Archiv für Bild.de

Über Tote lachen mit Bild.de

Bei Bild.de gibt’s eine neue Funktion. Die Leser können jetzt, wie bei Buzzfeed, unter ausgewählten Artikeln eine Reaktion anklicken. „Mood Tagging“ nenne man das, wie Bild.de-Chef Julian Reichelt erklärt, und so sieht das Ganze aus:

Das abgebildete Voting stammt übrigens aus diesem Artikel:

Auch den Artikel über drei Menschen, die von Hornissen totgestochen wurden, finden einige Bild.de-Leser offenbar zum Lachen, oder den über einen Arzt, der an Ebola gestorben ist.

Bei vielen Artikeln ist die Abstimmung immerhin gar nicht erst möglich. Und aus dem Text über einen Fußballspieler, der sich bei einem Salto das Genick brach und kurz darauf verstarb, hat Bild.de das Voting-Tool gestern im Laufe des Tages entfernt. Letzter Stand: über 200 lachende Leser.

Mit Dank an Arnd Z.

„Lasst ihn in Ruhe trauern!“

Normalerweise stimmen wir den Kommentaren der „Bild“-Leserschaft ja eher nicht so unbedingt zu. Diesmal allerdings …




















So sehen sehr, sehr viele der fast 400 Kommentare aus.

Die Fotos (der trauernde Vater sowie ein Facebook-Foto seines verstorbenen Sohnes) sind übrigens auch in der gedruckten „Bild“ erschienen. Wir haben beim Axel-Springer-Verlag nachgefragt, ob für die Veröffentlichung eine Erlaubnis vorlag — eine Antwort haben wir nicht bekommen.

Mit Dank an Christoph.

Vier Gramm Heroin und ein paar Kilo Bullshit

In den USA hat eine Vierjährige in der Kita Heroin verteilt, weil sie dachte, in den Tütchen seien Süßigkeiten.

Klingt schon irgendwie faul, aber laut Angaben der Delaware State Police soll sich die Geschichte tatsächlich so abgespielt haben. Zusammengefasst: Mutter gibt Kind falschen Rucksack mit, Kind verteilt Heroin, nix passiert, alle wohlauf, Mutter festgenommen.

Wo man diese Geschichte auch liest, sie klingt immer gleich. Nur an einer Stelle gehen die Angaben der deutschen Medien seltsam auseinander: Wenn es darum geht, wie viel Heroin in dem Rucksack war.

Die „Huffington Post“ und die „Yahoo Nachrichten“ meinen, es seien …

insgesamt 4 Gramm

gewesen.

Die AFP hingegen schreibt:

Insgesamt wurden 249 Päckchen mit jeweils 3,735 Gramm Heroin im Rucksack des Mädchens gefunden.

Das berichten unter anderem auch T-Online.de, Faz.net, und „RP Online“. 249 mal 3,735, macht knapp über 900 Gramm.

Wer bietet mehr?

Bild.de.

Fast vier Kilogramm des schweren Rauschgifts hatte das Mädchen verteilt.

„Fast vier Kilogramm“. So viel ist es auch bei n-tv.de und in der Online-Ausgabe des „Berliner Kurier“.

Vier Kilo. Also das Tausendfache von dem, was andere Medien berichten. Und die 900 Gramm sind auch noch im Rennen.

Zumindest für den Ursprung der verschiedenen Versionen haben wir eine mögliche Erklärung gefunden. In der Pressemitteilung der Ermittler und in einigen US-Medien steht nämlich:

A total of 249 bags of heroin weighing 3.735 grams was located in the backpack.

Das ist natürlich ein bisschen knifflig. Aber es hilft schon mal sehr, wenn man weiß, dass im Englischen der Punkt in der Regel als Dezimaltrennzeichen eingesetzt wird und nicht, wie hierzulande, als Tausendertrennzeichen. Anders gesagt: „3.000 grams“, liebe Medien, heißt eben nicht dreitausend Gramm.

3,7 Kilo waren es also mit Sicherheit nicht. Und was die 249 Tütchen angeht: Gemeint ist nicht, dass jedes davon 3,7 Gramm wiegt, sondern das Gesamtgewicht. Das wird auch deutlich, wenn man sich andere Artikel in US-Medien dazu anschaut:

the backpack contained 3.375 grams of heroin

police say a total of 3.735 grams of heroin were found

Oder hier, sogar ohne die doofe Schreibweise:

the backpack contained nearly 250 packets of heroin, totalling nearly four grams

Fast vier Gramm. Nicht weniger, nicht mehr, und erst recht keine vier Kilo. Das hat uns auch die zuständige Lokalreporterin von „Delaware Online“ nochmal bestätigt.

