„Bild“-Interview mit Marco W. ohne Einverständnis

Das Auswärtige Amt hat sich nach einem Bericht des „Spiegels“ bei den türkischen Behörden darüber beschwert, dass sie ein Interview mit dem 17-jährigen Marco W. zugelassen haben, der in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt. Weder der Jugendliche selbst noch sein türkischer Anwalt noch seine Eltern seien vorher um Genehmigung gebeten worden. Mit einigen veröffentlichten Äußerungen habe sich Marco W. möglicherweise selbst belastet.

Das Interview hatte die türkische Zeitung „Hürriyet“ für „Bild“ geführt. Es war, wie berichtet, offenbar erst auf Druck von* nach einem Gespräch mit „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann zustande gekommen.

*) Nachtrag, 10. Juni: Bitte beachten Sie unsere Korrektur beim Eintrag „Wie ‚Bild‘ in den türkischen Horror-Knast kam“.

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Der ehemalige Trainer von Hannover 96, Ewald Lienen, soll also versuchen, den Stürmer Thomas Brdaric nach Athen zu holen.

Ja, das ist ein Name, bei dem man es der Sport-Redaktion von „Bild“-Hannover wirklich nicht verübeln kann, wenn sie sich verbuchstabiert.

Andererseits…

Linien baggert an Brdaric

Danke an Markus für den Hinweis!

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„Bild“ schmückt „Todes-Video“-Märchen aus

[An manchen Tagen, nicht oft, sind sogar wir überrascht über die Chuzpe, mit der die „Bild“-Redaktion ihre Leser gezielt desinformiert. Heute ist so ein Tag.]

Aber die gute Nachricht zuerst. Die so genannte Dachzeile immerhin (also das, was über der großen Überschrift auf Seite 2 der heutigen „Bild“-Zeitung steht), die stimmt:

"Wirbel um die letzten Bilder von Jürgen W. Möllemann"

Der Wirbel bestand darin, dass „Bild“ gestern (wie berichtet) in großer Aufmachung Auschnitte aus einem Video gezeigt und behauptet hatte, es sei „jetzt bekannt geworden“, obwohl die Aufnahmen schon — wie sogar „Bild“ selbst wusste, aber verschwieg — seit 2003 bekannt waren. Vielleicht bestand der Wirbel auch darin, dass zunächst die Nachrichtenagentur dpa und dann auch alle möglichen anderen Medien (wie andernorts berichtet) auf eigene Recherchen verzichtet und die „Bild“-Behauptung („Todes-Video aufgetaucht!“) nachgebetet hatten, um sich im Laufe des Tages peu á peu eines Besseren belehren lassen zu müssen.

Insofern — und damit zur schlechten Nachricht — ist bereits die heutige Seite-2-Überschrift unter der „Wirbel“-Dachzeile eine Frechheit:

"Warum blieb das Todes-Video so lange unbekannt?"

Frech an dieser Frage ist nicht nur, dass „Bild“ gar keinen Versuch unternimmt, sie zu beantworten. Frech ist an der Frage vor allem, dass sie sich gar nicht beantworten lässt, weil — wie gesagt — das Video gar nicht „unbekannt“, äh, blieb. Es war vielmehr, wie „Bild“ immerhin gestern noch wusste, „Bestandteil der Ermittlungsakte“ zu Möllemanns Tod.

Aber es geht noch frecher. „Bild“ schreibt heute nämlich:

Nachdem BILD die letzten Bilder des FDP-Rebellen bei seinem Todessturz (Juni 2003) veröffentlichte, meldete sich gestern ein Mitglied aus Möllemanns Fallschirm-Verein in Marl (NRW):

Dave Littlewood behauptet, er habe das der Öffentlichkeit bislang unbekannte Video vor vier Jahren gedreht. Auch die Staatsanwaltschaft Essen meldete sich zu Wort.

