Archiv für 6 vor 9

Karl Dall, Jürgen Elsässer, Zivilcourage

1. „Freispruch für Karl Dall“
(nzz.ch, Brigitte Hürlimann)
Karl Dall wird vor dem Bezirksgericht Zürich vom Vorwurf der Vergewaltigung und der versuchten Nötigung freigesprochen: „Marc Engler, der Verteidiger des 73-jährigen Komikers, listet vor dem Bezirksgericht Zürich die Parallelen im Vorgehen der Frau auf: Sie nutzt ihre Stellung als Journalistin, um mit prominenten Männern in Kontakt zu kommen. Das anfänglich berufliche Interesse wechselt rasch in ein privates, erotisches über, wobei die Avancen von ihr ausgehen. Entwickelt sich die Beziehung mit dem Prominenten nicht so, wie sie es sich wünscht, fangen Bedrohungen und Belästigungen an, die sie auch auf die Familie der Männer ausdehnt. (…) Sogar Staatsanwalt Edwin Lüscher räumt ein, es sei nicht klar, was in jener Nacht in jenem Zürcher Hotelzimmer geschehen sei. Die Schilderungen der beiden Beteiligten stünden sich diametral gegenüber, es bestehe eine eigentliche Pattsituation, und er beneide das Gericht nicht darum, diesen Fall entscheiden zu müssen.“

2. „Spiegel vs. Online: Das Erwachen der Macht“
(gutjahr.biz)
Richard Gutjahr rekapituliert seine Erfahrungen mit verschiedenen Redaktionen: „Jedes Haus besitzt kreative Köpfe. Visionäre, Querdenker, Rock’n Roll. Aber selten sitzen diese Leute in den Positionen, in denen sie eigentlich sitzen müssten. Dort sitzen die kleinen Fürsten, die Karrieristen, mit ihren lieb gewonnenen Privilegien – das eigentliche Problem.“

3. „TV-Leute veralbern den Islamischen Staat“
(nzz.ch, Cigdem Akyol)
Cigdem Akyol stellt die Comedy-Serie „Dawlat al-Khurafa“ (Staat der Mythen) vor: „Produziert wurde die Comedy in Bagdad; das irakische Staatsfernsehen al-Iraqiya TV strahlte sie im September aus. Alle Folgen sind auf Youtube auf Irakisch-Arabisch abrufbar, leider ohne englische oder hocharabische Untertitel. Aus Furcht vor Fundamentalisten wollten einige Akteure nicht im Abspann erwähnt werden.“

4. „Ist halt so, ist die Wahrheit!“
(faz.net, Anna Prizkau)
Anna Prizkau schaut sich YouTube-Videos an, die „Kopf- bis Bauchschmerzen machen, wenn man sie anschaut“. Und hört Jürgen Elsässer zu, dessen Parolen sie als „böse und schlimm“ bewertet: „Doch das Allerschlimmste ist es, mitanzusehen, wie die Menschen auf ihn reagieren. ‘Ami, go home!’, sagt Elsässer unaufgeregt in ein Mikrofon, nachdem er über Amerika – das Lieblingshassthema auf Montagsveranstaltungen – gesprochen hat. Eine berauschte Menge schreit es ihm darauf nach. ‘Ami, go home!’ Immer und immer wieder.“

5. „Mediale Zivilcourage: Wo ist der Unterschied zwischen Tugce und Joey?“
(wissensschmiede.wordpress.com)
Die Wissensschmiede fragt sich, weshalb ein Fall von Zivilcourage zur deutschlandweiten Debatte wird – und ein anderer Fall nicht.

