Archiv für 6 vor 9

6-vor-9-Spezial: G20-Gipfel in Hamburg

1. BKA entzieht Journalisten G20-Zulassung – Presseverbände verlangen Klärung
(stern.de, Petra Gasslitter)
Während des G20-Gipfels entzogen Beamte des Bundeskriminalamtes mehreren Journalisten die Akkreditierung. Und zwar ohne Begründung und wiederholt. Beim Mediensekretär der Gewerkschaft Verdi hätten sich verschiedene Journalisten gemeldet, denen man die Akkreditierung abgenommen hätte. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, hat sich beim BKA beschwert. Dort heißt es in einer Stellungnahme: „Im Rahmen der Akkreditierung für den G20-Gipfel wird eine Sicherheitsprüfung durchgeführt.“ Und weiter: „Das Bundespresseamt entscheidet gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden über einen möglichen Entzug der Akkreditierung. Das war in einigen Fällen gegeben.“
Auch der ARD-„Faktenfinder“ berichtet über die Vorfälle: Keine Auskunft zum Ausschluss von Journalisten

2. Die Presse ist beim G20-Gipfel in Hamburg nicht mehr sicher
(huffingtonpost.de, Flo Smith)
Der Fotojournalist Flo Smith hat nach eigenen Angaben bereits an zahlreichen Brennpunkten der Welt als Reporter gearbeitet, unter anderem drei Jahre im Irak und in der Türkei bei den Gezi-Protesten. Und doch empfand er seine bisherigen Einsätze als „Ponyhof“ im Vergleich zu dem, was er in Hamburg erlebt hätte: Ihm und seinem Kameramann sei von einer Polizistin mit voller Absicht und dem Kommentar „“Fuck the press, fuck, fuck!“ Pfefferspray ins Gesicht gesprüht worden.

3. Kampf gegen „Online-Hetzjagd“
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Im Zuge der Auseinandersetzungen um den G20-Gipfel kam es in den sozialen Medien mehrfach zu Falschmeldungen und Gerüchten. In Hamburg wurden zum G20-Gipfel beispielsweise keine Panzer eingesetzt, es gab keinen Angriff auf ein Krankenhaus, die „Rote Flora“ wurde nicht gestürmt und Tote gab es bei den Krawallen auch nicht. Doch derartige Falschmeldungen wieder einzufangen ist nicht einfach. Die Hamburger Polizei habe es durch Richtigstellungen auf Twitter versucht, während die „Deutsche Polizei-Gewerkschaft“ (DPolG) und „Bild“ dafür gesorgt hätten, dass sich die Falschmeldungen munter weiter verbreiten.

4. Journalisten in Demos – wie funktioniert das?
(ennolenze.de)
Enno Lenze erzählt von seinen persönlichen Erfahrungen als Journalist auf politischen Demonstrationen, ob links oder rechts. Von der Polizei sei er fast immer ordentlich behandelt worden und sogar mehrfach am Rande von Demos eskortiert worden, wenn er aus der Menge bedroht wurde. Sein Fazit: „Insofern bin ich mit dem System zufrieden – es müssen aber alle Beteiligten ihre jeweiligen und wenigen Kriminellen outen und der Strafverfolgung zuführen.“

5. Selfie vor Krawallkulisse
(spiegel.de)
Das Bild des jungen Manns, der sich mit seinem iPhone vor dem Lagerfeuer der Kapitalismusgegner fotografiert, verbreitete sich rasend schnell im Netz. Viele bezweifelten die Echtheit des Bildes und unterstellten eine Photoshop-Montage. Doch dem sei nicht so: „Eine Prüfung der Metadaten des Bildes deckt sich mit den Angaben des Fotografen zum Entstehungszeitpunkt und Aufnahmeort. Eine einfache fotoforensische Analyse unserer Bildredaktion liefert keine Anhaltspunkte für eine Manipulation. Bei Twitter melden sich Personen zu Wort, die die Szene mit eigenen Augen gesehen haben wollen.“ Mittlerweile hat sich das Bild des „Riothipsters von der Schanze“ zu einer Art Meme entwickelt.

6. Mein Abend mit Ivanka
(abendblatt.de, Ulrich Gassdorf)
Zum Abschluss die Einladung zu einer Runde Fremdschämen: Der Chefreporter des „Hamburger Abendblatts“ berichtet in einer Sternstunde des Journalismus über seine Begegnung mit Ivanka Trump in einem Hamburger Restaurant.

ZDF-Doku-Voyeurismus, News-Hacker, Kriminalitätsberichterstattung

1. Bitte weinen für die Kamera
(taz.de, Jens Müller)
In wenigen Wochen jährt sich zum ersten Mal der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München. Ein naheliegender Zeitpunkt für einen Rückblick wird sich das ZDF gedacht und die Dokumentation „Schatten des Verbrechens“ in Auftrag gegeben haben. Jens Müller findet in der „taz“ kritische Worte für den seiner Ansicht nach misslungenen Film. Die Doku sei nicht einfach nur schlecht, sondern ein Ärgernis wegen seines reißerischen Voyeurismus. Auch die „FAZ“ urteilt: „Diese Doku ist ein Lehrstück, weil sie so gut wie alles falsch macht.“

2. Kriminelle Ausländer in den Medien
(de.ejo-online.eu, Anna Carina Zappe)
Die Ereignisse in der Silvesternacht 2015/16 in Köln hatten Auswirkungen über die spätere Kriminalitätsberichterstattung. Aus einer Untersuchung der Universität München geht hervor, dass nach den Ereignissen in Köln vermehrt die Attribute „Ausländer“, „Migrationshintergrund“, „Asylbewerber“ und „Nordafrikaner“ vorkamen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass über Sextaten berichtet wurde, sei erheblich gestiegen. Warum die Journalisten ihr Selektionsverhalten geändert haben, bliebe jedoch im Bereich der Spekulation und könne verschiedene Gründe haben.

