Archiv für 6 vor 9

Josef Joffe, Antisemiten, Gaza

1. „Zeitungen oder Quelle – Dinos sterben langsam“
(rolandtichy.de)
Roland Tichy, noch Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, versucht im Urlaub deutschsprachige Zeitungen digital zu erwerben.

2. „Einstweilige Verfügung gegen “Die Anstalt”: Zeit-Journalisten wehren sich gegen ZDF-Satire“
(meedia.de, Julia Wadhawan)
Im Streit um eine ZDF-Satire melden sich „Zeit“-Journalisten zu Wort. Josef Joffe: „Betonen möchte ich: Um Satire oder Meinungsfreiheit ging es in dem Antrag auf einstweilige Verfügung nicht. Satire darf vieles, solange sie weder Fakten, noch Persönlichkeitsrechte verletzt. Meinungsfreiheit darf alles, was das Grundgesetz erlaubt. Das muss so bleiben; daran dürfen Journalisten als letzte rütteln.“

3. „Why the Sun’s ‘boy with the devil mark’ front page should make you uneasy“
(newstatesman.com, englisch)
Die „Sun“-Schlagzeile „Boy, 4, has mark of devil“.

4. „Glauben Sie das?“
(sueddeutsche.de, Johannes Boie und Tim Neshitov)
Der Propagandakrieg wird komplizierter, es gibt nicht nur Fälschungen, sondern auch Fälschungen von Fälschungen: „Und je länger ein Krieg andauert, desto mehr steigt bei Aktivisten die Bereitschaft, jeder Desinformation zu glauben, die das eigene Feindbild bestätigt.“

5. „Auch Linke können Juden hassen“
(tagesanzeiger.ch, Thomas Meyer)
Ist Antisemitismus eine Angelegenheit „rechtsextremer Kreise“? Thomas Meyer widerspricht: „Der linke Antisemit ist sich nicht bewusst, dass er ein Antisemit ist. Er hält sich für einen guten, vernünftigen, fairen und einfühlsamen Menschen. Er vergleicht morgens in der Zeitung die Opferzahlen und glaubt dann, den Nahostkonflikt in dessen Komplexität erfasst zu haben und ein moralisches Urteil darüber fällen zu können.“

6. „Eine ganz normale Nacht in Gaza Stadt“
(martin-lejeune.tumblr.com)
Martin Lejeune berichtet aus Gaza: „Während ich diese Zeilen schreibe, um mich zu beruhigen, bin ich nicht im al-Deira Beach Hotel am Strand von Gaza, in dem die ausländischen Korrespondenten Schutz suchen. Ich bin im Wohnhaus einer muslimischen Familie im Zentrum von Gaza Stadt. Ich höre, wie in den Nachbarwohnungen unseres Hauses kleine Babys ohne Unterbrechung schreien, verängstigte Kinder in den Armen ihrer Mütter weinen, die Erwachsenen fluchen.“ Siehe dazu auch diesen, aktuellen Beitrag.

Online-Kommentare, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus

1. „Im Land der ‘gleichgeschalteten Medien’“
(fr-online.de, Katja Thorwarth)
Nach der FAZ („Meine Tage im Hass“) schreibt sich auch die FR ihren Frust über pöbelnde Online-Kommentatoren von der Seele. Neben der Wiedergabe vieler, „zum besseren Verständnis in Ansätzen korrigiert[er]“ Fäkalausdrücke macht Katja Thorwarth eine wichtige Feststellung: „Der Schrei über Zensur ist vollkommen deplatziert, denn Zensur kann nur dort greifen, wo es um das Grundrecht der Meinungsfreiheit geht. Und an diesem Punkt verwechseln viele User die Kommentarspalten im Internet mit dem Tresen ihrer Stammkneipe.“ Auf Twitter sind sich Stefan Plöchinger und Wolfgang Blau einig: Es hilt nur „gescheit moderieren“.

