Deutungsmonopol, Frohsinn, Prinzessinnenreporter

1. „Ärger mit der ‘Lügenpresse'“
(nzz.ch, Heribert Seifert)
Wie deutsche Journalisten über das Bündnis Pegida schreiben: „Die Aufklärer, die hier auftreten, reden im Gestus strenger Kolonialoffiziere, die ihren noch immer nicht diskurshygienisch stubenreinen Eingeborenen die Leviten lesen, aber auf keinen Fall zuhören wollen. ‘Die Ansage muss lauten: ‘Jetzt hört ihr mal zu. Und zwar richtig.“ (‘Süddeutsche Zeitung’) Das argumentative Inventar, mit dem hier ein Deutungsmonopol verteidigt wird, ist mit seinem phrasenhaft erstarrten, abstrakten moralischen Universalismus nicht nur bemerkenswert ausgezehrt, sondern zeigt gelegentlich Züge unfreiwilliger Komik. “

2. „Die Frohsinns-Lawine“
(haz.de, Imre Grimm)
Imre Grimm „gönnt Düsseldorf jeden Moment des Frohsinns. Aber ist es notwendig, weite Teile des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms über Wochen mit lokalem Brauchtum zu fluten? Brauchtum auf dem Niveau einer Après-Ski-Party in Saalbach-Hinterglemm?“

3. „Eine Hand hypt die andere“
(comiksdebris.blogspot.de, Marc-Oliver Frisch)
Marc-Oliver Frisch widmet sich Interessenskonflikten in der Berichterstattung über Comics: „Die Entscheidung eines FAZ-Redakteurs, ausgerechnet einen Comic in die Zeitung zu nehmen, an dessen Veröffentlichung er selbst beteiligt ist, wirkt unglücklich, selbst wenn man allen Beteiligten nur die besten Absichten unterstellt. (…) Immerhin klärt Platthaus—einmal in der Besprechung selbst, einmal im Kleingedruckten—den Leser über seine Verstrickung auf. Auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit.“

4. „Why I have resigned from the Telegraph“
(opendemocracy.net, Peter Oborne, englisch)
In einem langen Artikel erzählt Peter Oborne, warum er beim „Telegraph“ gekündigt hat: „If advertising priorities are allowed to determine editorial judgments, how can readers continue to feel this trust? The Telegraph’s recent coverage of HSBC amounts to a form of fraud on its readers. It has been placing what it perceives to be the interests of a major international bank above its duty to bring the news to Telegraph readers.“

5. „Europäischer Polizeikongress: Wir würden ja gerne über die Überwachungsmesse berichten, dürfen aber nicht“
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Wie es Andre Meister ergeht, als er sich für Netzpolitik.org beim Europäischen Polizeikongress akkreditieren möchte.

6. „Prinzessinenreporter – Wo Prinzessinnen berichten“
(prinzessinnenreporter.de)

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Bild  

Irgendwas vielleicht mit Hitler

Auf die Leute von „Bild“ ist eben Verlass. Du schickst sie los, um über die unterirdischen Gänge in München zu schreiben, und womit kommen sie zurück? Mit einem Artikel über Hitlers Badewanne.

Gefunden haben die Reporter das Teil im Keller der Hochschule für Musik und Theater in München:

Sie wurde zwischen 1933 und 1937 im ehemaligen „Führerbau“ eingebaut, in das Dienstbad des Diktators.

Dort hat er sich nach Aussage eines Münchner Historikers zwar nur „äußerst selten“ aufgehalten, darum gibt sich „Bild“ auf die Frage, ob sich Hitler „am Feierabend hier bei einem Schaumbad“ entspannte, die Antwort gleich selbst:

Höchstwahrscheinlich nicht.

Aber egal. Hauptsache Hitler.

Und wie ging’s weiter mit der Wanne?

