Endlich, aber leider

„Hä?“

haben sich die Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums gefragt, als sie heute morgen in der „Bild“-Zeitung diese Überschrift sahen:

Nicht alle bekommen die Pensionen gekürzt? Wer denn nicht?

Im „Bild“-Artikel steht es nicht. Im heute von der Bundesregierung beschlossenen Gesetzesentwurf steht es nicht. Und auf unsere Nachfrage fällt dem Innenministerium auch nicht ein, was „Bild“ meinen könnte.

Im Gegenteil: Die Einschnitte gelten (sobald der Bundestag das Gesetz verabschiedet hat) bereits für die Mitglieder dieser Bundesregierung. Die Altersgrenze, ab der sie eine Pension beziehen, wird angehoben, die Mindestamtszeit erhöht, die Höchstdauer des Übergangsgeldes gesenkt. Und auf ihre Pensionen werden, anders als bisher, andere Einkommen und Renten angerechnet. Mit anderen Worten: Sie werden gekürzt. Für alle im Kabinett.

Lustigerweise hat bei Bild.de jemand offenbar die „Bild“-Unterzeile auch nicht verstanden und versucht, sie zu konkretisieren:

Endlich! Regierung kürzt Luxuspensionen für Minister ...aber nur, wenn sie nicht lang genug im Amt waren

Netter Versuch, aber: Doch, auch dann.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Wenigstens kann man „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner nicht vorwerfen, die Leser über sein Verständnis von den Grundlagen eines Rechtsstaates im Unklaren zu lassen. Im Zusammenhang mit dem Fall Kurnaz/Steinmeier schreibt er heute:

Der Bremer Türke ist für mein Leben nicht so wichtig. Wichtig ist für mich die Sicherheit.

Wie „Bild“ aus einem Irrtum Irrsinn macht

Wir stellen uns das etwa so vor: Neulich bekam Katja S. (29) aus Leipzig ein Schreiben vom Leipziger Amt für Bauordnung und Denkmalpflege. Es ging darin um ein angeblich von ihr gebautes Haus, das aber gar nicht existierte. Ganz klar, es musste sich bei dem Schreiben um einen Irrtum handeln. Und die clevere Katja S. dachte sich, der Irrtum müsse sich doch rasch aufklären lassen…

…und wendete sich an die „Bild“-Zeitung.

Und die „Bild“-Zeitung tat, was sie in solchen Fällen zu tun pflegt: ließ sich von Katja S. das Behörden-Schreiben geben, schickte eine Fotografin los, die Katja S. vor dem unbebauten Grundstück fotografierte und machte den Fall gestern öffentlich:

"Behörden-Irrsinn: Ich soll ein Haus abreißen, das es gar nicht gibt"

Die Überschrift ist falsch. Katja S. soll gar kein Haus abreißen, wie man dem Schreiben der Behörde entnehmen kann, das „Bild“ abdruckt. Sie sollte lediglich statische Unterlagen nachreichen. Und tatsächlich ist auch im „Bild“-Text gar keine Rede davon, dass Katja S. irgendwas abreißen soll. Am Ende heißt es lediglich:

Einen „Schwarzbau“ müsste sie abreißen — aber den sieht ja nur die Behörde.

Auch das ist falsch. Wie uns der Amtsleiter der Leipziger Bauaufsicht, Hans-Gerd Schirmer, sagt, wäre ein Abriss „unzumutbar“ gewesen. Schlimmstenfalls hätte man eine „Nutzungsuntersagung“ ausgesprochen. Aber es habe sich im Fall Katja S. ohnehin um das „Versehen eines Mitarbeiters“ gehandelt. Nach dem „Bild“-Bericht habe sich die Bauaufsicht auch bei Katja S. für die Verwechslung entschuldigt. Früher ging das offenbar nicht. Denn, so Schirmer etwas irritiert:

Weder die Betroffene noch die „Bild“-Zeitung haben wegen des Schreibens bei uns nachgefragt.

Mit Dank an Dirk W. für den sachdienlichen Hinweis.

6 vor 9

Wir sind alle Praktikanten
(taz.de, Melanie Zerahn)
Die Generation Praktikum ist nicht das Risiko einer kleinen randständigen Gruppe prekärer Akademiker. Sie ist Vorbote einer Globalisierung, die auch das ganze westliche Lebens- und Erwerbsmodell auf den Kopf stellen wird: Beruf, Geld und Liebe.

