Seite Eins, 9/11, PR-Virtuosen

1. „Realistisch? Medienkritik als Theaterstück“
(ndr.de, Video, 4:56 Minuten)
Im Ein-Mann-Theaterstück „Seite Eins“ (heute um 19:30 Uhr im Theater Gütersloh) spielt Ingolf Lück den Boulevardjournalisten Marco R.

2. „Öffentlich-Rechtliche: Mord, Liebe, Ärzte und Tiere“
(novo-argumente.com, Benjamin Buchwald und Alexander Fink)
Eine Auswertung des TV-Programms vom 15. bis zum 21. August 2014: „Während Unterhaltungssendungen bei der ARD 55 Prozent der Sendezeit in Anspruch nehmen, sind es 57 Prozent beim ZDF. Sendungen mit Bildungsinhalten werden bei der ARD lediglich 14 Prozent der Sendezeit zuteil und 8 Prozent beim ZDF.“

3. „Why More Americans Should See the Beheading Videos“
(firstlook.org/theintercept, Peter Maass, englisch)
Nicht weniger, sondern mehr Bilder von toten oder verwundeten Amerikanern sollten in den Medien gezeigt werden, findet Peter Maass: „Support for the wars since 9/11 could be undermined if Americans were to see the ghastly things that happen to their brothers and sisters in combat. This is generally attributed to a lesson supposedly learned by the generals in Vietnam: If you let photographers take pictures of American dead and injured, you will lose public support for the messy undertaking of mass violence.“

4. „Déjà-Vu nach 13 Jahren“
(heise.de/tp, Stefan Korinth)
Stefan Korinth kommentiert den öffentlichen Umgang mit 9/11 und dem Ukraine-Konflikt: „Das Scheitern vor allem der Leitmedien an journalistischen Idealen wie Objektivität, Neutralität, Unabhängigkeit, kritischer Distanz, Sorgfalt oder Ergebnisoffenheit ist dabei mehr als nur eine Parallele zwischen 9/11 und dem Ukraine Konflikt. Die bedingungslos unkritische Unterstützung der nationalen Regierungslinie sowie der Einsatz für konkret nie benannte ‘westliche Werte’ ist quasi die verbindende Konstante der Auslandsberichterstattung von damals bis heute und gleichzeitig eine Bankrotterklärung an das eigene Berufsethos.“

5. „Die PR-Virtuosen von Ringier“
(blog.tagesanzeiger.ch/offtherecord, Christian Lüscher)
Christian Lüscher liest Medienmitteilungen des Ringier-Verlags über Leserzahlen: „Nirgends verkaufen PR-Verantwortliche Niederlagen schöner; es sind wahre PR-Virtuosen am Werk.“

6. „Mitten in Deutschland! (1973)“
(vongestern.com)

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Die Chili-Verarsche

Gestern wurde bekannt, dass der Fußballspieler Maicon aus der brasilianischen Nationalmannschaft geworfen wurde. Weil die Gründe für den Rauswurf zunächst nicht genannt wurden, sind seither viele Spekulationen im Umlauf. Die Version mit der Chili-Schote hat es den Medien aber ganz besonders angetan:

„Bild“ schreibt:

Maicon soll seinem alkoholisiert schlafenden Mitspieler Elias nach einer Party-Nacht eine Chili-Schote (mit Milch!) in den Po geschoben haben. Später soll Maicon dem aufgewachten Elias auch noch erzählt haben, er habe ihn auf einer Disko-Toilette gefunden. Vergewaltigt von vier Männern. Eine ziemlich üble Verarsche.

Kann man so sagen. Und hätte sich die „Bild“-Reporterin die Quelle (die sie natürlich nicht nennt) mal etwas genauer angesehen, hätte sie auch schnell gemerkt, wer hier eigentlich verarscht wurde — nämlich sie selbst. Das Portal, das die Chili-Geschichte in die Welt gesetzt hatte, ist eine Satire-Seite.

Überall auf der Welt sind die Medien auf den Fake reingefallen. Inzwischen hat die Satire-Seite den Artikel gelöscht und sich entschuldigt. Viele Medien (Bild.de ausgenommen) haben ihre Artikel dementsprechend korrigiert.