1948 zog das Amerika-Haus ein. Das Bad kam raus, die Wanne wurde in die Wohnung des Hausmeisters im ersten Untergeschoss eingebaut. 1957 bezog die Musikhochschule die Räume. In den 70er Jahren bekam der neue Hausmeister ein neues Bad. Seither steht die Wanne im Keller, wurde nie mehr benutzt.

Ein „rechteckiges Stück Geschichte — direkt aus Adolf Hitlers Büro-Badezimmer!“ Und exklusiv hinein in die „Bild“-Zeitung.

Blöderweise liefert das Blatt für all diese Behauptungen keinerlei Belege. Weder Zitate von Experten noch handfeste Spuren oder Beweise, nicht mal die Quelle ihrer Informationen verraten die Autoren.

Wir haben deshalb mal bei der Hochschule nachgefragt, woher „Bild“ das alles eigentlich wissen will. Der Kanzler antwortete uns:

Die Meldung ist aufgrund einer nicht autorisierten Auskunft unseres Hausmeisters erschienen. Bild hatte einen Bericht über unterirdische Gänge in München bringen wollen. Dabei sahen die Reporter die Badewanne im Keller und haben nachgefragt. Ob die Badewanne wirklich aus Hitlers Badezimmer stammt, wissen wir nicht. Ich wehre mich deshalb stets gegen Spekulationen. Leider war Bild nicht bereit, auf die Meldung zu verzichten.

Im Gegenteil: „Bild“ machte aus der ranzigen Badewanne, in der möglicherweise Hitler höchstwahrscheinlich nicht gebadet hat, eine fast ganzseitige Geschichte. Drei „Bild“-Mitarbeiter haben daran gesessen, zwei Autoren und ein Fotograf. „Bild“ holt eben „alles für Sie raus“, zur Not halt irgendwas vielleicht mit Hitler.

Mit Dank an Peter B.!

Süddeutsche Zeitung, Recht auf Vergessenwerden, Til Schweiger

1. „‘Süddeutsche Zeitung’ wehrt sich gegen ‘SZ-Leaks': Berichterstattung keine ‘Schleichwerbung für Steuerhinterziehung'“
(newsroom.de, Bülend Ürük)
Wolfgang Krach, stv. Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, nimmt Stellung zur Arbeitsweise der Sonderthemen-Redaktion, wie sie Sebastian Heiser aufgedeckt hat: „Warum entstehen Beilagen, warum veröffentlichen wir Sonderseiten? Es ist wie bei jeder anderen Zeitung in Deutschland, die Anzeigenabteilung kommt auf die Redaktion zu und schlägt ein Thema vor. Was wir dann journalistisch daraus machen, welche Themen in diesen Beilagen gesetzt werden, das entscheidet die Redaktion.“ Siehe dazu auch „Gute Frage“ (heisersstimme.wordpress.com).

2. „Habe ich ‘über angebliche Verstöße nicht informiert’?“
(heisersstimme.wordpress.com)
Weiter sagt Wolfgang Krach, Sebastian Heiser habe die Ressortleitung nicht informiert „über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze“. Heiser belegt mit Tondokumenten das Gegenteil.

3. „Diekmann twittert Adresse von Herbert Grönemeyer“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann twittert ein Foto eines Schreibens des Landgerichts Köln, auf dem die Privatadresse von Herbert Grönemeyer zu lesen ist. Thomas Lückerath schreibt: „Seine Behauptung, wonach der Beschluss des Landgerichts ja öffentlich sei und sein Tweet demnach also nur schlechter Stil, nicht aber unlauter gewesen sei, ist irreführend: Die Adressen der beteiligten Parteien werden vor Herausgabe von Beschlüssen von den Gerichten geschwärzt. Nach der eigenwilligen Logik des Kai Diekmann wären bei einer juristischen Auseinandersetzung Prominente sonst zwangsläufig zum Umzug gezwungen.“