6. „Manche lernen es wohl nicht anders“
(facebook.com/TimHeiligOfficial)

Kobane, Dmitri Kisseljow, §201a StGB

1. „Die ‘Entscheidungsschlacht’ um Kobane“
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Die Berichterstattung über die syrische Stadt Kobane als „Paradebeispiel für die Mechanismen im Nachrichtenjournalismus“: „Die Stadt liegt an der Grenze und eignet sich deshalb besonders für die Berichterstattung. Denn während Journalisten auf syrischer Seite nur in größter Lebensgefahr arbeiten können, hat man von der türkischen Seite aus sicherer Entfernung einen Blick auf das umkämpfte Städtchen. Und so hatten internationale Medienanbieter dort ihre Übertragungstechnik aufgebaut. Doch als nach mehreren Wochen die Schlacht um Kobane keine Entscheidung brachte, zogen die Übertragungswagen wieder ab. Und damit endete die Berichterstattung.“

2. „Der Böse ist immer der Westen“
(cicero.de, Moritz Gathmann)
Seit Februar 2014 laufe die russische Propagandamaschine auf Volldampf, schreibt Moritz Gathmann: „Die Erzählung, die der russische Fernsehzuschauer seitdem in jeder Nachrichtensendung in Variationen serviert bekommt, geht so: In Kiew haben Faschisten, unterstützt und instruiert von den Amerikanern, den demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt und die Macht errungen. Nun geht von ihnen eine physische Bedrohung gegen alle Russen, ja alles Russische an sich aus.“

3. „Politische Berichterstattung im Russland-Ukraine-Konflikt“
(deutschlandfunk.de, Thomas Franke)
Wer eine Interviewanfrage schickt an den „Anführer der medialen Truppen in Russland“, so nennt Thomas Franke Dmitri Konstantinowitsch Kisseljow, erhält einen Fragebogen zurück: „Ihre Antworten werden mir helfen zu verstehen, wie sehr Sie die Meinungsfreiheit schätzen: – Sind sie der Ansicht, die EU-Sanktionen gegen den Journalisten sind legitim? – Sind Sie bereit, Ihre Position öffentlich zu vertreten, indem Sie sie in ihrem Artikel aufnehmen? – Sind Sie bereit, Herrn Kiseljow zu zitieren? – Haben Sie Dmitri Kiseljows Artikel ‘Russland und der Westen tauschen bei der Meinungsfreiheit die Plätze’ gelesen, der im ‘Guardian’ erschienen ist.“

4. „60 Prominente gegen den Krieg sind keine Nachricht für ARD und ZDF“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier fragt nach, warum in den TV-Nachrichten von ARD und ZDF nicht über den Aufruf „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ berichtet wird.

5. „Strafbarkeit unbefugter und ehrverletzender Fotos: Änderung §201a StGB“
(rechtambild.de, Dennis Tölle)
Dennis Tölle berichtet über die Änderungen am Paragraph 201a des deutschen Strafgesetzbuchs, in der es um die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ geht.

6. „10 tolle Weihnachtsgeschenke für Journalisten“
(journalisten-tools.de)

Focus, Russland, Misstrauen

1. „‘Unfassbar, was der Kerl sich erlaubt'“
(zeit.de, Henning Sussebach)
Fußballer Per Mertesacker und Reporter Boris Büchler unterhalten sich über ihr Gespräch nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Algerien. Büchler: „Das werfe ich euch Medienjournalisten von den überregionalen Zeitungen ja immer vor: das Verwissenschaftlichen und Bemäkeln dieser 90 Sekunden! Natürlich gibt es unten am Spielfeldrand nur einen begrenzten Fragenkanon! Ich kann direkt nach dem Abpfiff – schon aus Achtung vor dem Athleten – doch keine Fragen stellen, für die ich später vielleicht einen Poetenpreis bekomme. Einige Kritiker in ihren Büros machen es sich da sehr einfach: mokieren sich immer über unsere vermeintlich sinnentleerten Fragen. Aber wenn eure Blätter alle paar Jahre – immer, wenn EM oder WM ist – mal ein paar Kollegen schicken, fragen viele gar nicht, sondern halten nur still ihre Tonbandgeräte mit rein.“

2. „Exklusiv im ‘Focus': Das erstletzte Interview mit Schweinsteiger nach der WM“
(stefan-niggemeier.de, Boris Rosenkranz)
Der „Focus“ verkauft auf der Titelseite seiner aktuellen Ausgabe ein Gespräch mit Bastian Schweinsteiger als das „erste Interview nach dem WM-Titel“.

