Die wahre traurige Geschichte hinter Cristiano Ronaldos neuer Frisur

Inzwischen ist es ja normal, dass deutsche Journalisten total am Rad drehen, sobald irgendein Fußballer (oder Trainer) irgendwas mit seinen Haaren anstellt. Diesmal ist es aber besonders extrem. Nicht nur, weil es um Superstar Cristiano Ronaldo geht, der beim letzten WM-Spiel mit einem ins Haupthaar einrasierten Zickzack-Muster auflief, sondern weil sich hinter dieser Frisur eine „ergreifende“ bzw. „rührende“ bzw. „traurige“ bzw. „dramatische“ Geschichte verbirgt.

Im März wurde nämlich bekannt, dass Ronaldo eine Familie finanziell unterstützen will, deren kleiner Sohn Erik an einer Hirnerkrankung leidet und eine teure Operation benötigt.

Was das mit der Frisur zu tun hat? Nun, der „Blitz“ sei in Wirklichkeit kein Blitz, schreiben die Medien, sondern er zeichne die OP-Narbe des kleinen Jungen nach, der Ende letzter Woche operiert worden sei. Ein Zeichen der Verbundenheit also. Hach!

Erzählt wurde diese ergreifende Geschichte bislang unter anderem von „RP Online“, „Focus Online“, Stern.de, Bild.de, DerWesten.de, Blick.ch, HNA.de, Heute.at, dem „Sport-Informations-Dienst“ (auf dem einige der anderen Artikel beruhen), den Online-Auftritten von „Handelsblatt“, NDR, „Weser Kurier“, „Bunte“, „intouch“, „Sportbild“, „Berliner Zeitung“, „Augsburger Allgemeine“, „tz“, „Hamburger Abendblatt“, „Münchner Abendzeitung“, „Mopo“, N24, „Berliner Morgenpost“, außerdem vom „Express“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Nürnberger Zeitung“, der „FAZ“, der „Welt“ und vielen mehr.

Eine Quelle geben viele Medien dabei allerdings nicht an. Und das ist der Haken an der Sache.

Wahrscheinlich beruht die Geschichte ursprünglich auf diesem Tweet:


Sieht zwar recht seriös aus, ist aber, wie sich nach anderthalbsekündiger Recherche zeigt, ein Fake-Account („Not affifilated with the FIFA World Cup“). Und der wiederum hat die Story offenbar von diesem hier:

Auch hier hält sich die Seriosität eher in Grenzen. Andere Tweets des Nutzers lauten zum Beispiel:

Oder:

Davon abgesehen leidet der kleine Junge nicht, wie in den Tweets (und in ihren zahlreichen Varianten) behauptet wird, an einem Tumor, sondern an kortikaler Dysplasie. Einen Beleg dafür, dass Ronaldos Frisur irgendwas mit der OP-Geschichte zu tun hat, liefern die Tweets ohnehin nicht. Spätestens hier hätten die Journalisten — so sie denn recherchiert hätten — also stutzig werden müssen. Und allerspätestens am Montagabend. Da schrieb die Mutter des kleinen Jungen auf ihrer Facebookseite nämlich:

Ich habe gesehen, dass in den sozialen Netzwerken das Gerücht verbreitet wird, Cristiano Ronaldo hätte sich einen Haarschnitt zu Ehren von Eriks Operation machen lassen, aber ich möchte klarstellen, dass das nicht der Fall ist. Mein Sohn wurde noch gar nicht operiert. Cristiano Ronaldo hat zugesagt, einen Teil der Kosten für die Operation zu übernehmen, wenn mein Sohn sich dieser unterziehen muss, aber dieser Tag ist zum Glück noch nicht gekommen.

(Übersetzung von uns.)

Inzwischen sind auch einige Medien wieder halbwegs zurückgerudert. „Bild“ und „Sportbild“ beispielsweise haben ihre Artikel um den Hinweis ergänzt, dass es keine offizielle Bestätigung für die Frisurengeschichte gebe. Das „Handelsblatt“ hat den Online-Artikel kurzerhand gelöscht. Und Stern.de hat zwar die Sache mit der Operation korrigiert („Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Erik Ortiz Cruz bereits operiert worden sei. Das ist nicht der Fall“), findet aber immer noch, dass die Frisur einen tieferen Sinn habe:

Ronaldo wollte nicht symbolisieren, dass er (blitz-)schnell ist. Die einrasierte Stelle steht für eine Narbe am Kopf. Und damit für eine bewegende Botschaft: Der einjährige Erik Ortiz Cruz leidet an einer schweren Hirnerkrankung, er muss operiert werden, auch sein Kopf wird einmal über eine solche Narbe verfügen.