Im Gegensatz zu den deutschen Journalisten haben viele Leser den Fehler bemerkt und in den Kommentaren darauf hingeweisen, doch die meisten Redaktionen haben nicht darauf reagiert.

Ein Positiv-Beispiel gibt es aber doch: Die Online-Ausgabe der „Welt“ hat ihren Artikel nach einem Leser-Hinweis geändert. In der ersten Version hieß es, die Beamten hätten …

mehr als 3,7 Kilogramm Heroin in dem Rucksack gefunden.

Inzwischen steht dort aber:

In den Tütchen befanden sich nach Polizeiangaben jeweils 3,7 Gramm Heroin, insgesamt befanden sich also knapp über 900 Gramm Rauschgift in dem Rucksack.

Naja. Aber versucht haben sie’s.

Mit Dank an Johannes S.

Nachtrag, 13. Oktober: Wir haben zur Sicherheit auch noch bei der Delaware State Police nachgefragt. Sergeant Paul G. Shavack, Leiter der Presseabteilung, bestätigte uns, dass die 249 Tütchen insgesamt 3,7 Gramm enthielten.

Nur echt mit Donnerkupplung

Seit einigen Tagen schwirren viele Fotos durchs Internet, auf denen zu sehen sein soll, mit was für selbstgebauten Panzerfahrzeugen die Kurden gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ kämpfen. Ob die Fotos echt sind oder vielmehr: ob sie das zeigen, was behauptet wird, lässt sich nur schwer überprüfen — was Bild.de gestern allerdings nicht davon abgehalten hat, ohne große Zweifel die „Panzer-Parade der Kurden-Kämpfer“ zu veröffentlichen:

Zehn Fotos sind dort zu sehen, darunter auch dieses hier:

Nun ist die Karre zwar kein Baufahrzeug, sondern (wie man sieht) ein Tankwagen, aber gut. Viel wichtiger scheint uns da eher die Tatsache, dass der Truck ganz bestimmt kein „selbstgebastelter Panzer“ der kurdischen Kämpfer sein kann. Er stammt nämlich aus dem Film „Mad Max 2″:

Nachdem wir gestern Abend auf den Fehler hingewiesen hatten, wurde die Bildunterschrift schnell geändert. Jetzt steht dort:

Einige Leser haben vermutet, dass diese Bildunterschrift schon immer dort stand und wir uns nur einen Scherz erlaubt hätten, denn so dämlich seien ja nicht mal die Leute von „Bild“. Aber: doch. Sind sie.

Übrigens stammt die „Panzer-Parade“ gar nicht von Bild.de selbst. Das Portal hat sie von der britischen „Dailymail“ übernommen, die zwei Tage zuvor exakt die gleichen Fotos präsentiert hatte. Auch das Mad-Max-Bild war dabei, unter dem die „Dailymail“ schreibt:

Strong resemblance: The converted Kurdish vehicles look similar to the heavily-armoured lorries in the 1979 dystopian action film Mad Max (pictured)

Aber das hat der zuständige Artikel-Kopierer von Bild.de wohl leider übersehen.

Mit Dank an Heiko W., Dominik von R. und Christoph L.

Bild.de, dpa  etc.

Die Sabberjournaille und der Sex von Reese Witherspoon

In vielen Medien ist heute vom neuen Kinofilm mit Reese Witherspoon zu lesen. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, der Zeitpunkt aber schon: Der Film startet hierzulande erst in vier Monaten, da ist es für Vorbesprechungen eigentlich noch viel zu früh.

Dass heute trotzdem schon intensiv darüber berichtet wird, liegt auch nicht am Film selbst, sondern an diesem Bild.de-Artikel von gestern Abend:

Darin heißt es:

Die brave Blondine rüttelt an ihrem Sweetheart-Image …

Reese Witherspoon (38) spricht im Interview mit der US-Zeitschrift „Vogue“ über ihren neuen Film „Wild“ (ab 5. Februar 2015 im Kino). Sie verrät, dass sie beim Dreh der Sexszenen auf echtem Sex bestand! (…)

Der Sex (…) war echt. „Ich wollte, dass es wahrhaftig und real ist“, sagt Witherspoon im „Vogue“-Interview.

