Der Foto-Beweis: „Bild“-Chef verantwortungslos!

Immerhin: Besorgniserregende Nachrichten wie die, dass die Axel Springer AG bald ProSiebenSat.1 übernimmt, haben auch ihr Gutes. Schließlich stößt man so auch auf alte Texte zum Thema — und damit auch auf einen Satz von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann aus dem Jahr 2001, den wir (aus gegebenem Anlass) nochmal hervorgekramt haben. Er lautet:

„Solange ich bei ‘Bild’ verantwortlich bin, wird es am Samstag keine nackten Mädels auf der Titelseite geben.“

Und tatsächlich: So richtig „nackt“ waren die Mädels auf den Titelseiten am Samstag in letzter Zeit wohl nicht, weshalb wir annehmen müssen, dass „Bild“-Chef Kai Diekmann seit heute bei „Bild“ nicht mehr verantwortlich ist…

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Journalistische Grundregeln

Es gibt eine einfache journalistische Regel, um die Leser zu warnen, wenn ein Artikel nicht so unabhängig sein kann, wie man sich das als Leser wünschen würde. Man schreibt einfach dazu, wenn eigene Interessen berührt sind. Deshalb steht zum Beispiel in Artikeln der „Financial Times“ über Gruner+Jahr (G+J) immer der Satz: „G+J hält auch 50 Prozent der Anteile an der Financial Times Deutschland.“ Da weiß man, woran man ist, und kann sich überlegen, ob man sich über G+J nicht vielleicht lieber aus anderen Zeitungen informiert, die nicht G+J gehören.

Solche einfachen journalistischen Regeln sind besonders wichtig bei Großverlagen, denen bald voraussichtlich eine Hälfte des Privatfernsehens in Deutschland gehört.

Und so wäre es, angesichts der Sorge um die Meinungsvielfalt, eine kleine vertrauensbildende Maßnahme gewesen, wenn Bild.de in seinem Artikel über die geplante Verschmelzung von Axel Springer und ProSiebenSat.1 irgendwo in einem Nebensatz den Hinweis untergebracht hätte, dass Bild.de und „Bild“ selbst Objekte von Axel Springer und somit direkt betroffen sind.

Kein Wort.

Nachtrag, 6.8.2005:
Im Text der gedruckten „Bild“ immerhin heißt es heute: „Die Axel Springer AG (BILD, ‘Welt’) will die ProSiebenSat.1 Media AG übernehmen!“

Symbolfotos XII – XIV

So richtig nachvollziehbar ist es nicht, warum „Bild“ am 3. August einen Bericht über Zerkarien im Kellersee bei Eutin (Kreis Ostholstein) mit einem Foto vom Großen Plöner See in Plön (Kreis Plön) bebilderte.

Dass die „Bild“-Zeitung darüber hinaus am 7. Februar einen Artikel über „Terror-Schüler“ an einer Berufsbildenden Schule in Hannover mit einer Fotomontage bebilderte, die gar nicht die Berufsbildende Schule, sondern stattdessen das unbescholtene Bismarck Gymnasium zeigte, wurde jedenfalls jüngst vom Deutschen Presserat missbilligt, weil sowas nämlich gegen Ziffer 2 und Richtlinie 2.2 des Pressekodex verstößt.

Aber das ist noch nichts gegen das, was „Bild“ da am 22. Juli in ihrer Stuttgart-Ausgabe angestellt hatte: Unter der Überschrift „Masken-Mann jagt kleine Mädchen“ hatte „Bild“ nämlich über einen „unheimlichen Masken-Mann“ bzw. „Masken-Gangster“ berichtet, der in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) sein Unwesen getrieben habe. Illustriert war die Meldung mit folgendem „Foto“*:

Was „Bild“ nicht wissen konnte, aber die „Stuttgarter Zeitung“ inzwischen zu berichten weiß: Die Geschichte vom „Masken-Mann“ war offenbar „frei erfunden“, weshalb es um so merkwürdiger ist, dass „Bild“ dennoch ein „Foto“ von ihm drucken konnte…

Mit Dank an Philipp G, Sascha V. und Heiner S. sowie die „Stuttgarter Zeitung“ (und bildblock.de) für die Mithilfe.


*) Wir bitten die schlechte Qualität des „Fotos“ zu entschuldigen. Falls jemand den „Masken-Mann“ in besserer Qualität griffbereit haben sollte, würden wir uns freuen.

