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Kai Diekmann und Julian Reichelt diskutieren über Opferfotos

Und das Elend geht weiter.

Wie zu erwarten war, hat die „Bild“-Zeitung heute auf einer ganzen Seite die ersten (natürlich: unverpixelten) Opferfotos des Germanwings-Unglücks veröffentlicht:

Wie die Zeitung an die Fotos rangekommen ist, wissen wir nicht, wir können es uns aber denken. Die Quellen hat sie zwar nicht angegeben (in der Print-Ausgabe steht bloß: „Privat“), aber sie schreibt zum Beispiel:

Gestern postete eine Freundin von […] dieses Foto …

Im Feuerwehrhaus der Stadt steht ein Bild des Verstorbenen …

Dieses Gruppen-Selfie der Verstorbenen wurden [sic] auf dem Marktplatz in […] aufgehängt …

Dieser Bilderrahmen ist ein Dokument der Trauer. Er steht in einem Versicherungsbüro auf dem Arbeitsplatz von …

Heute Mittag haben wir Sandra Petersen, die für „Bild“ zuständige Sprecherin des Axel-Springer-Verlags, gefragt, ob die Angehörigen der Opfer der Veröffentlichung zugestimmt haben. Fünf Stunden und mehrere Nachfragen später haben wir tatsächlich eine Antwort bekommen. Sie lautet:

Lieber Herr Schönauer,

Kai Diekmann und Julian Reichelt diskutieren auf Twitter zu dem Thema, wir verweisen auf die Kommentare dort.

Viele Grüße, Sandra Petersen

Darum haben wir im Folgenden sämtliche Tweets von „Bild“-Chef Kai Diekmann und „Bild“-Online-Chef Julian Reichelt zu diesem Thema dokumentiert:
 
 
 
Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Absturz des Journalismus

Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag stammen von uns.

Als BILDblogger schaut man jeden Tag in die Abgründe des Journalismus, aber es gibt Tage, an denen vor lauter Abgründen kaum noch Journalismus zu sehen ist. Gestern war so ein Tag.

Am frühen Mittag, weniger als eine Stunde nachdem bekannt geworden war, dass die Germanwings-Maschine 4U9525 über Frankreich abgestürzt ist, umfasste der Liveticker bei Bild.de schon über 35 Einträge. Bei „Focus Online“ über 20.

Das ist eine dieser furchtbaren Eigenarten des deutschen Onlinejournalismus: Dass die Portale in den ersten Stunden nach solchen medialen Großereignissen alles rausjagen, was sie in die Finger kriegen, egal, wie irrelevant, spekulativ oder nichtssagend die „Nachricht“ auch sein mag. Hauptsache Content. Hauptsache Klicks.

Bild.de zum Beispiel.

Oder der WDR.

Oder „Focus Online“.

Oder hr-info (interessant auch der Verlauf unter dem Tweet):

Oder n-tv (Foto via @fernsehkritiktv).

Oder Stern.de.

Letztere „Nachricht“ wurde allerdings von niemandem so schamlos fürs Clickbaiting missbraucht wie von „Focus Online“ und „Huffington Post“:

Dass in den ersten Stunden nach einem Unglück gerade solche Nicht-Nachrichten verbreitet werden, liegt natürlich zum einen daran, dass es sonst (noch) nichts zu berichten gibt -- zum anderen aber auch daran, dass sie wie blöd geklickt werden: Einer der Artikel, die in den sozialen Netzwerken gestern am meisten herumgereicht wurden, war: „Rapper Moneyboy verhöhnt 4U9525-Absturz“ — selbstverständlich erschienen bei „Focus Online“.

Selbst das Alter der abgestürzten Maschine wurde von einigen Medien als (erschreckende) Sensation verkauft:

Eine Zeitlang brachte Bild.de diese Info sogar als Schlagzeile auf der Titelseite und erweckte den Eindruck, als sei das ein ungewöhnliches Alter oder als habe es womöglich sogar etwas mit dem Absturz zu tun. Dabei ist es in der Luftfahrt völlig normal.

Besonders problematisch wird diese gedankenlose Veröffentlichungswut dann, wenn Gerüchte genauso behandelt werden wie gesicherte Fakten. Frank Schneider etwa, NRW-Chefreporter der „Bild“-Zeitung, twitterte gestern Nachmittag, dass „unbestätigten Informationen“ zufolge zum Zeitpunkt des Absturzes „ein starkes Gewitter über der Region getobt“ habe.

Obwohl nicht mal eine Quelle angegeben war, übernahm Bild.de den Tweet gleich im Liveticker:

Eine Stunde später stellte sich heraus, dass es eine Fehlinformation gewesen war — da war sie aber schon längst im Umlauf:

(Aus der Kommentarspalte bei „Zeit Online“.)

Ein anderes Beispiel von heute:

Dieselbe Nachricht jagte Bild.de auch als „Breaking News“ auf der Startseite raus. Wenige Minuten später waren sie allerdings wieder verschwunden -- es hatte sich nämlich gezeigt, dass der Stimmenrekorder doch ausgewertet werden konnte. Was „Bild“ dann auch gleich wieder vertwitterte …

… natürlich ohne auf den eigenen Fehler hinzuweisen.

Es sind vor allem diese halbgaren, nicht überprüften Informationen, die die unnötige Sensationsgier befeuern. Lieber schnell was Falsches rauskloppen, das man später lautlos kassieren kann, als sich Ewigkeiten um bestätigte Inhalte zu bemühen.