3. „Video: Medienkrieg“
(daserste.de, Video, 6:39 Minuten)
Ein „Weltspiegel“-Beitrag über verschiedene Manipulationen im russischen Fernsehen. Siehe dazu auch „Russisches Fernsehen bei homophober Manipulation erwischt“ (queer.de).

4. „Die rührende Hilflosigkeit der Holzwirtschaft“
(zeit.de, Jochen Hörisch)
Germanist und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch schreibt über den Medienwandel: „Jeder, der nicht über exquisite Verdrängungsleistungen verfügt, kann seit Langem wissen, dass die Internet-Revolution die klassischen Printmedien unumkehrbar marginalisiert. (…) Gedruckte Zeitungen werden wieder das, was sie in ihrer Frühzeit einmal waren – ‘hinkende Boten’, langsame Reflexionsmedien. Der schnell reitende Bote kam mit der Siegesnachricht, der hinkende Bote machte darauf aufmerksam, dass man noch mehr Siege nicht verkraften könne.“

5. „Morgen fangen sie an“
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun stellt neue deutsche TV-Serien vor: „Ein gutes Dutzend neuer Serien ist in Planung – und kaum eine von ihnen kommt ohne den Hinweis auf die Inspiration durch internationale Standards aus.“

6. „5 Thesen zum Misstrauen in die Medien“
(tageswoche.ch, Thom Nagy und Matthias Oppliger)
Thom Nagy und Matthias Oppliger stellen fünf Thesen zum Misstrauen in die Medien zur Diskussion.

FTD, Amok-Alarm, Quantified Self

1. „250 Leben nach Lachsrosa“
(opinion-club.com, Falk Heunemann)
Falk Heunemann listet auf, was aus den Mitarbeitern der im November 2012 eingestellten Financial Times Deutschland geworden ist.

2. „Quantified Self: Märchenstunde im Bayerischen Rundfunk“
(buggisch.wordpress.com)
Christian Buggisch hört sich das Computermagazin von B5 zum Thema Quantified Self an: „Ein interessantes Thema wird vom Bayerischen Rundfunk mit viel Halbwissen und Schwarzmalerei journalistisch gegen die Wand gefahren.“

3. „Mehr Licht“
(juliane-wiedemeier.de)
Lokaljournalistin Juliane Wiedemeier studiert den „unübersichtlichen, 800 Millionen schweren Haushalt des Berliner Bezirks Pankow mit seinen fast 400.000 Einwohnern“: „Die Kollegen, die jeden Tag in der gut gefüllten Bundespressekonferenz sitzen, können sich das wohl kaum vorstellen. Aber im Lokaljournalismus ist man oft allein auf weiter Flur. Jeder, der dort irgendwas macht und veröffentlicht, ist schon ein Gewinn. Dennoch fühle ich mich oft wie jemand, der mit einer kleinen Taschenlampe in einem riesigen Keller steht und mal hierhin leuchtet, mal dorthin. Ich hätte aber gerne Flutlicht.“

4. „Amok-Alarm im Toni-Areal und die Vorgehensweisen der Medien“
(blog.meugster.net, Michael Eugster)
Wie Schweizer Medien über einen Amokalarm in Zürich berichten, der sich als Fehlalarm herausstellt.

