht also keine zusätzliche, mediale Fahndung nach zwei Kindern durch „Bild“ und Bild.de. Zumal man sich mit dieser „strafbar machen“ könnte. Das stand jedenfalls mal in „Bild“.

Mit Dank an Thomas, andreas und Alex F. für die Hinweise!

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Religiöse Wäschung mit Bild.de

Das Team von Bild.de will nicht nur Fotos toter Menschen zeigen, die Ärmsten der Armen bloßstellen oder mit falschen Zahlen weiter Stimmung gegen Geflüchtete machen; es will seine Leserinnen und Leser auch bei ganz alltäglichen Fragen helfen, etwa:

Screenshot Bild.de - Handtuch, Schlüpfer, Bettlaken - Darf ich Wäsche auf ​dem Balkon trocknen?

Und was würde zu dieser Frage besser passen als dieses Foto?

Screenshot Bild.de - Foto, das viele bunte Stoffstücke auf zwei Leinen auf einem Balkon zeigt

In der Bildunterschrift schreibt die Redaktion:

Bei dieser Buntwäsche drückt der Vermieter wohl beide Augen zu

Vielleicht hat aber auch der Bild.de-Bildredakteur bei der Fotowahl beide Augen zugedrückt und einfach nur irgendetwas rausgesucht, das nach Wäsche auf einem Balkon aussieht. Denn man kann diese tibetische Gebetsfahne bestimmt in die Buntwäsche packen. Sie hängt dort aber sicher nicht zum Trocknen.

Mit Dank an Lothar Z. für den Hinweis!

Gefährliche Suizid-Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de

Es ist eine wirklich positive Entwicklung: Wenn Redaktionen über Suizide berichten, dann binden sie inzwischen fast immer einen kleinen Kasten in ihre Artikel ein, in dem die Leserschaft die Internetadresse der „TelefonSeelsorge“ (telefonseelsorge.de) sowie die kostenlosen Telefonnummern (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) der Organisation finden kann.

In der heutigen Düsseldorf-Ausgabe der „Bild“-Zeitung gibt es auch einen solchen Kasten. Er ist überschrieben mit „Selbstmordgedanken? Hier bekommen Sie Hilfe“ und endet mit den Worten: „Unter der kostenlosen Hotline (…) erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.“ Wie gesagt: Das ist gut. Aber es ist fragwürdig, wie ernst die Redaktion es wirklich mit der Suizidprävention rund um ihre Berichterstattung meint.

Der Hinweis zur „TelefonSeelsorge“ gehört zu einem Artikel über einen 17-Jährigen, der sich das Leben genommen hat:

Ausriss Bild-Zeitung - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer - B. fuhr Passagiere ohne Führerschein. Als er aufflog, nahm er sich das Leben
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Auch bei Bild.de erschien der Artikel, weit oben auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Als er aufflog, nahm er sich das Leben - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer B.

Der Junge hatte eine Ausbildung zum Busfahrer begonnen und ist — ohne den nötigen Busführerschein — reguläre Linienbusse mit Fahrgästen durch Wuppertal gefahren. Nach einigen Fahrten ist er aufgeflogen. Die „Wuppertaler Stadtwerke“ sollen laut „Bild“ daraufhin Schlüssel und Dienstausweis zurückgefordert und dem Jungen Hausverbot erteilt haben. Die „Bild“-Autorin schreibt dazu einen ausgesprochen bedenklichen Satz:

Bis ihn die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) bei einer seiner illegalen Touren erwischten. Da sah B(.) keinen Ausweg — und nahm sich das Leben.

Es gibt verschiedene Leitfäden für Medien, wie sie — wenn sie denn unbedingt wollen — am besten über Suizide berichten sollten. Denn seit Jahrzehnten zeigt sich, dass eine intensive Berichterstattung über Suizide zu weiteren Suiziden durch Nachahmer führen kann („Werther-Effekt“). Rücksichtslose Schlagzeilen und Artikel können Menschenleben kosten. Einer dieser Leitfäden stammt von der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ (PDF), ein anderer von der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ (PDF). In beiden Leitfäden wird vor einem solchen Satz, wie ihn „Bild“ und Bild.de heute veröffentlichen, gewarnt:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, zum Beispiel den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen beziehungsweise den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“)

… schreibt die „Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention“. Und die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ schreibt:

Nachahmung setzt Identifikation voraus. Diese Gefahr steigt, wenn der Suizid als nachvollziehbare Reaktion oder als einziger Ausweg bezeichnet wird

Der so wichtige Ausweg, den es so gut wie immer gibt und mit dem „Bild“ die Hotline der „TelefonSeelsorge“ bewirbt, fehlt im „Bild“-Beitrag komplett.