Springer übernimmt ProSiebenSat.1

Axel Springer („Bild“, „Die Welt“, „Hörzu“ …) übernimmt ProSiebenSat.1 (Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1, N24, Neun Live …). Bis zum Herbst will Springer 100 Prozent der Fernsehfamilie besitzen und mittelfristig beide Unternehmen miteinander verschmelzen. Was das für die „Bild“-Zeitung und ihre „unabhängige“ Berichterstattung bedeutet, kann man erahnen. Und natürlich demnächst hier nachlesen.

Mehr in der „Financial Times“ und bei „Spiegel Online“, erste Reaktionen bei tagesschau.de.

Nachtrag, 12.47 Uhr: Auf einer Pressekonferenz sagte ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch zu Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, er werde in Zukunft nicht nur „Bild“ und „Welt“ lesen, sondern auch die Fernsehprogramme sehen müssen. Und wörtlich: „Ich kann dir versichern, die Frauen sehen auf unseren Sendern genau so gut aus wie in der ‘Bild’-Zeitung.“

Nachtrag, 18.45 Uhr: Die „Süddeutsche Zeitung“ kommentiert die Fusion so:

Harmlos, unpolitisch ist [Springer] freilich nicht — und will es auch nicht sein. Man hat gern Einfluss, man hat auch gern Medienmacht, um Dinge zu bewegen. (…) Hier wächst zusammen, was nicht zusammengehört, wenn die Meinungsvielfalt erhalten bleiben soll.

Allgemein  

Auch bekannt als QUARK

Die so genannte „Vogelgrippe“ (aviäre Influenza) ist laut Wikipedia „eine erstmals 1878 in Italien beobachtete, durch Viren hervorgerufene anzeigepflichtige Tierseuche“.

Das so genannte „SARS“ (Severe Acute Respiratory Syndrome) ist laut Wikipedia „eine Infektionskrankheit, die erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet wurde“.

Beide Krankheiten traten in den vergangenen Jahren im asiatischen Raum auf, haben ähnliche Symptome, können für den Menschen tödlich sein und sorgen hierzulande gern für Schlagzeilen. Vogelgrippe und Sars haben aber überhaupt nichts miteinander zu tun – außer vielleicht, dass „Bild“ das überhaupt nicht begriffen hat.

Denn in der Leipzig-Ausgabe der „Bild“ fand sich gestern der folgende Artikel:

Bebildert ist der „Vogelgrippe“-Text mit einem SARS-Virus (unten) und einem SARS-Arzt (links). Und um die Verwirrung komplett zu machen, ist im Text selbst von der „Lungenkrankheit SARS (Vogelgrippe)“ die Rede, was bei einer Zeitung, die eine Aids-Erkrankung und eine HIV-Infektion nicht unterscheiden kann, vielleicht nicht weiter verwundert. Und sagte nicht auch ein Mitbewohner der Verstorbenen „fassungslos“ zu „Bild“, „Meike war genau zur SARS-Zeit in China. Hoffentlich war sie nicht an Vogelgrippe erkrankt“?

Zum Glück hat „Bild“ aber neben den Text extra noch einen Infokasten mit der Überschrift „Was ist die Vogelgrippe?“ gesetzt, in dem „Bild“ gleich zu Beginn ausdrücklich behauptet, die Vogelgrippe sei „auch als SARS (…) bekannt“. Doch das ist nicht nur falsch, sondern auch sehr verwunderlich: Der Rest des „Vogelgrippe“-Infokastens nämlich sieht ganz so aus, als wäre er (teilweise sogar wörtlich) aus einem der eingangs zitierten Wikipedia-Einträge abgeschrieben – genauer gesagt, aus dem zu SARS.

Mit Dank an Stefan R. für Hinweis, den selbstlosen Kauf einer „Bild“-Zeitung und den Scan!

Nachtrag, 17:00:
Dass es sich bei der Toten überhaupt um einen Vogelgrippe-Fall handelt, ist laut „Leipziger Volkszeitung“ übrigens „momentan eine reine Mutmaßung“.

