Archiv für 6 vor 9

„False Flag“, Til Schweiger, Besuch bei Facebook

1. Unter falscher Flagge
(br.de, Maximilian Zierer)
Der wichtigste Satz steht ganz am Ende: „Wer Artikel über Asylbewerber findet, sollte lieber zweimal überprüfen, ob der Text echt ist.“ Der Hintergrund: Derzeit werden auf Facebook häufig vermeintliche Positiv-Meldungen über Geflüchtete („Junge Flüchtlinge mit Herz schenken obdachloser deutscher Frau ihre Einkaufsgutscheine“) geteilt. Das Problem: Diese Meldungen sind erfunden. Die Krux: Dahinter stecken Rechtsextreme, die ihre eigenen Falschmeldungen später als solche entlarven, um damit Stimmung gegen die vermeintliche Lügenpresse und deren angebliche Pro-Flüchtlings-Propaganda zu machen. Auf das gleiche Problem hat vor einigen Tagen auch schon Elke Wittich hingewiesen (jungle-world.com).

2. Diffamiert als Trottel
(sueddeutsche.de, Hannah Beitzer)
Til Schweiger setzt sich gerade (auf seine ihm eigene Art) für Flüchtlinge ein, erntet neben Dank aber vor allem Spott, auch von Journalisten. Hannah Beitzer findet, das sei der falsche Weg: Wer Menschen, die sich ernsthaft einbringen wollen, signalisiere, dass sie keine Ahnung hätten oder sie nicht erwünscht seien, schlage ihnen „die Tür vor der Nase zu. Das ist elitär, selbstgefällig und schadet der Debatte.“

3. The Great Moon Hoax
(zeitpunkte.eu, Kurt Tutschek)
Kurt Tutschek erinnert an den „Great Moon Hoax“: Vor gut 200 Jahren veröffentlichte die „New York Sun“ eine Artikelserie, in der es hieß, ein Astronom habe Leben auf dem Mond entdeckt: Ziegen, Pelikane, Bisonherden und sensationelle Fledermausmenschen, die sich auf der Mondoberfläche tummelten. In Wahrheit hatte sich der Reporter die Story natürlich bloß ausgedacht – eine der ersten groß angelegten Fälschungen im Journalismus.

4. „Die SZ folgt dem technokratischen Herangehen der politischen Akteure“
(heise.de, Marcus Klöckner)
Die Wissenschaftlerinnen Margarete Jäger und Regina Wamper haben von Januar bis Juni die Kommentare der „Süddeutschen Zeitung“ zu Griechenland und der Eurokrise ausgewertet. Ihrer Meinung nach seien die Meinungsartikel „von neoliberaler Ideologie geprägt“. Reformen würden als schmerzhaft aber notwendig und zielführend dargestellt, die Verantwortung werde auf die Griechen selbst abgewälzt, die Rolle Deutschlands und der übrigen Euro-Länder bleibe außen vor. Erst wenn sich der Blick von Griechenland löse und die Schuldenkrise insgesamt oder die Zukunft Europas in den Blick genommen werde, würden „Sätze sagbar, dass es zur Stabilisierung der Volkswirtschaften auch darum gehe, staatlicherseits durch ein Investitionsprogramm die Binnennachfrage zu stärken.“

5. Festung Facebook – Der Versuch eines Besuchs im deutschen FB-Headquarter
(blogs.deutschlandfunk.de, Axel Schröder)
Weil das Foto einer Kollegin auf einer rechtsradikalen Facebookseite missbraucht wurde, um Stimmung gegen Geflüchtete zu machen, macht sich der Deutschlandfunk-Reporter Axel Schröder auf den Weg, um Facebook damit zu konfrontieren. Seine Suche nach der Deutschlandzentrale wird zu einer Schnitzeljagd durch Hamburg (wobei man zugestehen sollte, dass eine Google-Suche schneller zum Ziel geführt hätte), bis er schließlich fündig wird – und schließlich sogar eintreten darf. Dann allerdings will niemand mit ihm sprechen. Stattdessen füllt er am Empfangstresen ein Beschwerde-Formular aus, „das die junge Facebook-Mitarbeiterin dann nach Kalifornien ins Headquarter geschickt hat. Per Fax, ganz altmodisch.“

6. Alter vor Schönheit
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Marc Baumann und Dorothea Wagner)
Das „SZ Magazin“ wünscht Iris Berben zum 65. Geburtstag, „dass sie nie wieder diese immer gleiche unverschämte Frage beantworten muss.“

Unterbezahlte Medienmacher, Propaganda, Landesverrat

1. Ein Abgrund von Landesverrat
(zeit.de, Thomas Fischer)
Gilt die Pressefreiheit auch für Blogger? Haben Markus Beckedahl und Andre Meister „das Land verraten“? War die Entlassung von Generalbundesanwalt Range berechtigt? Über diese Fragen wurde in den vergangenen Wochen kontrovers diskutiert – vor allem von Journalisten, seltener von Juristen. Jetzt widmet sich Thomas Fischer in seiner Rechtskolumne diesen Fragen, in der gebührenden Ausführlichkeit und mit vielen wichtigen Erkenntnissen.

2. Empörung in Deutschland, Alltag in der Schweiz
(medienwoche.ch, Dominique Strebel)
Die Ermittlungen gegen Beckedahl und Meister wurden zwar eingestellt, in der Schweiz jedoch würden „Jahr für Jahr“ Journalisten „wegen ähnlicher Taten verurteilt“, schreibt Dominique Strebel. „Und kein Hahn kräht danach.“ Dem Bundesgericht genüge es bereits, „wenn Journalisten aus einem Schriftstück zitieren, das für geheim erklärt wurde. Den höchsten Schweizer Richtern ist egal, wenn die ganze Schweiz dieses Geheimnis bereits kennt. Und dabei kann es um Banalitäten gehen – weit weg vom Landesverrat.“