Aber es gibt auch positive Beispiele. „Zeit Online“ zum Beispiel oder Sueddeutsche.de haben sich gestern (und auch schon davor, bei ähnlichen Ereignissen) sichtlich bemüht, keinen unnötigen Quatsch zu veröffentlichen und sich möglichst auf die gesicherten Fakten zu konzentrieren. Sueddeutsche.de leitete den Artikel (ähnlich wie der „Guardian“ oder die „New York Times“) auch mit „Was wir wissen“ und „Was wir nicht wissen“ ein.

So dauert es zwar deutlich länger, bis man seine Leser mit Informationen versorgen kann, aber Journalismus braucht eben manchmal Zeit. Das vergessen seine Macher und seine Nutzer — gerade in solchen Situationen — leider viel zu oft.

***

Gegen 13 Uhr tauchten dann die ersten Fotos von Angehörigen auf. Ganz vorne mit dabei, mal wieder: Frank Schneider, NRW-Chefreporter der „Bild“-Zeitung.

Immerhin: Die Gesichter waren nicht zu erkennen. Noch nicht.

Eine knappe Stunde später — der Liveticker bei Bild.de umfasste inzwischen über 70 Einträge — veröffentlichte Bild.de dann die erste Großaufnahme von weinenden Angehörigen. Ohne Quellenangabe. Und ohne Verpixelung.

Auch auf der Startseite war das Foto riesengroß und ohne jede Unkenntlichmachung zu sehen:

„Bild“-Chef Kai Diekmann rechtfertigte die Veröffentlichung damit, dass andere Medien sowas ja auch machen:

Erst nachdem sogar eingefleischte „Bild“-Leser das unverpixelte Foto kritisiert hatten, nahm Bild.de es wieder runter.

Ohnehin gab es gestern viel Kritik an der Berichterstattung der Medien, vor allem, wenn es um Fotos von trauernden Angehörigen ging. Und in manchen Fällen brachte es tatsächlich etwas: „RP Online“ zum Beispiel hatte zunächst eine 14-teilige Klickstrecke von trauernden Angehörigen veröffentlicht (deren Gesichter immerhin verpixelt waren), doch nachdem sich einige Leser massiv beschwert hatten, nahm das Portal die Strecke wieder offline.

Eine Praxis, wie sie für Burdas Journalismusimitationsportale „Focus Online“ und „Huffington Post“ natürlich niemals infrage käme. Bei „Focus Online“ sind die unverpixelten Angehörigen auch heute noch zu sehen:

Und bei der „Huffington Post“ hatten sie nicht mal ein Problem damit, die weinenden Gesichter fast über die gesamte Breite der Startseite zu legen:

Darunter sah es übrigens — ungelogen — so aus:

Da wundert es auch nicht, dass sich die Mitarbeiter von „Huffpo“ und „Focus Online“ sofort auf jeden stürzten, der auch nur annähernd möglicherweise irgendwen kennen könnte, der vielleicht fast im Flugzeug gesessen hätte:

Sie bekamen folgende Antwort:

***

Aber nochmal zurück zu den Fotos von trauernden Angehörigen. Auch in vielen sogenannten seriösen Medien waren gestern etliche (Bewegt-)Bilder von weinenden Menschen zu sehen, in den meisten Fällen ohne jede Unkenntlichmachung.

Die „Tagesthemen“ etwa zeigten sowohl trauernde Schüler als auch trauernde Angehörige — alle unverpixelt.

„ZDF heute“ hatte zwar die Schüler unkenntlich gemacht, zeigte dann aber — unverpixelt — weinende Angehörige in Spanien, die noch verzweifelt versuchen, sich zum Schutz vor den Kameraleuten Jacken vor ihre Gesichter zu halten.

Das „heute journal“ verzichtete zwar auf Bilder von Angehörigen, zeigte allerdings trauernde Schüler — unverpixelt.

N24 zeigte sowohl unverpixelte Angehörige als auch unverpixelte Schüler.

„RTL aktuell“ gab sich spürbar Mühe, Angehörige und Schüler nur von hinten oder aus weiter Entfernung zu zeigen. Dafür brachten sie ein (großflächig unkenntlich gemachtes) Klassenfoto und zeigten eine Animation des (geratenen) Flugverlaufs, bei der das Flugzeug am Ende in einem Feuerball explodiert.

Sat.1 zeigte in einer Sondersendung sowohl das (unkenntlich gemachte) Klassenfoto als auch unverpixelte Bilder von trauernden Schülern. Und: trauernde Angehörige im Großformat, in Zeitlupe und mit trauriger Klaviermusik hinterlegt.

Und selbst die „Tagesschau“ zeigte in ihren Ausgaben um 16 und 17 Uhr die Gesichter weinender Angehöriger in Spanien. Erst für die Hauptausgabe um 20 Uhr hatte die Redaktion die Gesichter verpixelt. Allerdings auch nur im Beitrag selbst. Am Anfang der Sendung war im Hintergrund ein großes Foto weinender Angehöriger zu sehen — unverpixelt.

***

Neben den hier dokumentierten Fällen sind freilich noch viel mehr eklige Dinge passiert, auf die wir aus Zeit- und Nervengründen gar nicht alle eingehen können — etwa auf das Clickbaiting, auf die Rumspekuliererei, auf Franz Josef Wagner — aber es wäre schon sehr viel geholfen, wenn sich die Journalisten in Zukunft wenigstens das zu Herzen nehmen würden, was Lorenz Meyer hier zusammengestellt hat:

Mit Dank an alle Hinweisgeber, inbesondere an Bernhard W., Jonas J. und Simon H.!

Bild.de, sid  etc.

