Mit Narrenfreiheit zur Knaller-Geschichte

Streit und Blut, eine hübsche Frau, Narren und ein lokaler Schlagerstar — klar, dass die Stuttgart-Redaktion der „Bild“-Zeitung diese Geschichte gestern mitnehmen musste:

Der schwäbische Schlagerstar Frank Cordes (46) ist von einem wütenden Faschingsnarren (20) in die Klinik geprügelt worden. Blutiger Streit um eine hübsche Närrin.

Bild.de berichtete ebenfalls, um den Text lesen zu können, braucht man allerdings das kostenpflichtige „Bild plus“-Abo.

Bei der Beschreibung, was am vergangenen Samstagabend bei einer Faschingsfeier im baden-württembergischen Geislingen geschehen war, bezieht sich „Bild“ vor allem auf „Schlagerstar Frank Cordes“:

Schlagersänger Frank zu BILD: „Ich war dort zu Besuch, trank mit meiner Cousine ein Bier. Da wurde ich angerempelt und trat einer jungen Dame versehentlich auf den Fuß.“

Zwei Sekunden später gingen ihm die Lichter aus!

Der Sänger: „Eine Faust traf mich voll am Auge. Ich ging bewusstlos zu Boden, wachte eine halbe Stunde später blutüberströmt auf.“

Es handele sich um einen „Gewalt-Ausbruch beim Fasching“, schreibt „Bild“. Und Grund dafür sei eben ein „Streit um eine hübsche Närrin“ gewesen.

Von allen möglichen Seiten gibt es Widerspruch zu dieser „Bild“-Geschichte. Augenzeugen sagen, die Darstellung des Boulevardblatts sei hanebüchener Unsinn. Mitarbeiter des „Rote Kreuzes“ sagen, sie hätten an dem Abend niemanden behandelt, der „blutüberströmt“ war. Und selbst Frank Cordes sagt, dass einiges, was in „Bild“ steht, nicht stimmt. Doch der Reihe nach.

Michael Würz hat den Fall für den „Zollern-Alb-Kurier“ nachrecherchiert. Inzwischen scheint klar zu sein, dass Frank Cordes bei der Fete in Geislingen tatsächlich einen Schlag abbekommen hat. Das zuständige Polizeipräsidium Tuttlingen hat Würz bestätigt, dass sich ein 27-Jähriger (und nicht 20-Jähriger, wie „Bild“ schreibt) gestellt habe. Aktuell steht Aussage gegen Aussage, wie es genau zu dem Streit gekommen ist. Frank Cordes behauptet, er sei einer Frau auf den Fuß getreten und habe dann den Schlag abbekommen. Zeugen behaupten laut „Zollern-Alb-Kurier“, dass die Aggressionen von Cordes ausgegangen seien:

Tatsächlich habe Frank Cordes beim Tanzen eine Frau angerempelt. „Sie hat ihn nur gebeten, mehr Abstand zu halten“, versichert der Zeuge.

Daraufhin habe sich eine Diskussion entwickelt, der Schlagersänger sei aggressiv und bedrohlich geworden. „Er wollte dann sogar auf die Frau und einen weiteren Mann losgehen“, behauptet der Zeuge. Dazu kam es nicht. Mit einem Faustschlag sei Cordes gestoppt worden.

Wer nun wirklich die Situation herbeigeführt und angeheizt hat, können wir auch nicht sagen. Dass es überhaupt dazu gekommen ist, scheint aber nicht an einem „Streit um eine hübsche Närrin“ gelegen zu haben, wie „Bild“ schreibt, sondern an einer simplen Rempelei.

Merkwürdig an der „Bild“-Geschichte ist auch Cordes‘ Aussage, dass er nach einer halben Stunde „blutüberströmt“ aufgewacht sei. Das Zelt, in dem die Faschingsfeier stattfand, war nicht sonderlich groß. Einen Mann, der bewusstlos am Boden liegt, dürfte man dort nicht übersehen können. „Zollern-Alb-Kurier“-Redakteur Michael Würz hat deswegen beim „Roten Kreuz“ nachgefragt:

Kann einer im Festzelt eine halbe Stunde bewusstlos auf dem Boden liegen, ohne dass es jemand mitbekommt? Helfer des Roten Kreuzes sind am Samstagabend im Auftrag der Stadt im Einsatz; einer, der das wissen müsste, ist Christian Schluck, Bereitschaftsleiter des DRK-Ortsvereins Geislingen. „Ich hatte an diesem Abend selber Dienst“, sagt er. Dass Frank Cordes bewusstlos geprügelt worden sein soll — davon müsste er wissen. Doch Schluck kennt den Fall nicht.

Frank Cordes meint, nie gesagt zu haben, dass er eine halbe Stunde bewusstlos auf dem Zeltboden gelegen habe. Die „Bild“-Redaktion habe ihm diese Aussage in den Mund gelegt:

Am Mittwochabend ruft Frank Cordes in der Redaktion des ZOLLERN-ALB-KURIER an. Und räumt ein: Nicht alles, was am Mittwoch in der Bild-Zeitung geschrieben steht und was die Menschen in Geislingen so sehr auf die Palme bringt, entspreche der Wahrheit. Und nein, sagt er, eine halbe Stunde habe er nicht auf dem Boden in dem Zelt gelegen. Die Bild-Zeitung habe ihm das in den Mund gelegt.