Und auch weitere Aspekte, die in den Medienleitfäden gennant werden, missachtet der Artikel:

  • Die „Bild“-Medien berichten groß und ausführlich und prominent platziert über den Fall (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn durch Titelgeschichten, Schlagzeilen und Fotos Aufmerksamkeit erregt wird“).
  • „Bild“ (im Blatt) und Bild.de (auf der Startseite) zeigen ein unverpixeltes Foto des Jungen, vermutlich mit Erlaubnis der Eltern. Jedenfalls hat die „Bild“-Autorin mit den Eltern gesprochen, Zitate der Mutter kommen im Artikel vor, genauso ein Foto der Eltern (im Leitfaden steht: „In der Berichterstattung sollte vermieden werden, ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren“).
  • Die „Bild“-Autorin nennt die Suizidmethode, den (anonymen) Ort sowie weitere Details zum Suizid (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn die Suizid-Methode detailliert beschrieben wird“).

Ja, es hat sich einiges verbessert bei der Berichterstattung über Suizide, auch bei den „Bild“-Medien. Es bleibt aber vieles, was sich noch verbessern muss.

Jens R.

„Spiegel Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Spiegel Online - Amoktäter von Münster - Wie Jens R. sein Leben entglitt - Der Amokfahrer von Münster hatte wohl schon als Kind Suizidgedanken. Jens R. flüchtete sich später in Verschwörungsideen und zeigte nach SPIEGEL-Informationen seinen Vater an, als der ihm helfen wollte.

Welt.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Welt.de - Folgenschwerer Sturz - Wie konnte Jens R. zum Mörder werden?

FAZ.net schreibt von „Jens R.“:

Screenshot FAZ.net - Amokfahrer von Münster - Das rätselhafte Leben des Jens R.

Stern.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot stern.de - Amokfahrt von Münster - Es liegt der Verdacht nahe, dass Jens R. eine paranoide Schizophrenie hatte

Tagesspiegel.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Tagesspiegel.de - Täter von Münster - Hatte der Amokfahrer Jens R. Kontakte zu Rechtsextremisten?

„Zeit Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Zeit Online - Jens R. - Täter von Münster wollte Suizid begehen - Jens R. handelte laut neuen Erkenntnissen in Selbstmordabsicht. Die Ermittler dementierten Berichte, wonach er seine Tat kurz zuvor andeutete.

Süddeutsche.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Süddeutsche.de - Anschlag in Münster - Jens R. gegen den Rest der Welt

Selbst „Focus Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Focus Online - Psychologe erklärt das Unfassbare - Jens R. machte Eltern Vorwürfe - Psychologe zweifelt an Kindheitstrauma als Amok-Auslöser

So gut wie jede Redaktion in Deutschland schreibt von „Jens R.“, wenn sie über den Mann berichtet, der bei seiner Amokfahrt am Samstagnachmittag in Münster zwei Menschen tötete und viele weitere verletzte — mit einer Ausnahme: „Bild“ und Bild.de. Nur die „Bild“-Medien nennen den kompletten Namen des Attentäters, ohne Rücksicht etwa auf dessen Familie:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Protokoll der Amok-Fahrt von Münster - Um 15.27 Uhr fuhr Jens Nachname Volleyball-Star Chiara ins Koma
Screenshot Bild.de - Amokfahrer von Münster schrieb Jammer-Brief im Tatfahrzeug - Psychotherapeut analysiert 92 Seiten Abschiedsbrief von Jens Nachname
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Dazu auch:

Mit Dank an @FrauBeng, @bluejacket12346 und @jujohol für die Hinweise!

BILD wird BreitBILD

Ein Gastbeitrag von Alf Frommer

Mal Hand aufs Herz: Hätte man sich jemals vorstellen können, dass man sich Kai Diekmann als BILD-Chefredakteur zurückwünscht? Der Kai Diekmann, der meinte, er könnte einen Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg zum Kanzler hochschreiben, und der selbst zahllose BILD-Kampagnen gegen Minderheiten fuhr. Doch bei Diekmann hatte man noch das Gefühl, der macht dies als professioneller und abgewichster Boulevard-Journalist. Der schreibt heute „Hü“ und morgen „Hott“, weil er wusste, dass sich schweigende Mehrheiten durchaus mal ändern, und das gesunde Volksempfinden eine launische Diva sein kann. Ihm war das Produkt im Zweifel näher als seine persönliche Meinung.

