Jetzt XVI

Es gibt Signalwörter, die einen sofort an der Richtigkeit eines „Bild“-Artikels zweifeln lassen sollten. „Jetzt“ und „neu“ gehören dazu, „enthüllt“ und „Paul C. Martin“.

Bei diesem „Bild“-Artikel vom vergangenen Samstag kommen alle vier zusammen:

Historikerin enthüllt in einer neuen Biografie: ANNE FRANK VON EINER FRAU VERRATEN

Was „enthüllt“ das „neue“, „jetzt“ veröffentlichte Buch über Anne Frank laut „Bild“-Autor „Paul C. Martin“? Dass Anne Frank von der Frau eines Lagerarbeiters verraten wurde. Die soll anderen gegenüber gesagt haben: „Ich habe Angst um mich und meinen Mann, falls alles auffliegt.“

Das Buch „Das Mädchen Anne Frank“ von Melissa Müller ist allerdings nicht wirklich neu. Es kommt nur bald in einer erweiterten, überarbeiteten Neuauflage heraus. Die erste Auflage war 1998 erschienen. Damals schrieb zum Beispiel „Die Welt“ über das Buch:

Müller äußert nun den Verdacht, [der Leiter des Warenlagers] van Maaren habe seine Beobachtung, daß im Hinterhaus Juden versteckt seien, seinem Lagergehilfen Lammert Hartog weitererzählt, der wiederum seine Frau Lena einweihte. Diese habe dann wahrscheinlich aus Angst um ihren Mann, der den Aufruf zum Arbeitseinsatz ignoriert hatte und als Schwarzarbeiter tätig war, das Versteck verraten.

Jene Lena ist genau die Frau, die auch Paul C. Martin meint. Ihren Verdacht, dass sie die Verräterin war, deutete Müller schon in der Erstausgabe der Biographie 1998 an. Außer der „Welt“ berichteten damals u.a. „F.A.Z.“, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Zeitung“ darüber. Seitdem ist die Enthüllung an vielen, oft naheliegenden Orten nachzulesen.

Und nun, neun Jahre später, noch einmal in „Bild“. Allerdings erstmals wieder neu.

Vielen Dank an Tina M. für den Hinweis!

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Partizipativer Journalismus bei der FAS
(floriansteglich.de)
Die FAS lässt ihre Online-Leser bei der Entstehung eines Artikels mitwirken.

„Das war einfach nur boshaft und verletzend“ (Teil 2, Teil 3)
(tagesschau.de, Sarah Strohschein und Ada von der Decken)
Prominente brauchen Medien, Medien brauchen Prominente. Doch wer benutzt eigentlich wen? In einem sehr persönlichen Interview erzählt Familienministerin Ursula von der Leyen für das Buchprojekt „Medienmenschen“, warum sie sich nicht mehr beim Plätzchenbacken fotografieren lässt und welcher Journalist sie tief gekränkt hat.

Der skrupellose Moralist
(telepolis.de, Doreen Müller und Urs Blohm)
Martin Sonneborn lebt von den Abfällen der Mediengesellschaft und ist glücklich mit dieser Rolle. Im Interview sprach der Satiriker über entlarvenden Humor und warum er Harald Schmidt verachtet.

Wie Google Karrieren zerstört
(welt.de, André Bense)
Das Internet ist längst zur Datenfalle geworden. Persönliche, unbedacht gemachte und schmutzige Einträge bringen Menschen zu Fall. Wer sich etwa für einen Job bewirbt, sollte im Netz eine weiße Weste haben – der Personalchef findet pikante Daten garantiert. Zum Glück gibt es jetzt Hilfe: Eine US-Internetfirma hat sich darauf spezialisiert, rufschädigende Einträge zu entfernen.

BILD vs. BILDblog
(htwm.de, Anja Zeutschel)
Die Axel Springer AG fordert den Deutschen Presserat auf, eine Beschwerde gegen das Unternehmen nicht zu behandeln. BILDblog.de hatte wegen einer nicht gekennzeichneten Anzeige im August 2006 in der Bild eine Rüge beim Presserat beantragt.

„Wie wandelnde Leichen“
(spiegel.de, Ayala Goldmann)
Tief liegende Augen, blasse Gesichtsfarbe, zitternde Hände: Rund eine Million Deutsche sind abhängig von Computer und Web. In schweren Fällen von Internet-Sucht hilft nur kalter Entzug.