Bild.de bringt falschen Zwanziger in Umlauf

Theo Zwanziger, der ehemalige DFB-Präsident, hat der „Bild“-Zeitung vor ein paar Tagen ein Interview gegeben. Es geht um irgendeinen Streit zwischen ihm und seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach. Die genauen Details ersparen wir Ihnen lieber, aber an einer Stelle kommt was Interessantes zum Thema Ehrenamt. Zwanziger sagt:

„Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern nur um eine sachgerechte Bewertung der ehrenamtlichen Tätigkeit. Millionen Menschen im Sportbund Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist. Sie verstehen das als Ehre.

Moment mal. „Sportbund Kultur“? Schon mal davon gehört? Wir auch nicht. Aber wenn da „Millionen Menschen“ drin sind, müsste es ja eigentlich was Bekannteres sein.

Also haben wir mal gegoogelt und sind schnell beim SID gelandet, dem Sport-Informations-Dienst, der das Zwanziger-Interview von „Bild“ zu einer eigenen Meldung verwurstet und (mehrfach) über den Ticker gejagt hat. Gelandet ist die dann unter anderem bei „Zeit Online“, „11 Freunde“, „Sport1″, „Focus Online“, Goal.com, „T-Online“, in der „Frankfurter Rundschau“, auf den Seiten des Landessportbunds NRW, der „tz“, des „Hamburger Abendblatts“

Und überall sagt Zwanziger:

Millionen Menschen im Sportbund Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist.

Außer in diesem Interview taucht der „Sportbund Kultur“ allerdings nirgendwo mehr auf. Es gibt zwar den Kultur- und Sportbund Freital-Wurgwitz, der unter anderem das alljährliche Wurgwitzer Dorffest organisiert, aber nach einem Millionenpublikum sieht’s da nicht gerade aus.

Was Zwanziger tatsächlich meinte, wird spätestens dann klar, wenn man sich die gedruckte Version des „Bild“-Interviews anschaut. Dort steht nämlich:

Millionen Menschen in Sport und Kultur bringen Geld mit, weil ihnen ihre Aufgabe so wichtig ist.

Daraus machte Bild.de den „Sportbund Kultur“, der vom SID gedankenlos übernommen und in der Welt verbreitet wurde. Und bis heute (das Interview ist drei Tage alt) hat sich keiner der Fachjournalisten darüber gewundert.

Mit Dank an Christian M.

Presserat rügt Vergewaltiger-Selfie

Vor gut sechs Monaten berichtete „Bild“ über einen Mann, der zwei Frauen vergewaltigt und sich währenddessen mit den Opfern fotografiert hatte. „Selfie-Vergewaltiger“ nannte „Bild“ den Mann — und druckte eines der bei den Taten entstandenen Fotos unfassbarerweise auf der Titelseite ab:


(Verpixelung von uns.)

Für die Veröffentlichung sind „Bild“ und Bild.de am Freitag vom Presserat öffentlich gerügt worden. Obwohl das Gesicht des Opfers unkenntlich gemacht worden war (online soll es, wie uns eine Leserin schrieb, kurzzeitig sogar ohne jede Unkenntlichmachung zu sehen gewesen sein), erkannte der Beschwerdeausschuss einen Verstoß gegen die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde), 8 (Schutz der Persönlichkeit) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Als besonders gravierende Verletzung der Würde des Opfers bewertete er den Umstand, dass BILD und BILD Online ein Foto veröffentlichten, welches der Täter während der Tat als „Trophäe“ angefertigt hatte.

… heißt es in der Mitteilung des Presserats.

Es war bei Weitem nicht die einzige „Sanktion“, die der Beschwerdeausschuss gegen die „Bild“-Medien ausgesprochen hat: Insgesamt erhielten sie drei öffentliche Rügen, sechs Missbilligungen und vier Hinweise, also mal wieder mehr als jedes andere Medium.

Die zweite Rüge erhielt Bild.de für die identifizierende Berichterstattung über ein Mordopfer. Das Portal hatte ein unverpixeltes Foto der Frau bei der Arbeit gezeigt und verstieß damit gegen Richtline 8.2 des Pressekodex, nach der die Identität von Opfern besonders zu schützen ist.

Die dritte Rüge ging an die Hamburger „Bild“-Ausgabe, die den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen, den Wohnort sowie ein Porträtfoto eines 16-Jährigen veröffentlicht hatte, der wegen Mordverdachts vor Gericht saß.

Über einen jugendlichen Straftäter derart identifizierend zu berichten, wertete der Ausschuss als einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit, Richtlinien 8.1 und 8.3). Die Identität von Kindern und Jugendlichen genießt besonderen Schutz, auch bei schweren Straftaten.

Kritisiert wurde auch dieser Artikel der Dresdner „Bild“-Ausgabe:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Im Text behauptete der „Bild“-Reporter:

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Bautzen kaufte dem Rettungsdienst stich- und schusssichere Westen. (…) Offenbar geht es vor allem um Einsätze im Spreehotel – der Vier-Sterne-Herberge, wo neuerdings Asylbewerber untergebracht sind.

Allerdings haben die Polizei, das DRK und der Betreiber des Heims schon mehrfach klargestellt, dass diese Darstellung falsch ist. Denn erstens ist das Hotel keine „Vier-Sterne-Herberge“ mehr (der Hotelbetrieb wurde vor geraumer Zeit eingestellt), zweitens sind es höchstens stich- und keine schusssicheren Westen, und drittens wurden sie nicht „aus Angst vor Attacken aus dem Asyl-Hotel“ besorgt, wie „Bild“ behauptet, sondern um die Rettungskräfte ganz allgemein und bei allen Einsätzen zu schützen (BILDblog berichtete hier und hier.) Auch der Presserat erkannte in dem Artikel einen Verstoß gegen Ziffer 2 (Sorgfalt) und sprach eine Missbilligung aus.

