Archiv für 6 vor 9

Flatrate, Paywall, Migrantenkinder

1. „Anmerkungen eines ehemaligen Zeitungslesers“
(wiesaussieht.de, TeraEuro)
TeraEuro möchte gerne unkompliziert für Journalismus bezahlen und skizziert die Idee einer Flatrate: „Die ersten 100 Artikel sind für jeden frei (finanziert von mir aus über eine Kulturflatrate, freie Mittel nach Abschaffung des BND, der Mineralölsteuer oder bei den öffentlich-rechtlichen Sendern abgezwackt, whatever), weitere Artikel kosten anschließend Geld.“

2. „Ein Duracell-Häschen namens Journalismus“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hinterfragt die Atemlosigkeit im Journalismus: „Wenn wir wirklich wollen, dass Menschen Journalismus wertschätzen und in deshalb letztendlich auch finanzieren, dann sollten wir aufhören, ihn immer wahlloser zu betreiben. Manchmal erinnern mich Medien zunehmend mehr an einen vollgestopften Briefkasten, aus dem man genervt eine Menge Papier rausholt, um es dann ungelesen wegzuwerfen.“

3. „Sind Promis Opfer der Medien?“
(mainpost.de)
Medienethiker Alexander Filipovic stuft die Barmherzigkeit und Unbarmherzigkeit von Medien ein: „In der Berichterstattung über Tebartz-van Elst oder Wulff konnte man teilweise eine gewisse Unbarmherzigkeit beobachten. Die wurde dort deutlich, wo nicht zwischen Tat und Person unterschieden worden ist. Journalisten haben jedoch die Aufgabe zu differenzieren: Sie müssen Fehler klar benennen, dürfen aber nicht einen Menschen an den Pranger stellen.“

4. „Zigeunerschnitzel und Dönermorde?“
(zeitjung.de, Markus Ehrlich)
Daniel Bax von der „taz“ erklärt, warum „nur jeder 50. Journalist“ in Deutschland über einen Migrationshintergrund verfügt: „Natürlich sind die unsichtbaren Schwellen für Arbeiter und oder Migrantenkinder in diesem Bereich, wo es sehr stark auf kulturellen Habitus und kulturellen Background ankommt, sehr hoch. Medien sind Exzellenzbetriebe und Arbeitgeber stellen gerne Leute ein, die so ähnlich sind wie sie selbst.“

5. „Zu Hause im Kalten Krieg“
(fr-online.de, Stephan Hebel)
Stephan Hebel antwortet auf den Text „Linke Heuchler“ (faz.net, Reinhard Mohr): „Leise stellt sich uns die Frage: Wenn wir schon gewonnen haben, wir linken Mainstream-Spießer, warum lesen wir dann immer noch von Kriegseinsätzen und Klimawandel, von kläglich ertrinkenden Flüchtlingen an unseren europäischen Grenzen?“

6. „Walt Disney hat ja schon 1991 eine Paywall eingeführt“
(twitter.com/uniwave)

Nacktbilder, Krankenakte, Deutschlands Beste

1. „Ein Jahr Leistungsschutzrecht: Außer Spesen bislang nichts gewesen“
(wsj.de, Stephan Dörner)
Eine Bilanz ein Jahr nach Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts für Presseverleger: „Für Anwalt Kreutzer haben sich jetzt schon ‘die schlimmsten Befürchtungen’ realisiert ‘oder werden sich absehbar realisieren.’ Springer beurteilt den Fortschritt nach einem Jahr Leistungsschutzrecht dagegen positiv und sieht sich ‘genau im Zeitplan.’ Den Rest werden wohl Gerichte entscheiden.“

2. „Was ist öffentlich? – #selfiegate“
(schulesocialmedia.com, Philippe Wampfler)
Hinsichtlich der Medienberichte über Nacktbilder im Parlamentsgebäude (BILDblog berichtete) plädiert Philippe Wampfler für einen neuen Öffentlichkeitsbegriff: „Die Bundesangestellte wollte in ihrer Freizeit mit ihrem Körper und ihrer Sexualität ‘in public’ sein. Sie wollte, das ihre Bilder und ihre Videos gesehen werden, sie veröffentlichte sie für ein (großes) Publikum. Aber sie wollte keine öffentliche Figur sein und die Kontrolle darüber behalten, ob diese Bilder mit ihrem Arbeitsplatz in Verbindung gebracht werden.“ Siehe dazu auch „Auch Bundeshaus-Sekretärinnen haben ein Recht auf Pornos und Privatsphäre“ (watson.ch, Sven Zaugg).

