Religiöse Wäschung mit Bild.de

Das Team von Bild.de will nicht nur Fotos toter Menschen zeigen, die Ärmsten der Armen bloßstellen oder mit falschen Zahlen weiter Stimmung gegen Geflüchtete machen; es will seine Leserinnen und Leser auch bei ganz alltäglichen Fragen helfen, etwa:

Screenshot Bild.de - Handtuch, Schlüpfer, Bettlaken - Darf ich Wäsche auf ​dem Balkon trocknen?

Und was würde zu dieser Frage besser passen als dieses Foto?

Screenshot Bild.de - Foto, das viele bunte Stoffstücke auf zwei Leinen auf einem Balkon zeigt

In der Bildunterschrift schreibt die Redaktion:

Bei dieser Buntwäsche drückt der Vermieter wohl beide Augen zu

Vielleicht hat aber auch der Bild.de-Bildredakteur bei der Fotowahl beide Augen zugedrückt und einfach nur irgendetwas rausgesucht, das nach Wäsche auf einem Balkon aussieht. Denn man kann diese tibetische Gebetsfahne bestimmt in die Buntwäsche packen. Sie hängt dort aber sicher nicht zum Trocknen.

Mit Dank an Lothar Z. für den Hinweis!

32 frohe Botschaften, Unruhe im Funkhaus, Springerknechtle Bechtle

1. Die Welt wird immer besser
(faz.net, Hans Rosling)
Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass alles schlechter wird auf unserer Erde. Das liegt daran, dass über Verschlechterungen in der Regel viel und über Verbesserungen in der Regel wenig berichtet wird. Der im Februar 2017 verstorbene Wissenschaftler Hans Rosling hatte es sich zur Aufgabe gemacht, auf die positiven Veränderungen hinzuweisen.
 In einem Gastbeitrag für die „FAZ“ gibt es sein Vermächtnis: 32 gute Botschaften! Beachtens- und lesenwert wegen der Grafiken mit den positiven Entwicklungen, aber auch wegen der Gedanken drumherum.

2. Unruhe im Funkhaus
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Beim „WDR“ rumort es: Nach Belästigungsvorwürfen gegen einen weiteren Mitarbeiter hat der Sender externe Anwälte mit der Aufklärung von Vorwürfen der sexuellen Belästigung innerhalb der Anstalt beauftragt. Inwieweit eine transparente Aufklärung der Fälle erfolgt, ist fraglich: „Persönlichkeitsschutz und Arbeitsrecht heißen ganz offenbar die Linien, hinter die sich der WDR bislang immer wieder zurückzieht. Parallel wird immer deutlicher, dass offenbar sehr viele im Haus sehr lange schon von den Vorwürfen wussten, sich aber nicht trauten, dies anzusprechen.“

3. Springerknechtle Bechtle
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Ein Ausflug in die Zeitgeschichte: 1968 wurde der Wortführer der Studentenbewegung Rudi Dutschke niedergeschossen. Viele Menschen machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, die lange gegen Dutschke und die aufbegehrenden Studenten gehetzt hatte. Josef-Otto Freudenreich erzählt die Geschichte der Springer-Blockade in Esslingen. Dort hatten sich Demonstranten versammelt, welche die Auslieferung des Boulevardblatts verhindern wollten.

4. Das Bild der Bauern
(ndr.de, Oda Lambrecht & Christian Baars)
Immer wieder gibt es Berichte, die sich kritisch mit der Landwirtschaft und ihren Folgen für Mensch, Umwelt und Tier auseinandersetzen. Berichte, die von Landwirten oft als einseitig empfunden werden. Ihre Antwort: Das Herstellen einer Gegenöffentlichkeit durch die Online-Veröffentlichung eigener Berichte, Fotos und Videos.

5. Auf Youtube ist die Erde eine Scheibe
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Wegen des Datenskandals richten sich momentan alle Augen der Welt auf Facebook, doch auch Google hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Videoplattform erweise sich, so Adrian Lobe, „immer mehr als Katalysator für Verschwörungstheorien und Hassbotschaften, die dem erklärten Ziel der Mutterfirma Google, «die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen», zuwiderlaufen.“

6. Hustensaft Jüngling hat uns den Facebook-Skandal erklärt
(noisey.vice.com, Nina Damsch)
Als Rausschmeißer fürs Wochenende ein Chat-Interview der besonderen Art: Was würde der deutsche Rapper „Hustensaft Jüngling“ an Mark Zuckerbergs Stelle tun? Sollten wir alle Facebook löschen? Hängen die coolen Kidz überhaupt noch da ab? Und ist Mark Zuckerberg wirklich ein Roboter, wenn nicht sogar ein Reptiloid?

Gefährliche Suizid-Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de

Es ist eine wirklich positive Entwicklung: Wenn Redaktionen über Suizide berichten, dann binden sie inzwischen fast immer einen kleinen Kasten in ihre Artikel ein, in dem die Leserschaft die Internetadresse der „TelefonSeelsorge“ (telefonseelsorge.de) sowie die kostenlosen Telefonnummern (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) der Organisation finden kann.