Doch wer glaubt, das würde die Journalisten jetzt davon abhalten, das Märchen weiter zu verbreiten, der kennt „Focus Online“ nicht. Obwohl nach dreisekündiger Recherche feststeht, dass an dieser Geschichte nicht das Geringste dran ist, schrieb das Portal vor ein paar Stunden:

Im Teaser heiß es:

Offiziell ist Maicon mit der Begründung „Disziplinlosigkeit“ aus der brasilianischen Nationalmannschaft geflogen. Er soll nach einem freien Tag zu spät zurückgekommen sein. Doch laut Gerüchteküche soll er einem Mitspieler ganz übel mitgespielt haben. Die Vorwürfe sind unglaublich.

In der Tat.

Mit Dank an Anita.

Nachtrag, 11. September: „Focus Online“ hat den Artikel unauffällig korrigiert. Bild.de gibt den Fehler immerhin zu.

Bild  

Schutzwesten gegen Asylbewerber

Davy S. (deutscher Steuerzahler) ist empört.

und solche wilde bringt man in einem hotel unter! ein schlag ins gesicht für die eigenen leute und für jeden deutschen steuerzahler!

Mit „solche wilde“ meint Davy S. die 150 Asylbewerber, die seit einigen Wochen in einem Hotel in Bautzen (Sachsen) untergebracht sind. Und er ist so sauer, weil er diesen Artikel gelesen hat:


(Unkenntlichmachung auf Wunsch des DRK von uns.)

Der Text war am Montag der große Aufmacher in der Dresdner „Bild“-Ausgabe. Darin heißt es, das Rote Kreuz in Bautzen werde in Zukunft Schutzwesten einsetzen. „Offenbar“, so der „Bild“-Reporter, gehe es „vor allem um Einsätze“ in besagtem Hotel.

Um es kurz zu machen: Das ist falsch.

Es stimmt zwar, dass sich das Rote Kreuz Schutzwesten besorgt hat. Doch diese Anschaffung steht …

in keinem Zusammenhang mit dem Asylbewerberheim Bautzen.

Das schreiben die „Lausitz News“, die gestern nochmal beim DRK nachgefragt haben. Und bei der Polizei, deren Pressesprecher in Wahrheit ebenfalls keine Notwendigkeit sieht, …

explizit für Einsätze im Asylbewerberheim solche Westen für die Sanitäter einzusetzen.

Dort sei ihm nämlich …

kein Übergriff auf Rettungspersonal bekannt.

Das DRK hat die Westen also nicht wegen des Asylbewerberheims angeschafft, sondern einfach damit die Sanitäter „bei Einsätzen mit alkoholisierten, drogenabhängigen oder geistig verwirrten Personen“ besser geschützt sind — völlig unabhängig vom Einsatzort. Der „Bild“-Reporter dreht sich die Fakten aber so zurecht, als sei das „Asyl-Hotel“ das Problem. Als wimmle es dort nur von Gewalttätern, die es auf „unsere“ Sanitäter abgesehen haben.

Beim deutschen Steuerzahler Davy S. ist diese Botschaft offensichtlich angekommen. Bei vielen anderen „Bild“-Lesern auch, wie ein Blick in die Leserkommentare bei Bild.de zeigt:

Das ist eine Schande. Deutschland nimmt Asylanten auf und unsere Helfer, Mitbürger werden bedroht. Alle sofort nach Hause schicken !!! Drogen und Alkohol…woher haben sie denn das Geld?

ja,ja,ja und alles friedliebende,arbeitsame,integrationswillige, neubürger unseres landes!! aber ihr habt es ja nicht anders gewollt,in dem ihr plagiate gewählt habt statt der originale!!!!