In einem Facebook-Video hat „Bild“-Oberchef Julian Reichelt vorgestern 30 Minuten lang erklärt, „mit welchen Maßnahmen BILD gegen Fake News und Fehler“ vorgehen will. Es sei ein Team gegründet worden, das „Geschichten auf ihre Stimmigkeit überprüfen soll.“ Das ist wohl der zentrale Part von Reichelts angekündigten Konsequenzen auf den falschen „Sex-Mob“, den sein Blatt durch die Frankfurter „Freßgass'“ hat toben lassen. Immer dann, wenn sensible Stichwörter in einem „Bild“-Artikel vorkommen, werde dieses Team benachrichtigt.

Ginge es aber womöglich nicht viel einfacher? Sowohl beim falschen „Sex-Mob“ in Frankfurt als auch bei den schlagenden Narren in Geislingen war eine zentrale Fehlerquelle die Gier einer Redaktion nach einer Geschichte, zu der in der Konferenz später alle nickend sagen können: „Knaller!“ Anstatt einfach aufzuschreiben „A sagt das, B sagt das. Jetzt warten wir mal die Ermittlungen der Polizei ab“, dichten „Bild“-Mitarbeiter Dinge dazu, die ihre Story stärker machen. Beim „Sex-Mob“ waren es „900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge“, die „nach BILD-Informationen“ zur „Freßgass'“ gezogen seien, und der Begriff „Sex-Mob“ selbst, den die Redaktion als Teil der Überschrift gewählt hatte. Bei der Faschingsparty in Geislingen sind es das falsche Gerücht, dass es bei der Auseinandersetzung um eine Frau ging, und wahrscheinlich auch eine Aussage, die laut dem Aussagenden nicht von ihm stammt.

Seinem Team sagte Julian Reichelt im Facebook-Video noch: „Check your facts!“ Gut wäre auch: „Don’t be so sensationsgeil!“

Mit Dank an @radiomachen für den Hinweis!

Nach dem Geständnis verschwindet der Balken

Dienstagabend um 22:04 Uhr hatte Jan G. aus Sicht der Bild.de-Redakteure noch Anspruch auf etwas Anonymität:

Bis Mittwochvormittag um 11:48 Uhr wurde der schwarze Balken über seinen Augen zwar schon deutlich schmaler, aber es gab ihn immerhin noch:

28 Minuten später, um 12:16 Uhr, verkündete Bild.de das Geständnis des Mannes, der vorgestern erst seine Großmutter mit einem Messer tötete und anschließend, auf der Flucht, zwei Polizisten zu Tode fuhr. Diese schrecklichen Taten begann er offenbar unter starkem Einfluss von Drogen.

Um 15:32 Uhr am Mittwoch präsentierte Bild.de den Artikel von 12:16 Uhr weiterhin auf der Startseite, allerdings mit einem neue Teaserbild, das die Grafikabteilung extra neu zusammengebastelt hat. Das Portal zeigt Jan G. nun ohne Augenbalken (alle folgenden Verpixelungen stammen von uns):

Seitdem ist Jan G. bei Bild.de klar zu erkennen. Zum Beispiel in dieser Teaseroptik von gestern (20:57 Uhr) …

… oder in dieser von heute:


(Hier ist von „5 Menschen“ die Rede, weil Bild.de noch einen anderen Fall, der nichts mit Jan G. zu tun hat, zum „JUSTIZ-VERSAGEN“ hinzurechnet.)

Bei der „Bild“-Zeitung konnte man die gleiche Entwicklung verfolgen. Auf der Titelseite von gestern gönnte die Redaktion Jan G. noch einen Augenbalken:

Heute, auf Seite 3, gibt es den nicht mehr:

Warum zeigen die „Bild“-Medien Jan G. zuerst mit Augenbalken und dann ohne? Schließlich stand für sie ja bereits vor seinem Geständnis fest, dass er ein „Oma-Mörder“ ist und „POLIZISTEN TOTGERAST“ hat. Warum also nicht schon am Mittwochmorgen das komplette Gesicht des Mannes zeigen? Legt man im Gedankenkosmos der „Bild“-Mitarbeiter mit einem Geständnis automatisch auch seine Persönlichkeitsrechte ab? Und worin liegt der Vorteil für die Leserschaft, einen Täter erkennen zu können, der längst festgenommen ist — von dem also aktuell keine Gefahr mehr ausgeht?

Was ebenfalls eher für eine Anonymisierung von Jan G. spricht: Er scheint seit längerer Zeit unter einer psychischen Erkrankung zu leiden, was seine grausame Tat natürlich nicht entschuldigt. Von den psychischen Problemen wissen auch die „Bild“-Mitarbeiter. In ihrem Artikel „Die kaputte Welt des Oma-Killers“ schreiben sie darüber.

Mit Dank an Frelsi K., Till W. und Christoph H. für die Hinweise!

