Archiv für Bild am Sonntag

„Bild“ korrigiert AfD-Unsinn, den AfD in „Bild am Sonntag“ verbreiten darf

Bei der „Bild am Sonntag“ hatten sie eine Idee für ein neues Interview-Format:

Ausriss Bild am Sonntag - Neue Serie - Stars treffen Spitzenpolitiker - Es geht im Wahlkampf nicht nur um Parteiprogramme. Denn Politik wird von Menschen gemacht. In dieser neuen BamS-Serie stellen Stars die Fragen, die ihnen persönlich wichtig sind

Für Teil 2 „dieser neuen BamS-Serie“ (in Runde 1 befragte Schlagersängerin Andrea Berg CSU-Chef Horst Seehofer) wählte die Redaktion als Politiker Alexander Gauland von der AfD aus und als Star Entertainerin Désirée Nick:

Ausriss Titelseite Bild am Sonntag - Désirée Nick fragt Gauland von der AfD

Und welche Fragen an Gauland sind Nick nun „persönlich wichtig“? Solche hier:

Warum sind Sie immer so britisch gekleidet?

Ich dachte, Sie sind Single!!!

Haben Sie einen Künstlernamen? „Gauland“ ist ja kein französischer Name.

Haben Sie Frau Merkels Mobilnummer? Für Notfälle?

Wollen Sie meine Telefonnummer haben?

Wir könnten dann auch über Rotwein reden …

Ihre Krawatte mit den Hunden habe ich schon oft im Fernsehen gesehen. Das ist Ihre Lieblingskrawatte, oder?

Wobei diese Zusammenstellung nicht ganz fair ist, weil das Debakel am Ende gar nicht so groß ist, wie man es erstmal befürchten könnte. Désirée Nick hakt hier und da nach, sie hat sich vor dem Gespräch immerhin die AfD-Wahlplakate angeschaut und bei einzelnen Themen auch eine klare eigene Meinung.

Trotzdem finden wir es fatal, einem erfahrenen, gewieften Politiker wie Alexander Gauland nicht einen mindestens genauso erfahrenen Interviewer gegenüberzustellen; einen, der im politischen Diskurs steckt, der fundiert widersprechen kann, der nicht auf Parolen reinfällt. Stattdessen lässt „Bild am Sonntag“ den AfD-Spitzenkandidaten auf zwei kompletten Seiten (plus eine Seite Aufmacher-Foto und Überschrift) gegen Ausländer, gegen den Islam, gegen alles Fremde reden, ohne dass er dabei allzu viel Gegenwind bekommt.

An einer Stelle im Interview wird dieses Problem ganz deutlich. Désirée Nick sagt zu Alexander Gauland:

Sie sagen: Unsere Deutschen machen wir uns selber!

Gauland antwortet:

Na, klar. Wir brauchen keine ausländischen Arbeitskräfte.

Jemand, der es gewohnt ist, in Interviews gut aufzupassen und kritisch nachzufragen, würde diesem Unsinn sicher widersprechen. Man könnte den Fachkräftemangel anführen, man könnte die Situation in der Pflege, im Handwerk ansprechen, man könnte Gauland fragen, wie er sich Deutschland ohne ausländische Arbeitskräfte vorstellt. Désirée Nick macht nichts davon. Sie lässt Gaulands Aussage einfach so stehen, als wäre faktisch daran nichts auszusetzen. Nick will lieber übers Kindermachen sprechen:

Ich spreche von Zeugung.

In der „Bild“-Zeitung erschien gestern dieser kleine „Wahlkampf-Fakten-Check“:

Ausriss Bild-Zeitung - BILD Wahlkampf-Fakten-Check - Aussage: AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (76) sagte der Bild am Sonntag: Wir brauchen keine ausländischen Arbeitskräfte. Antwort: Falsch! Die Bundesagentur für Arbeit ermittelte in ihrer neuen Engpassanalyse im Juni 2017 zwar, dass es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt, wohl aber in einzelnen Branchen! Dazu zählen Bauberufe, technische Berufe und der Pflege- und Gesundheitsbereich. Stellen in der Altenpflege sind aktuell im Schnitt 167 Tage vakant, auf dem Bau (Meister) 130 Tage. Die Mangelberufe stehen auf einer offiziellen Positivliste: Ausländer, die diese erlernt haben, können zum Arbeiten nach Deutschland zuwandern.

Dass „Bild“ etwas korrigiert, was in „Bild am Sonntag“ steht, ist gut, auch wenn die „Bild“-Redaktion so tut, als würde das Problem einzig bei Alexander Gaulands Aussage liegen. Es ist aber ebenfalls problematisch, dass der „BILD Wahlkampf-Fakten-Check“ überhaupt erst nötig ist, weil „Bild am Sonntag“ Micky Maus Désirée Nick zum Interview mit Alexander Gauland geschickt hat und nicht jemanden, der dem AfD-Politiker hätte Paroli bieten können.

