Archiv für Bild.de

„Es könne auch etwas anderes gewesen sein“

Seit knapp zwei Wochen ist in Hamburg ein Mann verschwunden. Die Polizei sucht nach dem 44-Jährigen, nachdem dieser im Anschluss an eine Feier im Hafen zwar in ein Taxi gestiegen ist, aber nie zu Hause ankam. Der Mann arbeitet für den Fußballbundesligaverein HSV.

Am Sonntag titelte Bild.de:

Jetzt könnte man — und das gilt auch für Angehörige, Freunde, Kollegen des Vermissten — denken, dass in der Elbe eine Wasserleiche gefunden wurde, und die Ermittler sich nur noch nicht sicher sind, ob es sich dabei um den „verschwundenen HSV-Manager“ handelt.

Aber so ist es gar nicht gewesen. Es wurde nämlich gar keine Wasserleiche gefunden — es hatten lediglich drei Barkassenführer am Samstagmittag gemeldet, dass sie auf der Elbe etwas entdeckt haben, das eine Wasserleiche sein könnte. Ganz am Ende des Bild.de-Artikels steht:

Ob es sich wirklich um eine Wasserleiche handele, sei unklar. Es könne auch etwas anderes gewesen sein, was im Wasser getrieben sei.

Nach rund drei Stunden wurde die Suche ergebnislos abgebrochen.

Das erfährt natürlich nur, wer auf den Artikel klickt.

Mit Dank an Nils K. für den Hinweis!

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Franz Josef Wagner im Dschungel der Meinungen

Gut, wir geben zu: Das ist jetzt nicht gerade die Frage, die man sich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen und ganz dringend stellt. Dennoch: Was hält „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner eigentlich vom „RTL“-Quotenbringer „Dschungelcamp“?

Total super findet er die Sendung. Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei „das ansteckend Gesellige“, wie man es beim „Dschungelcamp“ findet, wichtig. Doch Wagner sagt auch: Gerade jetzt nach dem ganzen Terror sei so etwas wie das „Dschungelcamp“, mit „nackten Mädchen nach dem Terror“, nicht das Richtige.

Doch der Reihe nach.

Franz Josef Wagners Brief von heute ans liebe „Dschungelcamp“:

Liebes Dschungelcamp,

angesichts der Weltlage, Terror, Unsicherheit ist das ansteckend Gesellige wichtig. Ein paar Bierchen mit Freunden und schon sieht die Welt anders aus. Heiterer.

Nichts anderes ist das Dschungelcamp. Wir sehen die Kandidaten, wie sie ekliges Zeug essen.

Wir lachen über diese Idioten im Dschungelcamp. Sie amüsieren uns, weil sie so nackt, so blöd, so peinlich sind. Gott, gib uns nichts Schlimmeres als das Dschungelcamp.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wagner schreibt jedes Jahr im Januar einen Brief an die „RTL“-Sendung. So auch 2015. Auf den Tag genau vor zwei Jahren lautete sein Brief so:

Liebes Dschungel-Camp,

ich denke, dass ich Dich heute Abend nicht gucke. Du passt nicht in meine Gefühlswelt. Je suis Charlie ist meine Welt. Meine Welt ist Trauer und nicht Dschungel-Camp.

Im Dschungel-Camp treten abgehalfterte Promis auf, deren Verstand grenzwertig ist.

Ich kenne die Dschungel-Bewohner nicht, zwei Mädchen sollen „Playboy“-Models sein.

Nackte Mädchen nach dem Terror.

Ich bin kein Moralist, aber Dschungel-Camp gucke ich nicht. Nach dem Terror Titten — nein.

Herzlichst,
F. J. Wagner

Wenigstens bei einem Punkt ist er sich treu geblieben: Der Verachtung für die Menschen, die da im TV zu sehen sind.

Mit Dank an A. T. für den Hinweis!