Sind die Asylbewerber eigentlich medizinisch untersucht? Ebola ist wohl kaum anzunehmen, aber es gibt ja in der Dritten Welt noch jede Menge andere übertragbare Infektionskrankheiten wie Aids/HIV etc

Warum nehmen wir überhaupt Asylanten auf, Deutschland hat schon mehr als genug getan ! Ich als Deutscher hab es satt mir was von Scharia Polizei und gewalttätigen Siri Clans hier durch zu lesen. Wer hier nicht gebraucht wird, braucht nicht zu kommen. Und wundert Euch nicht, wenn die AfD mal mehr als 40 % bekommt,ich glaube nicht das ich der einzige bin der so denkt.

sind das unsere viel gepriesenen Fachkräfte, die jeden Tag herauf beschworen werden?

Da zeigt es sich doch mal wieder wie es um unsere „GÄSTE“ bestellt ist und wir Idioten zahlen für die alles. Auch noch ein 4Sterne Hotel. Hallo liebe Politiker gehts noch!!!! WEG mit denen ab nauch Hause… wer Waffen Drogen hat oder zu Gewalt neigt hat hier nix zu suchen !!!

Das ist allerdings noch harmlos im Vergleich zu dem hysterischen Hetzmob, der seit zwei Tagen auf den Facebook-Seiten der AfD tobt.

Die Partei hat den Bild.de-Artikel am Montag geteilt („Dass nun sogar schon unsere Rettungssanitäter das Asylbewerberheim in Bautzen nur mit Schutzwesten betreten dürfen, ist mehr als bedenklich“) und seitdem über 1.000 Kommentare geerntet, von denen sehr, sehr viele so klingen:

Solche Dreckspatzen sollte man verrecken lassen!!!!!!!
(3 Leuten gefällt das.)

Raus mit dem kriminellem Pack. Basta !
(7 Leuten gefällt das.)

Grenzen schließen. dieses ungebildete Pack von Asylanten braucht kein Mensch !
(3 Leuten gefällt das.)

Rettungsdanitäter mit Rettungswesten????
Geht ja gar nicht!!!!!
Für was brauchen Asylanten Sanitäter??? Die müssen dankbar sein, dass wir Deutschen so dreckiges Gesocks überhaupt aufnehmen!! Die Füßen müssen sie uns Deutschen küssen!!!!
Statt dessen werden wir von solchen abgegriffen!!!
Ich finde kein Sanitäter sollte solchen Undankbaren helfen!!!! Sollen doch verrecken, wäre besser für uns und kein Sanitäter würde zu schaden kommen!!!!!!!
(5 Leuten gefällt das.)

Raus mit dem Pack…und den gefährlichen Islamisten Gesindel, und von wegen Moscheen, sind hier nur Gäste!
Außerdem was soll die doppelte Staatsbürgerschaft!!!
(5 Leuten gefällt das.)

Soweit sind wir durch unsere übertriebene Multi-Kulti-Loyalität gekommen. Normaler Weise müssten alle im Rettungsdienst Tätigen mal für einen Tag ihre Arbeit niederlegen und so gegen die Zustände protestieren.
(26 Leuten gefällt das.)

Toll, diese herzlichen Fachleute in ihrer Bunten Vielfalt. Ich wuerde als Sani gar nicht mehr da rein gehen.
(9 Leuten gefällt das.)

Großes Schiff. Care-Paket für die Reise, Bundeswehr“reisebegleiter“ mit genügend Waffen im Anschlag und gute Heimreise. Ganz einfach.
Wer tatsächlich vor Krieg und Tot fliehen MÜSSTE, benimmt sich nicht so , sondern würde vor Dankbarkeit den ganzen Tag arbeiten und fleißig deutsch lernen, um sich möglichst schnell in die Kultur und Gesellschaft einzubringen und anzupassen…!
(20 Leuten gefällt das.)

Solange wir nur im Hintergrund quasseln wie hier bei Facebook so wird sich das nicht ändern. Es wird Zeit auf die strasse zugehen und zu handeln
(4 Leuten gefällt das.)

darum wähle ich AfD
(9 Leuten gefällt das.)

Achja, darauf habe ich nur wieder gewartet, wann der erste Kommentar kommt, wegen „rechts“ usw. Ihr linken Gutmenschen, versteht endlich mal, das der deutsche Michel langsam die Schnauze voll hat. Die AfD wird nicht mehr verschwinden und das ist auch gut so.
(22 Leuten gefällt das.)