In der heutigen Düsseldorf-Ausgabe der „Bild“-Zeitung gibt es auch einen solchen Kasten. Er ist überschrieben mit „Selbstmordgedanken? Hier bekommen Sie Hilfe“ und endet mit den Worten: „Unter der kostenlosen Hotline (…) erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.“ Wie gesagt: Das ist gut. Aber es ist fragwürdig, wie ernst die Redaktion es wirklich mit der Suizidprävention rund um ihre Berichterstattung meint.

Der Hinweis zur „TelefonSeelsorge“ gehört zu einem Artikel über einen 17-Jährigen, der sich das Leben genommen hat:

Ausriss Bild-Zeitung - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer - B. fuhr Passagiere ohne Führerschein. Als er aufflog, nahm er sich das Leben
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Auch bei Bild.de erschien der Artikel, weit oben auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Als er aufflog, nahm er sich das Leben - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer B.

Der Junge hatte eine Ausbildung zum Busfahrer begonnen und ist — ohne den nötigen Busführerschein — reguläre Linienbusse mit Fahrgästen durch Wuppertal gefahren. Nach einigen Fahrten ist er aufgeflogen. Die „Wuppertaler Stadtwerke“ sollen laut „Bild“ daraufhin Schlüssel und Dienstausweis zurückgefordert und dem Jungen Hausverbot erteilt haben. Die „Bild“-Autorin schreibt dazu einen ausgesprochen bedenklichen Satz:

Bis ihn die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) bei einer seiner illegalen Touren erwischten. Da sah B(.) keinen Ausweg — und nahm sich das Leben.

Es gibt verschiedene Leitfäden für Medien, wie sie — wenn sie denn unbedingt wollen — am besten über Suizide berichten sollten. Denn seit Jahrzehnten zeigt sich, dass eine intensive Berichterstattung über Suizide zu weiteren Suiziden durch Nachahmer führen kann („Werther-Effekt“). Rücksichtslose Schlagzeilen und Artikel können Menschenleben kosten. Einer dieser Leitfäden stammt von der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ (PDF), ein anderer von der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ (PDF). In beiden Leitfäden wird vor einem solchen Satz, wie ihn „Bild“ und Bild.de heute veröffentlichen, gewarnt:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, zum Beispiel den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen beziehungsweise den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“)

… schreibt die „Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention“. Und die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ schreibt:

Nachahmung setzt Identifikation voraus. Diese Gefahr steigt, wenn der Suizid als nachvollziehbare Reaktion oder als einziger Ausweg bezeichnet wird

Der so wichtige Ausweg, den es so gut wie immer gibt und mit dem „Bild“ die Hotline der „TelefonSeelsorge“ bewirbt, fehlt im „Bild“-Beitrag komplett.

Und auch weitere Aspekte, die in den Medienleitfäden gennant werden, missachtet der Artikel:

  • Die „Bild“-Medien berichten groß und ausführlich und prominent platziert über den Fall (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn durch Titelgeschichten, Schlagzeilen und Fotos Aufmerksamkeit erregt wird“).
  • „Bild“ (im Blatt) und Bild.de (auf der Startseite) zeigen ein unverpixeltes Foto des Jungen, vermutlich mit Erlaubnis der Eltern. Jedenfalls hat die „Bild“-Autorin mit den Eltern gesprochen, Zitate der Mutter kommen im Artikel vor, genauso ein Foto der Eltern (im Leitfaden steht: „In der Berichterstattung sollte vermieden werden, ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren“).
  • Die „Bild“-Autorin nennt die Suizidmethode, den (anonymen) Ort sowie weitere Details zum Suizid (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn die Suizid-Methode detailliert beschrieben wird“).

Ja, es hat sich einiges verbessert bei der Berichterstattung über Suizide, auch bei den „Bild“-Medien. Es bleibt aber vieles, was sich noch verbessern muss.

Digitaldealer auf Entzug, Ahnungslos, Italiens Fußball-Hustinetten-Bären

1. Digitale Dealer auf Entzug
(freitag.de, Paul Lewis)
Der „Freitag“ hat einen längeren Aufsatz von Paul Lewis veröffentlicht, der das „Guardian“-Büro für die Westküste der USA leitet. Es geht um einige IT-Entwickler, die sich von den sozialen Medien abwenden. Darunter Leute wie Justin Rosenstein, der Facebooks Like-Button entwickelt hat, und Loren Brichter, der das „Pull-to-Refresh“ eingeführt hat und nun die Schattenseiten seiner Erfindung bereut. Der Digitalkonsum wird nicht nur pauschal mit Glücksspiel oder Drogenkonsum verglichen, sondern die Wirkweisen werden konkret erklärt. Und das ist erschreckend raffiniert und banal zugleich.