4. „Vergessene Debatte ums Recht auf Vergessen“
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler bemerkt, dass die Debatte um das Recht auf Vergessenwerden von den Medien kaum noch geführt wird: „Das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen und sich den Augen des interessierten Publikums zu entziehen, ist jedenfalls riesig. Seit dem genannten Gerichtsurteil hat Google fast 218 000 Gesuche um die Löschung von Links zu 786 000 Webseiten erhalten.“

5. „‘Freiheit birgt auch Verantwortung'“
(taz.de, Cigdem Akyol)
Ein Interview mit Jana Sinram, der Autorin der Dissertation „Pressefreiheit oder Fremdenfeindlichkeit? Der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die dänische Einwanderungspolitik“, die ohne den Abdruck der Mohammed-Karikaturen auskommt: „Ich habe lange darüber nachgedacht und mich letztlich dagegen entschieden. Jeder, der diese sehen will, kann sie problemlos im Netz finden. Die Karikaturen haben für so viel Hass auf beiden Seiten gesorgt, dass es schwierig ist, sie in einem wissenschaftlichen Buch neutral abzubilden.“

6. „Til Schweiger versus SPIEGEL ONLINE: ‘Irgendwelche Spackos'“
(spiegel.de, Christian Buß)
Christian Buß antwortet Til Schweiger, der auf Facebook fragt, wo die Qualität bleibe, wenn man versuche, „klicks dadurch zu generieren, indem man die gehässigsten twitter-kommentare von irgendwelchen internetnerds, die nix anderes zu tun haben, als zu lästern und zu haten“, publiziere.

GNTM, Wissenschaft, Kopenhagen

1. „Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien: ‘Die sollten sich schämen!'“
(spiegel.de, Markus Becker und Axel Bojanowski)
Drei Wissenschaftler diskutieren über die Wissenschaft in den Medien. Ernst Peter Fischer: „Wenn Bambi-Preisverleihung ist, wird eine dreistündige Direktübertragung im Fernsehen gemacht. Die Nobelpreis-Verleihung bekommt zehn Sekunden in der Tagesschau.“

2. „Chips essen mit Heidi“
(coffeeandtv.de, Katharina)
Katharina denkt nach über „Germany’s Next Topmodel“: „Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.“

3. „Was Medien sexy finden: Oberfläche statt Tiefenschärfe“
(rolandtichy.de, Fritz Goergen)
Politikberater Fritz Goergen ist dafür, dass sowohl die Medien als auch die Politik den „trostlosen Zustand“ gegenseitiger „Skandalisierung, Personalisierung und Sensationalisierung“ überwinden: „Erst berichten die Medien allesamt fast gar nicht über politische Inhalte, sondern nur über Personen, am liebsten ihre Konflikte mit anderen oder noch besser über Skandale. Und dann werfen sie den Akteuren vor, keine inhaltlichen Akzente zu setzen. Aber über Inhalte von Nichtregierungs-Politik ohne Krach oder bunte Bilder berichten sie nicht. Also machen die langen Beine Politik, oder helfen wenigstens, eine Wahl zu gewinnen. Inhalt wird schon nachgeliefert.“

4. „The Sad State of Fact-Checking“
(austenallred.com, englisch)
Austen Allred beschäftigt sich mit dem Prüfen von Fakten in den Medien: „For every one person The Daily Mail pisses off by publishing its false stories, 100 people are reading it and saying, ‘Wow, The Daily Mail does some daring reporting.’ Very few people care anymore — we don’t have time to.“

5. „Image manipulation hits World Press Photo“
(bjp-online.com, Diane Smyth, englisch)
Die Wahl des Pressefoto des Jahres: „Twenty percent of the images in the penultimate round of World Press Photo 2015 were disqualified because they were manipulated, according to Lars Boering, managing director of the organisation – and the Sports Stories category was so badly affected that the jury were unable to award a third prize.“

6. „After this shooting, let’s fight even harder for the right to offend“
(spiked-online.com, Brendan O’Neill, englisch)
Nach den Anschlägen in Kopenhagen vom letzten Wochenende, die nicht nur Karikaturisten gegolten habe, sondern vielmehr engagierten Normalbürgern, die über Meinungsfreiheit diskutieren haben wollen, plädiert Brendan O’Neill für das Recht, Leute vor den Kopf zu stoßen: „How should we respond to this physical assault on a debate about free speech? By having more debates about it, in more places, more regularly, engaging more people, as many people as possible.“ Siehe dazu auch „The right to free speech means nothing without the right to offend“ (theguardian.com, Jodie Ginsberg, englisch).