Und das macht die Sache für die deutsche Sabberjournaille natürlich schon jetzt höchst interessant.

So dauerte es auch nicht lange, bis auch die dpa aufsprang und heute Morgen verkündete:

US-Schauspielerin Reese Witherspoon (38) wollte beim Dreh ihres neuen Films „Wild“ echten Leinwand-Sex und keine Schummelei. „Ich wollte, dass es wahrhaftig, dass es roh und dass es real ist“, sagte sie dem US-Magazin „Vogue“.

Inzwischen findet man die Story (mal im Newsticker, mal als redaktionell bearbeiteten Beitrag) unter anderem bei Stern.de, „Focus Online“, Welt.de, Tagesspiegel.de, „RP Online“, oe24.at, Bunte.de, den Online-Auftritten von n-tv, N24, der „Berliner Zeitung“, der „Passauer Neuen Presse“, den „Ruhrnachrichten“, des „Merkur“, des „Schwarzwälder Boten“, der „Intouch“, der „Augsburger Allgemeinen“, des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und der „Abendzeitung“.

Der Haken ist aber: Das stimmt alles gar nicht.

In dem „Vogue“-Interview, auf das sich Bild.de und die dpa berufen, sagt Witherspoon lediglich:

“I just didn’t want to hear, ‘Oh, we don’t want to see Reese have sex. . . . Oh, can we not have any profanity?’ ” says Witherspoon. “I wanted it to be truthful, I wanted it to be raw, I wanted it to be real.”

Das bedeutet aber keinesweg, dass sie echten Sex hatte. Es sollte nur auf der Leinwand echt wirken.

Allem Anschein nach wollte Witherspoon bloß ausdrücken, dass die Sexszenen in ihrer Härte und Deutlichkeit über das hinausgehen sollten, was sie bisher gemacht hat. Das wäre auch eine Erklärung dafür, warum ausschließlich deutschsprachige Medien über „echten Sex beim Filmdreh“ schreiben. Englischsprachige Portale stürzen sich zwar auch auf das Zitat, aber nur, weil sie auf den Imagewechsel der Schauspielerin hinauswollen („The girl next door is suddenly a girl gone Wild“). Von echtem Sex ist dort nicht mal ansatzweise die Rede.

Mit Dank an Björn S., Jonas G., Jan W., Markus, CL und Martin S.

Nachtrag, 15 Uhr: Die dpa hat schon vor Erscheinen unseres Eintrags eine korrigierte Version der Meldung verschickt, die inzwischen von stern.de, welt.de, pnp.de, ruhrnachrichten.de, schwarzwaelder-bote.de und merkur-online.de übernommen wurde. Die Online-Redaktion von n-tv.de hat (im Gegensatz zu den gerade genannten) auch darauf hingewiesen, dass sie ursprünglich falsch berichtet hatte. Bei allen anderen hat sich gar nichts getan.

Presserat rügt blutige Berichterstattung

Im Juni druckte die „Bild“-Zeitung ein Foto, auf dem ein Mann stirbt. Blutüberströmt sitzt er auf dem Boden, ein Messer steckt in seinem Bauch, hinter ihm steht noch der mutmaßliche Täter.

Das Foto erschien in „Bild Hamburg“, auf Bild.de und riesengroß auf Seite 3 der Bundesausgabe:

Auf den weiteren Fotos ist zu sehen, wie sich Passanten um das Opfer kümmern und der mutmaßliche Täter, dessen Gesicht klar zu erkennen ist, festgenommen wird.

(Nachdem der Artikel erschienen war, haben wir uns übrigens mit dem Fotografen über die Bilder unterhalten. Seine Antworten können Sie hier nachlesen.)

Gestern hat sich der Presserat mit dem Fall beschäftigt und gegen „Bild“ und Bild.de eine öffentliche Rüge ausgesprochen. Die Berichterstattung verstoße sowohl gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) als auch Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. In der Pressemitteilung heißt es:

Der Vorgang des Sterbens wird in einem protokollarischen Detailreichtum geschildert, der nicht in öffentlichem Interesse liegt und somit unangemessen sensationell ist.