2. „Meinungsfreiheit ja, Beleidigung nein“
(dw.de, Naser Schruf)
Drei Tage und rund 180 Presserats-Beschwerden (derstandard.at) nach dem „herrlichen Shitstorm“ (stefan-niggemeier.de) melden sich die von Nicolaus Fest geschmähten Muslime zu Wort. Naser Schruf beleuchtet das laute und überwiegend empörte Echo in der arabischen Presse, Sanjay Patel kritisiert die langjährige „islamfeindliche Marschroute“ (migazin.de) der „Bild“, Canan Topçu wünscht „Bayramınız kutlu olsun“ (zeit.de), und Koray Yilmaz-Günay spricht in der „taz“ über Islamophobie unter Konservativen.

3. „Ton gegen Juden in Deutschland verschärft sich“
(berliner-zeitung.de, Thomas Kröter)
Die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel untersucht soziale Medien, Online-Kommentare, Chats und Foren auf antisemitische Äußerungen. Während Ausmaß und Intensität zugenommen hätten, sei eines gleich geblieben: „Über 60 Prozent kommen aus der sogenannten Mitte“ und leugnen „vehement, antisemitisch eingestellt zu sein“. Weniger Grund zur Besorgnis sieht dagegen der Historiker Wolfgang Benz (tagesspiegel.de).

4. „Wer ist der Kriegstreiber?“
(spiegel.de)
Als hätte der „Spiegel“ auf Alexander Becker gehört (meedia.de), steht im „SPIEGELblog“ erstmals seit Monaten keine Eigen-PR, sondern eine Rechtfertigung. Und zwar für das von Frank Lübberding kritisierte und vom Postillon bespottete (der „Löschbeirat“ vereint Kritik und Spott) Cover. Der Tenor: Weil die Artikel im Heft nicht kriegstreiberisch seien, ist die Titelzeile „Stoppt Putin jetzt!“ auf dem Heft ebenso harmlos.

5. „Wir brauchen kein Radio der Zukunft, wir brauchen es jetzt“
(diskurslabor.de, Tom Leonhardt)
Das „National Public Radio“ hat mit seiner neuen App „NPR One“ die „Idee von personalisierbarem Radio auf eine sehr stilvolle und gut umgesetzte Art und Weise salonfähig gemacht“. Ein Vorbild für deutsche Anstalten sieht Marc Krüger (netzpiloten.de): „Was wäre, wenn alle ARD- und Deutschlandradio-Sender ihre Podcasts in einer App wie ‘NPR One’ anbieten würden? [...] Was für eine großartige Möglichkeit, einmal Gesendetes (und Bezahltes) haltbar zu machen!“

6. „Missliebige Offenlegung“
(taz.de, Anne Fromm)
Ja, das ZDF hat eine Folge der Kabarettsendung „Die Anstalt“ aus der Mediathek gelöscht. Nein, das ist keine Zensur, sondern eine „Frage der Korinthenkackerei“ zweier „Zeit“-Journalisten, wie Max Uthoff es ausdrückt (youtube.com) – eine Darstellung, die Jochen Bittner allerdings zurückweist (twitter.com). Anne Fromm fasst den Streit zusammen und meint: „Das ZDF hat zwar in letzter Zeit Einiges verbockt, steht diesmal aber offenbar ziemlich gut da.“ Stellungnahmen von Bittner und Joffe gibt es bei Telepolis.

Homophobie, Überwachungswahn, Döpfnerkratie

1. „Sommerloch-Skandal beim Tagesspiegel“
(queer.de)
Der „Tagesspiegel“ übt sich im Boulevardjournalismus (den die „Bild“ wenig überraschend aufgreift) und sieht sich angesichts der Empörung in den sozialen Medien (facebook.com) alsbald zu einer Rechtfertigung genötigt. Während „Queer.de“ die Homophobie und „die verklausulierte Kinderporno-Anschuldigung“ aufs Korn nimmt und Paul Wrusch Meisner in der „taz“ attestiert, „in den 50er Jahren hängengeblieben“ zu sein, zweifelt der „Löschbeirat“ am journalistischen Verantwortungsgefühl des Autors.

