Archiv für 6 vor 9

Trumps Twitter-Troll, Push it real bad, Facebooks Rache-Pornos

1. Einstweilige Verfügung gegen die FAZ erlassen
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat sich eine einstweilige Verfügung wegen einer falschen Tatsachenbehauptung zur Berichterstattung des ARD-„Faktenfinders“ über das Oktoberfest eingefangen. Die AfD hatte suggeriert, dass es seit 2015 Probleme bei der Durchführung von Volksfesten gebe („Oktoberfest: Gähnende Leere“). Diese Behauptung hatte der „Faktenfinder“ überprüft und als falsch zurückgewiesen. Dies wiederum hatte der „FAZ“-Autor Rainer Meyer („Don Alphonso“) aufgegriffen und der „Tagesschau“ vorgeworfen, aus einem „‚Missverständnis‘ echte Fake News“ gemacht zu haben. Daraufhin beantragte der NDR beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung. Das Gericht gab dem statt, die „FAZ“ musste die betreffende Passage entfernen.

2. Der „King Of Fake News“: Jack Posobiec ist Trumps Twitter-Troll
(fearlessdemocracy.org, Gerald Hensel)
Gerald Hensel berichtet bei „Fearless Democracy“ über den „King Of Fake News“ Jack Posobiec. Dabei handelt es sich um einen erst 31-jährigen Mann aus dem neurechten bis rechtsradikalen Umfeld, der für viele schmutzige Social-Media-Aktionen verantwortlich gemacht wird. So soll er unter anderem ein „Rape Melania“-Poster in eine Gruppe Anti-Trump-Demonstranten eingeschmuggelt haben und maßgeblich an der Verbreitung von „Pizzagate“ beteiligt gewesen sein (einem im US-Wahlkampf gestreuten Gerücht, nach dem leitende Demokraten einen Kinderporno-Ring unterhalten würden).

3. Film ab
(sueddeutsche.de, Viola Schenz)
Die „Los Angeles Times“ berichtete kritisch über das Geschäftsgebaren der Firma „Disney“. Daraufhin erhob diese einen Bann gegen die Filmkritiker der „Los Angeles Times“, die bei Pressevorführungen ab sofort unerwünscht waren. „Disney“ hat jedoch augenscheinlich nicht mit der Solidarität der Filmkritik gerechnet: Als Reaktion kündigten die Kollegen der „New York Times“ an, so lange „Disney“-Filmvorführungen fernzubleiben, bis der Bann gegen die Kollegen von der anderen Küstenseite aufgehoben sei. Weitere Filmkritiker schlossen sich an. „Disney“ knickte schlussendlich ein und hob den Bann auf.

4. Push-Nachrichten: Eilmeldungen als Daueralarm
(ndr.de, Jonas Mayer)
Push-Nachrichten sind Segen und Fluch zugleich. Verantwortlich und behutsam eingesetzt, können sie durchaus wertvolle Nachrichtenlieferanten sein. Ist dies nicht der Fall, mutieren sie zu lästigen Quälgeistern, die bei nichtigsten Anlässen das Handy zum Vibrieren bringen. Jonas Mayer hat sich mit dem Thema beschäftigt, in einem Selbstversuch das Pushverhalten der Apps der neun größten Nachrichtenseiten untersucht und verantwortliche Journalisten und Kritiker befragt.

5. Wächter des Weltwissens – wie Automaten Wikipedia beschützen
(algorithmenethik.de, Torsten Kleinz)
Die Onlineenzyklopädie „Wikipedia“ wird von vielen Freiwilligen getragen, die ohne eigenes Interesse und unentgeltlich daran mitwirken, dass es diese Plattform für freies Wissen überhaupt gibt. Dabei haben sie es leider auch mit Vandalismus zu tun. Das reiche von Artikellöschungen über Beschimpfungen bis hin zu ausgefeilten Manipulationskampagnen, die zum Beispiel den Aktienkurs eines Unternehmens beeinflussen sollen. Zum Glück sind sie bei der Abwehr derartiger Angriffe nicht allein: Der von einem künstlichen neuronalen Netzwerk gesteuerte „ClueBot NG“ arbeitet wie ein Spamfilter und hilft fleißig dabei, die „Wikipedia“ sauber zu halten. Torsten Kleinz erklärt, was es damit auf sich hat.

6. Schickt Facebook eure Nacktbilder, damit sie niemand sieht
(zeit.de, Patrick Beuth)
Ist es eine gute Idee, seine Nacktbilder an Facebook zu senden, um zu verhindern, dass sie online verbreitet werden? Zum Beispiel als „Rache-Porno“ eines Ex-Partners? Was zunächst nach einer Schnapsidee klingt, will Facebook versuchsweise in Australien und anschließend auch in den USA, Großbritannien und Kanada testen. Facebook will die Bilder mit einem digitalen Wasserzeichen versehen und ein weiteres Hochladen Unbefugter unterbinden. Dazu müssten die eingesandten Bilder jedoch von Facebook-Mitarbeitern überprüft werden.

