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Da nich‘ für

Ist es nicht erstaunlich, wie flexibel manch ein Unternehmen zuweilen reagieren kann? Gestern noch „Exklusiv in BILD: Der Mehr-Lohn-Antrag“ zum Ausfüllen und zur Vorlage an den Chef mit dazugehörigem Seite-1-Aufmacher, heute schon meldet „Bild“ den Erfolg ihrer „großen“ Aktion:

"Dank BILD! Erste Chefs erhöhen Lohn"

Fünf „Chefs“ hat „Bild“ gefunden, die angeblich „jetzt“ und „Dank BILD!“ die Gehälter erhöhen:

(…) weil Mitarbeiter mit dem BILD-Formular mehr Geld gefordert haben.

So steht es jedenfalls auf der Seite 1. Und im Seite-2-Text schreibt „Bild“ nochmal:

Nach der großen BILD-Aktion mit dem „Mehr-Lohn-Antrag“ meldeten sich jetzt erste Firmenchefs, die sagen: Ja, jetzt gibt es mehr Geld für meine Mitarbeiter (siehe Umfrage).

So schnell geht das? Und alles wegen „Bild“? Konnten wir uns ehrlich gesagt nicht vorstellen und haben vorsichtshalber mal nachgefragt, was es mit den Prämien, Bonus-Zahlungen und Extra-Gehältern, von denen „Bild“ heute berichtet, so auf sich hat. Bei drei Firmen konnte oder wollte man uns jedoch keine Auskunft darüber geben, wann die Lohnerhöhungen oder Bonus-Zahlungen beschlossen wurden. Und in einer davon soll es nach unseren Informationen sogar noch nicht mal feststehen, ob es überhaupt mehr Geld für die Mitarbeiter gibt und wenn ja, wie viel. Aber sei’s drum.

Der Hamburger Dönerproduzent Celik Döner jedenfalls zahlt angeblich „Dank BILD!“ 300 Euro „Extra-Weihnachtsgeld“ und erhöht die Löhne ab Januar 2007 um 3-5 Prozent (siehe Ausriss). Auf die Frage, wann das beschlossen worden sei, und ob es da einen Zusammenhang zum gestrigen „Bild“-Artikel gebe, sagt uns Ertan Celik:

Das haben wir vor etwa sechs Wochen beschlossen. Mit „Bild“ hat das nichts zu tun.

Ähnlich sieht es bei der Stollenbäckerei Dr. Quendt aus. Dort soll es „Dank BILD!“ ein erfolgsabhängiges 13. und 14. Monatsgehalt geben, sowie eine Extra-Gratifikation (siehe Ausriss). Auf die Frage, seit wann es das gebe, erklärt uns Matthias Quendt:

Das haben wir letztes Jahr auch schon gezahlt. Das System gilt bei uns im Haus seit 2000.

Und dann ist da noch Peter Pohl vom Fernsehsender „Help TV“. Hier kann „Bild“ ausnahmsweise den Foto-Beweis antreten, der zumindest belegt, dass Pohl das „Mehr-Lohn-Formular“ aus der gestrigen „Bild“ in der Hand hält (siehe Ausriss). Neben ihm steht seine Sekretärin. Die „beantragte 200 Euro mehr im Monat“, schreibt „Bild“. „Help TV“, bei dessen Geschäftsmodell Bild.de erst kürzlich „Abzocke“ witterte, haben wir nicht gefragt. Das war auch nicht nötig. Schließlich schreibt „Bild“ selbst über die Lohnforderung:

Der Chef überlegt noch …

Gesagt ist gesagt?

Manchmal lässt sich ganz eindeutig dokumentieren, wie „Bild“ ein Zitat verfälscht. Bei diesem „Bild“-Artikel vom Montag über den Grünen-Parteitag zum Beispiel:

Auf ihrem Parteitag in Köln stauchten die Delegierten ihre Parteispitze fröhlich zusammen: Claudia Roth sackte bei der Wahl zur Vorsitzenden auf 66 Prozent (minus 11). Noch schlimmer traf's Reinhard Bütikofer: 72 Prozent (minus 13!). Roth fauchte: 'Wir bieten uns nicht an wie Sauerbier!'