3. „Die Landlust hat nicht unter den Kopien gelitten“
(buchalsmagazin.tumblr.com, Peter Wagner)
Wenn sich jemand in der deutschen Magazin-Landschaft auskennt, dann Ulrich Bender: Er leitet den Vertriebsbereich Presse bei den Bahnhofsbuchhandlungen Schmitt & Hahn und kümmert sich um rund 80 Standorte. Im Interview spricht er über den Erfolg der „Landlust“, die nicht klein zu kriegenden Programmzeitschriften und erzählt, welche Magazine nie in den Regalen liegen bleiben: „Spiegel, Zeit, Stern verkaufen sich an allen Bahnhöfen. Auch Titel wie Flow oder NEON oder Brand Eins.“ Und was macht für ihn ein erfolgreiches Produkt aus? „Nach wie vor die Qualität: Journalistische Kompetenz ist gegen nichts tauschbar.“

4. Wieso zeigen Sie Propaganda, Herr Böhm?
(journalist.de)
Ein Interview mit Klaus-Dieter Böhm, Gesellschafter des Lokalsenders „Salve TV“, der viermal täglich eine Sendung des vom Kreml finanzierten Kanals „Russia Today“ ausstrahlt. Den Vorwurf der Propaganda hält Böhm aber für ungerechtfertigt – für ihn ist es „engagierter Journalismus aus der Sichtweise der russischen Regierung“.

5. Deutschlands Medienmacher: Unterbezahlt und überarbeitet – aber nicht unglücklich
(t3n.de, Andreas Weck)
Ein Gehaltsvergleichs-Startup macht eine Umfrage zur Arbeit in der Medienbranche – und endlich geht es mal nicht immer nur um Journalisten. Sondern um Designer, Produktentwicklerinnen oder Frontend-Entwickler. Nach den Ergebnissen seien Freiberufler zufriedener als Festangestellte, und jüngere Festangestellte generell unzufriedener als ältere. Wer nicht frei arbeitet, verbringe bis zur Rente im Schnitt sechseinhalb Jahre mit Überstunden. Und obwohl es eine ständige Wiederholung ist, sei darauf hingewiesen: auch in der Medienbranche verdienen Frauen weniger als Männer.

6. Refugees Welcome – So könnt ihr Flüchtlingen in Berlin helfen
(mitvergnuegen.com, Katja Meyer)
Ref.connect ist eine Plattform, auf der Flüchtlinge mit freiwilligen Sprachmittlern zusammenbracht werden, die sie bei ihren Behördengängen, Arztbesuchen und sonstigen Terminen begleiten und unterstützen wollen. Katja Meyer hat eine der Inititatorinnen interviewt und nennt einige andere Möglichkeiten, wie man Flüchtlingen (in Berlin) helfen kann. Siehe auch: wie-kann-ich-helfen.info oder 10 Ways You Can Help Refugees in Berlin.

Drohung gegen Blogger, PR bei Youtube, Troll-Nähkästchen

1. Eine Kapitulationserklärung
(tagesspiegel.de, Heinrich Schmitz)
Heinrich Schmitz bloggt seit Jahren über politische Themen, doch seit er und seine Familie massiv von Rechten bedroht wurden, gibt er nun auf. In seiner Erklärung fragt er: „Kann der Wunsch, der Gesellschaft zu dienen wirklich wichtiger sein, als die Pflicht, die Familie vor Angriffen zu schützen? Ja, das hätte ich vielleicht sogar zugunsten der Gesellschaft und damit zugunsten meiner geliebten Autorentätigkeit entschieden, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ‚die Gesellschaft‘ selbst irgendwie mitzieht und allen extremistischen Bestrebungen ein klares STOPP entgegensetzt. (…) Da passiert aber verhältnismäßig wenig bis gar nichts.“ Siehe auch: Interview mit Heinrich Schmitz (spiegel.de).

2. How one journalist found hidden code in a Google report and turned it into a story
(onlinejournalismblog.com, Paul Bradshaw, englisch)
Vergangenes Jahr hat der EuGH Google dazu verdonnert, das sogenannte Recht auf Vergessenwerden umzusetzen und unter bestimmten Voraussetzungen Links aus den Suchergebnissen zu entfernen. Seitdem veröffentlicht Google regelmäßig einen Transparenz-Report und teilt mit, wie es mit den Löschanträgen umgeht. Normalerweise finden sich darin nur allgemeine Daten, etwa die Gesamtzahl der Anträge und der Prozentsatz der entfernten Links. Die Guardian-Journalistin Sylvia Tippmann hat im Quellcode der Seite jedoch versteckte, deutlich detailliertere Informationen entdeckt – und daraus eine große Geschichte gemacht. Jetzt erklärt sie, wie sie dabei vorgegangen ist.

3. Die vermeintliche Wahrheit
(message-online.com, Julia Dziuba und Thilo Hopert)
Eigentlich wollte Julia Dzubia eine Glosse schreiben: „Studentin schaut sich eine Woche ausschließlich ‚RT International‘ an und berichtet hierüber. Russland beziehungsweise Putin toll, Ukraine/Westen böse, haha.“ Wenn es da nicht ein kleines Problem gegeben hätte: „Wirklich lustig ist es nicht.“ Und so ist aus der geplanten Glosse ein nachdenkliches Stück über Propaganda, vermeintliche Objektivität und journalistische Deutungshoheit geworden. Thilo Hopert hat das Gleiche mit „Fox News“ gemacht – und kommt zu diesem Ergebnis: „Wer FoxNews schaut, ist […] anders informiert -tendenziös, unausgewogen und überfrachtet mit der Angst und dem Patriotismus einer hochkonservativen Weltanschauung.