3. „Tragische Entwicklung im Fall ‘Schumacher’“
(nzz.ch, Marcel Gyr)
Ein Kadermitglied der Schweizer Rettungsflugwacht wird am Mittwochmorgen im Polizeigefängnis Zürich tot aufgefunden: „Der Rega-Mitarbeiter wird von den Untersuchungsbehörden verdächtigt, die Krankenakte des Ende letzten Jahres beim Skifahren in Méribel schwerverletzten Michael Schumacher gestohlen und für 60 000 Franken verschiedenen ausländischen Medien zwecks Veröffentlichung angeboten zu haben.“

4. „‘Deutschlands Beste!’ – ein Abschlussbericht“
(ndr.de, Boris Rosenkranz)
Weshalb hat das ZDF die Umfrage zur Sendung „Deutschlands Beste!“ manipuliert? „Anfangs erklärte das ZDF, die Redaktion habe den Gästen der Shows ‘schmeicheln’ wollen. Im Abschlussbericht des ZDF-Programmdirektors steht nun, warum sie das angeblich wollte: ‘Durch eine möglichst gute Platzierung unter den Top 50 sollte die Wahrscheinlichkeit der Zusage der angefragten Gäste erhöht werden.’“

5. „Wo verkaufen sich Süddeutsche und FAZ am besten, wo am schlechtesten?“
(meedia.de, Jens Schröder)
Jens Schröder wertet die Verkaufszahlen der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus: „Die Süddeutsche Zeitung ist in München, Passau und zehn bayerischen Landkreisen erfolgreicher als die Bild, die FAZ einzig im Hochtaunuskreis.“

6. „‘Recht auf Vergessen’: Wikipedia zeigt gesperrte Links“
(heise.de, Torsten Kleinz)

Filterblasen, Allan Nairn, Tatort

1. „Statistik: Wo verkauft sich Bild am besten – wo am schlechtesten?“
(meedia.de, Jens Schröder)
Am besten verkauft sich „Bild“ nach einer „Meedia“-Auswertung in den Städten Halle, Frankfurt und Neumünster sowie in den Landkreisen Stormarn, Leipzig und Pinneberg. Am schlechtesten in den Städten Berlin, Bonn und Köln sowie in den Landkreisen Märkisch-Oderland, Tübingen und Oberhavel.

2. „‘Dieses Recht ist völlig verrückt’“
(nzz.ch, Stefan Betschon)
Bezüglich des durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) geschaffenen Rechts auf Vergessenwerden hat Google bisher „mehr als 91 000 Anträge auf die Entfernung von insgesamt 328 000 Verweisen auf Web-Seiten (URL) erhalten. Am meisten Anträge kamen aus Frankreich (17,500 Anträge mit 58,000 URL), Deutschland (16,500, 57,000 URLs) und Grossbritannien (12,000, 44,000). Mit Bezug auf die URL wurden mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Löschanträge ausgeführt, die entsprechenden Suchanfragen führen nun bei Google ins Leere.“ Siehe dazu auch „Wikipedia link to be hidden in Google under ‘right to be forgotten’ law“ (theguardian.com, Juliette Garside, englisch).

3. „Israel, Gaza, Krieg & Daten – Die Kunst, Propaganda zu personalisieren“
(de.globalvoicesonline.org, Gilad Lotan)
Eine Übersetzung des Texts „Israel, Gaza, War & Data“ (medium.com, englisch), in dem Gilad Lotan über Propaganda und Filterblasen schreibt.