Die „Bild“-Zeitung gibt ihren Lesern nur eine Möglichkeit, das Zitat von Claudia Roth zu interpretieren: als pampige Reaktion auf das schlechte Wahlergebnis.

Diese Interpretation ist ohne jeden Zweifel falsch. Claudia Roths Satz bezieht sich keineswegs, wie „Bild“ suggeriert, auf ihr schlechtes Wahlergebnis, sondern auf mögliche Koalitionen. Vollständig lautet er nämlich so:

„Wir hecheln anderen Parteien nicht hinterher, wir bieten uns nicht an wie Sauerbier.“

Dass Claudia Roth den Satz nicht so gemeint haben kann, wie „Bild“ behauptet, ist offensichtlich und muss auch „Bild“ bekannt gewesen sein. Sie sagte ihn nämlich nachweislich am Freitag. Das schlechte Wahlergebnis bekam sie aber erst am Samstag.

Und man möchte sich nun gar nicht ausmalen, wie „Bild“ mit Zitaten umgeht, die nicht so gut dokumentiert sind.

Vielen Dank an Martin M.!

Kurze Zwischenfrage

Wir suchen einen Artikel, der vor einigen Wochen in „Bild“ Aachen erschienen ist. Wer hat Zugang zu einem Archiv und kann uns dabei helfen? Bitte melden unter: aachen@bildblog.de.

Vielen Dank!

Danke an alle für die Mithilfe — hat sich erledigt!

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Michael Ringier ist Medienmanager des Jahres
(persoenlich.com)
Welche Medienmanager haben in der Schweiz 2006 am meisten bewirkt? Die „persönlich“-Redaktion hat sich zum Jahresende die wichtigsten Player nochmals genauer angeschaut und eine Klassifizierung vorgenommen.

Weblogs: Klassische Medien thematisieren neue Kommunikationsform
(ausschnitt.de)
Medienanalyse zur Berichterstattung über Weblogs in Print- und Onlinemedien belegt: Tageszeitungen beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema Weblogs.

Die Profis von nebenan
(taz.de, Martin Reichert)
Sie wollten schon immer „was mit Medien“ machen? Kein Problem: Die Nachrichtenagentur Reuters vermarktet nun gemeinsam mit dem Internetportalbetreiber Yahoo Amateurfotos. Hat das Zukunft?

10 Thesen über die Süddeutsche Zeitung
(spreeblick.de, Malte)
welcome to angst.

„In Wirklichkeit ein staatliches Medium“
(standard.at, Harald Fidler)
Der ORF ist nicht allein mit 60 Konkurrenzsendern in einem kleinen Land. Ungarns TV-Chef Zoltán Rudi hat noch ein Problem: Die Regierung bestimmt direkt sein Budget.

Was kommt nach dem PageRank?
(blog.blogscout.de)
Ich gebe es zu, der Titel ist extra reißerisch gewählt. Aber ich habe eine gute Entschuldigung (hoffe ich zumindest): spielwiese.blogscout.de.

Bild.de falscher als „Wiki-Fehlia“

In einen aktuellen Artikel über die „von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee geforderte Verdoppelung der Bußgelder“ hat Bild.de auch einen „Mehr zum Thema: Alle Infos zum Klimawandel“-Kasten eingebaut, der sich zunächst mit der Frage befasst:

„Was ist CO2 und woher kommt es?“

Erstaunlicherweise gleicht die Bild.de-Antwort in großen Teilen einem entsprechenden Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia, das von „Bild“ und Bild.de unlängst mehrere Tage „Wiki-Fehlia“ genannt und als „unzuverlässig“ dargestellt wurde. Genauer gesagt, weicht die Bild.de-Erklärung nur an einer einzigen Stelle vom Wikipedia-Text ab. Aber sehen Sie selbst:

Bild.de Wikipedia
Kohlenstoffdioxid (CO2) ist eine chemische Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff. Es ist ein natürlicher Bestandteil der Luft (Anteil: etwa 0,04 Prozent). CO2 entsteht beim Verbrennen von kohlenstoffhaltigen Substanzen unter ausreichendem Sauerstoff, aber auch im Organismus von Lebewesen als Produkt der Zellatmung. Kohlenstoffdioxid (…) ist eine chemische Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff (…). Es ist mit einer Konzentration von ca. 0,04 % (…) ein natürlicher Bestandteil der Luft und entsteht sowohl bei der vollständigen Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Substanzen unter ausreichendem Sauerstoff als auch im Organismus von Lebewesen als Kuppelprodukt der Zellatmung.
Technisch gewinnt man Kohlendioxid durch Verbrennen von Koks mit überschüssiger Luft oder als Nebenprodukt beim Kalkbrennen. Kohlendioxid kommt in Feuerlöschern und Klimaanlagen zum Einsatz. (…) Technisch gewinnt man Kohlendioxid durch Verbrennen von Koks mit überschüssiger Luft oder als Nebenprodukt beim Kalkbrennen (…). Kohlendioxid kommt auch in Feuerlöschern zum Einsatz (…) In zunehmendem Maße kommt Kohlendioxid (…) in Klimaanlagen zum Einsatz. (…)

(Hervorhebungen von uns.)

Mit Dank auch an Ralf S, Alexander F. und Jörg N.

Nachtrag, 6.12.2006. Auch ’ne Lösung: Bild.de hat den „Mehr zum Thema“-Kasten im Artikel durch ein „Auto-Bild“-Video von der „Essen Motor Show 2006“ ersetzt, den „Mehr zum Thema“-Kasten selbst aber so belassen, wie er ist.

6 vor 9

Kerners Jahr der deutschen Einheit
(faz.net, Jörg Thomann)
Ein Jahr ohne Krieg, ohne Papstreden und ohne Islamismus-Gefahr: Als erster Fernsehsender hat das ZDF 2006 für beendet erklärt und Johannes B. Kerner Bilanz ziehen lassen. Ein Abend mit Rotwein, Fußball – und gespenstischen Momenten.

Gerd Manthey: „Weblogger sind Journalisten – Willkommen in der dju“
(typo.twoday.net)
Gerhard Manthey, Mediensekretär verdi Stuttgart, Eröffnungsrede zum Journalisten-Tag Baden-Württemberg.

Der Groberhauser
(extradienst.at, Josef Neumayr)
Mit 1. Jänner 2007 wird Elmar Oberhauser zum wichtigsten News-Maker des Landes: als Informations-Direktor des ORF. ExtraDienst hat dem Bären beim beharrlichen Aufstieg auf die Pranken geschaut.

Der Blasse
(tagesspiegel.de, Bernd Gäbler)
?Tagesthemen?: Tom Buhrow weckte Erwartungen – erfüllt hat er sie noch nicht.

Ein bisschen Spass muss sein
(weltwoche.typepad.com, Güzin Kar)
Heute früh landet eine mail mit Interviewfragen bei mir. Noch bevor ich das File öffne, weiss ich, was die erste Frage ist: «Sie sind in der Türkei geboren. Wie verträgt sich Ihr Humor mit Ihrem kulturellen Hintergrund?». Ich öffne das File. Bingo.

„Ich bin wieder ein richtiger Patriot“
(zeit.de, Christoph Ruf und Daniel Theweleit)
Der Bosnier Sergej Barbarez spielt seit 15 Jahren in Deutschland Fußball. Seither scheiden sich an ihm die Geister: Ist er ein unheilbarer Querulant oder ein Mann mit starkem Rückgrat? Der 35-jährige Angreifer von Bayer Leverkusen über die Religionskriege in seiner Heimat, den Rücktritt aus der Nationalelf und seinen Wunsch, Trainer zu werden.

