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Trau Stau wem

Heute üben wir einmal, wie man aus einer Pressemeldung einen „Bild“-Artikel macht. Keine Angst, das ist gar nicht so schwer. Die Pressemeldung ist nur drei Sätze lang. Sie stammt von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt und geht so:

Vollsperrung Anschlussstelle Hamburg-Billstedt

Der 6-streifige Ausbau der Autobahn A1 zwischen den Anschlussstellen Hamburg-Moorfleet und Hamburg-Billstedt erfordert eine Vollsperrung der Auf- und Abfahrt Hamburg-Billstedt Richtung Lübeck ab Dienstag, den 18. Oktober 2005 um 6 Uhr für voraussichtlich drei Wochen. Die Auf- und Abfahrtsrampe wird verbreitert und saniert.

Die Umleitung ist ausgeschildert als U 89 und führt über die B 5 bis zur Anschlussstelle Billstedt-Mitte, weiter über Moorfleeter Straße, Schiffbeker Weg, Schiffbeker Höhe, Glinder Straße zur Anschlussstelle Hamburg-Öjendorf.

Das könnten wir jetzt natürlich einfach leicht und sinngemäß kürzen, wie es das Hamburger Abendblatt gemacht hat. Aber das kann ja jeder. Für einen „Bild“-Artikel müssen wir uns etwas mehr Mühe geben. Mal sehen, wieviel Unruhe wir stiften können, wenn wir statt einer einzigen Auf- und Abfahrt gleich die ganze Autobahn sperren. Und bei der Gelegenheit ersetzen wir den richtigen Namen der Behörde durch einen seit 2001 nicht mehr geltenden und ignorieren, dass die B 5 Teil der U 89 ist.

Baubehörde sperrt die A1 für drei Wochen

Autofahrer in Richtung Lübeck aufgepasst! Ab Dienstag, 18. Oktober, ist laut Baubehörde die A1 zwischen Hamburg-Moorfleet und Hamburg-Billstedt aufgrund von Bauarbeiten voll gesperrt. Drei Wochen dauern die Arbeiten. Solange können Autofahrer über die U 89 und die B 5 bis zur Anschlußstelle Öjendorf ausweichen.

Na, wie haben wir das gemacht? Genau wie am Montag „Bild“.

Seitdem klagen die Mitarbeiter der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt darüber, dass sie nun damit beschäftigt sind, anrufende Autofahrer zu beruhigen und den Fehler aufzuklären. Und wir ahnen plötzlich, wie es zu den Millionen „Verwaltungskosten“ pro Kilometer Autobahn kommt, die „Bild“ noch am 23. September angeprangert hat.

Danke an Rina G.!

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„Bild“ entdeckt den Treibhauseffekt

Gestern war es wieder so weit. Auf der Titelseite von „Bild“ ging turnusmäßig die Welt unter:

Klügster Mensch der Welt prophezeit: So geht unsere Erde unter

Der Artikel beginnt mit den Worten:

Die Erde wird so glutheiß enden wie unser Nachbarplanet Venus — die furchtbare Vorhersage des klügsten Physikers der Welt.

Man hätte auch schreiben können: die bekannte Vorhersage. Denn schon vor fünf Jahren machte Stephen Hawking sie publik. Ein Artikel aus der „Welt“ vom 4. Oktober 2000 zitiert ihn mit der Prognose, „dass sich die Erdatmosphäre immer mehr aufheizt, bis sie wie die Venus zu brodelnder Schwefelsäure wird.“

Weiter tut „Bild“ so, als habe Hawking mit seinem Untergangsszenario in der ARD-Talkshow „Beckmann“ am Montag „ein Millionenpublikum erschüttert“ und dann „bei einem Vortrag an der Berliner FU (…) noch einmal nachgelegt“. Das passt schon zeitlich nicht, da der Vortrag vor der Ausstrahlung der Sendung stattfand. Und in Wahrheit hatte die „Einstein Lecture Dahlem“ von Hawking nicht die Erderwärmung zum Thema, sondern den Ursprung des Weltalls. Aber so genau nimmt es „Bild“ eh nicht mit den Zitaten. Den Satz „Es drohen viele Gefahren. Aber die größte, die mich besorgt macht, ist die weltweite Erwärmung“ schreibt die gedruckte „Bild“ dem Vortrag in Berlin zu, Bild.de der „Beckmann“-Sendung.