Diese Sätze sind absurd. Der Fallschirmspringer Dave Littlewood „behauptet“ nicht, er habe, sondern Dave Littlewood hat. Gestern noch hatte „Bild“ geschrieben: „Dave L., einer der mitgesprungenen Fallschirm-Kameraden, filmte Möllemanns Todessprung mit einer Kamera.“ Zudem ist Littlewood als Urheber des Videos seit Möllemanns Tod bekannt. Das ist auch unstrittig. Selbst „Bild“ schrieb am 16. Juni 2003: „Dave Littlewood, einer der mitspringenden Kameraden, filmt das Geschehen mit einer Videokamera.“

Insofern „meldete“ sich Littlewood gestern aus gutem Grund. Er wehrt sich nämlich gegen den Verdacht, er habe „Bild“ das Video zugespielt: „Ich habe (…) niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben“, sagte er „Spiegel Online“ und prüfe deshalb rechtliche Schritte gegen „Bild“.

Infamerweise zitiert „Bild“ heute sogar selbst aus dem „Spiegel Online“-Bericht, verschweigt den „Bild“-Lesern jedoch dessen Anlass. (Die „Spiegel Online“-Überschrift lautete: „Videofilmer erwägt rechtliche Schritte gegen ‚Bild'“). Dass sich die Staatsanwaltschaft Essen ihrerseits nur deshalb zu Wort „meldete“, um zu erklären, dass das Video längst bekannt bzw. bereits 2003 ausgewertet worden sei, weshalb sich aus der gestrigen Veröffentlichung durch „Bild“ auch „keine neuen Erkenntnisse“ ergäben — das steht ebenfalls nicht in der „Bild“-Zeitung. Die beantwortet stattdessen lieber „die wichtigsten Fragen“…

Ach ja, eine dieser Fragen lautet: „Wie reagiert Möllemanns Familie?“ Als Antwort zitiert „Bild“ einen Vertrauten der Möllemann-Witwe:

„Es wird keine Äußerung seitens der Familie geben. (…) Der Schmerz hat sehr tief gesessen.“

Ob es sich dabei vielleicht um den Schmerz darüber handelt, dass „Bild“ ohne triftigen Grund und ohne irgendeinen tatsächlichen Erkenntnisgewinn Ausschnitte aus einem Video in die Öffentlichkeit zerrte, das den verstorbenen Ehemann unmittelbar vor dessen mutmaßlichen Selbstmord zeigt, lässt „Bild“ übrigens offen.

Übergangshomestory

Rechterhand sehen Sie die komplette letzte Seite der „Bild“-Zeitung vom Samstag, dem 19. Mai 2007. Sie besteht (vom „Liebe ist“-Cartoon und der Wettervorhersage abgesehen) komplett aus einer Folge der Christiane-Hoffmann-Serie „Zu Hause bei…“ Und Christiane Hoffmann schrieb:

Berlin, Rosa-Luxemburg-Straße. Die Glastür zum renovierten Haus (erbaut 1890) neben dem Hotel „Lux 11“ führt zum stählernen Sicherheitsaufzug. Per Key-Card (haben nur die Bewohner) geht’s in den 5. Stock, von wo man auf Rotes Rathaus, Alex, Platte guckt. Mark Medlock (28), neuer „Superstar“, seit zwei Wochen Gewinner der 4. Staffel von „DSDS“, hat hier sein neues, bereits voll möbliertes Zuhause gefunden. (…) Drei Sofas (lila Samt, weißes, schwarzes Leder), vier Sessel, offene Küche (Nussbaum plus „Siemens“) und Kamin, zwei Esstische sowie ein Porzellandrache (wiegt eine Tonne), der an der Wand kauert. (…)

„Superstar“ Mark Medlock (28) in seinen neuen vier Wänden. Auf dem Boden Schiefer, die Wände weiß. (…)

Rechterhand sehen Sie nun die komplette Seite 5 der Berliner „Bild“-Ausgabe vom gestrigen Freitag. Und unter der Überschrift „Superstar Mark Medlock — So bescheiden wohnt er in Charlottenburg“ heißt es nun:

Mark Medlock (28, „Now or never“) tauscht sein nobles 150-qm-Apartment in Mitte (BILD berichtete), das ihm von einem Hotel gesponsert wurde, gegen eine eigene Wohnung.
(Hervorhebung von uns.)