4. „Spy Agency Stole Scoop From Media Outlet And Handed It To The AP“
(huffingtonpost.com, Ryan Grim, englisch)
Die Exklusivität der Story „Barack Obama’s Secret Terrorist-Tracking System, by the Numbers“ (firstlook.org/theintercept) wird von der US-Regierung hintertrieben. „The government’s decision to spoil a story on the topic of national security is especially unusual, given that it has a significant interest in earning the trust of national security reporters so that it can make its case that certain information should remain private.“

5. „Dürfen wir vorstellen: der Journalist, der Kriegsverbrecher vernichtet“
(vice.com, Max Metzger, englisch)
Max Metzger spricht mit Investigativjournalist Allan Nairn: „Oftmals besteht die Ironie darin, dass die Leute, die Nairn anprangert, ihn nicht töten oder foltern können, denn er ist US-Staatsbürger—das würde die amerikanische Förderung und Unterstützung gefährden.“

6. „‘Eine Leiche ist ausreichend’“
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Susanne Schneider und Alexandros Stefanidis)
Ein Interview mit fünf „Tatort“-Kommissaren. Klaus J. Behrendt: „Wenn wir die Polizeiarbeit eins zu eins abbilden müssten, würden wir von den 90 Filmminuten etwa 70 oder 80 im Büro verbringen, in den Computer glotzen oder Akten lesen.“

Karl Dall, Native Advertising, Gutmenschen

1. „Mitten im Propaganda-Krieg – ohne es zu wissen“
(heute.de, Video, 3:33 Minuten)
Manipulierte Videos und verfälschte Meldungen im Propagandakrieg: „Wenn die Story gut ist und Emotionen schürt, trägt sie weit.“

2. „Vermitteln deutsche Medien ein extrem einseitiges, negatives Israel-Bild?“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier zweifelt daran, dass „kein anderes Land der Welt“ in deutschen Medien so oft und scharf kritisiert werde wie Israel – so hatte es Stern.de mit Bezug auf eine noch nicht veröffentliche Studie dargestellt.

3. „Ermittlungen gegen Karl Dall beendet“
(handelsblatt.com/AFP)
Erhebt die Staatsanwaltschaft Zürich Anklage gegen Karl Dall, wie „Bild“ berichtet? „Die entsprechende Meldung der „Bild“-Zeitung vom Montag sei ‘nicht korrekt’, sagte die Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, Corinne Bouvard, am Montag der Nachrichtenagentur AFP. Es sei noch keine formelle Entscheidung gefallen.“

4. „Männer gestehen sich ihre sanfte Seite nicht ein“
(planet-interview.de, Jakob Buhre und Lovis-Marie Trummer)
Matthias Reim spricht über die Herzkatheter-Untersuchung, aus der „Bild“ eine „heimliche Herz-OP“ („sechsstündiger Eingriff am Herzen“) machte (BILDblog berichtete).

5. „Politische Korrektheit: Wider den Aufstand der Gutmenschen“
(novo-argumente.com, Günter Ropohl)
Ein „Diktat eines kleinbürgerlichen Moralismus“ durch politisch korrekte Sprache fürchtet Technikphilosoph Günter Ropohl in einem Beitrag zur Debatte über sogenannte Gutmenschen: „Natürlich möchten wir alle, dass die Welt gut wäre. Wo sie es nicht ist, müssen alle mit persönlichen und politischen Anstrengungen daran arbeiten, sie besser zu machen. Aber es hilft nicht, sie bloß gut zu reden. In der eskapistischen Version ist solche Moralrhetorik bestenfalls Gesinnungspflege zur Beruhigung des eigenen Gewissens, in der kategorischen Form kann sie schlimmstenfalls in Tugendterror ausarten. Daher rühren die Vorbehalte gegen die Gutmenschen, nicht daher, dass sie linke Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verträten. Gutmenschen sind nicht ‘links’, sie sind Moralisten.“ Siehe dazu auch „Linke Heuchler“ (faz.net, Reinhard Mohr).