Neben vielen anderen Ungenauigkeiten verblüfft auch, dass Hawking gesagt haben soll, die Erde werde am Ende „so aussehen wie die Venus: 250 Grad heiß und saurer Regen“. Die Oberfläche der Venus ist im Durchschnitt rund 470 Grad heiß.

Ach, und dann ist da noch das „Foto“, mit dem die „Bild“-Zeitung ihren Aufmacher illustriert und das sie treuherzig mit den Worten betextet: „Planet Erde, gehüllt in einen alles Leben abtötenden Hitzemantel — Hawkings Vision von unserer Zukunft“. Es handelt sich dabei um diese Illustration der Agentur „Science Photo Library“ und ist nicht mehr und nicht weniger als eine künstlerische Darstellung einer brennenden Erde, um den durchaus schon vor Hawkings Auftritten einer breiteren Öffentlichkeit bekannten Treibhauseffekt zu symbolisieren.

Danke an Takuro K. und Filippo R.!

Möchten Sie den Artikel wirklich publizieren?

Die 15 „größten Computer-Lügen made in Hollywood“ enthüllt Bild.de aktuell — gemeint sind Filmszenen, in denen Computertechnik eine Rolle spielt, die es in dieser Form aber gar nicht gibt. Die erste „Lüge“ lautet so:

Wird eine Datei von der Festplatte gelöscht, verschwindet sie auch vom Monitor. Zumindest bei Jack Ryan (Harrison Ford) im Thriller „Das Kartell“. Doch wo bleibt da die Nachfrage des Computers „Möchten Sie das Dokument wirklich in den Papierkorb verschieben?“

Nun ja: Diese Nachfrage kann man nicht nur in Hollywood, sondern auch in Bottrop, Unterföhring und Babelsberg ganz leicht abschalten.

Das ist aber auch gar nicht die Computer-„Lüge“, die sich in „Das Kartell“ (Originaltitel: „Clear and Present Danger“) findet: Dort verschwindet die Anzeige des Inhalts einer Datei, weil jemand die Datei löscht. Das geschieht beim Durchschnittscomputer im wahren Leben nicht (und hat nichts mit dem Papierkorb zu tun). Und wie kommt Bild.de auf den Unsinn? Durch falsches Übersetzen. Offenbar stammt die „Lüge“ von dieser Liste, in der es heißt:

If you display a file on the screen and someone deletes the file, it also disappears from the screen (e.g. Clear and Present Danger).

Danke an Johannes B. für den Hinweis!

Entzaubert

So steht es heute über Christiane Hoffmanns „Ich weiß es!“-Kolumne in „Bild“. Denn Christiane Hoffmann weiß schließlich Bescheid und schreibt:

„Der Magier David Copperfield (…) gibt jetzt Erstaunliches in einem Interview mit dem Magazin ‘Galore’ von sich: (…) ‘Im Rahmen meiner kommenden Shows werde ich live auf der Bühne ein Mädchen schwängern.'“

Und Hoffmann ist das ungläubige Staunen über Copperfields Ankündigung förmlich anzumerken: „Uff! Bitte?“ schreibt sie – und auch wir sind sprachlos: nicht nur, weil das zitierte Magazin nicht „jetzt“, sondern bereits vor zweieinhalb Wochen erschien, und nicht nur, weil von „kommenden Shows“ inzwischen keine Rede mehr sein kann, nachdem die Show bereits am 10. Oktober in Mannheim und am 12. Oktober in Erfurt stattfand, sondern auch, weil zwischen den 8500 Zuschauern bei Copperfields Tourneeauftakt ein Korrespondent der Nachrichtenagentur dpa herumstand, der anschließend ausführlich ausplauderte, wie Copperfields neue Show so war. Da hieß es nämlich unter anderem:

„Etwas befremdend mutet die Show an, als Copperfield eine Seniorin auf die Bühne bittet, damit sie ‘sein Baby’ bekommt. Nach einer platonischen Befruchtungsprozedur wird der ‘per Ultraschall’ gewonnene Film eines Babys im Mutterleib gezeigt. Es hält genau jene Spielkarte in der Hand, die eine Zuschauerin zuvor verdeckt auf ein Papier gemalt hat.“

Mehr noch als Hoffmanns Unwissenheit aber wundert uns, dass ihre „Ich weiß es!“-Abschrift aus dem (am 5. Juni im Berliner Hilton-Hotel geführten) „Galore“-Interview obendrein mit der Ortsangabe „Las Vegas“ versehen ist. Aber bestimmt hat der Postbote einfach nur anderthalb Wochen gebraucht, um Hoffmann die in Dortmund gemachte Zeitschrift in der rund 8792 Kilometer entfernten amerikanischen Wüstenstadt vorbeibringen…

Mit Dank an Annette B. und Joachim W. für die Hinweise.

Nachtrag, 19.10.2005:
Spiegel Online hatte am 17. Oktober Auszüge aus dem „Galore“-Interview veröffentlicht. Hoffmanns Postboten trifft also keine Schuld.

„Bild“s Tierleben

Diesmal reden wir über den Pfeifhasen. Oder, wie „Bild“ ihn nennt: „Pfeilhasen“.

„Bild“ hat ihn in einem gerade erschienenen Buch über Tiere entdeckt, die sich besonders gut tarnen können. In einer Fotogalerie kann man sich durch die „acht verblüffendsten Beispiele“ klicken, und findet dann dies:

Perfekt getarnt läßt der Hase sich die Sonne auf den Pelz brennen und wartet entspannt auf Beute.

Jaha, bei dieser Tarnung wird die Beute des Pfeifhasen keine Chance haben. Nicht die Herde Gras, die ahnungslos vorbeitrabt, nicht das Rudel Kräuter und schon gar nicht der einzelne Wanderpflanzenstängel, den er später reißen wird.

Danke an Tobias P., Boris T., David L., Thomas K. und Michael B.

So einfach wird man Erster

Auch im Kölner „Express“ vom Sonntag hätten sie schon stehen können: die Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2005. Ebenso in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, vermutlich in der „Welt am Sonntag“ und natürlich seit vielen, vielen Stunden bei „Spiegel Online“ oder irgendwelchen Internet-Fachdiensten. Tun sie aber nicht. Sie stehen — soweit wir gesehen haben — nur (und teils falsch geschrieben) in der „Bild am Sonntag“.

Das ist nicht so, weil die andereren zu blöd sind oder die „Bild am Sonntag“ bessere Quellen hat oder einfach schneller ist. Das ist so, weil „Bild“ sich erneut nicht an Regeln hält. Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises fand nämlich schon am Samstagabend statt, es galt für Journalisten aber eine Sperrfrist bis heute abend. Vorher sollte niemand die Ergebnisse melden, um den Zuschauern der Show am Sonntagabend in Sat.1 nicht die Spannung zu nehmen.

Natürlich muss sich niemand an solche Vereinbarungen und Regeln halten. Es ist nur guter Stil.

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Sonderangebot: Sportschuhe bei „Bild“ nur 51,61 €

Die schlechte Nachricht zuerst: „Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist der Verbraucherpreisindex für Deutschland im September 2005 gegenüber September 2004 um 2,5% und gegenüber August 2005 um 0,4% gestiegen. Dies ist die höchste Jahressteigerungsrate seit über vier Jahren (Mai 2001: + 2,7%).“ Oder, um es mit Bild.de zu sagen:

Weiter heißt es bei Bild.de:

„Bild.T-Online zeigt, wie sich Löhne, Steuern und Energiekosten auf die Preise für Getränke, Zigaretten, Computer und Lebensmittel auswirken. Klicken Sie hier!