Kurz korrigiert (430)

Dana Horáková war mal Kultur-Ressortleiterin von „Bild“, Hamburger Kultursenatorin, und sie schreibt hin und wieder in „Bild“ das „Kulturstück“. Eine grundsätzlich begrüßenswerte Kolumne, die „Bild“-Lesern wohl kulturelle Themen näher bringen soll. Gestern schrieb Horáková über „Die Fenster von Frankfurt/Oder“, die, nachdem sie sich jahrzehntelang als „Beutekunst“ in sowjetischem und dann russischem Besitz befanden, wieder in der gotischen Marienkirche sind. Im Text heißt es:

"1943 haben Rotarmisten dieses Fenster als Kriegsbeute aus der Marienkirche in Frankfurt/Oder nach Russland verschleppt, seitdem hat es keiner gesehen."

1943? Wohl kaum. Da war die Rote Armee noch nicht mal annähernd in der Nähe von Frankfurt/Oder. Entsprechend wurden die Fenster erst 1945 nach Russland verschleppt. Das sollte man nicht nur als ehemalige Kultursenatorin wissen. Man kann es aber auch schön detailliert bei den Kollegen der „Welt“ nachlesen:

Die Chorfenster wurden zur Vermeidung von Kriegschäden im Herbst 1941 ausgebaut und zunächst in einer Gruft der Kirche gelagert. Im April 1945 wurden sie in das Neue Palais im Potsdamer Park Sanssouci verlegt. Im Juni gelangten sie in das sogenannte Kriegsbeutelager I der Roten Armee im Schlachthof Berlin-Lichtenberg. Mitte August 1945 wurden sie nach Leningrad, das heutige Sankt Petersburg, gebracht und seitdem dort in der Eremitage aufbewahrt.

Allgemein  

„Bild“ schlachtet altes Möllemann-Video aus

Die heutige „Bild“-Titelschlagzeile ist groß und vielversprechend:

"Möllemann -- Todes-Video aufgetaucht!"

Und auf Seite 2 heißt es dann:

"Ein Amateur-Video beendet alle Spekulationen: Möllemanns Todes-Sprung war Selbstmord"

Was „Bild“ heute zu dieser Schlagzeile bewogen hat, ist völlig unklar. „Bild“ schreibt:

Welches Geheimnis auch immer Möllemann mit ins Grab nahm: ES MUSS SELBSTMORD GEWESEN SEIN!

Nur diesen einen Rückschluss lässt ein Video zu, dass jetzt bekannt geworden ist.

Dave L., einer der mitgesprungenen Fallschirm-Kameraden, filmte Möllemanns Todessprung mit einer Kamera. Das Video, dass auch Bestandteil der Ermittlungsakte war, liegt BILD vor. Es dauert 15 Minuten und 41 Sekunden.

AUS DEM FILM ERGEBEN SICH KLARE HINWEISE, DASS DER FDP-REBELL DEN FREITOD SUCHTE (…).

Um es also ganz klar zu sagen: Aufgetaucht ist das Video nun offenbar in der „Bild“-Redaktion, die es sich vier Jahre, nachdem es die Staatsanwaltschaft auswertete, angeschaut hat — und nun, anders als die Staatsanwaltschaft vor vier Jahren, noch einmal wild drauflosspekuliert.

Und das, obwohl doch „Bild“ selbst schon am 16. Juni 2003, wenige Tage nach Möllemanns Tod, (wie viele, viele andere Medien auch) auf Seite 2 unter der Überschrift „Möllemann stürzte mit ausgebreiteten Armen in den Tod — Der Video-Beweis“ über das Video berichtet hatte. Damals hieß es in „Bild“:

Es gibt kaum noch einen Zweifel: Jürgen W. Möllemann verübte Selbstmord! Neue Zeugenaussagen und das Video eines Fallschirmspringers sprechen dafür, dass der Politiker am 5. Juni freiwillig in den Tod sprang. Die Staatsanwälte können den Todessprung jetzt genau rekonstruieren (…). Dave Littlewood, einer der mitspringenden Kameraden, filmt das Geschehen mit einer Videokamera. (…)

Heute nun endet der „Bild“-Bericht mit den zynischen Worten:

Jetzt endlich, nach vier Jahren, findet die Akte Möllemann ihren Frieden.

„Frieden“? Nun ja. Auf Sueddeutsche.de beispielsweise heißt es unter Berufung auf „Bild“:

"Möllemanns Todessturz: Video belegt Freitod-Theorie -- Fast vier Jahre nach dem Tod des früheren Vizekanzlers sind Amateur-Aufnahmen, die die Minuten vor und nach seinem Fallschirmabsturz zeigen, publiziert worden. Die Frage, ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelte, dürfte nun beantwortet sein."