3. Zeitungsverleger: „Das wollen wir uns nicht vorschreiben lassen“
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Warum lässt der „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ (BDZV) seinen Platz auch ein Jahr nach Neubesetzung des ZDF-Fernsehrats leer, obwohl er laut Staatsvertrag einen Vertreter entsenden könnte? Nun, das hat mit einem Passus des ZDF-Staatsvertrags zu tun, an dem sich der BDZV stört. Boris Rosenkranz erklärt auf „Übermedien“ die Hintergründe des medienpolitischen Tauziehens.

4. Was tut das ZDF gegen „Hate speech“?
(mediendienst-integration.de, Yvette Gerner)
In einem Gastbeitrag erklärt Chefin vom Dienst in der „ZD“F-Chefredaktion Yvette Gerner wie der Sender mit Hasskommentaren umgeht und welche Strategien sich bewährt haben. Bei aller Ernsthaftigkeit helfe manchmal auch eine Portion Humor: „Ein besonders effektives Mittel, Hass und Häme den Stachel zu nehmen, sind eine gewisse Leichtigkeit und Humor beim Umgang mit den Kommentaren. Eine kluge, witzige Antwort hilft oft mehr als eine reine Auseinandersetzung auf der Sachebene — denn Hatern geht es nur zum Teil um die Sache.“

5. Wenn Hacker die Headlines bestimmen
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass Hacker sich Zugang zu Nachrichtenseiten verschafften und erfundene Meldungen absetzten. So 2013 als Cyberkriminelle über das Twitter-Konto der Nachrichtenagentur „AP“ meldeten, es hätte angeblich eine Explosion im Weißen Haus gegeben. Die Medienhäuser müssen sich besser schützen, doch das kostet Geld: „An der Integrität der Informationssysteme hängt auch die Integrität des Journalismus und damit einer demokratischen Gesellschaft. Allein, nicht jedes Medienhaus hat die finanziellen Mittel für eine robuste IT-Sicherheit. Wenn Pressefreiheit immer zu einer Frage der Technik wird, ist das eine Gefahr für die Demokratie.“

6. CNN steht nach Trumps Video-Attacke nun selbst in der Kritik
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Unlängst postete Donald Trump ein älteres Video, in dem er, geschauspielert, einen Wrestlingmanager vermöbelt. Der Unterschied zum Originalfilm von damals: Der Kopf seines Opfers war durch das Logo des Nachrichtensenders „CNN“ ersetzt worden. CNN gelang es, den Mann ausfindig zu machen, der das Video manipuliert hatte. Seinen Klarnamen wolle man nicht nennen, mache dies jedoch davon abhängig, ob er sich daran halte, sein „hässliches Verhalten“ nicht zu wiederholen. Eine Formulierung, die auf Kritik stößt.

Hetzername, Fette Diätwerbung, Suizidklickmasche

1. Urteil: taz darf Hetzer weiter beim Namen nennen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
In einem öffentlichen Facebook-Kommentar forderte ein Mann unter Angabe seines Klarnamens, man müsse „Genderlesben und Politikern jeweils 8×9 mm in das dumme Gehirn zu jagen.“ Die „taz“ berichtete über den Vorgang und nannte dabei auch den Namen des Kommentierers. Dagegen setzte sich dieser zur Wehr und verklagte die Zeitung auf Unterlassung. Mit der Behauptung, jemand hätte sich Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und unter seinem Namen kommentiert. In zweiter Instanz entschied das Gericht nun, dass der Kläger tatsächlich der Urheber der Hassbotschaft sei und sich die Berichterstattung gefallen lassen müsse.

2. Bei Diät-Werbung macht sich der Bauer-Verlag einen schlanken Fuß
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet auf „Übermedien“ über die freche Schleichwerbungsmasche von „Alles für die Frau“ aus dem Bauer-Verlag: „Jede Woche schwärmt die Redaktion darin im Wechsel für jeweils ein bestimmtes Diätprogramm, homöopathisches Schlankmittel und eine Fitnessstudiokette. Eine ernsthafte oder gar kritische Auseinandersetzung mit den Programmen und Produkten findet nicht statt. Über 130 solcher Artikel sind in den letzten zweieinhalb Jahren erschienen (so weit reicht unser Archiv zurück; insgesamt sind es wahrscheinlich noch viel mehr).“

3. „Kernmodell Journalismus“ statt e-Commerce
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Der „Deutschlandfunk“ hat mit Eric Gujer, dem Chefredakteur der „NZZ“, über die Zukunft des traditionsreichen Schweizer Medienhauses gesprochen. Natürlich geht es um Fragen der Finanzierung, denn die „NZZ“ leistet sich unter anderem eine kostspielige Auslandsberichterstattung. Die Konzepte der Konkurrenz will Gujer nicht übernehmen: „Das, was ja die meisten anderen unter multimedialer Strategie verstehen, heißt ja: Wir haben noch einen e-Commerce-Shop für Hundefutter. Und wir machen noch irgendeine Inserate-Plattform für Immobilienanzeigen im Internet und solche Dinge. Und das wollen wir dezidiert nicht. Wir glauben daran, dass das Kernmodell Journalismus, gute Inhalte, auch heutzutage noch lohnen kann.“

