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25 lesenswerte Medienreflexionen zu #Rio2016

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio nähern sich dem Ende. Zeit, ein medienkritisches Resümee zu ziehen. Wie sind die Medien mit dem internationalen Großevent umgegangen? Wie reagiert die Sportberichterstattung auf wachsende Kommerzialisierung, IOC-Einflussnahme und ständigen Dopingverdacht? Und wie steht es um die Themen Gleichberechtigung und Sexismus?

Wir haben 25 Artikel zusammengestellt, die einen kritischen Blick auf Zusammenspiel und Wechselwirkung von Medien und Sport werfen.

1. Medien-Porno bei Olympia
(tagesspiegel.de, Martin Einsiedler)
Das Bild vom entstellten Unterschenkel des Turners Samir Ait Said ging um die Welt – häufiger und expliziter, als es einem lieb sein kann, findet Martin Einsiedler im „Tagesspiegel“: „Es wäre gut, wenn die Lieferanten solcher Bilder verantwortungsvoller mit ihrem Material umgehen, ohne dabei zensorisch zu sein. Den verunglückten Sprung von Said hätte man auch zeigen können, ohne die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten. So aber wirkte der Umgang mit dem Unfall vonseiten großer Teile der Medien wie ein billiger Porno: unästhetisch und auf den maximalen Effekt getrimmt.“

2. „Eine Beleidigung der Athleten“
(fr-online.de, Sebastian Moll)
Der US-Sender NBC erntet heftige Kritik für seine Aufbereitung der Olympischen Spiele als Reality-Show. Dahinter stecke ein hartes Marktkalkül: Die Mehrheit der Olympiabetrachter in den USA sei weiblich – die Männer würden sich weiter ihre Baseball- und Footballübertragungen anschauen. Um möglichst viel Werbung und „human interest“ einbauen zu können, würden die Wettkämpfe von Rio in den USA auch niemals Live gezeigt.

3. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten
(faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: „Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus zu befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.“

4. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.

5. So berichtet man über Frauen bei Olympia, ohne ein Sexist zu sein
(vice.com/de)
Die unpassenden Bemerkungen des ARD-Reportes Carsten Sostmeier bei seiner Reitkommentierung, für die er sich später entschuldigt hat, dienen der „Vice“ sich mit sexistischer Sportberichterstattung während der olympischen Spiele zu befassen. Das Problem beginnt schon bei der Aufmerksamkeitsverteilung der Medien: „Über Sportlerinnen wird bei Weitem nicht so viel berichtet wie über Männer. In deutschen Medien liegt der Anteil meist unter 15 Prozent. Schlimm genug, dass diese Berichterstattung dann auch noch sexistische Kommentare, unangemessene Interviewfragen und Artikel über die körperliche Erscheinung beinhaltet.“

6. Olympia 2016: Leibwächter für ARD-Journalisten
(spiegel.de)
Der ARD-Journalist Hajo Seppelt hat in den letzten zwei Jahren ein staatlich organisiertes Dopingsystem in Russland aufgedeckt und wurde immer wieder bedroht. Bei Olympia in Rio steht der Investigativreporter nach „Spiegel“-Informationen unter Personenschutz: An seiner Seite bewegen sich, vermutlich auf Veranlassung des NDR, immer zwei Leibwächter, die teils zur brasilianischen Spezialeinheit „Batalhão de Operações Policiais Especiais“ gehören, einer Elitetruppe der Militärpolizei von Rio de Janeiro.

7. Wir glotzen Olympia
(zeit.de, Stefanie Sippel, Tobias Potratz, Fabian Scheler & Oliver Fritsch)
Die „Zeit“ hat eine launige Typologie der Olympia-Zuschauer zusammengestellt. Man unterteilt in „Ottonormalsportgucker“, „Olympia-Junkies“, „Schlaaand-Fans“, „Fußballnerds“ und „Aussteiger“.

8. Rio verteidigt die olympische Scheinwelt
(derstandard.at, Susann Kreutzmann)
In Rio de Janeiro werde alles getan, um eine heile olympische Welt vorzugaukeln, findet Susann Kreutzmann. Doch die Realität lasse sich nur zeitweilig verbergen, nicht ganz aussperren. Das würden selbst die Athleten erfahren.

9. Olympia im TV: Blech für Bommes
(spiegel.de, Dirk Brichzi)
Nach elf Tagen Olympia und elf Tagen öffentlich-rechtlicher Sportberichterstattung verleiht Dirk Brichzi seine persönlichen Medaillen für Programmplanung, Ideenreichtum, Kommentatoren, Co-Kommentatoren, Gäste und TV-Maskottchen. Er verteilt Gold und… Blech.

10. Einfach mal abschalten
(tagesspiegel.de, Anett Selle)
Einfach mal abschalten, schlägt Anett Selle im „Tagesspiegel“ vor. Olympia verkomme zum Imagefilm des Internationalen Olympischen Komitees. Mit seinen TV-Rechten verdiene das IOC etwa drei Viertel der fünf Milliarden Euro, die es zwischen 2013 und 2016 nach eigenen Angaben eigenommen haben wird. Und so kommt sie zum Schluss: „Das gibt dem IOC Macht, dabei kann es die Rechte nur deshalb teuer verkaufen, weil viele Zuschauer bei Olympia einschalten. Wem also nicht passt, was das IOC aus Olympia macht, kann sich wehren: Und einfach mal abschalten.“

11. Dilemma: Olympia-Freude vs. Doping
(ndr.de, Hendrick Maaßen, Video, 4:14 Min.)
Bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro geht es nicht nur um sportliche Leistungen und um die Athleten – es geht auch um Doping. „Zapp“ hat sich mit dem Problem beschäftigt und unter anderem den Medienwissenschaftler Thomas Horky dazu befragt. Olympische Spiele seien laut Horky auch immer Unterhaltungsfernsehen. Und darum gelte es für die Kommentatoren und Journalisten, den Spagat zwischen Unterhaltung und angebrachter Kritik auszutarieren.

