Bunte Stofffetzen

Die deutsche Nationalflagge sieht bekanntlich so aus:

Na ja, jedenfalls so ähnlich. Genau genommen ist das natürlich nur ein Ausschnitt der deutschen Flagge. Aber was soll’s, so eine Nationalflagge ist ja bloß ein Stück bunter Stoff.

Bei Bild.de ist man offenbar tatsächlich dieser Auffassung und hat einfach mal die australische Flagge ein bisschen beschnitten (siehe Ausriss rechts). Deshalb fehlen halt ein paar Sterne auf „Australiens führendem nationalen Symbol“. Oder anders ausgedrückt: Es fehlt das dritte Element der aus drei Elementen bestehenden australischen Flagge, nämlich das Sternbild Kreuz des Südens.

Aber immerhin hat Bild.de bei Australien wenigstens grundsätzlich die richtige Flagge erwischt. Anders als bei England, äh, England:

Mit Dank an Wolfgang H. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.38 Uhr: Der diensthabende Flaggenkundler von Bild.de hat inzwischen kurz reingeschaut und die australische Flagge seitlich ein wenig gequetscht, so dass das Kreuz des Südens jetzt vollständig zu sehen ist. Außerdem hat er den Union Jack durch die englische Flagge ersetzt.

Das Handwerk des Peter Heinlein

Dirk Merbach ist zwar Art Director der „Zeit“, aber viel toller findet er eigentlich die „Bild“-Zeitung.

Klingt erstaunlich? Steht aber so in der Medienkolumne „Der Heinlein“, die Peter Heinlein für die Hamburger Ausgabe der „Bild“-Zeitung schreibt. Heinlein hat dafür in dieser Woche ein Interview Merbachs mit der Design-Zeitschrift „Page“ ausgewertet.

Er schreibt:

(…) Die tägliche Gestaltung von BILD, findet Merbach übrigens „meisterhaft“, spricht von „grandiosen“ Schlagzeilen. Merbach: „Was Visualisierung angeht, das Zusammenspiel von Zeilen und Bildern, hat BILD nun mal die besten Handwerker.“

Okay, dann reden wir jetzt mal über das Handwerk, Zitate so geschickt ihres Zusammenhangs zu entledigen, dass das Wesentliche ungesagt bleibt — auch da beschäftigt „Bild“ wahre Meister. Merbach sagte gegenüber „Page“ nämlich unter anderem dies:

„Was Visualisierung angeht, das Zusammenspiel von Zeilen und Bildern, hat BILD nun mal die besten Handwerker. Das Wertegerüst einmal weggelassen, ist das zum Teil meisterlich. Zeilen wie ‚Wir sind Papst‘ sind schon grandios. Ich finde es richtig und wichtig, dass Boulevardzeitungen in Designwettbewerben Beachtung finden. Wo es um die Umsetzung von Ideen geht, muss man anerkennen, was die leisten, von der mangelnden inhaltlichen Erträglichkeit abgesehen.

Hervorhebungen von uns.

So. Und jetzt zum Vergleich die Überschrift, die „Bild“ Merbachs Aussagen verpasste:

Mit ähnlicher Technik erweckt Heinlein auch den Eindruck, der Artdirektor der „Zeit“ habe ein sehr gespanntes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Gegenüber „Page“ hatte Merbach auf die Frage, wie die Titelbilder in der „Zeit“ entstehen, gesagt:

In Zusammenarbeit mit der Chefredaktion. Das beschäftigt mich oder den stellvertretenden Artdirektor manchmal die ganze Woche und ist recht kräftezehrend, zumal übers Wochenende oft noch zwei Titelthemen stehen. „Die Zeit“ hat eine sehr ausgeprägte Diskussionskultur. „Diese Zeitung wird zusammengequatscht“ — so hat Michael Naumann, einer unserer Herausgeber, mal treffend formuliert.

„Bild“-Handwerker Heinlein schnitzt sich daraus diese Aussage:

[Merbach erzählt] von Kräfte zehrenden Diskussionen mit der Chefredaktion des Blattes und zitiert Herausgeber Michael Naumann: „Diese Zeitung wird zusammengequatscht.“

Handwerk hat goldenen Boden: Mit solcher Kunstfertigkeit kann Heinlein aus jedem Zitat alles machen. Oder wie es das Redaktionsblog von „Page“ zusammenfasst: „grandios irreführend“.

Kurz korrigiert (116)

Eine Anmerkung der Redaktion (gern als „Anm. d. Red“ oder schlicht „d. Red.“ abgekürzt) soll gemeinhin zum besseren Verständnis eines abgedruckten O-Tons o.ä. beitragen. Nicht so in der „Bild am Sonntag“. Dort „verrät“ der WM-Torschütze Philipp Lahm nicht nur, dass er sich nass rasiere, Zahncreme von Odol und Haargel von L’Oreal benutze, sondern auch:

„Mein Lieblingssänger ist aber Jack Johnson (aus Australien, d. Red.).“
(Hervorhebung von uns.)