Heute anonym X

Am Donnerstag veröffentlichte die Zentralstelle Kinderpornografie des Bundeskriminalamtes Fotos von einem jungen Mädchen, das vermutlich Opfer eines sexuellen Missbrauchs wurde. Die Polizei hoffte, dass jemand das Kind erkennt. Die Sendung „Aktenzeichen XY“ zeigte das Foto. „Bild“ auch.

Tatsächlich hatte die Fahnung Erfolg, das Mädchen konnte aufgrund von Hinweisen identifiziert werden. „Bild“ berichtet heute darüber, zeigt ein verpixeltes Foto des Mädchens und erklärt dies so:

BILD hat das Gesicht des Kindes auf Wunsch der Polizei unkenntlich gemacht.

Feine Sache. Wörtlich las sich der „Wunsch der Polizei“ allerdings so:

Da mit der Identifizierung des Opfers der Grund für die Öffentlichkeitsfahndung entfällt, werden die Medien ersucht, bislang veröffentlichte Bilder nicht weiter zu verwenden und aus den Internetportalen zu entfernen.

Und einmal dürfen Sie raten, ob die „Bild“-Zeitung auch das unverpixelte Foto des Mädchens aus ihrem Internetportal entfernt hat.

Danke an Nils K., Gerald H., Mareike, Mike D. und Ulrich B.

Nachtrag, 14. Januar. Jetzt lautet die Antwort Ja.

„Bild“ verzählt sich bei Rechtsextremen (3)

Im vergangenen Frühjahr berichtete „Bild“, die Zahl der rechtsextremen Straftaten sei 2005 „offenbar zurückgegangen“. „Bild“ nannte sogar konkrete Zahlen, die das deutlich belegten, insbesondere für Gewaltverbrechen.

Die Meldung war bekanntlich falsch. Sowohl die Zahl der Gewalttaten als auch die der Straftaten insgesamt hat 2005 zugenommen, um jeweils rund ein Viertel. „Bild“ hatte vorläufige Zahlen von 2005 mit endgültigen von 2004 verglichen – eine unzulässige Rechnung, vor der zum Beispiel die Bundesregierung zuvor und regelmäßig ausdrücklich gewarnt hatte (siehe Kasten links). „Bild“ rechnete falsch — und die falsche Rechnung wurde von mehreren Agenturen verbreitet.

Wir hielten das Vorgehen von „Bild“ für grob fahrlässig und forderten den Presserat auf, „Bild“ zu rügen. Der Presserat sieht dazu aber keinen Anlass. Einstimmig urteilte er, dass die Zeitung die vorläufigen Zahlen als korrekt ansehen durfte. Und:

Dass es sich dabei nicht um die endgültigen Zahlen handelt, hat BILD mit der Formulierung im ersten Satz „offenbar zurückgegangen“ deutlich gemacht.

 
PS: Wir wissen nicht, wie sehr sich der Beschwerdeausschuss in seinem Urteil von der mit Unwahrheiten gespickten Stellungnahme der „Bild“-Chefredaktion hat beeindrucken lassen. Nach Angaben des Presserates gab „Bild“ u.a. zu Protokoll, „dass die Zahl der Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund und fremdenfeindlicher Tendenz laut Verfassungsschutzbericht zurückgegangen sei“ (was nachweisbar falsch ist), dass BILDblog „mit einem niedersächsischen Bericht aus dem Vorjahr verwirre“ (was nachweisbar falsch ist) und dass sich „erst im Nachhinein herausgestellt habe“, dass das Zahlenmaterial noch einmal verändern würde (was nachweisbar falsch ist).

Allgemein  

Köhlbrandbrücke von „Bild“ verloren

Hamburg ohne Köhlbrandbrücke – unvorstellbar, aber wohl doch bald Realität!

So steht es heute in der „Bild“-Zeitung (Hamburg). Halbseitig wird dort auf der Titelseite der „Abriss“ des bekannten Bauwerks annonciert (siehe Ausriss). Weiter heißt es dort ohne Wenn und Aber: „Hamburg verliert ein Wahrzeichen.“ Der Hamburger Senat müsse „in Kürze“ über einen Neubau oder Ersatz beschließen.

Erste Zweifel an ihrer Titelgeschichte kommen „Bild“ selbst offenbar erst acht Seiten später. Dort heißt es nämlich plötzlich nur noch:

Hamburg verliert möglicherweise eines seiner Wahrzeichen.