2. Wie jetzt, Mark? Zuckerberg spielt vor dem US-Senat den Ahnungslosen
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
„Netzpolitik.org“ hat die Anhörung des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress ausgewertet. Zuckerberg könne den Auftritt als Erfolg für sich verbuchen. Er hätte die Abgeordneten durch Tarnen und Täuschen wiederholt in die Irre geführt.
Weiterer Lesetipp: Die „Washington Post“ hat eine hübsche Zeitleiste montiert: 14 years of Mark Zuckerberg saying sorry, not sorry (washingtonpost.com, Geoffrey A. Fowler & Chiqui Esteban)

3. China zwingt muslimische Minderheit, Überwachungs-App zu installieren
(motherboard.vice.com, Joseph Cox)
Im Westen Chinas, in der Region Xinjiang, leben hauptsächlich muslimische Uiguren. Angehörige dieser ethnischen Minderheit wurden von der chinesischen Regierung nach Medienberichten gezwungen, das Spionage-Programm „JingWang“ auf ihren Handys zu installieren. Die App durchsuche das Handy nach „terroristischen und illegalen religiösen Videos, Bildern, E-Büchern und Dokumenten“.

4. Wie ein Bericht über „Fake News“ zu „Fake News“ führte
(wuv.de, Franz Scheele)
Viele amerikanische Medien haben sich darüber lustig gemacht, dass „Fox News“ für einen kurzen Moment versehentlich eine für sich nachteilige Grafik zum Thema Leservertrauen eingeblendet hat. Was dabei unterschlagen wurde: Die Grafik wurde wenig später durchaus eingeblendet. Franz Scheele hat den Vorfall aufgearbeitet und kommt zum Schluss, dass die betreffenden US-Medien damit die Ergebnisse einer Studie über „Fake News“ ungewollt bestätigt hätten.

5. Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel: Lokaljournalismus sollte nicht das Publikum erziehen wollen
(kress.de, Benjamin Piel)
Benjamin Piel spricht sich in einem Debattenbeitrag gegen „belehrenden“ beziehungsweise „erzieherischen“ Lokaljournalismus aus. Die Welt – selbst die kleine vor Ort – sei komplex und bestehe aus vielen Graustufen statt bloß aus Schwarz und Weiß. Deshalb sei das Publikum auch „dankbar, wenn es spürt, dass jemand sich die Mühe macht, die komplexe Realität anschaulich zwar, aber ohne Verhüllen des Komplizierten schildert. Es gibt fast nie nur eine Wahrheit, sondern viele Wahrheiten, die sich aus unterschiedlichen Wahrnehmungen der Wirklichkeit ergeben. Journalisten tun gut daran, diese Tatsache nicht zu verschleiern, das Publikum mündig zu machen statt es zu bevormunden.“

6. Wie sich Journalisten in Ekstase brüllen
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Italienische Fußballkommentatoren müssen sich nicht nur gut auskennen, sondern auch gut bei Stimme sein. Carolin Gasteiger hat drei Hörbeispiele herausgesucht, bei denen man spontan mit Kamille und Salbei gurgeln will. Wenn man sich nicht schon vorher eine Tüte Halspastillen in den Rachen geschüttet hat.

Jens R.

„Spiegel Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Spiegel Online - Amoktäter von Münster - Wie Jens R. sein Leben entglitt - Der Amokfahrer von Münster hatte wohl schon als Kind Suizidgedanken. Jens R. flüchtete sich später in Verschwörungsideen und zeigte nach SPIEGEL-Informationen seinen Vater an, als der ihm helfen wollte.

Welt.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Welt.de - Folgenschwerer Sturz - Wie konnte Jens R. zum Mörder werden?

FAZ.net schreibt von „Jens R.“:

Screenshot FAZ.net - Amokfahrer von Münster - Das rätselhafte Leben des Jens R.

Stern.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot stern.de - Amokfahrt von Münster - Es liegt der Verdacht nahe, dass Jens R. eine paranoide Schizophrenie hatte

Tagesspiegel.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Tagesspiegel.de - Täter von Münster - Hatte der Amokfahrer Jens R. Kontakte zu Rechtsextremisten?

„Zeit Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Zeit Online - Jens R. - Täter von Münster wollte Suizid begehen - Jens R. handelte laut neuen Erkenntnissen in Selbstmordabsicht. Die Ermittler dementierten Berichte, wonach er seine Tat kurz zuvor andeutete.