Sonderthemen, Netflix, Michael Jordan

1. „SZ-Leaks: Schleichwerbung für Steuerhinterziehung“
(heisersstimme.wordpress.com)
„Taz“-Mitarbeiter Sebastian Heiser berichtet von seiner Zeit bei der „Süddeutschen Zeitung“, als er als Angestellter der Sonderthemen-Redaktion Seiten wie „Derivate & Zertifikate“ oder „Wein aus Österreich“ füllen musste – und belegt seine Bestandesaufnahme mit aufgezeichneten Gesprächen: „Ich finde meine Arbeit abstoßend und amoralisch. Und ich bin unglaublich wütend auf die Süddeutsche Zeitung, dass sie mir mein Idealbild vom Journalismus zerstört hat. Und dass sie ihre Leser betrügt und verkauft.“

2. „Warum Netflix weder 140’000 noch 180’000 Nutzer in der Schweiz hat“
(nzz.ch, Henning Steier)
Wie viele Nutzer hat Netflix in der Schweiz? „Alles, was man dazu liest, sind Hochrechnungen von Unternehmen, Marktforschern oder Medien, die sich profilieren möchten.“

3. „‘Leserjournalismus': Als die Krone mein Fahrrad-Juxvideo klaute“
(blog.datenschmutz.net, Ritchie Blogfried Pettauer)
Krone.at verwertet einen Beitrag vom 25. Oktober 2014: „Die Redakteure der Online-Krone benutzen offenbar ein Video-Downloader Plugin und bedienten sich maximal unverschämt an meinen Inhalten. Nicht nur, dass als Quelle für Foto und Video frech Facebook / Facebook angegeben wird, nein, die schalten auch noch eiskalt einen Preroll-Werbeclip vor ihr gestohlenes Video.“

4. „David Carr is dead.“
(fusion.net, Alexis C. Madrigal, englisch)
„You made us all better“, notiert Alexis C. Madrigal über den letzte Woche verstorbenen Medienjournalisten David Carr: „David Carr was a bad motherfucker. Tough, tough. Feared nobody, pulled no punches. Called billionaires on their shit. In a field of cowardice, he was a statue of honor, even heroism.“

5. „Wie denken unsere Talkshow-Redakteure? Das Islambild in deutschen Medien“
(br.de, Audio, 59:49 Minuten)
Eren Güvercin geht in einem Radiofeature der Frage nach, wie Muslime in Deutschland von den Medien dargestellt werden.

6. „Meet the Michael Jordans of Everything“
(wsj.com, Ben Cohen und Tom McGinty, englisch)

Pressefreiheit, David Carr, Verschlüsselung

1. „Rangliste der Pressefreiheit 2015 veröffentlicht“
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die „Rangliste der Pressefreiheit 2015″ (PDF-Datei) wird angeführt von Finnland, Norwegen und Dänemark. Österreich belegt Platz 7, Deutschland Platz 12, die Schweiz Platz 20. Die Länder mit der kleinsten Pressefreiheit bleiben wie im Vorjahr Eritrea, Nordkorea, Turkmenistan und Syrien.

2. „Reisen & Reportagen: Die Unentbehrlichen“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Dank „Navi, Handy, Digitalkamera und Wikipedia“ kann Torsten Dewi Reportagen heute leichter erstellen als früher. So schaffte er es, 2014 für die Zeitschrift „Liebes Land“ über 50 Reportagen zu „machen“.