4. Push it: A look behind the scenes of a New York Times mobile alert
(niemanlab.org, Joseph Lichterman, englisch)
Was passiert alles im Hintergrund, bevor und während eine Redaktion eine „Push-Nachricht“ rausjagt? Joseph Lichterman wirft einen Blick hinter die Kulissen großer US-Medien. Im ersten Teil der Serie erzählt Karron Skog, wie es bei der „New York Times“ abläuft: „It’s been a process to train editors’ and reporters’ brains that this isn’t print. You can go back as many times as you want and add in extra grafs. But we’ve gotten pretty good at getting these three sentences out.“

5. Grauzone mit Abmahnrisiken
(lto.de, Jonas Kahl)
Jonas Kahl beobachtet, dass in Youtube-Videos zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung oftmals nur sehr halbherzig getrennt wird. Dadurch befänden sich die Macher in einer „rechtlichen Grauzone, in der es – noch – keine Abmahner, aber erhebliche Abmahnrisiken gibt.“ Der Rechtsanwalt erklärt, welche Paragraphen für die Bestimmungen für Produktplatzierung oder Schleichwerbung am wichtigsten sind.

6. 10 Former Internet Trolls Explain Why They Quit Being Jerks
(kotaku.com, Patricia Hernandez, englisch)
Wer andere im Netz nervt oder sie sogar terrorisiert, kann ganz unterschiedliche Gründe für sein Verhalten haben. Patricia Hernandez hat zehn Trolle gefragt, warum sie irgendwann aufgegeben haben, Quälgeister zu sein. Vom Anime-Hasser über den Besserwisser bis zum Trolljäger: manche sind älter geworden, andere einsam – besser fühlen sie sich nun alle.

Chemtrail-Wahnsinn, Fußballtrainer, Pressefreiheit in Tschechien

1. Die Medien als Megafon der Rechten
(tagesanzeiger.ch, Jean-Martin Büttner)
Die Schweizerische Volkspartei (SVP) dominiert die Medien seit Jahren; ganz gleich, was die rechte Partei fordert, es taucht in den Schweizer Zeitungen auf. Dass die Partei in die Öffentlichkeit will, ist klar. Doch beunruhigend sei ihr Erfolg dabei, schreibt Jean-Martin Büttner. „Pauschalbehauptungen gegen Flüchtlinge werden verbreitet, das Dementi liest keiner.“ Büttner listet sechs Gründe dafür auf, darunter die Beschleunigung der Berichterstattung und der Zwang, auch extreme Positionen zu verbreiten, „um nicht am Volk vorbeizumeinen“. Siehe dazu auch den Blogeintrag des Tagesanzeigers, in dem Patrice Siegrist nachgezählt hat, wie oft Politiker in den Medien aufgetaucht sind. Ganz vorne liegt – Überraschung – der Vertreter der SVP.

2. Der ganz eigene Wahnsinn
(zeit.de, Marc Brost, Daniel Erk und Tina Hildebrandt)
Eine kleine Reise in die Welt der Verschwörungstheorien. Die „Zeit“-Autoren haben dafür unter anderem mit Wissenschaftlern, Chemtrail-Gläubigen und dem Chef des Kopp-Verlags gesprochen. „Die Verschwörungstheorie ist einfacher und somit stimmiger als die Wirklichkeit. Anders gesagt: Mit dem Vertrauen ist es wie mit dem Geld. Es ist nicht weg, es ist nur anderswo. Für die Demokratie ist das ziemlich katastrophal.“

3. Die Imagemacher
(tagesspiegel.de, Dominik Bardow)
Fußballtrainer „bekommen nach Abpfiff mittlerweile mehr Mikrofone unter die Nase gehalten als die Spieler“ und seien zu den medialen Aushängeschildern ihrer Vereine geworden. Eine Agentur hat nun untersucht, wie oft, wie positiv und wie negativ in den vergangenen beiden Spielzeiten und während dieser Sommerpause über Vereine und ihre Trainer berichtet wurde. Das Ergebnis: „Nur Trainer wie Jürgen Klopp und Pep Guardiola haben verstanden, dass sie auch über die Sportseiten hinaus kommunizieren müssen.“ Obwohl beispielsweise Markus Weinzierl bei Augsburg „herausragende Arbeit“ geleistet habe, sei er auf lediglich zehn Berichte auf Titelseiten und in Nachrichtensendungen gekommen. Wer Aufmerksamkeit über die Sportseiten hinaus anstrebe, der brauche „Charakterköpfe wie Guardiola oder Klopp“.

4. Die Sonne der eigenen Anständigkeit
(fraumeike.de, Meike)
Meike Lobo schämt sich: für die Nazihetze im Netz, für eine Politik, die verzweifelte Menschen allenfalls duldet, aber niemals willkommen heißt – vor allem aber schämt sie sich „für alle, die immer noch glauben, das alles habe nichts mit ihnen zu tun“. Es sei nicht genug, sich innerlich von der Hetze zu distanzieren und „nichts zu sagen, weil das alles Idioten sind.“ Das sei eine „gefährliche Beschönigung dafür, zum Hass und der Verfolgung von Menschen zu schweigen und sie damit zu dulden“. Sie fordert ihre Leser auf, sich nicht „in der eigenen Anständigkeit zu sonnen“, sondern laut zu sein: „Bloggt, twittert, facebookt, kommentiert Eure Haltung gegen den Menschenhass.“

5. Der Niedergang der Pressefreiheit in Tschechien
(edito.ch, Janosch Tröhler)
Janosch Tröhler schreibt über die prekäre Pressesituation in unserem Nachbarland: „Obwohl Tschechien im Ranking von Reporter ohne Grenzen mit Platz 13 weitaus höher rangiert als etwa die Schweiz oder die USA, sah sich das Land in den vergangenen Jahren mit einer zweifelhaften Entwicklung konfrontiert: Die Medien werden von einer massiven Konzentration der Eigentümer erschüttert. Die Verleger in Tschechien und anderen Teilen des ehemaligen Ostblocks in einem alarmierenden Ausmass mit der Politik vernetzt.“ Heute seien „die fünf grössten Zeitungen in den Händen von Oligarchen und gefährden die Pressefreiheit durch Selbstzensur der Journalisten. Die junge Demokratie der tschechischen Republik befindet sich am Scheideweg.“

6. ….!!!! …! !!! …! !???!, ….!, …!!!! () ()…. …!! ..!!!! !!!!: !!! !!!!, …!!!!! …. : : …..!!!!
(twitter.com, presseschauer)

Terroristen-Propaganda, Jon Stewart, Hass im Netz

1. „Bild“ erliegt der „dunklen Faszination“ der IS-Bilder
(stefan-niggemeier.de, Stefan Niggemeier)
Immer wieder verbreiten die „Bild“-Medien die grausamen Propagandabilder des „Islamischen Staats“, sie zelebrieren „jede neue Gräueltat, jedes besonders abscheuliche Video, nicht nur in großen Buchstaben, sondern auch in großen Bildern und ausführlichen Videosequenzen“ — und wer das kritisiert (so wie wir gestern), wird von den „Bild“-Verantwortlichen als „gestört“ oder Terroristenfreund bezeichnet. Stefan Niggemeier über die Macht der Bilder, das Dilemma der Redaktionen und die Selbstblindheit der „Bild“-Chefs.