6. „Last Week Tonight with John Oliver: Native Advertising (HBO)“
(youtube.com, Video, 11:22 Minuten, englisch)

Verfassungsschutz, Israelkritik, NDR

1. „Geschreddert, vergessen, geschlossen“
(journalist.de, Michael Kraske)
Im Bundesamt für Verfassungsschutz wurden „zwischen dem 4. November 2011 und dem 4. Juli 2012 insgesamt 310 Akten über Rechtsextremisten geschreddert, bevor ein genereller Vernichtungsstopp erging“. Michael Kraske geht der Frage nach, warum die Vertuschungsaktionen des Verfassungsschutzes rund um die NSU in den Medien mehrheitlich versandet sind: „Tageszeitungen haben immer wieder Beteuerungen von Verfassungsschützern verbreitet: kein NSU-Bezug bei vernichteten Akten, fast alles rekonstruierbar. Dass es dann doch relevante Bezüge gab und etliche Akten nicht rekonstruierbar waren, ging unter. Da Medien meistens anlassbezogen berichten, fällt es häufig schwer, Prozesse abzubilden und Fehler zu korrigieren.“

2. „Ein Leben für diese Bilder“
(zeit.de, Bastian Berbner)
Bastian Berbner schreibt über den Tod von Molhem Barakat, der auch dann noch als Kriegsfotograf in Syrien arbeitete, als die ausländischen Reporter längst das Land verlassen hatten: „Niemand wird zu diesem Job gezwungen. Aber in einem Land, in dem es kaum noch einheimische Arbeitgeber gibt, herrschen dennoch Zwänge. Molhem kann das Geld gut gebrauchen. Sein Vater ist arbeitslos, sein Bruder kämpft für die Rebellen. Der Teenager ernährt jetzt seine ganze Familie.“

3. „Die Mär von der verbotenen Israelkritik“
(stern.de, Mareike Enghusen)
Mareike Enghusen stellt vorläufige Ergebnisse einer Studie über die deutsche Berichterstattung zur Nahostpolitik vor: „Kein anderes Land der Welt wird in deutschen Medien so oft und scharf kritisiert wie Israel.“

4. „Pförtner des NDR beweist größere News Kompetenz als Tagesschau Redaktion“
(martin-lejeune.tumblr.com)
Journalist Martin Leujeune, der derzeit bei einer Familie im Gazastreifen wohnt, beklagt, dass er vom NDR ignoriert wird: „Der einzige, der sich im NDR für meine Schilderung und Erlebnisse interessierte, war der Pförtner, bei dem ich landete als ich um ein Uhr Nachts die Nummer der Zentrale wählte.“

5. „Ukraine-Reporter: ‘Wir sind Detektive’“
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck und Stefan Günther)
Fünf Korrespondenten schätzen die russischen und ukrainischen Medien ein und erzählen, wie sie arbeiten.

6. „Tote im SPIEGEL-BILD“
(lto.de, Markus Kompa)
Die rechtliche Seite der Fotos der mit dem Flug MH017 zu Tode gekommenen Menschen, die der „Spiegel“ auf seiner Titelseite rund um die Schlagzeile „Stoppt Putin jetzt!“ veröffentlicht hatte.

Syrien, WhatsApp, Münchner Neueste Nachrichten

1. „Eine Bankrotterklärung für den Journalismus – Christoph Reuter zu Berichterstattung zu Syrien“
(alsharq.de, Ansar Jasim)
Teil 1 eines Interviews mit „Spiegel“-Korrespondent Christoph Reuter: „Es kommt häufig zu Übertreibungen: Es heißt, es seien 60 Leute umgekommen, aber tatsächlich waren es fünf. Ich kann die Leute irgendwie verstehen. Das Regime macht das die ganze Zeit so und viele glauben das. Wir sagen dann immer, macht das nicht, weil die Wirklichkeit grauenvoll genug ist. Ihr müsst nichts übertreiben. Damit riskiert ihr die Glaubwürdigkeit.“

2. „‘Ventil der Gefühle’“
(freitag.de, Sebastian Dörfler)
Detlev Claussen im Interview über Antisemitismus: „Mich macht misstrauisch, dass sich so viele Leute über Israel unheimlich aufregen, aber über Syrien kein Wort verlieren. Wir haben dort seit zwei Jahren solche Gräueltaten erlebt, aber Sie kriegen keine Demonstration mit mehr als 100 Leuten zusammen. Bei Israel ist das sofort anders.“

3. „Spektakuläre Falschmeldung erregt Deutschland“
(sueddeutsche.de, Barbara Galaktionow)
Die „Süddeutsche Zeitung“ blickt zurück, wie ihre Vorgängerzeitung „Münchner Neueste Nachrichten“ über den Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 berichtet hat.