Wühltisch in Orange, Datenhunger, Nicht-Interview mit Mark Forster

1. Er macht uns alle zu Opportunisten
(zeit.de, Adrian Daub)
Noch vor einem Jahr hieß es, dass Donald Trump ein Segen für Journalismus und Satire-Industrie sei. Heute stünden die US-Medien vor einem schier unlösbaren Problem, so Adrian Daub auf „Zeit Online“. Die „zerstörerische Kraft uninformierter, lustloser Inkompetenz“ scheine gegen mediale Entlarvung immun: „Donald Trump und seiner Mannschaft genau hinterher zu schnüffeln ist, bei aller Notwendigkeit, auch eine Vermeidungsstrategie. Den Präsidenten als Person immer und immer wieder anzugreifen, kann kein gesellschaftliches Umdenken bewirken. Was sich weder Colbert noch Kimmel, weder Saturday Night Live noch Rachel Maddow, weder die Washington Post noch die New York Times trauen, ist, ihren Mitbürgern ins Gesicht zu sehen und zu fragen „Du hast das gewollt. Wie kannst du das vertreten?“.“

2. Journalismus: Wühltisch statt Swimmingpool!
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die „Verlagsgruppe Handelsblatt“ will mehr junge, wirtschaftsinteressierte Leser erreichen und hat dazu vor einiger Zeit das Portal „Orange by Handelsblatt“ gegründet. Für eben jenes Portal sucht man aktuell per Anzeige „motivierte Multimedia-Journalisten“, denen man 50 Euro für einen Beitrag in Aussicht stellt. Der stellvertretende Chefredakteur verteidigt die Anzeige auf Facebook. Keineswegs würden bei ihm „arme Irre“ arbeiten, noch wolle man „irgendwen ausbeuten“. Christian Jakubetz hat sich zum aktuellen Vorgang auf seinem Blog geäußert und stellt den Gesamtzusammenhang her: „… was es für Journalismus bedeuten würde, wenn ihn nur noch die machen, die ihn sich leisten können, will man lieber nicht so genau wissen.“

3. Per Akkreditierung an private Daten?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Wolfgang Wichmann)
Für Journalisten ist es üblich, sich für Veranstaltungen zu akkreditieren, so auch bei Parteitagen. Doch die AfD wich vom normalen Akkreditierungsprocedere ab und forderte Medienvertreter dazu auf, der zusätzlichen Speicherung von „besonderen Daten“ zuzustimmen. Im Bundesdatenschutzgesetz sind diese „besonderen Daten“ definiert: Es handelt sich um Angaben zur politischen Meinung, zur religiösen Überzeugung oder dem Sexualleben. Nachdem sich dagegen Protest erhob, unternahm die AfD einen Rückzieher und überarbeitete die Anmelde-Maske für den anstehenden Parteitag. Nun tun sich neue Probleme auf.

4. Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt twittert Verschwörungstheoretiker-Blog
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), verbreitete per Twitter einen Artikel des dubiosen, neurechten Verschwörungsportals „Epoch Times“. Markus Beckedahl kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Haselhoff, der laut Twitter-Bio selbst twittert, und seine Regierung hatten zuletzt vorgeschlagen, die ARD und die Tagesschau zusammenzusparen. Der Fall macht anschaulich, wo auf keinen Fall gespart darf, sondern massiv investiert werden muss: Bei der Vermittlung von Medien- und Digitalkompetenz.“

5. Rechts-Recherchen gestoppt
(taz.de, Dominik Koos)
Die Grünen-Niederlage in Österreich wirkt sich an unerwarteter Stelle aus: Der antifaschistische Rechercheblog stopptdierechten.at musste offline gehen, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen. Die Seite wurde von Karl Öllinger betrieben, einem scheidenden Abgeordneten der österreichischen Grünen. Öllinger sucht nun nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten: „In der aktuellen politischen Situation ist eine kritische Berichterstattung über die schwarz-blauen Koalitionsverhandlungen wichtiger denn je“, so Öllinger.

6. Veto gegen das eigene Wort – eine Mark Forster-Doku
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Anwärter für das „Interview des Jahres“ könnte das Nicht-Interview von Jakob Buhre mit dem Popstar Mark Forster sein. Forster wird in der „Wikipedia“ als „Sänger und Songwriter“ bezeichnet, doch wer schreibt die Songs wirklich? Immerhin werden in den Credits der Lieder 15 Komponisten und Textdichter genannt. Buhre hat den Künstler auch zu diesem Thema befragt. Dies kam anscheinend nicht so gut an: Forster ließ im Nachgang seine Zustimmung zur Veröffentlichung des Interviews zurückziehen. Jakob Buhre hat seine Fragen nun veröffentlicht und dort, wo Forsters Antworten hätten stehen sollen, über die Personen geschrieben, die für den Erfolg von Mark Forster (mutmaßlich) mitverantwortlich sind. Fast ist man Forster dankbar für sein „Veto gegen das eigene Wort“, wie Buhre es nennt: Es ist ein gut durchrecherchierter und spannender Blick hinter die Kulissen der Musikindustrie geworden.

Tracking-Blockade, Döpfner-Verrenkungen, Tatort-Entschuldigung

1. Adblocker sind nur der Vorgeschmack
(medienwoche.ch, Thomas Paszti)
Der Schweizer Medienkonzern „Tamedia“ sperrt neuerdings Nutzer von Adblockern auf 20min.ch und tagesanzeiger.ch aus. Schließlich will man unbedingt seine Werbung ausspielen. Dem steht jedoch aus Nutzersicht ein weiteres, weit gravierenderes Problem entgegen, so Thomas Paszti in der „Medienwoche“: Das Tracking und Profiling, ohne das moderne Onlinewerbung nicht mehr auskomme. „Programmatic Advertising“, also gezielte Ausspielung von Onlinewerbung aufgrund von möglichst vielfältigen und genauen Nutzerdaten, sei der heilige Gral der Verlage/Plattformen wie auch der Onlinewerber. Aber damit könne bald schon Schluss sein.

2. Wahrheitssucher, die eine Lüge verteidigen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei „Axel Springer“, hat die Online-Aktivitäten der ARD als „gebührenfinanzierte Staatspresse“ bezeichnet. Als sich daraufhin Protest erhob, behauptete er, er habe das so nie gesagt, und holte zum Gegenschlag aus: Man habe ihn „böswillig“ missverstehen wollen. Es gibt jedoch handfeste Belege, dass Döpfner sich genau so ausgedrückt hat. In seinem Interessendunstkreis will dies jedoch keiner zugeben, geschweige denn richtigstellen. Also halten sich alle die Augen zu und verrenken sich in verdrehten Stellungnahmen. Stefan Niggemeier kommentiert den un- und merkwürdigen Vorgang.