Sauber getrennt

Das Urteil des Berliner Landgerichtes lässt kaum Fragen offen: Die Praxis von Bild.de, Links zu setzen, die aussehen, als würden sie zu redaktionellen Texten führen, tatsächlich aber auf Werbeangebote verweisen, ist unzulässig:

Ein Hyperlink, der aus einem redaktionellen Zusammenhang auf eine Werbeseite führt, muss so gestaltet sein, dass dem Nutzer irgendwie erkennbar wird, dass auf eine Werbeseite verwiesen wird (…)

Andernfalls verstößt das Angebot gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und das Teledienstgesetz. Auch wenn auf der nächsten Seite, auf die der Nutzer nach dem Klicken kommt, das Wort „Anzeige“ auftaucht, ändert das nichts an der Pflicht, den Nutzer schon vorher korrekt über den Werbecharakter eines Teasers zu informieren, denn:

Auch wenn der typische Internetnutzer generell damit rechnet, mit Werbung konfrontiert zu werden, so wird er, wenn er einen Link verwendet, der darauf hindeutet, zu redaktionellen Inhalten zu gelangen, Werbung dennoch nicht erwarten. Die Gefahr, den zweiten Link zu benutzen, ohne den Hinweis auf den werblichen Charakter zu erkennen, ist daher groß.

Das Urteil betrifft unmittelbar nur den konkreten verhandelten Fall. Wenn Bild.de in diesem Fall erneut so werben würde wie geschehen, würde ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro fällig. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen, der das Verfahren angestrengt hat, ist allerdings der Meinung, dass nach diesem Urteil auch andere, ähnliche Verstöße von Bild.de für das Unternehmen sehr teuer werden könnten. „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich sagt, Bild.de werde „weiterhin gemäß der journalistischen Leitlinien von Axel Springer großen Wert darauf legen, daß Werbung auch als solche klar erkennbar ist“.

Na, dann schauen wir uns das doch mal an.

Im Ressort „Auto“ stehen diese drei Teaser nebeneinander:

Der linke Teaser ist als Anzeige gekennzeichnet und führt zu einer ebenfalls als „Anzeige“ markierten Bild.de-Seite, die zu einem kostenpflichtigen Angebot von „Janolaw“ führt. Aber auch der mittlere führt zu einem kostenpflichtigen Angebot von „Janolaw“. Hier enthalten weder der Teaser, noch die Folgeseite das Wort Anzeige. Und auch der rechte Teaser führt nicht zu einem redaktionellen Text, sondern direkt auf Seiten, die von der EurotaxSchwacke GmbH betrieben werden und deren Dienste kostenpflichtig sind.

Das Seitenmenu im Ressort „Reise“ sieht bei Bild.de so aus:

Frage: Welcher dieser Menupunkte führt zu redaktionellen und welcher zu werblichen Inhalten? Nein, die Fettung ist kein Hinweis. Nur die Punkte „Reise“ und „Reisekasse & Recht“ führen zu redaktionellen Angeboten. Alle anderen sind Werbung für Unternehmen wie Tui oder Condor, die — um die Verwirrung komplett zu machen — auf den Folgeseiten teils als „Anzeige“ (Ausriss links) gekennzeichnet sind, teils als „powered by“ (Ausriss rechts).

Aber auch in der überwiegend redaktionellen Hauptseite „Reise“ hat Bild.de einige Überraschungen versteckt. Zum Beispiel hier:

Wer sich auf den Teaser links unten klickt, um sich über die Sparmöglichkeiten bei Tui zu „informieren“, kommt zu einem Artikel, der scheinbar unabhängig und journalistisch, aber erstaunlich detailliert über die Sparmöglichkeiten informiert — ausschließlich bei der Tui, die ein Partner von Bild.de ist. Mitten im vermeintlich redaktionellen Text ist ein Link untergebracht, der direkt zum gemeinsamen Werbeangebot führt:

Im Reiseressort finden sich in der rechten Spalte auch folgende Teaser:

Sie sehen aus, als würden sie auf eine Verbraucherberatung durch die Bild.de-Redaktion hinweisen. Tatsächlich führen sie zu Seiten der Creditplus-Bank, die dort für ihren Online-Kredit wirbt, in einem Fall sogar fast vollständig verkleidet als unabhängige Beratung.

Und im Ressort „Gesund & Fit“ sieht das Seitenmenu so aus:

In diesem Fall soll wohl das Deutschlandfähnchen signalisieren: Hier geht es auf eine Werbeseite (für das Maggi-Kochbuch).