Das BILDblog finanziell unterstützen
Sie finden gut, was wir hier machen? Dann unterstützen Sie uns doch! Mit Ihrer Hilfe kann und wird es weiter Medienkritik beim BILDblog geben. Unser Dank ist Ihnen gewiss, wir freuen uns über jede Unterstützung — und am meisten über Daueraufträge.
 
Unsere Kontodaten: B-blog, IBAN: DE94 1001 0010 0555 4161 07, BIC: PBNKDEFF, Postbank Berlin, Konto 555 416 107, BLZ 100 100 10
 
Geht auch per Paypal:

Medien verbreiten Ehe-für-alle-Unsinn der AfD

Wenn Sie gestern eine Runde auf deutschen Online-Nachrichtenseiten gedreht haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie auch auf diese Schlagzeile hier gestoßen sind:


(„Spiegel Online“)

Oder auf diese:


(Stern.de)

Oder diese:


(Welt.de)

Oder auf eine von diesen:


(FAZ.net)

(„Focus Online“)

(Morgenpost.de)

(„Deutschlandfunk“)

(derstandard.at)

(Express.de)

(FR.de)

(rp-online.de)

(Merkur.de)

(derwesten.de)

(maz-online.de)

(rbb-online.de)

(orf.at)

Die Liste ließe sich noch lange weiterführen — es stand gestern so gut wie überall, auch weil Agenturen die Nachricht übernommen und verbreitet haben: Die AfD prüfe, ob sie die gerade erst im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ vor dem Bundesverfassungsgericht verhindern könne.

Als Ursprung für diese Neuigkeit nennen die Artikel, die hinter den oben aufgeführten Titelzeilen stecken, alle die gleiche Quelle: „Bild am Sonntag“. Die „BamS“-Redaktion hatte die AfD-Info gestern, beziehungsweise online bereits vorgestern am späten Abend, exklusiv:

Die AfD plant, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen und die am Freitag im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“ zu kippen. AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland (76) zu BamS: „Wir prüfen derzeit eine Klage beim Bundesverfassungsgericht. Ich bin für einen solchen Schritt. Die Ehe für alle bedeutet eine Wertebeliebigkeit, die unserer Gesellschaft schadet.“

Nun kann die AfD das so sehr wollen und planen und prüfen, wie sie mag — sie kann nicht wegen der „Ehe für alle“ vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Wie Patrick Gensing bereits gestern am Nachmittag beim ARD-„Faktenfinder“ schrieb, gibt es verschiedene Wege, die dazu führen, dass sich das Bundesverfassungsgericht mit einem Gesetz beschäftigt. Im Fall der „Ehe für alle“ kommt eigentlich nur die abstrakte Normenkontrolle in Frage. Und die kann nicht von jedem einfach so beantragt werden. Das Bundesverfassungsgericht schreibt dazu:

Der Antrag kann nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder eines Viertels der Mitglieder des Bundestages gestellt werden. Bürgerinnen und Bürger sind in dieser Verfahrensart nicht antragsberechtigt.

Die AfD sitzt zwar in einigen Landesparlamenten, sie gehört aber weder der Bundesregierung noch einer Landesregierung an, und keiner ihrer Mitglieder ist aktuell Bundestagsabgeordneter. Über die abstrakte Normenkontrolle kann sie eine Überprüfung der „Ehe für alle“ durch das Bundesverfassungsgericht derzeit nicht beantragen.

Eine Verfassungsbeschwerde, die auch einzelne AfD-Mitglieder initiieren könnten, macht bei der „Ehe für alle“ auch keinen Sinn. Denn dazu schreibt das Bundesverfassungsgericht:

Die beschwerdeführende Person muss selbst, gegenwärtig und unmittelbar in ihren Rechten betroffen sein.

Und wer soll schon ernsthaft in seinen Rechten betroffen sein, weil nun auch Frauen Frauen und Männer Männer heiraten können sollen und sonst durch die „Ehe für alle“ niemandem etwas weggenommen wird?

All das hätten auch die zwei „Bild am Sonntag“-Autoren herausfinden können, bevor sie (und in der Folge all die anderen Redaktionen, die auch nicht recherchierten) der AfD riesige Werbeflächen für eine Null-und-nichtig-Ankündigung einräumten.

Bild.de und „BamS“ finden „Bild“-Angebot unseriös

Seit heute kann man aus dem Spanien-Italien-Frankreich-Urlaub bei seiner Familie zu Hause in Deutschland anrufen, sich am Handy über die verdammte EU und den Regulierungswahn der Bürokraten in Brüssel aufregen und muss für diesen Anruf nur so viel bezahlen, wie man in Deutschland für ihn bezahlen würde. Seit heute fallen innerhalb der EU keine Roaming-Gebühren mehr an. Auch dank der regulierungswütigen EU-Bürokraten.