2. „Das Ende der Pressefreiheit“
(spiegel.de, Marc Pitzke)
Der Überwachungswahn der NSA schadet der Pressefreiheit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Insbesonders investigative Reporter sprechen von „eine[r] schreckliche[n] Zeit“ und „einer zusätzlichen Schicht der Angst“. Elisabeth Pohl zitiert bei „Netzpolitik“ einen von HRW befragten Journalisten: „Ich will nicht, dass die Regierung mich zwingt, mich wie ein Spion zu verhalten. Ich bin kein Spion, ich bin ein Journalist.“

3. „MH17: how Storyful’s ‘social sleuthing’ helped verify evidence“
(theguardian.com, Ben Cardew, englisch)
Bei Katastrophen wie dem MH17-Unglück greifen Journalisten oft auf User-generated content aus sozialen Netzwerken zurück. Um diese Informationen zu verifizieren, hat Storyful den „Open Newsroom“ entwickelt. Executive Editor David Clinch ist sich sicher: „For sustainable journalism you cannot just rely on sources of information or video content that exist traditionally. If that is the only place you are looking you are missing huge amounts.“

4. „Medien tappen in Strafanzeigen-Falle“
(taz.de, Sebastian Heiser)
„Wassertisch kritisiert Senat“ sei so erwartbar wie „Hund beißt Mann“. Bei einer Strafanzeige würden Journalisten dagegen eine Geschichte wittern. Deshalb wirft ein CDU-Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses seinen politischen Gegnern immer wieder Untreue vor, und die Medien beißen an. Allerdings: „Dass die Verfahren später allesamt eingestellt werden – das berichtet dann keiner mehr.“

5. „‘Zeit’-Journalisten gehen gerichtlich gegen das ZDF und ‘Die Anstalt’ vor“
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die angebliche Zensur des ZDF war bereits gestern Thema bei „6 vor 9″ (Link 4). Der Rechtsanwalt Thomas Stadler kommentiert: „Für ein Flaggschiff wie die ‘Zeit’ kommt das juristische Vorgehen von Joffe und Bittner gegen das ZDF einem journalistischen Offenbarungseid gleich. Leider berichten die großen Zeitungen wie SZ, FAZ oder ‘Spiegel’ [...] nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.“

6. „Springer funktioniert wie eine Monarchie“
(blogs.stern.de, Lutz Meier)
Nach der Aufregung um die rassistische Islam-Hetze (stefan-niggemeier.de) von Nicolaus Fest analysiert Lutz Meier die Machtverhältnisse innerhalb des Konzerns und macht Mathias Döpfner als absolutistischen Herrscher aus: „Springer funktioniert hier weniger wie ein pluralistischer Verlag. Sondern es ist eine Art feudalistisches Prinzip, dem das Haus folgt.“

BILD, ZDF, Homer Simpson

1. „Wie die Bild-Zeitung den Nahost-Konflikt nutzt, um Hass zu schüren“
(facebook.com, Hakan Tanriverdi)
„Für jede muslimische Person in Deutschland sind Kommentare wie dieser hier ein weiterer Grund, daran zu zweifeln, ob es je möglich sein wird, ein Leben in diesem Land zu führen ohne permanent gebrandmarkt, in Frage gestellt und hinterfragt zu werden.“ Die Islamophobie von Nicolaus Fest (bild.de) hat auch bei Bastian Brinkmann und Jonas Jansen (twitter.com), dem Löschbeirat, Enrico Ippolito (taz.de) sowie zahlreichen Politikern (zeit.de) Empörung ausgelöst. Stefan Niggemeier beleuchtet frühere Aufreger-Texte von Fest und legt Kai Diekmann eine Kündigung nahe – was dieser zwar als „Quatsch!“ (twitter.com) abtut, sich aber dennoch zu einer Reaktion (bild.de) genötigt sieht und Özcan Mutlu einen Gastkommentar einräumt.

2. „Keine Angst vor dem Mindestlohn für Hospitanten“
(netzkolumnistin.de, Angela Gruber)
In der „Zeit“ warnen Jana Goia Bauermann und Alina Fichtner vor den schädlichen Auswirkungen des Mindestlohns für die Medienbranche. Angela Gruber hat kein Verständnis für diese Argumentation. Auch Christian Jakubetz fragt: „Wer will eigentlich künftig noch mit uns arbeiten?“

3. „Krieg der Bilder – und der Blick dahinter“
(tagesanzeiger.ch, Simon Widmer)
Ukrainische und westliche Medien zeigen Fotos prorussischer Rebellen, die angeblich Leichenfledderei an den Opfern des MH17-Unglücks betreiben. Gut möglich, dass sie es sich damit zu einfach machen.