Dies hat sich unter Julian Reichelt komplett geändert. Der jetzige BILD-Chef ist erst ein Überzeugungstäter und dann ein Boulevard-Journalist. Wahrscheinlich ist Julian Reichelt der gefährlichste Medienmacher, den die wiedervereinigte Bundesrepublik je erleben durfte. Denn er macht aus BILD ein Weltuntergangs-Angebot im Stile der neurechten Medien wie „Breitbart“, „Tichys Einblick“ oder „Compact“. Nur eben mit der Reichweite und dem Einfluss von BILD. In den neurechten Medien wird spätestens seit der „Flüchtlingswelle“ 2015 der Untergang unseres schönen Deutschlands beschworen — mehr noch: fast herbeigesehnt. Da ging es früher um „Massenvergewaltigungen“ (natürlich vornehmlich durch Ausländer) und heute um „massenhafte Messerangriffe“ (natürlich auch vornehmlich durch Ausländer). Unter einer Epidemie machen es die Untergangspropheten nämlich nicht mehr. Sonst wäre es ja kein gesellschaftliches Problem.

Was früher ausschließlich in den Echokammern der Neurechten für Aufregung sorgte, findet heute Gehör bei einem der mächtigsten Medienmenschen des Landes. Dessen Filterblase ist so durchlässig, dass dort bekannte Hetz-Accounts als Teil einer ernsthaften Investigativ-Recherche wahrgenommen werden. Mehr noch: Julian Reichelt retweetet oder zitiert diese Accounts, die unter anderem die „Tagesschau“ als „staatliche Lügenfabrik“ bezeichnen. Sind das wirklich nur Mausrutscher oder hat das nicht vielmehr System? BILD reiht sich nun ein und beschwört das Bild eines Deutschlands herauf, welches islamisiert wird, überall Messerangriffe von Flüchtlingen, an jeder Ecke importierter arabischer Antisemitismus. Im Grunde unterscheidet BILD bei dieser Endzeit-Berichterstattung nichts mehr von „Breitbart“ und Co. Die Redaktion macht nun ein Blatt für die 13 Prozent der Gesellschaft, die AfD gewählt haben.

Eine der verbleibenden positiven Aspekte bei BILD ist das klare Bekenntnis gegen Antisemitismus in jeder Form. Nun jedoch wird der Kampf genau dagegen missbraucht, um den Religionshass gegen Muslime zu schüren. Da wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Natürlich ist der Kampf gegen Antisemitismus zu begrüßen. Aber selbst da darf nicht jedes Mittel recht sein. Vor allem, wenn man dafür eine andere Religion als per se rückständig, frauenfeindlich, antidemokratisch, gefährlich hinstellt (übrigens auch befeuert von der Seehofer-CSU). Diese Entwicklung ist mehr als bedenklich — insbesondere, weil Julian Reichelt immer vollkommen überrascht ist, wenn man ihm oder seiner Zeitung Nähe zur AfD unterstellt. Tja, manchmal sieht man den Blätterwald vor lauter braunen Bäumen nicht mehr. Das kann selbst einem Julian Reichelt passieren.

Ist Bild.de doch egal, worum das BKA bittet

Das Bundeskriminalamt (BKA) konnte in der vergangenen Nacht bei Twitter einen Fahndungserfolg melden:

Screenshot eines Tweets des Bundeskriminalamts - Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern - Fahndung ist erfolgreich beendet. Festnahme des Tatverdächtigen. Wir sagen Danke! Bitte löschen Sie alle geteilten Bilder. Weitere Informationen werden hier im Laufe des Tages veröffentlicht.

Nach dem Verdächtigen wurde seit gestern per Öffentlichkeitsfahndung gesucht. Zahlreiche Medien zeigten das Gesicht des Mannes, der zwei Jungen missbraucht, Aufnahmen von ihnen gemacht und diese Kinderpornographie in Foren verbreitet haben soll. Die Bitte des BKA, die Fotos, die den Verdächtigen zeigen, nun zu löschen, erscheint logisch: Die Fahndung ist abgeschlossen, der Verdächtige geschnappt — warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Ja, Mitarbeiter von Bild.de, warum also weiter sein Gesicht zeigen?