Offenbar findet Stern.de die Geschichte dann doch zu schön, um sie ganz aufzugeben.

Mit Dank an Claudia und pre.

Gabor Steingart, Crowdfunding, Übersetzungen

1. „Das deutsche Internet, erklärt von Gabor Steingart“
(sixtus.net)
Mario Sixtus befasst sich mit dem FAZ-Text „Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf“ von Gastautor Gabor Steingart: „Herr Steingart behauptet hier nichts anderes, als dass sämtliche deutschsprachigen Artikel, die Google indiziert hat – also wohl so ziemlich beinahe fast alle Texte im deutschen Internet -, ihren Ursprung in deutschen Zeitungsverlagshäusern haben. Alle. Deutschen Texte. Im Internet.“

2. „Rezensentische Fehlgriffe“
(titel-kulturmagazin.net, Pieke Biermann)
Übersetzerin Pieke Biermann geht sehr detailiert ein auf eine Kritik des NZZ-Feuilletons an der Übersetzung, die sie für das Buch „Behind the Beautiful Forevers“ von Katherine Boo angefertigt hat.

3. „Dinstinguiert, umschwärmt“
(journal21.ch, Heiner Hug)
Heiner Hug erinnert an Paul Spahn, Sprecher der Tagesschau des Schweizer Fernsehens von 1959 bis 1985.

4. „Wie wird Crowdfunding erfolgreich?“
(curcuma-medien.de, Anita Grasse)
Anita Grasse denkt darüber nach, wie man erfolgreiches Crowdfunding macht. „Klar, auch wer diese fünf Erfolgsgeheimnisse beherzigt, kann mit seinem Projekt gnadenlos scheitern. Falscher Ort, falsche Zeit, falsche Plattform, falsche Leute.“

5. „‘ARD und ZDF verstehen sich als versteckte PR-Kompanie des DFB’“
(meedia.de, Alexander Becker)
Philipp Köster mit einer Zwischenbilanz zu den Leistungen von ARD und ZDF zur Fußball-Weltmeisterschaft: „Wenn man Mario Götze schon mal ausführlicher vors Mikrofon bekommt, wäre das doch eine feine Gelegenheit, ihn mal zu ein paar fußballerischen Dingen zu befragen. Stattdessen geht es dann um Frühstücksrituale und darum, ob er sich nicht der Schafkopfrunde der Kollegen anschließen möchte. Da schaltet man doch gerne schnell mal um.“

6. „BILD dir deine Doppelmoral“
(extra3.blog.ndr.de)
Siehe dazu auch „Warnung vor Veröffentlichung“ (djv.de).

Vice Media, Mindestlohn, Heftig

1. „‘Das Internet ist für die Verlage ein Segen’“
(medienpolitik.net)
Ein Interview mit dem Präsident des BDZV, Helmut Heinen, der gute Gründe sieht, gegen einen Mindestlohn von 8,50 Euro zu klagen. „Die Staatsrechtler Prof. Dr. Degenhardt, Universität Leipzig, und Prof. Dr. Dr. Di Fabio, Universität Bonn und ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, kommen in ihren Gutachten übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Einführung des Mindestlohns in Höhe von 8,50 Euro einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Pressefreiheit, Art. 5 Grundgesetz, bedeuten würde.“

2. „Kommentare null: Das langsame Sterben des Spiegel-Blogs“
(meedia.de, Alexander Becker)
Das Spiegelblog ist „zur Abladestelle für Eigenwerbungstexte zum aktuellen Heft verkommen“.

