Archiv für 6 vor 9

#Pizzagate, Neues aus dem Glashaus, „Bild“-Sexismus

1. Wie Trumps Berater Fake News verbreiten
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Am Sonntag betritt ein 28-jähriger US-Amerikaner eine Pizzeria in Washington, er ist mit einer Pistole und einem Sturmgewehr bewaffnet. Sein Verdacht: Vertraute von Hillary Clinton betreiben dort ein Pädophilie-Netzwerk. Seine Mission: minderjährige Sexsklaven retten. Seine Quelle: #Pizzagate, eine Fake-News-Kampagne, betrieben von Trump-Anhängern. Matthias Kolb erklärt, wie die Ente in die Welt gekommen ist, wer dazu beigetragen hat und warum es so schwer ist, die Lügen wieder einzufangen, sobald sie sich einmal im Netz verbreiten.

2. Lieber Herr Broder
(medium.com, Gerald Hensel)
„Guten Tag, Herr Broder, ich möchte mich kurz vorstellen: mein Name ist Gerald Hensel, ich bin 41 Jahre alt, ich lebe in Berlin und ich hatte mal Achtung vor Ihnen.“ So beginnt ein offener Brief an den streitbaren und streitlustigen Publizisten Henryk M. Broder. Gerald Hensel hält ihn für eine „Fleischwerdung der postfaktischen Scheiße, in der diese Welt gerade steckt“. Dafür nennt er drei Gründe:
„1. Sie lügen.“
„2. Wer zuerst Faschist sagt, ist zuletzt Rassist.“
„3. Sie wollen keine inhaltliche Auseinandersetzung. Sie suchen maximalen persönlichen Kollateralschaden.“

3. Willkommen im Glashaus
(blog.zeit.de, Jochen Wegner)
„Zeit Online“ setzt um, was Chefredakteur Jochen Wegner schon vor eine Woche in einem „Meedia“-Interview angekündigt hatte: Das „Glashaus“ soll dazu dienen, redaktionelle Abläufe und Entscheidungsprozesse transparent zu machen — aber auch, um Fehler einzugestehen: „Im Glashaus sammeln wir ab sofort auch unsere Fehler: alle Fälle, in denen wir uns gravierend korrigieren mussten — bisher werden Korrekturen nur in den Beiträgen selbst kenntlich gemacht.“ Der erste inhaltliche Blogeintrag ist bereits erschienen. Markus Horeld erklärt, „Warum wir fast nie über Straftaten berichten“.

4. Wer im Glashaus sitzt
(taz.de, Diana Pieper)
Am Mittwochmorgen titelte die „Bild“-Zeitung: „Ist das Frauenbild der Flüchtlinge ein Problem?“ Ausgerechnet die „Bild“-Zeitung, wundert sich Diana Pieper: „Doch ist jetzt neuerdings die ‚Bild‘-Zeitung die Verteidigerin der emanzipierten, gleichberechtigten Frau? Wohl kaum, fällt sie doch eher durch ihre oft sexistische und voyeuristische Berichterstattung auf.“ Zum gleichen Thema aus diesem Blog: „‚Bild‘ der Frau“.

5. Unis starten in die Post-Urheberrecht-Ära
(golem.de, Sebastian Grüner)
Zum neuen Jahr tritt ein neuer Rahmenvertrag der VG Wort in Kraft, der die Nutzung wissenschaftlicher Werke an Hochschulen regeln soll — obwohl ihn etliche Universitäten vehement ablehnen. Damit werde „vollkommen unübersichtlich, welche Werke Universitäten überhaupt noch über digitale Semesterapparate verteilen dürfen“, schreibt Sebastian Grüner. Er prognostiziert großes Chaos und geht davon aus, „dass die Wissensvermittlung künftig schlicht nicht ganz legal ablaufen wird.“ Anders sieht das Leonhard Dobusch bei Netzpolitik.org, der den auslaufenden Vertrag für einen „Fortschritt“ hält: „Denn es zeigt, dass die Hochschulen und ihre Verbände untragbare Zustände in digitaler Forschung und Lehre nicht mehr einfach hinzunehmen bereit sind.“

6. Anspruch auf Gegendarstellung wegen Äußerungen in einem Blog
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Lauer vs. Lange: Ein ehemaliger Pirat verklagt ein aktuelles Parteimitglied der Piraten auf eine Gegendarstellung. Die Details des Streits zwischen Christopher Lauer und Simon Lange sind nebensächlich, interessant ist die Schlussfolgerung, die Rechtsanwalt Thomas Stadler aus dem juristischen Sieg Lauers zieht: „Die Entscheidung des Kammergerichts führt also dazu, dass selbst Gelegenheitsblogger (…) als journalistisch-redaktionelle Anbieter gelten, mit der Folge, dass sie der erweiterten Impressum spflicht (…) und der Gegendarstellungspflicht unterliegen. Ob dies tatsächlich dem Sinn und Zweck des Gesetzes entspricht, darf man bezweifeln. Es ließe sich dann auch nicht mehr nachvollziehbar erklären, warum nicht jeder, der auf Facebook oder Twitter vorwiegend Meinung postet, ebenfalls erfasst wäre.“

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Kriminalität der Nationen, Hetze bei Facebook, Werbung auf Hetz-Seite

1. „Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle“
(wdr.de, Dominik Reinle)
Die wichtigste Aussage diese Interviews steht schon in der Überschrift. Der Kriminologe Christian Pfeiffer stellt die aufgeregte Diskussion um vermeintlich überdurchschnittlich kriminelle Migranten vom Kopf auf die Füße. Nahezu jeder Satz eignet sich als Punchline für einen Tweet. Drei Vorschläge:
1. „Richtigerweise müsste gefragt werden: Wie sind die Merkmale von Männern, die Frauen vergewaltigen? Dann merken Sie, dass Nationalität bei Kriminalität keine Rolle spielt.“
2. „Die Kriminalität in Deutschland geht im Gewaltbereich um 15 Prozent nach unten, gleichzeitig haben wir ein starkes Anwachsen des Anteils der ‚Fremden‘. Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch.“
3. „Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent.“