Aber auch „Spiegel Online“, FAZ.net, Focus.de* und viele andere halten es für sinnvoll, die Spekulationen der „Bild“-Zeitung mehr oder weniger distanz- und kopflos weiterzuverbreiten. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur dpa in einer in sich widersprüchlichen Meldung fälschlicherweise behauptet, „Bild“ habe „ein weiteres [sic] Amateur-Video“ von Möllemanns Tod veröffentlicht.

Dpa berichtet jedoch inzwischen auch:

Die Staatsanwaltschaft Essen sieht nach einem neuen Bericht über ein Video vom tödlichen Fallschirmabsturz des früheren FDP-Politikers Jürgen Möllemann keine neuen Erkenntnisse. Das Video sei bereits im Ermittlungsverfahren zum Tod Möllemanns ausgewertet und anschließend dem Eigentümer zurückgegeben worden (…).

PS: Hans Leyendecker schrieb 17. Juni 2003 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Bekannten jenes Springers, der Möllemanns Ausstieg aus der Maschine festhielt, gehen davon aus, dass dieser auch mit Rücksicht auf die Familie den Film mit den letzten Sequenzen nicht verkaufen wird.“
 
 

*) Nachtrag, 14 Uhr: Nur der Vollständigkeit halber wollen wir hier noch einmal dokumentieren, was der „Focus“ (25/2003) vor vier Jahren exklusiv berichtete:

Das letzte Video. Die Tragödie filmt Sprungkamerad Dave Littlewood, der an jenem Donnerstag als Letzter die Propellermaschine verlässt. Sein Video soll nun die Frage klären: Freitod oder Unfall? Immer wieder schaut sich der Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke den Film an, seziert Standbild für Standbild. „Alles normal, nichts Ungewöhnliches zu entdecken.“ Der Fokus des Hobbyfilmers richtet sich zunächst auf einen Tandemsprung. Noch ist alles wie immer. Doch plötzlich zeichnet sich im Hintergrund die Katastrophe ab. Der blau-gelbe Schirm mit den Initialen JWM löst sich – ein Körper schießt in die Tiefe. „Weit im Hintergrund ist er auf dem Video zu erkennen. Als kleines schwarzes Pünktchen“, so Ermittler Reinicke. Nichts deutet auf Unfall hin. Ein Beleg für Manipulation fehlt. „Wir schließen aus, dass jemand vor dem Sprung auf Möllemann oder den Schirm eingewirkt hat“, konstatiert der Oberstaatsanwalt. (…) Nur 20 Sekunden nach dem Aufprall ist Bleckmann beim aufgeplatzten Körper seines Kameraden Jürgen. Die anderen Kollegen schreien: „Warum hier, warum hat er das getan?“ Die Uhr zeigt 12.38 Uhr.

Nachtrag, 15.30 Uhr: In einem zweiten Artikel zitiert „Spiegel Online“ (Überschrift: „MÖLLEMANNS TODESSPRUNG — Videofilmer erwägt rechtliche Schritte gegen ‚Bild'“) nun den Urheber des Möllemann-Videos, Dave Littlewood, der es nach eigenen Angaben „an einem sicheren Ort aufbewahrt“ habe:

Ich habe dieses Video nicht freigegeben und habe niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben. (…) Es wurde im Juni 2003 von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. (…) Nach circa vier bis sechs Wochen erhielt ich eine Kopie zurück. Das Original hat die Staatsanwaltschaft behalten.

Die Staatsanwaltschaft Essen hingegen gibt laut „Spiegel Online“ an, Littlewood das Original zurückgegeben zu haben. Und Littlewood prüfe nun wegen der Veröffentlichung rechtliche Schritte gegen „Bild“. Vom Verlag Axel Springer gebe es bislang keine Stellungnahme.

Nachtrag, 17 Uhr: Inzwischen hat sich Springer offenbar geäußert. In einer aktualisierten (und um kleine Fehler bereinigten) Fassung des „Spiegel Online“-Artikels heißt es: „Ein Sprecher des Verlags Axel Springer teilte auf Anfrage (…) mit: ‚Unsere Quelle hat uns vertraglich zugesichert, dass die Rechte an besagtem Video bei ihr liegen und sie darüber verfügen kann.'“

Mehr dazu hier.