Jetzt muss der Senat nach BILD-Informationen in absehbarer Zeit über einen Abriss der 1970 bis 1974 errichteten Köhlbrandbrücke entscheiden!
(Hervorhebungen von uns.)

Die im Hamburger Senat für den Hafen zuständige „Hamburg Port Authority“ (HPA) hat die schöne „Bild“-Schlagzeile dennoch umgehend dementiert:

Ein Abriss der Köhlbrandbrücke ist nicht geplant.

Und die HPA-Sprecherin weist uns darauf hin, dass zwar auch die Zukunft der Köhlbrandbrücke in die vielen Überlegungen für eine Neugestaltung der Hafenquerspange über den Köhlbrand miteinbezogen werde. Allerdings befinde sich diese „noch im gröbsten Planungsstadium“. Zur Zeit würden „lediglich Machbarkeitsstudien erstellt“. Die Frage, ob die Brücke abgerissen wird oder nicht, die „Bild“ heute auf die Titelseite beantwortet, stelle sich konkret „vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren“.

Mit Dank an Michael H. für den Hinweis, Martin G. für den Scan und Martin A. für alles.

6 vor 9

„Die Begehrlichkeiten wurden immer größer“
(faz.net, Michael Hanfeld)
Alle hatten erwartet, dass Günther Jauch im Sommer bei der ARD als Nachfolger von Sabine Christiansen antritt. Jetzt überraschte der Fernsehmoderator mit der Erklärung, er werde keine Polit-Talkshow für die ARD moderieren. Im exklusiven Interview mit der F.A.Z. nennt Jauch die Gründe für seine Absage.

Willst du mein Kontakt sein?
(zeit.de/campus, Anne Kunze)
Um einen Job zu kriegen, braucht man Kontakte, heißt es. Nirgends in Deutschland gibt es mehr als bei der Internet-Plattform Xing/openBC. Ein Selbstversuch.

Unsouveräner Souverän
(taz.de, Friedrich Welsch)
Staatspräsident Hugo Chávez verweigert dem quotenstärksten TV-Sender Venezuelas die Verlängerung der Sendelizenz. Experten warnen vor der Einschränkung der Meinungsfreiheit.

«Aktueller, innovativer und europäischer»
(nzz.ch, liv.)
Der Kulturkanal Arte akzentuiert sein ursprüngliches Profil.

„Das Fernsehen leidet an Innovationsstau“
(merkur.de, Antje Hildebrandt)
Markus Andorfer, der Chef des neuen Spartenkanals Comedy Central zum Programmstart am 15. Januar.

RTL macht aus Schulden Geld
(stefan-niggemeier.de)
Auf RTLtext werden Verschuldete dazu verleitet, noch mehr Schulden zu machen.

„Bild“ sieht 1000 Jahre in die Zukunft

"Vor 6000 Jahren im All: Explosion verwüstet Sternenbild"

Ja, es stimmt. Eine Explosion im Sternenbild Schlange hat (höchstwahrscheinlich) die drei Staub- oder Nebelsäulen des „Adlernebels“ zerstört, wie „Bild“ heute auf der letzten Seite schreibt. Tatsächlich geschah das Astronomen zufolge wahrscheinlich vor rund 6000 Jahren. Ein jüngst veröffentlichtes Bild, das vom Spitzer Weltraumteleskop aufgenommen wurde, zeigt Spuren der Explosion, die der Zerstörung voran gegangen war. Ein im Jahr 1995 vom Hubble-Weltraumteleskop aufgenommenes Bild enthielt offenbar keine Hinweise auf die Explosion.

„Bild“ stellt nun diese beiden Aufnahmen einander gegenüber und schreibt zu dem von Hubble:

"1995 hatte der "Adler-Nebel" seine drei markanten Säulen noch."

Und zur neueren Spitzer-Aufnahme schreibt „Bild“:

"Neue Aufnahmen aus der Region zeigen nun ein völlig anderes Bild (siehe oben): Die Säulen sind verschwunden, der "Adler-Nebel" zerstoben."

Auf der Internetseite des Spitzer-Teleskops lässt sich allerdings (wenn man Englisch kann) das Gegenteil nachlesen. Übersetzt heißt es dort:

Eine neue, eindrucksvolle Aufnahme Spitzers zeigt die intakten Nebelsäulen neben einer gigantischen Wolke heißen Staubs (…) Weil Licht aus dieser Region 7000 Jahre braucht, um auf die Erde zu gelangen, wird es wohl erst in weiteren 1000 Jahren möglich sein, Fotos der Zerstörung aufzunehmen.
Hervorhebung von uns.