Das Serviceportal Bild.de beantwortet laut Teaser auf der Startseite heute 13 Fragen zum Thema:

Im Artikel selbst sind es dann plötzlich nur noch „11 FRAGEN“

… die allesamt aus einem Artikel der „Bild am Sonntag“ stammen, wo die Redaktion bereits am vergangenen Wochenende auf einer Doppelseite Antworten auf wiederum 13 Fragen rund um „das neue Roaming“ lieferte:

Sowohl bei Bild.de als auch in „Bild am Sonntag“ kommt diese Frage vor:

Ich habe einen Auslandstarif, eine sogenannte Auslandsoption, abgeschlossen. Muss ich den jetzt kündigen?

Antwort der „Bild“-Medien:

Nein. Die Auslandsoption ist mit dem 15. Juni hinfällig. Seriöse Unternehmen werden diesen Tarif automatisch beenden. Überprüfen Sie zur Sicherheit Ihre Abrechnung.

Heißt im Umkehrschluss: Bei unseriösen Unternehmen muss man den Auslandstarif selber kündigen.

Auch „Bild“ ist im Mobilfunkmarkt aktiv, mit zwei verschiedene Angeboten: bei „Bild mobil“ bekommt man nicht mal „das Mindeste“; „Bild Connect“ wirbt für die Pakete „FLAT 2000 LTE“ und „FLAT 3000 LTE“ auch aktuell noch mit einem „EU Roaming-Paket“:

Die „Bild“-Telefonisten werden „diesen Tarif“ aber doch sicher „automatisch beenden“? Schauen wir „zur Sicherheit“ mal auf eine „Bild Connect“-Abrechnung aus dem Mai:

Zum 15.06.2017 ändert sich die Roaming Regulierung in der EU: Ihre nationalen Mobilfunkkonditionen sind dann ebenfalls in der EU verfügbar. Ein Wechsel in die regulierten Konditionen ist über Ihre Servicewelt jederzeit möglich. Dort können Sie unter „Tarifoptionen“ eine bestehende EU-Option oder EU-Tarifinklusivleistung abwählen. (…) Bitte bedenken Sie, dass Ihnen beim Verbleib im alternativen Tarif die Konditionen des regulierten Tarifs — Verfügbarkeit der nationalen Mobilfunkkonditionen in der EU — nicht zur Verfügung stehen. (…)

Mit freundlichen Grüßen

Drillisch Online AG — Ihr BILDconnect Kundenservice

Laut Bild.de und „BamS“ scheint es sich bei der Kooperation von „Bild“ und der Drillisch Online AG nicht um ein „seriöses Unternehmen“ zu handeln.

Mit Dank an @fernfunker für den Hinweis!

„Bild“-Medien spekulieren über tödlichen Unfall von Julia Viellehner

Die deutsche Triathletin Julia Viellehner hatte am vergangenen Montag einen schweren Unfall: Im Trainingslager in Italien fuhr ein LKW sie an, als sie auf dem Fahrrad saß. Viellehner musste ins Krankenhaus und wurde ins künstliche Koma versetzt.

„Bild am Sonntag“ berichtete gestern über den Unfall:

Bereits am Samstagabend brachte auch Bild.de einen Artikel:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

In ihren Texten zitieren die „Bild“-Medien unter anderem einen Post auf Julia Viellehners Facebook-Seite, den ihr Freund Tom Stecher am Samstagmorgen verfasst hatte:

Ihr Lebensgefährte schrieb gestern bei Facebook: „Leider gibt es derzeit keine Änderung in ihrem Zustand. Sie hat bei dem Unfall viele und schwere Verletzungen erlitten. Eine Prognose über den weiteren Verlauf kann zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht abgegeben werden. Geht alles gut, steht sie auch irgendwann wieder an der Startlinie!“

Stecher, der bei dem Unfall anwesend war, schreibt in dem Facebook-Post außerdem:

Auch in Italien gibt es einen Schutz der Privatsphäre. Dies trifft auch besonders auf Krankendaten zu. Informationen über Julias Verletzungen oder durchgeführte Behandlungen sind rein spekulativ!

Diesen Absatz zitieren die Autoren von Bild.de und „Bild am Sonntag“ nicht. Sie müssen ihn aber gesehen haben — schließlich beziehen sie sich auf den Text, in dem er steht. Eindruck hat die Aussage Stechers bei ihnen aber offenbar nicht gemacht. Die „Bild“-Medien verbreiten Spekulationen „über Julias Verletzungen oder durchgeführten Behandlungen“: Sie zitieren die italienische Zeitung „Corriere Romagna“, die behauptete, dass schwere Eingriffe an den Beinen von Julia Viellehner nötig gewesen sein sollen (auf weitere Details verzichten wir bewusst, weil wir uns nicht auch noch an den Spekulationen beteiligen wollen).

Vor wenigen Stunden verkündete Tom Stecher in einem weiteren Facebook-Beitrag, dass Julia Viellehner an ihren Verletzungen gestorben ist. Er schreibt dort auch:

Entgegen Berichten der Boulevardpressen wurde sie von dem LKW angefahren und ich sah sie neben dem LKW zu Fall kommen. Woher die Berichte vom Wochenende über verletzte Beine und die medizinischen Eingriffe stammen ist unklar.