5. „Von schwarzen Kästen und schweigenden Chefredakteuren“
(newsroom.de, Froben Homburger)
Froben Homburger berichtet aus der Historie des Journalismus in Nachrichtenagenturen: „Die telefonische Textaufnahme – in der Zentrale des deutschen AP-Dienstes in Frankfurt am Main übernahmen das so genannte Redaktionstechnische Assistentinnen (RTA) – barg natürlich ein gewisses Fehlerrisiko. Namen mussten grundsätzlich buchstabiert und von den RTA noch einmal wiederholt werden, aber ob ein ‘vielmehr’ am Ende auch genau so oder aber als ‘viel mehr’, ‘viel eher’, ‘viel näher’ oder gar ‘fiel mehr’ auf den Agenturdraht ging, hing nicht zuletzt von der Aussprache des Reporters und der Auffassungsgabe der Assistentin ab.“

6. „Experten zerpflücken das Leistungsschutzrecht“
(golem.de)
Ein „öffentliches Fachgespräch im Ausschuss Digitale Agenda“ des Bundestags über das Leistungsschutzrecht für Presseverleger.

Avarija, E-Zigaretten, Tatort

1. „Wie aus einer Panne ein Atomunfall wurde“
(tagesschau.de, Bernd Großheim)
Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk verwendet an einer Pressekonferenz das Wort „Avarija“ im Zusammenhang mit einem Atomkraftwerk, worauf Journalisten eine Katastrophe fürchten.

2. „Für keine Handvoll Dollar“
(tagesspiegel.de, Patrick Wehner)
In der syrischen Stadt Homs dient Abu Emad Journalisten von BBC und CNN als Informant: „Abu Emad sagt, er habe die Journalisten ein paar Mal nach Geld gefragt, um das Internet bezahlen zu können. Und um die Akkus seiner Kamera und seines Handys aufladen zu können. Bekommen habe er nichts. ‘Vor ein paar Wochen habe ich mit einer CNN-Moderatorin telefoniert. Ich habe ihr gesagt, dass das Leben gerade richtig hart ist. Dass ich ein paar Dollar gut gebrauchen könnte.’ Sie habe geantwortet, ihr Sender könne ihm nichts bezahlen. Die Journalisten müssten unparteiisch bleiben. Bei allen anderen Medien sei es ganz genauso gewesen, sagt Abu Emad.“

3. „‘Ich muss weitermachen'“
(taz.de, Anne Fromm)
Ein Interview mit der afghanischen Journalistin Farida Nekzad: „Dass heute fast jeder Afghane ein Handy besitzt, ist der größte Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Das eröffnet uns Journalisten ganz neue Möglichkeiten: Plötzlich erreichen wir junge Leute und Frauen – und vor allem sie uns.“

4. „Ein Ausflug in die Datenminen“
(krautreporter.de, Theresia Enzensberger und Hannes Grassegger)
Handel mit persönlichen Daten von Lesern: „Während die Redaktion der ‘Zeit’ seit Jahren engagiert gegen den Datendiebstahl durch Geheimdienste anschreibt und über die Gefahren des Missbrauchs persönlicher Daten aufklärt, bietet der Verlag des Blattes seine eigenen Kundendaten auf dem freien Markt an.“

5. „Keine Panik, liebe Raucher: Ihr dürft auf E-Zigis umsteigen“
(watson.ch, Roman Rey)
Watson.ch dementiert den eigenen Artikel „E-Zigaretten sind schädlicher als klassischer Tabak“, der jedoch unverändert online bleibt inzwischen mit einem Hinweis versehen wurde.

6. „Krimisendung ‘Tatort': 12 Fußballer als verdächtige Verbrecher“
(90minuten.at, Martin Böswarth)
Fahndungsfotos im „Tatort“, die aus dem Panini-Album stammen.

Fernsehprogramm, Don Lemon, Demonstration

1. „Die Stunde der Experten“
(medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Welche Experten wählen Redaktionen in russischen und deutschsprachigen Gebieten aus, wenn sie übereinander berichten? „Hierzulande werden zwar keine Expertenfiguren erfunden, aber Putins Verteidiger kommen nur selten zu Wort. Beliebt bei westlichen Medien sind insbesondere Intellektuelle und Oppositionelle. Über deren Rolle und Verankerung in Gesellschaft und Politik erfährt man nur selten etwas.“

2. „Wenn die 30-Prozent-Quote eingeführt würde …“
(edito.ch, Bettina Büsser)
Der Frauenanteil in den Unternehmensleitungen und Verwaltungsräten von Schweizer Medienunternehmen.