3. ARD kritisiert eigenes Social-Media-Team wegen „Tatort“-Entschuldigung
(spiegel.de)
Während des „Tatorts“ am Sonntagabend ereignete sich die Schießerei in einer Kirche in Texas. „Das Erste“ blendete eine Eilmeldung ein, was bei vielen Zuschauern für Unmut sorgte. Daraufhin entschuldigte sich die Social-Media-Redaktion für die Einblendungen. Dies wiederum geht der Programmdirektion in München zu weit: „So weit gehen wir eigentlich nicht, dass wir uns entschuldigen.“

4. Anja Reschke: „Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist eigentlich eine Demokratiekrise“
(kress.de, Anna von Garmissen)
Bei den 31. „Münchner Medientagen“ ging es unter dem Motto „Media.Trust.Machines“ um die Glaubwürdigkeitskrise der Medien. Was können Medien tun, um verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen? „Kress“ hat verschiedene Stimmen zusammengetragen.

5. Kampf um Wertschätzung für journalistische Arbeit
(deutschlandfunk.de, Ludger Fittkau)
Auf dem Verbandstag der größten deutschen Journalistengewerkschaft haben die Zeitungsredakteure deutlich mehr Lohn gefordert und über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems diskutiert. Immerhin hätten die Zeitungsredakteure noch einen Tarifvertrag, im Online-Journalismus herrsche Wildwuchs, beklagt der freie Journalist Christian Esser: „Im Bereich Online-Journalismus ist im Prinzip noch keine wirkliche Ordnung überhaupt, die sich erkennen lässt. Es ist alles kreuz und quer, jeder Verlag, jeder Arbeitgeber hat wie auch immer seine eigenen Bezahlweisen. Die sind sehr, sehr unterschiedlich. Ob nach Wort, pro Zeile, auch für die Fotos. Es ist ganz schwierig.“
Weiterer Lesetipp: „Verbandstag in Würzburg: DJV-Chef Frank Überall empfiehlt Mathias Döpfner Volkshochschulkurs“.

6. The Year in Push Alerts
(slate.com)
Das Onlinemagazin „Slate“ (seit 2004 im Besitz der „Washington Post“) hat einen animierten Zeitstrahl mit allen Push-Nachrichten der „New York Times“ der vergangenen zwölf Monate erstellt. Man kann darin navigieren und verschiedene Filter einstellen („All Push Alerts/Only Trump/No Trump“). Angehängt sind sechs Beiträge zum vergangenen Jahr im Allgemeinen und der Trump-Zeit im Besonderen.

Paradiespapiere, China-Geschäfte, NSU-Verschwörungs-Murks im ZDF

1. Das sind die Paradise Papers
(projekte.sueddeutsche.de)
Der „Süddeutschen Zeitung“ wurden vertrauliche Unterlagen aus dem internationalen Briefkastenfirmen-Business zugespielt. Und zwar nicht ein paar Zettel, sondern 13,4 Millionen Dokumente. Die „Paradise Papers“ zeigen nach Angaben der „SZ“, wie Konzerne wie Nike, Apple, Uber oder Facebook ihre Steuern auf lächerlich geringe Sätze schrumpfen lassen. Die Unterlagen würden Anlagen der britischen Königin in Steueroasen belegen, des Rockstars Bono oder von Stephen Bronfman, dem Spendensammler des kanadischen Premiers Justin Trudeau. Mehr als 120 Politiker aus beinahe 50 Ländern sollen auf die eine oder andere Art involviert sein. Wie schon bei den „Panama Papers“ hat die „SZ“ die Daten mit dem „International Consortium of Investigative Journalists“ geteilt. Insgesamt hätten an der Aufarbeitung des Falls mehr als 380 Journalistinnen und Journalisten von 96 Medien aus 67 Ländern mitgewirkt.
Siehe auch: Die ARD-Doku „Paradise Papers: Geheime Geschäfte — Die Milliarden-Deals der Rohstoffkonzerne“ (45 Minuten).

2. Wer in China Geschäfte macht, zahlt einen hohen Preis
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Der deutsche Wissenschaftsverlag „Springer Nature“ hat Teile seines Internetangebots in China zensiert. Und zwar auf Druck der Regierung in Peking. Der Fall zeige symptomatisch, welchen Preis westliche Konzerne für Geschäfte in China zahlen, so Niklas Dummer in der „Wirtschaftswoche“. Den Unternehmen fehle es an einer Strategie, wie man mit den Zensurforderungen Chinas umgehen soll. Ihnen bleibe aktuell nur, sich auf die Forderungen einzulassen oder die Forderungen zu ignorieren.

3. Arte – eine schöne Insel, der das Profil fehlt
(dwdl.de, Hans Hoff)
„DWDL“-Kolumnist Hans Hoff liebt den Fernsehsender „Arte“ wegen der Ruhe, des Niveaus, den alten Filmen und neuen Dokus. Trotzdem sei er kürzlich ins Schleudern gekommen, als er gefragt wurde, was denn „Arte“ im Kern ausmache. Was auch damit zu tun habe, dass es an Moderatorenpersönlichkeiten fehle, die sich beim Zuschauer als „Arte-Gesichter“ festsetzen und am Fehlen eines wahrnehmbaren Profils. „So wie Arte sich aktuell präsentiert, ist es eine Insel. Eine sehr schöne Insel. Aber vielleicht sollte man sich dort in Zukunft ein bisschen deutlicher klarmachen, dass auch schöne Inseln von einem steigenden Meeresspiegel bedroht werden, wenn sie keine Berge, also kein wirkliches Profil zu bieten haben. Auch Gutes kann besser werden.“