Bild.de hat zu Julia Viellehners Tod gerade einen weiteren Beitrag veröffentlicht. Dort wird nun auch Tom Stechers Kritik an den Spekulationen der Boulevardmedien thematisiert. Allerdings bezieht Bild.de sie nur auf das italienische Blatt. Dass sowohl „Bild am Sonntag“ als auch Bild.de diese Spekulationen übernommen haben — davon steht in dem Artikel kein Wort.

Mit Dank an für Rüdiger M. den Hinweis!

„Bild am Sonntag“ und die falsche Sekunde beim Anschlag in Dortmund

In der Pressemitteilung, die die Bundesanwaltschaft gestern zur Festnahme des möglichen Attentäters von Dortmund rausgegeben hat, findet man auch einige Informationen zu den Sprengsätzen, die vor elf Tagen neben dem BVB-Mannschaftsbus explodiert waren:

Die drei Sprengsätze waren über eine Länge von 12 Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet. Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet. Der vordere und der hintere Sprengsatz waren in Bodennähe platziert. Der Mittlere befand sich in einer Höhe von etwa einem Meter. Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können.

Auch Bild.de berichtete gestern über diese neuen Erkenntnisse. Die „SEKUNDEN-THEORIE“ sei „WIDERLEGT“, schreibt die Redaktion:

Im Text steht unter anderem:

Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet, heißt es in der Mitteilung. Denn zunächst hatte es geheißen, dass die Bomben eine Sekunde zu spät detonierten.

„Zunächst hatte es geheißen“? Wer hat sowas denn verbreitet? Das hier ist die Titelseite der „Bild am Sonntag“ vom vergangenen Sonntag:

Der Artikel im Blatt beginnt so:

Es war wohl nur eine Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund über Leben und Tod entschieden hat. (…)

Jetzt kommt raus: Es hätte noch viel, viel Schlimmeres passieren können!

Ein Ermittler zu BamS: „Wären die Splitterbomben nur eine Sekunde früher gezündet worden, hätte der Bus eine regelrechte Breitseite bekommen. Es hätte dann bestimmt viele Schwerverletzte und möglicherweise auch Tote gegeben.“

Wer auch immer dieser „Ermittler“ ist, den „Bild am Sonntag“ da aufgetan hat — er verfügte offenbar über ganz andere Ermittlungsergebnisse als die Bundesanwaltschaft.

Andere Medien und Agenturen griffen die exklusive „BamS“-Titelgeschichte auf und berichteten ebenfalls über die „Sekunde, die beim Bombenanschlag in Dortmund“ wohl „über Leben und Tod entschieden hat“. Die „Bild am Sonntag“ (Leitspruch: „Immer einen Schritt voraus“) ist ziemlich stolz darauf, die „meist zitierte Sonntagszeitung“ (PDF) Deutschlands zu sein.

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an roy für den Hinweis!

Peter Hahne sorgt sich um die Zukunft des Schießgewehrs

Im hessischen Limburg gab es diese Woche ordentlich Gesprächsstoff. Ja, gut, da wurde bekannt, dass bei einem Mitarbeiter des katholischen Bistums Kinderpornografie gefunden wurde. Doch das war nicht der wirkliche Aufreger. Die viel hitzigere Debatte entstand, als bekannt wurde, dass der Bürgermeister Limburgs, Marius Hahn, der Bitte einer Bürgerin nachgekommen ist, ein Lied von der aktuellen Playlist des städtischen Glockenspiels zu streichen. Vom Rathausturm erklingt nämlich immer mal wieder „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ — als eines von 33 Liedern, die in Rotation gespielt werden. Die vegan lebende Frau störte sich an der Zeile „Sonst wird Dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr“, auch wenn im Limburger Glockenspiel nur Instrumentalversionen zu hören sind.

Bürgermeister Hahn wollte der Frau, die „nett angefragt“ habe, einen Gefallen tun, sagt er. Es handele sich nicht um eine ideologische Entscheidung, sondern um „eine nette Geste“. Seit seinem Entschluss wird Hahn, vor allem in Sozialen Netzwerken, massiv angefeindet.

„ZDF“-Moderator Peter Hahne hat ebenfalls wenig Verständnis für das Entgegenkommen des Bürgermeisters. Hahne schreibt regelmäßig in „Bild am Sonntag“, sein heutiger Kommentar dreht sich um den — Achtung, Wortspiel! — „Limburger Käse“:

„Wenn das unsere Probleme sind, muss es uns ziemlich gut gehen!“, schreibt Hahne zu Beginn und malt gleich das nächste Schreckensszenario:

Als Nächstes wird wohl „Hänschen klein …“ auf den Index gesetzt, weil zu Beginn der zweiten Strophe nicht gender-gerecht geweint wird.

Höhö.

Hahnes Urteil zum Vorgang in Limburg ist jedenfalls eindeutig:

Das „Schießgewehr“ bleibt künftig ungehört. Ich finde das unerhört.

Und wir finden das unrecherchiert. Denn das, was Peter Hahne da schreibt, stimmt nicht. Ein Sprecher der Stadt Limburg hat schon vor Tagen klargestellt, dass man „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ nur vorübergehend aus dem Repertoire nehme. Beim nächsten Turnus wird das Lied wieder dabei sein.