3. „TV-Programm 2.0: Suchmaske statt Tabelle?“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi vermisst TV-Programm-Zeitschriften, die auch „Angebote der Streaming-Portale präsentieren“, für Konsumenten, „die nicht permanent den Computer konsultieren wollen, um ihre Lieblingssendungen zu finden“.

4. „Faxen machen in Ferguson“
(faz.net, Nina Rehfeld)
Nina Rehfeld beschäftigt sich kritisch mit der Arbeit von CNN-Reporter Don Lemon, der „zum Hofnarren von CNN avanciert“ sei.

5. „Komposition ist der König“
(lesenmitlinks.de, Jan Drees)
Jan Drees liest das Buch „Blätter machen: Bausteine zu einer Theorie journalistischer Komposition“ von Jakob Vicari: „Die Daten von Jakob Vicari lassen nach den 16 Redaktionsbesuchen und Leitfadeninterviews nur darauf schließen, dass der Blattmacher am Ende wichtiger ist als der einzelne Autor und dass es Titelmeldungen gibt, die es nur deshalb nach vorne schaffen, weil sie auf gestalterischer und inhaltlicher Ebene einen Kontrast setzen.“

6. „Wer ist hier das Volk?“
(zeit.de, Lenz Jacobsen)
Journalist Lenz Jacobsen versucht, an einer Demonstration in Dresden mit Demonstranten zu reden: „Zwölf Anläufe, niemand will mit Journalisten sprechen.“

Schreibblockade, Formulierungshilfe, Google

1. „Sprechen wir übers Geschäft: Die Bilanz“
(journalist.de, Benjamin O’Daniel)
Freie Journalisten in Deutschland: „Das Einkommen wird offenbar auf zwei unterschiedliche Arten gedrückt. Bei der regionalen Tagespresse gibt es schlicht unterirdische Zeilenhonorare. Bei renommierten Magazinen gibt es zwar bessere Pauschalen. Das Honorar wird dort allerdings über den Qualitätsanspruch gedrückt. Hier einen Absatz umschreiben, dort nachrecherchieren – und am Ende wird die Geschichte auf zwei Seiten eingedampft, weil etwas anderes wichtiger war.“

2. „Was tun gegen Schreibblockade?“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Schreibblockade? Man könne auch schreiben, wenn man keine Lust dazu habe, glaubt Florian Freistetter: „Schreiben ist zum überwiegenden Teil Handwerk und es fällt um so leichter, je mehr man übt.“

3. „Ehrenmord oder Familientragödie? Wie die Neuen Deutschen Medienmacher die Suche nach den richtigen Worten sabotieren.“
(ruhrbarone.de, Julius Hagen)
Julius Hagen befasst sich mit dem „Glossar der Neuen deutschen Medienmacher: Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ (neuemedienmacher.de, PDF-Datei): „Die manierierten Sprachcodes der Neuen Deutschen Medienmacher entfremden den Journalismus dabei zunehmend von seinen Lesern, Zuhörern und Zuschauern. (…) Der Leser nimmt die Sprachcodes oft als impliziten Vorwurf wahr: Die Neuen Deutschen Medienmacher konstatieren mit ihrem Glossar die Betreuungsbedürftigkeit einer zur Mündigkeit unfähigen Öffentlichkeit und geraten unter Manipulationsverdacht. Auf jede Wortneuschöpfung folgt routinierter Verweis auf George Orwells Roman ‘1984’. Wenn sich die Sprache der Medienmacher von der Sprache der Leser zu weit entfernt, ist der öffentliche Diskurs gestört. Schlimmstenfalls wandern die Leser dorthin ab, wo ‘Klartext’ geredet wird.“