Süddeutsche.de schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Süddeutsche.de - Anschlag in Münster - Jens R. gegen den Rest der Welt

Selbst „Focus Online“ schreibt von „Jens R.“:

Screenshot Focus Online - Psychologe erklärt das Unfassbare - Jens R. machte Eltern Vorwürfe - Psychologe zweifelt an Kindheitstrauma als Amok-Auslöser

So gut wie jede Redaktion in Deutschland schreibt von „Jens R.“, wenn sie über den Mann berichtet, der bei seiner Amokfahrt am Samstagnachmittag in Münster zwei Menschen tötete und viele weitere verletzte — mit einer Ausnahme: „Bild“ und Bild.de. Nur die „Bild“-Medien nennen den kompletten Namen des Attentäters, ohne Rücksicht etwa auf dessen Familie:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Protokoll der Amok-Fahrt von Münster - Um 15.27 Uhr fuhr Jens Nachname Volleyball-Star Chiara ins Koma
Screenshot Bild.de - Amokfahrer von Münster schrieb Jammer-Brief im Tatfahrzeug - Psychotherapeut analysiert 92 Seiten Abschiedsbrief von Jens Nachname
(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Dazu auch:

Mit Dank an @FrauBeng, @bluejacket12346 und @jujohol für die Hinweise!

Anhörung des Facebook-Roboters, Schreiende Stille, Amokredakteure

1. Das Pokerface
(zeit.de, Julian Heißler)
Facebook muss sich seit dem neuerlichen Aufflammen der Cambridge-Analytica-Affäre unangenehme Fragen stellen lassen. Nun hat es auch den Chef erwischt: Der US-Senat hatte Mark Zuckerberg zu einer Anhörung eingeladen. Zuckerberg gab sich ernst, reuig und kontrolliert. Kein Wunder: Facebooks Aktienkurs hatte jüngst spürbar nachgelassen. Und zog nach seinem Auftritt prompt wieder an.

Weitere Lesetipps: Spickzettel fotografiert: Auf diese Fragen hatte sich Zuckerberg vorbereitet (spiegel.de)
Und: Was wir Herrn Zuckerberg gerne mal ganz naiv fragen würden (netzpolitik.org, Alexander Fanta)
In Europa will sich Zuckerberg keiner Befragung stellen. Sollte er aber doch mal in den Bundestag zitiert werden, hat Netzpolitik.org schon mal ein paar passende Fragen bereit.


Wem nach etwas Aufheiterung ist: Im Twitch-Chat wurde während der Übertragung der Anhörung fleißig am Zuckerberg-Robot-Meme gewerkelt: Twitch roasts Mark Zuckerberg the only way that Twitch can (polygon.com, Julia Alexander)


2. Wo bleibt der Aufschrei?
(spiegel.de, Christoph Sydow)
Am vergangenen Freitag hat die israelische Armee bei den Protesten im Gazastreifen den palästinensischen Journalisten Yaser Murtaja erschossen. Dieser stand mehr als hundert Meter vom Grenzzaun entfernt und trug eine Schutzweste mit der Aufschrift „Press“. Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman ist sich keiner Schuld bewusst: „Man muss verstehen, dass es keine unschuldigen Menschen in Gaza gibt. Jeder ist mit der Hamas verbunden, die werden alle von der Hamas bezahlt“. Nahost-Kenner und „Spiegel“-Redakteur Christoph Sydow wundert sich, warum sich in Deutschland kaum ein Journalist über den Vorfall aufregt und stellt fest: „Murtajas Tod wird achselzuckend zur Kenntnis genommen. Das ist falsch.“

3. „Ein Mann“, Max M. oder Max Mustermann?
(deutschlandfunk.de, Francisca Zecher & Henning Hübert)
Viele Medien haben den Namen des Amokfahrers von Münster genannt, nicht jedoch der „Deutschlandfunk“. Der Name habe für die Hörerinnen und Hörer keinen Nutzen oder Mehrwert. Außerdem mahne der Pressekodex in solchen Fällen zur Zurückhaltung. Es habe jedoch schon Ausnahmen von dieser Praxis gegeben, so Francisca Zecher aus der „DLF“-Nachrichtenredaktion.

4. MDR darf Aufnahmen von Tierquälerei zeigen
(sueddeutsche.de)
In einem Bericht über Missstände in Bio-Hühnerställen hatte der MDR 2012 heimliche Filmaufnahmen gezeigt. Dagegen wehrte sich der Betreiber der Anlage juristisch und verklagte den Sender auf Unterlassung. Jetzt hat der BGH die heimlichen Filmaufnahmen für rechtens erklärt.

5. Fahndung wegen 6.400 Euro
(taz.de, Sebastian Erb & Martin Kaul)
Neuigkeiten in Sachen Keylogger-Affäre: Der frühere „taz“-Redakteur Sebastian Heiser wird nun per Haftbefehl gesucht. Heiser war wegen Ausspähung von Daten verurteilt worden, nachdem er dabei erwischt wurde, wie er einen als USB-Stick getarnten Keylogger von einem Rechner abzog. Wie sich später herausstellte, hatte er über ein Jahr lang Kolleginnen und Kollegen ausspioniert. Nach dem Auffliegen kam das Ausfliegen: Der frühere „taz“-Redakteur soll mittlerweile in Südostasien leben. In einem Land, das über kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland verfügt.

