Bild.de führt Leser in die Irre (Wiedervorlage)

So einfach ist das. Rund zwei Monate lang, seit dem Relaunch Ende Februar, hatte Bild.de mit den lustigen Reitern oben auf jeder Seite redaktionelle und werbliche Inhalte gemischt und gegen ein Urteil des Berliner Landgerichtes verstoßen. Seit heute nachmittag tragen all diejenigen Reiter, die zu reinen Werbeseiten führen, den Hinweis „Anzeige“.

Vorher:

Nachher:

Was ist zwischen diesen beiden Screenshots passiert? Nur dies.

Und um einen Satz zu wiederholen, den wir schon einmal geschrieben haben: Wenn der Weg zu einem Online-Angebot Bild.de, das dem Gesetz und den behaupteten eigenen Ansprüchen genügt, darüber führt, dass erst jeder einzelne Verstoß öffentlich gemacht werden muss, wird es ein langer Weg.

Es wird ein langer Weg.

„Bild“ benutzt Kinder für Recherchen

Manchmal, da stehen „Bild“-Reporter einfach nur einen ganzen Tag lang auf einem Friedhof in Berlin-Zehlendorf vor dem Grab von Bubi Scholz und warten, dass irgendwer vorbeischaut, um hinterher auf einer halben Zeitungsseite mehrere Fotos des Scholzschen Grabsteins („10 Uhr“, „12 Uhr“, „15 Uhr“, „18 Uhr“) abzudrucken und dazuzuschreiben:

„Gestern wäre die Box-Legende 76 Jahre alt geworden. Niemand besuchte des Grab. (…) BILD war von 7.30 bis 18 Uhr vor Ort. (…) Von 7.30 bis 18 Uhr kam kein Besucher.“

Manchmal machen „Bild“-Reporter aber auch andere Dinge…

…kleine Kinder ansprechen zum Beispiel: Vor knapp einem Monat etwa berichtete die „Süddeutsche Zeitung“, ein „Bild“-Reporter habe am Tor des Hauses von Günther Jauch geklingelt und durch den Zaun Jauchs neunjährige Tochter befragt, die aus der Tür getreten sei, was ein „Bild“-Sprecher mit den Worten dementierte: „Aber vielleicht hat er ja ‚Guten Tag‘ gesagt.“

Und in Zusammenhang mit dem bei einem Bombenattentat im ägyptischen Dahab getöteten Jungen aus Tübingen schreibt das ortsansässige „Schwäbische Tagblatt“ heute über den begleitenden Presserummel:

„In einem Fall schreckte ein Journalist laut einem Elternbericht nicht davor zurück, Kinder, die gerade alleine zu Hause waren, mit der Suche nach einem Foto des getöteten Jungen zu behelligen. Der Journalist gab sich den Kindern gegenüber als TAGBLATT-Mitarbeiter aus. Dem Presseausweis zufolge*, den sich der später hinzugekommene Vater zeigen ließ, arbeitet er für die Springer-Presse.“

Beim „Tagblatt“ erwägt man deshalb rechtliche Schritte gegen den Journalisten, bei dem es sich nach unseren Informationen um den Fotojournalisten Alexander Blum handelt, der u.a. für die „Bild“-Zeitung arbeitet und, wie es auf seiner Homepage heißt, Auftraggeber „auch bei der Recherche vor Ort unterstützt“.

Und fündig geworden ist Blum bei seiner Suche nach einem Foto des getöteten Jungen offenbar doch noch. „Bild“ druckt es heute (anders als in anderen Fällen, in denen sich „Bild“ auch schon mal mit einem unkenntlich gemachten Symbolfoto behilft) quasi weltexklusiv auf der Titelseite und im Blattinnern (siehe Ausrisse) sowie bei Bild.de. Der Fotograf selbst, dessen Namen „Bild“ als Quelle für das Foto angibt, wollte sich uns gegenüber nicht äußern, woher die Aufnahme stammt bzw. wer die Einwilligung für den Abdruck gegeben habe („Ich weiß nicht, wovon Sie reden“), und verwies an die „Bild“-Pressestelle. Eine Antwort auf unsere mehrmalige Anfrage dort steht bislang aus.