4. „High Heels statt Enthüllung“
(berliner-zeitung.de, Jonas Rest)
Die ARD-Doku „Die geheime Macht von Google“ (ardmediathek.de, Video, 44:02 Minuten) hat es verpasst, zu fragen, was wirklich mit den von Google gesammelten Daten geschieht, kritisiert Jonas Rest: „Stattdessen fokussiert sich der Film auf die Klage von Internetfirmen, die sich in der Darstellung der Google-Suchergebnisse benachteiligt fühlen.“

5. „Der Wert von Papier im digitalen News-Zeitalter“
(netzpiloten.de, Jakob Steinschaden)
Jakob Steinschaden hat sich entschieden, wieder Print zu abonnieren, denn: „Nie ist eine Story fertig erzählt, das nächste Update wartet schon an der nächsten Ecke, die Personalisierung ließ mich in Details verlieren.“ Und: „In der digitalen Welt ist die Verlockung fast immer zu groß, sich schnell mal etwas anderem zu widmen, seine Aufmerksamkeit jemandem oder etwas anderen zu schenken.“

6. „Haste mal ’ne PIN?“
(freitag.de, Helen Russell)
Obdachlose in Schweden mit Kreditkarten-Lesegeräten.

Das Zeugenhaus, Ferndiagnose, Focus

1. „‘Frau Jäkel, ich finde, das alles sollten Sie wissen'“
(newsroom.de, Gabriele Riedle)
Die 56-jährige Journalistin Gabriele Riedle beschreibt Julia Jäkel, was sie nach ihrer Entlassung erwartet: „Kann sich eigentlich jemand vorstellen, wie es ist, nicht etwa nach dem Abschluss der Journalistenschule, sondern Ende 50 damit anfangen zu müssen, Klinken zu putzen? Oder wie es ist, nicht mit Ende 20 oder so, sondern mit 57..63…65 von der Hand in den Mund leben zu müssen?“

2. „‘Die Tendenz der Medien zur Ferndiagnose ist fatal'“
(schweizamsonntag.ch, Patrik Müller)
Ein Interview mit Kriegsreporter Kurt Pelda: „Leider gibt es immer mehr Medien, die keine Bilder und Texte von Freelancern aus Syrien kaufen – angeblich aus Sorge um die Sicherheit der Journalisten. Aus diesem Grund lehnte zum Beispiel die kanadische Tageszeitung ‘The Globe and Mail’ einen langen Text von mir ab, bat mich aber um ein Interview zum selben Thema, natürlich ohne Bezahlung. Wer sich wirklich um das Schicksal von Kriegsreportern kümmern möchte, sollte dafür sorgen, dass wir angemessene Honorare erhalten. Nur dann können wir uns die Versicherungspolicen, Mietautos, Leibwächter, Mietautos und Satellitentelefone leisten, die in Syrien und anderswo überlebenswichtig sind.“

3. „Der Akt der Kritik“
(funkkorrespondenz.kim-info.de, René Martens)
Der Umgang von ARD und ZDF mit der Kritik an der Ukraine-Berichterstattung: „Obwohl ‘Steuerungen’ von interessierter Seite eine Rolle spielen, spricht viel für die These, dass in der massiven Kritik an der Ukraine-Berichterstattung von ARD und ZDF Stimmungen und Haltungen zum Ausdruck kommen, die schon lange virulent sind, aber erst infolge des digitalen Wandels sichtbar werden konnten. Dass sich Menschen zu Wort melden, die es jetzt sehr ausgiebig kompensieren, dass sie vorher keine Stimme hatten im Diskurs über das Fernsehen.“ Siehe dazu auch „Die Journalisten der Kanzlerin: Sie sind ihre beste Truppe“ (faz.net, Julia Encke).