Screenshot Bild.de-Startseite - Nach Öffentlichkeitsfahndung - Kinderschänder von Viersen gefasst - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

In dem Artikel zur Festnahme des Gesuchten, den die Redaktion heute morgen auf ihrer Startseite anteaserte, hat sie auch den Tweet des BKA eingebettet, in dem die Behörde um die Löschung der Fotos bittet. Dieser Artikel startet so:

Screenshot eines Bild.de-Artikels - Zu sehen ist die Überschrift Kinderschänder von Viersen gefasst und direkt darunter das Gesicht des Tatverdächtigen in Großaufnahme

Etwas weiter unten im Text folgt dann der BKA-Tweet:

Screenshot des Bild.de-Artikels - Zu sehen ist der eingebettete BKA-Tweet

Ein paar Stunden später hat Bild.de einen weiteren Text zu der Festnahme gebracht — wieder mit dem BKA-Tweet, wieder mit einem unverpixelten Foto des Verdächtigen. Und wieder hat die Redaktion den Beitrag prominent auf der Startseite verlinkt:

Screenshot Bild.de-Startseite - Leberflecke überführen Kinderschänder - mit unverpixeltem Foto des Verdächtigen

Wir haben bei „Bild“-Sprecher Christian Senft nachgefragt, warum Bild.de das Gesicht des Mannes ohne jegliche Unkentlichmachung zeigt und ob der Redaktion die Bitte des Bundeskriminalamts egal ist. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Dass es auch anders geht, zeigen die „Springer“-Kollegen der „B.Z.“: Auf deren Website ist ebenfalls ein Artikel zu der Festnahme erschienen, auch sie haben den BKA-Tweet eingebettet — und über das Gesicht des Verdächtigen immerhin einen großen schwarzen Balken gelegt.

Dazu auch:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild.de lässt Situation an Schulen außer Kontrolle geraten

Gestern Abend veröffentlichte Bild.de einen Artikel mit dieser Überschrift:

Screenshot Bild.de - Morddrohungen gegen ungläubige Kinder - Präsident des Deutschen Lehrerverbandes schlägt Alarm - Unsere Schulen sind außer Kontrolle
Screenshot Bild.de - Artikelüberschrift - Lehrerverband warnt - Unsere Schulen sind außer Kontrolle

Da könnte man ja fast denken, dass Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des „Deutschen Lehrerverbandes“, in seinem Interview mit der „Bild“-Redaktion gesagt hat, dass „unsere Schulen“ „außer Kontrolle“ sind. Nur hat er das nicht. Auf die Frage, was die Folgen von (Gewalt-)Problemen an deutschen Schulen seien, sagt Meidinger:

Meidinger: „Manche Schulen werden inzwischen von privaten Wachdiensten beschützt. Sie sollen in den Gebäuden, auf den Schulhöfen und an den Eingängen für Sicherheit sorgen. Das ist zwar gleichbedeutend mit einer Kapitulation der Pädagogik, aber zum Teil auch nachvollziehbar, denn immer wieder bringen Schüler Messer oder Reizgas-Sprays mit in die Schule. Wenn wir bei der Integration in diesen Problembezirken keine Fortschritte machen, drohen amerikanische Verhältnisse. Und an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken laufen wir Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Das dürfen wir nicht zulassen.“

Wir laufen Gefahr, „dass die Situation außer Kontrolle gerät“, „an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken“. Sie ist laut Meidinger noch nicht „außer Kontrolle“. Vor allem nicht flächendeckend an „unseren Schulen“.

So schnell verdreht die Bild.de-Redaktion eine Aussage und lässt es für eine gut klickende Überschrift so wirken, als herrsche in den Klassenzimmern und auf den Pausenhöfen im Land vornehmlich Chaos.

Aus der darauffolgenden Antwort Meidingers macht Bild.de gleich die nächste akrobatische Verrenkung:

Hat die Flüchtlingskrise die Lage an den Schulen noch einmal verändert?

Meidinger: „Es gab schon vorher massive Integrationsprobleme in einer Reihe von Brennpunkt-Regionen. Durch den Zustrom nach 2015 hat sich aber der Problemdruck noch einmal verschärft.“

Diese Aussage vermischt die Redaktion mit jener zu den „amerikanischen Verhältnissen“:

Screenshot Bild.de - Lehrerverband warnt: US-Zustände an Schulen nach Flüchtlingskrise

Auch hier: Heinz-Peter Meidinger sagt lediglich, es „drohen“ „amerikanische Verhältnisse“, „wenn wir bei der Integration in diesen Problembezirken keine Fortschritte machen“. Er sagt nicht, dass sie vorherrschen. Und er bringt sie auch nicht direkt mit Flüchtlingen in Verbindung.