Wird passend gemacht

„Es ist die Pop-Sensation des Jahres!“

Das waren die Worte der „Bild“-Zeitung vom 20. November, als das Blatt ankündigte, dass „Deutschlands angesagteste Band“ anderthalb Wochen später „exklusiv nur für BILD-Leser“ ein Gratis-Konzert in Neubrandenburg geben werde.

Am 22. November dann meldete „Bild“:

„Schon nach wenigen Stunden haben sich gestern zigtausend Fans für die Verlosung der 5000 Karten angemeldet.“

Und heute nun, drei Tage nach der „Pop-Sensation des Jahres“, meldet „Bild“ Vollzug (siehe Ausriss): „Super Stimmung und viele strahlende Gesichter“ haben die „Bild“-Reporter am Freitagabend in Neubrandenburg entdeckt: „Kein Weg war den kleinen Anhängern zu weit, um ihre Idole im ‚Jahn Sport Forum‘ live zu erleben (…).“

Merkwürdig nur, dass „Bild“ nun „3000 Kinder“ glücklich gemacht haben will, wiewohl doch, wir erinnern uns, „zigtausend Fans“ für die „5000 Karten“ angemeldet waren. Ein Tippfehler?

Eher nicht. Schon am Morgen nach dem Konzert meldete die Nachrichtenagentur dpa:

„Das Benefizkonzert der Pop-Band ‚Tokio Hotel‘ ist am Freitagabend ohne das befürchtete Chaos in Neubrandenburg über die Bühne gegangen. Statt der erwarteten 5000 Fans kamen nur rund 2500 meist 10 bis 14 Jahre alte Mädchen in elterlicher Begleitung in die Stadt (…), teilte die Polizei am Samstag mit.“

„Tokio Hotel: Fans, wo wart ihr?“ überschreibt denn auch Viva.tv einen Bericht über die vermeintliche „Pop-Sensation“. Und Bild.de? Feiert den bedauerlichen Charity-Flop mit einem großen „Seite 1“-Teaser unbeirrt als:

Apropos Fauxpas

Kurz vor Ende der Bewerbungsfrist haben wir dann doch noch einen neuen Favoriten für den Preis der peinlichsten Zurschaustellung eigener Ahnungslosigkeit in einem Online-Artikel 2006.

Country-Sängerin Dolly Parton ist mit den Kennedy Center Honors ausgezeichnet worden, und Bild.de ist ehrlich erschüttert:

Pardon, Frau Parton! Aber wie sehen Sie denn aus?

Ganz schlimmer Mode-Fehlgriff bei Dolly Parton (60). (…) Im bauchnabeltief ausgeschnittenen, weißen Flitter-Fummel sah der scheinbar alterslose Star aus wie sein eigenes Püppchen (…). Nicht zu vergessen das Regenbogen-Band, das ihre zwei Doppel-Dollys dezent in Szene setzte.

Alles in Allem: Schreeecklich! Ein kleiner Tipp: Liebe Frau Parton, eine Auszeichnung fürs Lebenswerk bekommt man nur einmal. Und darum sollte man sich auch wenigstens einmal dem Anlass entsprechend kleiden!

Ein kleiner Tipp, liebe Bild.de-Redaktion: Das peinliche Regenbogenband, das Frau Parton sich scheinbar zur Betonung ihres Bauchnabels ihrer Brüste umgehängt hat, ist dem Anlass der Preisverleihung ganz außerordentlich entsprechend.

Öhm, wie bringen wir Ihnen das jetzt schonend bei?

DAS BAND IST DER VERDAMMTE PREIS!

Danke an Bernhard W. für den Hinweis!

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