Auch bei anderen Artikeln der „Bild“-Medien war es vor allem die übertriebene Grausamkeit, die vom Presserat kritisiert wurde.

So erhielt Bild.de eine weitere Rüge für die Berichterstattung über eine Beziehungstat, bei der ein Mann seine Ehefrau erschossen hatte. In dem Artikel waren Porträtfotos des Opfers zu sehen, außerdem nannte die Redaktion den vollen Namen der Frau. Damit habe Bild.de zum Einen den Persönlichkeitsschutz der Frau verletzt, denn nach Richtlinie 8.2 des Pressekodex ist bei Verbrechen und Unglücken „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich“.

Außerdem enthielt der Artikel ein Foto, das von einer Augenzeugin mit der Handykamera aufgenommen wurde. Es zeigt Täter und Opfer kurz vor der Tat auf einer Wiese sitzend, der Mann hält ein Gewehr in der Hand.

In der Kombination dieses Bildes mit dem direkt daneben platzierten Porträtfoto des Opfers sah der Beschwerdeausschuss eine unangemessen sensationelle Darstellung im Sinne der Ziffer 11 Pressekodex.

Als „unangemessen sensationell“ bewertete der Presserat auch das Werk eines „Bild“-Zeichners, auf dem ein Mann zu sehen ist, der von einer Heuballen-Maschine „zerschreddert“ wird („Bild“ liebt solche brutalen Zeichnungen). Kritisiert wurde neben der Illustration auch die Tatsache, dass das Opfer aufgrund persönlicher Details identifizierbar wurde. Das Gremium sprach daher eine Missbilligung gegen Bild.de aus.

Ebenso missbilligt wurde ein Bild.de-Artikel mit dem Titel:

Darin zeigt das Portal ein Foto, auf dem die Frau schwer verletzt auf der Straße liegt. Da sich die Geschichte in Peking ereignet hatte, habe kein ausreichendes öffentliches Interesse an dem Fall bestanden, befand der Presserat, und auch hier erkannte er eine „unangemessen sensationelle Darstellung“.

Genau wie bei einem weiteren Artikel, diesmal in der Print-Ausgabe. Darin hatte „Bild“ ein Foto gedruckt, auf dem mehrere irakische Soldaten erschossen werden, das Blut spritzt aus ihren Köpfen. Mehr muss man wohl nicht dazu sagen.

Eine weitere Missbilligung bekam Bild.de für einen Artikel über den Soldaten Bowe Bergdahl. Er enthielt ein (offenbar von Facebook geklautes) Foto der Ex-Freundin des Mannes, an dem laut Presserat kein öffentliches Interesse bestand.

Insgesamt erhielten die „Bild“-Medien (wenn man die Rüge für Nicolaus Fests Hass-Kommentar und die Entscheidungen zur MH17-Berichterstattung mitzählt) drei Rügen, sechs fünf Missbilligungen und vier Hinweise.

Eine weitere Rüge ging an die Online-Ausgabe des „Tagesspiegel“, wo ein Original-Dokument erschienen war, das angeblich aus dem Büro des Vorsitzenden der Partei Die Linke stammte. Darin wurde aufgelistet, wer nach der Bundestagswahl eine Funktion in der neuen Fraktion haben und wer ausscheiden soll. Darüber hatte sich ein Mitarbeiter eines Regionalbüros beschwert, der in dem Papier als „zu schützende Person“ namentlich genannt wird.

Der Ausschuss war der Ansicht, dass die Veröffentlichung des Namens des Betroffenen seine informationelle Selbstbestimmung verletzt. Weil er kein politisches Mandat ausübt und nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist, durfte er nicht genannt werden.

Tagesspiegel.de habe Ziffer 2 verletzt, weil die Informationen vor der Veröffentlichung nicht sorgfältig genug auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft wurden, heißt es in der Begründung.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Die Zeitschrift „L.A. Multimedia“ wurde gleich zweimal gerügt, weil sie „die Grenze zur Schleichwerbung“ überschritten hatte (Verstoß gegen Ziffer 7). In den Artikeln ging es um den Einsatz moderner Medien im Schulunterricht. Der Ausschuss sah es „als erwiesen an, dass die redaktionelle Veröffentlichung durch geschäftliche Interessen des Unternehmens [ein Anbieter von Schulmedien] beeinflusst wurden“.