2. „Die ganzen Verschwörungstheoretiker irren“
(br.de, Florian Schairer)
Hannes Grassegger und Mikael Krogerus haben etwas geschafft, das vor einer Woche undenkbar schien: Hunderttausende teilen einen Text über Big Data und Psychometrie — beides bislang nicht unbedingt als besonders populäre Themen bekannt. Sogar der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar schaltete sich ein und warnte vor „der Manipulation demokratischer Wahlverfahren durch Massendatenauswertung“. Auf die gewaltige Aufmerksamkeit folgte binnen weniger Tage eine mindestens genauso gewaltige Welle der Kritik, teilweise aggressiv und polemisch, nicht immer fair. Hannes Grassegger scheint aber ganz gut damit umgehen zu können: „Wir begrüßen wirklich jede Form des Weiterdenkens — und dazu gehört natürlich auch Kritik.“ Außerdem sind gestern die wohl drei besten und differenziertesten Auseinandersetzungen mit dem Thema erschienen: von Daniel Mützel bei „Motherboard“, von Patrick Beuth bei „Zeit Online“ und von Matthias Kolb bei süddeutsche.de, der den Text vor allem aus US-amerikanischer Perspektive beleuchtet und erklärt, welche politischen Faktoren zum Sieg von Donald Trump geführt haben.

3. Ein Thema, das keins sein sollte
(taz.de, Anne Fromm)
Halb Mediendeutschland streitet sich über eine Nachricht, die gar keine war — zumindest nicht in der „Tagesschau“ am Samstag, was wiederum viele haupt- und nebenberufliche Medienkritiker für ein Problem halten. Oder, wie es Anne Fromm ausdrückt: „Freiburg ist das neue Köln.“ Das mag eine recht steile These sein, der aktuellen Diskussion fügt ihr Text aber einen interessanten Aspekt hinzu: „Dass nun aber Politiker bewerten, wann, was und wie Journalisten über den Mord in Freiburg hätten berichten sollen, ist fatal. Es spielt denen in die Hände, die der Meinung sind, Journalisten seien von oben gelenkt.“

4. Wie Facebook bei Hetze gegen Künast mit Fake-Zitat zuschaut
(morgenpost.de, Lars Wienand)
Am Sonntag teilte der Schweizer Rechtspopulist Ignaz Bearth auf seiner Facebook-Seite ein erfundenes Zitat von Renate Künast, als Quelle gab er die „Süddeutsche Zeitung“ an. Der Bild-Post ging viral, Facebook tat — nichts. Stefan Plöchinger, Chefredakteur von süddeutsche.de, schrieb wiederum auf seiner Facebook-Seite: „Ein paar Stunden lang nicht wissen, was man mit so einem demokratiezersetzenden Dreck machen soll — das kann man sich als Multimilliardenmedienkonzern schon mal erlauben, gell?“. Mittlerweile hat Facebook reagiert und das Posting gesperrt, das Grundproblem aber bleibt: Wie schnell muss das Unternehmen reagieren, wenn sich auf der Plattform strafbare Inhalte (ein erfundenes Zitat erfüllt den Straftatbestand der Verleumdung) verbreiten, die den Opfern (in diesem Fall Renate Künast) schaden können?

5. Empörung über deutsche Werbung auf rechter Hetz-Seite
(spiegel.de, Ann-Kathrin Nezik)
Ein bekanntes (wenn auch umstrittenes) Bonmot aus der Werbebranche lautet: „There is no such thing as bad publicity.“ Insofern könnte es durchaus eine gute Idee sein, Anzeigen auf der rechten Nachrichtenseite „Breitbart“ zu schalten. In den vergangenen Tagen taten das etliche bekannte deutsche Unternehmen, darunter die „Telekom“, „Vapiano“, „Lieferheld“ oder der Elektronikmarkt „Conrad“ — meist, ohne es überhaupt zu merken. Während etwa „Lieferheld“ sagt, man sei „nicht von der Gesinnungspolizei“, wollen andere Firmen die fragwürdige Platzierung ihrer Werbung zumindest prüfen, „BMW“ und „Braun“ haben „Breitbart“ sogar auf eine Blacklist gesetzt.

6. Wie wahr ist wahrscheinlich?
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Die Wahrscheinlichkeit, dass MH17 von pro-russischen Militärs abgeschossen wurde? Exakt 95,3 Prozent. Und wer hat das Giftgas in Syrien eingesetzt? Zu 92,4 Prozent waren es Rebellen, nicht Assad. Das behauptet jedenfalls das israelische Start-up „rootclaim“. Richard Gutjahr hat mit den beiden Gründern der Plattform gesprochen, die mit Hilfe von Algorithmen Fakten checken wollen.

Sexualmord in Freiburg, Lynchfantasien, Fake-Fake-News

1. Krankes Geschäftsmodell
(spiegel.de, Nina Weber & Jörg Römer)
Es gibt da einen netten Begriff: „Empfehlungsmarketing“. Nina Weber und Jörg Römer fänden in vielen Fällen allerdings das Wort „Schleichwerbung“ deutlich passender. Sie haben jeweils fünf Ausgaben von 13 verschiedenen Frauenzeitschriften analysiert und dort zahlreiche Erwähnungen von rezeptfreien Medikamenten entdeckt. Oft entdeckten sie nicht nur diese Nennungen im redaktionellen Teil, sondern auch Anzeigen für dasselbe Produkt. Das alles riecht stark nach einer Vermischung von journalistischer Arbeit und Werbung. Zusätzlich hat Nina Weber überprüft, ob die Gesundheitstipps denn wenigstens „medizinisch sinnvoll sind oder gar gesundheitlich bedenklich“: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihre Frauenzeitschrift“.