6. Live: Alles, was n-tv und Welt nicht so genau wissen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
In Zusammenhang mit der Amok-Fahrt in Münster hatte die Polizei auf Twitter darum gebeten, nicht über das Motiv des Täters oder den Tathergang zu spekulieren. Die privaten Nachrichtensender „n-tv“ und „Welt“ (ehemals: „N24“) sahen das anders und haben aus dem Vorfall ein Boulevardstück zusammengezimmert, in dem geraunt und fantasiert wurde, dass sich die Einschaltquotenbalken bogen. Nach Lektüre der Aufarbeitung von Boris Rosenkranz bei „Übermedien“ fragt man sich, wie den vermeintlichen Nachrichtenprofis so etwas geschehen konnte: War es Inkompetenz, Fahrlässigkeit oder ignoranter Vorsatz?

Halbmarathon, ganzer Fehler, Der Fall Methadon, Journalisten-„Monitoring“

1. Berliner Halbmarathon: Anschlagsmeldung auf Verdacht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Hat die Polizei einen Terror-Anschlag auf den Berliner Halbmarathon verhindert, wie „Welt“ und später „Bild“ berichteten? Nein, hat sie nicht. Das liegt aber daran, dass keiner geplant war. Stefan Niggemeier berichtet von einer „Anschlagsmeldung auf Verdacht“.

2. US-Heimatschützer planen weltweites Monitoring von Journalisten
(netzpolitik.org, Constanze Kurz)
Das amerikanische Heimatministerium beabsichtigt nach Medienberichten, eine Datenbank mit Überwachungs-Informationen zu annähernd 300.000 Journalisten, Bloggern, Korrespondenten und Herausgebern anzulegen. Bedenken von Kritikern weist das Heimatschutzministerium via Twitter als „Verschwörungstheorien“ von „Aluhutträgern“ zurück.

3. Der Fall Methadon
(deutschlandfunk.de, Martina Keller, Audio, 27:33)
Wenn man manchen Erzählungen Glauben schenkt, wirkt Methadon in der Krebsbehandlung wahre Wunder. Doch ist die Substanz wirklich der erhoffte Krebskiller? Der womöglich aus Profitinteressen der Pharmaindustrie kleingehalten wird, wie im Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ (ARD) angedeutet? Medizinjournalist Marcus Anhäuser hat untersucht, wie sich die Methadon-Berichterstattung von „Plusminus“ ausgewirkt hat. Außerdem hat der „Deutschlandfunk“ in seiner halbstündigen Produktion Mediziner und die „Plusminus“-Redaktion selbst zu Wort kommen lassen. Eine nachdenklich machende Sendung über Schwierigkeiten und Besonderheiten der Berichterstattung bei Medizinthemen.

4. Twitter, ich bin es so leid…
(couchblog.de, Nico Brünjes)
Couchblogger Nico Brünjes hat sich den Frust von der Seele gerantet über Twitters Ankündigung, den Third-Party-App-Entwickler die Schnittstellen zu entziehen.

5. Ohne Ergebnis
(djv.de, Hendrik Zörner)
Gestern Abend trafen sich der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zur vierten Runde der Tarifverhandlungen. Zuletzt hätten die Verleger für die nächsten beiden Jahre je 1,3 Prozent mehr geboten. Ein Angebot, das unter der Inflationsrate läge und deshalb abgelehnt worden sei. Ende des Monats will man sich erneut zusammensetzen.

Weiterer Lesetipp: Patrick Guyton schreibt in der „taz“ über den Streik der Zeitungsredakteure in Bayern: „Frustration hoch, Stimmung gut“

6. Die »alternativen Fakten« für Österreichs Medien
(noemix.twoday.net, Michael Nöhrig)
Im Konkurrenzkampf der beiden größten österreichischen Gratis-Tageszeitungen prahlt „ÖSTERREICH“ mit Auflagenzahlen, die um ein Drittel höher sind als die Gesamtleserzahl. Michael Nörig hat den Krieg der Balkengrafiken aufgedröselt.

Amokfahrt von Münster, Weg mit der Börse, Medien, die auf Türen starren

1. Anschlag? Amoktat? Todesfahrt?
(taz.de, Daniel Bouhs)
Sollten Medien sich bei unsicheren Lagen frühzeitig auf ein Szenario festlegen? Und hat die Polizei nach dem Vorfall in Münster mit mehreren Stimmen gesprochen wie vom Digitalableger der „Rheinischen Post“ behauptet? „RP Online“ hatte relativ früh von einem „Anschlag“ gesprochen, sich danach aber transparent korrigiert. Auch die ARD glaubte an das Werk von Terroristen und hatte bereits einen „Brennpunkt“ angesetzt. Dort ruderte Programmdirektor Volker Herres zurück und erklärte auf Twitter, weshalb man auf die Sendung verzichtet habe.
Weitere Lesetipps: Bei „Spiegel Online“ schreibt Arno Frank über die Tweets der AfD-Politikerin Beatrix von Storch: „Es ist hier eine ganz spezielle Armseligkeit am Werk, die durch soziale Medien ihre volle Kraft entfaltet.“
In Gegen die Panik plädiert Dirk von Gehlen für mehr Social-Media-Gelasenheit und stellt einen Sieben-Punkte-Plan für Besonnenheit und Ruhe vor. (sz.de, Dirk von Gehlen)