Daraus lernen wir erstens, dass Dinge nicht deswegen weg sind, weil „Bild“ sie nicht sieht. Und zweitens, dass es gut möglich ist, dass „Bild“-Leser auf „Wikifehlia“ Einträge bearbeiten. Der Wikipedia-Eintrag zum Adlernebel wurde nämlich heute Nachmittag so ergänzt:

Januar 2007 zeigten Aufnahmen, dass [der Adlernebel] sich nun komplett zersetzt hat und ein komplett anderes Bild (ohne den Typischen drei Säulen) hat. Er wurde warscheinlich vor 6000 Jahren von einer Supernova „verweht“. Erst vor kurzem ist dessen Licht vor 6000 Jahren nach uns gelangt.

Mit Dank an Torsten R. und Manfred P. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.28 Uhr: Die fehlerhafte Ergänzung bei Wikipedia wurde inzwischen entfernt.

Warum verbietet niemand dieses Hakenkreuz?

Dieses Foto wurde nicht in einem Teppichgeschäft in Elmshorn, nicht an einem Wohnhaus in Hamburg und auch nicht am Benrather Schlosspark in Düsseldorf aufgenommen. Nein, das abgebildete Hakenkreuz, das uns ein BILDblog-Leser schickte und dessen Echtheit wir überprüft haben, befindet sich auf einem Teppich in einem Berliner Bürohaus — dem Axel-Springer-Hochhaus, genauer: im dortigen Journalistenclub.

Beunruhigend.

"Warum verbietet niemand diese Hakenkreuze?"Jedenfalls für eine „Bild“-Redaktion, die unlängst selbst mehrere Fotos von „BILD-Leser-Reportern“ zeigte, auf denen ebenfalls solche Symbole zu sehen waren, und fragte, warum denn niemand diese Hakenkreuze verbiete (siehe Ausriss rechts). Wir berichteten.

Unsere Anfrage bei „Bild“, warum im Springer-Haus ein Hakenkreuzteppich herumliege, wurde erstaunlich fix und detailliert beantwortet. „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich teilt uns nämlich nicht nur mit, was wir schon wussten (dass der abgebildete Swastika-Meander „in Indien oder auch in Griechenland ein ganz unverfängliches, ein klassisches Motiv war und ist“), sondern auch, was selbst Fröhlich für „allenthalben bekannt“ hält (dass Unternehmensgründer Axel Springer „nie (!)“ ein Nazi war). Der „Bild“-Sprecher weiter:

Es handelt sich um einen chinesischen Seidenteppich aus dem 19. Jahrhundert (391 x 384 cm), der 1966 angeschafft wurde. Er lag übrigens (…) immer in der sog. Großen Bibliothek vor dem Kamin.

Kurzum: Axel Cäsar Springer schaffte sich zwar mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Diktatur in Deutschland einen Teppich mit Hakenkreuzsymbolen an. Aber es gibt, wie „Bild“ es formulieren würde, „keinen eindeutigen Nazi-Zusammenhang“.

Nachtrag, 17.1.2007: Die Boulevardzeitungen „Berliner Kurier“ und „20 Minuten“ haben die Intention dieses Eintrag (deutlich zu machen, wie lächerlich die „Bild“-Frage nach dem Verbot jeder Art von Hakenkreuz-Symbol ist und wie angreifbar der eigene Verlag nach diesen Standards wäre) offensichtlich nicht verstanden. Wir distanzieren uns in aller Form von diesen beiden, auch sachlich teilweise gravierend falschen Artikeln.

Symbolfoto XLIV

Schon möglich, dass sich Djamila Rowe nun, nachdem sich (laut „Bild“) ihr bisheriger Freund zum Jahreswechsel von ihr getrennt hat, einfach nochmal denselben Pullover angezogen und dieselbe Frisur gemacht hat, die sie auch vor einem Jahr trug, nachdem sie (laut „Bild“) einen Selbstmordversuch unternommen hatte, um sich darin von demselben Fotografen wie vor einem Jahr fotografieren zu lassen. Schon möglich.

Mit Dank an Juliana J. für den Hinweis.

Nachtrag, 12.1.2007: Das Rowe-Foto von 2006 ist bei Bild.de plötzlich „nicht mehr verfügbar“. Schade, es war so anschaulich.

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