2. Warum die Lügenpresse-Vorwürfe gegen die „Tagesschau“ falsch sind
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Die „ARD“ musste sich in den vergangenen Tagen einiges an Kritik anhören, auch von anderen Medien. Die zentrale Frage: Warum hat die „Tagesschau“ nicht über die Festnahme eines Verdächtigen in einem Mordfall in Freiburg berichtet? Der zentrale Vorwurf: Weil es sich um einen Flüchtling aus Afghanistan handele. Stefan Niggemeier kommentiert, die „Tagesschau“ habe eigentlich so wie immer entschieden, wenn es um Mord geht: „Es ist nicht so, dass die ‚Tagesschau‘ eine Ausnahme von ihrer sonstigen Regel gemacht hat. Sondern der ‚Stern‘ und all die anderen Empörten fordern, dass sie im Fall von Flüchtlingen eine Ausnahme machen soll.“ Dazu auch Alexander Krei bei „DWDL“: „Morde in der ‚Tagesschau‘: Eine Frage der Relevanz“.

3. Fall Maria L.: Ein Blick in die Abgründe von Facebook
(badische-zeitung.de)
Noch einmal zum Sexualmord in Freiburg: Seit Bekanntwerden der Nationalität des mutmaßlichen Täters ist auf der Facebookseite der „Badischen Zeitung“ die Hölle los: Lynchfantasien, Mordaufrufe, purer Hass. Die Redaktion dokumentiert einige der von ihr gelöschten Kommentare.

4. Football Leaks — der „Fall“ Özil und ein kurzer Blick auf die Rolle des Spielervermittlers
(sportsandlaw.de, Robert Golz)
„Der Spiegel“ macht aktuell mit einer großen Geschichte zu den Finanztricks von Fußballstars auf. Robert Golz, der sich als Anwalt mit Urheber-, Persönlichkeits- und Presserecht im Fußball beschäftigt, hat sich die Recherche mal angeguckt. Sein Urteil: „Was als große Enthüllungsstory beginnt und mit dem reißerischen Titel ‚Das sieht richtig übel aus‘ überschrieben ist, fällt im Verlauf des Studiums des Beitrags ziemlich schnell in sich zusammen und läuft letztlich darauf hinaus, dass es erhebliche Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der deutschen und der spanischen Steuerberatungskanzlei von Mesut Özil gegeben haben muss“.

5. Trump telefoniert mit Tsai — Medien machen Panik
(intaiwan.de, Klaus Bardenhagen)
Ein Telefonat mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen — und schon habe Donald Trump laut Medienberichten beinahe die erste diplomatische Krise ausgelöst. Klaus Bardenhagen findet, dass die Redaktionen mit ihren Beiträgen Chinas Propaganda gleich mit erledigt hätten: „Für die Machthaber in Peking muss es ein Fest gewesen sein, diese Reaktionen zu beobachten. Bevor sie überhaupt eine Chance hatten, sich zu äußern (Zeitverschiebung), hatten Journalisten und Trump-kritische Experten ihnen schon die Entscheidung abgenommen, wie sie sich zu verhalten haben.“

6. Der Mosel Kurier — eine Fake Fake News Seite für mehr Medienkompetenz
(schleckysilberstein.com, Christian Brandes)
Das Team von „Schlecky Silberstein“ hat eine eigene Onlinezeitung gegründet: den „Mosel Kurier“. Also zumindest fast. Der „Mosel Kurier“ verbreitet vor allem Fake-Nachrichten à la „Grünen-Politiker setzt Kinderheim in Brand“ oder „Bei Kreisliga-Spiel: Großfamilie bedroht Schiedsrichter mit Säbel“ — alles ausgedacht. Der Trick dabei: Teilen Leute nun diese wahnwitzigen Geschichten bei Facebook, und folgt ein „bestätigungswütiger Wutbürger“ dem Link, bekommt dieser nur einen Warnhinweis angezeigt: „REINGEFALLEN!!!!!!“

Psychometrik-Dystopie, Political Correctness, Mario-Barth-Analyse

1. Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt
(dasmagazin.ch, Mikael Krogerus & Hannes Grassegger)
Ein Artikel, der sich wie eine Mischung aus dystopischem Roman, Krimi und Medienkritik liest und für viel Gesprächsstoff sorgt: Der Psychologe Michal Kosinski ist ein führender Experte für Psychometrik, einen datengetriebenen Nebenzweig der Psychologie. Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Diese Methode soll maßgeblich dazu beigetragen haben, Trumps Onlinewahlkampf und die Brexit-Kampagne zu befeuern bzw. die Entscheidung herbeizuführen. Dies ging jedoch nicht von Forscher Kosinski aus, sondern wurde für viel Geld von einer geheimnisvollen Big-Data-Firma namens „Cambridge Analytica“ gesteuert.
Die Geschichte ruft an vielen Stellen allerdings Kritik hervor. Jens Scholz fragt: Hat ein Big Data Psychogramm Trump wirklich den Sieg gebracht? Dennis Horn hat eine ganz ähnliche Frage: Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht? Auch Scienceblogger Lars Fischer ist (bereits 2013) skeptisch: Persönlichkeitseigenschaften mit Facebook-Likes vorhersagen? Echt jetzt? Und Mathias Richel kommentiert dazu: Nach Cambridge Analytica: Vom kleinen Big Data deutscher Parteien.