4. „Diez, das Zeugenhaus und die Deutschen“
(hellojed.de, moritz)
Eine Kritik am Text „Wehrmacht böse, Deutsche gut“, in dem sich Georg Diez mit dem ZDF-Film „Das Zeugenhaus“ auseinandersetzt: „Weil in ‘Das Zeugenhaus’ hauptsächlich die Angehörigen des Tätervolkes sprechen dürfen, soll seiner Ansicht nach der Film die Schuld dieser Täter relativieren. Das lässt mich daran zweifeln, dass Diez den Film überhaupt gesehen hat. Denn, klammern wir mal die völlig irrelevant bleibende Berben-Hauptrolle aus, verteilen sich die Sympathien in diesem Film ganz automatisch – jeder Versuch der Selbstentschuldung der belasteten Deutschen wirkt jämmerlich, unehrlich.“

5. „Medienschelte leicht gemacht“
(noltejournal.de)
Ein Lehrgang in der Disziplin „Medienschelte“ mit fünf Lektionen.

6. „Focus kreativ“
(twitter.com/p_rentsch)
Der „Focus“ vom 1. Dezember 2014 im Vergleich mit dem „Focus“ vom 30. Januar 2010.

Clubatmosphäre, Ferguson, Militärbilder

1. „Guten Tag, hier spricht der Mainstream-Finanzjournalist“
(menschenzahlensensationen.wordpress.com, Christian Kirchner)
In 13 Jahren Finanzjournalismus habe „kein einziges Mal“ ein Ressortleiter oder Chefredakteur neben ihm gestanden und „eine These oder eine Recherche verboten“, erzählt Christian Kirchner: „Die Gefahr gerade in Sachen Finanzjournalismus kriecht subtiler in unsere Hirne als Redakteure. Wir haben es den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr über meist mit Menschen zu tun, die ihr Geld damit verdienen, Menschen von der Sinnhaftigkeit von Sparen und Vorsorge zu überzeugen. (…) Viele Branchenvertreter wollen ganz bewusst eine Art ‘Clubatmosphäre’ schüren. Den Eindruck erwecken, man sei doch auf derselben Seite als Journalist – der Seite der Vernunft, mehr für’s Alter zu tun und vor allem mehr aus dem Sparguthaben. Und wenn man jahrelang die Argumente um die Ohren gehauen bekommt, warum das so gut ist, glaubt man tatsächlich ein kleines bisschen dran. Die Minderheitsmeinung hört man ja eher selten.“

2. „Militärbilder“
(heise.de/tp, Hans-Jürgen Krug)
Hans-Jürgen Krug beschäftigt sich mit eingeblendeten Quellenangaben zu Fernsehbildern aus dem Krieg: „Die Praxis ist sehr unterschiedlich, variiert fast von Beitrag zu Beitrag. Aber manchmal wirken die Beiträge wie dadaistische Collagen.“

3. „Hemmungslos“
(zeit.de, Joachim Riedl)
„Eine kleine Funktionärin der FPÖ“ findet sich nach einer alkoholisierten Nacht auf dem Titelblättern von Boulevardzeitungen wieder: „Besonders zwei Gratisblätter, die in Wien dominierende Zeitung Heute und Lokalrivale Österreich, walzten in mehreren Ausgaben den belanglosen Vorfall zum süffigen Alko-Drama aus, mit voller Namensnennung und freizügigem Abdruck der Bilder aus dem Meuchelvideo.“

4. „Brennt es? Es brennt!“
(faz.net, Nina Rehfeld)
„Unmut und Wut der Demonstranten in Ferguson“ richten sich „nicht nur gegen Polizei und Politik, sondern auch gegen die berichtenden Medien“, berichtet Nina Rehfeld: „Kameraleute und Reporter von CNN und Fox News wurden von Demonstranten mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen und beschimpft.“

5. „Eurotechnopanik“
(zeit.de, Jeff Jarvis)
„Die deutsche Fortschrittsfeindlichkeit breitet sich in der EU und ihren Mitgliedstaaten aus“, beobachtet Jeff Jarvis: „Die deutschen Verleger haben beschlossen, nicht etwa auf dem freien Markt zu konkurrieren, sondern untereinander und im Bundestag. (…) Es ist schon komisch, dass solche Bastionen des wirtschaftlichen und politischen Konservativismus wie Springer und News Corp. sich jetzt unter den Rock der Regierung flüchten wollen.“

