Trauerspiel

Die Bundesligafußballer von Bayer Leverkusen stecken momentan mitten in der Saisonvorbereitung. Vergangene Woche musste Abwehrspieler Ömer Toprak im Trainingslager eine Einheit aus persönlichen Gründen abbrechen: Er soll vor dem Training erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.

Ein gefundenes Fressen für „Bild“ und Bild.de:

Eine bewegende Szene im Bundesliga-Alltag. Gestern um 10.03 Uhr beim Leverkusen-Training in Zell am See in Österreich.

Abwehr-Boss Ömer Toprak (26) bricht die Kraft-Übungen ab, weint plötzlich hemmungslos. Trainer Roger Schmidt (48) reagiert, nimmt seinen Spieler in den Arm und führt ihn in die Kabine.

Und „Bild“-Reporter Phillip Arens hält voll drauf:


(Veröffentlicht wurde das Foto — natürlich vollständig — in riesiger Größe bei Bild.de und etwas kleiner in „Bild“.)

Doch beim Fernfotografieren beließ es Arens nicht und quetschte anschließend noch Trainer Roger Schmidt aus:

Schmidt sichtlich bewegt zu BILD: „Es ist eine private Angelegenheit, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Das sahen der „Bild“-Mann und seine Redaktion etwas anders:

Mit Dank an Sabine K.

Der ausgeladene Hulk, Reporterhölle, Spaghettimonster

1. F wie …
(taz.de, Anne Fromm)
Anne Fromm beobachtet mit kritischem Blick den engen Tanz zwischen Verlagen und Facebook bei den sogenannten „Instant Articles“. Dabei veröffentlichen Medien ihre Texte nicht auf ihrer Internetseite, sondern direkt bei Facebook. Ein Deal, bei dem die Journalisten „viel aus der Hand“ geben, den aber auch deutsche Medien eingegangen sind, um ihre „Marke zu festigen“.

Nur: Wie stark kann die Marke sein, wenn Leserinnen und Leser ihre Inhalte künftig größtenteils bei Facebook finden? Heißt es dann bald wirklich noch: „Ich hab dazu einen guten Artikel bei Zeit Online gelesen“, oder wird man nicht eher „Das hab ich bei Facebook gelesen“ sagen?

2. Russland, Die Welt und Hulk — eine unglaubliche Geschichte
(demokratie-reloaded.de, Dominique Schmidt)
Dass der brasilianische Fußballer Hulk am Samstag nicht, wie eigentlich geplant, bei der Auslosung der Gruppen für die WM 2018 in Russland dabei war, ist für „Die Welt“ ein „Skandal“: Hulk sei ausgeladen worden, mutmaßt der Autor und liefert gleich die Begründung: Weil er es „gewagt“ habe, „unangenehme Wahrheiten im Putin-Reich“ anzusprechen. Blödsinn, meint Dominique Schmidt, und erklärt, warum die „Welt“-Spekulation schon aus zeitlichen Gründen unlogisch ist.

3. A Crucial Realization About Journalism is Learned by Being its Subject
(firstlook.org/theintercept, Glenn Greenwald)
Glenn Greenwald über seine Erkenntnisse, wie (falsch) viele Medien berichten, wenn man mal selbst zum Objekt der Berichterstattung wird:

Over the past two years, there’s been extensive media coverage and public discussion of both the Snowden story and the building of First Look Media/The Intercept, in which I’ve been very personally involved. So much of what has been said and still gets said about those things — not just by random online commenters and conspiracy-mongers but by the largest and most influential media outlets — is just plainly wrong: not “wrong” in the sense of resting on unpersuasive opinions or even casting a misleading picture, but “wrong” in the sense of being factually, demonstrably false.

4. This is where I leave you. (For a while.)
(nerdcore.de, René Walter)
René Walter macht erstmal Pause („eine Weile Ruhe im Puff“) mit seinem Blog „Nerdcore“. Weil er reisen will und weil ihm so ziemlich alles nicht passt an aktuellen Entwicklungen im Netz: die Übermacht von Clickbait-Artikeln, das damit einhergehende Verdrängen von interessanten, unbekannten Inhalten, technologischer und kultureller Stillstand. Auf seiner Reise will Walter sich überlegen, wie es nach seiner Rückkehr mit „Nerdcore“ weitergehen könnte.

5. Reporterhölle
(zeit.de, Abdalle Ahmed Mumin)
Der Journalist Abdalle Ahmed Mumin über seine Heimat Somalia — für Journalisten „einer der schlimmsten Orte der Welt“.