6 vor 9

Die Gedanken der anderen
(faz.net, Olaf Sundermeyer)
Der Steuerzahler kommt dafür auf: Der ?Perlentaucher? ist auf einen Schatz gestoßen, den er umfassend vermarktet. Er macht das Interesse an den Zusammenfassungen der Gedanken anderer zu Geld. Ein Geschäftsmodell, das man grenzenlos ausweiten könnte.

Im Sog des medialen Populismus
(nzz.ch, Stephan Russ-Mohl)
Den öffentlichen Sendern droht weiterhin Profilverlust. Sie entwickeln sich zu überdimensionierten Unterhaltungsmaschinen, wie der Publizistikprofessor Stephan Russ- Mohl in einer kritischen Bilanz meint.

Gast-Chefredakteur
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Andreas Bernard)
Auf den ersten Seiten von Zeitschriften und Zeitungen gibt es derzeit ein häufig wiederkehrendes Foto. Es zeigt den Chefredakteur des Blattes mit einem Prominenten, dem die Produktion der Ausgabe übertragen worden ist.

Vielen Dank fürs Zeigen!
(freitag.de, Rosemarie Bölts)
Marke schlicht und ergreifend: 25 Jahre „Kunst und Krempel“ im Bayerischen Fernsehen.

„Das Aus von Cash und Facts ist ein Geschenk an die Weltwoche“
(persoenlich.com, David Vonplon)
Seit Donnerstag ist die Presselandschaft um zwei Stimmen ärmer: Mit dem Erscheinen ihrer letzten Ausgaben wurden Facts und Cash zu Grabe getragen. „persoenlich.com“ nimmt Abschied von den beiden Blättern, indem es jene zwei Exponenten zu Wort kommen lässt, die ihnen im letzten Jahrzehnt zur einer kurzen Blütezeit verholfen haben. „Mr. Cash“ Markus Gisler und Jürg Wildberger, erster Chefredaktor des Nachrichtenmagazin Facts.

Kinder fragen Politiker nach dem Internet
(sevenload.de, Video, 2:20 Minuten)

„Bild“-WM-Knaller explodiert mit Verspätung

Deutschland vor einem Jahr. Erinnern Sie sich? Wir waren schwarz-rot-geil, wegen der Hitze wollten alle einander nur noch duzen, und die „Bild“-Zeitung machte mit dem Angebot auf, für 99 Cent bei Lidl ein „köstliches Grafenwalder Premium-Pils“, „eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips“ und eine Deutschland-Fahne zu bekommen. „WM-Knaller“ hieß es. Alle waren ganz besoffen vor Glück, und der Presserat erklärte Beschwerden über die Aktion, die Verbraucherschützer einen „besonders krassen Fall von unlauterer Werbung“ nannten, kurzerhand für „offensichtlich unbegründet“.

Doch auch der geilste Sommer endet irgendwann, und ein hartnäckiger Beschwerdeführer legte beim Presserat Widerspruch gegen die Entscheidung ein. Er wies das Gremium auf diverse rechtsgültige Urteile in Sachen Schleichwerbung hin und erwähnte das Schleichwerbungsverbot im Gesetz. Eine relevante Täuschung liege bereits vor, wenn dem Leser eine entgeltliche Anzeige als redaktioneller Beitrag präsentiert werde, argumentierte er; Anzeigen müssten sich in Stil und Aufmachung von redaktionellen Beiträgen absetzen.

Das muss den Presserat irgendwie beeindruckt haben. Es wurde Herbst, und der Beschwerdeausschuss beschloss, die Sache zu behandeln. Es wurde Winter, und der Beschwerdeausschuss beschloss, die Sache doch lieber an das Plenum des Presserates abzugeben. Es wurde Frühling, und das Plenum des Presserates beschloss, die Beschwerde wieder an den Beschwerdeausschuss zurückzugeben.

Und nun ist es wieder Sommer, und der Beschwerdeausschuss hat sich zu einer Entscheidung durchgerungen. Sie ist einstimmig gefallen und lautet: „Bild“ hat mit der Veröffentlichung gegen die Ziffern 6 und 7 des Pressekodex verstoßen.