Wir empfehlen allerdings: Klicken Sie lieber nicht!

Denn falls doch, stößt man schon bald auf folgende Rechnung:

Und rechnet man die aufgeführten Posten zusammen, ergibt sich merkwürdigerweise nur ein Gesamtbetrag von 49,89 Euro. Und 13,79 Euro Mehrwertsteuer entsprächen einem Mehrwertsteuersatz bei Sportschuhen von über 38 Prozent. Dabei liegt er doch nur bei derzeit 16 Prozent, weshalb also das Paar Bild.de-Sportschuhe höchstens 41,88 Euro kosten dürfte.

Dass Bild.de überhaupt auf einen „Gesamtwert“ von 51,61 Euro kommt, liegt übrigens daran, dass die Zahl „51,61“ auch im Geschäftsbericht des Sportfachhandelverbandes VDS vorkommt, den auch Bild.de als „Quelle“ nennt — auf Seite 13 nämlich, die nach Angaben das VDS auch Bild.de vorliegt und wie folgt aussieht:


(Für die komplette Liste klicken Sie hier!)

So. Und, ehrlich gesagt, haben wir von Mehrwertsteuerinkasso, betriebswirtschaftlichen Betriebsergebnissen und Betriebshandelsspannen wenig Ahnung. Wir wissen auch nicht, wie aus den 51,61 Prozent „Gesamtspanne“ des VDS bei Bild.de plötzlich „51,61 Euro“ werden oder was die Zahlen aus einem Geschäftsbericht des Jahres 2004 jetzt in einer „Warum wird alles immer teuer“-Story eigentlich belegen sollen. Wir wissen nicht, warum bei Bild.de von „Sportschuhen“ die Rede ist, obwohl die VDS-Kalkulation über Sportschuhe überhaupt nichts aussagt, sondern für alle Sportartikel gilt. Im Gegensatz zu Bild.de aber (wo man nicht einmal richtig abschreiben kann und aus „Miet und Mietwert“ einfach „Miet oder Mehrwert“ macht), machen wir aus unserer Unkenntnis aber auch keine komplett blödsinnigen Tabellen.

Und jetzt die gute Nachricht: Anders als Bild.de behauptet, werden Schuhe gar nicht teurer. Im Gegenteil! Fragt man beim Statistischen Bundesamt nach, kosteten sie im August sogar zwei Prozent weniger als noch vor einem Jahr.

Mit Dank an Winfried V., Dirk N., Benjamin W. und insbesondere an den VDS-Sprecher Peter F. Thürl, der uns die ganze Angelegenheit dahingehend zusammenfasst, dass Bild.de „wahrscheinlich auf nicht vollständigen betriebswirtschaftlichen Kenntnissen basierend ein entscheidender Fehler unterlaufen“ sei.

Nachtrag, 17. Oktober. Bild.de hat heute endlich einen Mitarbeiter mit vollständigeren betriebswirtschaftlichen Kenntnissen aufgetrieben, der offenbar den gesamten Artikel ersatzlos gestrichen hat.

Neues vom Rotkäppchen

Heute reden wir über Wölfe. Oder, wie „Bild“ sie nennt: WÖLFE.

In der Lausitz gibt es seit kurzem wieder ein paar. In der Lausitz liegt auch Löbau, und irgendwo bei Löbau lebt eine kleine Familie mit ihrer fünf Monate alte Tochter sehr, sehr naturnah in einer kleinen Hütte im Wald. Zwei Tage in Folge hatte „Bild“ relativ friedlich über den „Waldkauz“ und sein Kind geschrieben, aber dann musste wohl ein bisschen Action her. Die Wendung deutete sich schon am Ende des zweiten Artikels an:

Ist ein Leben im Wald gefährlich für Kinder?