3. „Open Access? Veröffentlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit“
(derstandard.at, Klaus Taschwer)
Wie Verlage an der Kommunikation von steuerfinanzierten Forschungsergebnissen verdienen: „Die Wissenschaft zahlt jährlich etliche Milliarden an einige Großverlage, um die von der Öffentlichkeit ko-finanzierten Erkenntnisse innerhalb der Scientific Community zirkulieren zu lassen. Damit diese Erkenntnisse an die Öffentlichkeit gelangen, wird zwar mittlerweile jede Menge Geld in PR gesteckt. Die eigentliche Aufbereitung für die Öffentlichkeit passiert dann aber in aller Regel durch Journalisten in Medien, die meist nichts dafür kriegen und durch Leser und Werbung hauptfinanziert sind.“

4. „David Carr, Times Critic and Champion of Media, Dies at 58″
(nytimes.com, Bruce Weber und Ashley Southall, englisch)
Journalist David Carr stirbt im Newsroom der „New York Times“.

5. „‘Sie wollen das letzte Geheimnis'“
(taz.de, Jérémie Zimmermann)
Jérémie Zimmermann beschreibt den Angriff auf Verschlüsselungstechniken durch die Politik und fragt: „Soll der Staat die letzte Kontrolle über seine Bürger haben? Oder muss es nicht der Bürger sein, der Schutz vor seinem Staat genießt? Dann müsste es in einem freiheitlichen Europa gerade umgekehrt das Anliegen einer liberalen Sicherheitspolitik sein, die Entwicklung dieser Räume zu fördern: mit finanziellen Impulsen, staatlichen Förderprogrammen, gesetzlichen Schutzräumen.“

6. „Mein ICQ-Protokoll aus dem Jahr 2000: Die schrägen Tage im Netz von damals“
(t3n.de, Martin Weigert)
Martin Weigert stöbert in eigenen Chat-Protokollen aus dem Jahr 2000.

IS, Newsquest, Intellektuelle

1. „Terrorbilder im Netz: Teile und herrsche“
(krautreporter.de, Friedemann Karig)
Vermehrt erreichen Terrorbilder die Menschen an den etablierten Medien vorbei: „Bekennerschreiben und wacklige Videos, an Redaktionen gespielt und in den Nachrichten kommentiert, waren gestern. Die Zukunft des Terrors ist nicht nur immer bildlicher, immer brutaler, sondern auch immer gleichzeitiger.“

2. „Perfide Propaganda: Geisel als IS-Reporter“
(ndr.de, Video, 5:55 Minuten)
Kriegsreporter John Cantlie wurde vom IS in Syrien entführt. Inzwischen tritt er auf als Reporter in Propagandavideos der Terrororganisation. „Ein Freund und Kollege von John Cantlie sagte dazu gegenüber ZAPP, die Geisel hätte sicher keine Wahl, es sei ‘eine Überlebensstrategie’, in den Propaganda-Videos mitzuspielen, um nicht getötet zu werden.“

3. „Lügenpresse“
(taz.de, Georg Seesslen)
Georg Seesslen notiert, wie ein ehrenwerter, ein nicht so ehrenwerter und ein ehrloser Journalist eine Erzählung kreieren.

4. „#storywars oder Das Problem mit dem Journalismus auf den Punkt gebracht“
(danielbroeckerhoff.de)
Daniel Bröckerhoff erinnert daran, dass Journalisten „auch nur Menschen“ sind: „Journalisten müssen begreifen, dass nur transparentes und offenes Arbeiten Vertrauen herstellen kann. Und Rezipienten müssen verstehen, dass es ‘Die Wahrheit’ nicht gibt, dass Journalismus Wirklichkeitskonstruktion ist, weil wir immer verdichten, filtern, zuspitzen müssen, um eine Geschichte zu erzählen.“

