„Bild“: Wir drucken gerne Gegendarstellungen

Aus einem langen Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann…

…über die politische Ausrichtung von „Bild“:

Diekmann: Wir sind weder Sprachrohr noch Erfüllungsgehilfe von Opposition oder Regierung.

… über den Schutz der Privatsphäre bei „Bild“:

Diekmann: Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. (…) Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.

… über Gegendarstellungen in „Bild“:

Diekmann: Viele Gegendarstellungen sind heute ein Mittel darbender Juristen, finanziell über die Runden zu kommen. (…) Und ich drucke sie sogar gerne, weil sie zeigen, wie hier das Recht der Gegendarstellung im Kern mißbraucht wird.

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Jetzt IV

Jetzt ist es bald soweit: In vier Tagen wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Wer die Wahl gewinnt, weiß keiner, aber „Bild“-Leser beispielsweise könnten auf die Idee verfallen, lieber nicht diejenige Partei zu wählen, für die Oskar Lafontaine sein Gesicht hergibt. Denn: Während andere Wahlkampf machen, macht Lafontaine Urlaub, fliegt im Privatjet, lügt, wird abgetupft, lässt sich im Mercedes herumchauffieren, den Wahlkampf von der PDS bezahlen, seine Sekretärin vom Staat und sich selbst von der „Bild“-Zeitung. Außerdem streitet sich dieser Lafontaine mit der „BamS“ vor Gericht. Poah!

„Doch jetzt kommt heraus: Lafontaine verhinderte eine 70.000-Euro-Spende zugunsten ostdeutscher Arbeitsloser!“
(Hervorhebung von uns.)

Das jedenfalls schreibt „Bild“ heute über einen Rechtsstreit Lafontaines mit dem Autovermieter Sixt. Und weil das Wörtchen jetzt so schön ist, steht es noch ein zweites Mal im Text:

Jetzt liegt der Fall als zugelassene Revision beim Bundesgerichtshof (AZ: I ZR 182/04).“
(Hervorhebung von uns.)

Und es stimmt: Jetzt liegt er da schon seit knapp zwei Monaten, der „Fall“*, wie man einer Sixt-Pressemitteilung vom 17. Juni 2005 entnehmen kann. Alles andere, was laut „Bild“ angeblich „jetzt“, also vier Tage vor der Wahl, herausgekommen sei, ist sogar seit dem 16. November 2004 bekannt – und so, wie es in „Bild“ steht, nichts weiter als die subjektive Darstellung einer der Streitparteien, die „Bild“ hervorgekramt hat und jetzt, vier Tage vor der Wahl, undistanziert nachbetet.

*) Nur zur Info: Lafontaine hatte 2001 gegen eine Sixt-Werbeanzeige aus dem Jahre 1999 geklagt und damit nach einigem Hin und Her vor Gericht Erfolg. Sixt hat das Urteil jedoch nicht akzeptiert und Lafontaine einen Vergleich (also die umstrittene Spende) angeboten, auf den sich wiederum Lafontaine nicht einlassen wollte. Sixt ging in Revision, der Rechtsstreit in die nächste Instanz – und wer gewinnt, ist so offen wie die Bundestagswahl in vier Tagen.

Mit Dank an André K. für die sachdienlichen Hinweise.

Märchen (Wahlkampf VIII)

„Bild“-Kolumnist und Angela-Merkel-Unterstützer Hugo Müller-Vogg hat etwas Aufregendes herausgefunden: Die Menschen, die in einer SPD-Wahlwerbung abgebildet sind (mitsamt der Summen, die sie eine Unions-geführten Regierung angeblich kosten würde), diese Menschen sind gar nicht echt. Jedenfalls müssen sie ganz bestimmt nicht unter dem sogenannten „Merkel-Minus“ leiden. Nicht nur, weil die SPD-Zahlen nach Müller-Voggs Berechnungen angeblich falsch sind. Sondern auch, weil es sich nicht um deutsche Familien und Rentner handelt, sondern um amerikanische Models.

Viele, viele Witze und bissige Bemerkungen hängt Müller-Vogg unter der Überschrift „Die heile SPD-Familie — ‘Made in the USA’“ an der Tatsache auf, dass die SPD die Fotos einfach von der Agentur Getty Images bezogen hat, unter anderem auch die Schlusspointe, dass nicht nur die Rechnung der SPD, sondern auch die abgebildete „Familie“ ein „Wahlkampf-Märchen“ sei.