2. Alles für die Blase
(sueddeutsche.de, Alexander Mühlauer)
In der so bezeichneten „Brussels Bubble“ tummeln sich alle, die sich als Teil der EU-Machtmaschine verorten. Für diese Zielgruppe aus Kommissaren, Abgeordneten, Lobbyisten und Journalisten gibt es die Europa-Ausgabe von „Politico“. Es sei ein „exklusiver Club für Leser, die es sich leisten können, für Informationen zu zahlen“, schreibt Alexander Mühlbauer. In Amerika gäbe es bereits „Pro-Abos“, die bei Organisationen im hohen fünfstelligen Bereich liegen können: „Die Frage ist allerdings, was das noch mit klassischem Journalismus zu tun hat, denn Politico schließt damit den Großteil der Öffentlichkeit aus. Es ist vielmehr ein exklusiver Leserclub für Zahlungskräftige. Eine Pflichtlektüre kann das nur äußerst bedingt sein, schließlich ist es für viele schlicht zu teuer.“

3. Eben noch auf der Straße, jetzt in der Kunstgalerie
(faz.net, Andrea Diener)
Das Verfassungsgericht hat sich mit der sogenannten Straßenfotografie beschäftigt. Das Gericht habe einerseits die Legalität der Straßenfotografie unterstrichen und andererseits Grauzonen geschaffen, wie Andrea Diener in der „FAZ“ schreibt: „Die Aushandlung dieser neu geschaffenen Grauzone dürfte wieder einige Jahrzehnte lang die Fotografen in die Verzweiflung treiben – bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder mehr als hundert Jahre dauert, bis sich an der Gesetzeslage etwas bewegt.“

4. YouTube statt TV: Diese Sender bieten Millionen-Reichweiten günstig auf der Video-Plattform an
(omr.com, Torben Lux)
Sollen TV-Sender ihre Inhalte nicht nur in der eigenen Mediathek, sondern auch auf Youtube veröffentlichen? Dafür sprechen die kostengünstige Reichweiten- und Zielgruppenvergrößerung und die Werbeeinnahmen, dagegen die Verstärkung der Publikumsabwanderung. „Veescore“-Gründer Christoph Burseg hat die Performance deutscher Fernsehsender und einzelner Formate ausgewertet und stellt die zehn erfolgreichsten Kanäle vor.

5. Fernsehen für die Parallelgesellschaft
(spiegel.de, Thomas Fricke)
Thomas Fricke widmet sich einer der „verrücktesten Minderheitensendungen, die es je gab“, der „Börse vor acht“ (ARD): „Nun ist jede Minderheit bei uns natürlich willkommen – und darf nicht einfach diskriminiert werden. Klar. Und es ist natürlich auch wichtig, dass Unternehmen Geld bekommen; und die Leute was über Wirtschaft lernen. Muss es aber unbedingt Börsen-TV sein? Zur besten Sendezeit? Ab ins Nachtprogramm damit! Da, wo Fernsehen für Sonderbares sonst ja auch hin verschoben wird.“

6. Warten auf Puigdemont
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 2:22 Minuten)
Die Blicke der Welt, so schien es, waren auf eine Tür gerichtet: Unzählige Medienvertreter hatten sich im schleswig-holsteinischen Neumünster versammelt, um den Moment festzuhalten, in dem der katalanische Separatistenführer Carles Puigdemont die JVA verlassen würde. Boris Rosenkranz hat daraus einen packenden Einakter geschnitten.

Der Troll-Journalismus übernimmt

Ein Gastbeitrag von Alf Frommer

Der Journalist Jens Jessen war bisher wohl vor allem Kollegen und „Zeit“-Lesern ein Begriff. Seit dieser Woche kennt ihn zumindest das netzaffine Deutschland zur Genüge: Seine provokative Titelgeschichte über das Ende des Mannes …

Ausriss der Zeit-Titelseite - Schäm dich Mann

… trifft zielgenau sowohl den Nerv der Zeit als auch einen Ton, der Aufmerksamkeit garantiert. Jessen schreibt vom „Triumph des totalitären Feminismus“, vom „Schema des bolschewistischen Schauprozesses“, dem „das System der feministischen Rhetorik“ folge, vom „feministischen Volkssturm“, „diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralisch Minderwertigen“. Es folgten Kritik und Entsetzen in sozialen Netzwerken und Online-Artikeln.

Im Journalismus sind die Troll-Mechanismen der Kommentarspalten nun sogar in Leitartikeln von seriösen Medien zu finden. Trolle sind sattsam bekannt, weil sie jede noch so respektvolle Diskussion im Netz durch hanebüchene Beiträge in ihr genaues Gegenteil umkehren. Aussagen, Behauptungen und Meinungen, die im Grunde nur stören und zerstören wollen, machen eine sinnvolle Lösungssuche vollkommen unmöglich. Was man früher an den „Klowänden des Internets“ bewundern durfte, blickt einem heute von der Titelseite einer journalistischen Institution entgegen.