Nun könnte man einwenden, dass es sich ja nur um eine kleine Dachzeile ganz oben im Artikel handelt. Sie ist allerdings von großer Bedeutung, denn diese Zeile wird in der Regel als Überschrift angezeigt, wenn man den Bild.de-Artikel bei Facebook teilt.

Und wem könnte eine solche (hingebogene) Aussage wohl besonders gut gefallen?

Zum Beispiel Nicolaus Fest, der früher mal stellvertretender Chefredakteur bei „Bild am Sonntag“ war, dort auf übelste Weise gegen den Islam feuerte und jetzt Sprecher der AfD Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf ist:

Screenshot eines Facebook-Posts von Nicolaus Fest, der den Bild.de-Artikel teilt

Oder Andreas Bleck, der für die AfD im Bundestag sitzt:

Screenshot eines Facebook-Posts von Andreas Bleck, der den Bild.de-Artikel teilt

Oder dem AfD-Kreisverband Main-Taunus:

Screenshot eines Facebook-Posts des AfD-Kreisverbandes Main-Taunus, der den Bild.de-Artikel teilt

Oder der AfD Amberg Neumarkt:

Screenshot eines Facebook-Posts der AfD Amberg Neumarkt, der den Bild.de-Artikel teilt

Mit Dank an Anonym für den Hinweis!

„Frivole Sex-Spiele an der Schule“: Wie „Bild“ sich am Missbrauch durch Lehrerinnen aufgeilt

Wenn sich ein Lehrer an einer minderjährigen Schülerin vergeht, finden die Leute von „Bild“ das bestialisch, widerwärtig, unverzeihlich.

Wenn sich eine Lehrerin an einem minderjährigen Schüler vergeht, finden sie das — megaheiß.

Ein Hammer-Body. Tolle Augen. Ein Bikini, der alle Blicke auf sich zieht! Welcher Schüler würde beim Anblick einer solchen Lehrerin nicht auf verbotene Gedanken kommen?

schrieben sie etwa 2014, als eine Lehrerin in den USA wegen 30-fachen Missbrauchs eines Schülers vor Gericht stand. Als im vergangenen Jahr eine andere Lehrerin in einem ähnlichen Fall angeklagt wurde, geierten sie:

Diese Kurvendiskussionen waren im Lehrplan sicher nicht vorgesehen: Mathelehrerin Erin [M.] (25) verführte gleich drei ihrer Schüler zum Sex.

Genüsslich breitet die Redaktion dann die „pikanten Details“ aus („‚Sie taten es irgendwann sogar mit Sex-Spielzeug, Lutschern und trugen Halsbänder’“) und beschreibt detailliert, wo und wie sie es „miteinander trieben“, sie zitiert aus den „heißen SMS“, zeigt Fotos der (gerne mit Attributen wie „schön“ oder „attraktiv“ versehenen) Lehrerinnen und nennt die Taten statt „Missbrauch“ viel lieber:

FRIVOLE SEX-SPIELE AN DER SCHULE | Er war erst 16! - Sex-Lehrerinnen haben flotten Dreier mit Schüler - Ein 16-jähriger Football-Star an der Schule - das törnte die Lehrerinnen wohl gehörig an: Nach dem Spiel kam's zum flotten Dreier! | Affäre mit Schülerin (15) - Sex-Lehrerin (26) muss in den Knast - Weil Lehrerin Emily Fox (26) ein Verhältnis mit ihrer Schülerin (15) hatte, schickte ein Richter sie jetzt für 15 Monate in den Knast.

„Frivole Sex-Spiele an der Schule“. „Flotter Dreier im Klassenzimmer“. „Die Schule als Sündenpfuhl“. So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern.

Diese Pornoisierung — und damit einhergehende Verharmlosung und sogar Aufwertung der Taten — zeigt sich schon an der Wahl der Begriffe. Während zum Beispiel männliche Täter, die ihre Schülerinnen oder Schüler missbrauchen, meist als „Kinderschänder“ bezeichnet werden (mehr zu diesem Begriff hier), nennt „Bild“ die übergriffigen Frauen immer nur „Sex-Lehrerinnen“. Sie „vergewaltigen“ auch nicht, sie „verführen“.

Sex-Lehrerinnen verführen Schüler (13)

Sex-Lehrerin verführte Schüler

Sex-Lehrerin verführt drei Schüler - Anklage!