Diese ganzen „Facharbeiter“ gehören alle bei den Wählern der Grünen einquartiert, die wollen das Pack doch hier haben!
(21 Leuten gefällt das.)

Und wieder Asylanten! Boar ich bin es langsam leid das Deutschland immer mehr Probleme & Leid hat durch diese „Migranten“!!! Härtere Strafen & Gesetze einführen!!! Wer sich nicht an die Regeln hält wird abgeschoben und fertig!!!
(5 Leuten gefällt das.)

Das ist unfassbar !!!! Traurig was in unserem Land passiert ….. Und letztendlich nehmen wir es einfach hin , weil jeder Angst hat gleich als Rechtradikal und Nazi beschimpft zu werden ….. Ich versteh das nicht …. echt traurig .
(15 Leuten gefällt das.)

Wer Pack ins Land lässt, muss sich drum kümmern…..!!!!!
(4 Leuten gefällt das.)

Zum gesetzlosen Bereich erklären und keine Rettungskräfte mehr reinschicken. Wenn da drin jemand verreckt …. Pech gehabt …. Aber geht ja nicht wegen unserer ganzen grünen Gutmenschen
(4 Leuten gefällt das.)

Gleich eine Injektion aufziehen mit Fentanyl und Dormicum dazu noch ein bißchen Lidocain und fertig..
(4 Leuten gefällt das.)

soweit sind wir also schon,das sich sanitäter schützen müssen mit sicherheitswesten..da kann ich nur sagen die sich falsch benehmen,,AB nach Hause wo sie her gekommen sind,,,,so ein pack brauchen wir hier nicht,,ist genug im land.
(5 Leuten gefällt das.)

Wenn es also das Ziel der „Bild“-Zeitung war, mit falschen Behauptungen Angst und Hass gegenüber Ausländern zu schüren, dann hat sie alles richtig gemacht.

Mit Dank an stitch, Johannes S. und Sabine B.

Nachtrag, 16.10 Uhr: Bild.de hat Dreiviertel aller Leserkommentare gelöscht. Der Artikel ist aber unverändert geblieben.

Die AfD hat inzwischen auch Kommentare gelöscht — aber nur die, die einen Link zu unserem BILDblog-Eintrag enthielten. Die Hetzkommentare sind nach wie vor online.

Nachtrag, 11. September: Jetzt hat die AfD den Facebook-Eintrag ganz gelöscht.

Hans-Hermann Tiedje, Semikolon, Higgs-Teilchen

1. „Weiß, akademisch, bürgerlich“
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm glaubt, die finanziellen Kürzungen von Gruner + Jahr bei der Henri-Nannen-Schule werden Journalistenschüler mit wenig Geld abschrecken: „Journalismus wird damit noch mehr zum Eliteberuf. Kein Wunder, dass die Leser weglaufen – viele finden sich in den Texten einfach nicht wieder.“

2. „Schlechte Schlagzeilen (4): ‘Warnung vor dem ‘Gottesteilchen’: Stephen Hawking befürchtet Kollaps des Universums’“
(scienceblogs.de/astrodicticum-simplex, Florian Freistetter)
Schlagzeilen zum Higgs-Teilchen: „Erstens hat das Higgs-Teilchen nicht das geringste mit ‘Gott’ zu tun. Zweitens ist es nicht das Higgs-Teilchen, dass das Universum zerstören kann. Drittens ‘warnt’ oder ‘befürchtet’ Hawking nicht das Ende des Universums sondern erklärt nur, dass es unter bestimmten, sehr speziellen Umständen instabil werden kann. Und viertens ist das Ganze sowieso keine Nachricht.“

3. „Man hat es mir gegeben“
(sites.google.com, Uwe Ostertag)
Uwe Ostertag antwortet auf den Artikel „Ich bin der Troll“ (faz.net, Timo Steppat): „Mein privater Populismus dient dazu, bewusst die Ängste dem Volk näher zu bringen, die Ängste vor dem, wofür es letztendlich durch höhere Abgaben und Freiheitseinschränkungen leiden muss, Ängste die die Politik bewusst unterdrückt, schönredet.“