12. Andy Murray gibt einem Reporter die passende Antwort: Auch Frauen gewinnen Medaillen
(bento.de, Maria Wölfle)
Maria Wölfle berichtet für „Bento“ über Fälle von Sexismus in der Sportberichterstattung, ob im Video-Interview, auf Medienseiten oder Twitter.

13. Stimmungslos
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Bei Gregor Keuschnig mag keine rechte Olympia-Stimmung aufkommen, was an den Fernsehmoderatoren und der medialen Inszenierung liege: „Wie man sich bei ARD und ZDF den medienkompatiblen Sportler vorstellt, konnte man am Sonntag bei einer Schaltung zum »Deutschen Haus« sehen. Elf Medaillengewinner saßen da nebeneinander und nun wollte der Reporter von jedem wissen, wie sie gefeiert haben, was es zu trinken gab, wie die Nachtruhe war, usw. Die Szenerie war an Peinlichkeit kaum zu überbieten; die Sportler, noch gezeichnet von den Feiern, als Pönitenten. Und dann wundert man sich, wenn keine Olympia-Stimmung vor dem Fernseher aufkommt.“

14. Das sind die 6 großartigsten Grafiken zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
Mit Datenvisualisierung lassen sich tolle Dinge umsetzen. Frederic Huwendiek hat die nationalen und internationalen Medien durchgescannt und stellt einige gelungene Grafiken zum Thema Olympische Spiele vor.

15. Olympia: So glanzlos senden ARD und ZDF
(maz-online.de, Imre Grimm)
„Schnarchige Betulichkeit wie zu Zeiten von Schwarz-Weiß-Fernsehen und Randsport-Reporter, die sich durch machohafte Ausfälle disqualifizieren. Plus: Probleme mit der Glaubwürdigkeit.“ So empfindet Medienredakteur Imre Grimm die Sport-Berichterstattung von ARD und ZDF zu Olympia.

16. Reden bringt Silber, Plappern bringt Gold
(zeit.de, Mely Kiyak)
„Zeit“-Kolumnistin Mely Kiyak über die Berichterstattung in Zeiten der Olympischen Spiele: „Schweigende Athleten passen nicht ins Olympia-Fernsehen. Große Brüste und Hirnaussetzer hingegen schon.“

17. Sportjournalismus: Dopingberichterstattung im Abseits
(fachjournalist.de, Michael Schaffrath)
Die Sportfakultät der TU München hat eine Onlinebefragung durchgeführt, an der sich 850 Sportjournalisten beteiligt haben. Die Daten flossen in die Studie „Wissen und Einstellung von Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“ ein. Das Fazit in Sachen Dopingberichterstattung: „Die Befragung zeigt, dass eine gegenüber dem Einzelsportler kritische und trotzdem Strukturen reflektierende Dopingberichterstattung nicht am Wollen der Sportjournalisten scheitert, sondern – neben defizitären Ressourcen – auch am Nicht-Können der Medienmitarbeiter liegt.“

18. Der Hashtag #CoverTheAthlete prangert sexistische Berichterstattung über Athletinnen an.
(jetzt.de, Christina Waechter)
Die Kampagne „Cover The Athlete“ will ein Bewusstsein für Sexismus in der Sportberichterstattung schaffen und Journalisten für das Thema sensibilisieren. Schließlich werden weibliche Athleten, wie Christina Waechter berichtet, überdurchschnittlich oft von Reportern zu Dingen befragt, die mit ihrer sportlichen Leistung nichts zu tun haben: zu ihrem Privatleben oder ihrer Erscheinung. Waechter berichtet über die Kampagne, erzählt von einer Studie, die belegt, wie unterschiedlich über Sportler und Sportlerinnen berichtet wird und stellt einige Beispielfälle vor.

19. Heuchelei 24/7?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Am letzten Tag der Olympischen Spiele in Rio will das IOC einen eigenen globalen Fernsehkanal starten. 443 Millionen Euro hat man dafür bereitgestellt. Joachim Huber fragt im „Tagesspiegel“, was das Ganze soll: „Was wird da laufen, was soll erreicht werden? Propaganda Tag und Nacht, die Weißwaschung des Sports, der längst in der Grauzone agiert? Oder der Spagat, wie ihn ARD und ZDF Tag für Tag zelebrieren – Jubel und Jammer?“

20. Wie berichtet man über Sport, wenn man ihm misstraut?
(sueddeutsche.de, Josef Kelnberger)
Die Berichterstattung von ARD und ZDF aus Rio schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis, stellt Josef Kelnberger fest. Die Öffentlich-Rechtlichen würden die moralische Empörung der Deutschen ernstnehmen und trotzdem alles tun, um Quote zu machen. Die moralische Empörung über die Auswüchse Olympias sei nirgendwo so stark wie in Deutschland: „eine Gegenreaktion auf die Überhöhung Olympias als Hort des Schönen und Guten“.

21. Nie ist Fernsehen so deutsch wie bei Olympia
(tagesspiegel.de, Katrin Schulze)
Katrin Schulze stört sich in ihrer Kolumne daran, dass sich ARD und ZDF bei Olympia auf Wettbewerbe mit deutscher Teilnahme konzentrieren würden: „Klar, eine Olympia-Übertragung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Doch indem sich ARD und ZDF nur auf Deutschland fokussieren, machen sie sich und die Sportwelt unnötig klein.“

22. Diese drei Instagram-Kampagnen verdienen Gold
(horizont.net, Philipp John)
Philipp John kennt sich als Chef einer „Influencer-Marketing-Plattform“ (es geht um Product Placement bei Youtubern) bestens mit Werbung aus und hat ein besonders Auge auf Social-Media-Kampagnen. In seinem Beitrag bei „Horizont“ stellt er drei Kampagnen auf Instagram vor, die aus seiner Sicht Gold verdient hätten.