6. „Was Social Media mit der Vertrauenskrise des Journalismus zu tun hat – ein Essay“
(socialmediawatchblog.org, Anna)
Anna unterhält sich via Twitter mit einem Leser, „der sein Vertrauen in den Journalismus verloren hat – aber nicht seine Fähigkeit, ein respektvolles Gespräch zu führen“: „Es lohnt sich, den Kritikern endlich wieder zuzuhören. Erinnern wir uns daran, warum es Print-Leserbriefseiten und Online-Artikelkommentarfelder gibt. Nicht nur, damit uns Leute Honig ums Maul schmieren und uns sagen, wie toll wir alles machen.“

Ukraine, YouTube, SRF3

1. „Picture power: Pausing the moment“
(bbc.com, Phil Coomes, englisch)
Eine Analyse eines Fotos, das am Rande einer Protestkundgebung in London aufgenommen wurde. Im Vergleich dazu die Videoaufnahme (youtube.com, Video, 1:01 Minuten).

2. „Rückblick auf ein besonderes Jahr für den Kriegs- und Krisenjournalismus“
(heise.de/tp, Malte Daniljuk)
Malte Daniljuk blickt zurück auf den Journalismus rund um die Ereignisse in der Ukraine: „Die massive und konsonante Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt hat – erstens – keineswegs dazu geführt, dass das Publikum die intendierte Lesart verinnerlichte, sondern sie hat das Vertrauen in die traditionellen Massenmedien, auch das Selbstvertrauen innerhalb der Medienapparate, massiv geschädigt. (…) Das Publikum hat es – zweitens – gelernt, eigene Sichtweisen effektiv öffentlich vorzubringen. (…) Die etablierten Medien haben sich – drittens – als unfähig und unwillig erwiesen, oppositionelle Lesarten auch nur ansatzweise zu integrieren, um etwa eine ausgehandelte Position zurückzugewinnen.“

3. „Der Westen als Auslaufmodell“
(nzz.ch, Markus Ackeret)
„Im Westen finden sich immer mehr, die westliche Werte selbst für Heuchelei halten“, warnt Markus Ackeret: „‘RT deutsch’ wird zur glaubwürdigeren Quelle als ein etabliertes Medium, obwohl der Fernsehkanal das ohnehin schwierige Kriterium der ‘Objektivität’ von vornherein nicht erfüllt. Dass es einen Sender wie diesen nur geben kann, wo Meinungsfreiheit, Pluralismus und eine freiheitliche politische Ordnung herrschen, entgeht den Applaudierenden.“

4. „Exklusiv: Was Youtuber wirklich verdienen“
(guruticker.blogspot.de)
Eine Rechnung zu den Einkünften von YouTube-Kanälen: „Wenn ein Youtuber also von seinen Videos leben möchte, braucht er konstant mindestens 200.000 Klicks auf seine Videos – und muss mehrmals die Woche etwas veröffentlichen.“ Siehe dazu auch „Inside Youtube“ (wired.de, Anja Rützel).

5. „Ein offener Brief an Michael Schuler, Leiter der Fachredaktion Musik beim Schweizer Radio und Fernsehen“
(facebook.com/kuttimc)
Der Musiker Kutti MC beklagt die Musikauswahl des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks: „Nur zu Randzeiten bieten Sie minimale Einblicke in die lebendige, originelle Schweizer Musikszene. Auf diese gönnerhafte Alibiübung stützen Sie sich dann auch jeweils in Ihren unbeschwerten Interviews. Das SRF3-Musiktagesprogramm hat keine Tiefen, keine Höhen, keine Ausbrüche, keine Brüche, keine Vision.“

6. „The Sun had 7ft safe with 30 years of ‘eye-popping’ unprintable stories, court told“
(theguardian.com, englisch)

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