4. „Troll aus der Tüte“
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Auch Gregor Keuschnig beschäftigt sich mit dem Artikel: „‘Hass im Netz’ steht über der Titelzeile des Artikels. Die Suggestion ist deutlich: Der Troll, der hier dargestellt wird, ist ein Netzphänomen. Als sei das Netz, also das Internet, eine Insel, auf der eine besonders hässliche, brutale oder einfach nur abscheuliche Tierart lebt. Die Charakteristika dieser Tierart werden auch gleich geliefert: Frührentner, Raucher, Frau weg = gescheiterte Existenz = fertig ist der Querulant. Ein Troll aus der Tüte.“

5. „‘Meine Moral? Wir arbeiten nicht mit Mädchen- und Waffenhändlern zusammen’“
(meedia.de, Christopher Lesko)
In einem langen Interview gibt Ex-“Bild“-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje auch Auskunft über die Tätigkeiten der WMP Eurocom AG, in der er als Vorsitzender des Vorstands amtiert: „Wir beraten die serbische Regierung auf ihrem Weg nach Europa. Wieder ein anderes Feld ist die medientaktische Beratung von Unternehmen in Fragen der Kommunikation. Wieder ganz anders ist es, wenn Staaten Fragen ihrer internationalen Wahrnehmung aufwerfen.“

6. „Vom Niedergang des Strichpunktes“
(nzz.ch, Kathrin Klette)
Das Semikolon wird seltener benutzt: „Seine häufigste Funktion ist die, zwei Sätze voneinander zu trennen: Es ersetzt das Komma, wenn dieses die beiden Sätze zu schwach trennt, und es ersetzt den Punkt, wenn dieser zu stark trennt. Eine genaue Regel gibt es aber nicht.“

Rüge für Anti-Islam-Kommentar von Nicolaus Fest

Der islamfeindliche Kommentar von Nicolaus Fest in der „Bild am Sonntag“ (BILDblog berichtete) ist heute vom Presserat öffentlich gerügt worden.

215 Beschwerden waren dazu eingegangen, erklärte das Gremium in einer Pressemitteilung. Fest hatte unter anderem geschrieben:

Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle. (…)

Nun frage ich mich: Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!

Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht.

Der Beschwerdeausschuss befand, dass der Kommentar „pauschalisierende Aussagen über das Verhalten von Muslimen im Allgemeinen“ enthalte und diese „eine diskriminierende Wirkung für Angehörige dieses Glaubens entfalten“. Er verletze nicht nur die Ziffer 12 des Pressekodex (Diskriminierungen), sondern sei auch „mit dem Ansehen der Presse nach Ziffer 1 des Pressekodex unvereinbar“. Der Kommentar spreche zudem dem Islam „die Integrationsfähigkeit an sich ab und verletzt damit die Ziffer 10 des Kodex“. Ursula Ernst, die Vorsitzende des Ausschusses, sagte:

Kommentare dürfen pointiert sein, starke Kritik – auch an Religionen – enthalten und manchmal auch an Grenzen gehen. Hier wird jedoch die Grenze der Meinungsfreiheit deutlich überschritten, indem alle Muslime unter einen Generalverdacht gestellt werden. Die Angehörigen der Religion fühlen sich verständlicherweise diskriminiert.

Presserat missbilligt MH17-Opferfotos

Der Beschwerdeausschuss des Presserats hat sich heute mit den Fotos der MH17-Opfer beschäftigt, die im Juli von einigen deutschen Medien veröffentlicht wurden (BILDblog berichtete). 30 Beschwerden waren dazu beim Presserat eingegangen.

Grundsätzlich seien „Abbildungen von Opfern in der Regel nicht mit dem Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 vereinbar“, schreibt das Gremium in einer Pressemitteilung. Ursula Ernst, Vorsitzende des Ausschusses, sagte:

Die Argumentation einiger Medien, den Opfern ein Gesicht zu geben, ist nachvollziehbar, dennoch: Nur weil jemand zufällig Opfer eines schrecklichen Ereignisses wird, darf er nicht automatisch mit Foto in der Presse gezeigt werden.