3. „‘Vice’ liebt das Wilde und Waghalsige“
(nzz.ch, Martin Hitz)
Vice Media hat sich in den letzten Jahren zu „einem breit diversifizierten Imperium mit 1100 festen und 4000 freien Mitarbeitern entwickelt“, stellt Martin Hitz fest. „So ist Vice auch ein Musiklabel, ein Buchverlag, ein Event-Veranstalter, eine Filmproduktionsfirma, eine Werbeagentur und ein Werbenetzwerk; selbst ein Pub im Londoner East End nennt die Firma ihr eigen.“

4. „Emotionen für Millionen: Heftig.co und der Durchmarsch der Content-Katapulte“
(get.torial.com, Tobias Lenartz)
Tobias Lenartz beschäftigt sich mit der Website Heftig.co: „Dass die ‘Inhalte’ von Heftig nahezu alle aufgewärmt sind, stört die aktuell über 920.000 Facebook-Fans offenbar ebenso wenig wie der Umstand, dass die Videos und Storys nur bedingt mit den hochgejazzten Erwartungen mithalten können. Der Trick: Heftig wärmt fast ausschließlich Geschichten auf, die sich bereits viral bewährt haben.“

5. „‘Ich dachte zuerst, es ist ein Scherz’“
(sueddeutsche.de, Jonathan Fischer)
Ein Interview mit Schauspieler Marius Jung, dem Studentenvertreter Rassismus vorwerfen – er ist Autor des Buchs „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“: „Tabus führen doch nur zu noch mehr Ausgrenzung. Es hilft niemandem, wenn Menschen stammelnd vor mir stehen und nicht wissen, wie sie mich nennen sollen. Dann ist es besser, man spricht offen und angstfrei über Begriffe.“

6. „Die Stunde der Idioten“
(tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
Constantin Seibt nachts unterwegs in Zürich: „Die Stunde der Idioten ist uralt. Nur ihre Zeit variiert: ‘Vor 30 Jahren war die wildeste Zeit an der Langstrasse um sechs Uhr abends. Gruppen von Geschäftsherren zogen, schon stockbetrunken, von Striplokal zu Striplokal’, so ein erfahrener Clubbetreiber. ‘Später in den 80er-Jahren lagen die Schnapsleichen um 1 Uhr im Niederdorf. Die Nutzniesser waren die uralten Prostituierten, die wie Muränen aus ihren Löchern kamen und mit einem ‘Komm, Schatzi’ die Betrunkenen in den Hauseingang zogen.’“

Sport Bild, Spiegel Online, Social-Media-Redakteur

1. „Der Social-Media-Redakteur – das überschätzte Wesen?“
(onlinejournalismusblog.com, Stephan Dörner)
Die Frage, „was von den eigenen Inhalten beachtet wird und was nicht“, entgleite den Redaktionen zunehmend, stellt Stephan Dörner fest, weshalb es zunehmend auch gar keine „Blattmacher“ benötige. „Auch für Werbekunden erfordert die wachsende Bedeutung von Social Media ein Umdenken: Kann der Werbekunde, der eine Anzeige bei Handelsblatt Online oder dem Wall Street Journal bucht, wirklich noch sicher sein, dass diese vor allem die Zielgruppe erreicht? Vermutlich immer weniger, je größer der Anteil von Lesern wird, der eher zufällig auf der Website landet, weil ein einzelner Artikel – wenn er ein Reizthema behandelt oder das Thema einer gut vernetzten Gruppe – zum Facebook-Hit wird.“

2. „Die substantiellen Probleme von Spiegel Online“
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat befasst sich mit der Online-Strategie von „Spiegel“ und „Spiegel Online“: „Die Zwei Klassen-Gesellschaft in der Spiegel Gruppe, also die Printredaktion mit ihren Gesellschafteranteilen (Mitarbeiter-KG) versus Online ohne Anteile am Verlag, bleiben das zentrale Problem.“

3. „Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Für die nicht wissen wie“
(titanic-magazin.de, Stefan Gärtner)
„Sport Bild“ lässt Kevin Großkreutz Fragebogen mit witzig gemeinten Antworten ausfüllen (BILDblog berichtete), um ihm diese später ernsthaft vorzuhalten.

4. „Er kann es einfach nicht“
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Gregor Keuschnig liest das Buch „Ganz oben ganz unten“ von Christian Wulff: „Ich habe inzwischen keinen Zweifel daran, dass Wulff in einer Mischung aus selbst­verschuldetem Unglück und narzisstischem Jagdtrieb einiger wildgewordener Egomanen einem eben auch qualitätsmedialen Blutrausch erlag, in dem sich zu Beginn mehrere Jäger gleichzeitig auf das gleiche Objekt konzentrierten. Zunächst begann ein Wettkampf (‘Bild’, ‘stern’, ‘Spiegel’). Als ‘Bild’ durch die Mailbox-Nachricht praktisch über Nacht ein Faustpfand in der Hand hatten, übernahm ‘Bild’ die Führungsrolle. Willig liessen sich nahezu alle selbsternannten Qualitätsmedien vor den Karren spannen.“