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Die schwitzenden Bild.de-Redakteure

Bei Bild.de gibt es einen festen Platz für Frauen im Bikini: ziemlich weit oben auf der Startseite, rechts neben den automatisch durchlaufenden Top-Themen. Da zeigt dann mal Sophia Thomalla die Kokosnüsse, die sie im Urlaub gefunden hat. Oder die Leser müssen raten, welche prominente Dame ihren Hintern in die Kamera hält (Artikelüberschrift: „Au Backe!“). Jetzt gerade ist an dieser Stelle Natasha Obama zu sehen, Spitzname Sasha, die Tochter von US-Präsident Barack Obama:

Im Artikel gibt es die üblichen „Bild“-Sabber-Sabber-Sätze, die automatisch generiert zu werden scheinen, wenn irgendwo eine halbwegs bekannte Frau in Bademode auftritt. Zum Beispiel:

Beach-Babe mit Bodyguards

Oder:

Und während Sasha barfuß und in mega-knappen Shorts am Strand spaziert, tragen ihre Beschützer selbstverständlich Anzug und Krawatte.

Ganz am Ende des Textes wird es dann aber selbst für Bild.de richtig eklig:

Warum das so bemerkenswert ist? Natasha Obama ist 15 Jahre alt. Die Bild.de-Frauenkörper-Gutachter bewerten die Figur eines jugendlichen Mädchens (nachdem sie vorgestern bereits über ihren „Stars & Stripes“-Bikini geschrieben haben („Die Präsidententochter trägt die US-Flagge auf der Brust!“)).

Dass das etwas zu viel der üblichen „Bild“-Geilheit war, haben offenbar auch die schwitzenden Bild.de-Redakteure mitbekommen — sie haben den Absatz mit den „heißen Kurven“ inzwischen gelöscht.

Mit Dank an Fabian K. und @ManonPriebe für die Hinweise!

Nachtrag, 17:33 Uhr: Bereits Ende vergangenen Jahres hatten die Bild.de-Jugendbeauftragten die Tochter von Cindy Crawford, Kaia Gerber, auf der eigenen Website im Bikini präsentiert und bewertet. Das Mädchen (Bild.de: „Krasser Cindy-Klon“) ist ebenfalls 15 Jahre alt.

Beim Weihnachtsurlaub mit der Familie macht das Model-Küken in Miami eine grenzGENial gute Figur.

Immerhin: Eine dämliche Formulierung über ihre „heißen Kurven“ hat sich Bild.de in diesem Fall gespart.

Mit Dank an Mind für den Hinweis!

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„Nafri“, „Nazi“ – klingt doch auch fast gleich

In der „Bild am Sonntag“ von heute spricht die „Grünen“-Vorsitzende Simone Peter über ihre Kritik am Polizeieinsatz in der Kölner Silvesternacht. Vor zwei Wochen hatte sie unter anderem gesagt, dass die Verwendung einer „herabwürdigenden Gruppenbezeichnungen wie ‚Nafris‘ für Nordafrikaner durch staatliche Organe wie die Polizei“ völlig inakzeptabel sei.

Frage fünf des Interviews greift diese Aussage auf und zieht einen, nun ja, bemerkenswerten Vergleich:

Peters Antwort: Das sei nicht vergleichbar.

Direkt im Anschluss geht es dann noch um „rassistischen Hass und Hetze“, den beziehungsweise die Simone Peter nach ihrer Kritik an der Kölner Polizei erlebt hat:

Haben Sie eine solche Wut schon jemals zuvor erlebt?

Peter: „Wut klingt noch zu harmlos. Ich habe eine solche Hasswelle noch nie zuvor erlebt. Verstärkt wurde sie durch Zuspitzungen in der Berichterstattung, aber offenbar auch durch sogenannte social bots.“

„Zuspitzungen in der Berichterstattung“, die die Hasswelle verstärkt hätten? Wir haben da eine Idee, wer damit gemeint sein könnte.

Erst prüfen lassen

Es ist aber auch ein ziemliches Auf und Ab für die Kölner Polizei: In der Silvesternacht 2015/2016 warf man ihr noch komplettes Versagen vor, „alles falsch gemacht“, so die Kritiker. Ein Jahr später — also vor wenigen Wochen — galt das Verhalten der Polizisten am Hauptbahnhof als unangreifbar, „alles richtig gemacht“, so die Schulterklopfer. Und heute sind die Polizei Köln und ihr Präsident Jürgen Mathies bei „Bild“ schon wieder „Verlierer“ des Tages:

Grund für das erneute Ab sind Aussagen bei einer Pressekonferenz, bei der Mathies und seine Kollegen neue Zahlen zum Einsatz in der Silvesternacht präsentiert haben: Bei 425 der 674 Männer, die die Beamten im Umfeld des Kölner Hauptbahnhofs kontrolliert haben, habe man eine Nationalität feststellen können. Das Ergebnis unter anderem: 99 von ihnen seien Iraker gewesen, 94 Syrer, 48 Afghanen, 46 Deutsche, 17 Marokkaner, 13 Algerier — also nicht gerade Nordafrikaner in der deutlichen Mehrheit, wie erst von den Beamten behauptet. Die Zahlen stünden allerdings „unter dem Vorbehalt noch andauernder Ermittlungen“, wie die Kölner Polizei in einer späteren Pressemitteilung schrieb:

Viele dieser Personen haben sich mit Dokumenten und Bescheinigungen ausgewiesen, die nicht als sichere Dokumente im Sinne einer zweifelsfreien Bestimmung der Staatsangehörigkeit gelten.

Aus aktuellen Ermittlungsverfahren ist bekannt, dass sich insbesondere junge Männer, die nicht die Anforderungen für die Anerkennung als Asylsuchende erfüllen, als Kriegsflüchtlinge aus Syrien ausgeben. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich unter den 425 Personen noch eine größere Anzahl nordafrikanischer junger Männer befindet. Eine genaue Aussage lässt sich erst nach weiteren Ermittlungen klären.

Nimmt man mal den Extremfall, dass alle 94 Männer, die sich bei den Kontrollen als Syrer ausgegeben haben, gar keine Syrer sind, sondern aus Marokko oder Algerien oder Tunesien kommen, dann stammen von den 425 überprüften Personen, denen eine Nationalität zugewiesen werden konnte, 124 aus Nordafrika, knapp 29 Prozent.

„Erst prüfen, dann twittern“, empfiehlt „Bild“ heute also. Ja, guter Vorschlag. Man könnte noch hinzufügen: „Erst prüfen lassen, dann so tun, als wüsste man genau Bescheid, was denn nun wirklich los war am Hauptbahnhof.“ Denn nicht nur die Kölner Polizei und ihr Präsident Jürgen Mathies haben in den Tagen nach Silvester stets behauptet, dass vor allem Männer aus Nordafrika kontrolliert wurden, sondern auch viele Medien.

Bleiben wir mal bei „Bild“ und Bild.de. Bereits am 2. Januar legte sich Franz Solms-Laubach bei seiner Beurteilung des Polizeieinsatzes in Köln klipp und klar fest:

Fakt ist je­doch: Die Po­li­zei in Köln hat an Silvester 2016 alles rich­tig gemacht!

Und die ein­ge­kes­sel­ten Mi­gran­ten vom Köl­ner Bahn­hof in 2016 waren fast ausschließ­lich Nordafrika­ner.

Durch die Zahlen, die die Kölner Polizei nun bei ihrer Pressekonferenz präsentiert hat, zeigt sich: Stimmte offenbar nicht.

Was noch schlimmer war: Solms-Laubach und seine „Bild“-Kollegen erklärten all diejenigen, die die Beurteilung des Einsatzes und die präsentierten Fakten hinterfragten, anzweifelten oder zumindest diskutieren wollten, zu Idioten. Eine Debatte wurde nicht zugelassen. Wer es mindestens merkwürdig fand, dass die Polizei vor allem aufgrund des Aussehens entschied, wen sie kontrolliert und wen nicht, und nach der Prämisse handelte „jeder, der in etwa so aussieht wie ein Täter des vergangenen Jahres, ist in diesem Jahr ein potentieller Täter“ (ein Polizeisprecher sagte später: „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man.“), wurde angefeindet. Zum Beispiel Simone Peter. Die Vorsitzende der „Grünen“ sagte der „Rheinischen Post“, dass das Polizei-Großaufgebot Übergriffe zwar deutlich begrenzt habe:

„Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.“

„Bild“ erklärte Peter daraufhin zur „GRÜFRI“, zur „GRÜn-Fundamentalistisch-Realitätsfremden Intensivschwätzerin“. Sie sei der Superlativ von „dumm“:

Eine der Grundlagen für die harsche „Bild“-Kritik an Simone Peter ist auch hier die anscheinend falsche Annahme, dass es sich bei den kontrollierten Personen in der Silversternacht zum Großteil um Männer aus den nordafrikanischen Staaten handelte.

Mit Dank an Adib E. K. und @WernerHinzpeter für die Hinweise!