4. „Angebliche ZDF-Zensur: Die anlasslose Unwahrheit“
(netzexil.de, Horst Schulte)
Nach einer Klage der „Zeit“-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner hat ein Gericht das ZDF gezwungen, eine Folge der Satiresendung „Die Anstalt“ aus der Mediathek zu entfernen. Obwohl das ZDF die einstweilige Verfügung nicht unterschrieben hat gegen die einstweilige Verfügung vorgehen und den Weg in die nächste Instanz suchen wird, macht das Blog „Die Propagandaschau“ daraus eine „Zensur des ZDF“ und bekommt viel Zuspruch für den (inhaltlich falschen) Vorwurf.

5. „Bitte recht israelfreundlich!“
(taz.de, Dorothea Hahn)
Drei US-amerikanische Journalisten von NBC, MSNBC und CNN haben kritisch über die Rolle Israels im Nahostkonflikt berichtet. Die Folge: „Einer wurde ausgetauscht, die zweite musste nach Moskau gehen, die dritte verlor Einladungen im Fernsehen.“

6. „Wie Homer Simpson unsere politische Meinung formt“
(dradiowissen.de, Katrin Ohlendorf)
Carsten Wünsch ist Medienwirkungsforscher. Als solcher untersucht er, ob sich fiktionale Medieninhalte auf unser Denken auswirken und „konnte nachweisen, dass Filme oder Serien unsere politischen Einstellungen beeinflussen und sich auch auf die journalistische Wahrnehmung gesellschaftspolitischer Fragen auswirken.“

Blockende Behörden, schlechte Schlagzeilen, Tweets aus dem Krieg

1. „Informationsfreiheits-Behinderung des Tages“
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Eine europäische Studie hat Internet-Providern massenhafte Verletzungen der Netzneutralität vorgeworfen. Daraufhin stellte „Netzpolitik.org“ vor über einem Jahr eine Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz, um die Antworten der deutschen Anbieter einsehen zu können. Nach langer Verzögerung gibt es nun eine Rückmeldung – doch die Freude hält sich in Grenzen: „Wir dürfen Akten einsehen: geschwärzt – und nur in Bonn.“ Und bei einer anderen IFG-Anfrage blockt das Justizministerium: „Informationsfreiheits-Ablehnung des Tages“

2. „Die besten Fragen zu ‘Deutschlands Beste!’“
(ndr.de, Boris Rosenkranz)
Das Zapp-Blog „Zappenduster“ versucht weiter, Licht ins Dunkel der Ranking-Manipulation bei der ZDF-Show „Deutschlands Beste!“ zu bringen. Nachdem er erst seine Recherche protokolliert und sich dann der Ignoranz der „Hörzu“ gewidmet hat, nimmt Boris Rosenkranz jetzt die Rolle der Produktionsfirma ins Visier. Und das ZDF? „Zu den Darstellungen [...] gibt das ZDF keine Auskunft.“

3. „Die Schweizer lassen sich bislang wie Schäfchen ausnehmen“
(persoenlich.com, Lukas Meyer)
Der Journalist Hannes Grassegger hält Daten für den wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Dennoch würden Medien die Digitalisierung noch stiefmütterlich behandeln, Netzthemen „in irgendwelche Nischenregionen abschieben“ und das kommerzielle Potential ignorieren: „Die Verleger kapieren nicht, dass sie in dieser neuen Ökonomie auf dem wahren Kapital sitzen, nämlich den Kundenlisten und dem Wissen über die Präferenzen der Kunden.“

4. „Schlechte Schlagzeilen (2): ‘Voyager 1 noch in der Milchstraße?’“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Der Astronom Florian Freistetter wundert sich über einen Artikel im Wissenschaftsressort der FAZ: „Das wäre so, als würde ein Politik-Redakteur Deutschland mit Europa verwechseln oder die Sportredaktion den FC Schalke mit dem Nationalteam.“

5. „Tweeting From A Conflict Zone: Does It Help Or Hurt News Reporting?“
(npr.org, englisch)
Auf Facebook machen Bilder von MH17 die Runde, der Konflikt zwischen Israel und Palästina wird auch in den sozialen Medien ausgefochten, Kriegsreporter twittern live aus der Kampfzone. Die Nahost-Korrespondentin der „New York Times“ und der Emergency Director von „Human Rights Watch“ sprechen darüber, welchen Einfluss Social Media auf die Krisen-Berichterstattung haben.