Schüler (15) von Sex-Lehrerin verführt

Sex-Lehrerin (27) verführt Schüler (16)

Lehrerin (45) verführte 17-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (31) verführte Schülerin (17)

Lehrerin verführt Schüler (16)

Religions-Lehrerin (39) verführte 15-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (25) verführt Schüler (17)

Spanisch-Lehrerin verführt katholischen Schüler (15)

Sie verführte geistig behinderten Schüler

Sex-Lehrerin verführt Opfer mit Autos und Waffen

Sex-Lehrerinnen verführten Schüler am Strand

Und bei „Bild“ geht ihnen dermaßen einer ab bei solchen Geschichten, dass sie keine einzige davon auslassen.

Folgend eine Collage mit elf Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine einzige.

Folgend eine Collage mit elf weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine. Einzige.

Folgend eine Collage mit 71 weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

In den USA (aus denen die meisten dieser Fälle stammen) wird übrigens ein Großteil der sexuellen Übergriffe von Männern begangen — auch an Schulen. Von diesen Fällen liest man bei „Bild“ so gut wie nie.

Mit Dank an Moritz D., Christian M., Rudy, Sven, brian und roy für die Hinweise!

Siehe auch:

„Bild“ lässt Siebenjährigen auf Lehrerin einstechen

Ein 18-Jähriger ersticht aus Eifersucht seine Freundin (17). Ein Siebenjähriger rammt seiner Lehrerin ein Messer in den Bauch. Ein 15-Jähriger ersticht seine Mitschülerin (14). Ein 14-Jähriger sticht auf einem Spielplatz einen Mann ab, sagt danach: „Mir egal, hat er verdient.“

Mit dieser Sammlung beginnt die „Bild“-Redaktion ihren heutigen „Report“ zur „Messer-Angst in Deutschland“:

Ausriss Bild-Titelseite - Bis zu 300 Prozent mehr Angriffe - Messer-Angst in Deutschland - Polizei schlägt Alarm - der Report

Der Fall des Siebenjährigen, der vor knapp zwei Wochen seine Lehrerin mit einem Messer verletzt haben soll, steht wie selbstverständlich zwischen all den anderen Fällen, die laut „Bild“ und Bild.de in ihrer Häufung „ein mulmiges Gefühl“ hinterlassen. Die „Bild“-Medien stellen den Grundschüler in eine Reihe mit Jugendlichen, die grausame Verbrechen begangen haben oder begangen haben sollen, andere Menschen umgebracht haben oder umgebracht haben sollen. Schaut man sich allerdings die bisher bekannten Fakten zu dem Vorfall im baden-württembergischen Teningen an und liest sich Aussagen des Opfers durch, wirkt es alles weit weniger brutal, als es „Bild“ in den vergangenen Tagen dargestellt hat.

Doch der Reihe nach.

Am 6. März schickte eine Grundschullehrerin einen Zweitklässler aus dem Klassenzimmer, damit dieser an einem Tisch auf dem Flur nicht erledigte Hausaufgaben nachholt. Der Junge soll schon seit seiner Einschulung auffällig sein, den Unterricht stören, gegenüber Mitschülern gewalttätig sein, häufig Probleme machen. Als die Lehrerin nach dem Jungen schaut, hat dieser ein Messer in der Hand, vermutlich hat er es in der Bastelecke der Schule gefunden. Der „Badischen Zeitung“ sagt die Lehrerin (Artikel nur mit Abo lesbar), sie habe den Jungen aufgefordert, ihr das Messer zu geben. Das habe dieser nicht getan. Sie habe dann nach der Hand des Schülers gegriffen, um ihm das Messer abzunehmen. Es kam dann wohl zu einer Rangelei:

„Dann hat er zu sich gezogen und ich zu mir — da muss es dann passiert sein“, sagt die Frau. Wie genau — da sei sie aber unsicher. Sicher sei sie jedoch, dass der Junge das Messer in der Bastelecke gefunden und nicht mitgebracht habe. „Ich bin sicher, dass er es nicht geplant hat.“

Die Schilderungen der Lehrerin klingen nach einem sehr unglücklichen Ablauf mit schlimmen Folgen für sie selbst: Die etwa ein Zentimeter tiefe Stichwunde im Bauchbereich musste unter Vollnarkose operiert werden, die Frau ist bis heute krankgeschrieben, sie leide noch immer unter Panikattacken. Ihre Beschreibung des Vorfalls klingt nicht so, als wäre der Siebenjährige ein skrupelloser Gewalttäter, der geplant mit Waffen auf andere Menschen losgeht.