Alle sind gleich, aber manche sind Kai Diekmann

Es gilt die Unschuldsvermutung. Für jeden, und natürlich auch für „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt momentan gegen ihn, nachdem eine „Springer“-Mitarbeiterin Anzeige erstattet hatte. Im vergangenen Sommer soll Diekmann sie beim Baden sexuell belästigt haben, so der Vorwurf, den Diekmann bestreitet.

Der „Spiegel“ und „Spiegel Online“ schrieben vergangene Woche als Erste über die Anzeige, viele weitere Medien zogen nach. Anders als von einigen Leuten bei Facebook und Twitter behauptet, griffen auch die „Bild“-Redaktionen das Thema auf. Bild.de berichtete noch am Freitag, für einige Stunden war eine „dpa“-Meldung auf der Startseite klein verlinkt:

„Bild“ brachte am Samstag die gleiche „dpa“-Meldung, ganz unten auf Seite 2:

Und einen Tag später veröffentlichte „Bild am Sonntag“, wo Diekmann ebenfalls Herausgeber ist, auf Seite 2 einen eigenen kurzen Artikel:

Man kann also nicht sagen, dass „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ das Thema totgeschwiegen hätten. Vielleicht kann man sogar sagen, dass sie angemessen berichtet haben: nüchtern, keine sensationsgierige „Sex“-Schlagzeile, nicht vorverurteilend (zugegeben: alles andere wäre im Fall des eigenen Herausgebers auch eine große Überraschung gewesen). Schließlich steht außer den Tatsachen, dass gegen Kai Diekmann eine Anzeige vorliegt und die Staatsanwaltschaft ermittelt, nichts fest.

Heute berichten die Berlin-Ausgabe der „Bild“-Zeitung und Bild.de über den „AfD“-Politiker Andreas Kalbitz. Gegen Kalbitz liegt eine anonyme Anzeige wegen sexueller Belästigung vor, die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft derzeit, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet. Der Stellvertreter des brandenburgischen „AfD“-Chefs Alexander Gauland soll sich bei einer Party der „Jungen Alternativen“ teilweise noch minderjährigen Jugendlichen „sexuell genähert“ haben, so der Vorwurf, den Kalbitz bestreitet.

Auch hier ist noch nicht klar, was an den schweren Vorwürfen dran ist. Doch statt wie bei Diekmann auf eine große Aufmachung und Reizwörter wie „Sex“ in der Überschrift zu verzichten, berichtet „Bild“ so:

Nicht falsch verstehen: Wir sind nicht dafür, dass „Bild“ über Kai Diekmann so berichtet wie in diesem Fall über Andreas Kalbitz. Andersrum wäre es wünschenswert: Dass die „Bild“-Medien — wie im Fall ihres Herausgebers — Ermittlungen abwarten, die ermittelnden Behörden und, sollte es zu einem Prozess kommen, die Gerichte ihren Job machen lassen, bevor sie riesige Artikel bringen. In der Vergangenheit, unter der Leitung von Kai Diekmann, hat sich zu oft gezeigt, dass die „Bild“-Redakteure mit ihren schnellen Schlagzeilen zu oft danebenlagen.

Mit Dank an alle Hinweisgeber!

Ihr EUmel! (7)

Aaaahhhhh! Pfffffff! Tssssss! Grrrrrrr!

Okay, machen wir es kurz — wir haben hier schließlich schon oft genug drauf hingewiesen: Der „Europäische Gerichtshof für Menschenrechte“ („EGMR“) ist kein „EU-Gericht“!

Nein, er ist KEIN „EU-Gericht“. Er hat zwar gestern entschieden, dass muslimische Schülerinnen zur Teilnahme am gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungen verpflichtet werden können. Aber: Der „EGMR“ ist kein „EU-Gericht“.

Das gilt übrigens auch für Euch, liebe „Tagesthemen“-Mitarbeiter: Der „Europäische Gerichtshof für Menschenrechte“ ist kein „EU-Gericht“!

Na, dann lasst mal sehen …

Hmpf.

Ach, und Bild.de — nein, der „EGMR“ ist auch nicht der „EuGH“:

Mit Dank an Kai und @Krazikrizz für die Hinweise!