Ebenfalls beanstandet wurde die Veröffentlichung eines Fotos bei Bild.de, auf dem ein Baby zu sehen ist, das von seinem Vater schwer verletzt worden sein soll. Da das Foto im Krankenhaus entstanden ist, einem laut Pressekodex besonders geschützten Raum, erhielt Bild.de eine Missbilligung.

Missbilligt wurde auch dieser „Bild“-Artikel:


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

„Bild“ hatte die Bilder der Überwachungskamera (auch auf der Titelseite) veröffentlicht, ohne die Staatsanwaltschaft oder die Angehörigen des Opfers um Erlaubnis zu bitten (BILDblog berichtete). Der Presserat wertete die Veröffentlichung als unangemessen sensationelle Darstellung (Verstoß gegen Ziffer 11) und sprach eine Missbilligung aus.

Und dann war da ja noch dieser Artikel:

„Bild“ hatte kurz vor Weihnachten suggeriert, dieser Vorschlag sei vom Grünen-Politiker Omid Nouripour eingebracht worden (in der Print-Ausgabe hieß es gar: „Politiker fordern“). Doch tatsächlich stammte er von der Zeitung selbst (BILDblog berichtete): Nouripour erklärte uns, dass ihn eine „Bild“-Reporterin angerufen und gesagt habe:

Wir bringen zu Weihnachten ja immer gute Nachrichten. Und da haben wir uns gefragt, ob es nicht eine schöne Idee wäre, wenn in christlichen Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen würden.

Daraufhin habe er geantwortet: Nein, das sei keine gute Idee. Wenn, dann sollte es eine Art Tausch geben: Muslimische Lieder in der Kirche, christliche Lieder in der Moschee.

In einer Pressemitteilung erklärte die „Bild“-Zeitung später, sie habe die Zitate im Artikel korrekt wiedergegeben, was ja auch stimmen mag. Dass die Schlagzeile den Sachverhalt trotzdem falsch zusammenfasst, befand aber auch der Beschwerdeausschuss des Presserats, der deshalb eine weitere Missbilligung gegen „Bild“ aussprach.

Einen sogenannten Hinweis bekam Bild.de außerdem wegen der Verwendung der Lach-Wein-Wut-Wow-Staun-Leiste unter einem Artikel über ein Attentat mit mehreren Toten.

Die Möglichkeit, diese Nachricht auf Basis von positiven Emotionen zu bewerten, verstößt aus Sicht des Beschwerdeausschusses gegen das Ansehen der Presse gemäß Ziffer 1 des Pressekodex. Die Redaktion hätte diese Bewertungsmöglichkeit für den Artikel vorab deaktivieren müssen.

Auch unter anderen Artikeln können die Leser bei Bild.de über Tote und Verletzte lachen, was sie auch tun (BILDblog berichtete, andere auch). Dass der Presserat nur diesen einen Fall kritisiert hat, liegt daran, dass nur dazu Beschwerden eingegangen sind. Deaktiviert wird die Leiste im Übrigen nur selten — bei Kommentaren von „Bild“-Chef Kai Diekmann zum Beispiel.

Die „Goslarsche Zeitung“, die Zeitschrift „Welt der Wunder“ und die „TV Hören und Sehen“ fingen sich jeweils eine Rüge ein, in allen drei Fällen wegen Verstößen gegen Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion).

Eine weitere Rüge ging schließlich an shz.de, das Nachrichtenportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, das im Jahr 2009 in der Berichterstattung über einen laufenden Mordprozess identifizierend über einen Angeklagten und dessen Vater berichtet hatte. Der Ausschuss stellte einen Verstoß gegen Ziffer 8 fest: Die identifizierende Berichterstattung vor Abschluss des Strafverfahrens sei unzulässig.

Siehe auch: Mitteilung des Presserats

Sterben live (2)

Gestern ist vor der Küste Mexikos ein Boot mit einem Wal kollidiert. Dabei erlitt eine 35-jährige Frau so schwere Verletzungen, dass sie wenig später verstarb. Und weil aus irgendeinem Grund auch ein Fotograf anwesend war, der festhielt, wie die Freunde nach dem Unglück verzweifelt versuchen, die Frau wiederzubeleben, haben Bild.de und andere Medien nun auch das passende Bildmaterial, um den Pressekodex mal wieder mit Füßen zu treten:

Bild.de:

Blick.ch:

20min.ch:

In Ziffer 11 des Pressekodex heißt es:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

Und in Richtlinie 11.1:

Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Apropos Jugendschutz: Die Fotos der sterbenden oder bereits gestorbenen Frau (deren Gesicht immerhin nicht zu erkennen ist, weil ein Tuch darüber liegt) haben es sowohl bei Bild.de als auch bei Blick.ch und 20min.ch bis auf die Startseite geschafft.

Sibel Kekilli will nicht mit „Bild“ sprechen

Sibel Kekilli hat kein besonders gutes Verhältnis zur „Bild“-Zeitung, und das verwundert wenig, wenn man weiß, was das Blatt der Schauspielerin vor zehn Jahren angetan hat.

Zwei Tage nachdem der Film „Gegen die Wand“, in dem Kekilli die Hauptrolle spielt, den Goldenen Bären gewonnen hatte, breitete „Bild“ wochenlang genüsslich ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin aus. Kekilli sagte danach gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Die ‘Bild’-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich laß mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.“

Die „Bild“-Berichterstattung wurde später vom Presserat mit einer Rüge belegt (die „Bild“ erst zwei Jahre später unauffällig abdruckte) und vom Berliner Kammergericht als unzulässiger „Eingriff in die Würde eines Menschen“ bezeichnet (Genaueres s. Kasten).