4. Langer Atem
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Der Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in drei Verfahren vor dem Landgericht Köln erfolgreich gegen die Berichterstattung über eine Auseinandersetzung mit einem Fotografen und einem Kameramann auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2014 gewehrt. Es ging um Behauptungen, Grönemeyer hätte zwei Fotoreporter geschlagen und verletzt. Angeblich von Videos belegt, die sich als „bewusst unvollständig“, also irreführend zusammengefügt herausgestellt hätten. Der Fall sei damit noch nicht abgeschlossen: Vermutlich werde die Staatsanwaltschaft Köln die Fotografen wegen Verdachts der Falschaussage anklagen.

5. Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz
(ndr.de, Gudrun Kirfel)
Medien berichten reißerisch über ein WhatsApp-Spiel, das Jugendliche angeblich in den Tod treiben will: die angebliche „Blue Whale Challenge“. Doch gibt es das Spiel überhaupt? Das würden viele Journalisten selbst nicht wissen, aber trotzdem munter drauflos fabulieren. „Zapp“ hat recherchiert, was an der Sache dran ist. Nicht viel: Außer einigen Trittbrettfahrern, die mit dem Hype um das angebliche Spiel Klicks machen, haben die Zapper nichts gefunden.

6. Alessio geht es nicht gut
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
Manchmal geraten Kinder von Promis ins Fadenkreuz von Social Media und werden zu Opfern von Hass und Spott, der eigentlich ihren Eltern gilt. So zum Beispiel beim Sohn des mittlerweile getrennten Promipaars Sarah und Pietro Lombardi, aber auch beim Sohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. „taz“-Autorin Hengameh Yaghoobifarah plädiert für mehr Zurückhaltung: „Das öffentliche Leben als Promi-Kind ist belastend genug. Der zusätzliche Hohn ist unnötig und geschmacklos.“

Gewaltfixierte G20-Medien, Schweizer Rechtsdruck, Unprivilegierte Quelle

1. Journalisten fixieren sich auf Gewaltdarstellungen
(deutschlandfunk.de, Claudia van Laak)
Das Berliner „Institut für Protest- und Bewegungsforschung“ nimmt die G20-Proteste zum Anlass, um eine Studie zur Berichterstattung über Großdemonstrationen vorzustellen. Die mediale Berichterstattung gehorche ungeschriebenen Gesetzen. Gewaltfixierung ist eines davon. Die Studie kritisiere, dass Demonstrationen in vielen Fällen als lediglich folkloristisch beschrieben würden, es fehlten Hinweise darauf, welche wichtige Rolle Demonstrationen für eine funktionierende Demokratie hätten. In Bezug auf den G20-Gipfel in Hamburg appelliere einer der Protestforscher an die Journalistinnen und Journalisten, die Rolle der Polizei kritischer zu hinterfragen als bislang.
Dazu gleich noch eine weitere Leseempfehlung: Schrödingers Camp oder die Versammlungsfreiheit vor dem Gesetz, in der der gesamte Ablauf um das Protestcamp von einem Juristen, auch für Nicht-Juristen lesbar, aufgearbeitet wird.

2. Rechtsdruck
(sueddeutsche.de, Charlotte Theile)
Nach Angaben der „NZZ am Sonntag“ will ein ominöser, AfD-naher Verein mit Verbindungen in die Schweiz eine eigene Zeitung herausbringen: den „Deutschland-Kurier“. Das Blatt soll angeblich mit einer Druckauflage von 200.000 Exemplaren starten und 30 Cent pro Zeitung kosten. Bei dem Projekt mit dabei: Der ehemalige Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Peter Bartels. Aber auch andere Schweizer Publikationen planen die Expansion nach Deutschland. „SZ“-Autorin Charlotte Theile dazu: „Aus Schweizer Sicht ist die Deutschland-Strategie naheliegend: Im Vergleich ist die deutsche Medienlandschaft politisch eher links, man vermutet eine Lücke rechts der bestehenden Zeitungslandschaft – und sieht im deutschen Medienmarkt vieles in Bewegung. Hier mitzumischen, das ist sowohl für bürgerlich-liberale Stimmen wie die NZZ als auch für stramm rechtskonservative Journalisten interessant.“

3. Merkel macht’s nur zu sechst: Die bizarren Verhandlungen ums TV-Duell
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Am Sonntag, den 3. September findet das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin und SPD-Kanzlerkandidaten statt, das von „ARD“, „ZDF“, „RTL“ und „Sat1“ ausgerichtet wird. Hinter den Kulissen wurde zäh um die Modalitäten gerungen, zu einem bestimmten Zeitpunkt stand die Veranstaltung sogar auf der Kippe. Ein Vorgang, den Stefan Niggemeier auf „Übermedien“ zu Recht als „bizarr“ bezeichnet und der verschiedene Deutungsmöglichkeiten zulässt.

4. Merkel muss Freilassung von Journalisten fordern
(reporter-ohne-grenzen.de)
Noch vor Beginn des G20-Gipfels wird sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping treffen. Dies nimmt „Reporter ohne Grenzen“ zum Anlass, an die Unterdrückung von Journalisten und Blogger in China zu erinnern. Mindestens 103 Medienschaffende säßen derzeit wegen ihrer Arbeit in Haft. Auf der Rangliste der Pressefreiheit stehe China auf Platz 176 von 180 Staaten.