2. Wieder die Political Correctness!
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Lukas Heinser schreibt über die sogenannte „Political Correctness“, die heutzutage angeblich an so vielem schuld sein soll. Für die zunehmende Verrohung bietet Heinser eine interessante Erklärung: „Ich vertrete schon länger die Theorie, dass Simon Cowell, Juror und Produzent bei ‚American Idol‘, ‚X Factor‘ und ‚Britain’s Got Talent‘, und sein deutsches Pendant Dieter Bohlen einen Stein ins Rollen gebracht haben, der am Ende Donald Trump mit einem Erdrutsch (hier stimmt die Formulierung ausnahmsweise mal, wenn man darunter eine Bewegung großer Gesteinsmassen in Folge von Niederschlägen versteht, die mit sehr viel Schmutz und Dreck einhergeht) ins Weiße Haus gebracht hat: Da saßen im Fernsehen (und Trumps Popularität begann ja erst so richtig mit ‚The Apprentice‘) diese weißen Männer in den besten Jahren, die Dinge sagten, die andere weiße Männer in den besten Jahren sich nicht (‚mehr‘) zu sagen trauten. Roger Willemsen, Dieter Bohlen — so hat jeder seine Role Models.“

3. Eurosport muss die Distanz zum Sport wahren
(sueddeutsche.de, Holger Gertz)
Die Öffentlich-Rechtlichen haben den Kampf um die Olympia-Rechte verloren: Ab 2018 überträgt im Fernsehen, im Netz und auf den mobilen Endgeräten der private Spartensender „Eurosport“, eine Tochter des US-Broadcasters „Discovery“. Holger Gertz ist skeptisch: „Dass Sportkenner dort arbeiten, bezweifelt niemand, aber um ein komplexes Phänomen wie Olympia zu verstehen, um den Sport also ernst zu nehmen, braucht man Kenntnisse in Juristerei und Medizin, inzwischen auch in der Wirkkraft von Propaganda, und in politischen Zusammenhängen sowieso.“

4. Was Schauspieler verdienen: Viel Ehre, aber wenig Lohn
(abendblatt.de, Peter Wenig)
Eine Studie der Uni Münster mit dem Titel „Viel Ehre, aber kaum Verdienst“ hat Ernüchterndes zu Tage gefördert: Zwei Drittel der Schauspieler in Deutschland verdienen weniger als 30.000 Euro im Jahr. Viele arbeiten nur wenige Monate sozialversicherungspflichtig und müssen für die Zeiten ohne Engagement auf andere Einnahmequellen oder Hartz IV zurückgreifen. Peter Wenig hat hinter die Kulissen des Schauspielerberufs geschaut und einen lesenswerten Beitrag verfasst, in dem die verschiedenen Seiten zu Wort kommen.

5. Hier lacht das Volk
(zeit.de, David Hugendick)
„Zeit“-Redakteur David Hugendick hat sich eine Show von Mario Barth angesehen und Comedian nebst Publikum analysiert. Der Beitrag lebt von vielen guten Beobachtungen: „Bei Mario Barth lacht man mit dem sogenannten gesunden Menschenverstand. Man lacht sich in die kollektive Regression: Es ist das Gelächter der Erleichterung darüber, dass Geschlechterbeziehungen vielleicht doch gar nicht so kompliziert sind, wie es Frauenbeauftragte und Universitätsprofessoren (die ja auch „sogar studiert“ haben) andauernd herumerzählen. Und die Welt ist plötzlich wieder so handlich klein, dass sie sogar auf einem Hemd von Camp David Platz hätte.“

6. Schluss mit lustig: Lasst Sarah und Pietro in Ruhe
(dwdl.de, Hans Hoff)
„Lasst Sarah und Pietro in Ruhe“, sagt Hans Hoff und wendet sich mit seiner Kritik nicht nur an den Boulevard, sondern auch an TV-Witzbold Böhmermann: „Wieso ist es so lustig, immer noch Witze über Sarah und Pietro zu machen? Wieso nimmt Jan Böhmermann sie immer dann hoch, wenn ihm sonst nichts mehr einzufallen scheint? Ist das nicht genau der Jan Böhmermann, der sich kürzlich erst darüber echauffierte, dass RTL bei ‚Schwiegertochter gesucht‘ Menschen zur Schau stellt und schamlos ihr Wollen ausbeutet? Wie passt das zusammen? Man kann doch nicht ernsthaft das eine verurteilen und dann in einem ähnlich gelagerten Fall Witz saugen aus der offensichtlichen Unfähigkeit von Personen, die Tragweite ihres Tuns zu überblicken. Witze über Sarah und Pietro sind nicht mehr lustig. Vor allem nicht, wenn sie gehäuft vorkommen. Sie funktionieren nur noch als billige Selbstvergewisserung der eigenen Überheblichkeit.“

Charlie Hebdo, Mario Barth, Vera Lengsfeld

1. Bienvenue, Charlie!
(zeit.de, Wenke Husmann)
Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat den Sprung nach Deutschland gewagt und liegt nun in einer Auflage von 200.000 Stück an den Kiosken. Rezensentin Wenke Husmann ist besonders von der großen Deutschland-Reportage und dem Leitartikel angetan. Insgesamt wünscht sie sich jedoch mehr Provokation: „Charlie Hebdo wird wohl auch in Deutschland nicht so leicht verdaulich bleiben wie in dieser ersten Ausgabe. Hoffentlich nicht. Denn Meinungsfreiheit bedeutet schließlich nicht, dass Inhalte verbreitet werden dürfen, die uns passen, sondern eben auch und vor allem, dass Meinungen verbreitet werden können, die uns gewaltig gegen den Strich gehen. Bienvenue, Charlie!“

2. Ganz tief nach unten getreten
(taz.de, Peter Weissenburger)
Peter Weissenburger greift in einem Kommentar den „Almanach“ des Bundespresseballs mit dem satirisch gemeinten Stück über Schwimmkurse für Flüchtlinge auf und begründet, warum es sich bei dem Stück aus seiner Sicht um wenig Satire und viel schlechten Geschmack handelt.