23. Markenschutz unter den Olympischen Ringen: Übertreibt das IOC?
(netzpiloten.de, Dev Gangjee)
Dr. Dev S. Gangjee ist Professor an der Rechtsfakultät der Universität Oxford und beschäftigt sich dort unter anderem mit Fragen des geistigen Eigentums und Markenrecht. In seinem Artikel hinterfragt er die olympischen Markenschutzrichtlinien: „Das IOC ist berechtigt, seine Marke gegen schädliche Nutzung zu schützen – solche, die Verwirrung erzeugt oder ungewünschte Assoziationen hervorruft. Trotzdem wird Olympia durch ein weltweites öffentliches Wohlwollen erhalten bleiben. Die Symbolik der Spiele existiert im Geist der Öffentlichkeit. Wenn das IOC all dieses Wohlwollen beansprucht, während es auch als Zensor wirkt, geht es zu weit.“

24. Zu wenige Frauen an den Mikros
(tagesspiegel.de, Gaby Papenburg)
Sport-Kommentatorinnen haben es nicht leicht im deutschen Fernsehen. Die olympischen Spiele in Rio belegen diese traurige Tatsache wie Gaby Papenburg mit Zahlen belegt. Unter den 169 für ARD und ZDF tätigen Journalisten seien nur wenige Frauen (33, um genau zu sein). Höre man genauer hin, dann würden das Sportgeschehen nur drei Frauen kommentieren.

25. ITV schaltet für eine Stunde alle Sender ab
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Am Morgen des 27. Augusts – also am Samstag in einer Woche – schaltet der britische TV-Konzern ITV alle sieben Fernsehsender für eine Stunde ab. Dahinter stecke in gewisser Art und Weise ein olympischer Gedanke, wie Thomas Lückerath auf „dwdl.de“ schreibt.

Kommentarmoderation, Dopingberichterstattung, Trump

1. Moderation bleibt Handarbeit: Wie große Online-Medien Leserkommentare moderieren
(netzpolitik.org, Markus Reuter & Ingo Dachwitz)
„Netzpolitik.org“ hat zehn große deutsche Tageszeitungen und Onlinemedien gefragt, wie sie intern ihre Moderation organisieren. Vier von ihnen haben geantwortet: „Sueddeutsche.de“, „taz.de“, „Zeit Online“ und „Spiegel Online“. Das Ergebnis: Die Moderation beruhe auf individuellen Entscheidungen, Facebook sei herausfordernder als die eigenen Seiten und Lösch-Statistiken gäbe es wenige. Algorithmen und feste Moderationsregeln – außer der Netiquette – würden keine Rolle spielen.

2. Sportjournalismus: Dopingberichterstattung im Abseits
(fachjournalist.de, Michael Schaffrath)
Die Sportfakultät der TU München hat eine Onlinebefragung durchgeführt, an der sich 850 Sportjournalisten beteiligt haben. Die Daten flossen in die Studie „Wissen und Einstellung von Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“ ein. Das Fazit in Sachen Dopingberichterstattung: „Die Befragung zeigt, dass eine gegenüber dem Einzelsportler kritische und trotzdem Strukturen reflektierende Dopingberichterstattung nicht am Wollen der Sportjournalisten scheitert, sondern – neben defizitären Ressourcen – auch am Nicht-Können der Medienmitarbeiter liegt.“

3. Gerichtsberichterstattung: Grottenschlecht? Thomas Fischer antwortet auf kress.de seinen Kritikern
(kress.de, Thomas Fischer)
Das Deutschlandfunkinterview mit dem meinungsstarken und für seinen kraftvollen, gelegentlich beißenden, Ton bekannten „Zeit“-Kolumnist und BGH-Richter Thomas Fischer löste bei einigen Journalisten Proteste aus. Sie fühlten ihren Berufsstand zu Unrecht angegriffen und veröffentlichten entsprechende Antwortartikel. Nun meldet sich Thomas Fischer erneut zu Wort. Wie nicht anders zu erwarten in ungeschönter Direktheit.

4. Der Hashtag #CoverTheAthlete prangert sexistische Berichterstattung über Athletinnen an.
(jetzt.de, Christina Waechter)
Die Kampagne „Cover The Athlete“ will ein Bewusstsein für Sexismus in der Sportberichterstattung schaffen und Journalisten für das Thema sensibilisieren. Schließlich würden weibliche Athleten, wie Christina Waechter berichtet, überdurchschnittlich oft von Reportern zu Dingen befragt, die mit ihrer sportlichen Leistung nichts zu tun haben: zu ihrem Privatleben oder ihrer Erscheinung. Waechter berichtet über die Kampagne, erzählt von einer Studie, die belegt, wie unterschiedlich über Sportler und Sportlerinnen berichtet wird und stellt einige Beispielfälle vor.

5. Das wichtigste Medium des US-Wutbürgertums
(sueddeutsche.de, Hubert Wetzel)
Das Propaganda-Organ „Breitbart News“ sei Donald Trumps Wahlkampf-Helfer. Nun werde der Chef der Website sein Wahlkampfleiter. Eine explosive Mischung, wie Hubert Wetzel auf „sueddeutsche.de“ findet: „Krawall und Provokation sind Teil der Strategie, mit politischen Konzepten oder Ideen setzt sich Breitbart News nicht auseinander. Die Seite ist weitaus amateurhafter und ruppiger als etwa Fox News, der konservative Fernsehsender. Auch Ironie ist Breitbart News fremd, Selbstironie sowieso. Die Autoren sind ernste Eiferer, auch wenn ihre Artikel manchmal wie Satire klingen.“

6. Heuchelei 24/7?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Am letzten Tag der Olympischen Spiele in Rio will das IOC einen eigenen globalen Fernsehkanal starten. 443 Millionen Euro hat man dafür bereitgestellt. Joachim Huber fragt im „Tagesspiegel“, was das Ganze soll: „Was wird da laufen, was soll erreicht werden? Propaganda Tag und Nacht, die Weißwaschung des Sports, der längst in der Grauzone agiert? Oder der Spagat, wie ihn ARD und ZDF Tag für Tag zelebrieren – Jubel und Jammer?“

Amadeu-Antonio-Stiftung, PR-Maschine Amaq, TV-Verjüngung

1. Klarstellung: Was sagt die Amadeu Antonio Stiftung?
(netz-gegen-nazis.de, Simone Rafael)
Die Amadeu Antonio Stiftung ist unter anderem für die Kampagnen „Kein Ort für Neonazis“ und „Mut gegen rechte Gewalt“ verantwortlich. Von ihr stammt auch die Broschüre zum Umgang mit „Hate Speech“ im Internet, die in Zusammenhang mit einer vom Justizminister einberufenen Taskforce gegen Hasskommentare steht. Die Stiftung sieht sich in der letzten Zeit verschiedenen Vorwürfen und Unterstellungen ausgesetzt und hat nun mit einer Stellungnahme reagiert.