4. Die digitale Schranke
(zeit.de, Daniel Bouhs)
Die Mediatheken von ARD, ZDF und „Deutschlandfunk“ bieten Hunderttausende von Audio- und Videobeiträgen. Viele davon sind jedoch mit einem knappen Verfallsdatum versehen. Um diese Schranke wird erbittert gerungen. Nun könnte eine Ausweitung erfolgen, doch einen allumfassenden freien Zugang zu öffentlich-rechtlichen Inhalten werde es auch weiterhin nicht geben, so Daniel Bouhs: „Und so deutet sich zwar — aus Sicht des Beitragszahlers — tatsächlich ein besseres Angebot in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken an. Der große Wurf wird es aber nach wie vor nicht werden, weil die Medienpolitik immer auch andere Anbieter im Blick hat, in diesem Fall RTL, Netflix und andere.“

5. Rechnen mit falschen Zahlen
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Der „Faktenfinder“ beschäftigt sich mit den jüngsten Artikeln zum Verbleib von Asylbewerbern, den anfallenden Kosten und dem Familiennachzug. Das Thema Flüchtlinge sei hoch emotional. Doch anstelle von Fakten werde in der Öffentlichkeit oft mit falschen Zahlen hantiert (auch BILDblog berichtete dazu: „30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn“ Teil 1, Teil 2, Teil 3). Dies liege auch daran, dass es nicht so einfach sei, die Kosten zu ermitteln. Die finanzielle Hauptlast trügen die Länder, nicht der Bund. Eine exakte Aufstellung der Kosten würden diese aber nicht liefern.

6. Ein gefährliches Spiel
(sueddeutsche.de, Annette Ramelsberger)
Heute Abend zeigt das ZDF den Polit-Thriller „Dengler — Die schützende Hand“ nach dem Bestseller von Wolfgang Schorlau (vorher schon in der Mediathek zu sehen). Dort werden die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt zu Opfern eines Mordanschlags gemacht. Annette Ramelsberger fragt sich in der „SZ“, ob man Fakten ignorieren darf, um die große Verschwörung zu inszenieren: „Diese Liebe zur Verschwörung hat allerdings eine Nebenwirkung, die den Verantwortlichen in den Sendern vermutlich nicht einmal bewusst ist: Sie spielen ein Spiel mit, in dem andere versierter sind. Leute aus der rechten Szene, die Akten fleddern und Teile daraus ins Netz stellen, um ihre Theorie zu belegen: Den NSU hat es nie gegeben, er ist eine Erfindung des Verfassungsschutzes. Die zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge: vom Staat inszeniert. Der ganz große Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat, er wird transportiert als Spielfilm zur Primetime.“
Weiterer Lesetipp: Katharina König-Preuss (gehört als Abgeordnete von „Die Linke“ im Thüringer Landtag dem NSU-Untersuchungsausschuss an) mit ihrem Beitrag „Entsorgte Hirnmasse“ auf freitag.de, in dem sie empfiehlt: „Machen Sie was Schönes am 6. November. Gehen Sie essen, ins Theater, treffen Sie sich mit Freundinnen bzw. Freunden oder aktualisieren Sie alle zehn Sekunden Ihre Facebook- oder Twitter-Timeline. Alles ist relevanter, als sich die Verfilmung des achten Schorlau-Romans Dengler — Die schützende Hand im ZDF anzuschauen.“

Trumps temporärer Twitter-Tod, Podcast-Boom, AfD-Dilemma

1. Mathias Döpfner eröffnet „Dialog“ mit einer Lüge
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Mathias Döpfner, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, hat öffentlich-rechtliche Medien als „Staatspresse“ bezeichnet, will dies aber nicht so gesagt, geschweige denn gemeint haben. Stattdessen spricht er nun von einem „Konjunktiv-Szenario“, das böswillig missverstanden werde. Stefan Niggemeier hat die entsprechenden Textpassagen rausgesucht und kommt zu einem anderen Ergebnis: „Wer das sagt, ist nicht „böswillig“ und hat nichts „missverstanden“, sondern gibt Döpfners Position korrekt wieder. Seine Empörung darüber, dass man ihm das vorhält, ist Heuchelei. Und basiert auf einer Lüge.“

2. Servus TV in Österreich: Rise Like A Phoenix
(dwdl.de, Timo Neumeier)
Vor gar nicht langer Zeit sah es noch so aus, als würde der österreichische Fernsehsender „Servus TV“ dichtgemacht werden: Als Mitarbeiter des Senders einen Betriebsrat gründen wollten, sah Senderchef und „Red Bull“-Boss Mateschitz rot und kündigte die Schließung an. Eineinhalb Jahre später fährt der Sender Quotenrekorde in Österreich ein und zeigt erstmals eine eigenproduzierte Serie. („In „Trakehnerblut“ geht es um die junge Alexandra, die in Wien lebt und unerwartet Alleinerbin des Trakehner-Gestüts Hochstetten wird.“)

3. Ein neuer Player auf dem Podcast-Markt?
(deutschlandfunk.de, Sandro Schroeder & Brigitte Baetz, Audio, 5:10 Minuten)
„Amazon“-Tochter „Audible“ will auch vom Podcastboom profitieren und hat gestern gleich 22 neue Produktionen vorgestellt. Es sind jedoch keine klassischen Podcasts, denn statt über iTunes und Podcast-Apps sind die Folgen nur über „Audible“ abrufbar. Und dazu muss der Nutzer ein kostenpflichtiges Abo abschließen. Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Sandro Schroeder, der auch den Podcast-Newsletter herausgibt, über den Vorstoß des Branchenriesen unterhalten.