3. Mario Barth mit versteckter Kamera im Opernhaus
(haz.de, Stefan Arndt)
TV-Comedian Mario Barth deckt in seiner RTL-Show angeblich „die krassesten und absurdesten Fälle von Steuerverschwendung“ auf. Nun ist ihm und seinem Autorenteam aufgefallen, dass es Geld kostet, Theater und Opernhäuser zu betreiben: Am Beispiel der Staatsoper Hannover prangerte er in der jüngsten Sendung die Kulturförderung an. Samt Holzhammer-Ironie, Populismus-Keule und Barthscher Kennste-Kennste-Attitüde.
Nachtrag: Von einigen Lesern kam die Rückmeldung, dass sich der Artikel hinter einer Paywall versteckt, andere können den Text ohne Probleme lesen. Die Ursache fürs Erscheinen der Bezahlschranke könnten nicht zugelassene Cookies sein oder aber der Unterschied zwischen Verlinkungen in Social-Media-Kanälen und Verlinkungen auf Websites, den haz.de macht.

4. Deutsches Fernsehen Die TV-Show ist tot, es lebe ding ding dong!
(berliner-zeitung.de, Marcus Bäcker)
In der Fernsehstadt Köln haben sich jüngst einige TV-Macher getroffen, um beim „Großen Ufa-Show-Gipfel“ über die Zukunft der Unterhaltung zu sprechen. Marcus Bäcker war für die „Berliner Zeitung“ dabei und berichtet über die Pläne der Bewegtbild-Branche. Es wird viel über Änderungen und neue Plänen geredet, doch mit der Umsetzung könnte es schwierig werden. Auch wegen der festgefahrenen Strukturen: „Spätestens, als die Diskussionsrunde an die zumindest theoretische Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender von Quoten und Marktanteile erinnerte, fühlte man sich tatsächlich um folgenlos verstrichene Jahre zurückversetzt. Das ARD-Adventsfest wird es wohl noch lange geben.“

5. Die ARD vs. Das Erste
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Sollen aus neun ARD-Anstalten in Zukunft tatsächlich vier werden, wie es bei „Bild“ und anderen Medien zu lesen war? Nein, bei dieser Meldung handele es sich um „blanken Unsinn“ wie Kolumnistin Ulrike Simon den ARD-Sprecher zitiert. „Freilich knallt ein schlichtes „Aus-neun-mach-vier“ besser als der ernsthafte Versuch zu analysieren, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Geld sparen könnte ohne die regionale Identität und programmliche Vielfalt aufs Spiel zu setzen.“, schreibt Simon weiter und verlinkt auf ein ihr zugespieltes Projektpapier.

6. Die Unwahrheiten der Vera Lengsfeld
(stern.de)
Bei „Maischberger“ (ARD) wurde gefragt: „Vorwurf ‚Lügenpresse‘ – Kann man Journalisten noch trauen?“ Die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld war als Medienkritikerin eingeladen. Sie griff besonders den „Stern“ an und nannte dafür drei Beispiele. Dabei handele es sich um nachweislich unwahre Behauptungen, so der „Stern“. Darauf habe man die Maischberger-Redaktion bereits während der Live-Sendung per Telefon und Twitter hingewiesen. Eine Reaktion sei jedoch nicht erfolgt. Nun prüfe man rechtliche Schritte gegen Vera Lengsfeld.

Maschmeyer, Schwimmkurse, Zyankali

1. Die Presse hat kein Recht auf Informationen des Bundestages mehr
(tagesspiegel.de, Jost Müller-Neuhof)
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat Auskunftsansprüche von Journalisten gekürzt: Der Bundestag muss keine Auskünfte über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Abgeordnete geben. Das Gericht wies eine Informationsklage des „Tagesspiegel“ ab und hob ein Urteil der Vorinstanz auf. Als Grund wurde angegeben, dass „der deutsche Bundestag als besonderes Organ der Gesetzgebung“ keine auskunftspflichtige Behörde im Sinne des Presserechts sei.

2. Dranbleiben am Thema
(taz.de, Daniel Bouhs)
Nach dem Berliner Recherchebüro „Correctiv“ setzt nun eine weitere journalistische Plattform auf Einzelspenden und Fördermittel von Stiftungen: „Codastory“ heißt das Portal, das bereits mit dem britischen „Guardian“ zusammenarbeitet, aber in Deutschland noch Partner sucht. Daniel Bouhs hat sich in Berlin mit „Coda“-Mitgründer Ilan Greenberg unterhalten.

3. „Trump ist ein dunkler Twitter-Präsident“: Zeit-Online-Chef Wegner über Wahlen, Bots und ein neues Transparenz-Blog
(meedia.de, Alexander Becker)
Bei „Meedia“ analysiert „Zeit-Online“-Chefredakteur Jochen Wegner den US-Wahlkampf, den Einfluss von Bots, Fake-News und die Rolle der Medien. „Dass die meisten Journalisten diese Entscheidung nicht nachvollziehen können, ist zunächst einmal das Problem der Journalisten. Vielleicht helfen etwas Abstand und eine gewisse Demut dabei, sich den Ausgang der Wahl zu erklären, statt sich jetzt mit Erklärungsversuchen zu überschlagen.“ Wegner überlegt, welche Lehren Journalisten daraus für die Bundestagswahl ziehen können und kündigt ein Transparenz-Blog an, in dem journalistische Arbeitsweise erklärt wird. Zum Schluss wünscht er sich Medien, die den „gefühlten Mainstream durchbrechen, eine große Zahl von Lesern erreichen und dabei journalistische Prinzipien respektieren“ und denkt dabei an „eine sehr konservative FAZ“.

4. Maschmeyers Image – frisch geliftet?
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 6:09 Minuten)
Seit jüngstem gibt sich der ehemalige AWD-„Drückerkönig“ Carsten Maschmeyer bei „Die Höhle der Löwen“ (Vox) als väterlicher Mentor junger Startup-Unternehmer und arbeitet auch ansonsten an seinem Image-Wechsel zum Saubermann. Viele Medien würden das Spiel mitmachen, so „Zapp“-Autorin Sabine Schaper.