2. Wie die Krone für den Islamischen Staat wirbt
(nzz.at, Christoph Zotter)
Auch die Online-Ausgabe der österreichischen „Kronen Zeitung“ verbreitet IS-Propagandamaterial, neulich etwa ein Video, in dem ein Mann per Kopfschuss hingerichtet wird. „Für die Dschihadisten kann es nicht besser laufen“, schreibt Christoph Zotter. „So hilft eines der größten Medienhäuser Österreichs für ein paar Klicks der Gruppe Islamischer Staat, ihre Propaganda ins Land zu tragen.“ Siehe dazu auch: Zur Manipulation der Angst – Ein Plädoyer für Statistik und gegen Bilder (nachdenkseiten.de).

3. Ist Publikums-Bashing hilfreich?
(deutschlandradiokultur.de, Stephan Karkowsky)
Am Mittwoch wünschte sich Anja Reschke in den „Tagesthemen“ einen „Aufstand der Anständigen“ gegen rassistische Hetze im Netz — und sprach damit vielen Menschen aus dem Herzen. „Mehr als 12 Millionen Menschen bekommen das Thema mit, etwa vier Millionen mal wird das Video des Kommentars geklickt“, schreibt Kai Gniffke im Tagesschau-Blog. Doch ist es gerechtfertigt, den Zuschauern Untätigkeit vorzuwerfen und sie dazu aufzufordern, Hetzer an den Pranger zu stellen? Stephan Karkowsky hat darüber mit der Publizistin Mely Kiyak gesprochen, die bei der antirassistischen Leseshow „Hate Poetry“ vor Publikum die Hassmails vorträgt, die sie geschickt bekommt. Siehe dazu auch: Die Reaktionen auf den Flüchtlings-Kommentar der ARD nach Dummheit sortiert (vice.com).

4. Facebook, das Netzwerk mit dem Herz für Hass
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath meldet seit einiger Zeit hasserfüllte und fremdenfeindiche Aussagen bei Facebook ans dort zuständige Community-Management. „Das schockierende Ergebnis: Bis heute war jedes von mir gemeldete Posting, soweit ich das noch überblicken kann, mit den Gemeinschaftsstandards von Facebook vereinbar.“ Ihn mache es wütend, dass das größte soziale Netzwerk „gänzlich verantwortungslos“ agiere und nicht einmal dann handele, wenn er die Mitarbeiter auf problematische Beiträge aufmerksam macht. Dass Facebook „wissentlich die Vergiftung des öffentlichen Raums mit Hassbotschaften“ toleriere, könnte laut Lückerath bald als Boomerang zurückkommen.

5. Jon Stewart’s Final Episode
(thedailyshow.cc.com, Video, 49:10 Min.)
Jon Stewart hat in der Nacht seine letzte Ausgabe der Daily Show moderiert — und Medien und Kollegen sagen Danke. Nils Minkmar schreibt in seiner Ankündigung auf „Spiegel Online“: „Stewart wird mit Ehrfurcht verabschiedet, ein Held der populären Kultur, wie es früher die großen Sportler waren, oder die Raumfahrer — und ohne jede Häme. (…) Das Lob ist nicht übertrieben.“ Die „New York Times“ hat ihre Leser gefragt, was ihre Lieblingsmomente von Jon Stewart waren: Der Monolog in der ersten Sendung nach dem 11. September wurde dabei am häufigsten genannt. Jahrelang war Stewart das komödiantische Gewissen Amerikans. Schon im Februar hatte Matthias Kolb, USA-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, in einem lesenswerten Stück geschrieben, wie ihm Stewart Amerika erklärte. In seiner letzten Sendung wurde Stewart nun von Stephen Colbert verabschiedet — er selbst sagte ganz leise auf Wiedersehen: „I’m just gonna say, I’m going to get a drink. And I’m sure I’ll see you guys before I leave.“

6. Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung
(kurzhaarschnitt.wordpress.com, Kurt Saar-Schnitt)
In der Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen erinnert sich „Kurt Saar-Schnitt“ an seine Oma, die 1945 aus ihrem Heimatort in Pommern vertrieben wurde und ohne Hab und Gut in Schleswig-Holstein landete. Er erzählt ihre Geschichte und schließt mit einer Bitte: „Falls Sie nicht in der Lage dazu sind, zu spenden, so teilen Sie einfach anderen mit, warum Sie für die Aufnahme von Menschen ohne Heimat und Besitz sind, auch das kann eine Hilfe sein. Schweigen Sie nicht. Und bitte werden Sie kein ‚besorgter Bürger‘, bitte zünden Sie keine Unterkünfte für Hilfsbedürftige an.“

„Internetblogger“, Schleichwerbung, Afghanistan-Papiere

1. Unglaublich: SO macht „Focus Online“ Stimmung gegen Flüchtlinge
(stefan-niggemeier.de, Stefan Niggemeier)
„Focus Online“ auf Dumpfbacken-Klickfang: Anfang der Woche hat das Portal einen Artikel, in dem sachlich dargestellt wird, welche Ansprüche Flüchtlinge nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben, bei Facebook mit dem Satz anmoderiert: „Unglaublich: DAS bekommt jeder Flüchtling monatlich!“ „Rassistisches Clickbaiting“ sei das, findet die „taz“-Journalistin Helke Ellersiek. Und Stefan Niggemeier schreibt: „Wenn es darum geht, aus Scheiße Klicks zu machen, macht ‚Focus Online‘ so schnell keiner was vor“.