Danke auch an Christoph H. für die Recherche!

Völlig bekloppt

Schuld ist eigentlich Carola Frentzen. Die Rom-Korrespondentin der Deutschen Presseagentur (dpa) hatte nämlich zum 24. Juli eine launige Sommerloch-Meldung über „Gutes Benehmen in Badehose und Bikini“ an Italiens Stränden geschrieben: Frentzen hatte „eine Art ‘Knigge’ für die Badegäste“ aufgetan, in dem von der italienischen Badeanstaltenvereinigung S.I.B. „zehn Strandgebote“ oder „Verhaltensregeln“ bzw. „Regeln des Anstands“ formliert worden waren. Die dpa-Frau hatte außerdem noch mit einem Benimm-Experten gesprochen. Und sie hatte nicht mit „Bild“ gerechnet.

Denn in „Bild“ sah die Sache drei Tage später so aus:

Von einem „Busen-Verbot“, einem „Bier-Verbot“ und einem „Bolz-Verbot“ war da plötzlich die Rede und anderen Sachen, die angeblich „verboten“ oder „nicht erlaubt“ seien.

Gestimmt hat das alles nicht. Zum einen handelt es sich bei dem Regelkatalog der S.I.B. um simple „suggerimenti“ (Vorschläge), wie auch der S.I.B.-Präsident Riccardo Borgo in einer unmittelbaren Reaktion auf die „Bild“-Veröffentlichung mitteilte (und auch die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet). „Wir haben niemandem etwas verboten“, sagte Borgo hier wie dort. Außerdem sei „von keiner Seite her das Verbot ergangen, Bier zu trinken oder sich oben ohne aufzuhalten.“

Statt jedoch die eigene Falschmeldung zu korrigieren, entschied man sich bei „Bild“ für einen anderen Weg: „Bild“ ignorierte die (durch sie selbst notwendig gewordene) Richtigstellung, ließ lieber ihren Vatikan-Experten Andreas Englisch aus Rimini nochmals und nochmals über die „lange Verbotsliste“ schreiben — und nutzte die Gelegenheit, schnell noch die eine oder andere barbusige Frau zu zeigen…

Mit großem Dank an Salvatore B. sowie Patrick K., Robert G., Johannes H. und Roberto C. für den Hinweis und die spontanen Übersetzungshilfen!

Allgemein  

Die halbe Geschichte vom tierlieben Schläger

Es ist eine herzerweichende Geschichte, die die „Bild“-Zeitung am Freitag ihren Lesern erzählt. Es ist die Geschichte von einem Mann, einem tierlieben, herzensguten Mann, der selbst „Echsen, Vögel, Fische und Schildkröten“ hält, aber einen Schäferhund mit der bloßen Faust erschlagen „mußte“, um den kleinen Chihuahua seiner Tochter zu retten.

Der freilaufende Schäferhund hatte sich auf das viel kleinere Tier gestürzt und ihm Verletzungen zugefügt, an denen es später starb. „Bild“ zitiert den Mann mit den Worten:

„Ich packte den Schäferhund am Hals, drückte zu. Dann schlug ich mit der rechten Faust immer wieder genau oben auf seinen Kopf, bis er sich nicht mehr bewegte.“

Soweit ist der Tathergang unstrittig. „Bild“ kennt zudem angeblich sogar Größe und Gewicht des Schäferhundes und schreibt, dass er nur mit Leine und Maulkorb hätte herumlaufen dürfen. Der „Bild“-Artikel endet mit den Worten:

Besitzerin Angie H. (70) hatte sich nicht daran gehalten. Statt sich bei Hans-Werner Arp zu entschuldigen, zeigte sie ihn an …

Vielleicht sollen die drei Pünktchen am Ende des „Bild“-Artikels andeuten, dass bis hier die Geschichte nur halb erzählt wurde. Denn in der Pressemitteilung der Polizei und den Berichten der Nachrichtenagenturen ddp, AP und AFP (nachzulesen auch beim NDR und der „Rheinischen Post“) steht noch etwas nicht ganz Unwesentliches, das auch die Anzeige der Frau ein klitzekleines bisschen weniger absurd erscheinen lässt: Nachdem der tierliebe Mann den Schäferhund erschlagen hatte, nahm er sich nämlich noch dessen 70-jährige Besitzerin vor und „verpasste ihr mehrere Hiebe ins Gesicht„, so dass sie sich „ein Hämatom und eine starke Schwellung an der Nase“ zuzog, wie die Polizei mitteilte.