*) Anders als das „Tagblatt“ berichtete, zeigte der Journalist auf Nachfrage offenbar seinen Presseausweis und sagte, dass er Mitarbeiter der Axel Springer AG sei.

(Mehr dazu hier und hier.)

Nachtrag, 15.9.2006: „Bild“ wurde für die Veröffentlichung des Kinderfotos vom Deutschen Presserat öffentlich gerügt.

„Bild“ hält deutsche Mütter für faul

„Ist das wirklich zu glauben?“ (Frage in „Bild“ vom 26. April 2006)
„Nein.“ (Antwort von BILDblog)

 
Darauf muss man erst einmal kommen. Aus dem „Familienbericht der Bundesregierung“, der gestern vorgelegt wurde, eine „Schock-Studie“ und diese Schlagzeile zu machen:

Sind deutsche Mütter wirklich faul?

„Bild“ schreibt:

Ist das wirklich zu glauben?

Laut dem „7. Familienbericht der Bundesregierung“ arbeiten deutsche Mütter verglichen mit Müttern aus anderen europäischen Ländern am wenigsten — ihre Freizeit ist ihnen wichtiger als die Hausarbeit!

Das ist haarsträubender Unsinn. „Bild“ vermischt geradezu böswillig den Begriff „arbeiten“ im Sinne von Geld verdienen mit „arbeiten“ im Sinne von die Hausarbeit machen. Deutsche Mütter arbeiten laut Studie viel weniger, um Geld zu verdienen, als andere europäische Mütter. Aber deutsche Mütter arbeiten nicht weniger im Haushalt. Und dass ihnen ihre Freizeit wichtiger ist als die Hausarbeit, steht nirgends in dem Bericht.

„Bild“ schreibt weiter:

Auf Seite 57 des 589 Seiten starken Berichts, den Familienministerin Ursula von der Leyen (47, CDU) gestern vorstellte, heißt es wörtlich: „Die geringste Präsenz am Arbeitsmarkt findet sich bei deutschen Müttern, die diese gewonnene Zeit aber nicht in Hausarbeit investieren, sondern in persönliche Freizeit.“

Klartext: Mütter in Deutschland gehen weniger arbeiten als Mütter in Frankreich, Norwegen oder Finnland. Doch statt dafür mehr Zeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung zu verbringen, genießen sie lieber ihre Freizeit.

Doch darin steckt, anders als „Bild“ behauptet, kein „Vorwurf“. Und schon gar nicht der Gedanke der Faulheit. Die Statistik besagt einfach, dass deutsche Mütter deutlich seltener berufstätig sind als andere europäische Mütter. Die bezahlen für ihre Berufstätigkeit mit einem Verlust von Freizeit.

Betrachtet man die Zahlen im Detail, sieht man, dass deutsche Mütter sogar ein bisschen mehr Zeit mit Hausarbeiten verbringen — der Unterschied ist nur nicht so groß, dass er die Zeit ausgleicht, in der andere arbeiten gehen. Deutsche Frauen verbringen nach dem Bericht 45 Minuten mehr Zeit mit Hausarbeit als norwegische Frauen, 42 Minuten mehr als schwedische Frauen, 22 Minuten mehr als französische Frauen.

Der Gedanke, dass deutsche Mütter „faul“ seien, entstammt also allein den Köpfen der „Bild“-Zeitungs-Redakteure.

Franz Josef Wagner (der aus der Studie zu schließen scheint, dass Mütter von heute zuviel Sex haben) behauptet im faktisch nachvollziehbaren Teil seiner Kolumne:

Liebe deutsche Mütter, laut neuem Familienbericht der Bundesregierung seid Ihr faul. 2 Stunden und 18 Minuten investiert Ihr in Hausarbeit (…)

Auch das stimmt laut Familienbericht nicht. 2 Stunden und 18 Minuten beträgt die Zeit, die deutsche Mütter mit Kinderbetreuung verbringen. Hinzu kommen noch 233 Minuten, also fast vier Stunden, für andere Hausarbeiten.