Apropos: Raten Sie mal, aus welchem Land dieses Baby stammt, mit dem die CDU in einem Wahlplakat ausgerechnet die Zeile „Deutschlands Zukunft sichern“ bebildert hat. Und bei welcher Agentur die CDU es gekauft hat.

Wahlkampf VII

Diese Frage auf Seite eins der „Bild“ von heute lässt sich – zumindest soweit es die Wahl zum deutschen Bundestag betrifft – leicht und eindeutig beantworten. Nämlich mit Nein.

Türken können die Bundestagswahl nicht entscheiden, weil sie nicht wahlberechtigt sind. Wahlberechtigt ist gemäß Paragraph 12 Bundeswahlgesetz (BWG), wer das 18. Lebensjahr vollendet hat und Deutscher „im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes“ ist. Dort steht u.a.:

Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist (…), wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt

„Bild“ scheint aber irgendwie Probleme mit dem Bundeswahlgesetz zu haben. Und ganz erhebliche mit dem Grundgesetz. Das zeigt nicht nur die irreführende Aufmacher-Frage auf der Titelseite, das zeigt auch der heutige Kommentar von „Bild“-Autor Dirk Hoeren auf Seite zwei, der Ausdruck eines beunruhigenden Demokratieverständnisses ist. Er ist folgendermaßen überschrieben:

Kein Wahlkampf mit Minderheiten

Das ist erstaunlich, schließlich stand bisher noch nie in „Bild“, dass es verwerflich sei, um die Stimmen alleinerziehender Mütter, Großfamilien, Behinderter oder anderer „Minderheiten“ zu werben. Schauen wir uns also Dirk Hoerens Kommentar etwas genauer an. Darin steht u.a. folgendes:

Deutsch-Türken dürfen am Sonntag mitwählen.

Hoeren unterteilt die Wahlberechtigten also in „Deutsch-Türken“ und andere. Es gibt aber im Wahlrecht keine solche Unterscheidung: Wählen darf, wer Deutscher ist, ganz gleich, ob er aus Antalya oder aus Bielefeld stammt.

Und weiter schreibt Hoeren:

Sie entscheiden möglicherweise darüber, wer in den kommenden Jahren Deutschland regiert und wer nicht.

Und es mag Herrn Hoeren überraschen, aber nach dem Grundgesetz entscheidet jeder Wähler darüber, wer das Land regiert und wer nicht. Das nennt man übrigens Demokratie.

Und dann schreibt Hoeren:

Kein Wunder also, daß SPD und Grüne gezielt bei den Türkischstämmigen auf Stimmenfang gehen. Motto: Deine Stimme für SPD und Grüne ist eine Stimme für erleichterte Einbürgerungen und den EU-Beitritt der Türkei.

Hoeren wirft also SPD und Grünen vor, dass sie ihr politisches Programm dazu benutzen, Wähler zu überzeugen, ihnen ihre Stimme zu geben. Ja was denn sonst?! Das Grundgesetz nennt das Mitwirkung der Parteien an der politischen Willensbildung. Doch darauf mag Hoeren sich offenbar nicht verlassen und schreibt im Anschluss:

Wer die deutsch-türkische Minderheit derart für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert, erweist dem Zusammenleben von Deutschen und Türken einen Bärendienst.

Und dieser Satz hat es in sich, denn er sagt:

Wer um die Stimmen türkischstämmiger Wähler kämpft, macht nicht Wahlkampf, sondern er instrumentalisiert Wähler. Wer daraufhin SPD und/oder Grüne wählt, hat nicht frei seine Meinung gebildet, er hat sich instrumentalisieren lassen. Und Staatsangehörigkeit hin oder her, türkischstämmige Deutsche sind gar keine Deutschen, sie sind und bleiben — nach Ansicht von „Bild“ — Türken.

Man kann Hoeren also so verstehen: Es geht nur dann in Ordnung, dass „Türken“ in Deutschland wählen, wenn sie so wählen, wie es „Deutsche“ tun — also mit, sagen wir, 40 Prozent Unions-Anteil. Und es geht nur dann in Ordnung, dass „Türken“ in Deutschland wählen, solange „deutsche“ Parteien davon absehen, ihre Interessen zu vertreten.