Genau dazu macht ihn aber ein Artikel, den „Bild“ und Bild.de (nur mit „Bild plus“ lesbar) bereits am Samstag veröffentlicht haben:

Screenshot Bild.de - Siebenjähriger sticht auf seine Lehrerin ein - Sabine T. und ihre Kollegen hatten die Behörden immer wieder vor dem Zweitklässler gewarnt

Die „Bild“-Medien schreiben:

Alle wussten, welche Gefahr von dem aggressiven Jungen (7) ausgeht. Doch es passierte — nichts. Jetzt griff der Zweitklässler zum Messer — und stach es einer Lehrerin in den Bauch!

Und:

Als sie ihm das Messer wegnehmen wollte, stach er zu!

Diese Darstellung passt nicht zum Ermittlungsstand der Polizei. Demnach ist der Junge kein Messerstecher im Sinne von: Messer greifen und aktiv zustechen. Es habe sich nicht um einen „gezielten Angriff“ gehandelt, steht in der Polizeimeldung: „Es gibt derzeit keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Siebenjährige seine Lehrerin bewusst verletzen wollte.“

Die Darstellung der „Bild“-Medien passt auch nicht mit der Aussage des Opfers in der „Badischen Zeitung“ zusammen — das Gerangel kommt im „Bild“-Text gar nicht erst vor. Dabei sprach die Redaktion sogar mit der Lehrerin („Doch jetzt meldet sich die verletzte Lehrerin in BILD zu Wort.“). Sie sagt in dem Artikel unter anderem: „‚Ich leide noch heute unter dem Angriff und finde es schlimm, dass das so verharmlost wird.'“ Sie meint damit wohl auch eine Aussage der zuständigen Polizeistelle, die anfangs lediglich von „oberflächlichen Schnittverletzungen“ sprach.

Den „Bild“-Artikel von Samstag griffen einige weitere Redaktionen auf. Bei „Spiegel Online“ wird der Junge zum „Messerstecher“:

Screenshot Spiegel Online - Attacke auf Lehrerin - Siebenjähriger Messerstecher war schon mehrfach gewalttätig

Bei RTL.de sticht er „auf (die) Lehrerin ein“:

Screenshot RTL.de - Teningen: Siebenjähriger sticht auf Lehrerin ein - dabei hatte die Grundschule die Behörden vor ihm gewarnt

Bei Heute.at sticht er die „Lehrerin nieder“:

Screenshot Heute.at - Bub sticht Lehrerin nieder - Polizei verheimlicht Tat

Und laut „Bild“-Ausgabe von heute hat er seiner Lehrerin also „ein Messer in den Bauch“ gerammt.

Bei dem Siebenjährigen handelt es sich offenbar um ein Kind, das größere Probleme mit Aggression hat und besondere Hilfe braucht. Es scheint sich aber nicht um einen kaltblütigen siebenjährigen Schwerverbrecher zu handeln, den man in der Titelgeschichte von Deutschlands größter Tageszeitung in einem Atemzug mit vermutlichen Mördern oder Totschlägern nennen sollte. Heinz-Rudolf Hagenacker, Bürgermeister von Teningen, warnt vor einer „medialen Vorverurteilung“ des Jungen. Ein Bürgermeister muss Redaktionen bitten, dass sie sich nicht auf einen Siebenjährigen — wohlgemerkt: Siebenjährigen (!) — stürzen.

Leider scheinen solche Hinweise nötig zu sein: Ein BILDblog-Leser, dessen Kinder nach eigener Aussage auf die Grundschule in Teningen gehen, schrieb uns, dass die Schule heute von Kamerateams und Pressemitarbeitern belagert wurde. Angeblich mussten Polizisten kommen, und Eltern ihre Kinder abholen.

Mit Dank an UK für den Hinweis!

„Natürlich“

Letzte Woche veröffentlichte Bild.de … Nee, anders!

Vergangene Woche veröffentlichte die Polizei Leipzig … Nee, noch anders!

Ende September 2017 wurde in Leipzig-Liebertwolkwitz ein BMW 730d gestohlen. Der Dieb fuhr offenbar kurz darauf auf der Bundesstraße 6 in eine Radarfalle und wurde dort fotografiert. Ein praktisches Beweismittel, das die Polizei aber nicht ohne richterliche Erlaubnis veröffentlichen durfte.