2. Spinnen wir eigentlich alle?
(infosperber.ch, Christian Müller)
„Infosperber“-Autor Christian Müller ist aufgefallen, dass immer mehr Zeitungen und Magazine mit Psychologie-Themen aufmachen würden. Bei der von ihm abonnierten „Zeit“ ist er besonders fassungslos: „Ich habe doch eine Wochenzeitung abonniert, weil ich mich für Politik, für Wirtschaft, für Gesellschaft und Kultur interessiere. Und vor allem damit ich auch an Informationen und an Meinungen komme, die in meiner Tageszeitung keinen Platz finden. Damit ich nicht einäugig werde. Aber jetzt immer diese Psychologie. Will ich das wirklich? Spinne ich vielleicht?“

3. „Behutsam vorgehen“ – Wie britische Zeitungen über den Brexit berichteten
(de.ejo-online.eu, Caroline Lees)
Auswertungen beweisen, dass britische Medienhäuser wie „Daily Mail“ und „Telegraph“ vor dem Brexit-Referendum massiv für den Ausstieg getrommelt haben. Eine neue Analyse zeigt nun, dass die genannten Medien nach der Entscheidung der Wähler die Sache keineswegs mehr so positiv sehen. Caroline Lees vom „European Journalism Observatory“ berichtet ausführlich über die Analyse und die wichtigsten Erkenntnisse daraus.

4. „Amaq“: Seriöse Quelle oder geschickte PR?
(ndr.de, Melanie Stein & Daniel Schmidthäussler, Video, 05:03 Min.)
Die sogenannte Nachrichtenagentur „Amaq“ reklamiert Anschläge oft als Werk der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), so auch bei den Anschlägen in Würzburg und Ansbach. Doch können sich Journalisten auf diese Quelle beziehen? Oder machen sie sich damit zum Spielball der „IS“-Propaganda? Melanie Stein und Daniel Schmidthäussler haben mit einem Vertreter einer Nachrichtenagentur, einem Terrorismus-Experten und einem Journalisten darüber gesprochen.

5. Schrecklich jung
(sueddeutsche.de, Benedikt Frank)
Die ARD nennt ihren Spartensender Eins Festival künftig One und macht ihn zu ihrem jugendlichen Aushängeschild, so Benedikt Frank in seinem Beitrag über das Bemühen der Öffentlich-Rechtlichen um mehr Jugendlichkeit. Dies geschehe nur einen Monat, bevor das lange erwartete gemeinsame Internet-Jugendangebot mit dem ebenfalls gebührenfinanzierten ZDF online gehe.

6. Reden bringt Silber, Plappern bringt Gold
(zeit.de, Mely Kiyak)
Mely Kiyak über die Berichterstattung in Zeiten der Olympischen Spiele: „Schweigende Athleten passen nicht ins Olympia-Fernsehen. Große Brüste und Hirnaussetzer hingegen schon.“

Das Phantom der Burka

Manchmal gibt es gute Mittwoche. Dann spricht Heinz Buschkowsky beispielsweise darüber, warum er „aus dem Fahrrad-Club ausgetreten“ ist, oder er erzählt von der Sprengung eines alten Sendemastes. Viel öfter aber gibt es schlechte Mittwoche. Nämlich immer dann, wenn der Ex-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln in seiner „Klartext“-Kolumne bei „Bild“ über irgendwas schreibt, das mit dem Islam oder mit Muslimen oder beidem zu tun hat. Heute ist so ein schlechter Mittwoch.

Buschkowsky greift für seinen aktuellen Text die Diskussion ums „Burka-Verbot“ auf. Und schon in der Überschrift wird klar, wie er dazu steht:

Als ich den Londoner Stadtteil Whitechapel besuchte und auf dem Wochenmarkt fast ausschließlich umgeben war von Burka tragenden Frauen, versetzte es mich in eine surreale Gefühlswelt.

„Scotty, beam mich zurück!“, hätte ich am liebsten gerufen. „Hol mich zurück in die britische Hauptstadt.“ So stark war die Botschaft dieses Kleidungsstücks für mich. Genauso erging es mir immer wieder beim Anblick von Burkaträgerinnen auf den Straßen Neuköllns. Als käme einem eine andere Welt auf dem Bürgersteig entgegen.

Nun weiß ich nicht, was Buschkowsky alles in Whitechapel gesehen hat. Ich verbringe aber seit gut drei Jahren ziemlich viel Zeit in Neukölln, gar nicht weit von Heinz Buschkowskys früherem Arbeitsplatz, dem Rathaus Neukölln. In dieser Zeit ist mir keine Person in Burka begegnet. Klar, Frauen im Niqab sieht man immer mal wieder, vielleicht jeden dritten Tag eine oder zwei. Aber in einer Burka? Keine einzige in drei Jahren.

Vielleicht kennt Heinz Buschkowsky ganz andere Neuköllner Ecken als ich und begegnet andauernd Burka-Trägerinnen. Vermutlich meint er aber einfach gar nicht die Burka, sondern eben den Niqab, einen Schleier, der ebenfalls viel verhüllt, im Gegensatz zur Burka aber meist die Augen freilässt. Später in seiner Kolumne erwähnt Buschkowsky den Niqab auch noch einmal explizit. (Um das Vokabular noch etwas zu ergänzen: Der Tschador und der Hidschab sind noch mal andere Kleidungsstücke.)