„Bild“ wünscht sich also, im scharfen Kontrast zum Grundgesetz, dass die Interessen und die Stimmen türkischstämmiger Wähler in der deutschen Politik weniger zählen sollen als die deutschstämmiger Wähler. Vielleicht wünscht sich „Bild“ aber auch nur, dass Angela Merkel gewinnt. Egal um welchen Preis.

Mit bestem Dank an Nils M.

Otto?

Nein, nicht alles, was in „Bild“ steht, ist weit hergeholt — im Gegenteil: Als „Bild“ im August letzten Jahres den Otto-Versand-Chef (und Springer-Aufsichtsrat) Michael Otto zum „Gewinner“ des Tages machte, lautete der ausgesprochen originelle „Bild“-Kommentar dazu:

„BILD meint: Otto find ich gut!“

Heute nun macht „Bild“ den Otto-Chef Otto erneut zum „Gewinner“ des Tages und kommentiert:

„BILD meint: Otto — find’ ich gut!“

Allgemein  

Von Katzen und dummen Menschen

Gestern berichtete „Bild“:

… und okay-okay, im letzten Absatz, ganz am Ende ihrer Berichterstattung hat „Bild“ im Vornamen der darin zitierten Tierschützerin „Annelise Krauß“ ein „e“ vergessen. Aber selbst Anneliese Krauß findet das nicht so schlimm. Allerdings steht ihr Name natürlich nicht nur zum Spaß in „Bild“. Zitiert wird sie dort – und zwar wie folgt:

‘Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche’, wettert Annelise Krauß vom Tierschutzverein Dresden.“

Und das sei nun wirklich „Quatsch“, sagt Krauß, wenn man sie fragt. Weil sie nämlich den von „Bild“ zitierten Satz weder gewettert noch gesagt habe. Im Gegenteil: „Das wäre ja auch idiotisch,“ sagt Krauß, „denn wenn es um tote Tiere geht, dann ist das ja kein Problem des Tierschutzes!“ Zusammenfassend sagt uns die Tierschützerin über die Erfindung von Christian Koch (der laut „Bild“ ja „aus Katzen Benzin machen“ kann):

„Von unserer Seite ist daran nichts auszusetzen.“

Und genau so habe sie das im Übrigen auch zu „Bild“ gesagt. (Aber, so Krauß weiter, wenn „der Herr Helfricht“, also einer der Autoren des „Bild“-Artikels, sie anrufe, dann wisse sie schon aus Erfahrung, dass hinterher Sachen in „Bild“ stünden, die sie so gar nicht gesagt habe. Das gehe in Dresden schließlich schon über zehn Jahre so, so Krauß. — Und soviel vielleicht nur zum letzten Absatz des obigen Artikels.)

Kommen wir zum Rest, dem Eigentlichen, also darum, dass „Dr. Christian Koch (55) aus Kleinhartmannsdorf (Sachsen)“, wie es in „Bild“ heißt, „aus Katzen Benzin machen“ könne: Denn dass die „Benzin“-Überschrift Unsinn ist, verrät schließlich schon der dazugehörige „Bild“-Text selbst, weil darin nur von „Bio-Diesel“ oder „Diesel“ die Rede ist… Tatsächlich aber hat Koch offenbar eine ungewöhnliche und effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: die katalytische drucklose Verölung (KDV), über die beispielsweise schon der MDR im Mai 2003, 3sat im Juli 2004, die „Welt“ im Januar 2005, die „Pirmasenser Zeitung“ im Juli, der RBB vergangene Woche oder auch RTL berichteten. Und all diesen Berichten ist eines gemein: dass sie dem Gegenstand, über den sie (durchaus auch kritisch) berichten, gerecht werden.

„Bild“ indes nennt Kochs Erfindung einen „Spezialreaktor“ und schreibt Sätze wie diesen:

„Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

Und fragt man einfach mal nach bei dem „Mann, der (Stuben-)Tiger in den Tank packen kann“ („Bild“), antwortet Christian Koch, der „Bild“-Bericht habe „nichts mit der Wahrheit zu tun“ und sei „zudem grenzenlos dumm“. Koch weiter:

„Wie kann man mit gekochtem tierischen Material Auto fahren? Wasser würde jeden Motor sofort zum Stillstand bringen. Hier wird an die niedrigsten Instinkte von dummen Menschen appelliert, um eine wertvolle Entwicklung zu verunglimpfen. (…) Mir zu unterstellen, dass ich mit Tierkadavern herumhantiere, ist kriminell. Das ist nicht im geringsten der Inhalt der Entwicklung und kann deshalb nur als gezielte Verleumdung angesehen werden.“

Auf der Website von Kochs Firma heißt es zudem inzwischen:

Mit Dank an Jan S. für die Anregung.
 