4. „Kriegsrhetorik: Offensive im Anti-Terror-Einsatz oder Angriff auf den Gegner?“
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl nimmt in der Kriegsberichterstattung verwendete Begriffe wie Offensive, Anti-Terror-Operation oder Terrorgruppe unter die Lupe.

5. „Wie Whatsapp zum neuen Nachrichtenmedium wurde“
(konradweber.ch)
Wo finden sich Aufnahmen zu den aktuellen Unwettern in der Schweiz? Bei WhatsApp: „Beispiele zeigen, dass Bilder und Videos des Unwetters in den letzten Tagen als erstes in Gruppenchats unter Freunden geteilt wurden: Man datiert sich gegenseitig über Schäden, Wissenswertes und Betroffene in der Heimatregion auf. Ob den geteilten Inhalten der Weg in die Öffentlichkeit schliesslich gelingt, liegt einzig daran, ob in den Gruppenchats auch Personen mit einem ‘breiteren Mitteilungsbedürfnis’ vorhanden sind.“

6. „Wer ist eigentlich dieser Taliban, der sich in Deeskalation übt?“
(ad-sinistram.blogspot.de, Roberto De Lapuente)
Roberto De Lapuente schreibt zur Debatte um einen Text von Nicolaus Fest zum Islam (BILDblog berichtete): „Mensch, Nikolaus Fest, dich hammse richtig verarscht. Hast nur das seit Jahren aktive Programm in einige Zeilen gegossen und bist nun der Depp.“

Josef Joffe, Antisemiten, Gaza

1. „Zeitungen oder Quelle – Dinos sterben langsam“
(rolandtichy.de)
Roland Tichy, noch Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, versucht im Urlaub deutschsprachige Zeitungen digital zu erwerben.

2. „Einstweilige Verfügung gegen “Die Anstalt”: Zeit-Journalisten wehren sich gegen ZDF-Satire“
(meedia.de, Julia Wadhawan)
Im Streit um eine ZDF-Satire melden sich „Zeit“-Journalisten zu Wort. Josef Joffe: „Betonen möchte ich: Um Satire oder Meinungsfreiheit ging es in dem Antrag auf einstweilige Verfügung nicht. Satire darf vieles, solange sie weder Fakten, noch Persönlichkeitsrechte verletzt. Meinungsfreiheit darf alles, was das Grundgesetz erlaubt. Das muss so bleiben; daran dürfen Journalisten als letzte rütteln.“

3. „Why the Sun’s ‘boy with the devil mark’ front page should make you uneasy“
(newstatesman.com, englisch)
Die „Sun“-Schlagzeile „Boy, 4, has mark of devil“.

4. „Glauben Sie das?“
(sueddeutsche.de, Johannes Boie und Tim Neshitov)
Der Propagandakrieg wird komplizierter, es gibt nicht nur Fälschungen, sondern auch Fälschungen von Fälschungen: „Und je länger ein Krieg andauert, desto mehr steigt bei Aktivisten die Bereitschaft, jeder Desinformation zu glauben, die das eigene Feindbild bestätigt.“

5. „Auch Linke können Juden hassen“
(tagesanzeiger.ch, Thomas Meyer)
Ist Antisemitismus eine Angelegenheit „rechtsextremer Kreise“? Thomas Meyer widerspricht: „Der linke Antisemit ist sich nicht bewusst, dass er ein Antisemit ist. Er hält sich für einen guten, vernünftigen, fairen und einfühlsamen Menschen. Er vergleicht morgens in der Zeitung die Opferzahlen und glaubt dann, den Nahostkonflikt in dessen Komplexität erfasst zu haben und ein moralisches Urteil darüber fällen zu können.“

