Alternativpreis, AfD-Symbiose, Wirtschafts-Podcast

1. „Cumhuriyet“ und „Weißhelme“ geehrt
(tagesschau.de)
Der Alternative Nobelpreis geht diese Jahr an vier Preisträger: Die syrische Organisation „Weißhelme“, die türkische Zeitung „Cumhuriyet“, die russische Menschenrechtsaktivistin Gannuschkina und die ägyptische Feministin Mozn Hassan mit ihrer Organisation „Nazra“ für feministische Studien. Die „Tagesschau“ stellt die Preisträger und ihre Verdienste vor.
Deniz Yücel beschäftigt sich in einem Meinungsbeitrag in der „Welt“ speziell mit der Vergabe des Alternativen Nobelpreises an die türkische Zeitung „Cumhuriyet“. Yücel stellt eine Besonderheit heraus: „Doch eines unterscheidet die „Cumhuriyet“ von den übrigen Preisträgern: Diese haben es nicht mit Regimen zu tun, die zu den engen Verbündeten des Westens zählen. Zu ihnen gehört die Türkei schon, erst recht seit dem Flüchtlingsdeal. Der Preis für die Zeitung ist daher nicht nur ein verdienter Tadel für Erdogan, sondern ebenso für Europa.“

2. „Die besten Geschichten gibt es nur noch gegen Geld“
(futurezone.at, Patrick Dax)
Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), hat sich mit „Futurezone“ über kostenpflichtige Angebote im Internet, Werbeblocker und Facebooks Vorstoß ins Nachrichtengeschäft unterhalten. Und natürlich die Zukunft der Zeitung als solche.

3. Repression in ungekanntem Ausmaß
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ (ROG) hat einen ausführlichen Länderbericht zur Situation in der Türkei veröffentlicht, in dem untersucht wird, welche Folgen der nach dem Putschversuch vom 15. Juli verhängte Ausnahmezustand für die Pressefreiheit hat. Zwei Monate nach der Verhängung des Ausnahmezustands habe die Repression gegen Journalisten in der Türkei ein nie gekanntes Ausmaß erreicht. Rund 100 Journalisten seien im Gefängnis, rund 100 Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender seien geschlossen, die Reisepässe vieler Journalisten annulliert worden.

4. Die Zukunft des Journalismus reloaded
(de.ejo-online.eu, Tina Bettels-Schwabbauer)
Die leitende Redakteurin der deutschen Journalismus-Seite „EJO“ Tina Bettels-Schwabbauer hat sich das neue Buch von Christian Jakubetz angesehen. In „Universalcode 2020“ beschreibt Jakubetz, wie der Journalismus von morgen aussehen wird und gibt viele handwerkliche Tipps. Vor allem der praktische Teil des Buchs hat es der Rezensentin angetan. Davon würden besonders Berufseinsteiger und Altgediente mit Berührungsängsten vor dem Digitalen profitieren.

5. „Ein symbiotisches Verhältnis“
(mediendienst-integration.de)
Kai Hafez ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt und beschäftigt sich unter anderem mit Theorien der Auslandsberichtserstattung und kulturvergleichender Medienethik. Im „Mediendienst“-Interview spricht Hafez darüber, warum die AfD medial erfolgreich ist und warum Engagierte in der Flüchtlingshilfe eher selten in den Medien vorkommen. Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) und die Medien würden voneinander profitierten. Hafez warnt: „Viele Journalisten bemerken gar nicht, was sie da tun. Faktisch bedienen sie rechte Neigungen, und wenn diese Früchte tragen, erschrecken die Medien und warnen vor der AfD. Davon profitiert die Partei bisher – es ist ein Teufelskreis der rechtspopulistischen Öffentlichkeitsbildung.“

6. „Der talentierte Mr. Vossen“
(freitag.de, Sebastian Grundke)
Sebastian Grundke empfiehlt die Geschichte um den Fall des Aktienhändlers und mutmaßlichen Betrügers Felix Vossen, die als siebenteiliger dokumentarisch-literarischer Podcast aufbereitet wurde. Grundke ist begeistert von der Arbeitsweise des für Recherche und Stück verantwortlichen Reporters Christoph Heinzle: „Dazu greift Heinzle auf eine eher literarische Erzählweise zurück, montiert Interviewschnipsel und Notizen aus seinem Reisetagebuch oder nutzt Cliffhanger am Ende jeder Folge. Dabei bricht Heinzle auch mit klassischen journalistischen Gepflogenheiten, zum Beispiel wenn er zum Ich-Erzähler seiner monatelangen Spurensuche wird. Das Ergebnis ist jedoch meisterhaft.“

„Wir helfen“ – beim rechten Verwirrspiel

Anfang des Monats, am 5. September, feierten die „Bild“-Redaktionen ein Jubiläum: „Ein Jahr ‚Wir helfen'“. Was als Reaktion auf die positive Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den ankommenden Geflüchteten im Spätsommer 2015 begann und schnell zur „Bild“Werbekampagne mit prominenter Unterstützung aus Showbusiness, Politik und Fußballbundesliga wurde, fand nach einigen Monaten überhaupt nicht mehr statt. Die „Wir helfen“-Badges verschwanden aus den Twitter-Profilbildern der „Bild“-Mitarbeiter, der Ton in der Berichterstattung über Geflüchtete und Asylbewerber und Migranten wurde wieder rauer.