Nachtrag, 20:13 Uhr: Bei „RTL“ war Jan G. gestern Abend ebenfalls ohne Unkenntlichmachung zu sehen:


(Auch hier stammt die Verpixelung von uns.)

Mit Dank an Sam für den Hinweis!

Somuncu-Stopp, Fake-Fake-News, Kuscheltierwanze

1. Somuncu: „Das war im Umgang nicht besonders fair“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der Fernsehsender „n-tv“ hat am Dienstag kurzfristig entschieden, die bereits produzierte Ausgabe der Talkshow „So! Muncu“ aus dem Programm zu nehmen. Die aktuelle Sendung mit einigen satirischen Einspielern genüge nicht den „Qualitätsansprüchen des Senders“. Im Interview mit „DWDL“ schildert Kabarettist Serdar Somuncu Ablauf und Hintergründe und kündigt an, darüber nachzudenken, „ob n-tv unseren Qualitätsansprüchen entspricht“.

2. Journalisten-Verband löscht Falschmeldung über Falschmeldung
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Der Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) ließ sich auf der Internetseite des DJV zu einer kleinen Wutrede gegen „RT Deutsch“ hinreißen, die — wie er sie nennt — „Putin treue Propagandaschleuder“. Problem: Sein Hauptvorwurf, der Sender habe in einem konkret benannten Fall als erster Sender „Fake News“ verbreitet, erwies sich als falsch. Inzwischen hat der DJV-Pressesprecher den Eintrag einfach gelöscht. Mit dem DJV, sagt er, habe das nichts zu tun, was „Übermedien“-Autor Boris Rosenkranz entsprechend kommentiert: „Wenn der DJV-Pressesprecher im DJV-Blog auf der DJV-Internetseite etwas kommentiert, was sollte das dann auch mit dem DJV zu tun haben?“

3. Der Schulz-Höcke-Effekt
(taz.de, Lalon Sander)
Die „taz“ hat sich erneut durch die rechten Medien und einschlägigen Plattformen geklickt und die wichtigsten Meldungen des Monats Februar zusammengefasst. Was auffalle: Die Themen der rechten Nische würden denen der so verhassten „Mainstream-Medien“ ähneln. Es sei vor allem um den Aufstieg von Martin Schulz gegangen, den Skandal um Björn Höcke — und den gleichzeitigen Absturz der AfD.

4. Freiheit für Shawkan und andere Inhaftierte
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ ruft Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, sich bei ihrer Ägypten-Reise für die Freilassung inhaftierter Journalisten und für Reformen an medienfeindlichen Gesetzen einzusetzen. Unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi habe die Unterdrückung der Pressefreiheit in Ägypten erschreckende Ausmaße angenommen. Mindestens 25 Journalisten würden wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen. Ägypten belege auf der jährlichen Rangliste der Pressefreiheit Platz 159 von 180 Ländern.

5. „Wir verstehen soziale Medien immer noch nicht wirklich“
(futurezone.at, Patrick Dax)
Iyad Rahwan beschäftigt sich am MIT Media Lab in Boston mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technik. „futurezone“ hat mit ihm über die Auswirkungen von „Fake News“ gesprochen. Rahwan sieht in Hinblick auf die sozialen Medien dringenden Forschungsbedarf: „Tools wie Facebook und Twitter zu schaffen ist eine Sache, zu verstehen, wie diese Werkzeuge mit menschlichen kognitiven und sozialen Prozessen zusammenspielen, ist eine andere. Wir müssen erforschen, wie soziale Prozesse fehlschlagen, wenn es unterschiedliche Geschwindigkeiten zwischen technischen Entwicklungen und der menschlichen Fähigkeit, darauf zu reagieren, gibt.“

6. Internet der Kuscheltiere
(golem.de, Hauke Gierow)
Vernetztes Kinderspielzeug kommt nicht aus den Schlagzeilen: Nach Sicherheitslücken bei „Hello Barbie“ und der Puppe „Cayla“ sitzt diesmal ein Teddy aus der „Cloudpets“-Reihe auf der Anklagebank. Das dahinterstehende Unternehmen sei von verschiedenen Seiten gewarnt worden, dass Hunderttausende von Accountdaten und Millionen von Sprachsamples unzureichend gesichert in der Cloud abgelegt seien, habe jedoch nicht reagiert.

„6 vor 9“-Sonderausgabe: #FreeDeniz

1. „Hallo Welt!“ – Deniz Yücel meldet sich mit einem Brief
(welt.de)
„Hallo Welt, nach 13 Tagen in Polizeihaft bin ich nun im Gefängnis Istanbul-Metris. Es mag sich merkwürdig anhören, aber mir kommt es so vor, als hätte ich ein kleines Stück meiner Freiheit zurückgewonnen: Tageslicht! Frische Luft! Richtiges Essen! Tee und Nescáfe! Rauchen! Zeitungen! Ein echtes Bett!“, schreibt Deniz Yücel. Kurz vor seiner Verlegung in ein neues Gefängnis konnte der Journalist handschriftlich ein paar Worte an Freunde und Kollegen aufschreiben und seinen Anwälten mitgeben. Die haben Yücels Notizen an die „Welt“-Redaktion weitergeleitet.