Dumm nur, dass Lahms Lieblingssänger Jack Johnson bekanntermaßen nicht „aus Australien“ ist, sondern Amerikaner, der auf Hawaii aufwuchs und dort bis heute lebt.

Mit Dank an Maria, Jan D. und Thomas M. für den Hinweis.

HMV verwechselt ASJ

Hugo Müller-Vogg, der für die „Bild“-Zeitung so etwas wie eine politische Variante der „Ich weiß es!“-Kolumne schreibt, war schon ganz dicht dran, als er in seiner „Wochenvorschau“ behauptete, dass Brigitte Zypries ein „echtes Alternativprogramm“ zum Eröffnungsspiel der Fußball-WM absolviere. Irgendwer hatte ihm wohl erzählt, dass die Justizministerin bei einer Veranstaltung der „ASJ“ sei, und Müller-Vogg folgerte:

Sie spricht bei der Arbeiter-Samariter-Jugend in Darmstadt.

Nur handelte es sich um eine ganz andere „ASJ“: die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen.

Danke an Marc W.!

Noch ist Polen nicht verloren

Die „Bild“-Zeitung, die bei dieser Fußball-WM nach Einschätzung ihres Sportchefs Alfred Draxlers „wie bei jedem Turnier das absolut führende Medium“ sein wird, schreibt nach dem ersten Spieltag:

(…) Polen ist fast schon verloren. Unsere Elf könnte unseren Nachbarn mit einem Sieg am Mittwoch in Dortmund schon nach Hause schicken.

Nein, das könnte unsere Elf nicht. Auch wenn Polen gegen Deutschland verliert, bedeutet das nicht automatisch das Aus. Wenn Ecuador seine beiden nächsten Spiele verliert und Polen gegen Costa Rica hoch gewinnt, könnte Polen noch den rettenden zweiten Gruppenplatz erreichen*.

Nachvollziehen lässt sich das unter anderem mit den interaktiven WM-Planern, die an verschiedenen Stellen kostenlos herunterzuladen sind.

Und sogar der nach wie vor fehlerhafte Bild.de-WM-Planer, der die Punkte für Ecuador teilweise nicht richtig berechnet, kommt hier zum korrekten Ergebnis:

Danke an Max W. und die vielen Hinweise zu diesem und anderen WM-Planern!

*) Vgl. offizielles Reglement der FIFA (PDF-Dokument, Seite 40).

Symbolfoto XXXIX

Nun denn. Nachdem am Mittwoch offiziell bekannt wurde, dass das Bundesverkehrsministerium den Bau der Hamburger U-Bahnlinie U4 mit 113,5 Millionen Euro fördern wird, berichtete natürlich auch „Bild“-Hamburg. Man könnte auch sagen, „Bild“ hatte aus einer Pressemitteilung eine kleine „Bild“-Meldung gemacht. Warum auch nicht? Schließlich war und ist der Bau der U-Bahn ebenso umstritten wie die Streckenführung.

In der Pressemitteilung allerdings, aus der „Bild“ die kleine Meldung gemacht hat, heißt es zum geplanten Trassenverlauf:

„Die U4 fädelt sich unterirdisch aus der U2 an der Haltestelle Jungfernstieg aus und schwenkt dann nach Süden bis zum Überseequartier und weiter in die Versmannstraße.“
(Hervorhebung und Link von uns.)

Doch „Bild“ hat (anders als etwa ihre Schwesterzeitung „Die Welt“) auf diesen Satz verzichtet und die kleine Meldung stattdessen lieber hübsch bebildert — und zwar so:

Und das, obwohl sich der Hamburger Senat doch schon im Jahr 2004 die Mühe gemacht hatte, die „Ausschlusskriterien für eine oberirdische Ausfädelung“ näher zu erläutern.

Mit Dank an den Hinweisgeber (auch für den Scan).

Wie Hans Leyendecker erfuhr, wie „Bild“ arbeitet

Es ist, einerseits, nicht gerade ein Foto, das man als renommierter Journalist und leitender Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) von sich in der Zeitung sehen will: etwas dümmlich grinsend und mit einem Sturmgewehr in der Hand. Es ist, andererseits, nicht gerade ein Thema, das die Massen bewegt: irgendein peinliches Foto von irgendeinem Journalisten.