Heute kann man gut sehen, dass „Bild“ zu alten Mustern zurückgekehrt ist. Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe steht es riesengroß:

Der Artikel von Zahlenverdreher Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach basiert auf Daten der Bundesregierung, die damit auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion geantwortet hatte. Zusammengefasst sagt der Artikel: In Deutschland leben — Stand Ende Juni 2016 — 549.209 abgelehnte Asylbewerber. 406.065 davon sind seit mehr als sechs Jahren hier. Von den knapp 549.209 abgelehnten Asylbewerbern haben 46,6 Prozent ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Von diesen Zahlen unabhängig leben 168.212 Ausländer mit einer Duldung in Deutschland. Die Gründe dafür, dass sie nicht abgeschoben werden, sind sehr unterschiedlich: Manche haben keinen Pass (37.020), bei anderen ist die Situation im Heimatland zu unsicher (10.620), wieder andere können nicht ausreisen, weil hier gegen sie aktuell ein Strafverfahren läuft (440).

Schaut man sich die 60-seitige Antwort der Bundesregierung (PDF) mal genauer an, wird einem recht schnell klar, dass eine differenzierte Betrachtung der Zahlen zwingend nötig ist, um dem Thema gerecht zu werden. Denn hinter den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern stecken Hunderttausende persönliche Schicksale und Geschichten, die völlig unterschiedlich sind. Das schafft der „Bild“-Artikel in weiten Teilen nicht.

Ein Beispiel: Zu den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern zählt die Statistik auch 12.727 Polen. Die haben ihre Asylanträge natürlich nicht vor ein paar Monaten gestellt, sondern zu einer Zeit, in der Polen noch kein Mitglied der Europäischen Union war. Heute können diese 12.727 Menschen als EU-Bürger völlig legal hier leben. Ihr abgelehnter Asylantrag von damals hat heute keine Relevanz mehr, an eine Abschiebung ist nicht zu denken. Über diese Fälle verliert der „Bild“-Artikel kein Wort.

Ein anderes Beispiel: Ein großer Teil der 549.209 abgelehnten Asylbewerber lebt nicht nur seit „mehr als 6 Jahren“ in Deutschland, wie „Bild“ schreibt, sondern teilweise seit Jahrzehnten. Ihre Asylanträge stammen mitunter aus den 1980er-Jahren (4150). 170.166 von ihnen haben ihren Asylantrag noch im vergangenen Jahrtausend gestellt. Sie leben also schon über 16 Jahre in Deutschland. Auch darauf gehen die „Bild“-Autoren nicht detailliert ein.

Der „Bild“-Text erwähnt zwar die 46,6 Prozent abgelehnter Asylbewerber, die ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen. Was er aber nicht erwähnt: Daneben gibt es auch noch 34,8 Prozent mit einem befristeten Aufenthaltsrecht. Das heißt: 81,4 Prozent beziehungsweise 447.056 der 549.209 in Deutschland lebenden abgelehnten Asylbewerber haben ein Bleiberecht. Sie halten sich völlig legal in Deutschland auf und können rein rechtlich nicht abgeschoben werden. Unter den restlichen 102.153 abgelehnten Asylbewerbern (18,6 Prozent) gibt es einige mit einer Duldung, weil sie sich mitten in einer Ausbildung befinden oder krank sind oder einen Angehörigen pflegen und so weiter. Auch sie können aufgrund ihrer derzeitigen Situation nicht abgeschoben werden. Und so bleiben nicht mehr viele abgelehnte Asylbewerber übrig, die derzeit als „ausreisepflichtig“ gelten. In der Statistik der Bundesregierung ist von 52.870 „ausreisepflichtigen Personen ohne Duldung“ die Rede, allerdings müssen nicht alle von ihnen abgelehnte Asylbewerber sein. Trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl schreibt „Bild“ vom „Neuen Irrsinn bei der Abschiebung“.

Was an dem „Irrsinn“ so richtig „neu“ sein soll, ist ebenfalls nicht ganz klar. Die Linksfraktion stellt ihre Kleine Anfrage jedes Jahr aufs Neue an die Bundesregierung. Vergangenes Jahr — Stand Ende Juni 2015, also vor der großen Zuwanderung durch Geflüchtete — lebten 538.057 abgelehnte Asylbewerber in Deutschland (PDF). Das sind gerade mal 11.152 weniger als 2016.

Dass die Abschiebungen aus Deutschland in den vergangenen Jahren stetig angestiegen sind, erwähnen Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach nicht. 2012 waren es knapp 8000 Menschen, die abgeschoben wurden, 2013 knapp 10.000, 2014 knapp 11.000, 2015 knapp 21.000. „Bild“ nennt lediglich die Zahl aus diesem Jahr — ohne Vergleichswerte, dafür im Zusammenhang mit den abgelehnten Asylbewerbern:

Exakt 13 134 Ausländer haben die deutschten Behörden von Januar bis Ende Juli abgeschoben. Aber Hunderttausende abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin in Deutschland!