5. Bundespressekonferenz empört mit fiktiver Anzeige
(sueddeutsche.de, David Denk)
Die Bundespressekonferenz gibt seit 1951 einen satirischen „Almanach“ heraus. (Zitat aus der Erklärung der Bundespressekonferenz im Original-Wortlaut: „Seitdem begleitet er das abgelaufene Politik-Jahr mit satirischen Beiträgen, die in ihrer zugespitzten Form politische Debatten aufgreift und begleitet“) In der diesjährigen Ausgabe erschien eine Fake-Anzeige der fiktiven „Bundesbade-Agentur“, die „Schwimmkurse für Flüchtlinge“ anbietet, darunter ein „Vorschul-Flüchtlingsschwimmen (ab 3 Jahre)“. Dies löste vielerlei kontroverse Meinungsäußerungen aus („Ihr habt sie nicht mehr alle, oder?“). Eine Gruppe von zehn ARD-Korrespondenten hat einen Brief an den BPK-Vorsitzenden Gregor Mayntz geschrieben, in dem sie den Vorstand aufforderten, sich von dem Beitrag zu distanzieren. Der Vorstand der Bundespressekonferenz hat als Antwort auf die Kritik eine Erklärung veröffentlicht.

6. Lance Armstrong will sich zurückquatschen
(tagesanzeiger.ch, Andreas Tobler)
Der einstige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat neuerdings einen Podcast. „Tagesanzeiger“-Autor Andreas Tobler hat reingehört und findet es „zum Zyankalinehmen“.

Journalisten in Haft, Mafia-Berichte, Projekt „Schmalbart“

1. Justiz muss führende Journalisten freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Seit über zwei Wochen sitzen die myanmarischen Journalisten Than Htut Aung und Wai Phyo in Untersuchungshaft. Sie hatten in einem Kommentar Korruptionsvorwürfe gegen einen Politiker der regierenden „Nationalen Liga für Demokratie“ angedeutet. Die „Reporter ohne Grenzen“ fordern ihre sofortige Freilassung und berichten in ihrem Appell über die aktuelle Situation der Pressefreiheit in Myanmar, das auf der „Rangliste der Pressefreiheit“ auf Platz 143 von 180 Staaten liegt.

2. Flüchtlinge — Presserat bietet „Checkliste“ für Berichterstattung
(derstandard.at)
Der Presserat in Österreich hat eine Checkliste zum „verantwortungsvollen Journalismus in der Flüchtlingsberichterstattung“ veröffentlicht. Zehn Fragen sollen dabei helfen, sachlich über das Thema zu berichten, das „in der Bevölkerung, aber auch in den Medien ‚emotional und kontrovers‘ diskutiert“ werde. Kostprobe: „Würde ich über ein Fehlverhalten auch dann berichten, wenn es nicht von einem Ausländer/Asylwerber/Migranten gesetzt worden wäre?“ oder „Bin ich mir im Klaren darüber, welche Absichten meine Hinweisgeber/ Recherchequellen verfolgen?“

3. „Ich gewinne leider nie“
(taz.de, Ambros Waibel)
Claudio Cordova hat vor vier Jahren die Webzeitung „il dispaccio“ gegründet, die über die Mafia und das Beziehungsgeflecht der Ndrangheta berichtet. Im Interview mit „taz“-Redakteur Ambros Waibel erzählt er von investigativer Arbeit im Umfeld der organisierten Kriminalität, einer Million Euro Schadenersatz und das Problem mit Werbekunden, die zur Mafia gehören könnten.

4. Staunen über eine Nachricht zur ARD-Struktur: Wenn „Bild“ medienpolitisch aktiv wird
(medienkorrespondenz.de, Dietrich Leder)
Vergangene Woche meldeten die „Bild“-Medien, es gebe einen Fusionsplan für die „ARD“: Statt den bisher neun Anstalten könnte es bald nur noch vier geben. Das Presseteam der „ARD“ sagte ziemlich schnell, dass das „blanker Unsinn“ sei. Dietrich Leder erkennt in der steten Diskussion „um etwaige oder reale Reformpläne des öffentlich-rechtlichen Systems“ Interessen der Zeitungsverlage: „Die Zeitungsverleger haben sich mit der Existenz dieses nicht-privatwirtschaftlichen Mediensystems bis heute nicht abfinden können und delegieren deshalb an dieses öffentlich-rechtliche System permanent die Ursachen ihres eigenen Versagens, etwa was ihre Situation im Internet betrifft.“

5. Wie geht das genau mit dem Gegenlesen?
(tagesanzeiger.ch, Philipp Loser)
„Nun sag, wie hast du’s mit dem Gegenlesen?“ Philipp Loser erklärt, wie der „Tages-Anzeiger“ es mit dem Autorisieren von Interviews, Zitaten und ganzen Texten hält. Er hofft auf mehr Politiker, Verwaltungsangestellte, Funktionäre, die souverän aufs Gegenlesen verzichten, auch im Sinne eins guten Journalismus: „Wer von Anfang weiss, dass der Politiker nicht mehr draufschauen wird, formuliert exakter, wortgetreuer.“

6. Projekt „Schmalbart“ — eine Einladung
(christophkappes.de)
Die Ankündigung von „Breitbart“, bald auch in Deutschland einen Ableger der „Alt-Right“-„Nachrichten“-Seite aufzubauen, führte bei einigen Leuten zur gleichen Reaktion: „Dagegen muss man doch was tun!“ Auch bei Christoph Kappes. Damit auch wirklich was dagegen getan wird, hat er ein schon ziemlich detailliertes Konzept entwickelt für das „Projekt ‚Schmalbart'“. Mitstreiter sind sehr willkommen.

Pistenbully-PR-Gag, Olympia im Privaten, Regenbogen-Klon

1. Pistenbully auf Abwegen war PR-Aktion
(ndr.de, Jörg Jacobsen)
Ein LKW-Fahrer mit einem Bully für Schneepisten auf der Ladefläche fährt nach Seefeld (Schleswig-Holstein) statt nach Seefeld (Tirol). Haha, hihi, große Freude auf den Panorama-Seiten von Zeitungen und Online-Portalen. Jetzt zeigt sich: War alles nur eine PR-Aktion, und viele Medien sind drauf reingefallen. Manchen Redaktionen kann man durchaus Vorwürfe machen, weil sie die Story zu leichtgläubig aufgeschrieben haben; anderen aber nicht: Sie haben recherchiert, bei den zuständigen Personen nachgefragt — und die blieben frech bei ihrer Mogelgeschichte. Auch die „dpa“ ist auf den PR-Gag reingefallen und nun selbstkritisch der Angelegenheit nachgegangen.