Mit dem Durcheinanderwürfeln der Begriffe ist Heinz Buschkowsky nicht allein. Die „Bild“-Redaktion hat seinen Artikel zum „Burka-Verbot“ mit einer Niqab-Trägerin bebildert:

Und auch in den vergangenen Tagen wollten oder konnten die „Bild“-Medien kein Foto einer Burka-Trägerin in Deutschland auftreiben und veröffentlichen. Sie zeigen immer nur Frauen, die in einer anderen Variante verschleiert sind:


(„Bild“ vom 12. August)

(„Bild“ vom 13. August)

(Bild.de vom 14. August)

(„Bild“ vom 17. August)

Schaut man sich die derzeitige Berichterstattung zum „Burka-Verbot“ an, wird man das Gefühl nicht los, dass es nicht besonders viele Frauen hier in Deutschland gibt, die eine Burka tragen. Wenn Eric Markuse in „Bild“ kommentiert: „Die Burka gehört nicht zu Deutschland“, will man ihm am liebsten antworten: Es gibt sie hier anscheinend ja auch so gut wie gar nicht.

Natürlich darf man der Meinung sein, dass auch der Niqab problematisch ist, und nicht nur die Burka, sondern Vollverschleierung im Allgemeinen verboten werden sollte. Aber dann sollte man nicht von einem „Burka-Verbot“ sprechen, nur weil es griffiger ist als „Niqab-Verbot“ oder „Verbot der Vollverschleierung“. Es geht hierbei schließlich nicht um einen Olympiasieger aus Vietnam, den man im Boulevardstil schnell mal „Pistolen-Vietnamesen“ nennen kann. Es geht um eine Debatte, die in letzter Konsequenz bedeutet, dass einem Teil der Bevölkerung verboten wird, ein bestimmtes Kleidungsstück anzuziehen. Und bei einem derartigen Eingriff ins Privatleben dieser Leute sollte es doch möglich sein, die richtigen Vokabeln zu benutzen.

Doch so, wie die meisten Medien aktuell berichten, dürfte sich das falsche Vokabular in der Gesellschaft etablieren. „Focus Online“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt Niqab-Trägerinnen:

Die „Huffington Posts“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt Niqab-Trägerinnen:

Die „Frankfurter Rundschau“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt eine Niqab-Trägerin:

Genauso „Zeit Online“, „NWZ Online“, augsburger-allgemeine.de. Die Auswahl ist beliebig und ließe sich noch lange fortführen. Manche Redaktionen zeigen Fotos von Burka-Trägerinnen in Afghanistan. Aber ein Bild einer Frau in Burka in Deutschland hat offenbar noch keine von ihnen gefunden.

Im Fernsehen sieht es nicht besser aus. Ein Beispiel: ein Beitrag im „Sat.1-Frühstücksfernsehen“ von gestern über „Burkas in Garmisch: So reich machen Araber die Region!“ In den 4:57 Minuten sind zwar einige verschleierte Frauen zu sehen, aber keine einzige trägt eine Burka. Manche von ihnen tragen sogar lediglich einen Hidschab:

Bei meiner Suche nach Bildern von Burka-Trägerinnen in Deutschland bin ich am Ende dann doch noch fündig geworden: Bei sueddeutsche.de sind zwei Personen zu sehen, beide in einer Burka verhüllt, eine kleine Deutschlandfahne ist auch noch zu erkennen — Volltreffer. In der Bildunterschrift steht:

Wie fühlt man sich mit einer Burka? Besucher einer Ausstellung im Kunstverein Wiesbaden konnten das im Jahr 2012 ausprobieren.

Pressedilemma, Wassermangel, Rio-Grafiken

1. Kriminologen wollen Medien auf Terror-Entzug setzen
(welt.de, Christian Meier)
Christian Meier beschäftigt sich in der „Welt“ mit der Frage, wie konkret und anschaulich Medien über Attentate von Amokläufern und Terroristen berichten sollen bzw. dürfen. In einem gerade erschienenen Buch über „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus“ hätten sich Wissenschaftler für Zurückhaltung der Medien als das beste Rezept gegen weitere Gewalttaten ausgesprochen. Doch es gäbe auch ein „berechtigtes Erkenntnisinteresse der Gesellschaft“. Ein Dilemma, das sich nicht auflösen lässt, konstatiert Meier in seinem die verschiedenen Positionen abwägenden Beitrag.

2. «Wir müssen Kritik einstecken, weil wir nur Wahrheiten verbreiten»
(persoenlich.com, Michèle Widmer)
Vor einigen Tagen kam es in der Schweiz zu einem Amoklauf. Die Kantonspolizei St. Gallen musste sich danach einige Vorwürfe anhören: Zu spärliche Information, ein fehlender Twitter-Account und mangelnde Englischkenntnisse des Medienchefs. Im Interview bezieht Mediensprecher Hanspeter Krüsi Stellung zu den Vorwürfen. Angesprochen auf die vielgelobte Medienarbeit der Münchner Polizei sagt Krüsi: „Die Münchner Polizei hat einen guten Job gemacht. Allerdings haben die deutschen Kollegen über Twitter auch falsche Informationen verbreitetet. Während sie für diese Fehlleistung gelobt werden, müssen wir Kritik einstecken, weil wir nur Wahrheiten verbreiten. Meiner Ansicht nach eine verkehrte Welt.“

3. Skandalberichterstattung: Überschreitung von Normen?
(de.ejo-online.eu, Anna Carina Zappe)
„Mediated Scandals – Gründe, Genese und Folgeeffekte von medialer Skandalberichterstattung“ heißt der Sammelband, in dem grundlegende Aspekte der Thematik sowie aktuelle Studien und Sichtweisen aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive vorgestellt werden. Der Band biete nicht nur für Medienwissenschaftler und -schaffende spannende Ansätze, sondern sei auch für Mediennutzer allgemein interessant, so Anna Carina Zappe in ihrer Buchvorstellung.