„Im Lausitz-Wald gibt es Wölfe“, sagt Jäger Rudolf Schellbach (76). „Zwar meiden sie Menschen. Doch ein Restrisiko bleibt.“

Ein Restrisiko, hoho. Nun könnte man argumentieren, dass für Kinder außerhalb des Waldes das Risiko, vom Auto überfahren zu werden, deutlich mehr ist als ein Restrisiko, aber lassen wir das.

Jedenfalls erschien am dritten Tag der kleinen Waldkauz-Reihe, für die übrigens „Bild“-Redakteur Jürgen Helfricht verantwortlich zeichnet, der schon die Katzen-zu-Benzin-Geschichte erfand, ein Artikel mit der Überschrift:

Jäger in großer Sorge!
Holen sich Wölfe das Wald-Baby?

Der Artikel beginnt im Rotkäppchen-Stil:

Der Waldmensch läuft mit seinem süßen Töchterchen durchs Dickicht. Neugierig schaut sich Johanna (5 Monate) in der wilden Natur um. Alles sieht so friedlich aus. Doch im Unterholz lauert Gefahr. DIE LAUSITZ-WÖLFE!

Als Beleg für die „Gefahr“ kommt erneut Rudolf Schellbach (76) zu Wort. Diesmal hat sich sein Zitat leicht verändert, aber nach der behaupteten „großen Sorge“ klingt es immer noch nicht:

„Zwar meiden Wölfe die Menschen. Aber ein Restrisiko gerade für ein in Schafspelz eingewickeltes Baby bleibt.“

Aber „Bild“ hat noch einen Kronzeugen: Den Jäger Joachim Bachmann. Ihm glaubt „Bild“, dass die zwei Wolfsrudel in der Lausitz „ein Risiko für Menschen“ und „die heimischen Wildbestände“ darstellten. Bachmanns „große Sorge“ laut „Bild“:

Gefährlich wird es, wenn sich diese unberechenbaren Tiere an den Menschen gewöhnen, ihre Scheu verlieren. Wir haben schon Wolfsspuren in Dörfern gefunden.

Bachmann ist, vorsichtig gesagt, kein richtig guter Kronzeuge. Denn Bachmann hat gerade vor dem Verwaltungsgericht Dresden einen Prozess verloren, mit dem er sich das Recht erstreiten wollte, einen freilebenden Wolf in seinem Revier abzuschießen.

Was seine Kompetenz angeht, ist ein Artikel aus der heutigen „Sächsischen Zeitung“ zum Thema interessant:

Gleich 27 Wölfe vermutete der Kläger in der Lausitz, erst Anfang September hätten Jagdfreunde die riesigen Fußspuren von fünf ausgewachsenen Wölfen bei Boxberg gesehen, zehn bis zwölf Zentimeter im Durchmesser. Gesa Kluth, die Wolfsbeauftragte des Freistaates, erklärte daraufhin dem Jäger und Träger der Verdienstmedaille des Deutschen Jagdverbandes die Biologie dieser Tiere. Schon die Welpen haben so große Füße wie die Alttiere, allerdings acht bis neun Zentimeter groß (…).

Das Verwaltungsgericht kam außerdem zu dem Ergebnis, ein Angriff auf Menschen sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“.

Bei den „Jägern“, die laut „Bild“ in „großer Sorge“ um das Mädchen im Wald sind, handelt es sich also um einen Jäger, der nicht in großer Sorge ist, und einen weiteren Jäger, der nicht sehr viel von Wölfen zu verstehen scheint. Das hat er mit der „Bild“-Redaktion gemein, die tatsächlich dieses Foto rechts mit dem Text versah: „Ein Wolf fletscht die Zähne. Er ist auf der Suche nach Beute.“ Wenn uns nicht alles täuscht, muss er, um seine Beute wiederzufinden, nur kurz den Kopf senken und zwischen seine acht bis neun Zentimeter großen Pfoten schauen.

Danke an Balu!