5. Warum viele Journalisten der Polizei alles glauben
(medium.com, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat plädiert dafür, nicht alle Aussagen der Polizei ungeprüft hinzunehmen, obwohl diese oft als „privilegierte Quelle“ eingestuft wird: „Es ist zwar nachvollziehbar, dass es bequem für Redaktionen ist, nicht jede Polizeimeldung über einen Autounfall nachrecherchieren zu müssen. Doch wie kann eine Presse behaupten, sie sei frei und unabhängig, wenn sie staatliche Quellen nicht gleich behandelt wie alle anderen auch? Ist ihr nicht klar, dass sie funktionalisiert wird? Nämlich von der Seite, die von der ungefilterten Weitergabe und dem Nicht-Hinterfragen ihrer Mitteilungen profitiert.“

6. Journalist erteilt «SVP-Blatt» eine Absage
(persoenlich.com)
Krsto Lazarevic arbeitet zurzeit als Osteuropa-Korrespondent für verschiedene Print- und Onlinemedien. Als sich die Schweizer „Weltwoche“ bei ihm nach den Nachdruckrechten eines Artikels erkundigt, nutzt er die Situation für eine Generalabrechnung mit dem Blatt. Hier soll nicht alles verraten werden, aber Lazarevic würde eher den „Paradeplatz mit seiner Zunge sauberlecken“ …

Prioritätenfrage, Trumps Kriegserklärung, Daur-Werbesendung

1. Setzen die Netzaktivisten die richtigen Prioritäten?
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal überlegt, ob die Gegner des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes auf dem richtigen Weg waren: „Statt darüber nachzudenken, ob eine private Medienholding, die zwei Milliarden Kleinsender unter ihrem Dach versammelt, wirklich so groß und so privat bleiben kann, arbeiteten sich die meisten Netzaktivisten an den unausgegorenen Paragraphen des NetzDG ab und stilisierten das Gesetz zum Totengräber der Meinungsfreiheit. Sie waren blind für die Prioritäten. Sie haben sich auf den Berliner Politikbetrieb und dessen Paragraphen-Output konzentriert, während das eigentliche Problem von ihnen wie eine lässliche Fußnote behandelt wurde. Die Argumentation der Netzaktivisten wäre stimmiger gewesen, wenn sie die Demokratisierung der sozialen Netzwerke ganz oben auf ihre Agenda gesetzt hätten.“

2. «Es ist eine Kriegserklärung»
(tagesanzeiger.ch, Walter Niederberger & Robert Rosenthal)
Der US-Journalist und Leiter des „Center for Investigative Reporting“ Robert Rosenthal sagt, Donald Trump strebe „die totale Kontrolle der Nachrichtenlage an“. Die Attacke auf CNN sei Teil einer systematischen Kampagne. Im Interview stellt er seinen Landsleuten darüber hinaus ein erschütterndes Zeugnis aus: „Die Amerikaner wissen kaum mehr, was in der Welt läuft. Sie reisen nicht, sie sind provinziell und sie sind, um ein in den USA selten gebrauchtes Wort zu brauchen, nationalistisch. Niemand scheint es zu kümmern, dass wir fast konstant irgendwo Krieg führen. Mit Trump ist wieder eine weisse, nationalistische Bewegung gross geworden, die von der Angst lebt.“

3. Maas schlägt digitales Antidiskriminierungsgesetz vor
(zeit.de, Patrick Beuth)
Justizminister Heiko Maas hat auf einer Veranstaltung seines Ministeriums gleich drei Neuerungen vorgeschlagen: Ein „digitales Antidiskriminierungsgesetz“, um zu verhindern, dass Teile der Bevölkerung durch Softwareentscheidungen benachteiligt werden, ein Transparenzgebot für Algorithmen und die Gründung einer Digitalagentur, einer Art staatlicher Algorithmenaufsicht. Mit einer schnellen Einführung sei jedoch nicht zu rechnen und schon gar nicht in dieser Legislaturperiode.
Weiterer Lesetipp: Max Biederbeck auf „Wired“ — „Jetzt will er die Algorithmen: Das „Wie“ bleibt der Justizminister schuldig“

4. Rocco und seine Brüder installieren „Walk of Shame“ vor Axel Springer Haus in Berlin
(urbanshit.de)
Die Aktionsgruppe „Rocco und seine Brüder“ hat vor dem Axel Springer Haus in Berlin einen „Walk of Shame“ installiert. Auf dem Boden montierte Tafeln prangern Arbeitsweise und Methoden von „Bild“ an. Ein 4 1/2 Minuten langes Video dokumentiert die Aktion und erklärt die Beweggründe für die Aktion.