Im Übrigen sind all diese Zahlen, die „Bild“ als „Schock-Bericht“ bezeichnet, nicht neu, sondern fast zwei Jahre alt. Sie sind eine von vielen Datenquellen in dem neuen Familienbericht und stammen aus der Untersuchung „How Europeans spend their time — Everyday life of women and men — Data 1998-2002“, die am 27.07.2004 veröffentlicht wurde. Diese Quellen-Angaben stehen auch in dem jetzt vorgelegten Bericht, und zwar unmittelbar über dem Satz, den „Bild“ jetzt so aufgeregt und falsch interpretiert.

Nachtrag, 12.30 Uhr. Der Gedanke, dass der Familienbericht deutsche Mütter als zu faul kritisiere, kam durch die „Rheinische Post“ in die Welt. Die berichtete gestern früh exklusiv unter dem Titel „Familienbericht kritisiert die Mütter in Deutschland“. Bereits einige Stunden zuvor hatte sie einen Kommentar zum Thema mit dem Titel „Faule Hausfrau oder Rabenmutter“ veröffentlicht. Auf dem Vorabbericht der „Rheinischen Post“, der u.a. von der Agentur AFP verbreitet wurde, beruhen andere irreführende Berichte von gestern, zum Beispiel bei „Spiegel Online“. Hans Bertram, der Vorsitzende der Sachverständigenkommission, die den Bericht erstellt hat, widersprach auf der Pressekonferenz ausdrücklich der Interpretation durch die „Rheinische Post“. Über dieses Dementi berichtete gestern nachmittag u.a. auch AFP. Der „Bild“-Zeitung lagen zum Zeitpunkt ihrer Berichterstattung also nicht nur die irreführende Meldung der „Rheinischen Post“ und das Dementi vor, sondern auch der vollständige Familienbericht.

Deutsche verklagen Schmuddelwetter

Das Wörtchen „klagen“ ist eine Art Teekesselchen, denn es bedeutet (laut Duden) einerseits jammernd den Schmerz, die Trauer laut äußern, sich über sein Leiden an etwas äußern, Unmut, Ärger äußern, sich beschweren, Unzufriedenheit in bekümmertem Tonfall äußern, jemandem etwas ihn Bedrückendes, ihm Sorgen Machendes erzählen, den Verlust von jemandem/etwas stark empfinden und bedauern sowie andererseits „bei Gericht Klage führen“, wobei „Klage“ hier im Sinne einer bei Gericht vorgebrachten Beschwerde und dem Geltendmachen dieses Anspruchs durch ein gerichtliches Verfahren gemeint sei.

Sprachlich unterscheiden sich die beiden Bedeutungen oft nur durch die dazugehörige Präposition, inhaltlich hingegen sehr.

Und nachdem der Ombudsmann der EU am Montag in Brüssel seinen Jahresbericht vorgestellt hatte, schreibt die „Welt“:

„3920 Bürger klagten über den
Mißbrauch der Macht bei der EU“
(Hervorhebung von uns.)

Aber auch andere Medien berichten dieser Tage über die vielen Beschwerden/Anfragen/Reklamationen/Fälle, mit denen es der EU-Ombudsmann 2005 zu tun hatte, und selbst Freenet.de z.B. gelingt es, den Sachverhalt mit freundlicher Unterstützung der dpa korrekt zusammenzufassen:

„Tausende Bürger beklagen alljährlich Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und sonstige Missstände bei der EU-Kommission und anderen europäischen Einrichtungen.“

Nur „Bild“ (also ausgerechnet „Europas größte Tageszeitung“) kriegt’s mal wieder nicht hin, den EU-Sachverhalt heute auf ihrer Titelseite sinnvoll wiederzugeben. Stattdessen heißt es dort:

Bürger klagen gegen EU. Brüssel - Ungerechtigkeit, Machtmißbrauch, fehlende Transparenz in den Behörden - 3920 Bürger haben deswegen in 2005 die EU verklagt. So viele wie nie zuvor, heißt es in einem EU-Bericht.