Nach Meinung des Gremiums gerät im vorliegenden Fall das Ansehen der Presse (Ziffer 6 des Pressekodex) in Gefahr, wenn eine werbliche Veröffentlichung, die redaktionell gestaltet ist, den redaktionellen Aufmacher auf der Titelseite ersetzt. Der Leser erwartet dort weder einen Eigenmarketingbeitrag noch Werbung.

Dadurch, dass an einer Stelle, an der sonst redaktionell berichtet wird, ein Eigenmarketingbeitrag veröffentlicht wurde, wird zudem die in Ziffer 7 des Pressekodex geforderte klare Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben.

Eine klare Kennzeichnung als „Anzeige“ habe gefehlt.

Noch im Jahr 2004, als „Bild“ mit Lidl in ähnlicher redaktioneller Aufmachung wie den „WM-Knaller“ auf Seite eins einen „Sommer-Knaller“ anbot („Doppelschlecken“ / „Heute Eis für alle — Eins kaufen, eins geschenkt!“), hatte der Presserat anders entschieden. Damals urteilte das Gremium, es sei „klar erkennbar, dass es sich bei dem Beitrag nicht um eine redaktionelle Berichterstattung, sondern um reine Werbung handelt“.

Weil der Presserat jetzt von der „bisherigen Spruchpraxis“ abwich, konnte er wegen der „WM-Knaller“-Schleichwerbung keine Rüge, sondern nur einen „Hinweis“ aussprechen.

Die Pressestelle der Axel-Springer-AG hat die Öffentlichkeit im vergangenen Jahr in einer Pressemitteilung informiert, dass die Beschwerde gegen die „Bild“-Lidl-WM-Aktion als „offensichtlich unbegründet“ zurückgewiesen worden sei. Die Information, dass der Presserat sein Urteil jetzt revidiert hat, scheint nicht ganz so dringlich zu sein.

Adel verpflichtet

Alexander von Schönburg schreibt in „Bild“ eine Kolumne namens „Royal“ über den Adel, gehört selbst zum Adel, und „Bild“ nennt ihn „Adels-Insider“ (siehe Ausriss). Jetzt hat der „Adels-Insider“ Otto von Habsburg besucht, den „Mann, der heute Kaiser wäre“, weil dieser ein Buch geschrieben hat. Und in einem kleinen geschichtlichen Abriss zu Anfang des Textes schreibt Alexander von Schönburg:

Franz Josephs Sohn, der junge Kaiser Karl I., regierte nur noch zwei Jahre, dann wurden die Habsburger abgesetzt.

Nun ja, mit Franz Joseph war das so: Franz Josephs einziger Sohn, Kronprinz Rudolf, hatte sich 1889 umgebracht, worauf Franz Josephs Neffe Franz Ferdinand Thronfolger wurde. Der wurde wiederum am 28. Juni 1914 von dem serbischen Nationalisten Gavrilo Princip in Sarajevo erschossen. Nach Franz Ferdinands Tod ging die Thronfolge dann auf dessen Neffen Karl I. über.

Oder einfach: „Sohn“ ist falsch.

Mit Dank an Anika H., Oenna und Natascha S. für den Hinweis.

Bild.de lässt neue C-Klasse alt aussehen

„Erste Eindrücke sind immer die besten“, schreibt bild.de und schwärmt in den höchsten Tönen von der neuen C-Klasse von Mercedes Benz.

„Falsche Eindrücke sind immer die peinlichsten“, hätte der Satz auch lauten können, denn von den elf Bildern in der dazugehörigen Galerie zeigen ganze drei (Nr. 1, 7 und 8) die neue C-Klasse. Auf allen anderen ist das Vorgängermodell abgebildet, wie man uns bei Daimler Chrysler bestätigte.

Auch das gewaltige Aufmacherbild zeigt die alte C-Klasse:

(Übrigens ist auch ein Multifunktionslenkrad, das laut bild.de nur im C 320 CDI und im C 350 vorhanden sein und sonst 119 Euro Aufpreis kosten soll, laut Mercedes-Preisliste serienmäßig — den Aufpreis kostet nur das „Komfort-Multifunktionslederlenkrad“. Und der C 350 hat keinen V8-Motor, sondern einen V6-Motor.)

Vielen Dank an Matthias B., Dominik R., Jesko S., Andreas W., Thomas N., Torben F., Daniel B., U. P., Christian R. und Markus K. für die Hinweise!

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