6. „Unbescholten überwacht – im Visier des Verfassungsschutzes“
(verfassung-schuetzen.de, Video, 3:53 Minuten)
Ronny Blaschke ist Sportjournalist.  Außerdem heißt er so ähnlich wie Ronald Blaschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Katja Kipping. Letzteres hat den Verfassungsschutz veranlasst, ihn ins Visier zu nehmen. Bis sich kurz darauf herausstellte, dass es doch nur eine Verwechslung war. In der Videoreihe „unbescholten überwacht“ erzählt (Ronny) Blaschke jetzt von seinen Erfahrungen.

Gegendarstellung, Zeitungssterben, BILDblog-Kritik

1. „Gegendarstellung zu ‘Großteil der Medien berichtet voreingenommen’“
(sprachlog.de, Anatol Stefanowitsch)
Die Welt zitiert den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch mit der These, dass propagandistisch gegen Israel ausgerichtete Überschriften ein Auslöser für antijüdische Aggression auf deutschen Straßen seien. Dessen Reaktion: „Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von diesen mir fälschlicherweise zugeschriebenen Aussagen. [Diese Behauptung] entspricht weder meiner Meinung, noch lässt [sie] sich in irgendeiner Form aus meinen Analysen schließen.“
Update: Die Welt hat in der heutigen Printausgabe eine „Klarstellung“ veröffentlicht, die Anatol Stefanowitsch als seine „persönliche ‘Nichtschuldigung’ des Jahres“ bezeichnet.

2. „Müssen die Zeitungen wirklich sterben?“
(wdr5.de, Gisa Funck)
Die Tageszeitungen werden sterben, und das Internet ist schuld daran. Wirklich? Eine Studie des Medienforschers Andreas Vogel sagt etwas anderes: Die Zeitungskrise gebe es schon länger als das Internet, der Rückgang der Auflage sei weitestgehend selbstverschuldet. Anschauliche Grafiken aus der Studie finden sich im Blog von Katharina Brunner, bei kress spricht Vogel über Rückschlüsse aus seiner Forschung.

3. „Was, du bist Zigeunerin?“
(taz.de, Dunja Ramadan)
In ungarischen Medien tauchen Roma fast nur als „Kriminelle“ auf. Krisztina Balogh, halb Romni, halb Ungarin, möchte Journalistin werden, um genau das zu ändern. Vorurteile gegenüber Sinti und Roma gibt es aber nicht nur in Ungarn: Der Mediendienst Integration und die taz berichten über eine Studie zum „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“.

4. „Offtopic: Was BILDblog nicht zeigt (Update)“
(stigma-videospiele.de)
Ein Leser teilt dem BILDblog regelmäßig „sachdienliche Hinweise“ mit - doch seine Mails bleiben unbeantwortet und finden keine Erwähnung im Blog. Warum aus den Links keine BILDblog-Artikel geworden sind, hat Mats Schönauer zu erklären versucht; Auszüge des Mailwechsels finden sich im Update unter dem Text.

5. „Nachrichtenagentur AP schockiert mit missverständlichem Tweet“
(tagesspiegel.de, Markus Hesselmann)
„BREAKING: Dutch military plane carrying bodies from Malaysia Airlines Flight 17 crash lands in Eindhoven.“ Ein schlampig formulierter Tweet der Nachrichtenagentur AP macht aus einem Nebensatz eine Bruchlandung und sorgt für Entsetzen auf Twitter.

6. „The challenge of Covering Gaza at War“
(martin-lejeune.tumblr.com, englisch)
„On the other side of the revolving steel door I met a correspondent returning from Gaza to Israel, looking at me and saying: ‘Welcome to Hell.’“ Martin Lejeune versucht, nach Gaza einzureisen und dokumentiert, wie schwer es für Journalisten ist, vor Ort über den Nahost-Konflikt zu berichten.