Seitdem hat Sibel Kekilli der „Bild“-Zeitung (mit zwei Ausnahmen) keine Interviews mehr gegeben und würde es nach eigener Aussage auch nicht mehr tun. Darum waren wir auch etwas überrascht, als wir vor gut drei Wochen lasen:

Jetzt erzählt Sibel Kekilli BILD bei der Berlinale, wie ihr neues Leben in Hollywood läuft und wie es weitergeht.

Unser Verdacht war zuerst, dass „Bild“ sich das Interview (das wortgleich auch in der „B.Z.“ erschienen ist) in guter alter Sportteil-Tradition aus den Antworten von einer allgemeinen Pressekonferenz zusammengestückelt hat, doch inzwischen wissen wir, dass es doch ein wenig anders war:

Die Reporterin selbst erinnert sich offenbar anders. In einer Anmerkung schiebt die Redaktion hinterher:

Mit Dank auch an Christian M. und Bernhard W.

Die Ente mit der pinken Katze

Katzencontent geht natürlich immer, und wenn es sich dann noch um ein armes, pinkes, grausam verendetes Kätzchen handelt, ist das deutschsprachigen „News“-Portalen auch schnell mal einen prominenten Platz auf der Startseite wert.

Bild.de:

Auf einer russischen „Pretty-in-pink-Party“ musste jeder geladene Gast in Pink erscheinen, auch das Kätzchen von Lena Lenia! Jetzt starb die Katze an ihrer Fellfarbe. Durch das Lecken am pinken Fell hat das Kätzchen toxische Gifte aufgenommen. Laut Tierarzt soll dies zu einer Vergiftung geführt haben.

Rtl.de berichtet gleich mehrfach:

News.de:

Oe24.at:

N-tv.de:

N24.de:

Die Geschichte kommt ursprünglich vom britischen Knallportal „Mail Online“ und sorgt seither europaweit für Empörung, angeblich haben sogar 30.000 Menschen eine Petition unterzeichnet, die eine Gefängnisstrafe für die Katzenbesitzerin fordert. Für viele deutsche Kommentarschreiber ist das noch zu wenig, sie fordern:

Diese Frau gehört erschossen!

diese Scheißbande sofort in Säure schmeißen…… aber vorher die Haut mit stumpfen Klingen ritzen

Deppate drecksnutte gehört verbrennt die sau!

Und was sagt die Beschuldigte? Laut N24.de ist sie sich …

keiner Schuld bewusst: Auf ihrem Blog rechtfertigt sie die Aktion.

Folgt man dem Link und liest, was dort steht (was leider weder N24 noch sonst irgendeiner der abschreibenden Journalisten getan hat), erfährt man ein nicht ganz unwesentliches Detail dieser Geschichte: Die Katze ist gar nicht tot. Sie lebt putzmunter (und schon deutlich weniger pink) bei einer neuen Besitzerin:

Im Text erzählt die neue Besitzerin, dass kein einziger Journalist sie kontaktiert habe, um zu überprüfen, ob die Geschichte überhaupt stimmt.

„Es ist sehr traurig, dass die Menschen alles glauben, was in den Boulevardmedien steht, die nicht mal die Fakten checken.“

Elena Lenina, die die Katze gefärbt hatte und der nun Hunderte Menschen öffentlich den Tod wünschen, will juristisch gegen die Falschmeldungen vorgehen.

Mit Dank an Katharina K.

Nachtrag, 20.25 Uhr: N24 hat sich für den Fehler entschuldigt und den Artikel gelöscht.

Die Radikalos-Kampagnen der Brandstifter-Journalisten

„Pleite-Griechen“ hat „Bild“ schon lange nicht mehr geschrieben. Gut, vor einer Woche noch, aber schon lange nicht mehr so häufig wie vor ein paar Jahren. Inzwischen passt der Name auch nicht mehr ganz so gut, denn jetzt haben sie ja bekanntlich Geld (unser Geld), mit dem sie ihr Hängematten-Luxus-Leben finanzieren, und weil sie immer noch mehr Geld haben wollen (unser Geld), nennt die „Bild“-Zeitung sie jetzt die „gierigen Griechen“ — und rief Deutschland am Donnerstag dazu auf, per Selfie zu protestieren:

Die Kampagne wurde von vielen Seiten stark kritisiert, auch vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV), der Bild.de noch am gleichen Tag aufforderte, „sofort die laufende Anti-Griechen-Kampagne zu stoppen“ – allerdings mit einer merkwürdigen Begründung. In der Pressemitteilung heißt es:

„Die Griechenland-Politik der Bundesregierung kann man mögen oder ablehnen“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Eine Kampagne, die direkten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen wolle, verbiete sich aber mit der beschreibenden Aufgabe des Journalismus. „Dass Boulevard-Medien eine andere Sprache und einen anderen journalistischen Stil pflegen, ist selbstredend. Die Selfie-Aktion von Bild.de überschreitet aber die Grenze zur politischen Kampagne“, kritisierte Konken.

Politische Kampagne? Wenn es danach geht, müsste der DJV eigentlich jeden zweiten Tag einschreiten, immerhin gehören Aktionen, die „Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen“ wollen, zum redaktionellen Alltag der „Bild“-Zeitung.

Nein, das Schlimme ist nicht die Tatsache einer Kampagne, sondern dass die „Bild“-Zeitung wieder ein ganzes Volk stigmatisiert und diffamiert (was der DJV immerhin für „medienethisch bedenklich“ hält), so wie sie es jahrelang mit der „Pleite-Griechen“-Berichterstattung getan hat. Und dass sie ihre Artikel mit diesem hetzerischen Wir-gegen-die-Gefühl auflädt, das durch die Selfie-Aktion nochmal auf besonders eklige Weise gestärkt und verbreitet wurde. Wir machen Fotos von uns, wir schließen uns zusammen, damit die kein Geld mehr kriegen.