Genau dies hat Jens Jessen gemacht: Provoziert und verzerrt, um nach Aufmerksamkeit zu heischen. Und er ist damit beileibe nicht allein. Schon vor drei Jahren hatte sich die damalige „Welt“-Journalistin Ronja von Rönne vor dem Feminismus nach eigener Aussage geekelt. Das Thema taugt sowieso hervorragend für Troll-Journalismus, weil man damit zumindest den Nerv vieler Männer treffen kann, die sich benachteiligt fühlen. Das Genre ist gar nicht dafür da, ernstgemeinte Beiträge abzuliefern, sondern soll nur die Aufmerksamkeitsökonomie bedienen. Gut ist, was Klicks, Auflage und Reichweite bringt. Es geht nicht um die Qualität des Debattenbeitrags, sondern um Quantität. Ob radikale Positionen wie „Ekel“ oder der weinerliche Abgesang auf den Mann eine wichtige gesellschaftliche Diskussion weiterbringen, ist komplett egal. Hauptsache, man ist im Gespräch — nicht mit Menschen mit anderen Meinungen, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung. Das macht den Troll-Journalismus so banal wie gefährlich.

Der Godfather of Troll-Journalismus ist und bleibt natürlich Julian Reichelt. Der „Bild“-Chef hat das System perfektioniert und in Serienreife gebracht. An ernsthafter Diskussion ist „Bild“ nicht interessiert, es geht nur darum, gesellschaftliche Reizpunkte zu setzen. Alarmismus, wohin man blickt. Aktuell nutzt Reichelt dazu gern Gesundheitsminister Jens Spahn, der im Grunde ein Troll der Politik ist: Spahn hat die (Internet-)Mechanismen genauso verinnerlicht wie viele Medienvertreter. Er setzt mit kurzen harten Statements („Hartz IV bedeutet nicht Armut“) sogenannte Diskussionen in Gang, die zu nichts führen. Das Duo Reichelt/Spahn arbeitet Hand in Hand, erst vor zwei Tagen wieder auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss der Bild-Titelseite - Groko-Minister tritt Debatte los - Sorge um Recht und Ordnung in Deutschland

Sie zeichnen das Bild eines Deutschlands, in denen kriminelle Clans die Städte übernommen haben, der Islam unsere christliche Kultur zerstört oder niemand mehr Diesel fahren darf. Alles Unsinn oder so nicht wahr. Aber es geht ja nicht um die Sache, sondern darum, den Ton zu setzen und die Agenda zu bestimmen.

Was man bei „Bild“ getrost als moderne Erweiterung des Geschäftsmodells verstehen kann, sorgt für Nachdenklichkeit, wenn auch Medien wie „Welt“ oder „Zeit“ Troll-Journalismus nutzen. Zwar hat schon Maxim Biller in „Tempo“ in seinen „100 Zeilen Hass“ mehr polarisiert als abgewägt, doch „Tempo“ war halt „Tempo“ und Billers Kolumne mehr Kunstform als Debattenbeitrag. Wir können uns darauf einstellen, dass wir nun öfter Artikel wie jene von Jessen oder von Rönne sehen werden. Aber was bringt es? Oft nicht mal den Schreibern selbst etwas. Oder kann sich jemand an irgendeinen relevanten Artikel von Ronja von Rönne aus den vergangenen drei Jahren erinnern? Genau.

Letztendlich Wurscht, Keine Nazibilder, Altersfeststellung

1. So. Jetzt wisst ihr mal, mit wem ihr es hier zu tun habt.
(facebook.com, Judith Liere)
Jens Jessen, der ehemalige Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich in einer Titelstory bei seinem alten Arbeitgeber über die #Metoo-Debatte ausgetobt. Jessen geht es um den „bedrohten Mann“ und den „Triumph des totalitären Feminismus“.
Die von ihm namentlich erwähnte Journalistenkollegin Judith Liere hat sich mit einer Facebook-Gegenrede zu Wort gemeldet, die all die Wirrheit und Absurdität der Jessenschen Vorwürfe in einer Art Zitatensammlung vereint. (Der Hintergrund: Jessen hatte sich anscheinend an Judith Lieres „Stern“-Artikel zur #MeToo-Debatte gestört. Einem Beitrag aus dem Februar, der immer noch lesenswert ist.)