4. Wie wäre es mit Pokémon Go für Journalisten?
(faz.net, Adrian Lobe)
Adrian Lobe hat sich einen neuen Dienst angeschaut, der lokale Berichterstattung mit Echtzeitelementen kombiniert. „Bloom“ heißt das Ganze und wird als Plugin für Verlage angeboten. Dabei ist nicht mehr die Titelseite einer gedruckten Zeitung der Ausgangspunkt, sondern eine Karte mit Verknüpfungen. Daher auch die Umschreibung der Anwendung als „Pokémon Go für Journalismus“.

5. Stellungnahme zur Kritik am Tagesthemen-Beitrag vom 14.08.2016
(blog.br.de, Susanne Glass & Markus Rosch)
In der Tagesschau und den Tagesthemen vom 14.8.2016 wurde ein Beitrag zum Thema Wassermangel im Westjordanland ausgestrahlt. Die Wasserversorgung in den palästinensischen Gebieten ist ein umstrittenes Thema und so erntete der Beitrag viel Kritik. Das ARD-Studio Tel Aviv greift die Vorwürfe auf und bezieht Stellung.

6. Das sind die 6 großartigsten Grafiken zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
Mit Datenvisualisierung lassen sich tolle Dinge umsetzen. Frederic Huwendiek hat die nationalen und internationalen Medien durchgescannt und stellt einige gelungene Grafiken zum Thema Olympische Spiele vor.

„Bild“ schon wieder am Grab von Andreas L.

Als Andreas L., der Co-Pilot des „Germanwings“-Flugs 4U9525, vor etwas mehr als einem Jahr beerdigt wurde, hatten die „Bild“-Redaktionen im Vorfeld glücklicherweise nichts davon mitbekommen. So konnten ihre Fotografen nicht mit Teleobjektiven auf dem Friedhof von Montabaur lauern, und ihre Reporter nicht schmierige Zeilen über die Trauergäste verfassen.

„Bild“ und Bild.de berichteten aber trotzdem, einige Tage später, und zeigten in Großaufnahmen das Grab von Andreas L. Damals gab es das volle Bilder-Programm: das Holzkreuz aus verschiedenen Perspektiven, die Blumen und Trauerkränze der Angehörigen, den Grabschmuck der Freundin, ihre Abschiedsworte.

Gestern veröffentlichten „Bild“ und Bild.de erneut einen Bericht über das Grab von Andreas L.:


Der einzige Grund für die neuen, großen Berichte: Das Holzkreuz wurde inzwischen durch eine Granitsäule ersetzt.

Neun Monate nach seiner heimlichen Beisetzung auf dem Friedhof in Montabaur, unweit des Segelflugplatzes, auf dem L[.] seine Leidenschaft fürs Fliegen entdeckte, wurde inzwischen das einfache Holzkreuz („Andy“) durch die Grabsäule ersetzt.

Wieder gibt es große Fotos vom Grab, außerdem eine Nahaufnahme einer „runden Plakette“, auf der eine persönliche handschriftliche Widmung zu lesen ist, vermutlich von der Mutter von Andreas L. Im Text kommt eine Frau zu Wort, die bei dem Absturz zwei Angehörige verloren hat. Sie ist auch die Zitatgeberin für die Überschrift bei Bild.de („Für mich als Angehörige der Opfer ist das sehr verletzend …“). Dass sie über das Grab ebenfalls sagt: „Für die Eltern von L[.] verständlich“, erfährt man erst im Artikel. Dort wird auch noch ein Anwalt zitiert, der mehrere Opfer-Familien vertritt und analysiert, dass durch die neue Grabsäule die „Ich-Bezogenheit“ von Andreas L. „über seinen Tod hinaus in Stein gemeißelt“ bleibe. Und dazu erinnern die beiden „Bild“-Autoren noch einmal mit deutlichen Worten daran, wer dort überhaupt begraben liegt:

Wir sehen das Grab von Todes-Pilot Andreas L[.] Das Andenken an einen Massenmörder!

Die „Bild“-Medien nutzen weiterhin jede noch so kleine Gelegenheit, um die Tat von Andreas L. aufs Neue aufrollen zu können, mit all den Beteiligten — Täter, Opfer, den Angehörigen beider Seiten. Ob es sich dabei um ansatzweise relevante Informationen handelt, spielt schon lange keine Rolle mehr.

Springerbeschwerde, Olympia-Peinlichkeiten, AfD-Hass-Klima

1. Fall Kachelmann: Springer streitet weiter
(evangelisch.de)
Der Rechtsstreit zwischen dem Wettermoderator Jörg Kachelmann und dem Medienkonzern Axel Springer geht weiter. Nach Informationen des Evangelischen Pressediensts (epd) legte der Konzern gegen das Urteil des OLG Köln Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof ein. Der Springer-Sprecher begründet dies mit der schädlichen Wirkung von Strafzahlungen: „Dies würde eine einschüchternde Wirkung auf die freie Presse haben.“

2. Can Dündar tritt zurück
(faz.net)
Der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“, Can Dündar, ist von seinem Posten zurückgetreten und bleibt vorerst in Europa. Vertrauen in die türkische Justiz hat er nicht mehr. Wer kann es ihm verdenken: Dündar und der Hauptstadtbüroleiter der „Cumhuriyet“, Erdem Gül, waren im Mai zu fünf Jahren und zehn Monaten beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt worden. Drei Monate saß er in Untersuchungshaft.