News auf Papier und im Internet folgen anderen Regeln (+)
(tagi.ch, Peter Sennhauser)
Nachrichtenjournalismus findet mehr und mehr online statt. Die Frage nach dem «Wie» überfordert bewährte Verleger und Journalisten gleichermassen.

«heute» ehrt Will Smith mit einem Preis
(filmblog.ch, Thomas Hunziker)
Wer in diesen Tagen an den zahlreichen Preisverleihungen in und um Hollywood leer ausgeht, muss nicht verzagen. Das Schweizer Ringier-Produkt «heute», das ab und zu auch als Tageszeitung betitelt wird, kümmert sich um missverstandene Schauspieler und verleiht ihnen Preise – wohl aus Mitleid.

5 Millionen warten auf einen Besitzer
(telepolis.de, Peter Mühlbauer)
Bisher wird das Metis-System der VG Wort noch kaum angenommen.

Im Trommelfeuer der Kritik
(heute.de, Alfred Krüger)
Neues Telemediengesetz: Gesetzeslücken statt Rechtssicherheit.

Schlafen Sie mit dem Produzenten!
(faz.net, Mark Siemons)
Bekommt man als Schauspielerin in China nur dann eine Rolle, wenn man mit den entscheidenden Leuten das Bett teilt? Zhang Yu hat hierfür den Beweis geliefert – mit selbstgedrehten Videos, die sie öffentlich machte.

„… wie der ‚Stern‘ behauptet hatte“

Die Welt ist ungerecht. Manchmal meint es das Leben gut mit „Bild“.

Gestern schrieb der „Bild“-Kolumnist Hugo Müller-Vogg auf Seite 2:

„Münte“ muss wegen Doris Schröder-Köpf vor den Richter!

Heute wird’s (…) spannend: Zuerst muss Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) vor Gericht klären, ob Ex-Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf tatsächlich die Idee zu den Neuwahlen hatte, wie der „Stern“ behauptet hatte.“

Und heute befasst sich „Bild“ abermals auf Seite 2 mit dem Thema:

„Münte“ hilft Ex-Kanzler-Gattin Doris vor Gericht

(…) Hintergrund des Rechtsstreits: Der „Stern“ hatte über ein Treffen Schröders mit „Münte“ in Hannover im Frühjahr 2005 geschrieben („Der Doris-Faktor“), Doris Schröder-Köpf habe die Neuwahlen-Idee gehabt.

Was „Bild“ nicht schreibt: Die Behauptung, Doris Schröder-Köpf habe die Neuwahlen-Idee gehabt, stand zwar Ende Juni 2005 im „Stern“ — und zwar so:

Gut möglich, dass es sich an jenem milden Tag im März so abgespielt hat. (…) Plötzlich wirft Doris den Begriff „Vertrauensfrage“ und die Idee von den „vorgezogenen Wahlen“ in die Runde. (…) [Gerhard Schröder] denkt eine Weile darüber nach und sagt dann: Ja, das ist der richtige Weg. (…) Es spricht vieles dafür, dass es so war.

Aber was stand bereits am 10. Juni 2005, zwei Wochen vor Erscheinen des umstrittenen „Stern“-Berichts, exklusiv in „Bild“?

Eingeweihte erzählen: Auch bei dem Schröder-Plan, durch die Vertrauensfrage im Bundestag vorzeitige Neuwahlen zu erreichen, soll die Kanzler-Gattin den Kanzler beraten haben!

Es war Mitte März (…). Da habe Doris Schröder-Köpf das Thema Vertrauensfrage und vorgezogene Bundestagswahl ins Gespräch gebracht. Nach längerem Nachdenken kam der Kanzler zu dem Schluß: Ja, das ist der richtige Weg!

Aber weil Schröders-Köpfs Anwalt damals nicht gegen „Bild“, sondern gegen den „Stern“ vorging, sitzt nun eben das Magazin auf der Anklagebank — und die Zeitung berichtet entspannt, was „Münte“ aussagt: dass das, was der „Stern“ damals aus „Bild“ abschrieb berichtete, nicht stimmt.