Diese Kleinigkeit fand die „Bild“-Zeitung ebenso zu vernachlässigen wie die Möglichkeit, dass der Mann den Schäferhund keineswegs töten „musste“, sondern aus Rache und Wut handelte, wie alle Nachrichtenagenturen mutmaßen.

Danke an Charalampos T. und Stefan S. für die Hinweise!

Nicht mal die Renten-Lügen sind sicher

Dass „Bild“ weiß, wie der Duden das Wort „Lüge“ definiert, wissen wir ja. Aber noch mal zur Erinnerung:

Lüge: bewusst falsche auf Täuschung angelegte Aussage

Gestern nun, präsentierte „Bild“ ihren Lesern dies:

Fangen wir mit der, laut „Bild“, 3. „Lüge“ an:

Die Rente bleibt sicher

Wir wissen natürlich nicht, ob die Rente sicher bleibt. Aber „Bild“ weiß es auch nicht und versteht noch nicht mal, was es mit dem Beitragsentlastungsgesetz auf sich hat und schreibt über die „Lüge“:

Denn die Wahrheit sieht völlig anders aus:
Es droht sogar die Zitter-Rente! Denn: Ab Januar 2006 müssen die Arbeitgeber die Rentenbeiträge schon zum Ende eines jeden Monats zahlen (bisher: Mitte des Folgemonats). Den Rententrägern bleiben nur noch drei Stunden, um festzustellen, ob das Geld für die am selben Tag fällige Auszahlung der Renten ausreicht.

Hä? Die Arbeitgeber müssen früher zahlen, und den Rententrägern bleibt weniger Zeit? Da haben die vier Autoren ja nun offenbar etwas falsch verstanden. Wir wollen es ihnen gerne erklären: Bislang haben die Träger der Rentenversicherung den Arbeitgebern quasi einen zinslosen Kredit gewährt, da sie die Renten schon am Ende eines jeweiligen Monats auszahlten, die Arbeitgeber aber erst zwei Wochen später die Beiträge überwiesen. Inwiefern also die Neuregelung die Rente unsicherer machen soll als bisher, weiß allein „Bild“.

Zur zweiten „Lüge“:

Die Beiträge sind gut angelegt

Und ehrlich gesagt wissen wir auch hier nicht, wie gut die Rentenbeiträge angelegt sind. „Bild“ weiß es auch nicht, tut aber so:

Doch die Wahrheit sieht völlig anders aus!
Die Renditen der gesetzlichen Rente gehen „langfristig gegen null“. Das belegt eine Studie des renommierten Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG).

Dass die Rentenversicherungsträger und das Bundessozialministerium das bestreiten, überrascht nicht, und Zweifel an derartigen Dementis sind immer berechtigt. Ebenso darf man aber auch an den Ergebnissen vieler Studien zweifeln, insbesondere, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie interessengeleitet sein könnten. Und die besteht. Schließlich wurde die Studie in Auftrag gegeben vom Deutschen Institut für Altersvorsorge. Dessen Gesellschafter sind die Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Bauspar AG, DWS Investment GmbH und Deutscher Herold AG. Kooperationspartner ist die Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG. Und dass diese Gesellschafter ihr Geld auch mit privater Altersvorsorge verdienen, sollte ein kritisches Medium zumindest skeptisch stimmen, und es sollte den Lesern diese Information nicht vorenthalten.

Und nun noch zur ersten „großen Renten-Lüge“:

Die Renten steigen kräftig
(…) Noch im vergangenen Jahr verkündete Sozialministerin Ulla Schmidt: „Wir stellen sicher, daß die nächsten Generationen lebenslang eine Rente erhalten, die jedes Jahr wächst, wenn auch langsamer als heute“

Abgesehen davon, dass man sich fragt, wie „Bild“ da die „Lüge“ „die Renten steigen kräftig“ herausliest, hätte sie vielleicht etwas mehr Augenmerk auf den Teil mit den „nächsten Generationen“ lenken sollen, bevor sie folgendes aufschreibt und meint, damit eine große Lüge zu entlarven:

Doch die Wahrheit sieht völlig anders aus: In den letzten Jahren sind die Löhne kaum noch gestiegen – entsprechend fallen die Rentenerhöhungen aus: Nach 2004 und 2005 droht im nächsten Jahr zum dritten Mal in Folge eine Nullrunde. In den kommenden Jahren drohen sogar Renten-Kürzungen!