Weshalb sich heute morgen viele „Bild“-Leser die Frage gestellt haben dürften, warum ihre Zeitung aus diesem Thema und einem elf Jahre alten Foto einen Seite-2-Artikel erklecklicker Größe gemacht hat (siehe Ausriss). Hans Leyendecker, der „SZ“-Mann auf dem Foto, fällt gegenüber dem „Tagesspiegel“ nur diese Antwort ein:

„Ich vermute, dass ich in irgendein Zwielicht gerückt werden soll.“

Er habe in der vergangenen Woche den „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann angerufen und ihn darauf hingewiesen, dass „ein wegen Volksverhetzung verurteilter so genannter Esoteriker, der die Judenvernichtung verharmlost, von ‚Bild‘ als so genannter Experte für einen Rückführungstest eingesetzt wurde“. Unmittelbar danach habe sich ein „Bild“-Reporter bei ihm gemeldet und eine „unangenehme Frage“ nach dem kompromittierenden Foto gestellt.

Am vergangenen Freitag berichtete die „Süddeutsche Zeitung“, die von Leyendecker auf das Thema aufmerksam gemacht wurde, über den Fall des Volksverhetzers Trutz Hardo als „Bild“-Mitarbeiter. Und heute berichtet „Bild“ über Hans Leyendecker.

Ein sachlicher Grund dafür ist nicht offensichtlich, denn die Geschichte ist alt. Dass Leyendecker in Kolumbien mit dem Gewehr fotografiert wurde, hatte im Zusammenhang mit dem Skandal um die Beschattung von Journalisten durch den BND am 27. Mai 2006 schon die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. Und auch das Foto selbst ist längst bekannt: Schon am 10. November 1997 hatte es der „Focus“ gezeigt. Leyendecker, zuvor beim „Spiegel“, klagte gegen den Bericht.

Um warum veröffentlicht „Bild“ dasselbe Foto acht Jahre später noch einmal? Als Drohung, vermutet Leyendecker und fügt hinzu:

Bislang hatte ich nur von solchen „Bild“-Arbeitsweisen gehört.

„Bild“-Chefredakteur Diekmann bestreite jeden Zusammenhang.

Kurz korrigiert (115)

„Eichmann führte Protokoll bei der berüchtigten Wannsee-Konferenz (1942), auf der die Nazi-Diktatur die ‚Endlösung der Judenfrage‘ beschloß.“

Tatsächlich? Nein. Denn anders als Paul C. Martin heute in „Bild“ en passant zu behaupten weiß, wurde die „Endlösung der Judenfrage“ bekanntlich nicht auf der Wannsee-Konferenz beschlossen.

Mit Dank an Christian J. für den Hinweis.

Billiger geht’s nicht

So wie rechts sah gestern die Titelseite der „Bild“-Zeitung aus. In ihrem Aufmacherartikel warb sie für ein Angebot des einschlägig bekannten Discounters Lidl: Man solle in eine der „über 2600 Lidl-Filialen“ gehen und einen Coupon aus der „Bild“-Zeitung an der Kasse abgeben, dann werde man für 99 Cent einen Six-Pack „köstliches Grafenwalder Premium-Pils“, „eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips“ und eine Deutschland-Fahne bekommen.

Die Tageszeitung „taz“ stellte daraufhin eine naheliegende Frage: Muss man über eine solche Anzeige nicht „Anzeige“ schreiben? Sie bekam unterschiedliche Antworten:

Volker Nickel, Geschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft, sagte, ja, das Wort „Anzeige“ fehle.

Carel Mohn, Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, sagte, Springer verstoße zur Gewinnmaximierung bewusst gegen das Gesetz — das sei ein „besonders krasser Fall von unlauterer Werbung“.

Tobias Fröhlich, Sprecher der „Bild“-Zeitung, sagte, hier werde gegen gar nichts verstoßen — das sei „eine Aktion der Zeitung für ihre Leser mit einem Partner und als solche klar erkennbar“.

Nur als was die Aktion klar erkennbar sei, als Werbung, als redaktioneller Beitrag oder als lustige Mischform, scheint der „Bild“-Sprecher der „taz“ nicht gesagt zu haben.

Danke an Franz T. und viele andere!

Nachtrag, 27.7.2006: Der Presserat teilt die Einschätzung der Verbraucherzentralen und der Werbewirtschaft nicht. Wie man in einer Pressemitteilung der Axel Springer AG nachlesen kann, hat der Presserat „drei Beschwerden gegen BILD als offensichtlich unbegründet zurückgewiesen“. In der uns vorliegenden Begründung heißt es, mit der der Lidl/“Bild“-Aktion werde der „Grundsatz der klaren Trennung von Werbung und Redaktion nicht verletzt“. Laut Presserat handelt es sich vielmehr um zulässiges „Eigenmarketing“.

Mit Dank an Tobias F. für den Hinweis.

Blättern:  1 ... 664 665 666 ... 790