4. Das AfD-Dilemma
(journalist-magazin.de, Michael Kraske)
Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag wird immer noch über die Frage gestritten, ob die Medien mitgeholfen haben, die Partei groß zu machen. Der Journalist und Autor Michael Kraske ist dieser Frage in einem längeren Lesestück nachgegangen. Einen Königsweg sieht Kraske nicht, wohl aber sinnvolle Korrekturen: „Guter Journalismus über die AfD hat wie sonst auch unbequem zu sein, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Vielleicht ist das im Zeitalter des weltweiten Rechtsrucks thematisch die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe: mit Berichten, Reportagen und Kommentaren zu zeigen, dass Rassismus und völkischer Nationalismus eben nicht normal sind. Dass sie keine Probleme lösen, sondern furchtbare neue schaffen, die altbekannt sind.“

5. Hallo, wir sind auch da
(taz.de, Daniel Bouhs)
„Buzzfeed Deutschland“ will sich im Nachrichtenbereich etablieren und hat dazu ein eigenes News-Team aufgebaut. Nun hat man sich nach dem Mitgründer des gemeinnützigen Recherchebüros „Correctiv“ Daniel Drepper auch Marcus Engert an Bord geholt, den Co-Gründer des Onlineradios detektor.fm. Daniel Bouhs hat die Personalie eingeordnet. Dabei geht es auch um die Ausrichtung des Portals und mögliche Allianzen.

6. Trump Twitter account shut down by employee on last day of work
(theguardian.com, Olivia Solon)
Ein Twitter-Mitarbeiter hat an seinem letzten Arbeitstag offenbar kurz vor dem Löschen des Bürolichts auch den Twitter-Account von Donald Trump ausgeknipst. Es hat elf Minuten gedauert, bis die Alarmglocken angingen und das Konto wieder hergestellt wurde. (Manche bezeichnen diese Minuten als die schönsten der bereits Monate andauernden Amtszeit Trumps.)

Gefährliches Raunen, Grausame Bilder, Techniker nicht informiert

1. Das gefährliche Raunen
(zeit.de, Bernhard Pörksen)
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Auf „Zeit Online“ macht er sich Gedanken über die zunehmende Polarisierung und einen sich über den Medien ausbreitenden Generalverdacht: „Medienkritik und Medienskepsis machen, gerade in einer Zeit, in der Falschmeldungen durch die sozialen Netzwerke wirbeln und Desinformation mächtiger wird, idealerweise alle Beteiligten ein Stück mündiger, klüger und wacher. Aber gegenwärtig werden die Debatten über Gegenwart und Zukunft von ARD und ZDF und des Journalismus zunehmend zu ideologischen Grabenkämpfen und zum Spielfeld für populistische Forderungen; dies eben nicht, wie traditionell üblich und historisch erwartbar, am äußersten rechten oder linken Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft.“

2. Nach der Böhmermann-Wutrede: Warum der digitale Boulevard von Bento, Watson, Vice & Co. besser ist als sein Ruf
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Anlässlich Jan Böhmermanns vernichtendem „Bento“-Verriss von letzter Woche stellt Stefan Winterbauer auf „Meedia“ die Frage, was von den jungen, auf Unterhaltung getrimmten Websites wie „Bento“, „Buzzfeed“, „Noizz“, „Watson“ oder „Vice“ zu halten sei. Winterbauer sieht sowohl Kritikpunkte als auch Lobenswertes und spricht sich fürs Differenzieren aus: „Womit manche Kritiker offenbar nicht klarkommen ist, dass in der Welt der reinen Digitalmedien beides nebeneinander existiert: das haarsträubend Banale und das werthaltig Intelligente.“

3. Welche Bilder soll die Tagesschau zeigen?
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
„ARD aktuell“-Chef Kai Gniffke legt im Blog der „Tagesschau“ dar, wie schwierig die Dokumentation von menschlichem Leid sei. Konkreter Anlass sind Bilder von unterernährten Kindern, die in einem „Tagesthemen“-Bericht über die Hungersnot in Syrien zu sehen waren. Bilder, auf deren Ausstrahlung man seiner Meinung nach hätte verzichten sollen: „Für mein Gefühl (ich sage ausdrücklich Gefühl) war dieses Bild zu grausam. Heute wissen wir, dass das unterernährte Kind gestorben ist. Deshalb finde ich heute — und hinterher ist man immer schlauer — dass wir dieses Bild auch bei Facebook nicht hätten posten sollen.“

4. Medien-Oligopole im Griff der “Colonels”
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ hat einen interessanten Hintergrundbericht über die brasilianische Medienlandschaft veröffentlicht. Dort hätten einige Großgrundbesitzer-Dynastien (die sogenannten „Colonels“) ihre Macht längst auch auf die Medien ausgeweitet. Dem Bericht liegt eine viermonatige Recherche im Rahmen des weltweiten Projekts „Media Ownership Monitor“ von „Reporter ohne Grenzen“ und der brasilianischen Nichtregierungsorganisation „Intervozes“ zugrunde.

5. Hello, world: this is WikiTribune
(beta.wikitribune.com, Jimmy Wales)
„Hello, world“ lauteten die ersten Worte von Jimmy Wales auf der von ihm im Jahr 2001 gegründeten Plattform „Wikipedia“. Sechzehn Jahre später folgt von Wales ein „Hello, world: this is WikiTribune“. In seinem Begrüßungspost erklärt er das neue Vorhaben: „My goals are pretty easy to understand, but grand in scope (more fun that way, eh?): to build a global, multilingual, high quality, neutral news service.“

6. „Techniker ist informiert“: Hinter der viralsten Tür Deutschlands steckt eine große Lüge
(motherboard.vice.com, Dennis Kogel)
Vor drei Jahren ging an der Uni Mainz eine Tür kaputt, was ungeahnte Folgen hatte: Der unscheinbarer Zettel mit der Botschaft „Defekt — Techniker ist informiert“ löste eine Meme-Welle sondergleichen aus. Dennis Kogel hat dem Vorgang nochmal hinterher recherchiert und dabei einige interessante Dinge festgestellt.