Die „Bild“-Titelgeschichte drehte heute eine ordentliche Runde in der deutschen Medienlandschaft. Eine ganze Reihe von Redaktionen griffen die Geschichte auf …


(faz.net)

(„Focus Online“)

(„RP Online“)

… wohl auch, weil die „dpa“ und andere Agenturen früh morgens eine Meldung dazu herausgaben. Inzwischen hat die „dpa“ zwei deutlich differenziertere Stücke veröffentlicht. Die meisten Redaktionen haben die erste kurze Meldung durch einen der längeren Texte ersetzt.

Und auch von Politikern und Polizeigewerkschaftern gab es Reaktionen. Zum Abschluss des „Bild“-Artikels durfte sich Redaktionsliebling Rainer Wendt, Chef der „Deutschen Polizeigewerkschaft“, äußern („Es gibt eine regelrechte Abschiebeverhinderungsindustrie. Das muss sich dringend ändern.“). Und auch CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich durfte was sagen („Wer zulässt, dass abgelehnte Asylbewerber dem Staat derart auf der Nase herumtanzen, zerstört das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates.“).

Im Büro der Linken-Politikerin Ulla Jelpke hat die „Bild“-Zeitung natürlich kein Statement für ihren Artikel eingeholt. Dabei ist die Bundestagsabgeordnete federführend bei der jährlichen Kleinen Anfrage der Linksfraktion, auf die sich „Bild“ stützt. Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach hätten Jelpke zum Beispiel hiermit zitieren können:

Seit Jahren ist aufgrund regelmäßiger Anfragen der Linksfraktion bekannt, wie viele Geflüchtete in Deutschland mit welchem Status leben. Dass auch viele abgelehnte Asylsuchende gute Gründe für einen Verbleib in Deutschland haben können und später eine befristete oder unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, ist deshalb nichts Neues. Zum Beispiel können humanitäre oder medizinische Abschiebungshindernisse vorliegen. Unter den Abgelehnten sind auch Geflüchtete aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder den Irak, die aus guten Gründen nicht abgeschoben werden. Nicht wenige Ablehnungen werden durch Verwaltungsgerichte aufgehoben. Das zu skandalisieren zeigt, wie verroht und vergiftet die Asyldebatte mittlerweile geführt wird.

Wie gefährlich der unsaubere Umgang mit Zahlen in der Flüchtlings-, Asyl- und Abschiebungsdebatte durch „Bild“ sein kann, zeigt die Reaktion der AfD. Bundesvorstandsmitglied Georg Pazderski schrieb mit Bezug auf den Artikel in einer Presseerklärung:

Mehr als eine halbe Million abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin unrechtmäßig in Deutschland, die große Mehrheit davon schon seit über sechs Jahren. Viele besitzen noch nicht einmal einen Pass.

Dass das „unrechtmäßig“ inhaltlich völlig falsch ist, dringt wohl kaum bis zu den johlenden AfD-Anhängern durch. „Wir helfen“, „Bild“? Ja, den Rechtspopulisten bei ihrem Verwirrspiel.

Im Innern der Zeitung titelt „Bild“ übrigens:

Noch einen „fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen“ dazu gedacht — und schon ist man gefährlich nah am Populismus eines Andreas Scheuer.

„Bild“ zeigt private Fotos von getöteten Menschen

Am vergangenen Sonntag entdeckte die Polizei in einer Bonner Wohnung zwei Leichen. Es handelte sich um eine 48-Jährige und ihren 11-jährigen Sohn. Der Lebensgefährten der Frau und Vater des Kindes, der anfangs nirgendwo zu finden war, wurde zum Verdächtigen.

„Bild“ und Bild.de berichteten am Dienstag bundesweit über den Fall und die Suche der Polizei:

In dem Artikel ist auch ein unverpixeltes Foto des Gesuchten zu sehen, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Sinn machte, weil er eben zur Fahndung ausgeschrieben war. Was viel problematischer ist: Die „Bild“-Medien zeigten auch ein privates Foto der getöteten Frau, ebenfalls ohne irgendeine Verpixelung:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Im Pressekodex des Deutschen Presserats heißt es in Richtlinie 8.2:

Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Und als wäre das Zeigen der Frau nicht schon rücksichtslos genug, veröffentlichten „Bild“ und Bild.de auch noch ein privates Foto des 11-jährigen Jungen:

Noch einmal ein Blick in den Pressekodex, dieses Mal Richtlinie 8.3:

Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.

Außerdem schreiben die Redaktionen über eine schwere Krankheit des Jungen.

Der Verdächtige wurde inzwischen gefasst. Ein Passant erkannte ihn, wohl auch aufgrund der Berichterstattung in den Medien. Gestern dann der nächste große Bericht, dieses Mal in der Köln-Ausgabe der „Bild“-Zeitung; bei Bild.de gab es ebenfalls einen Artikel über die neuen Geschehnisse:

In einem ersten Verhör soll der Mann zugegeben haben, seiner früheren Freundin zwar 15.000 Euro gestohlen zu haben, er bestreitet allerdings, etwas mit ihrem Tod und dem seines Sohnes zu tun zu haben. Die Reporter von „Bild“ und Bild.de haben in der Zwischenzeit ein weiteres Foto der Frau und des Kindes aufgetrieben, das sie ihrer Leserschaft unbedingt präsentieren wollen:

Woher die „Bild“-Leute all die Fotos haben, verraten sie lieber nicht. In den Fotocredits heißt es wie immer in solchen Fällen: „Fotos: PRIVAT“. Das könnten sie endlich mal wörtlich nehmen.