2. Facebookseite: #FreeDeniz
(facebook.com)
Eine gute Möglichkeit, sich für die Freilassung Deniz Yücels einzusetzen und sich über die laufende Entwicklung zu informieren: die mit vielen Bildern der Autokorsos und Aktionen und mit Links gefüllte Facebookseite #FreeDeniz.
Und hier noch mal die auch schon von uns verlinkte Seite „Freiheit für Deniz!“ mit dem Link zur Petition.

3. Wie geht es im Fall Deniz Yücel weiter?
(sueddeutsche.de, L. Al-Serori, S. Braun, E. Gamperl, M. Matzner & M. Schulte von Drach)
Zwei Wochen befand sich Deniz Yücel in polizeilichem Gewahrsam, und einige hofften, dass er nach Ablauf dieser Frist freikommen würde. Leider kam es anders: Yücel kam in Untersuchungshaft. Ein Autorenteam von süddeutsche.de geht den Fragen nach, wie es dazu kommen konnte und was die Bundesregierung tun kann.

4. Erdoğans Fanal
(taz.de, Georg Löwisch)
Der Chefredakteur der „taz“ sieht im Fall des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel alle Journalisten in der Pflicht: „Deniz Yücel im Kopf zu haben, heißt auch, seinen Mut im Kopf zu haben. Und die Solidarität, die seine Verhaftung gerade hervorbringt. Wenn ein Journalist angegriffen wird, schweben alle in Gefahr. Wenn sie einen einsperren, müssen alle dagegen aufstehen.“

5. Autofahren für Deniz Yücel
(sueddeutsche.de, Charlotte Haunhorst & Antonie Rietzschel)
In Berlin und anderen deutschen Großstädten gingen zahlreiche Menschen aus Solidarität mit Deniz Yücel auf die Straße. In Berlin sogar an verschiedenen Orten zeitgleich: Auf dem Platz gegenüber der türkischen Botschaft hätten sich ungefähr 200 Menschen versammelt, um gegen die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten zu demonstrieren. Fast zeitgleich rollte ein Autokorso mit 100 bis 150 Autos für Yücel durch Berlin-Mitte.

6. Was der Fall Deniz Yücel mit der Datenhehlerei und der EU-Anti-Terror-Richtlinie zu tun hat
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
„Netzpolitik“-Redakteur Markus Reuter schreibt: „Wir fordern die Freilassung von Deniz Yücel und aller anderen inhaftierten Journalisten in der Türkei. Gleichzeitig möchten wir an Einschränkungen der Pressefreiheit in Deutschland und der EU erinnern, mit denen sich — bei veränderter politischer Lage — ähnliche Vorwürfe konstruieren lassen könnten.“ Zur Erinnerung und Mahnung stellt Reuter die Gesetze, Richtlinien und Pläne vor, welche die Pressefreiheit hierzulande bedrohen.

„Bild“ schneidet sich Kritik zurecht

So richtig rund scheint es nicht zu laufen mit der neuen „Fußball Bild“. Seit Ende Januar liegt die tägliche „Springer“-Fußball-Zeitung bundesweit an den Kiosken (zuvor hatte der Verlag das Projekt schon in Stuttgart und München getestet), ein Mix aus zusammengewürfelten Berichten der „Bild“-Regionalausgaben und ein paar Exklusiv-Inhalten. „Meedia“ berichtete vor knapp zwei Wochen, dass pro Tag „im Schnitt zwischen 48.000 und 55.000 Exemplare“ verkauft würden. Der Plan, die sinkende „Bild“-Auflage durch „Fußball Bild“ auszugleichen, gehe bisher nicht auf.

Und so versucht „Fußball Bild“ aktuell einiges, um gemocht zu werden. Zwölf Tage kann man sie kostenlos testen, ab heute gibt es das Blatt im Abo und für die „333 schnellsten Besteller“ verspricht die Redaktion sogar „einen FUSSBALL BILD Kaffeebecher“ gratis.

Ein neues Werbevideo gibt es auch:

Der 20-Sekunden-Clip ist seit vorgestern online und zeigt, wie „Bild“ von VfL-Bochum-Trainer Gertjan Verbeek „beschimpft“ wird (von der Beliebtheit bei den Fans ist hingegen nichts zu sehen, doch dazu später mehr):

Verbeek sagt in dem „Fußball Bild“-Werbespot:

„Bild“. Nee. Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus? Ihr seid ja Arschlocher. Das seid ihr.

Vielleicht erinnern Sie sich: Die Aussage stammt aus einer Pressekonferenz des VfL Bochum, die im September 2015 stattfand. Wir hatten damals auch hier im BILDblog darüber berichtet. Das „Arschlocher“ von Gertjan Verbeek ging an „Bild“-Reporter Joachim Droll, der zuvor über angebliche Meisterambitionen Verbeeks berichtet hatte. Später entschuldigten sich der Trainer und der Vereinsvorstand für die Wortwahl, von Verbeeks Kernaussagen wollte sich der Verein hingegen nicht distanzieren.