2. Echte und unechte Journalisten
(taz.de, Kai Schlieter)
Zynisch ausgedrückt: Bessere Öffentlichkeitsarbeit als die Bundesanwaltschaft hätte wohl keine PR-Agentur für netzpolitik.org leisten können. Seit ein paar Tagen tauchen die „Internetblogger“ (s. Link 5) in jeder Nachrichtensendung auf, und sowohl Spenden als auch Klickzahlen steigen stetig. Doch wer sind die beiden vermeintlichen Landesverräter Markus Beckedahl und Andre Meister, wer arbeitet sonst noch bei Netzpolitik und wie reagiert das Team auf die Vorwürfe? Kai Schlieter portraitiert die Redakteure, die „stolz darauf [sind], Blogger zu sein, die journalistisch arbeiten.“

3. Urheberrecht an Lageberichten: WAZ nimmt Afghanistan-Papiere vom Netz
(irights.info, David Pachali)
Die WAZ hatte Ende 2012 Tausende interne Dokumente zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan veröffentlicht. Diese sogenannten „Afghanistan-Papiere“ waren als Verschlusssache eingestuft, allerdings nur mit der niedrigsten Stufe („Nur für den Dienstgebrauch“). Die Bundesregierung klagte gegen die Veröffentlichung und bekam im Juni vor dem Oberlandesgericht Köln recht. Da eine Zwangsvollstreckung drohte, hat die Funke Mediengruppe die Papiere nun kurzfristig von ihren Online-Portalen entfernt. Allerdings hat die nordrhein-westfälische Piratenfraktion die Website gespiegelt, dort sind die Dokumente weiterhin online. Im WAZ-Rechercheblog äußert sich der Online-Chefredakteur: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass die Veröffentlichung der Papiere rechtens war und ist.“ Die Funke-Gruppe werde vor den BGH ziehen, um den Fall klären zu lassen – das allerdings könne „ein bis zwei Jahre dauern“, bis dahin würden die Papiere offline bleiben.

4. Die Champions League der Schleichwerbung
(opinion-club.com, Falk Heunemann)
Gestern und vorgestern zeigten das ZDF und ZDFinfo eines der vielen Fußball-Vorbereitungsturniere. Das fuchst Falk Heunemann. Denn die Veranstaltung sei ohne jeglichen sportlichen Wert gewesen, wodurch die TV-Übertragung des „Audi-Cups“ nichts anderes gewesen sei als eine „insgesamt viereinhalbstündige Dauerwerbesendung“,“die Wok-WM des ZDF“: „Kaum eine Einstellung vergeht, in der nicht der Schriftzug des Autoherstellers zu sehen ist, der dieses ‚Turnier‘ ausrichtet. Auf den Werbebanden im Stadion steht sein Name, rechts und links der Tore und natürlich auch auf allen Wänden, vor denen Trainer und Spieler interviewt werden. Die Eckfahnen sind damit bedruckt, die Leibchen der Ersatzspieler und die Kapitänsbinde von Manuel Neuer. Die Kameraleute fangen sogar regelmäßig Zuschauer mit Audi-Flaggen ein. Wahrscheinlich halten sie die für engagierte Fans.“

5. Hört auf mit „Internetblogs“ und „Bloggern“!
(wdrblog.de, Dennis Horn)
WDR-Blogger Dennis Horn ärgert sich, dass derzeit mal wieder über den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten debattiert wird. „Zurzeit fühlt es sich an, als habe das Jahr 2005 angerufen und wolle seine Blogger-gegen-Journalisten-Diskussion zurück.“ Horn fragt sich, warum man nicht einfach von den Machern von netzpolitik.org spricht – statt sich mit den anderen Bezeichnungen bemüht abgrenzen zu wollen. Genauso despektierlich würden Medien den Begriff „Internetblog“ benutzen – statt nach einem passenderen Wort zu suchen.

6. Zum Schutz der Allgemeinheit: BILD darf nur noch verpixelt erscheinen
(eine-zeitung.net)

Liebesbrief an Julian Reichelt, Privatsphäre, Skurriles aus Japan

1. What a Man
(taz.de, Paul Wrusch)
„Weil die ‚Bild‘ vom IS-Prozess ausgeschlossen wird, kämpft ihr Online-Chef für die Pressefreiheit — mutig, objektiv und sexy. Ein Liebesbrief“ — von „taz“-Redakteur Paul Wrusch an Julian Reichelt.

2. Foto-Streit: BILD führt eine Auseinandersetzung für alle Medien
(ruhrbarone.de, Stefan Laurin)
Zum gleichen Fall findet Ruhrbaron Stefan Laurin: „Ebrahim H.B. ist kein sechzehnjähriger Schüler, der beim Klauen eines Fahrrades erwischt wurde und auch kein Hobby-Schwarzfahrer, der zum zehnten Mal vor Gericht steht. Ebrahim H.B. war Mitglied der gefährlichsten Terrororganisation der Welt und hat sich öffentlich im Fernsehen dazu bekannt. Wer sich so in der Öffentlichkeit exponiert, hat alleine damit sein Recht am eigenen Abbild abgegeben.“ Auch von Prosieben erhält die „Bild“-Zeitung Zuspruch, die im Übrigen angekündigt hat, zur Not bis vors Bundesverfassungsgericht zu gehen.

3. Freiheit zwischen Gucklöchern und Scheinwerfern
(nzz.ch, Andreas Meili)
Wer einen Bewerber einstellt, der googelt davor, und wer ein Portrait schreiben will, kann in Medien-Datenbanken oder bei Wikipedia über die Person recherchieren. Mit Drohnen lassen sich Videoaufnahmen von eigentlich geschützten Orten anfertigen, und mit dem Smartphone in der Hosentasche kann man jederzeit in Sekundenschnelle Fotos schießen. Kurzum: Die Digitalisierung ist zumindest potenziell eine Gefahr für die Privatsphäre. Der Rechtsanwalt Andreas Meili klärt über die Rechtslage auf, gibt Tipps, wie man seine Persönlichkeitsrechte schützen kann und erklärt, welche Sonderregeln Journalisten beachten müssen.