Das haben viele Medien auch begriffen. hessenschau.de schreibt etwa:

Beim nächsten Wechsel in der Glockenspiel-Rotation werde „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“ wieder aufgenommen.

Und selbst Bild.de („VEGANSINN in Limburg“) schreibt fast wortgleich:

Beim nächsten Wechsel in der Rotation wird „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“ wieder aufgenommen.

Nur Peter Hahne hat das nicht mitbekommen.

Bild.de sieht Luzifer-Trump und 27 Jahre Dritten Weltkrieg

Bei „Bild“, Bild.de und „Bild am Sonntag“ scheint momentan ein Versuch zu laufen, für Geschichten auch mal auf unkonventionellere Quellen zurückzugreifen. Und damit meinen wir jetzt nicht, dass die „Bild“-Medien gerade erst wieder auf eine Satireseite reingefallen sind. Wir denken dabei eher an so eine Geschichte:

Aber nicht nur bei so lapidaren Dingen wie dem Wetter recherchieren die „Bild“-Redakteure auf ungewöhnliche Art und Weise, sondern auch bei harten Themen wie Politik. Zum Beispiel zur Amtseinführung von Donald Trump: Da hat „Bild am Sonntag“ zwar nicht den „Zwiebel-Schamanen“ um Rat gefragt, dafür aber einen Numerologen:


Erstmal müssen grundlegende Dinge zur Zahlenwelt rund um Trump geklärt werden:

Numerologe Arndt Aschenbeck sieht in der Zahl ein Omen für die Präsidentschaft: „Trump ist am 14.6.1946 geboren. Die Quersumme seines Geburtstages ist 5 (14=1+4). Die Quersumme seines gesamten Geburtsdatums ist 4 (1+4+6+1+9+4+6 = 31= 3+1 =4). Das bedeutet, die 45 findet sich auch unter seinen beiden wichtigsten persönlichen Zahlen wieder.“

Jo. Und was heißt das jetzt? Eindeutige Antwort: Positives und Negatives.

Was das bedeutet, erklärt der Experte so: „Die 45 ist eine starke und schöpferische Zahl. Unter ihr kommt man zu herausragenden gesellschaftlichen Positionen — vorausgesetzt, man lässt sich nicht von außen beeinflussen.“

Doch die Zahl habe auch negative Züge: „Die 45 ist leicht beeinflussbar, ungeduldig, stolz und lässt sich aus der Ruhe bringen. Auch starke Reizbarkeit und gelegentliche Zornausbrüche sollten vermieden werden, indem man sich in Selbstbeherrschung, Geduld und Ausdauer übt.“

Män könne auch noch aus den „Einzelzahlen“ etwas über „den Charakter eines Menschen“ lesen, so der Numerologe. Den Part überspringen wir gerade mal und kommen besser direkt zum Fazit:

Fazit des Experten: „Wie man sieht, widersprechen sich die 4 und die 5 komplett. Die 4 will, dass alles so bleibt, wie es ist. Die 5 will verändern. Diesen Konflikt hat Trump schon in seiner Persönlichkeit angelegt. Und es kann gut sein, dass dieser Widerspruch auch seine Präsidentschaft prägt. Auf der einen Seite will er vieles reformieren und anders machen, auf der anderen Seite ist er stur und nicht gewillt, seine persönlichen Ansichten zu ändern.“

Dieser Artikel zur kommenden Präsidentschaft Trumps ist am vergangenen Sonntag auch in der gedruckten „Bild am Sonntag“ erschienen. Mit einer Ausnahme: Statt, wie bei Bild.de, „elf wichtige Fragen zur Machtübernahme im Weißen Haus“ zu beantworten, liefert die Printversion nur Antworten auf zehn Fragen — der gesamte Teil mit der Numerologie wurde gestrichen. War dann vielleicht doch etwas zu speziell.

Mit den Zahlenspielen sind die besonderen Recherchen zu Donald Trump bei Bild.de aber noch nicht ausgeschöpft. Es gibt schließlich noch Nostradamus:

Der französische Apotheker, Arzt und Astrologe (1503 – 1566), der die Große Depression, den Zweiten Weltkrieg oder den Anschlag vom 11. September vorhergesagt haben soll, warnte angeblich im Jahre 1555 in seinen vierzeiligen Versen (Quatrains) vor dem Aufstieg des dritten Anti-Christen.

Ist Donald Trump nach Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler die dritte Inkarnation des Teufels? Wird der New Yorker Immobilienmogul einen 27 Jahre langen Weltkrieg auslösen?