Nachtrag, 12:15:
„Bild“ hat die Sache mit der „Katzen-Kraft“ heute noch einmal aufgegriffen:

Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?

Doch wenn es jetzt etwas vorsichtiger als gestern heißt, dass Christian Koch „theoretisch auch aus Katzen“ Bio-Diesel herstellen „könnte“, wenn jetzt nicht Koch, sondern ein Konkurrent die gestern von „Bild“ aus der Luft gegriffene Skandalisierung zurechtrücken darf, wenn nun auch die gelassene Position der Tierschützer weniger sinnenstellend als gestern wiedergegeben wird und sich im heutigen „Bild“-Bericht immerhin ein einziger halbwegs sinnvoller Satz („Die Diskussion ist überflüssig“) wiederfindet, dann macht das alles den Nonsens von gestern weder ungeschehen noch besser — und sei es nur deshalb, weil es „Bild“ offenbar immer noch nicht gelingen will, zwischen „Benzin“ (Überschrift) und „Diesel“ (Text) zu unterscheiden…

Mehr dazu hier und hier.

„Bild“-Wörterbuch III

Erb-Penner? Benz-Baby? Sekt-Anschlag? Spätestens aber, wenn „BamS“-Analytiker Stefan Hauck einen freigesprochenen TV-Moderator (der als Folge einer Vergewaltigungsklage seinen Job und seinen Ruf verlor) als „folgenlos Beschuldigten“ bezeichnet, dann…

…ist es Zeit für eine Aktualisierung des BILDblog-“Bild“-Wörterbuchs.

Adrian-Benjamin III

Dass das zweite Kind von Anke Engelke (anders als von „Bild“ behauptet) nicht „Adrian Benjamin“ heißt, wissen wir. Aus „Bild“ zum Beispiel. Oder aus der „B.Z.“, die vergangene Woche ebenfalls eine Gegendarstellung abdrucken musste, nachdem sie die „Bild“-Falschmeldung munter weiterverbreitet hatte.

Aber so richtig aus der Welt ist das, was falsch in „Bild“ stand, damit leider nicht (siehe auch „taz“). Fand sich doch kürzlich in einer Meldung der „führenden deutschen Nachrichtenagentur“ dpa einfach so der irreführende deutsche Satz:

Engelke hatte Mitte August ihren Sohn Adrian-Benjamin zur Welt gebracht.

Mit Dank an Hannah P. für den Hinweis.

PS: Auf Nachfrage bedauert man bei der dpa den Fehler und verspricht, die Meldung im Archiv mit einem Sperrvermerk zu versehen, damit sowas nicht noch mal passiert.

Nachverurteilung

Nachdem die „Bild“-Zeitung am Dienstag sich und Andreas Türck von jeder Schuld reingewaschen und behauptet hatte, die „Justiz“ habe „ein schmutziges Gerichtsspektakel“ inszeniert, machte sich „Bild“ am gestrigen Samstag daran, Andreas Türcks TV-Karrierechancen einzuschätzen:

Das ging schnell! Kaum war Andreas Türck (36) im Vergewaltigungsprozeß freigesprochen, kam schon das erste neue TV- Angebot. Er soll für RTL ins „Dschungelcamp“ gehen. Dabei sah es während des Verfahrens lange danach aus, daß kein Sender ihn mehr nehmen würde.

Wie zum Vergleich zählte „Bild“ anschließend auf, „welche TV-Stars auch den Weg von der Anklagebank zurück auf den Bildschirm geschafft haben“ (siehe Ausriss) - und übersah dabei, dass die Prominenten, die „Bild“ aufzählt, im Gegensatz zum freigesprochenen Türck allesamt vorbestraft sind: Karsten Speck wegen Betrugs, Martin Semmelrogge wegen wiederholten Fahrens ohne Führerschein, Michel Friedman wegen Kokain-Besitzes, Wolfgang Lippert wegen Ladendiebstahls, Carsten Spengemann wegen Unterschlagung…

PS: Da es der „Bild“ offenbar egal ist, wie und mit welchem Ergebnis man vor Gericht steht, könnte man — eine ähnlich oberflächliche Sichtweise wie die der „Bild“ vorausgesetzt — ebenso behaupten, dass es Kai Diekmann, der einst wegen seines Penis vor Gericht stand, „zurück“ in die „Bild“-Redaktion geschafft habe. Aber lassen wir das – ebenso wie den Hinweis auf die „Bild“-Zeitung vom vergangenen Dienstag, in der die Zeitung den Eindruck erwecken konnte, Carsten Spengemann habe es womöglich doch nicht so richtig „zurück ins TV“ geschafft.