4. Japan-Berichterstattung: „Die Redaktionen interessieren sich nur für Skurriles und Katastrophen“
(crowdspondent.de, Lisa Altmeier und Steffi Fetz)
Hinter Crowdspondent stecken die beiden Journalistinnen Lisa Altmeier und Steffi Fetz. Als Korrespondentinnen der Crowd haben sie sich nach Brasilien schicken lassen und sind durch Deutschland gereist. Jetzt sammeln sie für eine Reise nach Japan, woraufhin sich Fritz Schumann bei ihnen gemeldet hat. Er hat als Fotojournalist in Japan gearbeitet und mittlerweile drei Bücher über das Land veröffentlicht. Im Interview spricht er über Fettnäpfchen, gern gesehene Gastgeschenke und vor allem die deutsche Berichterstattung über Japan: „Oft kommen deutsche Korrespondenten nur für zwei Wochen nach Japan geflogen, weil irgendetwas Aktuelles passiert ist und sie kratzen mit ihren Geschichten dann leider nur an der Oberfläche.“

5. Super-Trick: Freiburgs kreativster Autofahrer parkt direkt an der Baustelle
(fudder.de, Alexander Schumacher und Daniel Laufer)
Ein parkendes Auto mitten in Freiburg, komplett umringt von rot-weißen Bauabsperrungen — für Bild.de ein klarer Fall: „Bauarbeiter buchten Falschparker ein“. Stimmt gar nicht, schreiben Alexander Schumacher und Daniel Laufer beim Portal „fudder“. Die beiden haben herausgefunden: Der Autobesitzer selbst ist Bauarbeiter und hat mithilfe der Absperrungen „eine sehr kreative Antwort auf den Parkplatzmangel in der Freiburger Innenstadt“ gefunden.

6. Alles wird gut!
(jetzt.sueddeutsche.de, Friedemann Karig)
Krieg, Krankheiten, Katastrophen: Die Nachrichten sind voll von schrecklichen Ereignissen. Doch Max Roser, Ökonom am Institute for New Economic Thinking in Oxford, ist überzeugt davon, dass unsere Welt auf lange Sicht eigentlich immer besser wird. Ein Beispiel: „Jedes Jahr meinen die Leute in Umfragen, dass die Gewalt steigt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschheit war früher viel gewalttätiger.“ Im Interview mit Friedemann Karig erklärt er sein Projekt „Our World in Data“.

Pressejunkets, versteckte Gruppen, Sommerlochtiere

1. Es wird Zeit, diese ätzende Presse-Junket-Kultur zu beenden. Aber wie?
(realvirtuality.info, Alex)
Die Schauspielerin Cara Delevingne hat neulich in den USA ein TV-Interview zu einem Film gegeben, in dem sie mitspielt — und war irgendwann ganz schön angefressen ob der Fragen der offenbar auch noch schlecht vorbereiteten Moderatoren. Das vergeigte Interview nimmt Alexander Matzkeit zum Anlass, sich Gedanken zu den sogenannten „Pressejunkets“ zu machen, also den Promo-Touren, auf denen die Schauspieler und Filmemacher in hunderten Interviews immer wieder die gleichen Fragen beantworten müssen. Diese Touren seien „eine entmenschlichende Praxis“, schreibt Matzkeit: „Man ist ein menschliches Konsumgut. Mittel zum Zweck des Filmverkaufs.“ Die Interviews seien auch eigentlich gar keine, sondern Scripted Reality. Darum fordert er: „Lasst Filmemacher Filme machen. Den Medienzirkus haben wir aufgebaut, nicht sie.“ Siehe dazu auch: „But Did You Read the Book? Cara Delevingne, Press Junketry, and Me“ von John Green, dem Autor der Romanvorlage für den Delevingne-Film.

2. A list of every hidden journalism-related social media group I could find
(poynter.org, Melody Kramer, englisch)
Journalisten diskutieren gerne und oft: auf Konferenzen, Podien und Tagungen. Aber auch in Facebook-Gruppen, Twitter-Chats und Slack-Channels. Melody Kramer hat viele dieser Kanäle gesammelt und stellt sie kurz vor. Ausschließlich englischsprachig, aber trotzdem mindestens einen Blick wert. Und vielleicht findet sich ja jemand, der eine ähnliche Liste für deutsche Journalisten zusammenstellt.

3. Der schmale Grat der Schleichwerbung im Netz
(upload-magazin.de, Nina Diercks)
Nur weil Schleichwerbung im Internet jetzt als „Native Advertising“, „Influencer Relations“ oder wie auch immer bezeichnet wird, sei sie nicht weniger verboten, schreibt Rechtsanwältin Nina Diercks. Am Trennungsgebot von Werbung und Redaktion ändere sich nichts, „bloß weil die Artikel jetzt redaktionell in einem inhaltlich passenden Umfeld liegen“ und online abrufbar sind:

Die Folge ist, dass bezahlte Blog-Beiträge genauso zu kennzeichnen sind wie bezahlte Beiträge auf Spiegel Online oder im Goldenen Blatt. Und ebenso wie bei „Schlag den Raab“ im Zweifel „Dauerwerbesendung“ oben auf dem Screen zu sehen sein muss, müssen YouTuber wie Y-Titty deutlich machen, wenn eine YouTube-Clip oder Teile davon in irgendeiner Weise von Dritten bezahlt worden sind.

Diercks hebt aber nicht nur mahnend den Zeigefinger, sondern gibt auch Hinweise, wie Redaktionen trotzdem „innovative Werbeformen“ nutzen können und wer im Zweifelsfall gegen Schleichwerbung vorgehen könnte.