6. „Eine ganz normale Nacht in Gaza Stadt“
(martin-lejeune.tumblr.com)
Martin Lejeune berichtet aus Gaza: „Während ich diese Zeilen schreibe, um mich zu beruhigen, bin ich nicht im al-Deira Beach Hotel am Strand von Gaza, in dem die ausländischen Korrespondenten Schutz suchen. Ich bin im Wohnhaus einer muslimischen Familie im Zentrum von Gaza Stadt. Ich höre, wie in den Nachbarwohnungen unseres Hauses kleine Babys ohne Unterbrechung schreien, verängstigte Kinder in den Armen ihrer Mütter weinen, die Erwachsenen fluchen.“ Siehe dazu auch diesen, aktuellen Beitrag.

Online-Kommentare, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus

1. „Im Land der ‘gleichgeschalteten Medien’“
(fr-online.de, Katja Thorwarth)
Nach der FAZ („Meine Tage im Hass“) schreibt sich auch die FR ihren Frust über pöbelnde Online-Kommentatoren von der Seele. Neben der Wiedergabe vieler, „zum besseren Verständnis in Ansätzen korrigiert[er]“ Fäkalausdrücke macht Katja Thorwarth eine wichtige Feststellung: „Der Schrei über Zensur ist vollkommen deplatziert, denn Zensur kann nur dort greifen, wo es um das Grundrecht der Meinungsfreiheit geht. Und an diesem Punkt verwechseln viele User die Kommentarspalten im Internet mit dem Tresen ihrer Stammkneipe.“ Auf Twitter sind sich Stefan Plöchinger und Wolfgang Blau einig: Es hilt nur „gescheit moderieren“.

2. „Meinungsfreiheit ja, Beleidigung nein“
(dw.de, Naser Schruf)
Drei Tage und rund 180 Presserats-Beschwerden (derstandard.at) nach dem „herrlichen Shitstorm“ (stefan-niggemeier.de) melden sich die von Nicolaus Fest geschmähten Muslime zu Wort. Naser Schruf beleuchtet das laute und überwiegend empörte Echo in der arabischen Presse, Sanjay Patel kritisiert die langjährige „islamfeindliche Marschroute“ (migazin.de) der „Bild“, Canan Topçu wünscht „Bayramınız kutlu olsun“ (zeit.de), und Koray Yilmaz-Günay spricht in der „taz“ über Islamophobie unter Konservativen.

3. „Ton gegen Juden in Deutschland verschärft sich“
(berliner-zeitung.de, Thomas Kröter)
Die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel untersucht soziale Medien, Online-Kommentare, Chats und Foren auf antisemitische Äußerungen. Während Ausmaß und Intensität zugenommen hätten, sei eines gleich geblieben: „Über 60 Prozent kommen aus der sogenannten Mitte“ und leugnen „vehement, antisemitisch eingestellt zu sein“. Weniger Grund zur Besorgnis sieht dagegen der Historiker Wolfgang Benz (tagesspiegel.de).

4. „Wer ist der Kriegstreiber?“
(spiegel.de)
Als hätte der „Spiegel“ auf Alexander Becker gehört (meedia.de), steht im „SPIEGELblog“ erstmals seit Monaten keine Eigen-PR, sondern eine Rechtfertigung. Und zwar für das von Frank Lübberding kritisierte und vom Postillon bespottete (der „Löschbeirat“ vereint Kritik und Spott) Cover. Der Tenor: Weil die Artikel im Heft nicht kriegstreiberisch seien, ist die Titelzeile „Stoppt Putin jetzt!“ auf dem Heft ebenso harmlos.