Sieht man sich nämlich das vollständige Interview an, wird deutlich, dass Schmidt überhaupt nicht bestreitet, dass die heutigen Rentner stärker belastet werden. Sie bestreitet ebenso wenig die „Nullrunden“, die „Bild“ anprangert. Schmidts Aussage über eine Rente, „die jedes Jahr wächst, wenn auch langsamer„, bezog sich also wirklich nur auf die „nächsten Generationen“. Die Lüge, die „Bild“ da zu „enthüllen“ meinte, existiert also gar nicht.

Um das noch mal klar zu stellen: Kaum jemand dürfte Zweifel daran haben, dass es ernsthafte Probleme mit dem deutschen Rentensystem gibt. An der „Bild“-Geschichte mit den „3 großen Renten-Lügen“ allerdings, stimmt vor allem eines: Die Wahrheit sieht irgendwie anders aus.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an André K.

Gericht verbietet Bild.de Schleichwerbung

Schleichwerbung ist eine schlimme Sache, findet die „Bild“-Zeitung. Wenn die ARD sie betreibt. In ihrem Online-Angebot Bild.de, das die Axel Springer AG gemeinsam mit T-Online betreibt, findet sie die Vermischung von Werbung und redaktionellen Inhalten dagegen unproblematisch.

Weil man das den Seiten von Bild.de ansieht, hatte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) in einem konkreten Fall gegen Bild.T-Online geklagt: Die Schleichwerbepraxis verstoße gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und den Mediendienstestaatsvertrag.

Vor dem Berliner Landgericht argumentierte Bild.T-Online nach Darstellung des VZBV, gerade jüngere Internetnutzer gingen von einem generellen Werbecharakter des Internet aus. Eine klare Abgrenzung zwischen Werbung und redaktionellen Beiträgen sei deshalb nicht erforderlich. Folgt man einem Gespräch des damaligen Vorstandsvorsitzenden von Bild.T-Online, Peter Württemberger, im Dezember 2004 mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, beruht das Geschäftsmodell von Bild.T-Online wesentlich auf dieser Annahme.

Das Landgericht Berlin erklärte die Praxis am vergangenen Dienstag für rechtswidrig: Werbung müsse als „Anzeige“ gekennzeichnet oder eindeutig zu erkennen sein. Auch ein sogenannter „Teaser“ zwischen redaktionellen Inhalten müsse den Lesern eindeutig klarmachen, dass er zu einem Werbeangebot führt — er dürfe dies nicht erst nach dem Klick erfahren. Der VZBV fasst das Urteil so zusammen: Eine Internetseite sei so zu gestalten, dass der Nutzer die Wahl hat, ob er sich mit Werbung beschäftigen will oder nicht.

Wenn Bild.de in Zukunft bei Schleichwerbung ertappt werde, wie sie sich auch vorgestern noch fand, könnte das nach diesem Urteil teuer werden, heißt es bei den Verbraucherzentralen.

Eine Sprecherin von Bild.T-Online sagte, sie könne das Urteil nicht kommentieren, da es dem Unternehmen noch nicht vorliege.

Nachtrag, 30. Juli: Inzwischen gibt es eine Stellungnahme von Bild.T-Online. Das Unternehmen widerspricht „entschieden“ der Darstellung der Verbraucherzentralen. Es sei in dem Verfahren nicht um „Schleichwerbung“ gegangen, sondern um die Frage, ob eine nicht als Werbung gekennzeichnete Werbe-Ankündigung als Werbung erkennbar gewesen sei. Bild.T-Online habe ausdrücklich auf die „Notwendigkeit einer eindeutigen Trennung von Redaktion und Anzeigen“ hingewiesen, es sei lediglich darum gegangen, wann eine Werbung im Internet klar erkennbar sei.

Die Pressemitteilung von Bild.T-Online endet mit den Worten: „Bild.T-Online wird weiterhin gemäß der journalistischen Leitlinien von Axel Springer großen Wert darauf legen, daß Werbung auch als solche klar erkennbar ist.“ Zur genaueren Bedeutung des Wortes „weiterhin“ klicken Sie bitte hier,
hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier.

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