4. Wie weiter mit Twitter
(konradlischka.info)
Die Nutzerzahlen von Twitter wachsen so langsam wie nie, in der Folge bricht die Aktie zeitweise um zweistellige Prozentwerte ein. Für Konrad Lischka könne es sein, „dass maximale Reichweite für die Firma insgesamt sinnvoll ist. Für die Medienplattform Twitter, wie sie heute existiert und genutzt wird, wird das nicht funktionieren.“ Lischka hat über Möglichkeiten nachgedacht, wie sich „drei dominierende Arten der Nutzung“ von Twitter weiterentwickeln ließen.

5. Mein Tagebuch, Polka und der Landesverrat
(juramama.de)
Früher hat die „Juramama“ ihre privaten Geheimnisse weggeschlossen, im Tagebuch mit dem herzförmigen Vorhängeschloss. Heute ist das anders:

Welche Naivität und trügerische Sicherheit trage ich 20 Jahre später zur Schau, gemeinsam mit nahezu allen Ex-Tagebuchschreiberinnen in diesem Land, wenn wir uns heute tatsächlich einbilden, dass wir „nichts zu verbergen haben.“ Als Vierzehnjährige, mit unseren Blechschlüsseln, hatten wir ein deutlich gesünderes Verhältnis zu unseren „Geheimnissen“, als wir es heute haben. 

Anlässlich der (ausgesetzten) Ermittlungen gegen netzpolitik.org umreißt sie deshalb, „was die deutschen Behörden auf dem Gebiet der Überwachung so treiben dürfen und was mit unseren Daten geschieht“ — und kommt zu dem Schluss: „Sieben Jahre nach dem letzten ‚Landesverrat‘-Vorfall 1962 sang Elvis ‚We can’t go on together with suspicious minds.‘ Wie Recht er hat, auch wenn er nicht Vater Staat und Mutter Erde sondern Liebespaare meint.“

6. Tiere gehen immer
(dradiowissen.de, Nico Rau, Audio, 4:49 Min.)
Auf der — nicht ganz ernst gemeinten — Suche nach den fehlenden Sommerlochthemen landet Nico Rau bei der fiktiven Firma Alles-Banane-Productions in einem Kölner Gewerbegebiet. Die Agentur war unter anderem verantwortlich für Killerwels Kuno, der einen Dackel gefressen haben soll; Aufträge kommen von Boulevardblättern und CSU-Hinterbänklern, die mit einem Knallerthema mal wieder in die Medien wollen.

Landesverrat, wundersamer Wagner, Rechts gegen Rechts

1. Verdacht des Landesverrat: Der Pressespiegel
(netzpolitik.org, Eric Beltermann)
Bei all den (medialen) Entwicklungen rund um den Vorwurf des Landesverrats gegen netzpolitik.org kann man schnell den Überblick verlieren. Eric Beltermann hat einen Pressespiegel zusammengestellt, der ständig aktualisiert wird. Eine „Chronik der Netzpolitik-Affäre“ liefert John F. Nebel. Und das Rechercheteam um Hans Leyendecker und Georg Mascolo rekonstruiert, wer auf offizieller Ebene momentan alles nichts von den Ermittlungen gegen Markus Beckedahl und Andre Meister gewusst haben will, sehr wohl aber etwas gewusst haben dürfte. Rechtsanwalt Markus Kompa vermutet indes ganz andere Gründe für die Anzeige durch den Verfassungschutz.

2. Kurze Geschichte eines Unworts: Asylkritiker
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Bereits letzte Woche gab es eine Reihe von Texten, die vor verharmlosenden oder hetzenden Begriffen wie „Asylgegner“, „Asylanten“, „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder „Flüchtlingsstrom“ warnten (6 vor 9 von Donnerstag: erster Link). Jetzt erklärt Anatol Stefanowitsch den Bedeutungswandel des Wortes „Asylkritiker“: Mitunter stand der Ausdruck auch für eine ablehnende Haltung gegenüber der restriktiven deutschen Gesetzgebung, meinte also eher „Asylpolitik-Kritik“. Erst in den letzten Jahren entdeckten rechte Parteien und Bewegungen den Begriff für sich und verwendeten ihn als Euphemismus für ausländerfeindliche Hetze — eine Deutung, die Medien und Politik oft einfach übernahmen.

3. Flüchtlinge aus der DDR: Zeltstadtbilder
(zebrabutter.net, Kathi Flau)
Bei Facebook tauchen derzeit Fotos von Zeltstädten auf, darauf zu sehen: DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik flüchten wollen. Die Posts seien mit der Frage versehen, „ob Dresden, Freital und andere Hochburgen des Flüchtlingshasses die damalige Solidarität vergessen hätten“, schreibt Kathi Flau:

Die Bilder der Zeltstädte von 1989 und 2015, nebeneinander gestellt, suggerieren: Die sich links willkommen heißen lassen, das sind dieselben, die rechts rechts sind.

Doch das sei ein Trugschluss: „Wer damals in einer Zeltstadt aufgenommen worden ist, der schlägt heute nicht vor, die Zeltstadt von Dresden anzuzünden.“

4. „Klar ist das trivial“
(taz.de, Anne Fromm)
Vor einem Jahr startete Buzzfeed in Deutschland. Jetzt blickt die Chefredakteurin Juliane Leopold zurück und zieht eine ehrliche Bilanz: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich schon völlig zufrieden mit unserer Leistung bin.“ Gleichzeitig verteidigt sie Buzzfeed gegen die oft vorgebrachte Kritik, das Portal biete Unterhaltung statt Journalismus und nimmt das Native-Advertising-Modell in Schutz: Mit optisch nicht vom Rest der Zeitung unterscheidbaren Verlagsbeilagen habe sie größere Probleme

5. Die wundersame Welt des Franz Josef Wagner
(sueddeutsche.de, Jana Stegemann)
Nach Wagners umstrittenen Kolumne über (Nicht-)Mütter hat Springers „Welt“ den „Bild“-Chefkolumnisten vergangene Woche zum Interview gebeten. Jana Stegemann hat sich die (erwartungsgemäß wieder ziemlich bekloppten) Aussagen genauer angeschaut. Auch stern.de muss nach Lektüre des Interviews feststellen: „Es geht immer noch schlimmer“.