„Fußball Bild“ schnappte sich also — mit Genehmigung des VfL Bochum — die kurze Passage aus der knapp 20-minütigen Pressekonferenz (ab Minute 4:05 wird’s interessant) und fügte diese zwei Texttafeln ein, die zwischendrin eingeblendet werden:


Die Aussage soll wohl sein: Ist das nicht toll, liebe Fans, wie wir uns für euch solchen Biestern wie Gertjan Verbeek stellen und uns von ihnen sogar beschimpfen lassen? Dafür müsst ihr uns doch lieb haben.

Die erste Tafel („VON TRAINERN BESCHIMPFT.“) gibt „Fußball Bild“ allerdings auch die Möglichkeit, die Originalaufnahme zu schneiden, ohne dass man es auf Anhieb merkt. Verbeeks Kritik hatte nämlich durchaus Inhalt. Er kritisierte in einem Satz, den „Fußball Bild“ weggelassen hat, die „Bild“-Berichterstattung über Flüchtlinge. Der VfL-Trainer sagte damals in voller Länge:

„Bild“. Nee. Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus? Selbst mit Flüchtlingen dazwischen. Ihr seid ja Arschlocher. Das seid ihr.

Ein bisschen Kritik an „Bild“ ist für „Bild“ also in Ordnung. Richtige Kritik wird aber doch lieber rausgeschnitten.

Und dann ist da ja noch die Behauptung, dass „Bild“ beziehungsweise „Fußball Bild“ „von den Fans geliebt“ werde. Ebenfalls im September 2015, als die „Bild“-Zeitung auf dem Höhepunkt ihrer „Wir helfen“-Imagekampagne an einem Spieltag der 1. und 2. Bundesliga „Wir helfen“-Aufnäher auf den Trikotärmeln aller 36 Mannschaften platzieren wollte, reagierten die Fans vieler Vereine in den Stadien mit „Bild“-Kritik.

Zum Beispiel die des BVB:

Und des 1. FC Köln:

Und des Karlsruher SC:

Und des FSV Mainz 05:

Und des FC Ingolstadt:

Und des SV Darmstadt 98:

Und des VfB Stuttgart:

Und des 1. FC Nürnberg:

Und des SC Freiburg:

Und des FC Schalke 04:

Und von Fortuna Düsseldorf:

Und des TSV 1860 München:

Und von Hertha BSC:

Und von Union Berlin:

Und von der SpVgg Greuther Fürth:

Und auch die Fans des VfL Bochum, für die sich „Bild“ und „Fußball Bild“ ja von Trainer Gertjan Verbeek heldenhaft beschimpfen lassen, schlossen sich #BILDnotwelcome an:

Mit Dank an @FeaturedMoritz für den Hinweis!

BILDblog dankt

Ohne die finanzielle Unterstützung durch unsere Leser wäre das BILDblog undenkbar. Wir können allerdings nicht auf große Reise gehen und jedem persönlich dafür danken — sonst wäre hier auf der Seite Stillstand. Deswegen veröffentlichen wir regelmäßig einen großen SammelDank. Heute ist es wieder soweit.

Sollte Ihr Name noch nicht in der Liste unten auftauchen, obwohl Sie große Lust hätten, mal einen Dank vom BILDblog zu bekommen — kleiner Tipp: Es ist ganz einfach, uns zu unterstützen. Und Leuten, die einen Dauerauftrag einrichten, danken wir auch jeden Monat aufs Neue.

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VG Wortlos, Staatsfeind Nr. Trump, PewDiePie-Zoff

1. English please: Deutscher Journalismus auf Reisen
(dwdl.de, Nora Jakob)
Immer wieder versuchen deutsche Verlage, ihre Inhalte auch einem internationalen Publikum nahe zu bringen und bringen ausgesuchte Artikel in englischer Sprache. Nora Jakob hat für „dwdl.de“ mit führenden Medienhäusern gesprochen und muss feststellen: Priorität hat der Aufbruch ins Ausland in kaum einem Verlag. Den oft großspurigen Ankündigungen der Internationalisierung sei deshalb mit Skepsis zu begegnen.

2. Ihre Publikationsfreiheit ist bedroht
(vginfo.org)
Die „VG Info“ ruft dazu auf, einen Protestbrief gegen eine EU-Neuregelung zur Verlegerbeteiligung zu unterzeichnen. Die Verleger würden sonst in Zukunft einen Rechtsanspruch auf Beteiligung an den Einnahmen erhalten, ohne dass man die Urheber fragen müsse, ob sie damit einverstanden seien.