Shitstorms, Spiegel, Stellenkürzungen

1. „Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung“
(leitmedium.de, Caspar Mierau)
Gestern ging es an gleicher Stelle um eine Karikatur in der FAZ, die viele Leser als rassistisch kritisiert haben. Heute schreibt Caspar Mierau über die seiner Meinung nach falsche Reaktion: „[Mit den Rechtfertigungsversuchen] macht das Shitstorm-Management einen fatalen und häufig gesehen Fehler: Es produziert einen Skandal zweiter Ordnung.“ Auch Anne Fromm bezeichnet die FAZ in der taz als „kritikresistent wie eine Teflon-Pfanne“.

2. „Wulff-Interview stammte aus der Konserve“
(berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Medienschelte von Christian Wulff im „Spiegel“ ist bereits sechs Wochen alt. Außerdem wurde das Interview nicht von den Redakteuren geführt, die in der Vergangenheit über Wulff geschrieben hatten, da Chefredakteur Wolfgang Büchner eine vergiftete Gesprächsatmosphäre befürchtete. Große Teile der Redaktion kritisieren Büchner nun dafür, „vor Wulff den Kotau zu machen“.

3. „Why show dead people in the news?“
(fabianmohr.de, englisch)
Manche Fotos, die vor 50 Jahren noch einen Pulitzer-Preis bekommen haben, würden heute nicht mehr gedruckt werden; zu schonungslos stellen sie Tod und Gewalt dar. Fabian Mohr macht einen Vorschlag, woran sich Redakteure bei dieser schwierigen Abwägung orientieren sollten. Zum selben Thema: Margaret Sullivan rechtfertigt das umstrittene Titelbild der „New York Times“. Und Reto Camenisch wirft einem Magnum-Fotografen „pornografische Distanzlosigkeit“, einen „moralischen Totalabsturz“ vor.

4. „Zur Schau gestellte Absturzopfer“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Über pietätlose Fotos ärgert sich auch Rainer Stadler. Der „Blick am Abend“ hat auf seiner Titelseite die Portraits von zwölf Kindern abgedruckt, die in der MH17 ums Leben kamen. Diese Bilder stammten von Facebook, wo sie laut Chefredakteur öffentlich zugänglich waren. „Der Presserat würde ihm wohl deswegen die Ohren lang ziehen“, meint Stadler.

5. „Ab und zu kommt mal ein Praktikant“
(kreuzer-leipzig.de, Juliane Streich)
Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv“, so möchte Madsack die „Leipziger Volkszeitung“ positionieren – indem bei der einzigen Tageszeitung der Stadt 36 Mitarbeiter entlassen werden.

6. „Our 25 Favorite Unlocked New Yorker Articles“
(longform.org, englisch)
Der „New Yorker“ hat alle Artikel seit 2007 und viele ausgewählte Fundstücke aus den Archiven kostenlos veröffentlicht – für drei Monate, dann verschwindet die gesamte Webseite hinter einer „metered Paywall“. Neben den 25 Lesetipps von Longform empfehlen auch Slate und der Business Insider Recherchen und Reportagen, die man bis dahin gelesen oder zumindest abgespeichert haben sollte.

Israel, Rassismus-Diskussionen, Tracking-Cookies

1. „Ruhe – wir schießen“
(deutschlandfunk.de, Bettina Marx)
Längst findet der Nahostkonflikt seine Fortsetzung in den Medien (nytimes.com). Doch die Frontlinien verlaufen auch innerhalb Israels: Seitdem der israelische Journalist Gideon Levy die Piloten der Luftwaffe für ihre Einsätze über dem Gazastreifen kritisiert hat, gilt er vielen Kollegen als Nestbeschmutzer und fragt: „Es gibt einen solchen starken und einheitlichen Chor in den Medien, warum stört euch eine einzige Stimme, ein bloßes Echo, das davon abweicht?“

2. „Leistungsschutzrecht: Google soll zahlen, Facebook nicht“
(netzpiloten.de, Jakob Steinschaden)
Suchmaschinen wie Google benutzen Snippets, um die Inhalte von Verlagen darzustellen. Für die Nutzung dieser Textauszüge fordert die VG Media bis zu elf Prozent Umsatzbeteiligung. Doch gleichzeitig publizieren dieselben Medien vergleichbare Teaser freiwillig und kostenlos bei Facebook und Twitter.