Deniz-Yücel-Parlamentsanfrage, Polit-Podcasts, Fakes aus Krisenregionen

1. Türkische Opposition stellt Parlamentsanfrage wegen Deniz Yücel
(welt.de)
Mehr als sieben Monaten befindet sich der Journalist und „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel schon in Einzelhaft. Nun hat ein Abgeordneter der größten türkischen Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara eine kleine Anfrage gestellt, in der es u.a. heißt: „Warum wird gegen den Journalisten Deniz Yücel keine Anklageschrift erstellt, obwohl er vor rund neun Monaten in Polizeihaft genommen wurde? Warum wird Deniz Yücel in Isolationshaft gehalten und ihm eine gemeinsame Unterbringung mit anderen Gefangenen nicht gestattet?“

2. Aufs Ohr gelegt
(taz.de, Anne Fromm)
Podcasts sind weiter auf dem Vormarsch, ob Unterhaltungsformate oder solche zur Politik, wie sie jüngst von „Spiegel Online“, „Zeit Online“ und „Deutschlandfunk“ gestartet wurden. „taz“-Medienredakteurin Anne Fromm hat sich einen Monat angehört, was in diesem Themenumfeld von den drei genannten Medien derzeit geboten wird. (Anmerkung des „6vor9“-Kurators: Wer sich für Politik interessiert, könnte auch bei unabhängigen Formaten fündig werden wie z.B. dem „Aufwachen“-Podcast oder der „Lage der Nation“.)

3. Fakes aus Krisenregionen
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Für Medien ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob Bild- oder Videomaterial gefälscht ist. Im Beitrag des „Deutschlandfunks“ geht es darum, wie das „News Lab“ des Schweizer Fernsehens und das ARD-Studio Kairo mit dieser Herausforderung umgehen. Die Verifizierung von Bildern kann, trotz einschlägiger Tools, eine aufwändige Sisyphusarbeit sein, weiß ARD-Reporter Volker Schwenck in Kairo. Bei unklaren Fällen empfiehlt er zumindest den Hinweis, dass es sich um Bildmaterial aus fremden Quellen handelt. „Häufig ist die einfachste Form, dass man sagt: Die Bilder sollen dies und das sagen. Sie wurden im Internet verbreitet und könne nicht unabhängig verifiziert werden.“

4. Bietet Onlinern bessere Perspektiven!
(edito.ch, Tobias Bühlmann)
Im Schweizer Medienmagazin „Edito“ erzählt Tobias Bühlmann von seinen langjährigen Erfahrungen in Online-Redaktionen. Er beklagt den schlechten Umgang der Medienhäuser mit ihren Onlinern. Diese stünden oft ganz unten in der Hackordnung, würden gering geschätzt und schlechter bezahlt. Er appelliert an die Chefs: „Hört euch um am Online-Desk, gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern dort mehr Raum. Mehr Zufriedenheit führt zu einem motivierten Team, und dies garantiert ein besseres Produkt. Was eignet sich mehr als Alleinstellungsmerkmal in einer Medienwelt, die sich immer mehr angleicht?“

5. Keine Angst vor der Wahrheit – auch nicht unter Erdogan
(spiegel.de, Maximilian Popp)
„Spiegel Online“ berichtet über den türkischen Medienunternehmer Engin Önder und dessen Internetplattform für Bürgerjournalismus „140journos“. Obwohl in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch Mitte 2016 mehr als 150 Journalisten verhaftet und zahlreiche Medienhäuser geschlossen wurden, gibt es das alternative Medienprojekt immer noch. Was womöglich daran liege, dass Önder zwar heikle Themen anpacke, aber eine neutrale Sprache verwende und Kampfbegriffe meide.

6. Sandro Schwarz knöpft sich Journalisten vor
(swr.de, Benjamin Wüst)
Das passiert nicht oft: Ein Fußballtrainer, hier der des FSV Mainz 05, Sandro Schwarz, findet die Journalisten zu zahm und wünscht sich mehr Reibung und Diskussionen: „Auch wenn dann vielleicht mal eine patzige Antwort dabei ist, das kann natürlich sein. Aber ich will den Austausch. Ich bin bereit, die Wahrheit zu sagen.“

Thesaurus-Journalismus, Fußball-Unsummen der ÖR, Kampf ums Vong

1. 930 Journalisten seit 2006 getötet
(tagesschau.de)
Nach UN-Angaben wurden in den letzten zehn Jahren weltweit 930 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet. Von den zwischen 2006 und Ende 2016 registrierten Fällen sei nur jede zehnte Tat aufgeklärt worden, teilte die Kultur- und Bildungsorganisation UNESCO anlässlich des „Internationalen Tags gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Journalisten“ mit. Allein im vergangenen Jahr seien mehr als 100 Journalisten getötet worden — die meisten davon in Afghanistan und Mexiko.

2. Verkörperung der Macht
(detektor.fm, Eva Weber & Julia Rosner, Audio, 8:50 Minuten)
Im aktuellen Teil der Serie zum Dokumentar- und Animationsfilmfestival „DOK Leipzig“ geht es um Politikinszenierung und die Macht der Bilder. Und es geht um die Bildsprache früher und heute. Dabei tun sich interessante Parallelen auf. „DOK Leipzig“-Programmchef Ralph Eue: „Wenn man sich den Trump-Wahlkampf und die Ikonografie anschaut, also die Bildlichkeit seiner Person, dann stellt man fest, dass es große Ähnlichkeiten gibt, in der Ikonografie von Trumps Wahlkampf zu dem Auftreten von Lenin in der Zeit zwischen Februar- und Oktoberrevolution.“