Einen ähnlichen Verstoß erkannte der Ausschuss bei einer Beilage der Zeitschrift „Diabetes Journal“. Das Heft bewarb ein Gerät für Diabetiker und habe damit die gebotene Trennung zwischen Werbung und Redaktion verletzt. Das Impressum enthielt zwar den Hinweis „Mit freundlicher Unterstützung von …“, doch das reiche nicht aus, befand der Presserat und sprach ebenfalls eine Rüge aus.

Nicht namentlich genannt wurde eine regionale Tageszeitung, die eine Missbilligung erhielt, weil sie mehrere Pressemitteilungen unter dem Kürzel eines Redakteurs abgedruckt hatte. Die Zeitung habe damit gegen Richtlinie 1.3 verstoßen, nach der Pressemitteilungen als solche gekennzeichnet werden müssen, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktion veröffentlicht werden.

Insgesamt verteilte der Presserat (die vorherigen Entscheidungen mitgerechnet) sieben Rügen, 24 Missbilligungen und 25 Hinweise.

Presserat missbilligt MH17-Opferfotos

Der Beschwerdeausschuss des Presserats hat sich heute mit den Fotos der MH17-Opfer beschäftigt, die im Juli von einigen deutschen Medien veröffentlicht wurden (BILDblog berichtete). 30 Beschwerden waren dazu beim Presserat eingegangen.

Grundsätzlich seien „Abbildungen von Opfern in der Regel nicht mit dem Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 vereinbar“, schreibt das Gremium in einer Pressemitteilung. Ursula Ernst, Vorsitzende des Ausschusses, sagte:

Die Argumentation einiger Medien, den Opfern ein Gesicht zu geben, ist nachvollziehbar, dennoch: Nur weil jemand zufällig Opfer eines schrecklichen Ereignisses wird, darf er nicht automatisch mit Foto in der Presse gezeigt werden.

So erhielt Bild.de eine Missbilligung für diesen Artikel:

(Alle Verpixelungen von uns.)

Das Portal hatte 100 Opfer des Unglücks gezeigt und viele Details aus ihrem Privatleben genannt. Doch: „Ein öffentliches Interesse am Abdruck dieser Bilder bestand nicht“, so der Presserat.

Auch die Print-„Bild“ wurde kritisiert, bekam aber nur einen sogenannten „Hinweis“.

Der „Spiegel“ kassierte eine Missbilligung — für diese Titelseite:


Nach Ansicht des Presserats wurden die Opferfotos „für eine politische Aussage instrumentalisiert.“ Damit sei auch hier der Opferschutz verletzt worden.

Ebenfalls kritisiert wurden die Beiträge des „Stern“ …

… und von Bunte.de:

Beide Medien bekamen aber nur einen „Hinweis“ — weil die Darstellung „weniger detailliert“ sei, argumentierte der Ausschuss.

In weiteren Beschwerden ging es um Fotos vom Trümmerfeld, auf denen auch Leichenteile zu erkennen waren. Diese Fotos seien nicht unangemessen sensationell, urteilte der Ausschuss:

Die Fotos dokumentieren eindringlich die schreckliche Dimension und die Folgen des Ereignisses. Sie sind noch akzeptabel, da kein Opfer erkennbar ist und die abgebildeten Situationen nicht unangemessen in der Darstellung hervorgehoben werden.

Blanke Bigotterie

Eigentlich wollten wir die Geschichte ja ignorieren, aber ein paar kurze Gedanken müssen wir doch noch loswerden. Denn eins ist mal klar: Dieser „Nacktfoto-Skandal“ war für die Leute von „Bild“ so ziemlich das Oberaffentittengeilste seit der Sache mit Kates Hintern. Mindestens.

Aber kein Wunder. Allein die Schlagworte: Promis! Nacktfotos! Hacker! FBI! Nacktfotos! NACKTFOTOS! Da kann der Hormonhaushalt schon mal durcheinandergeraten. Erst recht in der „Bild“-Redaktion, wo ja schon der unscharfe Schnappschuss einer versehentlich entblößten Promi-Brustwarze reicht, um einen medialen Orgasmus auszulösen:




Das Besondere an dem aktuellen Fall ist aber, dass die Fotos auf illegale Weise beschafft wurden. Blöd für „Bild“. Denn einerseits will Kai Diekmann die Zeitung als eine Art moralische Instanz etablieren, darum kann sie die Fotos nicht abdrucken und muss sogar irgendwie so tun, als fände sie das alles ganz, ganz schlimm. Andererseits: NACKTFOTOS!! VON PROMIS!!