Mit Dank an Johannes S. und die Malteser in Dortmund.

Eskalierende Privatfehde

Seit einiger Zeit taucht Oskar Lafontaine in der Berichterstattung von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ vor allem als „Luxus-Linker“ auf, dessen Lebenswandel angeblich in krassem Gegensatz zu den Forderungen der Linkspartei steht. Die Frage, ob Lafontaine die Teilnahme am sogenannten „Wählerforum“ der „Bild am Sonntag“ davon abhängig gemacht hat, dass die Zeitung ihm die Anreise in einem Privatjet bezahlt, ist mittlerweile Gegenstand mehrerer gerichtlicher Auseinandersetzungen und größerer Schlagzeilen in der Zeitung („Lafontaine lügt!“). Heute nun macht „Bild am Sonntag“ mit der Schlagzeile auf:

Lafontaine im Privatjet zu Talkshow ...und das ZDF bezahlte

Und wer nach der Vorgeschichte diese Seite 1 liest, muss zu folgendem Schluss kommen: Wie im Fall von „Bild am Sonntag“ hat Lafontaine anscheinend seine Teilnahme an der Talkshow „Berlin Mitte“ von der Luxusanreise abhängig gemacht („obwohl es auch Linienflüge gab“!) — nur dass das ZDF im Gegensatz zur „Bild am Sonntag“ wohl bereit war, dieser Forderung nachzukommen. Was für ein unbelehrbarer, gieriger, verlogener Politiker!?

Erst im Klein(er)gedruckten verrät die „Bild am Sonntag“ ihren Lesern, wie es wirklich war: Nicht Lafontaine, sondern das ZDF bestand auf dem teureren Flug. Ein Sendersprecher wird mit den Worten zitiert:

„Herr Lafontaine teilte uns Flugzeiten von Linienflügen mit — mit keiner der genannten Maschinen hätte er die Sendung pünklich und sicher erreicht. Die Redaktion prüfte Alternativen. Aber das Risiko einer Verspätung war zu groß.“

Auch der Sprecher der Linkspartei Hendrik Thalheim (von „Bild am Sonntag“ als „Lafontaines Sprecher“ bezeichnet) bestätigt diese Darstellung, indirekt ebenso ein von der Zeitung nicht genannter „TV-Insider“.

Ob Lafontaine nun ein verlogener „Luxus-Linker“ ist oder nicht — die Anreise zur ZDF-Talkshow, die „Bild am Sonntag“ einen „Luxus-Auftritt“ nennt und von gleich zwei Fotografen mit Fotos im Paparazzi-Stil dokumentieren ließ, bestätigt diesen Vorwurf jedenfalls nicht.

Wir wissen nicht, wer in der eskalierenden Privatfehde zwischen „Bild am Sonntag“ und Oskar Lafontaine die Wahrheit sagt. Die heutige Berichterstattung von „Bild am Sonntag“, die zu nichts anderem dient, als einen falschen Eindruck zu erwecken, ist jedenfalls alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme.

Nachtrag, 22.15 Uhr: Gegenüber dem „Tagesspiegel“ widerspricht ZDF-Sprecher Alexander Stock der „Bild am Sonntag“ ausdrücklich:

„Nach Rücksprache mit dem Landeskriminalamt und den Fluggesellschaften sowie nach Prüfung der verfügbaren Linienflüge stand fest, dass es keine andere Möglichkeit gab, dass Lafontaine rechtzeitig zu der Live-Sendung erscheint.“

Er sei von der „Bild am Sonntag“ im übrigen falsch zitiert worden: Weder Lafontaine noch sein Büro hätten Flugzeiten durchgegeben. Der ganze Vorgang sei von der ZDF-Redaktion geplant, organisiert und durchgeführt worden.

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