3. Der zu dem Volk spricht
(faz.net, Michael Hanfeld)
Donald Trump entwickelt sich zum Staatsfeind Nummer eins der Pressefreiheit, findet „FAZ“-Autor Michael Hanfeld: „Er hat den Journalisten, die ihm kritisch kommen und beispielsweise zu den Russland-Verbindungen seiner Wahlkampftruppe recherchieren, spätestens in dem Augenblick den Krieg erklärt, als er sie „Feinde des amerikanischen Volkes“ nannte. Er macht sie damit vogelfrei, und man wartet nur darauf, dass er bei einem seiner nächsten Auftritte handgreiflich wird und anfängt, einen derjenigen, die ihn am meisten stören, nicht nur verbal zu attackieren.“

4. Die Gräben zwischen Generation YouTube und den „Altmedien“ sind tiefer denn je
(wired.de, Johnny Haeusler)
Vor einigen Tagen hat Johnny Haeusler einem der erfolgreichsten YouTuber der Welt, PewDiePie, einen offenen Brief geschrieben. Der Anlass: YouTube-Star PewDiePie hatte einige umstrittene Aktionen gestartet, die ihm den Vorwurf des Antisemitismus eingehandelt hätten. Eine Kritik, mit der der YouTuber nicht gut umgegangen sei, so Haeusler. Mittlerweile hat Haeusler einige Rückmeldungen auf seinen offenen Brief erhalten und konstatiert: „Die Gräben zwischen „alten“ und „neuen“ Medien sind tiefer denn je.“

5. Armes Nashorn
(sueddeutsche.de, Arne Perras)
In einer Dokumentation der „BBC“ hat ein Reporter über einen Nationalpark berichtet, in dem mehr Wilderer als Nashörner erschossen würden. Indien zeigte sich empört über die Vorwürfe. Es sei nicht das erste Mal, dass das Land dünnhäutig auf Kritik reagiert, so „SZ“-Autor Arne Perras.

6. Interne Strategiepapiere der Identitären Bewegung geleaked
(blog.zeit.de, Sebastian Lipp)
Die sogenannte „Identitäre Bewegung“ (oder auch „Identitäre“) wird von Politikwissenschaftlern als eine Spielart des Rechtsextremismus bezeichnet. Die völkisch auftretenden Gruppierungen dieses Sammelbeckens sehen sich von einer angeblichen Islamisierung bedroht. Nun wurde ein internes Papier geleakt, das auf mehr als 50 Seiten vom Facebook-Posting bis zur Wortergreifungsstrategie bei Veranstaltungen alles erklären würde, was die Öffentlichkeistarbeit der „Identitären“ ausmacht.

Russisch lügen, Schulz-Effekt, Trumps Inszenierung

1. So lügen Sie mit dem größten Erfolg
(faz.net, Kerstin Holm)
Als Zone der modernen multimedialen Kriegführung habe die russische Gesellschaft den meisten westlichen Ländern einiges an Erfahrung voraus, so „FAZ“-Autorin Kerstin Holm. In den 80er-Jahren habe es sogar einen Universitätskurs in Kriegsjournalistik gegeben, bei dem man die Kunst erlernte, mit Hilfe von Desinformation und Bewusstseinsmanipulation im Lager des Gegners Konflikte zu schüren. Kerstin Holm stellt verschiedene journalistische Propagandatechniken vor (z.B. den „faulen Hering“). Techniken, die mittlerweile auch vom amerikanischen Präsidenten angewendet würden.

2. Wie die Polizei auf Kommentare im Netz reagierte
(spiegel.de, Caroline Schiemann)
Wenn ein Mann sein Auto in eine Menschengruppe steuert, dabei jemanden tödlich verletzt, mit einem Messer flüchtet und von der Polizei mit einem gezielten Schuss überwältigt wird, kann es sich nur um einen islamistischen Anschlag handeln, oder? Natürlich ist das Unsinn, aber genau so lautete die Denkweise einiger besonders unbelehrbarer und hartnäckiger Menschen, mit denen es die Polizei Mannheim auf Twitter zu tun hatte. Der „Spiegel“ hat mit der Social-Media-Zuständigen der Polizei gesprochen, die am Abend des Vorfalls Dienst hatte.

3. Trumps Inszenierung: „Bedenkliche Nähe zu totalitären Regimes“
(kurier.at, Thomas Trescher)
Trump stellt die Medien mit seinem Narzissmus und seinen Lügen vor eine große Herausforderung. Vor allem deshalb, weil sie das Phänomen Trump erst geschaffen haben, wie der deutsche Medienwissenschaftler und Ethiker Bernhard Debatin findet, der an der Universität in Ohio lehrt. „Es wird ja auch ganz offen diskutiert, dass uns diese Sender (gemeint sind vor allem die „cable news“-Sender Fox, CNN und MSNBC) Trump gebracht haben. Weil er dauernd provoziert hat, hat er kostenlos Berichterstattung bekommen – unter anderen Umständen wäre er als Kandidat nie in Frage gekommen, das ist ja absurd. Die Republikaner konnten das ja selbst nicht glauben. Durch diese 24-Stunden-News wurde Trump mitproduziert. Weil deren Aufmerksamkeitsregeln genau dem entsprechen, was Trump als Strategie hat. Und weil sich diese Sender genau dadurch finanzieren, besteht hier ein echtes Abhängigkeitsverhältnis.“

4. Schulz-Effekt-Hascherei
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Boris Rosenkranz findet es aberwitzig, wie Medienkonsumenten mit immer neuen Umfragen, Trends und Analysen zu Martin Schulz und der SPD zugeschüttet werden würden. Rosenkranz hat die Berichterstattung der letzten Wochen einschließlich der zahlreichen demoskopischen Jubelmeldungen beobachtet und beschreibt das System als Kreislauf: „Viele Medien schreiben zur gleichen Zeit positiv über einen Kandidaten oder eine Partei und geben dann Umfragen in Auftrag, die positive Ergebnisse zu dem Kandidaten oder der Partei liefern, die die Medien dann wieder vermelden können.“