Ruhebezüge, Haftnotizen, Social Bots

1. Fall Augenstein: Wie Medien den Populismus bedienen
(ndr.de, Andrej Reisin)
Als der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD) sich kurz nach der Wahl von seiner bisherigen Pressesprecherin Daniela Augenstein trennte, kam es zu einem Aufschrei in den Medien: Viele Medien titelten mit den hohen Ruhebezügen der Ex-Staatssekretärin. Andrej Reisin hat für das „NDR“-Magazin „Zapp“ nachgerechnet und kommt zum Schluss, dass die Zahlen längst nicht so hoch seien, wie es den Anschein erwecke.

2. Can Dündar – Lebenslang für die Wahrheit
(journalisten-bloggen.de, Knut Kuckel)
Ende 2015 wurde Can Dündar in der Türkei verhaftet. Dündar war zu dieser Zeit Chefredakteur der kritischen Tageszeitung „Cumhuriyet“. Staatspräsident Erdoğan hatte persönlich Strafanzeige gegen den Journalisten gestellt und lebenslange Haft gefordert. Dündars Vergehen: Er hatte über die Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien geschrieben. Nach einem Gefängnisaufenthalt konnte Dündar ins Ausland reisen. Eine Rückkehr in die Türkei erscheint gefährlich, da ihm weitere Sanktionen drohen. In der Haft hat er ein Tagebuch geführt, das auch als Buch vorliegt (Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit, Hoffmann und Campe).

3. Warum es richtig sein kann, geheime Dokumente zu veröffentlichen
(vocer.org, Daniel Moßbrucker)
„Netzpolitik.org“ hat nach der Landesverrat-Affäre erneut einen geheimen Bericht veröffentlicht, der belegt, dass der BND „dutzendfach Gesetz und Verfassung bricht“. Daniel Moßbrucker überlegt in seinem Beitrag, inwieweit solche Veröffentlichungen erlaubt sind. Im aktuellen Fall fällt sein Votum eindeutig aus: „Es ist richtig, solche Dokumente nach gewissenhafter Abwägung ins Netz zu stellen. Die Veröffentlichung ist ein mutiger Schritt der Redaktion. Er führt allen Journalisten vor Augen, dass sie ständig Gefahr laufen, sich der Logik eines anderen Systems zu unterwerfen. Gerade in Zeiten der „Lügenpresse“-Rufe bietet größtmögliche Transparenz aller Gesellschaftssysteme die Chance, dass sich Menschen unabhängig informieren können.“

4. Holger Poppenhäger: „Pressevertreter sollten sich zu erkennen geben“
(augenzeugen.info)
Ralf Leifer und Anita Grasse vom DJV-Landesverband Thüringen haben mit Thüringens Innenminister Poppenhäger über Konflikte zwischen Berichterstattern, Demonstranten und der Polizei gesprochen. Der Rat des Ministers: Medienvertreter sollen sich „bereits im Vorfeld und bei aktuell auftretenden Fragen oder Problemen im Rahmen ihrer Tätigkeit vor Ort grundsätzlich an die Beamten wenden, die zum Einsatzabschnitt „Einsatzbegleitende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ (EPÖA) gehören.“ Die Mitarbeiter dieses Einsatzabschnitts seien als Ansprechpartner für Medienvertreter vor Ort deutlich erkennbar. Der Minister weiter: „Es bleibt auch festzuhalten, dass ein unmittelbarer Schutz vor verbalen Angriffen und Beleidigungen aus Menschenmengen heraus oder über die sozialen Netzwerke während oder nach Berichterstattungen grundsätzlich nicht möglich ist.“

5. „Manipulation ist nicht so einfach“
(taz.de, Meike Laaff)
Simon Hegelich ist Professor für Political Datascience an der Hochschule für Politik der TU München und forscht dort zum Thema „Social Bots“. Dabei handelt es sich um Programme, die bevorzugt in Online-Netzwerken eingesetzt werden und vorgeben, Menschen zu sein. Meike Laaff hat mit dem Wissenschaftler gesprochen. Dabei ging es unter anderem um ein Botnetz mit über 15.000 falschen Twitter-Accounts, das im Ukraine-Konflikt eingesetzt wurde und nach wie vor aktiv ist. Das Thema ist nach wie vor aktuell: Hegelich hat auch Hinweise auf Social Bots im US-Wahlkampf.

6. Wir zeigen Ihnen, wie wir arbeiten
(tagesanzeiger.ch, Alan Cassidy & Jan Rothenberger)
Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ will dem allgemeinen Vertrauensverlust in die Medien etwas entgegensetzen und ruft seine Leser auf, ihn mit Fragen zur politischen Berichterstattung zu löchern: „Wie entscheidet sich, ob, wie und wie ausführlich wir über etwas schreiben? Weshalb nimmt die Redaktion eine bestimmte Haltung für oder gegen eine Abstimmungsvorlage ein? Und was machen wir, wenn wir uns in der Redaktion nicht einig sind? Dem stellen wir uns gerne und wollen Transparenz schaffen. Sagen Sie uns, was Sie wissen möchten – unsere Inlandredaktion beantwortet Ihre Frage.“

Zum „Sex-Killer“ erklärt

Gerwald Claus-Brunner, der frühere Politiker der Piratenpartei, den Polizisten am Montag tot in seiner Berliner Wohnung gefunden haben, soll zuvor einen anderen Mann und dann sich selbst getötet haben.