Offener Brief an Dr. Mathias Döpfner

Berlin, den 10. Oktober 2005

Herrn Dr. Mathias Döpfner
Axel Springer AG
Axel-Springer-Straße 65
10888 Berlin

Sehr geehrter Herr Dr. Döpfner,

in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa haben Sie in der vergangenen Woche die Vermischung kommerzieller und redaktioneller Inhalte „brandgefährlich“ genannt. Sie sagten, Medien, die die Grenzen aufweichten, drohten sich damit selbst den Ast abzusägen. Sie plädierten für eine „sehr strikte“ Trennung.

Herr Döpfner, kennen Sie das Internetangebot von Bild.T-Online? Es handelt sich dabei um ein Joint Venture, an dem das von Ihnen geführte Unternehmen Axel Springer 63 Prozent der Anteile hält. Es gibt dort eine Rubrik namens „Erotik“, die sich in ihrer Aufmachung in keiner Weise von Rubriken wie „Nachrichten“ oder „Sport“ unterscheidet. Die einzelnen Menüpunkte sind wie redaktionelle Menüpunkte gestaltet; die einzelnen Teaser in diesem Ressort sehen exakt so aus wie Teaser, die in anderen Ressorts zu redaktionellen Beiträgen führen.

Der „Aufmacher“ im Ressort Erotik heißt aktuell (10. Oktober, 21 Uhr): „Richtig dicke Möpse! Dicke HUPEN“. Ein Klick führt zum gleichnamigen Angebot der Firma Telecall unter der Adresse „sexdate.de“, das unter anderem „heißen Livesex“ verspricht.

Der im Stil eines Artikelanreißers gestaltete Teaser daneben zeigt eine Frau, die unter der Überschrift „Das Privatcam-Portal“ verspricht: „Ich schenk’ Dir bis zu 40 Euro!“ Ein Klick führt zum Angebot „Sex and the Web“ der Schweizer Firma Aximus, die unter anderem „aufwendig produzierte Erotikfilme in der Hardcore-Version: ungeschnitten und unzensiert“ verkauft.

Der scheinbar redaktionelle Teaser darunter lockt mit einer „Neuen Erotik-Videothek: XXX-Movies — 40.000 Filme online“. Er führt zu einem kostenpflichtigen Angebot von Telecall.
Wer auf den Teaser „Nur ein Klick zum Seitensprung“ klickt, bleibt zunächst auf den Seiten von Bild.T-Online. In der Aufmachung eines redaktionellen Artikels heißt es dort: „Weil’s so schön anonym ist… Seitensprung bei Bild.T-Online! (…) Mit dem neuen Seitensprung-Service auf Bild.T-Online geht’s jetzt ganz einfach, sicher und unbemerkt!“ Das Wort „Werbung“ oder „Anzeige“ steht nicht auf dieser Seite. Auch nicht über dem Link, mit dem man „zu deinem Seitensprung“ kommt. Er führt zum kostenpflichtigen Angebot flirtpub.de der Firma Bosner Onlineservice.

Der Teaser mit den Worten „Neue Reality-Serie: Frauen ab 30 wollen mehr“ führt zur „Babeslounge.de“ mit kostenpflichtigen Videos. Wer auf „Brandaktuell: Bundesweite Kontaktanzeigen“ klickt, gelangt zur „Erotik-Online-Zeitung“ „Ladies.de“, deren „Topmeldung“ aktuell lautet: „Am 11. Oktober Gang-Bang mit Kyra Shade“.

Die weiteren „Überschriften“, die im redaktionellen „Erotik“-Ressort von Bild.T-Online zu finden sind, führen unter anderem zu den sämtlich kostenpflichtigen Angeboten „stripfun.com“, „Lesbenspecial Chrissy & Mia“ (Beate Uhse), „Sex Trainingskamp“ und „videodevil.de“. Die redaktionell wirkende „Seitensprung-Suche“, bei der der Nutzer eingeben kann, ob er männlich oder weiblich ist, einen Mann oder eine Frau sucht und er Wert auf ein Bild legt — sie führt ebenfalls zu flirtpub.de.