Mit Dank an Tim U. für Hinweis und Ausriss.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Im Oktober 2004 wurde eine Bank in Siegelsbach überfallen. Der Täter tötete dabei eine Person und verletzte zwei lebensgefährlich. Angeklagt wurde ein Bäcker aus dem Ort. Vergangenen Freitag wurde er freigesprochen.

Bei Bild.de wird daraus „Deutschlands merkwürdigster Freispruch“. Eine Einschätzung, die durchaus nachvollziehbar ist — zumindest, wenn man nur das liest, was Bild.de dazu schreibt. Denn Bild.de ignoriert fast alles, was den Bäcker entlastet.

Etwas anders sieht es aus, wenn man in die „Heilbronner Stimme“* schaut. Sie berichtet ausführlich über den Fall und zitiert aus der Urteilsbegründung des Gerichts. Dabei erwähnt sie, anders als Bild.de, belastende und entlastende Momente.

Wer will, kann also nach Lektüre der „Heilbronner Stimme“ den Freispruch „merkwürdig“ finden oder nicht. Vor allem aber kann er das Urteil deswegen merkwürdig finden, weil es so klar ausfiel. Das Gericht hat den Angeklagten nämlich, wie uns das Landgericht Heilbronn bestätigt, wegen „erwiesener Unschuld“ freigesprochen — und nicht, wie Bild.de fälschlich schreibt, „nach dem Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten“.

Mit Dank an Jörn W. auch für die vielen Links.

*) Die „Heilbronner Stimme“ ist übrigens bei weitem nicht das einzige Medium, das ausgewogen berichtet, sie berichtet lediglich am ausführlichsten.

Jetzt XI

Als Paul C. Martin in der „Bild“-Zeitung vom 11. April in einer Buchrezension behauptete, die Buchautoren hätten „jetzt (…) sämtliche Quellen zusammengetragen und mit vertraulichen Informationen zu einem makabren Puzzle zusammengefügt“, war daran insofern nichts auszusetzen, als das Buch tatsächlich am 11. April in den Buchhandel kam.

Heute nun, 14 Tage später, rezensiert Paul C. Martin in „Bild“ ein anderes Buch:

„Jetzt ist der Maritim-Experte Klaus Hympendahl in einem sensationellen neuen Buch der Sexualität auf den Weltmeeren nachgegangen (…).“

Und das ist insofern gelogen eine für „Bild“-Verhältnisse bekanntermaßen zwar halbwegs durchschnittliche, aber nach wie vor bemerkenswerte Auslegung des kleinen Wörtchens jetzt, weil andernorts beispielsweise schon vor einem Vierteljahr nachzulesen war, welche Sensationen Hympendahl in seinem neuen Buch „jetzt belegt“ habe, und uns der Heel-Verlag auf Anfrage mitteilt, das Buch sei „Anfang/Mitte Dezember letzten Jahres erschienen“*.

Mit Dank an Frank S. für den Hinweis.

*) Nachzulesen ist der Erscheinungstermin übrigens auch, wenn man bei Bild.de auf die Ebay-Anzeige im Artikel klickt.

Symbolfoto XXXVI

Die Explosion von mehreren Bomben im ägyptischen Urlaubsort Dahab illustriert Bild.de in einem großen Teaser und im Artikel mit einem Foto, das eine explodierende Autobombe in der irakischen Hauptstadt Bagdad zeigt.

Danke an Philipp F., Wolfgang K. und noctullux!

Nachtrag, 10.10 Uhr. Bild.de hat das falsche Foto ausgetauscht.