Die heutige Titelseite der „Bild“-Zeitung:

Heute bei Bild.de:

Die „B.Z.“ titelt und schreibt:

Die Ermittler vermuten, dass das Opfer vor der Tat sexuell missbraucht wurde.

Und beim „Berliner Kurier“ heißt es:

Der Suizid des bekannten Politikers schockte Berlin. Entsetzlicher, was Ermittler jetzt herausfanden: Claus-Brunner tötete und missbrauchte vorher einen Mann (29), fuhr die Leiche sogar noch quer durch Berlin.

Wir haben bei der zuständigen Berliner Staatsanwaltschaft nachgefragt, ob es derzeit Hinweise dafür gibt, dass das Opfer, wie von den Medien behauptet, vor dem Tod missbraucht wurde. Ihr Sprecher Martin Steltner sagte uns, dass er die Berichterstattung nicht bestätigen könne: „Wir haben keine Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch.“

Mit Dank an Fabian S. und Sascha K. für die Hinweise!

Das falsche Senegalesen-Zitat von Andreas Scheuer und die Medien

Mit seiner Aussage zum „fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen“ hat es Andreas Scheuer mal wieder in die Schlagzeilen geschafft. Ständig spricht der Generalsekretär der CSU bei seinen Auftritten oder in Facebook-Posts auch den rechtesten Rand seiner Wählerschaft an. Die Menge johlt dann zwar, für die ganz große mediale Aufmerksamkeit reicht es meistens aber nicht.

Bei Scheuers Äußerungen beim „Regensburger Presseclub“ ist das anders. Angefangen hat alles mit einem Zitat in der „Mittelbayerischen Zeitung“:

„Das Schlimmste ist ein fußballspielender ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre in Deutschland — als Wirtschaftsflüchtling — den kriegen wir nie wieder los“, sagt Scheuer und spricht sich für eine geordnete und gesteuerte Zuwanderung nach dem Vorbild Kanadas aus.

Dafür gab es heftigen Widerspruch von allen Seiten — nicht nur, aber eben auch in vielen Medien. Die Empörung ist groß, Kommentatoren fordern Andreas Scheuer zum Rücktritt beziehungsweise seine CSU zum Rauswurf auf.

Nun stellt sich aber raus: In dieser Form hat es das Zitat nicht gegeben. Der „Bayerische Rundfunk“ hat mittlerweile einen Mitschnitt von Scheuers Aussage veröffentlicht. Und dort hört man:

Weil wenn er mal über einen langen Zeitraum in den Verfahren herinnen ist, entschuldigen Sie die Sprache, das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist, weil den wirst Du nie wieder abschieben. Aber für den ist das Asylrecht nicht gemacht, sondern er ist Wirtschaftsflüchtling. Aber wir haben halt eine Gesellschaft, wo’s Du den Vereinsvorsitzenden, den Pfarrer, schlimmstenfalls den Landtagsabgeordneten, den Bundestagsabgeordneten, und wie sie alle heißen, findest, der sagt: „Alle müssen durch dieses strenge Verfahren, aber der, der hat sich so gut integriert.“

Interessanterweise hatte der „Bayerische Rundfunk“ das falsche Scheuer-Zitat erst selbst verbreitet. Auf Nachfrage, wieso der „BR“ ebenfalls das Zitat der „Mittelbayerischen Zeitung“ verwendet hatte, obwohl doch ein Audiomitschnitt vorlag, erklärt Wolfgang Vichtl, Leiter der Redaktion „BR24“, dass die zeitliche Abfolge eine andere war:

Der BR ist in die Berichterstattung zum Thema eingestiegen, als Generalvikar Fuchs das in der Mittelbayerischen Zeitung vom 17.09.2016 veröffentlichte Zitat gelesen und auf Facebook seine Empörung darüber geäußert hatte. Was zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war: Die „Mittelbayerische“ hatte das Zitat nicht ganz korrekt wiedergegeben, dieses wurde aber im Übrigen auch von allen Nachrichten-Agenturen aufgenommen, die wiederum Quelle für die Redaktionen sind.

Erst nachdem sich der BR den Original-O-Ton aus Regensburg besorgt hatte, wurde die textliche Abweichung erkannt und das Zitat in der Berichterstattung umgehend korrigiert. Der BR hat dann das Zitat im Original-Ton gleich Montag früh für jedermann zugänglich gemacht.

Die „Mittelbayerische Zeitung“ hat die Passage inzwischen auch korrigiert — zuerst klammheimlich, nach Kritik auch transparent. Ihr Politikchef Christian Kucznierz schreibt in einem Kommentar:

Es stimmt: Uns ist in unserer Berichterstattung ein Fehler im Zitat unterlaufen. Es ist dokumentiert, dass Scheuer über den hypothetischen Senegalesen sagte: „den wirst Du nie wieder abschieben“. Bei uns lautete das Zitat: „den kriegen wir nie wieder los“.