So erhielt Bild.de eine Missbilligung für diesen Artikel:

(Alle Verpixelungen von uns.)

Das Portal hatte 100 Opfer des Unglücks gezeigt und viele Details aus ihrem Privatleben genannt. Doch: „Ein öffentliches Interesse am Abdruck dieser Bilder bestand nicht“, so der Presserat.

Auch die Print-“Bild“ wurde kritisiert, bekam aber nur einen sogenannten „Hinweis“.

Der „Spiegel“ kassierte eine Missbilligung — für diese Titelseite:


Nach Ansicht des Presserats wurden die Opferfotos „für eine politische Aussage instrumentalisiert.“ Damit sei auch hier der Opferschutz verletzt worden.

Ebenfalls kritisiert wurden die Beiträge des „Stern“ …

… und von Bunte.de:

Beide Medien bekamen aber nur einen „Hinweis“ — weil die Darstellung „weniger detailliert“ sei, argumentierte der Ausschuss.

In weiteren Beschwerden ging es um Fotos vom Trümmerfeld, auf denen auch Leichenteile zu erkennen waren. Diese Fotos seien nicht unangemessen sensationell, urteilte der Ausschuss:

Die Fotos dokumentieren eindringlich die schreckliche Dimension und die Folgen des Ereignisses. Sie sind noch akzeptabel, da kein Opfer erkennbar ist und die abgebildeten Situationen nicht unangemessen in der Darstellung hervorgehoben werden.

Uwe Ostertag, TV-Quoten, Russland

1. „Ich bin der Troll“
(faz.net, Timo Steppat)
Timo Steppat besucht Uwe Ostertag, der jeden Tag Hunderte von Kommentaren unter die Artikel der Zeitungs-Websites schreibt: „Jeden Morgen um halb acht, wenn sein 18-jähriger Sohn zur Schule gegangen ist, setzt sich Ostertag auf das Sofa. Er klappt den Laptop auf und liest, was in der Welt passiert. Dann beginnt das, was er seine Arbeit nennt. (…) Uwe Ostertag balanciert auf einem schmalen Grat: Geht er in seinem Beitrag zu weit, löscht ihn Porzky. Ist er zu zahm, sagt er, findet er keinen Zuspruch bei den anderen Lesern.“

2. „Ich bin die Quote“
(medienwoche.ch, Nik Niethammer)
Der Haushalt der Familie von Nik Niethammer wird ausgewählt, TV-Quoten zu messen: „Es wäre einfach, das System zu manipulieren, wollte ich es denn. Meine Freunde Viktor Giacobbo und Mike Müller unter Quotendruck? Kein Problem: Schnell die Tasten aller Haushaltbewohner – also auch die unserer Kinder – gedrückt, dazu vier Klicks auf ‘Gäste weiblich’ und ‘Gäste männlich’, und die tatsächlich zuschauende Zahl von Personen wäre sieben Mal höher. Wäre.“

3. „‘Neutralität ist keine Option’“
(tageswoche.ch, Simon Jäggi)
Kriegsreporter Kurt Pelda erzählt von seiner Reise nach Syrien: „Mein Geld steckt in meiner Ausrüstung, Ersparnisse habe ich keine. Wenn wir meine Steuererklärung anschauen würden, wäre ich in der Nähe der Armutsgrenze.“

4. „‘Die Berichterstattung unterscheidet sich kaum von den Statements der Politik’“
(heise.de/tp, Marcus Klöckner)
„Westliche Medien, aber auch Experten und Geheimdienste“ hätten die Reaktion Russlands im Konflikt mit der Ukraine nicht vorhergesehen, sagt Friedensforscher Lutz Schrader: „Doch dafür wäre eine grundsätzlich andere Berichterstattung nötig gewesen. Anstatt unablässig westliche Vorurteile gegenüber Russland zu bestätigen, sollten sich die hiesigen Medien darum bemühen, das riesige und in sich sehr widersprüchliche Land – auch seine Träume und Ängste – zu verstehen und den Deutschen und Westeuropäern näher zu bringen.“