5. „Wir brauchen kein Radio der Zukunft, wir brauchen es jetzt“
(diskurslabor.de, Tom Leonhardt)
Das „National Public Radio“ hat mit seiner neuen App „NPR One“ die „Idee von personalisierbarem Radio auf eine sehr stilvolle und gut umgesetzte Art und Weise salonfähig gemacht“. Ein Vorbild für deutsche Anstalten sieht Marc Krüger (netzpiloten.de): „Was wäre, wenn alle ARD- und Deutschlandradio-Sender ihre Podcasts in einer App wie ‘NPR One’ anbieten würden? [...] Was für eine großartige Möglichkeit, einmal Gesendetes (und Bezahltes) haltbar zu machen!“

6. „Missliebige Offenlegung“
(taz.de, Anne Fromm)
Ja, das ZDF hat eine Folge der Kabarettsendung „Die Anstalt“ aus der Mediathek gelöscht. Nein, das ist keine Zensur, sondern eine „Frage der Korinthenkackerei“ zweier „Zeit“-Journalisten, wie Max Uthoff es ausdrückt (youtube.com) – eine Darstellung, die Jochen Bittner allerdings zurückweist (twitter.com). Anne Fromm fasst den Streit zusammen und meint: „Das ZDF hat zwar in letzter Zeit Einiges verbockt, steht diesmal aber offenbar ziemlich gut da.“ Stellungnahmen von Bittner und Joffe gibt es bei Telepolis.

Homophobie, Überwachungswahn, Döpfnerkratie

1. „Sommerloch-Skandal beim Tagesspiegel“
(queer.de)
Der „Tagesspiegel“ übt sich im Boulevardjournalismus (den die „Bild“ wenig überraschend aufgreift) und sieht sich angesichts der Empörung in den sozialen Medien (facebook.com) alsbald zu einer Rechtfertigung genötigt. Während „Queer.de“ die Homophobie und „die verklausulierte Kinderporno-Anschuldigung“ aufs Korn nimmt und Paul Wrusch Meisner in der „taz“ attestiert, „in den 50er Jahren hängengeblieben“ zu sein, zweifelt der „Löschbeirat“ am journalistischen Verantwortungsgefühl des Autors.

2. „Das Ende der Pressefreiheit“
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der Überwachungswahn der NSA schadet der Pressefreiheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Insbesonders investigative Reporter sprechen von „eine[r] schreckliche[n] Zeit“ und „einer zusätzlichen Schicht der Angst“. Elisabeth Pohl zitiert bei „Netzpolitik“ einen von HRW befragten Journalisten: „Ich will nicht, dass die Regierung mich zwingt, mich wie ein Spion zu verhalten. Ich bin kein Spion, ich bin ein Journalist.“

3. „MH17: how Storyful’s ‘social sleuthing’ helped verify evidence“
(theguardian.com, Ben Cardew, englisch)
Bei Katastrophen wie dem MH17-Unglück greifen Journalisten oft auf User-generated content aus sozialen Netzwerken zurück. Um diese Informationen zu verifizieren, hat Storyful den „Open Newsroom“ entwickelt. Executive Editor David Clinch ist sich sicher: „For sustainable journalism you cannot just rely on sources of information or video content that exist traditionally. If that is the only place you are looking you are missing huge amounts.“

4. „Medien tappen in Strafanzeigen-Falle“
(taz.de, Sebastian Heiser)
„Wassertisch kritisiert Senat“ sei so erwartbar wie „Hund beißt Mann“. Bei einer Strafanzeige würden Journalisten dagegen eine Geschichte wittern. Deshalb wirft ein CDU-Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses seinen politischen Gegnern immer wieder Untreue vor, und die Medien beißen an. Allerdings: „Dass die Verfahren später allesamt eingestellt werden – das berichtet dann keiner mehr.“

5. „‘Zeit’-Journalisten gehen gerichtlich gegen das ZDF und ‘Die Anstalt’ vor“
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die angebliche Zensur des ZDF war bereits gestern Thema bei „6 vor 9″ (Link 4). Der Rechtsanwalt Thomas Stadler kommentiert: „Für ein Flaggschiff wie die ‘Zeit’ kommt das juristische Vorgehen von Joffe und Bittner gegen das ZDF einem journalistischen Offenbarungseid gleich. Leider berichten die großen Zeitungen wie SZ, FAZ oder ‘Spiegel’ [...] nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.“