Immerhin: Allzu erfolgreich war die Mob-Mobilisierung offenbar nicht. Laut Axel-Springer-Verlag kamen bis Donnerstagvormittag Fotos im “hohen dreistelligen Bereich” zusammen – das entspricht, gemessen an der Reichweite von „Bild“ und Bild.de, einer Mithetz-Quote von 0,004 Prozent.

Um überhaupt auf diese Zahl zu kommen und den Protest trotzdem als „gewaltig“ (Bild.de-Chef Julian Reichelt) zu verkaufen, musste „Bild“ ein bisschen tricksen: Knapp die Hälfte der auf Bild.de gezeigten „NEIN!“-„Selfies“ kam nicht von den Lesern selbst, sondern von „Bild“-Fotografen, die auf der Straße Passanten angesprochen hatten.

(Im Original ist der Kopf natürlich dran.)

In den sozialen Medien wurden währenddessen zahlreiche Gegenaktionen gestartet, viele sagten „NEIN!“ zur Hetze und zeigten sich solidarisch mit Griechenland. Selbst auf der Startseite von Bild.de wurde zeitweise versteckte Kritik laut, wenn auch eher unfreiwillig:

Da baute Bild.de dann lieber schnell wieder Brüste ein:

Und sogar im Bundestag wurde die Kampagne kritisiert. Axel Schäfer, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, hielt die (von ihm durchgestrichene) „Bild“-Seite gestern während einer Rede hoch und sagte unter Applaus:

Wir sind hier sicherlich in einer Reihe von Punkten unterschiedlicher Auffassung. Das ist auch gut so, dass wir das diskutieren. Aber in einem Punkt sollten wir uns hier alle (…) einig sein: Wir unterstützen keine Kampagnen gegen andere Länder. Wir unterstützen das nicht!

Wenige Stunden später erschien ein Kommentar von „Bild“-Chef Kai Diekmann, was nicht oft vorkommt und in diesem Fall wie der Versuch wirkt, das Feuer ein wenig zu löschen. Diekmann bemüht sich sogar, so zu tun, als habe er Mitgefühl mit den Griechen. Griechenland sei „ein geschundenes Land“, schreibt er.

Die Menschen leiden unter der schwersten Schulden- und Wirtschaftskrise in der Geschichte des geeinten Europas. Die Arbeitslosigkeit nimmt einer ganzen Generation Hoffnung und Zukunft.

„Bild“ sei …

nicht nur in Deutschland, sondern auch in Griechenland nah bei den Menschen.

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere

Huch, Verzeihung. Das muss da irgendwie zwischengerutscht sein. Wie war das, Herr Diekmann?

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere

Ach, verdammt. Sorry. Jetzt aber, Herr Diekmann.

Wir haben Mitgefühl mit den Leuten, die unter dieser epochalen Krise leiden, die ihre Existenz verloren haben. Unsere Reporter haben immer wieder über die Verelendung eines ganzen Landes berichtet. Über volle Suppenküchen. Über mittellose Menschen, die in Mülltonnen wühlen müssen.

Stimmt. Wenn die Reporter nicht gerade Besseres zu tun hatten.

Diekmann erweckt den Anschein, als sei das Besondere an der „Bild“-Berichterstattung, dass sie unermüdlich „die verfehlte Griechenland-Politik in Deutschland und Europa“ kritisiere und „unseren und den griechischen Politikern ihre gebrochenen Versprechen“ vorhalte. Aber das machen auch viele andere Medien. Das Besondere an der „Bild“-Berichterstattung ist, dass sie das Ansehen Griechenlands gezielt in den Dreck zieht. Nicht nur mit den großen Haudrauf-Aktionen, sondern mit permanenten Sticheleien. Wer an Griechenland denkt, soll sofort ein negatives Bild vor Augen haben, soll an Gier, Faulheit und Betrug denken.

Und wer an die griechische Regierung denkt, soll Angst um sein Geld haben. Immer und immer wieder nennt „Bild“ sie die „Griechen-Raffkes“ oder „Raffke-Griechen“ oder „Radikalo-Griechen“ oder „Griechos Radikalos“ oder „Radikalos-Regierung“, Premier Tsipras ist der „Krawall-Grieche“ oder „Raffke-Minister“, aus Finanzminister Varoufakis wird Finanzminister „Varoutricksis“ oder „Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider“.

Das mit dem Naked Bike kommt von Béla Anda, dem Politik-Chef von „Bild“. Der wettert besonders eifrig gegen die „Radikalos-Regierung“ und schreibt Dinge wie:

Wie lederbejackte Rüpel-Rocker röhren Griechenlands Neo-Premier und sein Posterboy-Finanzminister seit ihrem mit platten Parolen erzielten Wahlsieg durch Brüssel. Ihr Gesetz ist die Straße. Hier sind sie (politisch) groß geworden. Hier ist ihre Hood. Deren Unterstützung wollen die Kawa-Naked-Biker (zumindest Varoufakis hat eine) nicht verlieren.

„Naked Bike“ ist übrigens einfach nur die Bezeichnung für ein Motorrad ohne Verkleidung. Das erwähnt Herr Anda nicht, aber es wäre ja auch zu schade um die schönen Assoziationen in den Köpfen der „Bild“-Leser. (Mehr zu Andas „Radikalos“-Geschreibsel können Sie nebenan bei Stefan Niggemeier lesen.)