5. Crowdsourcing im Journalismus: Der Nutzer, dein Freund und Helfer
(fachjournalist.de, Bernd Oswald)
Crowdsourcing als Chance für den Journalismus: Bernd Oswald hat sich die verschiedenen Bereiche angeschaut, in denen Journalisten und Nutzer zum beiderseitigen Vorteil zusammenarbeiten können und nennt gelungene Beispiele. Crowdsourcing stärke die Leser-Marken-Bindung, so sein Fazit: „Engagierte Leser verbringen mehr Zeit mit dem Medium und wahrscheinlich teilen sie Beiträge, an denen sie mitwirken, auch häufiger. Noch wertvoller für Journalisten können Hinweise für oder sogar die Mitarbeit der Nutzer bei der Recherche sein. Damit das klappt, muss eine Redaktion ihre Community pflegen und glaubwürdig zeigen, dass die Mitarbeit der Nutzer gewünscht ist.“

6. Die Daur-Werbesendung
(manager-magazin.de, Bianca Lang)
Das „Manager Magazin“ hat mit einer der erfolgreichsten Instagrammerinnen Deutschlands gesprochen, der 22-jährigen Caro Daur. Sie hat etwa eine Million Follower, ihr Jahresumsatz wird auch auf eine Million geschätzt. Geld, das von der Modeindustrie kommt, die damit Caro Daurs „Content“ entlohnt oder um es in ihren Worten zu sagen: „Der Content ist meine Persönlichkeit, der durch mein Umfeld und meine Tätigkeit geformt wird.“

„FAZ“-Hetzkommentar, Trumps Prügel, Bunte-Löschbataillon

1. Shitstorm um „FAZ“-Kommentar gegen Ehe für alle
(welt.de, Christian Meier)
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat einen Gastbeitrag zur „Ehe für alle“ veröffentlicht, der bei vielen Lesern auf Unverständnis und Entsetzen stieß. Der, für derartige Beiträge ungewöhnlich, unter Pseudonym verfasste Artikel verbreite mehr als fragwürdige, geradezu hetzerische Thesen, so der Vorwurf. Dementsprechend heftig fiel die Reaktion in den sozialen Medien aus.
Auch die „taz“ beschäftigt sich mit dem Vorgang. Jan Feddersen: „Es ist eine Zeitung, die schlüpfrige Phantasien bedient und den (Aber-)glauben an Naturrecht obendrein. Diese FAZ hätte es unter Frank Schirrmacher nicht gegeben – der hätte bei der Tageskoordination gemerkt, was für ein Schwachsinn in einem Teil der Zeitung erscheint …“
Bei uns im BILDblog kommentiert Johannes Kram: „FAZ“ und „Ehe für alle“: Ein Hass, der keinen Namen trägt.

2. „Prügelattacke“ gegen CNN
(deutschlandfunk.de)
US-Präsident Donald Trump hat bei Twitter ein altes Video gepostet, in dem er geschauspielert-scherzhaft auf den Chef eines Wrestlingveranstalters einprügelt. In dem Video, das nun die Runde macht, ist jedoch der Kopf seines damaligen Widersachers mit dem Senderlogo von „CNN“ ausgetauscht worden. „CNN“ wirft dem Präsidenten daraufhin vor, zu Gewalt gegen Journalisten aufzufordern und die Amtspflichten zu vernachlässigen: „Wir werden weiter unsere Arbeit machen. Er sollte anfangen, die Seine zu tun“
Doch damit nicht genug: Bei Trumps Streit mit den Morning-Joe-Moderatoren (MSNBC) sind laut „SZ“ weitere Details bekannt geworden. Das Weiße Haus soll angeboten haben, eine Enthüllungsgeschichte eines Boulevardblatts zu verhindern, wenn sich die Moderatoren für ihre negative Berichterstattung bei Trump entschuldigen.

3. Debatte um Rundfunkbeitrag: Millionen fürs Feigenblatt
(dwdl.de, Alexander Krei)
Alexander Krei kommentiert auf „DWDL“ die „ProSiebenSat.1“-Forderung nach Beteiligung an den Rundfunkbeiträgen. Über Reformen ließe sich grundsätzlich reden, „doch bevor ProSiebenSat.1 ein Stück vom milliardenschweren Beitrags-Kuchen fordert, sollte man erst mal im eigenen Programm unter Beweis stellen, dass man ein ernsthaftes Interesse daran hat, Informationssendungen nicht nur als Feigenblatt zu verstehen.“

4. Kein Schmerzensgeld für den Restaurantbesitzer
(faz.net, Luise Schendel)
Im November 2015 wurde die MDR-Dokumentation „Provinz der Bosse – Mafia in Mitteldeutschland“ ausgestrahlt. Gegen die Berichterstattung klagte ein Geschäftsmann, der in Erfurt zwei Restaurants unterhält und glaubte, trotz Anonymisierung in der Dokumentation mittelbar erkennbar zu sein. Das Oberlandesgericht Dresden gab ihm zwar zunächst Recht, doch seine zweite Klage auf Zahlung von 50.000 Euro wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte scheiterte.

5. Vize-Chefredakteur Yannick Dillinger: Wie die „Schwäbische Zeitung“ an die Flugzeugkatastrophe von Überlingen erinnert
(kress.de, Frank Hauke-Steller)
Die „Schwäbische Zeitung“ hat anlässlich des 15. Jahrestags des Flugzeugunglücks von Überlingen eine aufwändige Multimedia-Reportage produziert. „Kress“ hat mit dem dafür verantwortlichen Digitalchef, Yannick Dillinger über Arbeitsweise und Storytelling gesprochen.