5. „The German war against the link“
(buzzmachine.com, Jeff Jarvis, englisch)
Jeff Jarvis kommentiert die Forderung deutscher Verleger an Suchmaschinen, „bis zu elf Prozent der Umsätze, die sie mit Ausschnitten aus Online-Presseerzeugnissen erzielen, an die Zeitungen und Zeitschriften“ weiterzureichen: „They are trying to blackmail net companies in hopes of getting some payoff from them.“

6. „Fußballfloskeln wörtlich genommen“
(youtube.com, Video, 5:15 Minuten)
Die Sendung mit der Maus nimmt Fußballreporter mal wörtlich.

Geld verdienen als Gaffer

„Bild Bremen“ und Bild.de berichten heute über einen „Horror-Crash“ auf der A1, bei dem gestern eine Lkw-Fahrerin ums Leben gekommen ist.

Nachdem sie die dramatischen und „herzzerreißend[en]“ Szenen an der Unglücksstelle geschildert hat, schreibt die Autorin:

Während Retter die Verletzten befreien, bremsen auf der Gegenfahrbahn etliche Fahrer ab, fotografieren und filmen das Drama.

Näher geht sie darauf nicht ein, aber vermutlich soll man das als Kritik an den Gaffern verstehen. Denn Gaffer — noch dazu fotografierend und filmend — mag die „Bild“-Zeitung ganz und gar nicht.

Es sei denn, sie verkaufen ihre Fotos danach an „Bild“. Aber dann sind sie auch keine Gaffer mehr, sondern „Bild-Leser-Reporter“:

Gezeigt werden noch fünf weitere Fotos des „Leser-Reporters“* („Bestatter schieben den Sarg zum Leichenwagen“, „Ein Feuerwehrmann streichelt das Hündchen der toten Lkw-Fahrerin“) — auch in der gedruckten Version:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

„Bis zu 250 Euro“ sind der Redaktion solche Fotos wert. Das 1414-Logo prangt mitten im Artikel wie ein Siegel (Dieses Foto hat ein stinknormaler Leser gemacht!) und ein Aufruf zugleich (Das kannst du auch! Schick uns deine Unfall-Fotos, mit etwas Glück kriegst du sogar Geld dafür!).

Allerdings war diese Praxis — sich über Gaffer zu empören und sie gleichzeitig zu belohnen, ja fast schon zu ermutigen — für Menschen von „Bild“ bisher noch nie ein Problem.

Mit Dank an Oliver M. und Nico W.

*Nachtrag/Korrektur, 17 Uhr: Offenbar stammt nur eines der Fotos von einem „Leser-Reporter“, alle anderen von einem freien Fotografen. Bild.de hatte eine Bildunterschrift falsch gesetzt (inzwischen aber korrigiert), daher das Missverständnis.

Sven Lau, Jakob Augstein, Win-Win-Situationen

1. „Künstliche Aufregung um etablierte Praxis“
(medienwoche.ch, Karin Müller)
„Wir alle müssen uns von einem Journalismus verabschieden, der aus zwei Werten bestand: Qualität und Unabhängigkeit“, schreibt Ex-Journalistin Karin Müller. „Auch ich bin abgewandert und versuche nun für meine Mandanten Win-Win-Situationen bei den Verlagen herauszuholen. Im Lifestyle-Bereich ist die Sache ziemlich korrupt. Wer eine bestimmte Anzahl Inserate bucht, bekommt Zusagen über redaktionelle Beiträge.“

2. „Vor- und Nachruf auf Frank Schirrmacher“
(umblaetterer.de, Josik)
Für den „Spiegel“-Nachruf auf Frank Schirrmacher verwendet Jakob Augstein Sätze, die er bereits 2012 so ähnlich im „Freitag“ veröffentlicht hatte.