Yanis Varoufakis, der Finanzminister und lederbejackte Radikalo-Rüpel-Raffke-Rocker-Naked-Bike-Rider-Posterboy ist ohnehin das beliebteste Ziel der „Bild“-Attacken. Dem Blatt scheint jedes Mittel recht und keine Masche zu blöd, um Varoufakis wie einen irren, gierigen, deutschenfeindlichen Unhold aussehen zu lassen. So zum Beispiel:

Der Teaser lautet:

Keine Krawatte, der Kragen seines Sakkos hochgestellt, Hände in den Hosentaschen: So zeigen die meisten Fotos Yianis Varoufakis. Der griechische Finanzminister war jahrelang als Wirtschaftsprofessor tätig und ist für seine provokanten Aussagen bekannt.

Mit einer drastischen Geste – dem gestreckten Mittelfinger – zeigte er in der Vergangenheit auf Deutschland! BILD erklärt, zu welchem Anlass.

Erst im Artikel liest man, dass die „drastische Geste“ gar nicht so gemeint war, wie Bild.de suggeriert. Dort steht nämlich, dass Varoufakis den Finger schon vor zwei Jahren gezeigt hat und dabei sagte:

„Griechenland hätte im Januar 2010 einfach ankündigen sollen, dass es seinen Verpflichtungen im Euro nicht nachkommen kann – wie Argentinien es getan hat – und Deutschland den Mittelfinger zeigen und sagen sollen ‘Jetzt könnt ihr das Problem allein lösen!’“

Das alles erfahren aber nur zahlende „Bild-Plus“-Leser. Für alle anderen bleiben nur Schlagzeile und Teaser und damit der Eindruck, Varoufakis habe „uns“ vor Kurzem den Mittelfinger gezeigt.

So verwenden die „Bild“-Leute alles, was sie von oder über Varoufakis finden, gegen ihn. Selbst sein Schriftbild.

BILD befragte dazu die Graphologin Christiane Sarreiter.

„Die Unterschrift ist extravagant“, analysiert die Expertin. „Neben Dynamik und Euphorie stecken Pathos und Geltungsbedürfnis dahinter.“

Klar.

Auffallend seien die vielen Schnörkel. „Das wirkt sehr selbstgefällig“, erklärt Christiane Sarreiter. „Er gefällt sich anscheinend in seiner neuen Rolle als Finanzminister.“ (…)

Merkwürdig sei vor allem, dass der Schlusszug wieder scharf nach links zurückgehe. „Das wirkt, als würde er sich selbst wieder durchstreichen, als würde er unbewusst das zuerst Gesagte wieder zurücknehmen.“

Oha! Was könnte das nur bedeuten, „Bild“?

Vielleicht will Varoufakis damit ausdrücken, man müsse ihn nicht immer wörtlich nehmen, es sei nicht alles so ernst gemeint?

Oder vielleicht will er damit ausdrücken, dass er gerne nackt Motorrad fährt?

Die Handschrift der „Bild“-Zeitung verrät jedenfalls, dass sie es auf die Griechen abgesehen hat, und dass es ihr ernst damit ist. Und wenn sie fragt:

… hätten wir eine Antwort. Aber es ist keiner von den beiden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Bild, Bild.de  etc.

Kachelmann vs. Bild

Verhandlungen vor deutschen Gerichten sind selten so spannend und ereignisreich, wie man es aus amerikanischen Serien und Filmen gewohnt ist. Noch dazu, wenn es sich nicht um einen Straf- sondern einen Zivilprozess handelt und eigentlich vorher schon klar ist, dass heute wenig bis nichts passieren wird.

Mehr als ein Dutzend Kameraleute und Fotografen stehen sich trotzdem gegenseitig auf den Füßen herum im Flur des Kölner Landgerichts, um gleich für zwei Minuten absolut nichtssagende Schnittbilder des Klägers Jörg Kachelmann, seinen Anwälten und einigen beeindruckenden Aktenbergen, auf die ein Gerichtsdiener extra hinweist, zu produzieren. Für die Gegenseite interessiert sich niemand.

Die Gegenseite, die Beklagten, das sind die Axel Springer SE als Herausgeberin der „Bild“-Zeitung und Bild Digital als Verantwortliche hinter Bild.de. Beide Medien hatten vor fünf Jahren eine beispiellose Berichterstattung über den Meteorologen Jörg Kachelmann begonnen, dem eine frühere Lebensgefährtin damals vorgeworfen hatte, sie vergewaltigt zu haben. „Bild“ und Bild.de hatten – neben anderen Medien wie „Focus“ und „Bunte“, gegen deren Verlag Kachelmann in einem weiteren Prozess vorgeht – anhaltend und ausführlich aus dem Intimleben Kachelmanns berichtet und dafür schon zahlreiche juristische Schlappen erlitten. Nach seinem Freispruch im Jahr 2011 fordert Kachelmann jetzt 2,2 Millionen Euro Geldentschädigung von „Bild“ und Bild.de.

Die Menschen im Gerichtssaal versuchen, die ganze Zeit über interessiert zu wirken, was ihnen aber nicht immer gelingt. So werden viele Zeigefinger an Schläfen gelegt und Schriftsätze begutachtet. Die anwesenden Journalisten machen sich Notizen über die Kleidung Kachelmanns (dunkler Anzug, blaue Krawatte) und die Optik des Gerichtssaals (helles Holz, viel Braun). Das Kölner Landgericht ist schön wie die Ruhr-Universität Bochum.

Begriffe wie „Selbstöffnung“ (wer sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreitet, hat weniger Anrecht auf Privatsphäre als jemand, der sich zu intimen Details nicht äußert — das Gericht sieht bis heute keine solche Selbstöffnung bei Kachelmann), „kumulative Berichterstattung“ und „Schmähkritik“ werden engagiert diskutiert und zu definieren versucht.