6. Migräne, Piercings und das Löschbataillon der Bunten
(onkelmichael.wordpress.com)
Blogger „Onkel Michael“ berichtet von seinem Kampf gegen die Windmühlen der „Bunte“-Redaktion. Er hätte die behaupteten Wunderwirkungen von Piercings gegen Migräne recherchiert (es gibt keine) und dies der Redaktion als Facebook-Kommentar hinterlassen. Nur für einen kurzen Moment sichtbar, denn man hätte seinen und andere kritische Kommentare gelöscht… Sein Nachtrag lässt schließen, dass „Bunte“ der Vorgang nicht ganz geheuer ist: Ein Beitrag aus dem Jahr 2016 wurde zwischenzeitlich entfernt.

NetzDG, Aufbauschblätter, Funkes Medienminister

1. NetzDG-Verabschiedung ein Schnellschuss
(reporter-ohne-grenzen.de)
Vor der Verabschiedung des Gesetzes gegen Hassbotschaften im Internet am heutigen Tag warnt „Reporter ohne Grenzen“ erneut vor den Gefahren für die Pressefreiheit. Zwar hätten die Regierungsfraktionen einige Kritikpunkte an dem geplanten Gesetz aufgenommen, doch die Kernkritik bleibe bestehen: „Durch kurze Löschfristen werden soziale Netzwerke aus Angst vor Bußgeldern zu viele Inhalte löschen. So besteht etwa die Gefahr, dass auch journalistische Artikel gelöscht werden, obwohl nicht abschließend geklärt ist, ob sie rechtswidrig sind oder nicht“.

2. „Aufgebauscht, bis es falsch wird“
(spiegel.de, Holger Dambeck)
Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman Kritiker betrachtet die renommierten Fachblätter „Nature“, „Science“ und „Cell“ als schädlich für die Wissenschaft: „Diese Magazine suchen Studien, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Das ist logisch, denn sie wollen Hefte verkaufen. Aber es verzerrt die wissenschaftliche Arbeit. Junge Forscher glauben, sie müssten auf Gebieten arbeiten, auf denen sie eine Sensation kreieren können. Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird.“

3. Fall Weißensberg: Wir halten uns zurück
(schwaebische.de, Dirk Augustin)
Im Landkreis Lindau ist vor einigen Tagen eine 22-jährige Frau umgebracht worden. Die Lokalredakteure der Lindauer Zeitung sehen sich in der Pflicht darüber zu berichten, wollen sich aber nicht an Spekulationen rund um die Tat beteiligen. Auch um die Aufklärung der Tat beziehungsweise die Festnahme des mutmaßlichen Täters nicht zu gefährden. „Deshalb drängen wir uns nicht Angehörigen oder Nachbarn auf, wir durchsuchen nicht das Internet nach privaten Bildern und veröffentlichen diese dann groß. Wir respektieren, dass einige Angehörige in ihrer Trauer nur noch Ruhe haben wollen und dass andere auf Facebook Sätze schreiben, die sie später wahrscheinlich bereuen. Das ist aber kein Grund für Berichterstattung. Wir sind uns sicher, dass unsere Leser diese Zurückhaltung als richtig empfinden.“

4. Funkes Medienminister: Alles nur Unterhaltung
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Nordrhein-Westfalens zukünftiger Medienminister ist nicht irgendjemand: CDU-Mitglied Stephan Holthoff-Pförtner ist Mitgesellschafter der Essener Funke-Mediengruppe, Deutschlands drittgrößten Zeitungsverlag. Dort erscheinen „WAZ“ und „Hamburger Abendblatt“ aber auch Titel wie „Die Aktuelle“, wo man gerne mal den Eindruck erweckt, jemand wie Caroline von Monaco liege im Sterben. Der zukünftige Medienminister hat damit keine Probleme. Das sei halt „Unterhaltung“… Mats Schönauer hat für „Übermedien“ einige Beispiele dieser „Unterhaltung“ zusammengestellt.

5. Trump bekommt Unterstützung im „Krieg gegen die Medien“
(sueddeutsche.de, Sacha Batthyany)
Donald Trump bekommt in seinem Kampf gegen die Medien Unterstützung von prominenter Seite: Die ehemalige Gouverneurin aus Alaska Sarah Palin, die bei der Präsidentschaftswahl 2008 als Anwärterin auf den Posten der Vizepräsidentin galt, will einen eigenen Fernsehsender gründen. Für eine monatliche Abo-Gebühr von 9,95 Dollar und natürlich ohne „Fake News“, wie die umstrittene Ultrakonservative betont.

6. Der Abgrund war noch nie so lustig
(zeit.de, Patrick Beuth)
Der britische Journalist Andy Kelly hat ein Faible für „Dark Stock Photos“. So bezeichnet er die mit Holzhammer-Symbolik inszenierten Bilder aus kommerziellen Fotodatenbanken, die sich mit Themen wie Tod, Drogen und Gewalt beschäftigen.

Ehe für alle, MDR-Pate angeklagt, Abgehört

1. Merkels Privat-Audienz bei „Brigitte“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Ausgerechnet ein Talk von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“ ermöglicht nun wahrscheinlich die Öffnung der „Ehe für alle“. Stefan Niggemeier fragt sich, was das über Bundeskanzlerin und „Brigitte“ aussagt: „Ein Teil des Spotts, den man nun über die „Brigitte“ liest, ist in Wahrheit Ausdruck der Wut über die Kanzlerin, dass sie sich einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung über das Thema selbst in dem Moment noch verweigert, in dem sie sich bewegt – auch dank der Bühne, die ihr die „Brigitte“ mit dem netten Plauschformat bietet.“

2. Aufgeflogen: Gespräch mit Journalisten abgehört
(ndr.de, Hendrik Maaßen)
In Sachsen wurden Gespräche von mindestens drei Journalisten im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens abgehört und jahrelang gespeichert. Das belegen Unterlagen der Polizei Sachsen, die dem „NDR“ vorliegen. Entgegen der gesetzlichen Benachrichtigungspflicht wurden alle drei Journalisten nach eigenen Angaben nicht über die Überwachung informiert. Hintergrund: Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen hatte gegen Personen aus dem Umfeld des Leipziger Fußball-Oberligisten „BSG Chemie Leipzig e.V“ wegen des Verdachts auf „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ermittelt.