3. „Der ‘Hilfspolizist’“
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Wie zwei verschiedene Journalisten reagieren auf Auskunftsbegehren der Behörden zu Sven Lau. „Noch immer haben Pressemenschen ein Zeugnisverweigerungsrecht, noch immer haben sie ihre Informanten zu schützen, noch immer ist es nicht ihre Aufgabe, Beschuldigte zu belasten.“

4. „eBook Reader Test der Computerbild sieht Tolino Vision vorne“
(lesen.net, Johannes Haupt)
Ein E-Book-Reader-Test in der „Computer Bild“. „Test-Sieger darf sich der Tolino Vision nennen, Preis-Leistungs-Sieger ist der Kindle (49 Euro). (…) Gewissermaßen prämiert die Computerbild hier ihr eigenes Gerät. Denn der Axel-Springer-Verlag ist über seine Beteiligung an Tolino-Partner buecher.de selbst ein Teil der Allianz, auf ebook.bild.de sind Tolino Vision und Tolino Shine mit voreingestelltem Bild eBook Store erhältlich.“

5. „Das böse, böse Amazon“
(buggisch.wordpress.com)
Christian Buggisch liest im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ einen Text über Amazon: „‘Der Tag muss kommen, da Amazon seine Macht einsetzen wird, um Geld zu verdienen; der Tag, da hinter den lächelnden Pappschachteln Amazons wahres Gesicht zum Vorschein kommt.’ Himmel hilf! Rette sich, wer kann, vor einem Unternehmen, das Geld verdienen will!“

6. „Verliebt am Pool“
(11freunde.de, Dirk Gieselmann)
Dirk Gieselmann notiert eine „Hofberichterstattung“ und einen „distanzlosen Ranschmeißjournalismus“ in der Berichterstattung von ARD und ZDF zur Fußball-Weltmeisterschaft. „Sportlich läuft es gut, und das ist auch durchaus wünschenswert. Aber es ist kein Grund für die Sender, derart affirmativ zu Werke zugehen, dass man glauben könnte, sie seien der verlängerte Arm der DFB-Pressestelle.“

Julian Assange, Ottmar Hitzfeld, Kurt Westergaard

1. „Snowdens Deutschland-Akte: Die Dokumente im PDF-Format“
(spiegel.de)
„Spiegel Online“ veröffentlicht 53 PDF-Dateien aus den Snowden-Leaks, teilweise mit Deutschland-Bezug. Siehe dazu auch „Abkürzungen erklärt: So lesen Sie die NSA-Dokumente“ (spiegel.de).

2. „Assange wohnt, wo das WC war“
(tagesanzeiger.ch, Peter Nonnenmacher)
Seit 730 Tagen wohnt Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London: „Zu diesem Zweck schieben in der ­Regel mindestens drei Polizisten vor No 3 Hans Crescent in London SW1X Wache. Der edwardianische Wohnblock, in dem sich das Botschaftsappartement ­befindet, ist rund um die Uhr umstellt. Über 12’000 Franken pro Tag verschlingen die Sicherheitsmassnahmen nach Polizeiangaben insgesamt. Auf 9 Millionen Franken summiert sich die Rechnung bisher.“

3. „Ringier/ Hitzfeld: Ein spezielles Doppelmandat“
(bilanz.ch, Ueli Kneubühler)
Der Vertrag des Trainers der Schweizer Fußball-Nationalmannschaft mit dem Ringier-Verlag: „Man stelle sich vor, Jogi Löw, Trainer des deutschen Fussballnationalteams, hätte einen Beratervertrag mit der Boulevardzeitung ‘Bild’. Das ist in Deutschland undenkbar. In der Schweiz ist es Realität.“

4. „Why Audiences Hate Hard News—and Love Pretending Otherwise“
(theatlantic.com, Derek Thompson, englisch)
Was Leser klicken: „The more attention-starved we feel, the more we thirst for stimuli that are familiar. We like ice cream when we’re sad, old songs when we’re tired, and easy listicles when we’re busy and ego-depleted. (…) In this light, there are two problems with hard news: It’s hard and it’s new.“

5. „‘Ich bin eine Persona non grata’“
(fr-online.de, Klaus Staeck)
Karikaturist Kurt Westergaard wird befragt von Klaus Staeck: „Dass wir in Dänemark unsere muslimischen Mitbürger satirisch darstellen, bedeutet nicht Exklusion, sondern Inklusion in die Gesellschaft. Sie werden satirisch behandelt genau wie ethnische Dänen.“

6. „WAR PORN“
(kwerfeldein.de, Martin Gommel)
Martin Gommel liest den Fotoband „War Porn“ von Fotograf Christoph Bangert.

dpa, sid  etc.

Für eine Handvoll Massenschläger

Pressemitteilungen der Polizei lassen den abschreibenden Journalisten normalerweise eher geringen Interpretationsspielraum. Wenn sich der „Verunfallte“ mit seinem „Kraftfahrzeug“ vom „Unfallort entfernt“, gibt’s eben nicht viel rumzudeuten, da ist die Sache klar.