3. „FAZ: Mit Voodoo gegen Ärztemangel“
(trollbar.de, Ali Himpenmacher)
Viele Leserinnen und Leser empfinden eine Karikatur der FAZ als rassistisch. Die Social-Media-Redakteurin (140z.de) stellt sich auf Twitter der Diskussion.

4. „Meet the Online Tracking Device That is Virtually Impossible to Block“
(propublica.org, Julia Angwin, englisch)
Mit „canvas fingerprinting“ erreichen Tracking-Cookies eine neue Dimension: Jedem Browser wird ein einzigartiger digitaler Fingerabdruck zugeordnet, der die Nutzer „von WhiteHouse.gov bis YouPorn“ verfolgt und sich mit nicht mit herkömmlichen Adblockern oder Anti-Tracking-Tools blockieren lässt.

5. „Schneller und schlauer als alle Experten“
(tagesanzeiger.ch, Julian Schmidli)
Der Brite Eliot Higgins „hat die Energie eines Besessenen und die Spitzfindigkeit eines Finanzprüfers.“ Täglich analysiert er 300 Videos aus Syrien und wurde so zu einem „unverzichtbaren Analysten des Krieges“ (New Yorker). Jetzt hat er eine Rechercheplattform für investigative Bürgerjournalisten gegründet und sammelt dafür Geld auf Kickstarter.

6. „Die Wahrheit über Flug MH17″
(taz.de, Deniz Yücel)
Angeblich wurde MH17 von prorussischen Separatisten abgeschossen. Doch Deniz Yücel kennt die wahren Schuldigen – von Israel über die NSA bis zur Homolobby. Weniger satirisch zum selben Thema: Tobias Riegel (neues-deutschland.de).

Afghanistan, Jogi Löw, Christian Wulff

1. „Angeschwärzt“
(vonwurmbseibel.com)
Ronja von Wurmb-Seibel lebt als freie Journalistin in Kabul. In deutschen Zeitungen entdeckt sie regelmäßig Artikel über Afghanistan, die mit der Realität vor Ort nur wenig zu tun haben. Deshalb greift sie zum Edding, schwärzt Falschinformationen in den Texten und kündigt an: „Der nächste Autor, der von weit weg Scheiße über Kabul schreibt, wird von mir eine Nachricht bekommen. Sie wird schwarz sein, und bedrohlich, und nur zwei Worte werden zu erkennen sein: LOOK! LISTEN!“

2. „Das verbotene Zitat von Jogi Löw“
(schweizamsonntag.ch, Patrik Müller)
Am 29. März ruft der Pressesprecher der deutschen Fußballnationalmannschaft beim Chefredakteur der Schweiz am Sonntag an: „Wenn Sie diesen Satz im Interview drin lassen, dann brauchen wir gar nicht erst nach Brasilien fahren!“ Es geht um ein Zitat, in dem Joachim Löw seinen Rücktritt nach der WM andeutet; das Interview erscheint letztendlich ohne die pikante Aussage. Doch nach dem Weltmeistertitel findet Patrik Müller: „Jetzt darf das verbotene Zitat raus.“

3. „Damals, als FAZ-Autoren noch jung waren…“
(schmalenstroer.net)
Die FAZ hat einen Weckruf für die aktuelle Studentengeneration verfasst, wünscht sich mehr Selbständigkeit und weniger Konformität und „verbreitet so viel Blödsinn, dass man einfach mal genauer hinschauen muss.“ Meint jedenfalls Michael Schmalenstroer und kommt zum Schluss: „Heute ist vieles anders, als damals, als die FAZ-Autoren und ihre Leser jung waren.“ Widerspruch kommt auch von Katharina Nocun (lang und kämpferisch) und Christian Simon (kurz und polemisch). 