3. Betrogen und bestochen
(faz.net, Michael Hanfeld)
Es sind schwere Vorwürfe, mit denen sich der ehemalige Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks konfrontiert sieht. Das Landgericht Leipzig hat am Dienstag die Anklage gegen ihn zugelassen. Es geht um Betrug in dreizehn Fällen, Steuerhinterziehung in fünf Fällen sowie Untreue und Bestechlichkeit in je einem Fall. Wenn man den Beitrag liest, versteht man, warum der Mann auch als „der Pate des ARD-Unterhaltungsfernsehens“ bezeichnet wird.

4. Das sind die größten Herausforderungen für Journalisten
(horizont.net, Katharina Brecht)
Die größten Herausforderungen für Journalisten sind Glaubwürdigkeit, Fake News und Unabhängigkeit. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 1.700 Journalisten. In der Umfrage ging es auch um den Umgang mit Social Media und wie es um das Verhältnis zu Pressesprechern bestellt ist.

5. „Facebook-Gesetz“ – Eine Ehrenrettung
(carta.info, Christian Humborg)
Das umstrittene Netzwerkdurchsuchungsgesetz ist besser als sein Ruf, findet Christian Humborg in seiner Kolumne auf „Carta“. Es verteidige die Meinungsfreiheit, weil es die Meinung der anderen, also der Opfer von Hasskriminalität, zu schützen versuche.

6. Unkontrollierbare Scheißstrecke: Warum die Rocket Beans Erfolg haben
(wired.de, Max Biederbeck)
„Wired“ war zu Gast bei einem der erfolgreichsten Internet-Kanäle: „Rocket Beans TV“ in Hamburg. Die Produktionsfirma hat sich innerhalb von drei Jahren zu einem florierenden Unternehmen mit 90 Angestellten entwickelt. Im weitesten Sinn geht es um Unterhaltung und Nerdthemen: ob Computerspiele, Filme, Musik oder Brettspiele. Max Biederbeck zeichnet die Entwicklung der Firma nach und hat sich angeschaut wie die „Beans“ arbeiten.

NetzDG reloaded, Asymmetrische Fakten, Twitters Blockadeverhalten

1. Hate-Speech-Gesetz: Neuer Entwurf gefährdet weiterhin die Meinungsfreiheit
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Die große Koalition hat sich offenbar geeinigt und einen neuen, in einigen Punkten entschärften Entwurf zum sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz vorgelegt. Markus Reuter von Netzpolitik.org hält das Gesetz immer noch für eine Gefahr für die Meinungsfreiheit. Und er ist damit nicht allein: Ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, Verbänden und Rechtsexperten appelliert an die große Koalition, das fragwürdige NetzDG nicht zu verabschieden.

2. Asymmetrische Fakten
(taz.de, Jörg Wimalasena)
Angela Merkel lässt ihren Mitbewerber ums Bundeskanzleramt Martin Schulz oftmals ins Leere laufen: Auf konkrete Wahlversprechen der Gegenseite reagiert sie mit Schweigen. Der Chef der Forschungsgruppe Wahlen nannte es einst „asymmetrische Demobilisierung“: Zu kontroversen Themen keine Stellung beziehen und hoffen, dass die Wähler der anderen Parteien am Wahltag einfach zu Hause bleiben. Schulz sprach in diesem Zusammenhang von einem „Anschlag auf die Demokratie“. Das „ZDF heute journal“ wollte dem etwas entgegensetzen und wies im Faktencheck auf eine um 0,7 Prozent gestiegene Wahlbeteiligung hin. Was richtig wäre, wenn da nicht die Sache mit dem betrachteten Zeitraum wäre…

3. Meinungsfreiheit? Was Twitter alles blockiert
(spiegel.de, Philipp Hummel)
Das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz sieht drastische Strafen für Plattformbetreiber vor, die rechtswidrige Inhalte nicht innerhalb kurzer Fristen entfernen. Dies kann nach Ansicht von Kritikern zu Überreaktionen auf Seiten der Betreiber führen. „Spiegel Online“ hat sich das Löschverhalten Twitters angeschaut und dazu eine Datenanalyse durchgeführt. Das Resümee: „Trotz der vielen fragwürdigen Eingriffe durch Twitter: Wer nicht gerade „Trusted Reporter“ ist – in Deutschland hat diesen Rang offenbar nur jugendschutz.net – oder prominent wie Jan Böhmermann, hat es bei Twitter offenbar schwer, Gehör zu finden.“

4. Boulevard = Fake?
(deutschlandfunk.de, Dietrich Mohaupt)
Gymnasiasten in Niedersachsen haben im Unterricht eine App getestet, die ihnen beibringen soll, Fake News zu erkennen. 19 Fragen sollen helfen, auffällige Meldungen aus dem Internet schnell auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen, doch die Methode ist umstritten. Der Vorsitzende des niedersächsischen Philologenverbandes will z.B. die typischen Stilmittel der Boulevardpresse nicht als ein Kriterium für Fake News gelten lassen.