Doch, doch, diese Fragen stellt Bild.de tatsächlich. Und legt „zwei Beweise“ der „Amerikanischen Nostradamus Gesellschaft“ dafür vor, dass Nostradamus Trump gemeint hat:

► Eine Illustration des Astrologen, in der ein brennender Turm (Englisch: Tower) zu sehen ist. In dem Bericht der Gesellschaft hieß es damals: „Mit dem Bild eines Turmes schreit Nostradamus geradezu den Namen Trump. Und das Feuer ist eindeutig ein Weg, uns vor seinen entzündbaren Reden zu warnen.“



► Ein Vers von Nostradamus, der etwa so lautet: „Biester werden wild vor Hunger die Flüsse überqueren. Der größte Teil des Schlachtfeldes wird gegen Hister sein. In einen eisernen Käfig wird der Große gezogen, wenn das deutsche Kind keine Regeln befolgt.“

Die Nostradamus Gesellschaft deutete den Vers so: „Hister ist der lateinische Name für den Fluss Donau, der durch Deutschland fliesst. Trump hat deutsche Wurzeln. Und das Schlachtfeld ist offensichtlich das große Feld der republikanischen Kandidaten. Der Eiserne Käfig sind die TV-Debatten und die Biester, die den Fluss überqueren, sind die Einwanderer, die über den Rio Grande kommen, gegen die Trump so gewütet hat.“


Gut, wäre das auch geklärt.

Dass Donald Trump der von Nostradamus prophezeite „Anti-Christ“ ist, belegt der Bild.de-Autor mit einer weiteren Beobachtung:

Und dann war da noch etwas: Trump hatte sich in seinem Wahlkampf sogar mit Papst Franziskus angelegt.

Der Pontifex hatte auf einer Reise von Mexiko nach Rom gesagt: „Eine Person, die nur an das Bauen von Mauern denkt … und nicht an das Bauen von Brücken, ist kein Christ.“

Als Reaktion darauf hatte Donald Trump in seiner typischen Art gegen Papst Franziskus gewettert. Und die Tageszeitung „Daily News“ habe laut Bild.de getitelt: „‚Der Anti-Christ!'“

Sehen Sie? Klare Sache.

So ganz einig scheinen sich die Experten dann aber doch nicht zu sein:

Der Nostradamus-Experte John Hogue (61) aus Hollywood glaubt nicht, dass Trump „Mabus“ (Nostradamus’ Codename für Luzifer) ist, sondern vielmehr das Opfer eines Attentats sein wird. Die Ereignisse würden anschließend im Dritten Weltkrieg eskalieren.

Das führt natürlich direkt zu einer wichtigen Frage:

Wenn Trump nicht der Teufel ist, aber Nostradamus seine dritte Inkarnation für 2017 prophezeit hat, wer könnte es dann sein?

Jaha. Aber auch da kann Bild.de helfen:

Zur Wahl stehen unter anderem Putin und Kim Jong-un. Oder ist es gar Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (36)? Das Büro seines milliardenschweren Immobilien-Imperiums in Manhattan hat die Adresse 666 Fifth Avenue. 666 ist die Zahl des Teufels.

Vielleicht kann der Numerologe ja mal daraus die Quersumme bilden und uns sagen, was das dann alles zu bedeuten hätte.

„Nafri“, „Nazi“ – klingt doch auch fast gleich

In der „Bild am Sonntag“ von heute spricht die „Grünen“-Vorsitzende Simone Peter über ihre Kritik am Polizeieinsatz in der Kölner Silvesternacht. Vor zwei Wochen hatte sie unter anderem gesagt, dass die Verwendung einer „herabwürdigenden Gruppenbezeichnungen wie ‚Nafris‘ für Nordafrikaner durch staatliche Organe wie die Polizei“ völlig inakzeptabel sei.

Frage fünf des Interviews greift diese Aussage auf und zieht einen, nun ja, bemerkenswerten Vergleich:

Peters Antwort: Das sei nicht vergleichbar.

Direkt im Anschluss geht es dann noch um „rassistischen Hass und Hetze“, den beziehungsweise die Simone Peter nach ihrer Kritik an der Kölner Polizei erlebt hat:

Haben Sie eine solche Wut schon jemals zuvor erlebt?

Peter: „Wut klingt noch zu harmlos. Ich habe eine solche Hasswelle noch nie zuvor erlebt. Verstärkt wurde sie durch Zuspitzungen in der Berichterstattung, aber offenbar auch durch sogenannte social bots.“

„Zuspitzungen in der Berichterstattung“, die die Hasswelle verstärkt hätten? Wir haben da eine Idee, wer damit gemeint sein könnte.

Hohe Fehlerquote

Heute Abend, in gut einer Stunde, spielt RB Leipzig in der Fußball-Bundesliga bei Bayer 04 Leverkusen. Beim Bezahlsender „Sky“ werden sich vermutlich einige Hunderttausend Leute das Spiel anschauen. Und das könnte dann für „Bild“-Sportchef Walter M. Straten der nächste ultimative Beweis sein, dass der ziemlich umstrittene Fußballklub aus Sachsen gar nicht so doof ist, wie ihn viele Fans anderer Vereine finden. Doch der Reihe nach.

Ende Oktober schrieb Straten in seiner Kolumne „Die Lage der Liga“ in „Bild am Sonntag“ und bei Bild.de:


Das Interesse an den Leipzigern ist bereits fast so groß wie an den alteingespielten Klubs der Liga. In der Einschaltquoten-Tabelle von Sky (Stand 8. Spieltag) rangiert Leipzig bereits auf Platz sechs. Hinter Bayern, Dortmund, Schalke, Köln und Hertha.