5. „Newspaper group charges students £120 for chance of a by-line“
(nuj.org.uk, englisch)
„Newsquest, the UK’s third largest publisher of local and regional newspapers, is charging students £120 for the chance of having their work published in one of its titles“, berichtet die britische National Union of Journalists. Die Studenten sollen während acht Monaten als Journalisten arbeiten und in dieser Zeit acht Artikel veröffentlichen: „The university or college is expected to pay £100 and the student a £20 registration fee to take part.“

6. „Der arme Intellektuelle“
(faz.net, Jan Grossarth)
Jan Grossarth denkt nach über den Intellektuellen und sein Einkommen: „Mancher hat sich eine Existenz mit dem Verlegen eigener E-Books für jeweils 99 Cent aufgebaut. Als Redner sind freie Denker auch in Wirtschaftsunternehmen willkommen, sie treten immer gleich nach dem Streichorchester auf und bekommen eine ordentliche Gage. Sie dürfen hier durchaus etwas verrückt aussehen und provozieren, werden mit wohlwollendem Applaus verabschiedet, müssen sich dafür aber von anderen Intellektuellen als ‘Mietesel’ beschimpfen lassen.“

Bild  

Und nun zur Hetzervorhersage

„Bild“ klopft sich heute mal (wieder) kräftig auf die eigene Schulter:

Seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland hat BILD immer wieder prophezeit, dass alle EU-Milliarden nicht reichen werden, um das Land aufzupäppeln. BILD hat auch gewarnt, dass am Ende Deutschland dafür bezahlen wird! Und ist dafür heftig kritisiert worden! Zu Unrecht

Darum hat die Zeitung sich und ihren hellseherischen Kommentatoren heute ein trotziges Denkmal gesetzt und auf einer Sonder-Doppelseite all die Prophezeihungen noch einmal abgedruckt:

Manchmal ist es bitter, recht zu behalten!

Seit Januar 2010 hat BILD immer wieder prophezeit, dass Griechenland mit Euro-Milliarden aus den Steuerkassen der anderen EU-Staaten nicht wieder auf die Beine kommt. Und davor gewarnt, dass am Ende die deutschen Steuerzahler die Zeche zahlen – 63,5 Milliarden Euro sind jetzt im Risiko.

Immer und immer wieder hat BILD diese Meinung vertreten. Obwohl (fast) alle unsere Politiker es nicht wahrhaben wollten. Oder BILD für die klare, knallharte Haltung sogar heftig kritisierten.

Und jetzt?

Das Sanierungskonzept ist gescheitert, die neue griechische Regierung bricht alle Sparzusagen. Warum hat das nur niemand geglaubt, 2010, als BILD in einem ersten Kommentar („… und wir sollen zahlen“) die Griechen zum eisernen Sparen aufforderte?

Vielleicht wäre da noch etwas zu retten gewesen …

Wenn man das so liest, könnte man tatsächlich annehmen, die „Bild“-Zeitung habe sich um eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema bemüht, als habe sie sich lediglich getraut, unbequeme Wahrheiten anzusprechen und sei dafür — aus bloßer Ignoranz — von allen angefeindet worden. Und dass heute alles in Butter sein könnte, wenn doch nur mal jemand auf „Bild“ gehört hätte.

Das ist natürlich alles völliger Unsinn.

Die dort abgedruckten Kommentare sind nur ein winziger Ausschnitt der Griechenland-„Berichterstattung“ der „Bild“-Zeitung, und der harmloseste noch dazu. Der viel, viel größere und entscheidende Teil hat sich dagegen nicht in den Kommentaren abgespielt, sondern auf der Titelseite. In den riesigen, hämischen, krachenden Schlagzeilen, mit denen „Bild“ immer wieder über und vor allem: gegen die Griechen berichtet hat.

Und in Wirklichkeit war das, was das Blatt nun als „klare, knallharte Haltung“ zu verkaufen versucht, als „Meinung“, die bloß niemand „wahrhaben“ wollte, nichts anderes als stumpfer Hass und pauschale Hetze gegen ein ganzes Volk. Aber darauf — also auf das, was wir und andere an der Art der „Bild“-Berichterstattung eigentlich kritisiert haben –, geht die Zeitung gar nicht ein.