In der „taz“ findet Patricia Hecht deutliche Worte über Jessen : „Alles was er schreibt, wurde schon tausendmal vom Patriarchat ausgekotzt.“
Bei „Gender Equality Media“ hat sich die „totalitäre Feministin“ Penelope Kemekenidou direkt an den „Zeit“-Autor gewandt („Lieber Jens, ich glaube kaum dass ich das mal sagen muss, aber: Sei mal nicht so hysterisch.“)
Auch die Kollegen des „Zeit“-Ablegers für junge Leser „Ze.tt“ gehen auf Abstand. Jessen deute die Anliegen der Debatte grundlegend falsch und inszeniere einen Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau.
„Vice“ hat auf seine eigene Art reagiert und veröffentlicht einen „ultimativen Artikel-Generator für empörte weiße Männer“.
Die beste Realsatire liefert jedoch Autor Jens Jessen selbst. In einem schon jetzt legendären dreiminütigen Radio-Interview stammelt, haspelt, ächzt, kichert und schwafelt er sich durch das Gespräch, dass man an einen misslungenen Loriot-Sketch glaubt. 
Und findet Worte, die seine Gedankenwelt ganz gut zusammenfassen: „Natürlich können Sie auch sagen: Es ist mir Wurscht. Letztendlich ist es vielleicht auch Wurscht.“

2. Facebook: Datenabgriff von 87 Millionen Nutzern ist nur Spitze des Eisberges
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Nach Angaben von Facebook sollen bis zu 87 Millionen vom Datenabgriff von „Cambridge Analytica“ und Co. betroffen sein. Das sei aber nur die Spitze des Eisberges, wie Markus Beckedahl auf „Netzpolitik.org“ schreibt. Das Unternehmen hätte erklärt, dass durch ähnliche Datenabgriffe wohl fast alle zwei Milliarden Nutzer betroffen sein können. Beckedahl kommentiert: „Währenddessen ist in der öffentlichen Debatte zumindest der CDU/CSU-Teil der Bundesregierung abgetaucht. Dort arbeitet man im Hintergrund daran, schärfere Regeln gegen Tracking und Datenmissbrauch im Rahmen der ePrivacy-Verordnung auf EU-Ebene zu verhindern. Die Bundesdatenschutzbeauftragte bereitet sich offensichtlich schon auf ihren Ruhestand vor.“
Weiterer Lesetipp: Die FAQ zum Facebook-Skandal (faktenfinder.tagesschau.de, Dennis Horn)

3. Hussein K.-Prozess: Fake News von einer journalistischen Instanz
(augsburger-allgemeine.de, Philipp Kinne)
Die bekannte Gerichtsreporterin und Starjournalistin Gisela Friedrichsen hat für die „Welt“ über den Fall des verurteilten Mörders Hussein K. berichtet. Dort sei es auch um das Verfahren zur Altersfeststellung gegangen sein, dessen Kosten Friedrichsen mit zwei Millionen Euro bezifferte. Die „Augsburger Allgemeine“ konnte sich derart hohe Kosten schwer vorstellen und hat bei der Staatsanwaltschaft Freiburg nachgefragt. Diese nennt als Gesamtkosten für die Altersfeststellung einen Betrag von etwa 6.000 Euro.
 Philipp Kinne kritisiert den Umgang der „Welt“ mit dem Fehler: „In der Richtigstellung zum Friedrichsen-Artikel ist mittlerweile zu lesen, „diese konkrete Summe“ sei „nicht zu belegen“ – als ob es sich um eine kleine Abweichung gehandelt habe statt um eine völlig fantastische Zahl – die im Internet und der öffentlichen Debatte längst ein Eigenleben führt.“

4. Auch Nazigegner dürfen keine Nazibilder posten
(lawblog.de, Udo Vetter)
Aus Protest gegen die Agentur für Arbeit veröffentlichte ein Blogger ein Bild Heinrich Himmlers in SS-Uniform mit Hakenkreuzarmband. Das durfte er nicht, befand jetzt auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), vor den der Blogger gezogen war. Eine innere Distanz zum Nationalsozialismus rechtfertige es in Deutschland nicht, die Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu veröffentlichen.

5. Baum-Maßnahme
(sueddeutsche.de, Cathrin Kahlweit)
Die BBC entschuldigt sich für eine Inszenierung innerhalb einer Papua-Neuginea-Reportage aus dem Jahr 2011. Cathrin Kahlweit sieht darin ein mögliches Ablenkungsmanöver von Ärger an anderer Stelle: „Seit bekannt wurde, dass die BBC einigen männlichen Stars mehr Gage zahlt als weiblichen, ist der Sender in der Defensive. Hier ist die Fehlerkultur wenig ausgeprägt: Man habe nicht gegen Gesetze verstoßen, heißt es lapidar.“

6. „Scheißer von Heuchelheim“ gefasst
(hessenschau.de)
Mit “Scheißer von Heuchelheim gefasst“ überschreibt die „Hessenschau“ einen der wichtigsten Kriminalfälle der letzten Zeit. Der „Spiegel“ titelt mit „Kotleger von Heuchelheim“ aufgeflogen etwas vornehmer. Geradezu begeistert schlagzeilt hingegen der „Rhein-Main Extra Tipp“: „Opa kackt über ein Jahr auf Bürgersteige in Gemeinde – und andere mache es ihm nach“ (hier nicht verlinkt, aus hygienischen Gründen).

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