2. Die dunkle Seite der Macht
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
Die Geschichte zu dieser Geschichte geht zusammengefasst so: Nach der Wahl von Donald Trump lässt der Mediendienst „Meedia“ unter anderem „Weltwoche“-Boss und Rechtsaußen-Politiker Roger Köppel die Leistung deutscher Medien bewerten. Überschrift: „‚Am schlimmsten ist der Spiegel‘: Weltwoche-Chef Köppel rechnet mit deutscher Trump-Berichterstattung ab“. Gestern antwortete „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer und schoss gegen Medienkritik im Allgemeinen und „Meedia“ im Speziellen: „Köppel zu Blättern wie dem SPIEGEL oder der ‚Süddeutschen‘ zu befragen, ist in etwa so, als ob man eine katholische Nonne bitten würde, Herrenmagazine zu rezensieren.“ Daraufhin meldete sich „Meedia“-Chef Georg Altrogge: „Leider gibt es zu ‚positiver Berichterstattung‘ über den Spiegel aktuell wenig Anlass, und genau das scheint der Grund zu sein, warum die Nerven in der Chefredaktion blank liegen.“ Das Popcorn steht bereit.

3. Was ARD und ZDF mit den gesparten Olympia-Ressourcen machen müssen
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Die Olympischen Sommer- und Winterspiele 2018 bis 2024 wird es nicht live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen geben. „Für ARD und ZDF sieht das Scheitern der Verhandlungen auf den ersten Blick natürlich aus wie eine Niederlage“, schreibt Hans Hoff, doch: „Richtig ist aber auch, dass ARD und ZDF weiter über Probleme hinter den Kulissen berichten können, berichten müssen. Das ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und vielleicht gelingt die Erfüllung dieses Auftrags noch ein Stückchen besser, wenn man nicht abgelenkt ist, weil man nebenbei noch die Übertragung stemmen muss.“

4. Die Lügner sind immer die anderen
(deutschlandradiokultur.de, Nana Brink & Mark Heywinkel, Audio, 6:26 Minuten)
Mal poltern sie heftig gegen Hillary Clinton, mal geben sie Tipps, welche Waffen man am besten an Weihnachten verschenken kann: Die Website „Breitbart“ ist eines der großen Sprachrohre der sogenannten „Alt-Right“-Bewegung in den USA, „Breitbart“-Chef Steve Bannon inzwischen Chefstratege von Donald Trump. „Ze.tt“-Redakteur Mark Heywinkel hat eine Woche lang „Breitbart“ gelesen. Bei „Deutschlandradio Kultur“ erzählt er, was er dort entdeckt hat.

5. Bürgerjournalismus belebt das Mediensystem
(de.ejo-online.eu, Tobias Eberwein & Colin Porlezza)
Graswurzeljournalismus, Laienberichterstattung, Jekami-Journalismus („Jeder kann mitmachen“) — das war vor einigen Jahren ein großes Thema, verbunden mit einigen Hoffnungen für die Medienbranche. Tobias Eberwein und Colin Porlezza haben geschaut, wie es heute „in sechs europäischen Ländern“ beim digitalen Bürgerjournalismus ausschaut. Ihre Studie zeigt: Zur Medienvielfalt habe er zwar beigetragen, die einst prophezeite Revolution von unten sei allerdings weitgehend ausgeblieben.

6. Wunderheilung durch Wiederholungsdrama
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Die große Titelgeschichte des zweimonatlich erscheinenden Regenbogenblatts „Freizeit Total“ im Dezember/Januar: „Familien-Drama“. Im Februar/März: „Familien-Drama“. Im April/Mai: „Schock-Nachricht“. Im Juni/Juli: „Familien-Drama“. Im August/September: „Familien-Drama“. Im Oktober/November: „Familien-Drama“. Erkennen Sie ein Muster?

Steingart in „Stürmer-Manier“, Anti-Brexit-Boulevard, Liebe statt Hass

1. Mit Gabor Steingart in der Welt von Streichers „Stürmer“
(carta.info, Peter Ruhenstroth-Bauer)
„Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart schrieb am Freitag in seinem morgendlichen Newsletter dem SPD-Politiker Martin Schulz die Fähigkeiten als Kanzlerkandidat ab: kein Abitur, früher mal Trinker, jetzt grantelnder Abstinenzler.
Peter Ruhenstroth-Bauer sieht im Erledigen eines Menschen „in sechs Sätzen“ eine „Stürmer-Manier“: „Es läuft etwas schief bei uns, wenn der Herausgeber einer weithin nicht unbekannten Wirtschafts- und Finanzzeitung in sechs Sätzen einen Politiker so menschenverachtend beschreibt. Das, was da als journalistisch flotter morgendlicher Anreißer daherkommt, ist in Wahrheit eine ganz bewusste Grenzüberschreitung.“

2. Neun Tage für eine neue Zeitung
(nzz.ch, Viola Schenz)
Viola Schenz schreibt über den überraschenden Erfolg der britischen Wochenzeitung „The New European“, die sich an die Brexit-Gegner richtet: „Dabei ist sie nicht einmal hübsch: Mit der plumpen Typografie, den grossen, sehr bunten Fotos und Karikaturen gleicht sie einem aus der Zeit gefallenen Boulevardblatt. Aber um Ästhetik geht es bei dieser Schnellgeburt nicht, sondern um Inhalte und Symbolik. Jede Ausgabe ist 48 Seiten dick, entsprechend dem Prozentsatz der Brexit-Gegner, gefüllt mit meist klugen Essays über den Unsinn eines EU-Austritts und die Vorzüge gesamteuropäischer Lebensart, mit Karikaturen und britischem Humor (‚Warum wir Lego lieben und die Brex Pistols hassen‘).“