Diesen Kommentar zum Beispiel …

… hat sie nicht abgedruckt, vermutlich weil „Pleite-Griechen“ drin vorkommt, der Begriff, mit dem „Bild“ über Jahre hinweg sämtliche Bewohner Griechenlands stigmatisiert hat. Das passt natürlich nicht ganz so gut zum edlen Bild der konstruktiven Kritiker, ebenso wenig wie all die anderen Beschimpfungen, Lügen und Kampagnen, mit denen das Blatt unermüdlich gekämpft hat.

Erinnern wir nur mal an den „Stimmzettel“ für eine „Volksabstimmung“, den „Bild“ 2011 abdruckte und bei dem sich das „Volk“ zwischen den Optionen „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ und „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“ entscheiden sollte.

Oder an den Brief, den die „Bild“-Redaktion im März 2010 an den damaligen griechischen Ministerpräsidenten geschickt hat — Überschrift: „Ihr griecht nix von uns!“

Oder an die Aktion des damaligen Nachwuchshetzers Paul Ronzheimer, der in Athen mit Geldscheinen herumwedelte und höhnisch verkündete: „BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück!“

Oder an Schlagzeilen wie “BILD macht Bettel-Test in Athen”. Oder: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen …und die Akropolis gleich mit“.

Doch bevor wir jetzt zu sehr ins Detail gehen — hier können Sie in Ruhe all das nachlesen, was die „Bild“-Zeitung in ihrer heutigen Griechenland-Berichterstattungs-Rückschau lieber nicht erwähnt hat:

Hate-Slam, Sportreporter, Rechtsextreme

1. „Bloggen & Geld“
(dondahlmann.de)
Don Dahlmann antwortet auf die Auflistung von Blogkosten durch Mel, die er „teilweise hanebüchen“ findet. Er glaubt, es gebe im Moment nur zwei Wege, um mit seinem Blog längerfristig erfolgreich zu sein: „1. Ich nutze das Blog als mein persönliches Vermarktungsinstrument in bestimmten Nischen. 2. Ich baue ein redaktionelles Angebot auf.“

2. „Warum wir die Griechen falsch verstehen (wollen)“
(zeit.de, Axel Hansen)
Axel Hansen listet fünf Missverständnisse auf, die sich über die griechische Regierung festgesetzt haben: „1. Griechische Reeder-Millionäre zahlen keine Steuern. 2. Die Griechen sind faul und geben das Geld anderer Länder aus. 3. Tsipras’ Besuch eines Widerstandsdenkmals war eine Provokation Deutschlands. 4. ‘Was immer die Deutschen sagen, sie werden zahlen’. 5. Griechenland reformiert nicht genug.“

3. „Umblättern im Kopf – ein Besuch beim Nordbayerischen Kurier“
(operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Bei einem „Hate-Slam“ lesen Redakteure des „Nordbayerischen Kuriers“ „hasserfüllte Leserbriefe“ vor: „Als der Applaus am Mittwochabend abgeklungen war, standen Kollegen von Verlagen aus anderen Städten vor der Garderobe. Dass die Veranstaltung ganz gut funktioniert, hat sich herumgesprochen. Und wenn etwas gut funktioniert, ist das gerade genau das Richtige für Zeitungen auf der Suche nach einem Plan für die Zukunft. Das Problem ist nur: Wenn sich sonst nichts verändert, wird auch der Hate-Slam nicht funktionieren. Und eine Redaktion, die kein bisschen subversiv ist, wird selbst bei so einer Veranstaltung die Leute in den Schlaf lesen.“