5. Wie die Regierung in Mexiko Aktivisten und Journalistinnen ausspioniert
(boell.de, Caroline Schroeder)
Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Laut der Menschenrechtsorganisation „Article 19“ wurden seit dem Jahr 2000 einhundertsechs Medienvertreter umgebracht. Nun wird bekannt, dass die Regierung in den letzten anderthalb Jahren Journalisten mit einer israelischen Software ausspioniert hat, die eigentlich für den Kampf gegen Terrorismus bestimmt ist. Es liegt ein Bericht vor, in dem 12 Fälle ausführlich dokumentiert sind.

6. Reden wir darüber
(sueddeutsche.de, Hannah Beitzer)
„Wege aus der Filter Bubble“ hieß die Veranstaltung, zu der u.a. „Gruner + Jahr“, „Spiegel“ und „Zeit“ nach Berlin geladen hatten. Justizminister Heiko Maas und einige Journalisten diskutierten über Hass im Netz, Fake News, Filterblasen und die Verantwortung sozialer Medien. „Wir wollen miteinander statt übereinander reden“ hieß das Motto der Veranstaltung, das jedoch laut Hanna Beitzer von einem bestimmten Netzwerk unterlaufen wird: „Reden kann man mit Facebook, aber es bringt nicht viel.“

Grünes Parteitagsgespräch, Nordgelüste, Leichte Sprache

1. „Es war bestimmt kein privates Gespräch“
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Im Netz kursiert ein Videomitschnitt des Grünenpolitikers Winfried Kretschmann vom Grünen-Parteitag, erstellt und eingestellt von der rechtspopulistischen Internetplattform „Jouwatch“. Zu sehen und zu hören ist darin, wie sich der hochrangige Politiker, der auch Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist, über die Automobilpläne seiner Partei echauffiert. Der Deutschlandfunk hat mit Journalistikprofessor Volker Lilienthal über die Frage gesprochen, ob es sich um einen illegalen Mitschnitt eines privaten Gesprächs handelt.

2. Deutsche Sprache, Leichte Sprache
(taz.de, Christine Stöckel)
Wer sich in den Medien über politische Sachverhalte informieren will, trifft oft auf schwer lesbare Artikel mit Schachtelsätzen, Fremdwörtern und Abkürzungen. Die Verfechter der sogenannten „Leichten Sprache“ sind der Meinung, dass es auch anders geht. Doch bei komplexen Themen kommt die Methode an ihre Grenzen. Christine Stöckel geht auf die verschiedenen Aspekte des Themas ein, das kurz vor der Bundestagswahl auch eine politische Dimension hat.

3. Wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem.
(planet-interview.de, Marie Illner)
Die „Beitragskommunikation“ von ARD, ZDF und „Deutschlandradio“ hatte zum Pressegespräch zum Rundfunkbeitrag eingeladen. Anwesend: Vertreter des Beitragsservice, Justiziare von SWR und WDR sowie ein Vertreter der „KEF“ (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten). „Planet Interview“ hat die Verantwortlichkeiten zum Rundfunkbeitrag befragt, zu Intendanten-Gehältern, Inhaftierungen und zum Plan, zukünftig Inkasso-Unternehmen zu beauftragen. Die Inhaftierung von einzelnen Beitragsverweigerern sieht man kritisch. Außerdem wolle man sich nicht „instrumentalisieren“ lassen, so die stellvertretende Intendantin des WDR Eva-Maria Michel: „Bei Fällen wie dem AfD-Politiker, der den Rundfunkbeitrag verweigerte und eine Öffentlichkeitswelle mit seiner Haft provozieren wollte, war uns klar: Wir lassen uns nicht instrumentalisieren.“

4. Das große Sonntagsporträt: Dirk Lübke über den Thüringer NSU-Reporter Kai Mudra
(kress.de, Dirk Lübke)
Beim NSU-Prozess handelt es sich um einen der größten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seit mittlerweile vier Jahren wird unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen vor dem Oberlandesgericht (OLG) München über Beate Zschäpe und Co. verhandelt. Oft vor Ort: Der Thüringer NSU-Reporter Kai Mudra, der bereits in den neunziger Jahren über den Themenkomplex berichtet hat. Mudra war an 260 von mehr als 360 Prozesstagen als Berichterstatter für die „Thüringer Allgemeine“ anwesend. So oft wie nur wenige Kollegen.

5. Nordgelüste
(sueddeutsche.de, Charlotte Theile & Claudia Tieschky)
Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) startet demnächst ein digitales Produkt speziell für deutsche Leser. Die elektronische Zeitung soll sich im Layout an der Printausgabe orientieren und mit eigenen deutschen Inhalten aufwarten. Politisch ist das Ganze wohl rechts von der „FAZ“ angesiedelt. „Bürgerlich-liberal“ nennt es Chefredakteur Eric Gujer und relativiert: „In der Schweiz ist vieles Mainstream, was in Deutschland schon als rechts gilt.“

6. Eintrittskarte ins Kopfkino
(zeit.de, Richard Diesing)
Dank des Internets ist eine lebendige deutsche Hörspielszene entstanden. Richard Diesing über Hörspielautoren, Hörspielmacher und eine treue Community.

Blättern:  1 2 3 4 ... 279