„Bild“ verzählt sich bei Rechtsextremen

Die „Bild“-Zeitung ist stolz darauf, die meistzitierte deutsche Tageszeitung zu sein. Am vergangenen Wochenende konnte sie die entsprechende Statistik wieder in die Höhe treiben.

Unter Berufung auf die „Bild“-Zeitung meldeten die Nachrichtenagentur dpa, AP, AFP und Reuters, die Zahl der Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund sei 2005 zurückgegangen, die Zahl der Gewaltverbrechen sogar deutlich. Beides hatte der „Bild“-Chefkorrespondent Einar Koch am Samstag in einem großen Artikel unter der Überschrift „Wie gefährlich sind die Rechten in Deutschland?“ behauptet.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschuss, Sebastian Edathy (SPD), widersprach der „Bild“-Zeitung: Die Zahl rechter Delikte habe im vergangenen Jahr „nach vorliegenden, zuverlässigen Informationen“ nicht abgenommen, sondern sogar deutlich zugenommen: um 27,5 Prozent die Straftaten insgesamt, um 23,6 Prozent die darin enthaltenen Gewalttaten.

Und wer hat Recht? Die offiziellen Zahlen will das Innenministerium erst mit dem Verfassungsschutzbericht Ende Mai bekanntgeben. Und doch ist schon heute klar, dass „Bild“ eine Falschmeldung verbreitet hat. Es ist nämlich offenkundig, woher „Bild“-Redakteur Koch seine Zahlen von 10.271 rechten Straftaten insgesamt und 588 Gewaltverbrechen hat: Aus den Anfragen, die Petra Pau, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, monatlich an die Bundesregierung stellt. Die „Bild“-Zahlen entsprechen exakt Paus Übersicht „Rechtsextreme Straftaten 2005“ [pdf].

Nur steht in dieser Übersicht auch folgender Satz: „Die Zahlen (…) gelten als vorläufig und liegen unter den endgültigen.“ In ihren eigenen monatlichen Erklärungen schreibt Pau zum Beispiel, die „realen Zahlen sind — erfahrungsgemäß — doppelt so hoch“. Und auch in den Antworten der Bundesregierung [pdf] stehen Warnungen wie: „Die im Folgenden aufgeführten Zahlen stellen keine abschließende Statistik dar, sondern können sich aufgrund von Nachmeldungen noch (teilweise erheblich) verändern.“

Wir wissen nicht, ob der Chefkorrespondent von „Bild“ das nicht verstanden oder in der Eile überlesen hat, ob er selbst schlecht recherchierte oder schlecht informiert wurde. Die „Bild“-Zeitung hat am heutigen Montag ihren Fehler weder korrigiert, noch über das Dementi ihrer Zahlen durch den Chef des Innenausschusses berichtet.

(Fortsetzung hier.)

Trotz Gerichtsurteil: Bild.de führt Leser in die Irre

Vor zwei Monaten hat Bild.T-Online sein Internetangebot komplett überarbeitet. Seitdem befindet sich auf jeder Seite oben eine Reihe kleiner grauer Laschen:

Fährt man mit der Maus über diese Flächen, bewegt sich die jeweilige Lasche nach oben und gibt ein buntes Feld darunter frei — etwa wie Reiter auf Karteikarten. Aktuell sehen die so aus:

Hinter diesen Reitern verbergen sich Links. Und jetzt kommt die Preisfrage: Führen diese Reiter zu redaktionellen Angeboten von Bild.de? Oder zu Werbung?

Die erstaunliche Auflösung: Sowohl als auch.

Die Reiter „WM 2006“ und „Wir sind Fußball“ führen zu nicht-werblichen Inhalten von Bild.de. Wer aber nun glaubt, dass das für alles gilt, auf dem das „Wir sind Fußball“-Logo steht, irrt. Wenn man auf „LCD-Fernseher“ klickt, kommt man keineswegs (wie vielleicht zu vermuten) zu einem redaktionellen Test von Großbildschirmen anlässlich der WM. Sondern zu einer Anzeige, die für ein Angebot von Fujitsu-Siemens wirbt. Und der „Fan-Caddy“ ist ein Produkt, das Volkswagen auf Bild.T-Online verkauft. Und natürlich ist auch der „Volks-Kredit“ kein redaktionelles, sondern ein werbliches Angebot: dahinter verbirgt sich easyCredit.