4. „Die geheimen Träume der Sportreporter“
(blog.tagesanzeiger.ch/blogmag, Michèle Binswanger)
„Frauensport interessiert die Schreibenden wenig, weshalb sie glauben, es interessiere auch sonst keinen“, behauptet Michèle Binswanger über Sportreporter: „Weil sie trotzdem darüber berichten müssen, handeln sie ihn ihren eigenen Interessen gemäss ab. Das heisst, sie konzentrieren sich auf Körpermasse, Bekleidungsvorlieben, Schmink- und Diätgewohnheiten der Frauen.“

5. „To all the young journalists asking for advice….“
(fusion.net, Felix Salmon, englisch)
Felix Salmon gibt jungen Journalisten Tipps: „I’m sure that many people have told you this already, but take it from me as well: journalism is a dumb career move. If there’s something else you also love, something else you’re good at, something else which makes the world a better place — then maybe you should think about doing that instead. Even successful journalists rarely do much of the kind of high-minded stuff you probably aspire to. And enormous numbers of incredibly talented journalists find it almost impossible to make a decent living at this game.“ Siehe dazu auch „This is my best advice to young journalists“ (vox.com, Ezra Klein, englisch).

6. „‘Haha, Schrei nach Liebe'“
(krautreporter.de, Theresa Bäuerlein)
Ein Interview mit Anti-Gewalt-Coach Alex, der während zwanzig Jahren „eine bekannte Figur in der rechtsextremen Szene“ war: „Auch wenn es kein homogenes rechtsextremes Weltbild gibt: Der Antisemitismus eint sie alle. Um auch weiterhin Teil dieser Gemeinschaft bleiben zu können, habe ich mich diesen Äußerungen und Denkweisen angeschlossen. Es war für mich wichtig, mit meinen eigenen Äußerungen nicht aus dem Rahmen zu fallen. Sonst hätte man mich wahrscheinlich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, davor hatte ich Angst. Und irgendwann glaubte ich selbst auch daran, dass es wahr sein musste, was ich über die Juden hörte und las. Sonst wäre mein gesamtes Weltbild schon viel früher in sich zusammengefallen.“

„Bild“ und die Sadomaso-Sabberei

Am Donnerstag kommt „Fifty Shades of Grey“ in die Kinos, was von „Bild“ seit geraumer Zeit mit einem knisternden Artikelfeuerwerk gewürdigt wird:







Das da oben sind nur die Schlagzeilen aus den letzten sechs Tagen. Begonnen hat die Hechelei aber schon vor vielen Monaten (Liste mit Sicherheit unvollständig):

Als das Buch rauskam, präsentierte Bild.de „exklusive Auszüge“, zum Hörbuch gab es „exklusive Audioproben“, und seit die Verfilmung angekündigt wurde (SM-Sex! Auf der Leinwand! Mit Hollywood-Stars!), drehen sie in der Redaktion ohnehin völlig am Rad.

Sie fragten:

… und:

Freuten sich diebisch über …

… verkündeten enttäuscht:

… und feierten den bevorstehenden Trailer, als ginge es um die Ankunft des Heilands persönlich:

Den ersten Trailer zu „Fifty Shades of Grey“ gibt es morgen natürlich bei BILD!

Natürlich.

Und natürlich diente das Buch immer wieder als willkommener Vorwand für fesselnde Erfahrungsberichte und rattenscharfe Ratgeber:





Und selbst für solche Geschichten waren sich die „Bild“-Leute nicht zu blöd:

Der Artikel geht tatsächlich bis 50 („Lichtgrau“) weiter. Und endet danach ohne weitere Erklärung.

Jedenfalls — gestern kam dann endlich der Höhepunkt der Sabbersause:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Das Foto stammt jedoch nicht aus dem Film, denn von den so gierig ersehnten Nacktszenen sind bisher noch keine veröffentlicht worden. Nein, um die Notgeilheit ihrer Leser und Macher endlich zu befriedigen, musste die „Bild“-Zeitung in ihre Trickkiste greifen:

In medialem Sadismus waren sie eben schon immer Experten.

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