4. „Die Verrohung des Diskurses, diese ganze Häme, mit Diffamierung und Denunziationen“
(danisch.de)
Christian Wulff teilt in einem Interview im Spiegel (Vorabmeldung) gegen Journalisten aus und wirft den Medien vor, ihn aus dem Amt geschrieben zu haben. Das nimmt Hadmut Danisch zum Anlass für eine Generalabrechnung: „Unsere Presse ist unglaublich schlecht geworden. Längst erfüllt sie ihre Aufgaben nicht mehr, und richtet mittlerweile in vielen Bereichen mehr Schaden als Nutzen an.“

5. „Blogs und ihre Macher: Supermarktblog“
(br.de, Daniel Bouhs)
„Wenn ich Reisen mache, bezahl ich die selber, wenn ich Unterkünfte bezahlen muss, bezahl ich die selber und [...] ich schreib natürlich auch mal positiv über Unternehmen, [...] aber nicht, weil ich dafür bezahlt wurde.“ Das sagt Peer Schader, Erfinder und Betreiber des Supermarktblogs. Das Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks stellt ihn und seine Arbeit in 3:21 Minuten vor.

6. „Blognetz Visualisierungen Juli 2014″
(2-blog.net, Luca Hammer)
Das #blognetz (FAQ) visualisiert die Facebook-Verbindungen zwischen rund 3000 angemeldeten Bloggerinnen und Bloggern. So werden die Netzwerke und Filterblasen sichtbar, die sich im deutschsprachigen Raum gebildet haben.

Udo van Kampen, Edward Snowden, Wikipedia

1. „Zwischen Nähe und Distanz“
(sueddeutsche.de, Thorsten Denkler)
Thorsten Denkler schreibt zum „Happy Birthday“, das der Leiter des ZDF-Studios Brüssel, Udo van Kampen, während einer Pressekonferenz für Angela Merkel gesungen hatte: „Journalisten machen so etwas nicht. Sie sind Beobachter, keine Teilnehmer. Sie klatschen nicht, wenn ein Politiker eine besonders gute Rede hält. Sie jubeln nicht, wenn die Partei, die sie am Nachmittag gewählt haben, ein besonders gutes Ergebnis einfährt.“

2. „Hätte er doch besser nur berichtet“
(taz.de, Erik Peter)
Über „Journalisten-Darsteller wie van Kampen“ könne sich Angela Merkel nur freuen, glaubt Erik Peter: „Wo Medienvertreter sich den Mächtigen derart an den Hals werfen, droht keine Gefahr. Van Kampen kann als Teil eines Systems gelten, in dem Klüngelrunden, persönliche Seilschaften und Tauschgeschäfte von Informationen gegen wohlgesinnte Berichterstattung das Verhältnis von Politik und Medien durchziehen. Dabei gilt: Je mächtiger und größer das jeweilige Medium, desto enger die Bindungen.“

3. „Essay: Hey, Publishers: Stop fooling us, and yourselves“
(poynter.org, David Boardman, englisch)
David Boardman denkt nach über das Zeitungsgeschäft: „Let’s get real. The seven-day-a-week printed newspaper – particularly in metropolitan areas – is terminally ill. Working to sustain it is not only futile, but ultimately destructive to the very values its champions espouse. (…) So, I say to publishers: Invest in a superb, in-depth, last-all-week Sunday (or better yet, Saturday) paper, a publication so big and rich and engaging that readers will devour it piece by piece over many days, and pay a good price for that pleasure.“

4. „Sollen Journalisten Autos testen?“
(mojomag.de, Clemens Gleich)
Die Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten: „Für die Autobild ist ‘Journalist’ ein im kollektiven Redaktionskopf bis zur Unkenntlichkeit überladener Kampfbegriff geworden, weil die Autobild auf lange Sicht gesehen im Medienwandel um ihre Existenz kämpft. In der Realität ist ‘Journalist’ ein völlig ungeschützter, von jedem auf sich anwendbarer Begriff für eine Person, die Informationen kompiliert und in Sprachform aufbereitet publiziert.“

5. „Edward Snowden: ‘If I end up in chains in Guantánamo I can live with that’ – video interview“
(theguardian.com, Video, 13:59 Minuten, englisch)
Alan Rusbridger und Ewen MacAskill sprechen mit Edward Snowden.

6. „For This Author, 10,000 Wikipedia Articles Is a Good Day’s Work“
(online.wsj.com, Ellen Emmerentze Jervell, englisch)

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