Die Mitteilung, die am Montagabend nach dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal von der Polizei Essen rausgehauen wurde, war allerdings nicht ganz so eindeutig zu lesen. Dort hieß es:

Polizei Essen im Einsatz
Kurz nach Spielschluß kam es zu einer Schlägerei vor der Essener Grugahalle, wo zuvor tausende Fans den deutschen Sieg über Portugal gefeiert hatten. Bis zu circa 100 Personen gerieten kurzfristig in Streit.

„Schlägerei“, „100 Personen“, „Streit“ – da kann man als diensthabender dpa-Polizeimeldungszusammenfasser mitten in der Nacht schon mal durcheinanderkommen. Die Agentur meldete jedenfalls anderthalb Stunden nach der Polizeimeldung:

Schlägerei mit rund 100 Beteiligten nach Auftaktsieg der Nationalelf
Nach dem WM-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft haben sich rund 100 Fans in Essen geprügelt. Wie die Polizei mitteilte, eskalierte am Montagabend ein Streit vor der Essener Grugahalle, in der zuvor Tausende Menschen den 4:0-Sieg gegen Portugal verfolgt hatten.

Haben Sie’s bemerkt? In der Pressemitteilung gerieten die 100 Personen „in Streit“ — bei der dpa haben sie sich „geprügelt“. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung:


Die dpa ist nicht die einzige Quelle für diese Artikel. Manche beruhen auch auf dem Sport-Informations-Dienst (SID), der gestern in gleich vier verschiedenen Meldungen berichtete, in Essen sei es zu einer „Massenschlägerei“ beziehungsweise einer „wüsten Prügelei“ gekommen. Als Beleg verweist der SID auf die oben zitierte Pressemitteilung der Polizei — in der von Massenschlägerei allerdings gar keine Rede ist.

Gestern Mittag, gut 14 Stunden nach ihrer ersten Meldung, hatte die dpa es dann schließlich auch geschafft, nochmal bei der Polizei nachzufragen — und siehe da: In der neuesten Meldung prügelten sich nicht mehr alle 100 Personen, sondern nur noch „etwa eine Handvoll“:

In Essen gerieten nach dem Schlusspfiff laut Polizeiangaben rund hundert Menschen vor der Essener Grugahalle in Streit. In dem Tumult sei etwa eine Handvoll Fans handgreiflich geworden, zwei Menschen erlitten leichte Verletzungen, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag.

Diese korrigierte und deutlich unspektakulärere Fassung hat es allerdings nur in in die wenigsten Medien geschafft.

Via Reviersport. Mit Dank an Wolfram L.

Reichweite, Tanzgruppe, ISIL

1. „Krautreporter am Start“
(anmutunddemut.de, Benjamin Birkenhake)
Benjamin Birkenhake findet es gut, dass die Krautreporter ohne den Druck, Online-Reichweite aufzubauen, an den Start gehen können, denn: „Online-Reichweite aufzubauen bedeutet fast zwangsläufig, sich der Bild-Zeitung und Heftig.co anzunähern.“ Und er bittet darum, das gesammelte Geld für Texte einzusetzen: „Fast jeder Euro für Technik und Design ist vergeudet. Um besseren Online-Journalismus zu machen, reicht ein Standard-Wordpress mit einem netten Theme voll und ganz aus.“

2. „Putins Internetpiraten“
(nzz.ch, Christian Weisflog)
„50 Kommentare auf Nachrichtenportalen, 50 Kurznachrichten auf Twitter und die Bewirtschaftung von sechs Facebook-Seiten“, das sei das Tagessoll eines im Auftrag der russischen Regierung bezahlten Kommentarschreibers, berichtet Christian Weisflog: „Die Trolle erhalten von den Leitern der Agentur exakte Anweisungen, zu welcher Tageszeit sich die Kommentierung am meisten lohnt und mit welcher Sprache sie das gewünschte Echo in den Foren erzielen. Das Ziel ist es, mit möglichst derben Kommentaren eine Diskussion zu provozieren. Dabei wird den Trollen aber empfohlen, die jeweilige Zensurpolitik zu berücksichtigen und den Bogen nicht zu überspannen.“