Also macht „Bild“ einfach beides: sich darüber empören und sich daran aufgeilen.

Es sei „DIE Schock-Nachricht“ gewesen, heißt es dann, denn die Fotos der Promis seien „hochprivat“ und es sei „verwerflich“ und „nicht schön“, sie anzuschauen, weil sie „NIE für die Öffentlichkeit geknipst wurden“. Gleichzeitig verlinkt Bild.de auf genau die Portale, bei denen die Fotos aufgetaucht waren.

Kurz nach Beginn des Skandals kam dann auch gleich …

Genüsslich beschreibt Bild.de den Inhalt der Fotos („Auf dem Bett streckt [...] ihre Brüste der Kamera entgegen, spreizt die Beine. Man sieht ALLES.“) und verlinkt erneut auf ein Twitter-Profil, wo einige der Bilder zu sehen waren.

An anderer Stelle heißt es dann wieder: „Zum Glück lassen sich die Fotos derzeit kaum noch aufspüren“. Jaja, „zum Glück“. Oder die Leser werden dazu aufgefordert, „im Sinne der Promis“ und im Sinne der „eigenen Datensicherheit“ gar nicht erst nach den Fotos zu suchen.

Diese Ambivalenz — schlimm aber geil — zieht sich im Grunde durch die gesamte (und natürlich: höchstausführliche) Berichterstattung. Dabei fallen auch Sätze, die man eigentlich ausdrucken und überall in der „Bild“-Redaktion aufhängen müsste. Zum Beispiel:

Wer sich an privaten Daten zu schaffen macht, ist ein Dieb und macht sich strafbar. So einfach ist das!

Ja, „Bild“, so einfach ist das. Wir werden dich gerne daran erinnern, wenn DU mal wieder Fotos zeigst, die NIE für die Öffentlichkeit geknipst wurden.

Mit Dank auch an Benjamin S. und Martin S.

Sportteil von „Bild“ rasselt durch den Realitäts-Check

Die Transferphase der Bundesliga neigt sich dem Ende entgegen — heißt: Die Medien geben nochmal Vollgas und spekulieren munter darüber, welcher Spieler wohl zu welchem Verein wechseln wird.

Wie wenig man auf solche Ratespielchen geben kann, zeigt schon das Beispiel von Andreas Bjelland. Die „Bild“-Zeitung behauptete vor zwei Tagen, der Spieler vom FC Twente sei beim FSV Mainz 05 im Gespräch — einen Tag später musste sie aber per Twitter einräumen: Stimmt gar nicht.

Interessant übrigens auch diese Fortsetzung:

Auf der heutigen Pressekonferenz des FSV wurde der Mainzer Manager Christian Heidel gefragt, was in Sachen Transfers denn jetzt eigentlich Fakt sei. Da werde ja momentan viel geschrieben.

Heidel antwortete:

Ich lese auch viele Dinge, teilweise sehr belustigt, muss ich sagen. Aber ich verstehe das ja: Wenn wir nichts sagen, wird einfach was geschrieben – teilweise an den Haaren herbeigezogen.

Also teilweise ist es wirklich unglaublich, manche Namen habe ich noch nie gehört, kannte ich gar nicht – aber es ist halt so, damit müssen wir leben. Und wer uns kennt, wer mich kennt, weiß, dass wir einen Transfer dann bekannt geben, wenn ein Transfer perfekt ist.

Ein Journalist wollte daraufhin wissen:

Wie schwer wiegt es denn, dass ein Wunschspieler dann durch den Medizin-Check fällt? Den hätten sie ja sonst verpflichtet.

Gemeint ist damit eine Geschichte, die die „Bild“-Zeitung heute in der Mainzer Ausgabe gebracht hat:

Manager Heidel antwortete:

Das habe ich heute auch gelesen, das habe ich genauso belustigt zur Kenntnis genommen. Deswegen: Selbst wenn es so wäre, würde ich mich zu solch einer Thematik nie äußern, auch nie äußern dürfen. Ich kann nur eines sagen: Dem Jungen geht’s ausgesprochen gut!

