Prof. Dr. Dr. Ina Wunn im Wortlaut

Die FDP-Politikerin und Religionswissenschaftlerin Ina Wunn auf unsere Anfrage, ob ihr, als sie sich gegenüber der „Bild“-Zeitung zum Fall des „kleinen Phillipp“ äußerte, die Darstellung des Vorfalls seitens der Schulleitung bekannt war oder nur aus oder von „Bild“ wusste, wie sich das ganze zugetragen haben soll:

„Ich bin in der Bildzeitung im Wortlaut richtig wiedergegeben worden, wenn auch leider nicht mit einem ausführlichen und differenzierten Statement. Nicht ganz glücklich war ich vor allem auch, mich auf einer Seite zusammen mit insgesamt doch recht schlichten und einseitigen Leserbriefen zu finden. Dass die Geschichte insgesamt einen etwas anderen Hintergrund haben könnte, als der in „Bild“ dargestellte, habe ich vermutet, wobei ich aber grundsätzlich der Recherche von Bild vertraue. Bild ist die Zeitung mit den wenigsten Gegendarstellungen, weil sie für ihre sorgfältige Recherche (im Gegensatz z.B. zur HAZ) bekannt ist.

Meine Aussage war und ist dem Sinn nach folgende:

1. Das Teilen von Nahrung ist grundsätzlich etwas Gutes und gehört mit zu den höflichen Umgangsformen.

2. In unserer Gesellschaft gibt es inzwischen sehr differenzierte Essgewohnheiten; manche sind weltanschaulich oder religiös begründet, andere ethisch (Vegetarier) oder medizinisch (kein Fleisch, nur Fisch), wieder andere beruhen nur auf persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Letztlich ist heute jeder selbst dafür verantwortlich, was er essen will und was er von angebotenen Speisen annimmt oder ablehnt. Dabei muß jeder, auch der Erwachsene, einen Ausgleich zwischen seinen Grundsätzen und den Geboten der Höflichkeit finden.

3. Nicht günstig fand ich im genannten Fall die Reaktion der Schulleiterin, weil durch die von ihr verhängte Strafe wieder ein sehr einseitiges und ungünstiges Licht auf die Muslime fällt. Sie erscheinen dadurch in der Öffentlichkeit wieder als diejenigen, die durch ihre religiösen Vorstellungen für Unruhe sorgen. Die Schulleiterin hat, und das war der Kern meiner Aussage, den Belangen der muslimischen Kinder durch ihre Reaktion eher geschadet. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass ich als Religionswissenschaftlerin bekannt dafür bin, mich für die unbedingte Gleichberechtigung und Akzeptanz der Muslime und des Islam einzusetzen. Und genau deshalb fand ich, dass es der Reaktion der Schulleiterin an Gelassenheit und kulturellem Fingerspitzengefühl mangelte.

4. Als Mutter von 3 Kindern und Professorin, die u.a. zukünftige Lehrer ausbildet, halte ich sowieso nichts von Strafen als pädagogisches Mittel. Hier wäre stattdessen Klärung, vielleicht in einer Unterrichtseinheit, am
Platze gewesen. So hätte der Delinquent eine Chance zur Einsicht gehabt. Stattdessen wird er nun zum Medienstar – das Gegenteil des eigentlichen Erziehungsziels wurde erreicht.

5. Und zuletzt eine kleine, aber notwendige Rückfrage zum Verhalten der muslimischen Kinder: Wenn der fragliche Knabe kein unbeschriebenes Blatt war und sie schon mit einer Provokation rechneten, warum haben sie die Würstchen angenommen und gegessen? Muslime, die es mit den Speisevorschriften genau nehmen, pflegen nämlich eigentlich gar kein Fleisch unbekannter Herkunft zu essen, da auch Rindswürstchen oder Putenwurst dann nicht halal sind, also aus vorschriftsmäßiger Schlachtung kommen.“

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