3. Stimmungslos
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Bei Gregor Keuschnig mag keine rechte Olympia-Stimmung aufkommen, was an den Fernsehmoderatoren und der medialen Inszenierung liege: „Wie man sich bei ARD und ZDF den medienkompatiblen Sportler vorstellt, konnte man am Sonntag bei einer Schaltung zum »Deutschen Haus« sehen. Elf Medaillengewinner saßen da nebeneinander und nun wollte der Reporter von jedem wissen, wie sie gefeiert haben, was es zu trinken gab, wie die Nachtruhe war, usw. Die Szenerie war an Peinlichkeit kaum zu überbieten; die Sportler, noch gezeichnet von den Feiern, als Pönitenten. Und dann wundert man sich, wenn keine Olympia-Stimmung vor dem Fernseher aufkommt.“

4. „Unterschichtenorientierte Medienberichterstattung über Straftaten“
(deutschlandfunk.de, Karin Beindorff)
„Zeit“-Kolumnist und Vorsitzender BGH-Richter Thomas Fischer im Interview mit dem „Deutschlandfunk“. Es geht unter anderem um Vorurteile und Vorverurteilungen in Strafrechtsprozessen. Diese seien darauf zurückzuführen, dass in den Medien oft sehr unwissend über solche Themen berichtet werde. Aber auch die Justiz tue das ihre dazu, weil sie sich abschotte. Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, wehrt sich im Gespräch mit „kress.de“ gegen die Kritik des Karlsruher Richters.

5. Stellungnahme der DW zu Anschuldigungen gegen Korrespondent Juri Rescheto
(dw.com)
Der Moskau-Korrespondent der „Deutschen Welle“ Juri Rescheto hat auf Einladung des Verbands der Auslandspresse in Moskau eine Reise auf die Krim unternommen. Nachdem in den sozialen Medien Kritik aufkam, bei der es auch um ein von Rescheto gegebenes Interview für „Russia Today“ und die Verwendung von Hashtags geht, hat die „Deutsche Welle“ nun eine Stellungnahme veröffentlicht.

6. „Sehr hässliche Hassmails“
(sueddeutsche.de, Martina Scherf)
Der Physiker Harald Lesch hat sich mit den Aussagen des AfD-Programms zum Klimawandel beschäftigt und in einem zehnminütigen Video die Dinge richtiggestellt. Darauf folgten wütende Kommentare von Klimawandelleugnern und AfD-Anhängern, aber auch von der Gegenseite. Nun ließ er ein „Terra X“-Video über die „Psychologie hinter Hass“ folgen.

„Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern

Heute ist das neue Buch von Rainer Wendt erschienen. Es heißt „Deutschland schafft sich ab“ „Deutschland in Gefahr“. Und es wird von „Bild“ und Bild.de ordentlich beworben:


Hauptberuflich ist Rainer Wendt Talkshowgast. Das lässt sich nämlich besonders gut mit seiner Nebentätigkeit als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ (eine von mehreren Polizeigewerkschaften in Deutschland) verbinden. In dieser Rolle fordert er immer wieder strikte Law-and-Order-Maßnahmen: Wenn Wendt so vor sich hindampfplaudert, bringt er schon mal „einen Zaun entlang der deutschen Grenze“ ins Spiel oder „strenge Leibesvisitationen“ beim Einlass ins Fußballstadion.

Jetzt also ein ganzes Buch mit lauter Wendt’schen Vorschlägen. Und damit das auch so richtig durch die Decke geht, veröffentlichen die „Bild“-Medien Auszüge daraus — riesige Ankündigung auf der heutigen Titelseite inklusive.

Gemessen an der Abrechnungsankündigung ist der Text relativ zurückhaltend. Neben ziemlich inhaltsleeren („Ist schon irgendwie recht spät, aber immerhin.“) und etwas verqueren Sätzen („Beschäftigte des Rechtsstaates, die in ausreichender Zahl vorhanden, respektiert und abgesichert und vernünftig bezahlt und versorgt werden müssen.“) sticht ein Gedanke von Rainer Wendt besonders raus:

Selbstverständlich sind Tunesien, Marokko und Algerien sichere Herkunftsländer — es sind deutsche Urlaubsländer!

Was auch immer „deutsche Urlaubsländer“ sein mögen — daran sollte sich die Politik laut Rainer Wendt, immerhin Vertreter von 94.000 Polizisten in Deutschland, also orientieren: „Waren da schon mal Deutsche im Urlaub? Na dann, sicheres Herkunftsland!“ Für den Südsudan oder Somalia werden sich doch bestimmt auch noch ein paar abenteuerlustige deutsche Rucksacktouristen aus den vergangenen Jahren finden lassen.

Aber selbst wenn man bei den Ländern bleibt, die Wendt in seinem Text nennt: Was haben Urlaubsstatistiken und gut besuchte Edel-Wellness-Spa-Ressorts mit Menschenrechten oder der Sicherheitslage der Einheimischen zu tun?

Und dazu sind vor allem Algerien und Tunesien in Teilen aktuell alles andere als empfehlenswerte Urlaubsziele. Zu Algerien hat das „Auswärtige Amt“ beispielsweise eine Teilreisewarnung herausgegeben:

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Region und anhaltender Drohungen von terroristischen Gruppen wird bei Reisen nach Algerien zu erhöhter Vorsicht geraten.

Es besteht weiterhin die Gefahr von Entführungen und Attentaten durch terroristische Gruppierungen, die sich auch gegen westliche Ausländer richten können.

Und zu Tunesien schreibt es:

Die tunesische Regierung unternimmt weiterhin umfangreiche Anstrengungen, um Touristen vor dem Risiko terroristischer Anschläge zu schützen. Das Auswärtige Amt rät jedoch angesichts der weiter bestehenden terroristischen Gefährdung zu erhöhter Aufmerksamkeit, insbesondere in der Nähe touristischer Anziehungspunkte und religiöser Kultstätten sowie an symbolträchtigen Daten

Wo wäre Rainer Wendt mit seinen Parolen besser aufgehoben als bei „Bild“ und Bild.de? Die Werbekampagne ist übrigens als Serie angelegt — morgen geht’s in den „Bild“-Medien weiter mit Teil 2.