Gefährlich, gefährlich

Achtung, jetzt wird’s gefährlich! Dieser Text hier ist nichts für schwache Nerven. Denn Bild.de hat sich am vergangenen Wochenende in den Vorhof zur Hölle in die Berliner U-Bahn-Linie 8 gewagt:

Ob es da gefährlich ist, fragen Sie sich jetzt? Na, hören Sie mal — und wie!

Die Berliner U-Bahnlinie U8 fährt durch die gefährlichsten Stationen der Stadt.

BILD fuhr eine Nacht lang mit: auf der gefährlichsten Strecke der Hauptstadt.

BILD fährt die Gewaltstrecke ab

Zugegeben: In den vergangenen Wochen Monaten gab es an zwei Haltestellen der U8 tatsächlich Vorfälle, die grässlich waren und für Aufsehen gesorgt haben: An der Endstation Hermannstraße trat ein Mann einer Frau brutal in den Rücken. Sie stürzte eine Treppe runter und brach sich einen Arm. An der Haltestelle Schönleinstraße hatten mehrere Männer versucht, einen Obdachlosen anzuzünden. Dem Mann ist zum Glück nichts passiert.

Diese „Gewaltstrecke“ wollte sich der Bild.de-Autor also mal genauer anschauen. Und was er erlebt hat, ist nun wirklich, nun ja …

Start an der Haltestelle Wittenau:

Der Zug ist fast leer, die wenigen Fahrgäste sehen müde aus, hören Musik oder blicken auf ihr Smartphone.

Erste Aufregung an der Bernauer Straße — ein freundlicher Mann, der nach Geld fragt:

Ein junger Mann, Mitte zwanzig, schlendert durch die Bahn, bettelt höflich um Geld.

Am Rosenthaler Platz dann sogar noch Touristen mit Bier:

Wer kein Spanisch oder Englisch spricht, fühlt sich etwas fremd. Mit je einer Flasche Bier in der Hand entert eine große Gruppe Touristen den Zug.

Am Alex: noch mehr Menschen!

Voller Bahnsteig am Alexanderplatz (Mitte).

Aber spätestens am Moritzplatz kann auch der Bild.de-Autor nicht mehr verstecken, dass die U8 zumindest an diesem Abend vielleicht doch nicht so „gefährlich“ ist wie angekündigt:

Gähnende Leere am Moritzplatz (Kreuzberg).

Vom Kotti kann man auch nur über schlafende Obdachlose berichten:

Zwei Obdachlose schlafen auf der Bank, ignorieren alles um sich herum.

Doch plötzlich, am Hermannplatz — Action!

23.09 Uhr, Hermannplatz (Neukölln): In der U-Bahn zündet sich ein Jugendlicher eine Zigarette an, in der anderen Hand hält er eine Flasche Whisky. Keiner der Fahrgäste beschwert sich.

Joar.

Dann noch mal zur Schönleinstraße. Aber auch da: niente, nada, nichts.

Ein kleines Rinnsal fließt von einem Pfeiler weg. Die Flüssigkeit: undefinierbar.

Das war’s dann auch schon. Das war „Berlins gefährlichste U-Bahn“. Also, das Fazit der nächtlichen Tour?

Nach dieser Fahrt in der U8 wundert es jedenfalls kaum, dass, wenn es zu Gewalt käme, es keiner merken würde. Erst hinterher.

So kann man es natürlich auch drehen, wenn man unbedingt ein bisschen Angst und Schrecken verbreiten will.

Bild.de macht Sigmar Gabriel zum Kanzlerkandidaten

Schon gut möglich, dass Sigmar Gabriel SPD-Kanzlerkandidat wird. In Interviews und Gastbeiträgen in verschiedenen Publikationen präsentiert er derzeit Grundpositionen seiner Partei zu voraussichtlichen Wahlkampfthemen. In TV-Reportagen zeigt er sich als Privatmann. Er bringt sich auf verschiedenen Kanälen in Stellung. Nur: Offiziell festgelegt hat sich Gabriel noch nicht.

Bild.de meldet aktuell:


Im „Bild plus“-Artikel klingt es dann aber doch noch nicht so sicher wie auf der Startseite. Es klingt auch nicht so, als würde hinter der Schlagzeile eine Entscheidung von Sigmar Gabriel stecken, sondern die der „Bild“-Autoren Rolf Kleine und Hans-Jörg Vehlewald:

Noch hält er sich bedeckt: SPD-Chef Sigmar Gabriel (57) will erst Ende Januar sagen, ob er als Kanzlerkandidat antritt.