Heißt: Die Fans in ganz Deutschland wollen den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen. Ob sie ihn nun mögen oder nicht.

Wer steht in der Quoten-Rangliste am Ende?

Ingolstadt, Leverkusen, Augsburg, Hoffenheim — und ganz hinten Darmstadt.

Damit ist die Frage beantwortet, wer für die Liga wertvoller ist. Also: Schluss mit dem primitiven Leipzig-Bashing!

(Straten dürfte sich auf die „Sky“-Einschaltquoten-Tabelle von „Meedia“ beziehen.)

Mal davon abgesehen, dass es vielleicht nur von begrenzter Weitsicht zeugt, in einem Beitrag gegen das Bashing eines Fußballklubs andere Fußballklubs als weniger wertvoll darzustellen, übersieht Walter M. Straten in seiner Argumentation einen ziemlich wichtigen Punkt: den Bundesliga-Spielplan und dessen Auswirkungen auf die Einschaltquoten bei „Sky“.

Jeder Bundesliga-Spieltag besteht aus neun Partien. In der Regel findet eine davon am Freitagabend um 20:30 Uhr statt, fünf weitere parallel am Samstagnachmittag um 15:30 Uhr, eine am Samstag um 18:30 Uhr, eine am Sonntag um 15:30 Uhr und die neunte zwei Stunden später um 17:30 Uhr.

Am Samstag um 15:30 Uhr gucken viele „Sky“-Abonnenten die Konferenz mit allen fünf Spielen, und nur jene Fans, die ausschließlich ihren Verein sehen wollen, entscheiden sich am Samstagnachmittag für das Einzelspiel mit ihrem Klub. Bei den Spielen am Freitagabend, Samstagabend, Sonntagnachmittag und -abend gibt es diese Auswahl hingegen nicht. Es findet ja jeweils nur ein Spiel statt. Und deswegen sind die Einschaltquoten bei diesen Partien meist höher als bei den einzelnen Spielen am Samstagnachmittag.

Schaut man sich nun den Spielplan der bisherigen Bundesligasaison an, sieht man, dass RB Leipzig einer der Vereine ist, die die meisten Einzelspiele abbekommen haben. Zum Zeitpunkt, als Walter M. Straten seinen Text veröffentlich hat, waren es sechs Stück. Und das nach lediglich neun Spieltagen. Am vergangenen Spieltag ist noch ein weiteres Einzelspiel hinzugekommen.

Gut möglich also, dass „die Fans in ganz Deutschland“ gar nicht unbedingt „den frechen Großstadt-Neuling spielen sehen“ wollen, „ob sie ihn nun mögen oder nicht“, wie Straten schreibt. Vielleicht wollen sie einfach nur Fußball gucken, unabhängig davon, wer da nun spielt.

Dafür spricht auch die Einschaltquote der Partie, um die es in Walter M. Stratens Beitrag hauptsächlich geht: SV Darmstadt gegen RB Leipzig. Das Spiel an einem Samstagnachmittag — also mit Konkurrenz von vier anderen Partien und der Konferenz — haben weniger als 5000 Leute eingeschaltet. In der offiziellen Messung heißt das: 0,00 Million.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

„Die Moral der Moralapostel“

Vorletzten Freitag hat der Deutsche Presserat mal wieder Rügen verteilt. Mit dabei: „Bild am Sonntag“. Heute hat das Blatt darauf reagiert, mit einem „Kommentar in eigener Sache“:

„Bild am Sonntag“ hatte, genauso wie Bild.de, Fotos der teilweise noch minderjährigen Opfer des Amoklaufs in München veröffentlicht. Die Fotos dürften zum großen Teil von den Profilen der Betroffenen in Sozialen Netzwerken stammen. Katrin Saft, Vorsitzende eines der Beschwerdeausschüsse des Presserats, sagte dazu in der Entscheidung des Gremiums:

Nicht alles, was in sozialen Netzwerken verfügbar ist, darf auch ohne Einschränkung veröffentlicht werden. Die eigene Darstellung, z. B. in einem Facebook-Profil, bedeutet nicht zwingend eine Medienöffentlichkeit.

Immerhin: „Bild am Sonntag“ hat mit dem Kommentar auf die Entscheidung des Presserats reagiert — und das an prominenter Stelle (direkt auf Seite 2). Sonst verstecken die „Bild“-Medien die gegen sie ausgesprochenen Rügen auch mal ganz gern zwischen „Traum-Busen“ und vermissten Kängurus. Was der stellvertretende Chefredakteur Tom Drechsler schreibt, lässt einen aber doch etwas rat- und fassungslos zurück.