Im Wesentlichen geht es hier um die Frage, in wie vielen Fällen „Bild“ und Bild.de Kachelmanns Persönlichkeitsrechte verletzt haben (diese Zahl hat dann Auswirkungen auf die Höhe der Geldentschädigung), und darum, ob auch Berichte dazugerechnet werden, gegen die Kachelmann gar keine Unterlassungsansprüche geltend gemacht hatte. Kachelmanns Anwalt Ralf Höcker hatte zuvor argumentiert, dass sein Mandant gar nicht gegen alle zweifelhaften Artikel von „Bild“ und Bild.de hätte vorgehen können, weil der Verlag durch alle Instanzen gehe und sich die Gerichtskosten im schlimmsten Falle auf 3,5 Millionen Euro summiert hätten — Geld, das Kachelmann im Gegensatz zu Springer nicht habe.

Es dürfte das Verlagshaus daher auch nicht wirklich schmerzen, sollte es am Ende die von Kachelmann geforderten 2,2 Millionen Euro zahlen müssen — wonach es allerdings nicht aussieht: Der Vorsitzende Richter Dirk Eßer lässt von Anfang an durchblicken, dass das Gericht eine Entschädigung für richtig hält, diese aber deutlich niedriger ausfallen dürfte. Das Gericht sieht 36, womöglich 47 schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzungen: mindestens 15 von Bild.de und mindestens 21 von „Bild“.

Eine organisierte Pressekampagne zwischen Springer und Burda, wie sie Kachelmanns Anwälte erkannt haben wollen, sieht das Gericht eher nicht — die Springer-Anwälte sehen die Schuld an der damaligen Berichterstattung erwartungsgemäß nicht bei einer „Bande von Journalisten“, sondern bei der offensiven Pressearbeit der Staatsanwaltschaft und des Landgerichts Mannheim.

Für ein paar kurze Momente wird es dann doch noch lustig und geistreich, als Höcker und Gegenanwalt Hegemann durchspielen, wie sie an Stelle des jeweils anderen auf Argumente der Gegenseite reagiert hätten. Der Unterhaltungswert fällt dann aber sehr schnell wieder von dem Niveau einer Folge „Liebling Kreuzberg“ auf das der Verlesung der Lottozahlen.

Eher nebensächlich lässt Höcker einfließen, dass ihm eine E-Mail der Gegenseite aus der Zeit des Verfahrens gegen Kachelmann vorliege, die er als „Erpressungsversuch“ bezeichnet: „Bild“ hätte einen Ausblick auf die zukünftige (wohl besonders negative) Berichterstattung über Kachelmann und dessen damaligen Verteidiger Reinhard Birkenstock geboten, bei einer gewissen Kooperationsbereitschaft aber freundlichere Artikel in Aussicht gestellt.

Es war, wie gesagt, klar, dass es hier heute keine Einigung und kein Urteil geben würde, mithin keine Summe, die gleich aufgeregt in die Redaktionen getickert werden kann. Der Vorsitzende Richter gibt den beiden Seiten sechs Wochen Zeit, sich zu einigen. „Sprechen kann man immer“, sagt Springer-Anwalt Hegemann, was aber auch eher nach einer halbherzigen Zusage zum Besuch beim Paartherapeuten klingt als nach der Aussicht auf eine außergerichtliche Einigung. Wenn dabei nichts rumkommt, will das Gericht am 24. Juni ein Urteil verkünden — „mein Namenstag“, wie Anwalt Jan Hegemann feststellt.

Fans etwas grobschlächtigerer Metaphern kommen anschließend aber auch noch auf ihre Kosten, als Kachelmann und Höcker gemeinsam mit den sie belagernden Kameraleuten in der automatischen Drehtür des Gerichtsgebäudes stecken bleiben.

„Bild“ und die Sadomaso-Sabberei

Am Donnerstag kommt „Fifty Shades of Grey“ in die Kinos, was von „Bild“ seit geraumer Zeit mit einem knisternden Artikelfeuerwerk gewürdigt wird:







Das da oben sind nur die Schlagzeilen aus den letzten sechs Tagen. Begonnen hat die Hechelei aber schon vor vielen Monaten (Liste mit Sicherheit unvollständig):

Als das Buch rauskam, präsentierte Bild.de „exklusive Auszüge“, zum Hörbuch gab es „exklusive Audioproben“, und seit die Verfilmung angekündigt wurde (SM-Sex! Auf der Leinwand! Mit Hollywood-Stars!), drehen sie in der Redaktion ohnehin völlig am Rad.

Sie fragten:

… und:

Freuten sich diebisch über …

… verkündeten enttäuscht:

… und feierten den bevorstehenden Trailer, als ginge es um die Ankunft des Heilands persönlich:

Den ersten Trailer zu „Fifty Shades of Grey“ gibt es morgen natürlich bei BILD!

Natürlich.

Und natürlich diente das Buch immer wieder als willkommener Vorwand für fesselnde Erfahrungsberichte und rattenscharfe Ratgeber:





Und selbst für solche Geschichten waren sich die „Bild“-Leute nicht zu blöd:

Der Artikel geht tatsächlich bis 50 („Lichtgrau“) weiter. Und endet danach ohne weitere Erklärung.

Jedenfalls — gestern kam dann endlich der Höhepunkt der Sabbersause:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Das Foto stammt jedoch nicht aus dem Film, denn von den so gierig ersehnten Nacktszenen sind bisher noch keine veröffentlicht worden. Nein, um die Notgeilheit ihrer Leser und Macher endlich zu befriedigen, musste die „Bild“-Zeitung in ihre Trickkiste greifen:

In medialem Sadismus waren sie eben schon immer Experten.

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