Doch BILD legt sich schon jetzt fest: ER MACHT‘S!

Dass sich erstmal nur „Bild“ offiziell festgelegt hat, hält andere Medien nicht davon ab, die Nachricht aufzugreifen und weiterzuverbreiten. Die „Huffington Post“ beispielsweise:

Oder „RP Online“ mit leichter Distanzierung:

Dass Rolf Kleine und Hans-Jörg Vehlewald Gabriels angebliche Kandidatur verkünden, ist nicht uninteressant — beide haben eine SPD-Vergangenheit. Kleine war Sprecher von Peer Steinbrück, als dieser 2013 Kanzlerkandidat war. Vehlewald arbeitete im Presse- und Kommunikationsteam des SPD-Bundesvorstands.

Das könnte nun dafür sprechen, dass sie, dank ihrer SPD-Insider-Infos, mit ihrer Einschätzung richtigliegen. Allerdings hatte Rolf Kleine erst vor wenigen Monaten bei einem anderen Spitzenpolitiker der Partei völlig danebengegriffen: Zusammen mit seinem „Bild“-Kollegen Ralf Schuler schrieb er Anfang Oktober, dass Frank-Walter Steinmeier auf gar keinen Fall als Kandidat für das Bundespräsidentenamt aufgestellt werden wird:

Wenn heute Mittag die Spitzen von CDU, CSU und SPD im Kanzleramt zum Koalitionsgipfel zusammenkommen, wird es KEINE Einigung auf einen gemeinsamen Vorschlag geben. Vielmehr werden die zwei prominentesten Kandidaten aus dem Rennen genommen.

Der in fast allen Umfragen beliebteste Anwärter, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (60, SPD), wird nicht aufgestellt, weil Kanzlerin Angela Merkel (62, CDU) klar sagt: DER NICHT!

Inzwischen steht fest, dass die Große Koalition Frank-Walter Steinmeier als Kandidaten bei der Wahl am 12. Februar ins Rennen schickt.

Mit Dank an Boris R. für die Hilfe!

Flossenflunkerei

Gestern gab der US-Meeres-Themenpark „Seaworld“ bekannt, dass einer seiner Schwertwale gestorben ist. Weltweit berichteten viele Medien darüber, schließlich handelte es sich bei dem Tier um den Orca Tilikum, der eine gewisse Berühmtheit hatte. Bild.de veröffentlichte ebenfalls einen Artikel zu Tilikums Tod:

Wie das Portal in der Dachzeile schreibt, tötete Tilikum 2010 seine Trainerin Dawn Brancheau. Der Fall sorgte damals für viel Aufsehen. Tilikum packte Brancheau am Arm und zog sie unter Wasser, bis sie ertrank. 2013 erschien darüber und über weitere tödliche Vorfälle, in die Tilikum verwickelt war, ein sehenswerter Dokumentarfilm, „Blackfish“.

Aber nicht nur deswegen sei Tilikum laut Bild.de eine Berühmtheit. Es habe noch einen anderen Grund gegeben:

Dem Bild.de-Team vielleicht nicht. Manch einer könnte aber schon mal den Film „Free Willy — Ruf der Freiheit“ gesehen haben, in dem der Orca Keiko die Hauptrolle schwimmt (und springt). Auch Keiko hat eine „quer herunter hängende Rückenflosse“.

Die abgeknickte Flosse auf den Rücken von Schwertwalen ist ein typisches Phänomen bei Bullen, die in Gefangenschaft leben. Ihre Rückenfinne, die bis zu zwei Meter in die Höhe ragen kann, wird nicht durch Knochen gestützt, sondern durch Kollagen aufrecht gehalten. Die veränderte Umgebung in der Gefangenschaft, die kleinen Becken und der damit verbundene Bewegungsmangel dürften dazu beitragen, dass sich die Struktur dieses Proteins verändert. Das Kollagen kann die Rückenflosse der männlichen Orcas dann nicht mehr stützen. Bei Weibchen ist die Flosse kleiner, sie klappt in der Regel nicht um.

Um das alles herauszufinden, hätte sich nur einer der Bild.de-Mitarbeiter an einen Kinobesuch in der Kindheit erinnern und anschließend zehn Minuten durch „Wikipedia“ klicken müssen.

Mit Dank an Jan E. und Anonym für die Hinweise!

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