6. Rechts gegen Rechts in Bad Nenndorf (Der Film)
(youtube.com, Video, 4 min.)
Vorgestern sind Neonazis in einem „Trauermarsch“ durch das niedersächsische Bad Nenndorf gezogen. Ähnlich wie im vergangenen Jahr in Wunsiedel wurde der Aufmarsch der Rechtsradikalen aber zum unfreiwilligen Spendenlauf: Für jede Minute unerwünschter Aufenthaltszeit in Bad Nenndorf spendeten Bürger und Unternehmen zehn Euro für die Entfernung von rechtsextremen Tattoos. Einen Bericht gibt’s auch im Störungsmelder-Blog von „Zeit Online“.

Landesverrat, Landesverrat, Landesverrat

1. „Verdacht des Landesverrats“: Generalbundesanwalt ermittelt doch auch gegen uns, nicht nur unsere Quellen
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Der Generalbundesanwalt hat Ermittlungen gegen das Blog Netzpolitik.org aufgenommen. Der Vorwurf: Landesverrat. Stein des Anstoßes: diese beiden Artikel (nun auch zusätzlich unter landesverrat.org zu finden):

Juristische Hintergründe und die Motivation der Bundesanwaltschaft erklären Hans Leyendecker und Georg Mascolo, auch die „Tagesschau“ hat das Thema ausführlich aufgegriffen.

2. Landesverrat? Nein, netzpolitik.org schützt die Demokratie
(zeit.de, Karsten Polke Majewski)
Die ersten Kommentare fallen eindeutig aus: Viele Medien solidarisieren sich mit Netzpolitik und kritiseren das Vorgehen der Bundesanwaltschaft. „Demokratie und Geheimdienst stehen in einem kaum aufzulösenden Widerspruch zueinander“, bilanziert Karsten Polke Majewski und stärkt Netzpolitik den Rücken: „Der Presse kommt angesichts dieser Schwäche eine wichtige Kontrollfunktion zu. Netzpolitik.org betreibt das mit großer Beharrlichkeit.“ In eine ähnliche Kerbe schlägt Christian Stöcker und wirft Harald Range vor, „gegen befreundete Geheimdienste nicht vorgehen“ zu wollen, wohl aber gegen deutsche Journalisten. Das sei ein klarer Einschüchterungsversuch und ein Angriff auf die Pressefreiheit. Der DJV bezeichnet die Vorgänge als „Justizposse“, Politiker von SPD, den Grünen, der Linken und der FDP reagieren ähnlich empört, und auch der ehemalige Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung, Peter Schaar, nennt den Vorwurf des Landesverrates „absurd“.

3. Wer hinter Netzpolitik.org steckt
(sueddeutsche.de, Lena Kampf)
Lena Kampf schreibt über Netzpolitik.org und seine Macher. Das Blog sei „so etwas wie das Referenzmedium für Digitales“ mit fünf festen Mitarbeitern und der Überzeugung, dass die Leser ein Recht darauf haben, „’sich selbst ein Bild zu machen.’“ Siehe auch: Der „Tagesspiegel“ 2009 über Netzpolitik-Gründer Markus Beckedahl: Der Internetevangelist.

4. Der Generalbundesanwalt und die NSA
(blog.beck.de, Henning Ernst Müller)
Schon am 20. Juli hatte der Jurist Henning Ernst Müller kritisiert, dass Verfassungsschutz und Bundesstaatsanwalt vom „Versagen der eigenen Behörde bei der Spionageabwehr ablenken“ wollen. Im Netzpolitik-Fall legen die Behörden nun gerade durch ihre zaghaften Ermittlungen in der Spähaffäre ein großes Problem offen, findet Müller: Diese „Koinzidenz ist es, die geeignet ist, das Vertrauen in die Behörden BfV und GBA und ihre derzeitigen Leitungen nachhaltig zu stören.“ Der Jurist hofft auf das Bundesverfassungsgericht.

Dass Generalbundesanwalt Harald Range nicht nur ermitteln, sondern auch Anklage erheben wird, vermutet Constantin Baron van Lijnden: „Wenn nun also Ermittlungen laufen, dann wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Anklage folgen. Welche tatsächlichen Umstände sollte der Generalbundesanwalt denn im Ermittlungsverfahren aufklären, die nicht ohnehin bekannt sind?“

Anfang Juli hatte der „Freitag“ den Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber porträtiert — und seine Rolle im Vergleich zum deutschen Modell gelobt:

Hierzulande ist der Generalbundesanwalt noch immer ein politischer Beamter, der von der Bundesregierung ausgewählt und vom Bundespräsidenten ernannt wird. Er gehört der Exekutive an, womit er den Weisungen der Bundesregierung und deren sicherheitspolitischen Prämissen unterliegt.

5. Die Spiegelaffäre 1962 — ein Versagen der Justiz?
(PDF, Wolfgang Hoffmann-Riem, 17.10.2012)
Der letzte große Fall, bei dem sich ein Medium dem Vorwurf des Landesverrats ausgesetzt sah, liegt schon einige Jahre zurück: 1962 ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen den „Spiegel“. Das Nachrichtenmagazin hatte unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ kritisch über die mangelhafte Ausrüstung der Bundeswehr und die Rüstungspolitk von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß berichtet. 50 Jahre später hat der frühere Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem in einer Rede erörtert, wie berechtigt „der Vorwurf des Justizversagens“ damals war. Seine Ausführungen bieten die Möglichkeit, Parallelen und Unterschiede zum aktuellen Fall zu suchen.

6. Netzpolitik.org unterstützen
(netzpolitik.org)
Netzpolitik.org finanziert sich zum Großteil über Spenden und kann, gerade jetzt, jede Unterstützung gebrauchen. Wer helfen möchte, findet hier die Kontodaten und alle Infos (oder hier, falls der Server ächzt). Und wer nicht will oder schon hat, kann dabei helfen, die IBAN — DE62430609671149278400 — als Hashtag zum Trend in den Sozialen Medien zu machen.

Blättern:  1 2 3 4 ... 233