5. Fünf Gründe, warum Blendle in Deutschland (noch) nicht aus der Nische kommt
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Über den Online-Kiosk Blendle kann man einzelne Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Das System wird oft als besonders einfach und bedienerfreundlich gelobt und man hat bereits zahlreiche Medienpartner an Bord. Trotzdem will Blendle in Deutschland noch nicht recht von der Stelle kommen. Stefan Winterbauer hat sich für „Meedia“ auf die Spurensuche gemacht.

6. Podcast-Liebe
(inkladde.wordpress.com, Nicola Wessinghage)
Bloggerin Nicola Wessinghage erzählt von ihrer Liebe zu Podcasts und stellt ihre aktuellen Favoriten vor. Außerdem versucht sie potentielle Interessenten mit „sieben guten Gründen für Podcasts“ zu gewinnen.

7. Deniz’e özgürlük! Freiheit für Deniz!
(change.org, Shahak Shapira)
Seit gestern sitzt der Journalist Deniz Yücel nicht mehr nur in Polizeihaft, sondern in Untersuchungshaft, nachdem ein Untersuchungsrichter dem Antrag der türkischen Staatsanwaltschaft gefolgt ist. Als kleines Zeichen der Unterstützung für Yücel könnten Sie sich an der von Shahak Shapira gestarteten Petition beteiligen. Dazu auch: Die „Reporter ohne Grenzen“ fordern: „Deniz Yücel sofort freilassen“.

Wer das Urteil hat, braucht für den Spott von Bild.de nicht zu sorgen

Ein ehemaliger Mitarbeiter der „Tafel“ in Herford wurde vergangene Woche zu neun Monaten Haft auf Bewährung und 150 Stunden Sozialarbeit verurteilt. In seiner Position als Kassenwart hatte er in 38 Fällen Gelder des Vereins veruntreut. Von den insgesamt knapp 3400 Euro hatte der 28-Jährige, der auch in der Lokalpolitik aktiv ist, weiblichen Internetbekanntschaften Geschenke gemacht: Anzüge aus Lackleder, Unterwäsche, Duftöle.

Bild.de berichtete gestern am späten Abend über die Verhandlung (auf einen Link verzichten wir bewusst). Und schon in die Überschrift gossen die Redakteure den ersten Eimer Spott, der im Axel-Springer-Hochhaus links neben dem Tisch eines jeden Mitarbeiters immer bereitsteht:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Abgesehen davon, dass es in der Verhandlung um das Geld eines Vereins ging, der Menschen kostenlos mit Lebensmitteln versorgt, hat der Fall nichts mit Essen zu tun. Dass es sich bei dem Verurteilten um einen „dicken Politiker“ handelt, musste bei Bild.de offenbar trotzdem unbedingt mit rein.

Für den ersten Absatz seines Artikels hat sich der Autor dann den Eimer Spott seines Büronachbarn geliehen, damit er sich über den „Gutmenschen“ auf der Anklagebank lustig machen konnte:

Er wollte armen Menschen helfen, doch dann geriet der junge Politiker und Gutmensch im Internet in die Fänge der Lust. Der Trip ins Reich der Erotik brachte ihn um den Verstand und schließlich auf die Anklagebank.

In Absatz zwei kommt der Text noch einmal zurück aufs Aussehen des Mannes — der Autor schätzt dort dessen Gewicht.

Das alles ist deswegen besonders grässlich, weil Bild.de sich keine große Mühe gibt, den Verurteilten zu anonymisieren. Zwar kürzt das Portal den Nachnamen ab, dafür zeigt es aber sowohl auf der Startseite als auch im Artikel ein Foto von ihm ohne irgendeine Verpixelung. Die Bild.de-Mitarbeiter machen ihn bundesweit zum Gespött.

Natürlich kann man über die Verhandlung berichten. Die Richterin sagte auch völlig zu Recht, dass es „besonders verwerflich“ sei, „dass Sie Geld nahmen, das für bedürftige Menschen bestimmt war.“ Außerdem handelt es sich um eine Person, die in der Politik aktiv ist. Aber muss man diese Person nach einem Urteil, ob man es nun für gerecht hält oder nicht, noch derart mit einem Artikel vorführen?

Die regionalen Medien — „Westfalen-Blatt“, „Neue Osnabrücker Zeitung“, „Neue Westfälische“ — respektierten übrigens die Persönlichkeitsrechte des Mannes und zeigten entweder verpixelte oder gar keine Fotos von ihm.