Natürlich bleibt die Aussage von Andreas Scheuer immer noch stramm rechts und unsäglich populistisch. Und natürlich kann man das immer noch als verachtend gegenüber dem Integrationswillen vieler Geflüchteter sehen und als Affront gegen Sportvereine und Kirchen und alle anderen Gruppen und Leute, die bei der Integration von Menschen helfen. Aber wenn man aufgrund eines Zitats einen Rücktritt fordert, dann sollte man sich dabei zumindest auf das richtige Zitat beziehen.

Einen wichtigen Punkt vergessen

Fans, Spieler, Mitarbeiter des SV Werder Bremen müssen momentan aber auch wirklich einiges einstecken. Aus im DFB-Pokal gegen einen Drittligisten, in der Bundesliga ohne Punkt aus drei Spielen und ein Torverhältnis von 2:12. Die Bremer sind Letzter, ihren bisherigen Trainer Viktor Skripnik haben sie am Sonntag rausgeworfen. Und gestern machte sie die „Bild“-Zeitung auf der Titelseite auch noch zum „VERLIERER“ des Tages:

Andere Medien berichten ebenfalls vom Klettern der Dortmunder in der ewigen Bundesliga-Tabelle — und damit automatisch auch vom Abstieg des SV Werder Bremen. „Focus Online“ zum Beispiel:

Oder abendzeitung-muenchen.de:

Oder ovb-online.de:

Oder „Sky“:

Oder echo24.de:

Der Ursprung der meisten dieser Schlagzeilen ist eine Meldung der Sport-Nachrichtenagentur „sid“. Und auch Borussia Dortmund selbst verkündet stolz:

Macht man sich die Mühe, die Zahlen mal etwas genauer zu betrachten, und schreibt nicht einfach ab, kommt man ins Grübeln: Warum sollte der SV Werder Bremen mit seinen 748 Siegen und 440 Unentschieden aus insgesamt 1767 Spielen hinter den Dortmundern stehen, die in ihrer Bundesligahistorie weniger Siege (730) und weniger Unentschieden (427) als die Bremer geholt haben (allerdings haben sie auch 102 Spiele weniger als Werder Bremen absolviert; Stand: vor dem aktuell laufenden Bundesligaspieltag)?

Der Haken an der Sache ist der Unterschied zwischen Zwei- und Drei-Punkte-Regel. Früher bekamen Mannschaften für einen Sieg zwei Punkte und für ein Unentschieden keinen einen Punkt. Ab der Saison 1995/96, als die Drei-Punkte-Regel eingeführt wurde, gab es drei Punkte für einen Sieg und einen Punkt für ein Unentschieden.

Die ewige Bundesligatabelle, die Borussia Dortmund seit dem vergangenen Wochenende auf Platz zwei sieht, wirft diese beiden Regeln durcheinander. Teams, die erst seit der Regelumstellung richtig erfolgreich sind, werden bevorzugt. Werder Bremen, mit vielen Siegen auch schon während der Zeit der Zwei-Punkte-Regel, wird benachteiligt.

Wie bedeutend der Unterschied zwischen Zwei- und Drei-Punkte-Regel im Einzelfall sein kann, zeigen verschiedene Rechenbeispiele: Bayer Leverkusen ist in der Saison 1999/2000 Zweiter hinter Bayern München geworden. Hätte damals noch die Zwei-Punkte-Regel gezählt, wäre Leverkusen Meister geworden. Gleiches gilt für den FC Schalke in der Saison 2000/01. Der 1. FC Nürnberg wäre in der Saison 1998/99 nicht abgestiegen. Und der HSV hätte in den vergangenen Jahren mehrfach als Absteiger festgestanden.

Es gibt übrigens einige Seiten, die die Siege, Unentschieden und Niederlagen von früher aufs Drei-Punkte-System umgerechnet haben (merkwürdigerweise gehört die offizielle Bundesliga-Website, auf die sich auch Borussia Dortmund im Tweet bezieht, nicht dazu). Und dort steht der SV Werder Bremen nach wie vor auf Platz zwei. Bleibt den Fans, Spielern und Mitarbeitern immerhin dieser Trost.

Mit Dank an Lennart für den Hinweis!

Nachtrag, 15:35 Uhr: Auf der Vereinswebsite stellt Borussia Dortmund ebenfalls klar, dass es verschiedene Versionen der ewigen Bundesliga-Tabelle gibt und dass der Klub dort auf unterschiedlichen Plätzen zu finden ist:

In der von der DFL offiziell geführten „Ewigen Tabelle“ ist Borussia Dortmund mit 2236 Punkten aus 1665 Spielen Zweiter vor Werder Bremen (2235 aus 1767). Diese Tabelle berücksichtigt die seit 1963 tatsächlich vergebenen Punkte. Bis 1995 gab es für einen Sieg zwei Zähler. In der Tabelle des kicker Sportmagazins sind alle Spiele auf die Drei-Punkte-Regel umgelegt. Hier ist der BVB Vierter hinter Bayern München, Werder Bremen und dem Hamburger SV.

Mit Dank an Julian H. für den Hinweis!