Vor dem Klicken ist nicht zu unterscheiden, welches dieser Bild.de-Standardelemente zu einer reinen Werbeseite führt und welches nicht. Und damit verstößt Bild.de gegen ein Urteil des Berliner Landgerichtes vom 26. Juli 2005. Damals untersagte das Gericht Bild.de, auf eine Werbeseite für den „Volks-Seat“ mit einem Teaser zu verweisen, der sich von Teasern für redaktionelle Inhalte nicht unterscheiden lässt (wir berichteten). Das Gericht urteilte:

Ein Hyperlink, der aus einem redaktionellen Zusammenhang auf eine Werbeseite führt, muss so gestaltet sein, dass dem Nutzer irgendwie erkennbar wird, dass auf eine Werbeseite verwiesen wird. (…)

Hier ist der Hyperlink, der auf die Werbeseite führt, genau so gestaltet, wie die Hinweise, die zu redaktionell gestalteten Seiten führen. Das Erscheinungsbild und die Platzierung sind identisch. Es kann daher selbst bei einer großzügigen Betrachtung nicht mehr davon ausgegangen werden, dass dem Nutzer ein klar erkennbarer Hinweis auf den werbenden Inhalt der Seite erteilt wird, auf die er weitergeleitet wird.

Genau dasselbe System, das Bild.T-Online damals untersagt wurde, hat das Unternehmen in der Gestaltung der neuen Seiten-Köpfe zum Prinzip gemacht: Eine Unterscheidung, welche Reiter zu Anzeigen führen und welche nicht, ist vor dem Klicken unmöglich.

In der Verhandlung 2005 hatte Bild.T-Online noch geltend gemacht, man könne davon ausgehen, dass die „Volks-Produkte“ durch die breite Werbung so bekannt seien, dass niemand hinter einem Teaser mit dem entsprechenden Begriff etwas anderes als Werbung erwarte. Dieses Argument hatte das Gericht zurückgewiesen. Heute wäre die Position von Bild.T-Online noch schwächer, weil in den Reitern nicht nur die bekannten „Volks-Produkte“ beworben werden, sondern auch Produkte, die ohne diesen Markennamen auskommen („Fan-Caddy“) oder sogar mit einem redaktionellen Bild.de-Label versehen sind („Wir sind Fußball! LCD-Fernseher“).

Und wir ersparen es uns, an dieser Stelle noch einmal all die Selbstverpflichtungen und Ankündigungen aufzuzählen, gegen die diese Bild.de-Praxis außerdem verstößt.

Kurz korrigiert (96)

Ähm, anders als Bild.de aus aktuellem Anlass behauptet, lautet die erste Zeile der britischen Nationalhymne im englischen „Originaltext“ natürlich nicht "God save out Gracious Queen"!

Mit Dank an Fabian L. für den Hinweis.

Nachtrag, 16 Uhr: Erstaunlich! Obwohl wir gar nicht ausdrücklich dazugeschrieben haben, wie denn die erste Zeile der britischen Nationalhymne wirklich im Originaltext heißt, ist es Bild.de gelungen, den Fehler im Anschluss an unseren Eintrag zu korrigieren.

Nachtrag, 17.23 Uhr: Es sei — mit Dank an Carsten W. für den Hinweis — hier noch schnell nachgetragen, dass in dem Bild.de-Artikel (über die mangelhaften Fremdsprachenkenntnisse einer britischen Boulevardzeitung anlässlich einer „Initiative des englischen [sic] Außenministeriums“) ein gewisser „Außenminister Lord David Triesman“ erwähnt wird, obwohl es unseres Wissens in Großbritannien doch überhaupt keinen Außenminister Lord David Triesman gibt.

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