3. So berichten österreichische Medien über den mutmaßlichen Doppelmörder von Graz
(vice.com, Verena Bogner)
Bei der Berichterstattung über den mutmaßlichen Doppelmörder von Graz hatten die österreichischen Medien so ihre Schwierigkeiten. Vor allem, wenn es um die Beschreibung von Tat und Tatverdächtigem ging. Verena Bogner hat sich in den Medien umgeschaut und einige der Attribute zusammengetragen. Sie plädiert für mehr Zeit und Sorgfalt: „Umso wichtiger ist es, in der Eile nicht dem Thesaurus komplett die Macht zu übergeben; Wörterbüchern und Nachschlagewerken ist es nämlich egal, wie gut Beschreibungen wirklich zu einer konkreten Situation passen und was man mit Synonymen für Bilder in den Köpfen auslöst. Medien sollte das schon viel weniger egal sein.“

4. „Eine Frau ändert den Ton in der Redaktionsrunde“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz)
Nur fünf von 100 Chefsesseln in deutschen Regionalzeitungen sind mit Frauen besetzt. Das gehört geändert, findet Hanna Suppa, Chefredakteurin der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. Im „Deutschlandfunk“ verrät sie, warum sie trotzdem nichts von einer Frauenquote hält und wie sie den Regionaljournalismus voranbringen möchte.
Weiterer Lesetipp: „Reden wir bei einem Kaffee darüber“ in der „taz“. Die 35-jährige Journalistin Linda Tutmann blickt zurück auf die vergangenen zehn Jahre ihrer Journalistentätigkeit und befindet: In der Derbatte „über strukturellen Sexismus sollten die Journalisten bei sich selbst anfangen“.

5. Um jeden Preis
(taz.de, Jürn Kruse)
Als „ein Zeichen der Verzweiflung“ bezeichnet Jürn Kruse das millionenschwere Investment von ARD und ZDF in die Übertragungsrechte für die „Uefa Nations League“: Bis zu 122 Millionen Euro seien für maximal zwölf Spiele der deutschen Nationalmannschaft fällig. „Und das für einen Wettbewerb, den kein Schwein versteht; von dem überhaupt nicht absehbar ist, ob er angenommen wird; bei dem man das Gefühl hat, dass es der Uefa schlicht darum ging, aus den Freundschaftsspielen (denn die werden durch die Nations League ersetzt) doch noch ein bisschen mehr herauszupressen.“

6. I bims, 1 geschützte Marke – Wie findige Geschäftemacher mit der „Vong-Sprache“ Geld machen
(omr.com, Roland Eisenbrand)
„I bims, 1 cooler Dude vong Niceigkeit her“ — die Vong-Sprache erfreut sich im Netz immer noch großer Beliebtheit und lädt zum Business ein. So haben sich findige Geschäftemacher die Namensrechte gesichert und sichern damit die Vermarktung der Sprüche auf Tassen und T-Shirts. „Online Marketing Rockstars“ hat einen Blick hinter die Kulissen des Geschäfts geworfen. Es ist ein wenig schöner Kampf, der im Vong-Universum ausgefochten wird, von der Niceigkeit her.

Böhmermanns „Bento“-Verriss, „Bild“-Populismus, ESC-Verfahren

1. Bento – 69 Gründe für den Tod des Qualitätsjournalismus
(youtube.com, Neo Magazin Royale, Video, 20:55 Minuten)
Jan Böhmermann hat sich in einem zwanzigminütigen Video-Rant den „Spiegel“-Ableger „Bento“ vorgeknöpft. Seine Hauptkritik: Das Jugendmagazin setze auf allzu banale Inhalte und verwende zweifelhafte Werbeformen („Native Advertising“). „taz“-Medienredakteurin Anne Fromm findet Böhmermanns „Bento“-Verriss schief und stört sich am moralischen Zeigefinger. Statt bei der berechtigten Kritik an „Bento“ zu bleiben, schwinge sich Böhmermann mittels allerlei Döpfner-Zitaten zum Retter des Journalismus auf.
Weiterer Lesetipp: Nollendorfblogger und BILDblog-Kolumnist Johannes Kram hat eine Verteidigungsrede verfasst, vornehmlich aus queerer Sicht: „Bento ist kein schlechter Journalismus. Im Gegenteil!“

2. „Bild“-Populismus zum Mitmachen
(taz.de, David Gutensohn)
Vor einiger Zeit schlagzeilte „Bild“ noch: „Deutschland setzt ein Zeichen: Flüchtlinge willkommen“ und verteilte als Teil der „großen Hilfsaktion von BILD“ bundesweit „refugeeswelcome“-Aufkleber. Das Blatt hat sich mittlerweile gewendet. Gegenwärtig sollen die Leser sogar mittels Online-Petition für mehr Abschiebungen mobilisiert werden. Einem Vertreter der Organisation „ProAsyl“ bereitet dieser Wandel „zurück zur Stimmungsmache“ Sorgen. Er konstatiert: „Mal wieder konstruiert die Bild-Zeitung ein Vollzugsdefizit, das so nicht existiert“.

3. Peinliche Posse um Rainer Wendt
(fr.de, Danijel Majic)
Der umstrittene Chef der Polizeigewerkschaft „DPolG“, Rainer Wendt, wurde zunächst zu einem Vortrag an der Frankfurter Goethe-Uni ein- und dann wieder ausgeladen. Konservative Kreise sahen ob dieser Absage die Meinungsfreiheit in Gefahr. Danijel Majic ist anderer Meinung: „Wendt, der Deutschland nicht mehr als „Rechtsstaat“ sieht und wenig auf Fakten gibt, wenn es gegen Migranten oder Politiker links der CSU geht, und seine unfundierten Ansichten regelmäßig in Fernsehkameras plärren darf, ist wahrlich der letzte Mensch, der sich über einen Mangel an „Podien“ beklagen kann. Die Peinlichkeit der Posse um seinen Auftritt besteht nicht in seiner Aus-, sondern seiner Einladung.“