Keiner der genannten Teaser und Artikel ist an irgendeiner Stelle auf Bild.T-Online mit den Worten „Anzeige“, „Werbung“, „Shop“ o.ä. gekennzeichnet. Es gibt bei Bild.T-Online keine Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten. Einige Werbelinks sind zwar mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet. Das führt allerdings dazu, dass die vielen Werbelinks, die nicht mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet sind, in ihrer Gestaltung noch irreführender sind.

Beim „Erotik“-Ressort handelt es sich übrigens, anders als bei der Rubrik „Shopping“, nicht um ein reines Werbeportal. Einige der redaktionell gestalteten Teaser führen nicht zu kommerziellen Angeboten, sondern tatsächlich zu redaktionellen Texten, etwa über Themen wie „Welche Sex-Pille soll man(n) nehmen?“ oder: „Was Männer im Bett wirklich wollen“. Ähnlich vollständig ist die Vermischung im Ressort „Singles“, das gerade eine redaktionell gestaltete „neue Serie“ über „Sexy Singles“ begonnen hat, hinter der sich in Wahrheit Werbung für „Friendscout24″ verbirgt. Auch hier gibt es keine Möglichkeit, Werbung und Redaktion voneinander zu unterscheiden.

Auf den Seiten, mit denen der „Verband Deutscher Zeitschriftenverleger“ (VDZ) für „Crossmedia“-Werbung wirbt, finden sich unter anderem die Kampagnen „Kochbuch für Deutschland“ und „Küche für Deutschland“ von Bild.T-Online mit jeweils einem Werbepartner. Dort wird als einer der Vorteile dieser Aktionen genannt:

„Aktionen für Deutschland“ werden im Stil redaktioneller Beiträge erklärt und beworben.

In der „Animation der Kampagnenmechanik“ wird die Grenzen verwischende Technik detailliert demonstriert. Zum Angebot gehört ein „Online-Special mit eigener Subnavigation“ — gemeint ist ein Menüpunkt in der Seitennavigation, der nicht als Anzeige gekennzeichnet ist, sondern wie ein Menüpunkt aussieht, der zu redaktionellen Angeboten führt. Als Teil der Werbekampagne führte Bild.de (im redaktionellen Teil) ein „Gewinnspiel“ durch, bei dem die Bild.T-Online-Leser in einem „großen Foto-Wettbewerb“ „Deutschlands schönstes Küchengirl“ wählten.

In der Demonstration, wie für das „Kochbuch für Deutschland“ geworben werden konnte, ist von der „Anbindung an redaktionell gestaltete, werbliche Artikel zum Thema“ die Rede. Das Internetportal Bild.T-Online verwischt also nicht nur die Grenzen zwischen redaktionellen und werblichen Artikeln, sondern wirbt auch noch damit, dass und wie es die Grenzen verwischt.

Herr Döpfner, weil wir gerne glauben wollen, dass es sich bei Ihren Aussagen vergangene Woche gegenüber dpa nicht nur um wohlfeile Worte handelt, die keine Bedeutung für die tatsächliche Arbeit in der Axel Springer AG haben, möchten wir Sie fragen:

  • Gilt der Trennungsgrundsatz von Werbung und Redaktion, der auch in den „journalistischen Leitlinien“ von Axel Springer festgelegt ist, nicht für Online-Angebote?
  • Inwiefern entsprechen die oben geschilderten Beispiele Ihrer Vorstellung davon, wie Werbung und Redaktion „sehr strikt“ getrennt werden?
  • Wie lässt es sich mit Ihren Vorgaben vereinbaren, dass bei Bild.T-Online nicht nur einzelne Werbebotschaften nicht als Werbung gekennzeichnet sind, sondern anscheinend ganze Bereiche des Angebotes auf einer systematischen Verwechselbarkeit von werblichen und redaktionellen Botschaften aufgebaut sind?