3. „Kommentar: Stefan Laurin über den derzeit wohl gefährlichsten Medienpolitiker und seinen Griff in die Kasse“
(newsroom.de, Stefan Laurin)
Stefan Laurin macht auf ein Gesetzvorhaben im NRW-Landtag aufmerksam: „Erstmals werden, wenn auch mit eher überschaubaren Mitteln, aus der Haushaltsabgabe private Medien finanziert – und hängen dabei vom Wohl und Wehe partei- und verbandspolitischer Gremien ab.“

4. „Is it ISIL or ISIS in Iraq?“
(blog.ap.org, Tom Kent, englisch)
Tom Kent begründet, warum die Organisation Islamischer Staat im Irak und der Levante besser mit ISIL statt mit ISIS abgekürzt wird.

5. „Änderung unserer Nutzungsbedingungen: Verpflichtung zur Offenlegung“
(blog.wikimedia.org)
Wikipedia ändert die Nutzungsbedingungen für PR-Arbeiter: „Wenn Sie für Ihre Bearbeitung bezahlt werden, müssen Sie diese bezahlte Bearbeitung offenlegen, um die neuen Nutzungsbedingungen einzuhalten. Sie müssen Ihre Zugehörigkeit in Ihrer Bearbeitungszusammenfassung, Benutzerseite oder Diskussionsseite angeben, um Ihre Perspektive fair offenzulegen.“

6. „Brasilianischer Tanzgruppe gelingt Flucht aus WM-Studio des ORF“
(dietagespresse.com)

Presserat beanstandet Eigen-Schleichwerbung für Diätprogramm

Manchmal passieren in deutschen Zeitungsredaktionen erstaunliche Fehler. Dass im Kölner „Express“ Anfang des Jahres eine große sechsteilige Serie von Artikeln erschien, in denen jeweils, ohne jede Kennzeichnung, ein Fitnessprogramm namens „fitmio“ beworben wurde …

… das ist der Ressortleitung bzw. Chefredaktion des Blattes leider erst nach Abschluss der Serie aufgefallen. Natürlich hätte man dem Leser kenntlich machen müssen, dass es sich um ein Programm handelte, das von einem Unternehmen des Verlages M. DuMont Schauberg vermarktet wurde, teilte die Rechtsabteilung dem Presserat mit. Dass dieser Hinweis ausgeblieben sei, betrachte man selbst als ärgerlichen und bedauerlichen Fehler.

Online seien die Berichte sofort nach Bekanntwerden entsprechend gekennzeichnet worden. Der Presserat fasst die Zerknirschtheit mit den Worten zusammen:

Der Fehler sei der Redaktion bewusst und intern mit allen Verantwortlichen erörtert worden. Man gehe davon aus, dass alle Beteiligten daraus gelernt hätten.

Der Presserat, bei dem wir uns beschwert hatten, sah in der Veröffentlichung einen Verstoß gegen das Gebot, Redaktion und Werbung klar zu trennen. Er verwies auf Ziffer 7 des Pressekodex, in der es heißt:

Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

Auch im „Kölner Stadt-Anzeiger“, ebenfalls ein Schwesterblatt von „fitmio“, erschienen Anfang des Jahres mehrere scheinbar redaktionelle Beiträge zum Thema Fitness und Abnehmen, die für „fitmio“ warben. Die Rechtsabteilung des Verlages argumentierte hier aber anders: In der Beschreibung des Programms sei ausdrücklich erwähnt, dass es „in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule und dem Anti-Diät-Club angeboten“ werde. Und den „Anti-Diät-Club“ des „Kölner Stadt-Anzeigers“ gebe es schon seit 2005; er sei den Lesern bestens bekannt und mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ untrennbar verbunden. Durch die Erwähnung des „Anti-Diät-Clubs“ wüssten „Stadt-Anzeiger“-Leser, dass es sich bei „fitmio“ um ein Angebot der Zeitung handele.

Der Presserat fand das nicht überzeugend und sah auch hier einen Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodex. „Um dem Leser klar zu verdeutlichen, dass ein Eigeninteresse des Verlages an den Veröffentlichungen vorliegt und somit die Beiträge einen kommerziellen Charakter haben, hätte es eines eindeutigen Hinweises bedurft.“ Dieser sei lediglich in einem Artikel vorhanden gewesen (Ausriss rechts), der deshalb auch nicht kritisiert wurde.

Der Presserat erteilte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen „Hinweis“; beim „Express“ sprach er eine „Missbilligung“ aus.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

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