Yücels Haftprotokoll, FC-Bayern-TV, Rüttelformat

1. Deniz Yücel – das Haftprotokoll
(welt.de, Deniz Yücel)
Es gibt Neuigkeiten vom „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel, der sich seit dem 14. Februar im „türkischen Polizeigewahrsam“ befindet (eine viel zu wohlklingende Umschreibung für „im Knast eingesperrt“). Yücel darf zwar in seiner Zelle nicht schreiben, hat aber seinen Verteidigern einen Bericht in den Block diktiert. Ein Haft-Protokoll, das deutlich macht, wie unzumutbar und unwürdig die Haftbedingungen für die Inhaftierten sein müssen und ahnen lässt, was alles in Yücel vorgehen mag.

2. FCBayern.tv – noch mehr Interviews?
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Keine guten Nachrichten für Sport-TV-Sender wie Sky und Sport1: Der FC Bayern München startet an diesem Montag als erster deutscher Fußballverein einen eigenen Fernsehsender. Dort wird sich dann rund um die Uhr mit sich selbst beschäftigt. Zu empfangen ist der Bayern-Kanal über EntertainTV der Telekom sowie über die Internetseite und die Smartphone-Apps des FC Bayern, für 5,95 Euro im Monat. Ein Weg, wie Markus Ehrenberg vom „Tagesspiegel“ berichtet,den vorerst nur Platzhirsch Bayern München beschreitet.

3. Blick nach rechts
(taz.de, Daniel Bouhs)
Das ARD-Magazin „Monitor“ hat alle 141 Talkshow-Themen im ersten und zweiten Programm des vergangenen Jahres ausgewertet – von „Anne Will“ bis „Maybrit Illner“. In den Sendungen ginge es vor allem um die Lieblingsthemen der Rechten: also vor allem um Terror, Flucht und Islam. „taz“-Autor Daniel Bouhs ist über den „Monitor“-Beitrag erstaunt: „Erstens sendet „Monitor“ – wie die Talkshows – vor Millionenpublikum. Zweitens wird das Politmagazin vom WDR produziert und damit von dem Sender, der mit „Hart aber fair“ und „Maischberger“ aktuell die meisten Talks im Ersten platziert. Damit kommt die Kritik – zumindest im weiteren Sinne – inzwischen offen auch aus dem eigenen Haus.“

4. Diese Sendung ist ein Arschloch
(zeit.de, Dirk Gieselmann)
Auf „ZDFneo“ gibt es ein neues Format: „Bist Du 50.000,- wert?“ Unter sechs Kandidaten wird derjenige gesucht, der die Jury überzeugt, indem er einfach nur „er selbst“ ist. Dirk Gieselmann fragt sich in seiner Sendungsbesprechung „wer es zugelassen hat, dass dieses wahnwitzige Potpourri aus Assessment-Center, Milgram-Experiment und Heidi Klums sadistischen Fantasien an die Öffentlichkeit gerät“. Bei dem Format handele es sich um wesentlich mehr als eine Geschmacklosigkeit: „Es ist ein Gemetzel vor laufenden Kameras, die Beteiligten erschlagen einander mit den Höflichkeitsfloskeln der Dienstleistungsgesellschaft, es ist die Rache aller an allen. Die kleinen Leute in der Jury rächen sich an den noch kleineren Leuten im Teilnehmerfeld, sie rächen sich für all die Ablehnungen, für jedes „Du bist es nicht wert“, dass sie je gehört haben. Die Redakteure wiederum rächen sich an den Juroren dafür, dass sie keiner seriösen Arbeit nachgehen können, und die Produzenten rächen sich einfach von oben nach unten durch. Dass diese Rache ausnahmslos die Falschen trifft, ist eine Metapher für vieles um uns herum.“

5. BND bespitzelte offenbar ausländische Journalisten
(spiegel.de, Maik Baumgärtner, Martin Knobbe & Jörg Schindler)
Im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags ging es fast drei Jahre um die Massenüberwachung des US-amerikanischen Dienstes und später auch um die unkontrollierten Spähaktionen des Bundesnachrichtendienstes (BND). Dabei stellte sich heraus, dass der BND ab 1999 mindestens 50 Telefon- und Faxnummern oder E-Mail-Adressen von Journalisten oder Redaktionen auf der ganzen Welt überwachte. Das Ganze könnte mit dem kommenden BND-Gesetz noch schlimmer werden, daher bereitet die „Gesellschaft für Freiheitsrechte“ eine Verfassungsklage vor.
Weiterer Lesetipp: Andre Meisters erschütternder Bericht auf netzpolitik.org: Drei Jahre Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: Die Aufklärung bleibt Wunschdenken, die Überwachung geht weiter

6. Investigatives Fernsehen: Wir rütteln auch an Ihrer Tür
(dwdl.de, Hans Hoff)
Zum Standardelement eines TV-Investigativformats gehört der Überfallbesuch eines Kamerateams nebst erfolglosem Rütteln an verschlossenen Türen. Kolumnist Hans Hoff will daraus ein eigenständiges Format machen: „Ich verspreche, wir füllen mit Rütteln, Überfallbesuchen und Bildern von quellendem Faxpapier problemlos eine Dreiviertelstunde. Wir sind zudem extrem günstig im Preis, weil wir direkt losfahren und unsere Zeit nicht mit Telefonieren oder Anmeldungen oder Akkreditierungen verplempern. Wir gehen direkt dahin, wo es wehtut. Rüttel. Rüttel.“

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