Die Wahrheit über die Wahrheit über Superstars

Allan Garnelis hat es nicht geschafft. Im Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ ist er zwar weit gekommen, aber bei der Auswahl der besten 20 Sänger für die Liveshows hat ihn die Jury aussortiert.

Allan Garnelis hat es geschafft. In der „Bild“-Zeitung ist er heute groß auf die Seite 1 gekommen:

1. Kandidat packt aus! Die Wahrheit über Superstars: Die Finalisten stehen längst fest. Unser Jubel ist nur gespielt. Wir wurden sogar eingesperrt

Die „Wahrheit über Superstars“ fasst „Bild“ so zusammen: Beim Casting habe Garnelis erst „vor Ton-Ingenieuren vorsingen“ müssen. Im sogenannten „Recall“ mussten alle Kandidaten morgens aus dem Hotel auschecken, weil ja jeder im Laufe des Tages rausfliegen konnte — „so spart RTL Produktionskosten“, erklärt „Bild“. Weil die Freude mancher Teilnehmer „zu actionlos“ gewesen sei, hätten sich viele „auf Kommando“ noch einmal stärker freuen sollen. Und nachdem Garnelis ausgeschieden sei, habe er sich zum Heulen in eine Garderobe gesetzt, sei aber von der Kamera verfolgt worden. „Im ersten Moment dachte ich: ‚Verpisst euch‘.“

Soweit, so naja.

Wie aufregend die „Bild“-Zeitung selbst die Geschichte fand, kann man vielleicht daran ablesen, dass sie sie offenbar erst einmal liegen ließ. Das Freiburger Online-Magazin „Fudder“, auf das „Bild“ sich beruft, hat Garnelis‘ Erfahrungen schon vor drei Wochen veröffentlicht.

Dort lesen sie sich allerdings wesentlich unaufgeregter. Und die Enthüllung, dass die Finalisten schon länger feststehen, steht da gar nicht ausdrücklich, vermutlich weil das gar kein Geheimnis ist. RTL hat nie versucht zu verschweigen, dass diese Shows, wie üblich, aufgezeichnet sind. Gestern wusste das auch „Bild“ noch.

Dass die „DSDS“-Bewerber bei den Castings vor Ort nicht sofort vor der Jury singen, sondern erst von Mitarbeitern der Produktion getestet werden, ist auch keine Sensation. Bei „Popstars“ funktioniert das genauso, allein schon aus Zeitgründen.

Außerdem sagt Garnelis in „Fudder“ über den Moment nach dem Rauswurf, als die Kamera auf ihn zusteuerte:

„Der Umgang von denen war schon menschlich. Die müssen das nunmal machen. (…) Da hockt immer einer schräg unter der Kamera und stellt dir Fragen. Der war sichtlich ergriffen. Ich habe heute mehr mit den Leuten vom Team zu tun als mit den anderen Kandidaten.“

In „Bild“ war dafür kein Platz mehr.

Aber so, wie es bei „Fudder“ steht, wäre drei Wochen später vermutlich keine „Bild“-Seite-1-Geschichte mehr draus geworden.

Danke an Jörg W., Benjamin S., Timm H., Katharina M. und majestic!

PS: Bei „Spiegel Online“ liest und glaubt man „Bild“.

Kurz korrigiert (312)

Der Komponist Karel Svoboda ist tot. Und obgleich man zwar über Tote nur Gutes sagen soll, kann man eigentlich nicht behaupten, dass Svoboda auch „die Melodie zu ‚Wickie und die starken Männer‘ erfand“, wie „Bild“ heute behauptet.

Denn Svoboda schrieb zwar die Musik zur Serie. „Die Melodie“, also den Titelsong zu „Wickie und die starken Männer“, komponierte jedoch Christian Bruhn.

(Anders, aber genauso falsch, steht es bei Bild.de.)

Mit Dank an Martin R. und das „Fernsehlexikon“.

6 vor 9

Versuchter Rufmord
(jungewelt.de, Thomas Wagner)
Das Politmagazin Die Weltwoche diffamiert den Soziologen Jean Ziegler als Kuckucksei der Schweizer Wissenschaft (hier, aber nur für Abonnenten).

Bush ist kein jämmerlicher Versager mehr
(spiegel.de, Frank Patalong)
Hunderttausende von Web-Neulingen haben sich darüber gewundert, geärgert oder amüsiert: Mehr als drei Jahre lang führte die Suchanfrage „miserable failure“ unfehlbar zu George W. Bushs Biografie-Seite im Angebot des Weißen Hauses. Jetzt beendete Google den Spuk – und mehr als das.