Daraufhin der Journalist:

Ich habe nicht nach dem Medizin-Check gefragt, sondern wie schwer das wiegt, dass kurz vor einer Verpflichtung jemand scheinbar nicht den Medizin-Check besteht und die Transferperiode ja jetzt abläuft.

Manager Heidel:

Und das entscheide Wort war: scheinbar. Ich hab ja gesagt: Wartet doch mal ein bisschen ab! Hab ich gesagt, dass wir einen Spieler aufgrund eines Medizin-Checks nicht verpflichten können? Glaub ich nicht. Das hab ich auch heute irgendwo gelesen – aber was soll ich denn dazu sagen? Wir haben das nie bekanntgegeben, wir haben das nie gesagt, und ich habe ja eben gesagt: Diesem besagten Spieler geht es ausgezeichnet.

Und siehe da: Wenige Stunden nach der Pressekonferenz gab Mainz 05 die Verpflichtung des Spielers bekannt — dessen Wechsel laut „Bild“ eigentlich schon „geplatzt“ war.

Mit Dank an Jessica.

Randale auf Umwegen

Das Land Nordrhein-Westfalen will bei Fußballspielen künftig offenbar weniger Polizei einsetzen, was die „Bild“-Zeitung seit ein paar Tagen zum Anlass nimmt, das sportliche Sommerloch mit ein bisschen Hysterie zu füllen.

Für ihre gestrige Ausgabe hat sie sich diese neue Schreckensliste ausgedacht:

Minden, Mannheim, Hamm, Kassel, Würzburg, Magdeburg gehören zu den gefährlichsten Orten im deutschen Fußball.

Grund: Es sind sechs von zehn Umsteige-Knotenpunkten der Deutschen Bahn, an denen die Fans Wochenende für Wochenende aufeinander prallen.

Begleitend dazu haben die „Bild“-Onliner eine flotte Infografik gebastelt, deren Informationsgehalt sich bei näherem Hinsehen allerdings eher in Grenzen hält (Klick für größere Version):

Gut, inzwischen wurde der „sehr lange Text“ ersetzt, aber viel besser ist es dadurch nicht geworden.

Ein paar Beispiele.

Am 23. August könnte es laut Bild.de in Minden gefährlich werden, weil dort Schalke-Fans (die nach Hannover wollen) auf Fortuna-Köln-Fans (die nach Bielefeld wollen) treffen könnten:

Allerdings: Von Köln fahren Züge direkt nach Bielefeld, die Fans müssen also gar nicht umsteigen. Und wenn, dann eher in Hamm, nicht in Minden.

Einen Tag später könnten sich laut Bild.de am selben Bahnhof die Duisburger Fans (nach Chemnitz) und die Mainzer (nach Paderborn) treffen:

Auch sehr unwahrscheinlich — von Minden gibt es gar keine direkte Zugverbindung nach Paderborn (dagegen aber aus Hannover und Kassel).

Für die Fans von Dortmund II dürfte es auch eher schwierig werden, auf dem Weg nach Bielefeld in Minden umzusteigen, die Züge fahren nämlich über Bielefeld nach Minden.

Und die Fans der Stuttgarter Kickers lässt Bild.de auf ihrem Weg nach Bielefeld sowohl in Frankfurt (Main) als auch in Mannheim, Minden, Hannover und Kassel umsteigen — was ebenfalls sehr unrealistisch sein dürfte.

Oder das Aufeinandertreffen von Rostockern (nach Regensburg) und Schalkern (nach Hannover) in Hannover: Wenn die Schalker in Hannover ankommen, dürften die Rostocker schon längst wieder weg sein, weil ihr Spiel anderthalb Stunden früher beginnt und allein die Fahrt von Hannover noch mindestens vier Stunden dauert.

Aber solche Details übersieht die „Bild“-Redaktion ganz gerne mal, wenn sie ihr nicht in den Kram passen.

Das Foto, auf dem der Bahnsteig in Bengalo-Flammen steht, stammt übrigens nicht von einem der genannten Randale-Bahnhöfe, sondern vom Hamburger Hauptbahnhof, wie an dem Schild „Hamburg Hbf“ nicht allzu schwer zu erkennen ist — wenn man es denn sehen kann. In der Print-Ausgabe wurde es abgeschnitten; „Bild“ brauchte den Platz für die Schlagzeile.

Mit Dank an Ingo H., Peter M. und Tjalf P.!

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