6. „Springer funktioniert wie eine Monarchie“
(blogs.stern.de, Lutz Meier)
Nach der Aufregung um die rassistische Islam-Hetze (stefan-niggemeier.de) von Nicolaus Fest analysiert Lutz Meier die Machtverhältnisse innerhalb des Konzerns und macht Mathias Döpfner als absolutistischen Herrscher aus: „Springer funktioniert hier weniger wie ein pluralistischer Verlag. Sondern es ist eine Art feudalistisches Prinzip, dem das Haus folgt.“

BILD, ZDF, Homer Simpson

1. „Wie die Bild-Zeitung den Nahost-Konflikt nutzt, um Hass zu schüren“
(facebook.com, Hakan Tanriverdi)
„Für jede muslimische Person in Deutschland sind Kommentare wie dieser hier ein weiterer Grund, daran zu zweifeln, ob es je möglich sein wird, ein Leben in diesem Land zu führen ohne permanent gebrandmarkt, in Frage gestellt und hinterfragt zu werden.“ Die Islamophobie von Nicolaus Fest (bild.de) hat auch bei Bastian Brinkmann und Jonas Jansen (twitter.com), dem Löschbeirat, Enrico Ippolito (taz.de) sowie zahlreichen Politikern (zeit.de) Empörung ausgelöst. Stefan Niggemeier beleuchtet frühere Aufreger-Texte von Fest und legt Kai Diekmann eine Kündigung nahe – was dieser zwar als „Quatsch!“ (twitter.com) abtut, sich aber dennoch zu einer Reaktion (bild.de) genötigt sieht und Özcan Mutlu einen Gastkommentar einräumt.

2. „Keine Angst vor dem Mindestlohn für Hospitanten“
(netzkolumnistin.de, Angela Gruber)
In der „Zeit“ warnen Jana Goia Bauermann und Alina Fichtner vor den schädlichen Auswirkungen des Mindestlohns für die Medienbranche. Angela Gruber hat kein Verständnis für diese Argumentation. Auch Christian Jakubetz fragt: „Wer will eigentlich künftig noch mit uns arbeiten?“

3. „Krieg der Bilder – und der Blick dahinter“
(tagesanzeiger.ch, Simon Widmer)
Ukrainische und westliche Medien zeigen Fotos prorussischer Rebellen, die angeblich Leichenfledderei an den Opfern des MH17-Unglücks betreiben. Gut möglich, dass sie es sich damit zu einfach machen.

4. „Angebliche ZDF-Zensur: Die anlasslose Unwahrheit“
(netzexil.de, Horst Schulte)
Nach einer Klage der „Zeit“-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner hat ein Gericht das ZDF gezwungen, eine Folge der Satiresendung „Die Anstalt“ aus der Mediathek zu entfernen. Obwohl das ZDF die einstweilige Verfügung nicht unterschrieben hat gegen die einstweilige Verfügung vorgehen und den Weg in die nächste Instanz suchen wird, macht das Blog „Die Propagandaschau“ daraus eine „Zensur des ZDF“ und bekommt viel Zuspruch für den (inhaltlich falschen) Vorwurf.

5. „Bitte recht israelfreundlich!“
(taz.de, Dorothea Hahn)
Drei US-amerikanische Journalisten von NBC, MSNBC und CNN haben kritisch über die Rolle Israels im Nahostkonflikt berichtet. Die Folge: „Einer wurde ausgetauscht, die zweite musste nach Moskau gehen, die dritte verlor Einladungen im Fernsehen.“

6. „Wie Homer Simpson unsere politische Meinung formt“
(dradiowissen.de, Katrin Ohlendorf)
Carsten Wünsch ist Medienwirkungsforscher. Als solcher untersucht er, ob sich fiktionale Medieninhalte auf unser Denken auswirken und „konnte nachweisen, dass Filme oder Serien unsere politischen Einstellungen beeinflussen und sich auch auf die journalistische Wahrnehmung gesellschaftspolitischer Fragen auswirken.“

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