„Die Autoren schreiben gerne und aus Leidenschaft für uns“ (+)
(taz.de, Felix Lee)
Wie der kleine Weblog „Spreeblick“ zum prämierten Kleinstunternehmen aufstieg.

Schweizer Wochensatire soll Junge anlocken
(persoenlich.com)
digestiv.tv mit den Medienpartnern Weltwoche und Keystone plant eine tägliche vierminütige Internetsatrire nach dem Vorbild von ehrensenf.de. Als Sprecherin soll ein bekanntes Gesicht auftreten. Ich tippe auf Melanie Winiger.

Sponto hat ein Identitätsproblem
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Der SPIEGEL-ONLINE-Avatar hat in der virtuellen Welt „Second Life“ erste Bekanntschaften gemacht: einen Avatar mit einer seltsamen Behinderung und einen Hyänenwolf. Außerdem kann Sponto inzwischen lachen – hat aber ein schwerwiegendes Identitätsproblem.

Schreiben für das Internet: 10 Tipps
(fudder.de, kus)
10 Tipps für journalistisches Schreiben im Internet aus dem Jahr 2000 (von hier).

Wichtig

Natürlich ist alles, was in der „Bild“-Zeitung steht, wichtig. Auch diese Geschichte über ein entführtes 4-jähriges Mädchen, das nun „nach 433 Tagen wieder in Berlin“ sei: sehr wichtig, keine Frage. Aber jetzt raten Sie mal, was „Bild“ selbst an der Geschichte „WICHTIG“ findet!

Sie kommen nie drauf, wetten?

6 vor 9

„Wir rütteln die Mainstream-Medien auf“
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Arianna Huffington, berühmte US-Bloggerin, lehrt die Regierung Bush das Fürchten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über Hillary Clintons größtes Problem – und verrät, wie Internet und Weblogs die Politik revolutionieren können.

Holtzbrinck: Online-Nutzer zahlen nicht für Inhalte
(welt.de, Ulrike Simon)
Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (?Handelsblatt?, ?Zeit?) macht derzeit Schlagzeilen mit dem Kauf von Internetfirmen Im Internet darf sich ein Medienunternehmen nicht an Erfolgen von früher orientieren, sagt Finanzgeschäftsführer Jochen Gutbrod, 43.

Kollaborativer Kokolores bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“
(netzjournalist.twoday.net)
„Der Leser schreibt mit“, hieß es vor zwei Wochen zum ersten Mal bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Anstatt einen Artikel nur zu drucken, haben wir ihn erst einmal ins Internet gestellt. Wir wollten wissen, ob die Leser dort vielleicht mehr wissen als wir“, schrieb „FAS“-Redakteur Jörg Albrecht.

„Wir sind nicht im Krieg, wir sind im Wahlkampf“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber und Marc Felix Serrao)
?Spiegel?-Chef Stefan Aust verspricht: ?Solange die mich nicht rausschmeißen, ist die Redaktion unabhängig.? Ein Gespräch über Journalismus und Macht.

Bescheidene Eigenleistung der Medien im Umgang mit PR
(persoenlich.com)
Am Freitag hat die Medienforschungsfirma Publicom an einer Medienkonferenz in St. Gallen eine Studie vorgestellt, die aufzeigt, wie stark Medien und PR miteinander verwoben sind. In gut der Hälfte der tagesaktuellen Berichterstattung über Medienkonferenzen kantonaler Behörden ist keinerlei inhaltliche Eigenleistung der Medien zu erkennen, wie Studienleiter René Grossenbacher ausführte. Die Autoren der vom BAKOM geförderten Studie rechnen mit einer weiteren Verschiebung der Stärkeverhältnisse zugunsten der PR.

Erschütternd ist das neue geil
(sueddeutsche.de, Alex ist der neue Rühle)
Nachdem gerade wieder mal jemand vor sich hin behauptet hat, leise sei das neue laut, haben wir im Archiv geschaut, was 2006 in deutschen Zeitungen und Blogs so alles das neue Irgendwas war. Das haben wir hier zusammengestellt und grafisch einsortiert.

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