Oder in den Worten von Bild.de:

Das Blitzerfoto brauchte lange Zeit, um Ämter und Behörden zu passieren. Jetzt endlich genehmigte ein Richter die Öffentlichkeitsfahndung, ließ die Polizei aber wissen, dass diese „vorerst ausschließlich in den örtlichen Printmedien erwünscht ist und ohne Online-Medien“ erwünscht sei.

Und wie geht es im nächsten Absatz wohl weiter?

Diesem Wunsch kommt BILD nicht nach, zeigt den rasenden Autodieb natürlich auch online. Die Polizei will wissen: Wer erkennt auf dem Bild den Fahrer und kann diesen identifizieren? Hinweise an die Kripo unter Telefon: (…) oder jede Dienststelle.

(Hervorhebung im Original)

„Natürlich“.

Denn Bild.de ist, was das angeht, in Sachsen durchaus polizeibekannt. Im Oktober 2016:

Schauen Sie sich diese Frau und diesen Mann ganz genau an! Wenn Sie das Paar erkennen, rufen Sie unbedingt die Polizei (…), auch wenn diese die Online-Fahndung nach den brutalen Räubern aus Dresden „nachdrücklich“ verhindern will.

„Wir bitten nachdrücklich darum, von einer Veröffentlichung im Internet einschließlich sozialer Netzwerke abzusehen“, teilte Polizeisprecherin Jana Ulbricht am Donnerstag mit. Nach ihrem Wunsch sollen nur „lokale Printmedien“ über den Fall berichten.

Diesem Wunsch entspricht BILD nicht. Wir zeigen die Täter im Internet, damit diese endlich gefasst werden. Denn die Fahnder haben bereits wichtige Zeit mit erfolglosen Ermittlungsversuchen verstreichen lassen.

(Hervorhebungen im Original)

Im Dezember 2017:

Es geschah bereits am 9. August. Doch wie üblich warteten Polizei und Justiz erst einmal ab, öffentlich nach dem Täter zu suchen. Und auch jetzt — nach vier Monaten — soll die „Öffentlichkeitsfahndung“ ohne breite Öffentlichkeit stattfinden und „auf die örtlichen Print-Medien beschränkt“ bleiben. BILD ignoriert diese Bitte und zeigt die Fotos im Internet.

Als wir die Polizeidirektion Leipzig um eine Stellungnahme zum aktuellen Fall gebeten haben, wirkte Pressesprecher Andreas Loepki dann auch ein wenig resigniert und verwies nur auf ein Interview, das er dem Medienblog „Flurfunk Dresden“ bereits im Dezember 2016 gegeben hatte — nach der oben aufgeführten „nachdrücklichen“ Bitte der Polizei und der Trotzreaktion von Bild.de.

Darin erklärt Loepki ausführlich, warum die Polizei auf das sogenannte „Stufenmodell“ bei der Öffentlichkeitsfahndung setzt (hat mit für Bild.de so absurden Konzepten wie „Persönlichkeitsrechten“ und „Verhältnismäßigkeit“ zu tun und damit, dass er „als Polizeibeamter selbstverständlich mehr Gesetze und Verordnungen beachten und anwenden muss, als andere“) und was Medienvertretern droht, die sich den Bitten der Polizei widersetzen („rechtliche Grauzone“, „am ehesten könnte sich ein abgebildeter Tatverdächtiger wehren“).

Und er sagt auch, warum er zuvor einige Medienvertreter als „unbelehrbar“ bezeichnet hatte:

Bestimmte Medienvertreter — insbesondere von Online-Medien — wurden bereits mehrfach und konstruktiv auf Sinn und Zweck des Stufenmodells hingewiesen. Dies können sie zwar einigermaßen nachvollziehen, aber aufgrund der mangelnden Konsequenzen überwiegt leider das Veröffentlichungs- bzw. Verkaufsinteresse. Hierbei wurden teilweise sogar unsere einschränkenden Worte aus der E-Mail abgedruckt und als polizeilicher Unwille dargestellt, um sich selbst zum Kämpfer für Recht und Ordnung aufzuschwingen. Da werde ich dann empfindlich und scheue auch nicht davor zurück, diesen Journalisten eine Verbalohrfeige zu erteilen, denn letztlich geht es ihnen allein um „Klickzahlen“ und den Verkauf ihrer Werbebanner.

Theoretisch hat „Bild“ übrigens im vergangenen Oktober mal einen Oberstaatsanwalt erklären lassen, wie so eine Öffentlichkeitsfahndung funktioniert, warum sie manchmal erst so spät erfolgt und was es dabei alles zu beachten gilt.

Das hat nur in der Redaktion in Sachsen vermutlich niemand gelesen.

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