3. „Trump ist die Bewunderung der ‚New York Times‘ wichtig“
(zeit.de, Daniel-C. Schmidt)
Was Donald Trump von den meisten US-Medien und ihren Vertretern hält, ist inzwischen ziemlich klar: die Presse sei verlogen, Journalisten seien Abschaum, er entzog manchen Redaktionen die Akkreditierungen für seine Veranstaltungen. Bei vielen Publikationen ist inzwischen ähnlich klar, was sie vom künftigen US-Präsidenten halten: nicht viel. Aber, das zeigte sich schon früh im Wahlkampf, Trump bringt Quote. Daniel-C. Schmidt spricht mit Margaret Sullivan, Kolumnistin bei der „Washington Post“, über das komplizierte, ambivalente Verhältnis zwischen Trump und den Medien.

4. Last man standing
(taz.de, Markus Sehl)
Am Mittwoch wird die letzte Ausgabe der türkischen Zeitung „Zaman“ an Kiosken in Deutschland liegen. Dann ist Schluss, Ende, finito. Markus Sehl hat das Verlagsgebäude und die Druckerei in Offenbach besucht. Dort, wo früher mal 150 Menschen gearbeitet haben, sieht es jetzt aus wie in einem Geisterhaus.

5. VW-CEO Matthias Müller im Interview-Check-Up
(pressesprecher.com, Stefan Zuber)
Vorletzte Woche erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein Interview mit VW-Chef Matthias Müller, das für einigen Wirbel sorgte — Müller setzte darin gleich zweimal zur Attacke in Richtung Kunden an. Stefan Zuber bewertet Schritt für Schritt „die Performance“ von Müller und des VW-Kommunikationsteams aus Sicht eines Pressesprechers („Aufgabe der Medienleute ist es, den Chef sorgsam vorzubereiten und gegebenenfalls durch eine behutsame Nachbearbeitung der Zitate Unschärfe zu bereinigen.“). Sein Fazit: lief nicht so gut für VW. Achtung, kann Spuren von PR-Sprache enthalten.

6. Liebe gegen Hasskommentare — ein Selbstversuch
(faz.net, Friederike Haupt)
Hass, Hass, Hass, wohin man im Internet nur schaut. Friederike Haupt wollte mal was Nettes dagegensetzen: „Ich wollte einen Tag lang nur Liebeskommentare schreiben: Komplimente, Dankeschöns, Besinnliches. Nichts davon sollte gelogen sein.“ Spoiler: Der Erfolg war mittelmäßig.

Neverpay, Geldentzug, Wetterdichtung

1. Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz
(jensrehlaender.com)
Jens Rehländer greift einen „Horizont“-Beitrag heraus, in dem von Querelen um das wenig erfolgreiche Spiegel-Online-Bezahlmodell berichtet wird. Rehländer nimmt den „Spiegel“ in Schutz, um dann umso deutlicher zu werden: „Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.“

2. In Abwesenheit
(sueddeutsche.de, Paul-Anton Krüger)
Es ist schon makaber: Der ägyptische Fotograf Shwakan hat den „International Press Freedom Award“ bekommen, kann ihn aber nicht annehmen, weil er sich in U-Haft befindet. Sein „Vergehen“: Shwakan hatte im Auftrag der Fotoagentur „Demotix“ Bilder von einem der Protestcamps der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gemacht. Seine Untersuchungshaft dauert nun schon drei Jahre an, obwohl sie selbst nach ägyptischem Recht auf zwei Jahre begrenzt ist. Dieses Jahr wurden zweifelhafte strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben, weswegen ihm nun die Todesstrafe droht.

3. Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann
(geschichten.detektor.fm, Isabelle Klein, André Beyer)
Frauen haben es auch in der Musik nicht leicht. Bei großen Festivals wie „Rock am Ring“ hätte in diesem Jahr nur bei jedem zehnten Act eine Frau auf der Bühne gestanden, bei Indie-Festivals wie dem „Appletree Garden Festival“ bei jedem fünften. Isabelle Klein und André Beyer lassen in ihrem Longread über die männerdominierte Musikszene vor allem Frauen zu Wort kommen, so z.B. die „Spex“-Redakteurin Jennifer Beck: „Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.“

4. In Zeiten der Lügenpresse
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat Nachrichten aus dem Deutschlandfunk: Dank des gestiegenen Interesses für Medien strahlt der Sender von März kommenden Jahres an ein tägliches Medienmagazin aus. Der Kulturchef hätte das Vorhaben bestätigt: „Ausschlaggebend war der Erfolg unseres wöchentlichen Medienmagazins „Markt und Medien“, das bei den Hörern einen hohen Einschaltimpuls erzeugt. Das Thema verdient einfach mehr Sendezeit. Die Zeit schreit geradezu danach. Medien stehen wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Daher braucht es mehr Orte wie diesen, um zu reflektieren, wie Medien funktionieren, um transparent zu machen, wie wir Journalisten arbeiten.“

5. Kein Geld Für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen.“ berichten
(davaidavai.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel ist Strategy Director bei „Scholz & Friends“ und betreibt unter „davaidavai.com“ einen Blog, in dem er sich aktuell dafür stark macht, rechten Seiten die Geldquellen zu entziehen. Er appelliert dabei sowohl an Markeninhaber und Werbeagenturen als auch an die Verbraucher, ihren Einfluss zu nutzen.

6. Quatsch-Vorhersagen für alle! So machen Sie selbst schlecht Wetter
(uebermedien.de, Jörg Kachelmann)
Wetterexperte Jörg Kachelmann zeigt auf „Übermedien“ wie man mit wenig Sachkenntnis und einer großen Vorliebe für Stuss schmissige Wetterschlagzeilen dichtet.

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