5. „Wie es sich dieser Tage anfühlt, ein Journalist zu sein“
(mitvergnuegen.com, Thilo Mischke)
Thilo Mischke verabschiedet sich von Print: „Ich gehe nicht zum Kiosk, um eine Zeitung zu kaufen. Ich lese die Website. Nein, selbst das ist gelogen. Ich lese Reddit. Nur. Das finde ich großartig.“

6. „Sommersprossenalbino“
(haessy.de)

Blanke Bigotterie

Eigentlich wollten wir die Geschichte ja ignorieren, aber ein paar kurze Gedanken müssen wir doch noch loswerden. Denn eins ist mal klar: Dieser „Nacktfoto-Skandal“ war für die Leute von „Bild“ so ziemlich das Oberaffentittengeilste seit der Sache mit Kates Hintern. Mindestens.

Aber kein Wunder. Allein die Schlagworte: Promis! Nacktfotos! Hacker! FBI! Nacktfotos! NACKTFOTOS! Da kann der Hormonhaushalt schon mal durcheinandergeraten. Erst recht in der „Bild“-Redaktion, wo ja schon der unscharfe Schnappschuss einer versehentlich entblößten Promi-Brustwarze reicht, um einen medialen Orgasmus auszulösen:




Das Besondere an dem aktuellen Fall ist aber, dass die Fotos auf illegale Weise beschafft wurden. Blöd für „Bild“. Denn einerseits will Kai Diekmann die Zeitung als eine Art moralische Instanz etablieren, darum kann sie die Fotos nicht abdrucken und muss sogar irgendwie so tun, als fände sie das alles ganz, ganz schlimm. Andererseits: NACKTFOTOS!! VON PROMIS!!

Also macht „Bild“ einfach beides: sich darüber empören und sich daran aufgeilen.

Es sei „DIE Schock-Nachricht“ gewesen, heißt es dann, denn die Fotos der Promis seien „hochprivat“ und es sei „verwerflich“ und „nicht schön“, sie anzuschauen, weil sie „NIE für die Öffentlichkeit geknipst wurden“. Gleichzeitig verlinkt Bild.de auf genau die Portale, bei denen die Fotos aufgetaucht waren.

Kurz nach Beginn des Skandals kam dann auch gleich …

Genüsslich beschreibt Bild.de den Inhalt der Fotos („Auf dem Bett streckt [...] ihre Brüste der Kamera entgegen, spreizt die Beine. Man sieht ALLES.“) und verlinkt erneut auf ein Twitter-Profil, wo einige der Bilder zu sehen waren.

An anderer Stelle heißt es dann wieder: „Zum Glück lassen sich die Fotos derzeit kaum noch aufspüren“. Jaja, „zum Glück“. Oder die Leser werden dazu aufgefordert, „im Sinne der Promis“ und im Sinne der „eigenen Datensicherheit“ gar nicht erst nach den Fotos zu suchen.

Diese Ambivalenz — schlimm aber geil — zieht sich im Grunde durch die gesamte (und natürlich: höchstausführliche) Berichterstattung. Dabei fallen auch Sätze, die man eigentlich ausdrucken und überall in der „Bild“-Redaktion aufhängen müsste. Zum Beispiel:

Wer sich an privaten Daten zu schaffen macht, ist ein Dieb und macht sich strafbar. So einfach ist das!

Ja, „Bild“, so einfach ist das. Wir werden dich gerne daran erinnern, wenn DU mal wieder Fotos zeigst, die NIE für die Öffentlichkeit geknipst wurden.

Mit Dank auch an Benjamin S. und Martin S.