Da wäre zum Beispiel der Umgang mit dem Begriff der „Person der Zeitgeschichte“. Ein beliebtes Argument, wenn es um die Frage geht, über wen man identifizierend berichten darf: Wenn eine Tat ein so großes Ausmaß hat wie beispielsweise in München, dann kann man durchaus von einem zeitgeschichtlichen Ereignis sprechen. Die Persönlichkeitsrechte der Personen, die daran aktiv beteiligt sind, müssen dann eher vor dem öffentlichen Informationsinteresse zurücktreten. Drechsler erklärt in seinem Kommentar aber nicht nur den Täter von München zur Person der Zeitgeschichte, sondern auch dessen Opfer:

Wir haben nach dem Amoklauf von München acht der Opfer gezeigt. Ganz bewusst, denn erstens machte die Dimension der Tat — eines der schlimmsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte — die Opfer zu Personen der Zeitgeschichte und zweitens hatte der Täter gezielt Jagd auf Jugendliche mit Migrationshintergrund gemacht.

Dass Tom Drechsler die Argumentation des Presserats anscheinend nicht so ganz verstanden hat, zeigt sein nächstes Argument. Während es dem Presserat darum ging, dass „Bild am Sonntag“ Fotos von jungen Menschen aus den Sozialen Netzwerken zusammengesucht hat, die diese Personen nie dort eingestellt hatten, um damit irgendwann mal auf der Titelseite eines Boulevardblatts zu landen, zielt Drechsler auf den Fotoinhalt — nette Fotos wird man ja wohl noch zeigen dürfen:

BamS hat keine Leichenfotos gedruckt. BamS hat acht fröhliche junge Menschen gezeigt, deren Leben von einem 18 Jahren alten Attentäter auf grausamste Weise beendet wurden. BamS hat die Opfer so gezeigt, wie ihre Angehörigen und Freunde sie kannten, sie liebten. Würdelos? Nein, würdevoll!

Um eine ästhetische Bewertung der Fotos ging es bei der Rüge allerdings nie, sondern ganz grundsätzlich um das Zusammenklauben und das hunderttausendfache Vervielfältigen von privaten Bildern.

Dass all das, was sein Team gemacht hat, gar nicht so schlimm ist, versucht Drechsler mit einem Vergleich zu belegen:

Die „New York Times“ hat vor Kurzem Dutzende Fotos von Terroropfern aus der ganzen Welt gedruckt: The human toll of Terror. Ihre Geschichten zeigen, dass jeder zum Opfer werden kann.

Bei „The Human Toll of Terror“ handelt es sich um ein großes Projekt der „New York Times“ aus dem Juli dieses Jahres. 29 Redakteure, Reporter und Stringer haben versucht, die persönlichen Geschichten von 247 Terroropfern von verschiedenen Anschlägen auf der ganzen Welt nachzurecherchieren. Bei 222 haben sie es geschafft. Sie haben dafür mit Freunden, Angehörigen, Arbeitskollegen gesprochen, Querverbindungen zwischen einzelnen Opfern hergestellt, Fotos besorgt. In einem Werkstattbericht erzählt die Redakteurin Jodi Rudoren von der Arbeit, und es wird schnell klar, dass der Aufwand immens gewesen sein muss. Das Ergebnis ist ein ziemlich besonderes Stück Journalismus.

Dass Tom Drechsler nun dieses Beispiel heranzieht, um das Vorgehen seiner Redaktion im Fall des Amoklaufs von München zu rechtfertigen, zeugt von ziemlicher Chuzpe. Der wahrscheinlich frappierendste Unterschied ist, dass die „New York Times“-Mitarbeiter intensive Gespräche mit Angehörigen geführt haben, um an Fotos der Opfer zu kommen, während die „Bild am Sonntag“-Mitarbeiter sich mutmaßlich dafür durch Facebook geklickt haben.

Der Pressekodex sagt klar: „Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Der Vater eines der Opfer von München hatte mit der Redaktion gesprochen. Ihn hatte das Blatt auch am Sonntag nach dem Amoklauf mit einem Foto des Sohnes in der Hand groß abgedruckt. Der Mann dürfte sein Okay gegeben haben; gegen die Berichterstattung ist erstmal nichts einzuwenden. Beim Großteil der anderen Getöteten dürfte eine solche Zustimmung von Angehörigen allerdings nicht vorgelegen haben. Und dennoch nutzt Drechsler sie für seine Verteidigungsschrift:

Ist diese Zurschaustellung etwa moralisch bedenklich? Die Angehörigen der Opfer waren es jedenfalls nicht, die sich beim Presserat beschwert haben.

Vielleicht lag das aber auch einfach daran, dass man im Moment tiefster Trauer nicht als erstes an eine Beschwerde beim Presserat denkt, vorausgesetzt man weiß überhaupt von seiner Existenz.

An einer Stelle seines Kommentars schreibt Tom Drechsler dann noch:

Was unterscheidet die Tat von München von Terror? Der Täter, ein schiitisch geprägter Deutsch-Iraner, tötete aus rassistischen Motiven gezielt Sunniten. Es ist absurd, da von Amok zu sprechen.

Und zwar so absurd, dass er es vor zwei Monaten noch selbst getan hat:

Blättern: 1 2 3 4 ... 11