4. Hundert Köpfe für ein Halleluja
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Der NDR hat mal wieder das Verfahren für die Auswahl des „Eurovision Song Contest“-Kandidaten geändert. Die Kandidatenkür soll nun gemeinsam von Datenexperten, einem 100-köpfigen „Europa-Panel“ und einer internationalen Jury durchgeführt werden. Hans Hoff ahnt die Beweggründe für das komplizierte Procedere: „Wenn es schief geht, sind ganz viele schuld.“

5. DW-Interview: Türkische Presse verfälscht Aussagen von MdB Ulla Schmidt
(dw.com, Berthold Stevens)
Die Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt (SPD) hat sich in einem Interview mit der „Deutschen Welle“ kritisch zu den Entwicklungen in der Türkei geäußert: Ein Großteil der Bevölkerung in der Türkei stimme Erdogans Politik nicht zu. Das Referendum zur Verfassungsreform habe laut internationalen Beobachtern nicht ohne Manipulation stattgefunden. Türkische Tageszeitungen wie die „Star“ haben Schmidts Aussagen verfälscht wiedergegeben und Teile hinzugedichtet. So wird ihr die Aussage untergeschoben, die NATO solle in der Türkei intervenieren.

6. Neues vom Symbolbildbeauftragten: Woran man Telefonbetrüger erkennt
(noemix.twoday.net)
Immer wieder müssen Redaktionen Meldungen über betrügerische Anrufer illustrieren, die sich am Telefon als Polizisten ausgeben. Wie der „Nömix-Symbolbildbeauftragte“ herausgefunden hat, gelingt dies mal wenig und mal weniger …

Kachelmann-Freispruch-Verurteilung, Mafia-Buch, Veganer-Inszenierung

1. Jörg Kachelmann: Verurteilt trotz Freispruch
(Panorama, Robert Bongen & Fabienne Hurst, Video, 14:25 Minuten)
Der Fall Kachelmann ist ein großes Versagen von Justiz und Medien. Obwohl Deutschlands berühmtester und renommierter Wettermoderator unschuldig ist, verliert er seinen Job bei den Öffentlich-Rechtlichen, sein Geld, seine Reputation. Er bleibt bei vielen „verurteilt, trotz Freispruch“. „Panorama“ hat den Fall aufgegriffen und in einem Filmbeitrag kritisch aufgearbeitet.
Weiterer Lesetipp: Filmautorin Fabienne Hurst auf „Zeit Online“: Unschuldig und doch verurteilt.

2. „Gehörn S‘ jetzt zua Mafia oda ned?“
(taz.de, Lisa Ecke)
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat entschieden: In Petra Reskis Mafia-Buch müssen Teile geschwärzt werden. Der EGMR gab einem italienischen Gastronomen recht, der sein Persönlichkeitsrecht verletzt sah, weil er darin mit der organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht wurde. Die „taz“ hat mit der Autorin über die Auswirkungen des Urteils gesprochen: „Dieser widersinnige Umgang mit Verdachtsberichterstattung betrifft allerdings nicht nur mich, sondern praktisch jeden, der auf die unglückselige Idee kommt, über die Mafia in Deutschland zu berichten.“

3. Preisverfall in der Bildbranche – Die Untergrenze der Angemessenheit?
(message-online.com, Chantal Alexandra Pilsl)
Laut Marktbeobachtungen des „Bundesverbands professioneller Bildanbieter“ geht es mit den Bildhonoraren beständig abwärts. Chantal Alexandra Pilsl hat sich in der Branche umgehört, wie sich der Preisverfall auf Agenturen und Fotografen auswirkt und ob die Abwärtsspirale aufzuhalten ist. In mehrfacher Hinsicht lesenswert, denn es geht dabei auch um konkrete Zahlen.

4. Das Sexismus-Problem des „Spiegel“
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
In seiner „Medienmacher“-Kolumne kritisiert Kai-Hinrich Renner den „Spiegel“. Das Nachrichtenmagazin thematisiere „Macht und Missbrauch“, eiere aber herum, wenn es um Übergriffe im eigenen Haus geht. Im Zuge des Weinstein-Skandals seien sexuelle Übergriffe und Sexismus in dieser Woche Titelthema beim „Spiegel“. Die Geschichte des eigenen Hauses hätte man jedoch schamhaft verschwiegen. Renner bezieht sich auch auf die Erinnerungen von Irma Nelles in ihrem Buch „Der Herausgeber“ über Rudolf Augstein, in dem sie von Übergriffen des Magazingründers berichtet hatte.

5. Zeitung will Journalisten mit Waffen ausstatten
(spiegel.de)
Gleichzeitig erschütternde und traurige Nachrichten aus Russland: Die russische Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“ sieht keinen anderen Weg, als in Zukunft ihre Mitarbeiter mit Waffen auszustatten. „Wenn der Staat nicht bereit ist, uns zu verteidigen, werden wir uns selbst verteidigen“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Sergej Sokolow. Hintergrund ist die gestiegene Angst vor Attacken auf Journalisten im Land wie der jüngste Anschlag auf eine Journalistin des kremlkritischen Radiosenders „Echo Moskwy“.

6. Attila Hildmanns öffentliches Burger-Essen war das absurdeste Werbe-Event des Jahres
(vice.com, Tim Geyer)
Wie ein „BDSM-Sklave, der seiner Herrin auf der Venus den Absatz leckt“ fühlte sich Tim Geyer bei einem Presse-Event der etwas anderen Art: Attila Hildmann hatte in seinen veganen Imbiss geladen und etwa 30 Journalisten waren dieser Einladung gefolgt. Als Besucher der Veranstaltung wird der Reporter automatisch Teil der Dramaturgie. Burger werden an die Pressemeute verteilt und alle scheinen sich gegenseitig abzulichten: „Als ich reinbeiße, werde ich von ungefähr zehn Kameras auf Facebook gestreamt. Eine RTL-Journalistin hält mir ihr Mikrofon ins Mampfgesicht und fragt, wie es schmeckt, fast so, als interessiere sie das wirklich.“

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