Mit freundlichen Grüßen
BILDblog.de

Welt-exklusiv zurückgepfiffen

"Welt-Exklusiv! Der erste Blick in die Frauenkirche"

So steht es oben, ganz oben, bei Bild.de über einem „Bild“-Textchen vom letzten Freitag, aus dem wir zunächst mal ein wenig zitieren wollen. Schließlich heißt es dort:

„Das Innere der Dresdner Frauenkirche – es ist längst fertig, und doch darf es noch niemand sehen. (…) Verirrt sich ein Tourist zufällig mit seiner Kamera zur Hauptportale, wird er streng zurückgepfiffen.“

Grund sei, so „Bild“, dass erst am 30. Oktober „die ganze Pracht des Gotteshauses der Weltöffentlichkeit präsentiert werden“ solle. Aber lässt sich „Bild“ sowas bieten? Nein:

„BILD kam trotzdem rein: durchs Schlüsselloch. Beim Aufstieg auf die 67 Meter hohe Plattform paßte BILD-Fotograf Ulrich Hässler (62) zufällig die Beleuchtungsprobe ab. Für wenige Minuten waren die Planen verschwunden, die Ränge unverhüllt. Dann gingen die Lichter schon wieder aus.“

Dazu gibt’s online „erste Eindrücke“ mit sieben Fotos, die „noch nicht an die Öffentlichkeit gelangen“ sollten.

Aber jetzt mal im Ernst:

Der „Bild“-Blick in die Frauenkirche ist nicht „welt-exklusiv“. Andreas Schindler aus Flöha beispielsweise hatte ganz ähnliche Fotos offenbar schon im Mai 2005 gemacht. Und nicht nur das: Immerhin fünf der insgesamt sieben Fotos (von denen zwei nicht einmal, wie behauptet, „Bilder vom Inneren der Frauenkirche“ sind) stammen von der Nachrichtenagentur dpa, weil dpa-Fotograf Matthias Hiekel sie gemacht und dpa sie ebenfalls vergangenen Freitag veröffentlichte. Ein weiteres Foto ist vom Dresdner Erotik-Fotografen Dirk Sukow, ein weiteres mit dem Namen „Stefan Haessler“ gekennzeichnet, von dem wohl anzunehmen ist, dass damit „BILD-Fotograf“ Ulrich Häßler gemeint ist. „Durchs Schlüsselloch“ hat allerdings keiner der Fotografen fotografiert. Stattdessen entstanden vier der fünf Bilder vom Frauenkircheninneren, das „Bild“ ja „welt-exklusiv“ zu zeigen behauptet, beim Kuppelaufstieg, von wo aus jeder Tourist, jeder Fotograf, soviel er will, fotografieren kann. Denn was laut „Bild“ „noch niemand sehen darf“ sei „in Wirklichkeit erlaubt“, so Jochen Kindermann, Pressereferent der Stiftung Frauenkirche Dresden.

Was derzeit tatsächlich niemand fotografieren soll oder veröffentlichen darf, sind laut Kindermann „Totalfotos vom Innenraum“. Bis zum 30. Oktober nämlich, wenn also „die ganze Pracht des Gotteshauses der Weltöffentlichkeit präsentiert“ wird, wie „Bild“ schrieb, besitzt die Exklusivrechte daran die „Welt am Sonntag“.

Mit Dank an Carsten F. für seinen Hinweis.

Nachtrag, 19.10.2005:
Anders als von uns angenommen, handelt es sich bei „Stefan Haessler“möglicherweise nicht um eine falsche Schreibweise Ulrich Häßlers. Das allerdings müsste dann bedeuten, der von „Bild“ zitierte „BILD-Fotograf Ulrich Hässler (62)“ hätte zufällig eine Beleuchtungsprobe abgepasst – und „Bild“ sich anschließend für die dazugehörige Berichterstattung ausnahmslos für Fotos anderer Fotografen entschieden.

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