Satzbau-Hooligans, Medienquote, InTouch-TV

1. Gruppe „Hooligans gegen Satzbau“ bekommt Facebook-Preis
(morgenpost.de, Lars Wienand)
Facebook hat Initiativen geehrt, die sich in sozialen Medien gegen Hasskommentare einsetzen. Den „Smart Hero Awards“-Publikumspreis hat die Gruppe „Hooligans gegen Satzbau“ gewonnen, die ihr Preisgeld an die Initiative „Enough is Enough“ abgetreten und die Bühne genutzt hat, um Kritik an Facebook zu üben. „Dass wir von Euch für unsere Arbeit ausgezeichnet werden, ist absurd, belief sich Euer Dank bisher doch auf unsere Sperrungen und Löschungen.“

2. Neuer Vorstand: Löst ProQuote sich auf?
(pro-quote.de)
Man würde es dem Verein „ProQuote Medien e.V.“ gönnen, wenn er sich auflösen würde, denn dann wäre das Ziel erreicht: Mindestens 30 Prozent der journalistischen Führungspositionen in den deutschen Medien bis 2017 mit Frauen zu besetzen. Bis dahin will der neue Vorstand von ProQuote unter Beteiligung der mittlerweile fast 5000 Unterstützer und Unterstützerinnen weiterhin mit Druck und Kampagnen dafür sorgen, dass die Forderung nicht in Vergessenheit gerät.

3. „InTouch“-TV: Es gibt nichts zu berichten, kosten wir’s aus
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader hat sich für „DWDL“ vor den Fernseher gesetzt und auf RTL II das neue „InTouch“-TV eingeschaltet. Seine Diagnose: „RTL II transferiert ein befreundetes Promilaberblättchen vom Kiosk ins Fernsehen und verspricht eine Mischung aus Star-Magazin und Redaktions-Doku. Die Premiere ging ordentlich daneben: Nicht mal Guido Maria Kretschmer hatte Bock auf ein Interview.“

4. Was gibt’s Neues, Resi?
(journalist.de, Matthias Daniel)
„Resi“ nennt sich die Nachrichten-App von Martin Hoffmann, der seinen Job als Leiter der Social-Media-Redaktion bei der „Welt“ gekündigt hat, um sich ganz auf sein Startup-Unternehmen zu konzentrieren: Einen Chatbot, der mit seinen Nutzern über die aktuellen Nachrichten „redet“. Im Interview spricht Hoffmann über gute und böse Bots, Kriterien bei der Nachrichtenauswahl und was man bei dieser Form des Messenger-Journalismus sonst noch beachten muss.

5. Aus Deutschlandradio Kultur wird Deutschlandfunk Kultur
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Aus „Deutschlandradio Kultur“ wird „Deutschlandfunk Kultur“, „D-Radio Wissen“ heißt künftig „Deutschlandfunk Nova“, doch „Deutschlandfunk“ darf weiter „Deutschlandfunk“ heißen.

6. Null Vulven gefunden
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
„Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski hat das im Hotelzimmer vorgefundene „ZEITmagazin Mann“ studiert: „Seit Jahrzehnten müssen sich Frauen an jeder Supermarktkasse von Magazinen beleidigen lassen, die ihnen Problemzonen einreden. Jetzt können endlich auch Männer über sich selbst lesen – und zum Glück nicht nur Unsinn.“

Mit dem Frühstücksei in die Schlagzeilen

Neulich gab es in der Sportredaktion der „dpa“ eine kleine Diskussion. Irgendeiner der Kollegen wollte gehört haben, dass es im Fußball nur noch ums Geld geht. Hatte der ehemalige Bundesliga-Torhüter Frank Rost so erzählt. In der Redaktion hatten sie dieses Gefühl ja schon länger. Aber hatte das nicht irgendjemand so ähnlich schon mal ausgesprochen? Man war sich nicht ganz sicher. Vorsichtshalber schrieb man eine Meldung:

Frank Rost hätte natürlich auch sagen können: „Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war.“ Oder: „Die da oben — immer auf den kleinen Mann.“ Es hätte ungefähr den gleichen Informationsgehalt gehabt, aber in den Politik-Teil kommt man leider nicht ganz so leicht. Da braucht man schon ein Mandat, eine Funktion oder die allseitige Vermutung, dass man auf einem bestimmten Gebiet über sehr viel Fachwissen verfügt, in anderen Worten: einen akademischen Titel.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In anderen Metiers ist es dann wieder so leicht. Da genügt es schon, irgendwann einmal in einem Spielfilm durchs Bild gelaufen zu sein, schon wird man mit den banalsten Trivialitäten auf der Panorama-Seite zitiert.
 
Würde Matthias Schweighöfer morgens am Frühstückstisch eine Prise Salz über sein Ei geben, dazu den Gedanken äußern, dass er Eier genau so am liebsten mag, und zufällig stünde draußen unter dem Fenstersims ein Reporter, ginge vielleicht noch am selben Tag eine Meldung für das Ressort Vermischtes raus, die ungefähr so aussehen würde:

Matthias Schweighöfer (35), isst sein Frühstücksei am liebsten mit Salz. „Früher mochte ich überhaupt keine Eier“, sagte der Schauspieler („Vaterfreuden“) der „Gala“. Aber dann sei er irgendwann auf den Geschmack gekommen. Heute könne er sich ein Leben ohne Frühstücksei nicht mehr vorstellen.