Bild.de und die offizielle Nominierung für den Friedensnobelpreis

Ein wichtiger Punkt vorweg: Es soll in diesem Beitrag nicht um eine Bewertung der Arbeit der sogenannten „White Helmets“ gehen, einer Organisation, die sich selbst „Syria Civil Defence“ nennt und im grauenvollen und elendigen Konflikt in Syrien nach verwundeten und verschütteten Menschen sucht und diesen hilft. Nach eigenen Angaben haben die „White Helmets“ bereits über 56.000 Menschen vor dem Tod gerettet.

Es soll auch nicht um die Frage gehen, ob die „White Helmets“ für ihren enormen Einsatz einen Friedensnobelpreis verdient haben, sondern um die Unfähigkeit von Bild.de, ordentlich zu informieren.

Am vergangenen Dienstag veröffentlichte das Portal diesen Artikel ganz groß ganz oben auf der Startseite:

Darin auch folgende Passage:

Die Retter der syrischen Zivilverteidigung, die sogenannten „White Helmets“, rücken täglich in den von Rebellen gehaltenen Gebieten Syriens aus. Mission: Denen zu helfen, die durch die Luftangriffe Assads und Putins oder durch Raketen und Autobomben von ISIS verletzt wurden.

Darum sind sie für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert. Die Entscheidung, ob sie die hohe Auszeichnung bekommen, gibt es am 9. Oktober 2016.

Nun ist das mit Medienberichten über Nominierungen für den Friedensnobelpreis so eine Sache. Daher erstmal ganz grundsätzlich zum Nominierungsprozess: Die Gruppe der Personen, die Vorschläge einsenden darf, ist vom „Norwegischen Nobel-Institut“ recht klar abgesteckt. Das erklärt Olav Njølstad, der Direktor des Instituts, in einem „Questions and Answers about the Nomination Process for a Nobel Peace Prize“:

Who can nominate?
Nominations for the Nobel Peace Prize requires no invitation. Eligible nominators are university rectors or chancellors, professors of political and social science, history, philosophy, law and theology; leaders of peace research institutes and institutes of foreign affairs; members of national assemblies, governments, and international courts of law; previous Nobel Peace Prize Laureates; board members of organizations and institutions that have received the Nobel Peace Prize; present and past members of the Norwegian Nobel Committee; and former advisers of the Norwegian Nobel Institute.

Für den diesjährigen Friedensnobelpreis sind 376 vorgeschlagene Kandidaten zusammengekommen (228 Einzelpersonen und 148 Organisationen) — so viele wie noch nie. Das „Norwegische Nobel-Institut“ veröffentlicht direkt vor der Verleihung allerdings keine offizielle Liste, wer alles nominiert ist. Nie:

Is there a list of all of the nominees for this year’s Nobel Peace Prize?
Contrary to common belief, there is no public list of the current year’s nominees. The complete list of eligible nominees of any year’s prizes is not disclosed for another 50 years — a restriction as governed by the Nobel statutes since 1901.

Vom zuständigen Institut gibt es also keine Mitteilung, die die Aussage von Bild.de-Autor Julian Röpcke, dass die „White Helmets“ nominiert seien, offiziell bestätigt. Nicht einmal die Nominierten selbst erfahren vom „Norwegischen Nobel-Institut“ vorab von ihrer Nominierung. Lediglich die Person, die den Vorschlag eingeschickt hat, könnte die Information weitergeben:

Do you share any information about who is nominated for the Peace Prize this year?
No. In fact, none of the Nobel Committees do announce the names of nominees, neither to the media nor to the candidates themselves. In so far as certain names crop up in the advance speculations of potential nominees or candidates — it’s either sheer guesswork or information put out by the person or persons behind a nomination.

All diese Aussagen von Njølstad sind ziemlich eindeutig. Sicherheitshalber haben wir trotzdem in Oslo angerufen und nachgefragt, ob es nicht sein könne, dass die „White Helmets“ von einer möglichen Nominierung offiziell erfahren haben. Es sei alles so wie immer, sagte man uns: keine offiziellen Informationen an oder über die Nominierten, keine Aussage zu den „White Helmets“. Man kenne die Vorberichte vieler Medien und wundere sich immer wieder darüber. Und man appelliere jedes Mal an die Personen, die Vorschläge einschicken, dies nicht weiterzuerzählen, doch manchmal bringe das eben nichts.

Dass das „Norwegische Nobel-Institut“ kein besonders großes Interesse an einer Veröffentlichung der Nominierten hat, dürfte unter anderem auch daran liegen, dass eine Nominierung für den Friedensnobelpreis noch nicht viel aussagt, wie Direktor Olav Njølstad erklärt:

What does it mean to be nominated for a Nobel Peace Prize?
Any person or organization can be nominated by anyone eligible to nominate. The Norwegian Nobel Committee has no say in submissions that arrives according to the criteria, strictly in who is actually awarded the prize in October. To simply be nominated is therefore not an endorsement or extended honour to imply affiliation with the Nobel Peace Prize or its related institutions.

Theoretisch könnte also zum Beispiel auch Simbabwes Präsident Robert Mugabe Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann und Bild.de-Chef Julian Reichelt für ihre Werbekampagne „Wir helfen“ nominieren. Über die Qualität von Diekmanns und Reichelts Arbeit sagt das aber erstmal überhaupt nichts aus.

Es ist gut möglich, dass jemand, der dazu berechtigt ist, die „White Helmets“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat (auf einer extra eingerichteten Website zählt die Organisation jedenfalls eine Reihe „nominators“ auf, von denen einige nominierungsberechtigt sein dürften). Dass das aber erstmal nichts bedeutet, außer dass jemand sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, erklärt Julian Röpcke seinen Lesern nicht. Im Gegenteil: Er verkauft es in seiner Bild.de-Aufmacherstory als ein Qualitätsmerkmal, das es schlicht nicht ist.

Und auch die Sache mit der offiziellen Bestätigung einer Nominierung scheint er nicht so recht verstanden zu haben:

Das hat Röpcke vor fünf Tagen angekündigt. Überraschung: Bis heute gab es keine „offizielle, verbindliche Bekanntgabe“.

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