Judith Rakers, Thorsten Legat, Ebola

1. „Ein Koffer voller Mitleid: Judith Rakers im Betroffenheits-TV“
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader schaut „Schicksal Armutsfalle – mit Judith Rakers“ (ndr.de, Video, 28:57 Minuten): „Diese halbe Stunde festzementierte Chancenlosigkeit ist eine unfassbare Herabsetzung all derer, die daran glauben, dass es sich zu kämpfen lohnt, um die eigene Situation zu verbessern – und auch deshalb so perfide, weil sich Rakers am Ende wieder den Blazer überstreift, um sich im selben Ton, mit dem man Kleinkinder tröstet, die gerade vom Dreirad gekippt sind, von ihrer Protagonistin zu verabschieden: ‘Danke, dass ich in dein Leben gucken durfte.’“

2. „‘Krone’ zündelt mit unwahrer Titelstory gegen Asylwerber“
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Die „Kronen-Zeitung“-Titelgeschichten „Für Flüchtlinge Frau gekündigt“ und „Zweihundert Wohnungen an Flüchtlinge“ in der Analyse von Hans Kirchmeyr.

3. „Ebola-Falschmeldung verbreitet sich rasant“
(merkur-online.de, Patrick Wehner)
Ein Mann aus Somalia muss sich am Hauptbahnhof in München übergeben, worauf Ebola-Fehlalarm ausgelöst wird: „Die Medienhäuser ließen ihre Reporter in Scharen ausschwärmen. Mit Kameras, Fotoapparaten und nett gemeinten Wünschen, gesund zu bleiben. Dass es in Somalia zwar alles Mögliche gibt, wie zum Beispiel Hungersnöte und Warlords, aber bislang nicht einen einzigen Ebola-Fall: wurscht.“

4. „Legats falsche Freunde“
(reviersport.de, Ulrich Homann)
Ulrich Homann kommentiert die „Bild“-Titelschlagzeile „Bundesliga-Star Thorsten Legat (45): Mein Vater hat mich sexuell missbraucht!“.

5. „Fokussierung auf hochwertige Publizistik“
(nzz.ch, Etienne Jornod)
Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod bezeichnet „die Herstellung hochwertiger journalistischer Angebote“ sowie „Relevanz, profilierte Meinungen und Recherche“ als das Kerngeschäft der NZZ-Mediengruppe: „Wir haben viel Zeit verloren. Entsprechend müssen wir nun rasch und entschieden, aber auch mit grosser Sorgfalt reagieren. Eine Lehre ist, sich frühzeitig mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Ich kenne keine andere Industrie, die so wenig in Forschung und Entwicklung investiert wie die der Medien. Die Medienbranche hat ihre eigene Revolution verschlafen.“

6. „Erneute Attacke auf RUNDSCHAU-Redaktion“
(lr-online.de, Sascha Klein)
Die Lokalredaktion der „Lausitzer Rundschau“ in Spremberg wird mit Naziparolen verunstaltet. „RUNDSCHAU-Chefredakteur Johannes M. Fischer verurteilte die Tat: ‘Der Überfall hat offenkundig mit unserer Berichterstattung über einen Prozess gegen gewalttätige Neonazis zu tun. Es bleibt dabei: Einschüchterung funktioniert bei uns nicht. Wer uns schlagen will, trifft sich selbst.’“ Siehe dazu auch „Nicht mit uns!“ (lr-online.de, Johannes M. Fischer).

Zeitschrift mit Verfallsdatum (2)

So sieht die vorige Ausgabe der „Bunten“ aus, wenn man sie sich als e-Paper kauft.

Ursprünglich wurde auf dem Cover eine Geschichte angekündigt, in der das Blatt über einen angeblichen Krach in der Familie von Joachim Gauck spekulierte.

Auch im Innenteil ist der Artikel inzwischen deutlich weniger farbenprächtig:




Offenbar ist jemand aus der Familie des Bundespräsidenten gegen das Blatt vorgegangen.* Und es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass die „Bunte“ juristischen Ärger bekommt: In mindestens zehn Ausgaben musste die Zeitschrift in diesem Jahr schon Artikel schwärzen. Zu ihren Opfern gehörten allemöglichen Promis, von Lukas Podolski über Corinna Schumacher und die monegassische Fürstenfamilie bis hin zu Katrin Göring-Eckardt.

Jetzt also auch Familie Gauck. Und — Martin Semmelrogge:

Siehe auch:

*Korrektur, 8. September: Wir hatten zunächst geschrieben, dass es offenbar Joachim Gauck selbst war, der gegen die Berichterstattung vorgegangen ist. Das stimmt aber nicht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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