Dem Schauspieler Daniel Brühl ist neulich etwas Ähnliches passiert. Im Dezember wird er Vater. Da hat er „Gala“ gesteckt, dass er in Zukunft etwas weniger arbeiten will, um mehr Zeit fürs Kind zu haben. Und dann ist ihm noch rausgerutscht, dass er in Berlin eine zweite Bar eröffnen will.

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie die Geschichte weiterging: Seine Frau schlug morgens die Zeitung auf, wusste überhaupt nichts von der Idee mit der Bar. In den beiden Nächten darauf schlief Brühl auf dem Sofa, und jetzt will er erst mal überhaupt nicht mehr mit der Presse reden.

Dabei hätte er natürlich auch einfach irgendwas anderes sagen können. Es ist ja im Grunde egal, was. Für eine Meldung reicht es immer:

Der Schauspieler Daniel Brühl möchte seinen Gartentisch gelb streichen.

Der Schauspieler Daniel Brühl kratzt sich manchmal am Rücken, während er über die Straße geht.

Der Schauspieler Daniel Brühl trinkt Rotwein nicht gerne aus Plastik-Bechern.

Der Schauspieler Daniel Brühl schläft am liebsten mit den Füßen am Kopfende.

Der Schauspieler Daniel Brühl mag gutes Wetter.

Der Schauspieler Daniel Brühl ist nicht gerne krank.

Und hätte Daniel Brühl im Interview mit „Gala“ einfach nur gefragt, wie spät es ist, wäre die Meldung eben gewesen:

Daniel Brühl trägt keine Armband-Uhr.

Mit zunehmender Prominenz wird ausnahmslos alles interessant, was Menschen machen, sagen, glauben und meinen:

Daniel Brühl trägt Hausschuhe, wenn er abends nicht mehr vor die Tür muss.

Der Basketballer Chandler Parsons hat neulich einfach nur gesagt, dass er Hamburg mag, die Heimatstadt seiner Freundin, dem Model Toni Garrn. Auch das ging natürlich raus über die Ticker:

Vielleicht werden wir von Parsons demnächst noch weitere Meldungen lesen:

Der Basketballer Chandler Parsons reist aus den USA am liebsten mit dem Flugzeug nach Europa.

Der Basketballer Chandler Parsons spricht mit der Familie seiner Freundin auch über Privates.

Der Basketballer Chandler Parsons findet seine Freundin sehr sympathisch.

Wenn man nicht genug davon kriegen kann, Meldungen über seine eigenen Vorlieben auf Newsportalen zu lesen, ist so was natürlich eine tolle Sache. Andernfalls kann es auch lästig werden.

Der Schauspieler Miroslav Nemec zum Beispiel sieht seine Prominenz mittlerweile kritisch. Halb Deutschland kennt ihn aus dem Münchner „Tatort“ als den Kommissar Ivo Batic. Dummerweise kennen ihn in München noch mehr Menschen als nur die Hälfte, und da wohnt er, was nicht immer ganz unproblematisch ist, denn manchmal muss er auch zum Einkaufen aus dem Haus, wenn er schlechte Laune hat. Dann besteht die Gefahr, dass irgendwann in den Klatschspalten steht:

Miroslav Nemec verprügelt im Supermarkt gerne Passanten.

Das ist ein Nachteil, aber was will man machen, wenn man seinen Beruf sonntagabends im Fernsehen ausübt? Man kann sich zurückziehen, wenn man nicht im Dienst ist, und vielleicht dann schlecht gelaunt einkaufen gehen, wenn an der Kasse nicht so viel los ist. Miroslav Nemec hat sich für einen anderen Weg entschieden, und der — das wäre unsere vorsichtige Prognose — wird das Problem nicht verbessern: Nemec hat einen Krimi geschrieben. Nicht unter Pseudonym, sondern unter seinem echten Namen. Nicht mal für den Ermittler hat er sich eine neue Figur ausgedacht. Auch das ist er selbst:

Und falls irgendwer bei „Gala“ zu morgen noch unbedingt eine Meldung braucht, warum dann nicht einfach diese hier?

Der Schauspieler Miroslav Nemec macht gerne alles noch schlimmer, als es eh schon ist.

„Pixel-Irrsinn“-Irrsinn bei Bild.de

Am vergangenen Freitagabend müssen sich die Mitarbeiter von Bild.de vor Lachen auf dem Boden gekringelt haben:

„Wie doof sind die Leute bei ‚Google‘ denn bitte? Verpixeln eine Kuh! Und sowieso: Die Privatsphäre von irgendwas oder irgendwem schützen? Pah!“

Und so sah dann das Umfeld des „Pixel-Irrsinns“ auf der Bild.de-Startseite aus:

Nur der Vollständigkeit halber: Die Verpixelungen der beiden Personen der oberen Geschichte stammen von uns, genauso die Verpixelung des Opfers der unteren Geschichte. Alle drei waren ohne jegliche Unkenntlichmachung bestens zu identifizieren. Der schwarze Augenbalken beim mutmaßlichen Täter der unteren Geschichte stammt von Bild.de.

Mit Dank an Ben für den Hinweis!

Nachtrag, 21. September: Bild.de gibt zu „diesem Millionär“ übrigens so viele Details preis, dass er ohne großen Aufwand für jedermann innerhalb von zweieinhalb Minuten zu identifizieren ist.

Mit Dank an pwco für den Hinweis!

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