6. Auch Spaghettimonster zahlen Rundfunkbeitrag
(faz.net, Patrick Bahners)
Das Verwaltungsgericht München musste klären, ob für ein Grafikbüro, das als Kultstätte der „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“ dient, der Rundfunkbeitrag genauso entfällt, wie für gottesdienstlich genutzte Stätten beispielsweise der katholischen Kirche. Patrick Bahners hat die Verhandlung verfolgt, mit einigen Erkenntnissen „über Gott und die Welt. Vor allem über Bayern.“

Balken vorm Kopf

Hoffentlich wird’s eine Erfolgsgeschichte wie beim „Schmusekater“.

Danke an Dominik L.

***

Verdammte Zensur.

Danke an Thilo P.

***

Also eigentlich sind wir ja immer für Unkenntlichmachung, aber …

Danke an Sara S.

Das „Kollaps“-Drama von Bayreuth: Merkel fällt vom Stuhl

Sie müssen sich sehr beeilt haben bei der „Bild am Sonntag“. So schafften sie es noch, die dramatische Meldung vom späten Samstagabend in einem Teil ihrer Auflage unterzubringen:

Das Drama in Bayreuth spielte sich in diesem Jahr nicht nur auf der Bühne ab. Nach Informationen von bild.de erlitt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei den Bayreuther Festspielen einen Kollaps!

(…) Um 16 Uhr beginnt „Tristan und Isolde“. Gegen 17.20 Uhr ist der erste Akt zu Ende. Während der Kaffeepause fällt die Kanzlerin in Ohnmacht, rutscht von ihrem Stuhl. Zwei Minuten soll es gedauert haben, bis Merkel wieder auf die Beine kommt. Die Menschen an ihrem Tisch kümmern sich um sie. Unter anderen Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Offenbar war es ein ähnlicher Kollaps wie beim CDU-Parteitag in Köln, damals ging man von Stress und Dehydrierung aus. Auch diesmal zeigte Merkel Nehmer-Qualitäten, ließ sich den Empfang nach der Aufführung nicht nehmen!

Um 22:59 Uhr hatte Bild.de das unter der Überschrift „Schock in Bayreuth: Angela Merkel – Kollaps!“ gemeldet.

Keine halbe Stunde später alarmiert eine Reihe von Online-Medien seine Leser mit Eilmeldungen. „Festspiele in Bayreuth: Merkel offenbar kurzzeitig kollabiert“, berichtet „Spiegel Online“. „Kollaps während der Pause – Schock in Bayreuth: Angela Merkel bricht zusammen“, tickert „Focus Online“. „Zusammenbruch! Sorge um die Kanzlerin“, schreibt Bunte.de.

Um 0:23 Uhr verbreitet die Nachrichtenagentur AFP die „Bild“-Meldung:

„Bild“: Merkel bei Wagner-Festspielen kurzzeitig in Ohnmacht gefallen
– Kanzlerin offenbar schnell wieder auf den Beinen

Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth laut einem Medienbericht einen Kollaps erlitten. Die 61-Jährige sei am Samstag während der ersten Pause der Oper „Tristan und Isolde“ in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht, berichtete das Nachrichtenportal „Bild Online“. (…)

Eineinhalb Stunden später rudert AFP zurück:

Regierungssprecher: Merkel bei Wagner-Festspielen nicht kollabiert – Kein Schwächefall – Stuhl der Kanzlerin brach zusammen

Berlin (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth am Samstag trotz eines Zwischenfalls in der Pause unbeschadet überstanden. Merkel habe keinen Schwächeanfall erlitten, lediglich der Stuhl der Kanzlerin sei zusammengebrochen, sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter der Nachrichtenagentur AFP.

Er dementierte damit einen Bericht des Nachrichtenportals „Bild Online“, wonach die 61-Jährige während der ersten Pause der Oper „Tristan und Isolde“ kurzzeitig in Ohnmacht gefallen und vom Stuhl gerutscht sei.

Auch die Agentur dpa, die die „Bild“-Behauptung, anders als AFP und viele Online-Medien, nicht ungeprüft verbreitet hatte, vermeldet gegen zwei Uhr früh das Dementi.

Nutzer von „Focus Online“ bekommen bald darauf erneut eine „Eilmeldung“: „Nicht Merkel brach zusammen, sondern ihr Stuhl“. Online-Medien löschen ihre alten Meldungen, korrigieren sie eilig oder fügen nur am Ende noch einen kleinen Absatz an.

Und bei Bild.de steht an der Stelle, an der gerade noch über den dramatischen „Kollaps“ der Kanzlerin berichtet wurde, nun ein Stück über eine „Panne bei Bild.de“, nee: „bei Festspielen in Bayreuth: „Weshalb Angela Merkel mit ihrem Stuhl zusammenbrach“:

Zunächst hatte es geheißen, die Bundeskanzlerin habe einen Schwächeanfall gehabt und sei kollabiert. Lokale Medien und auch BILD hatten darüber berichtet.

Na sowas: Als „Bild“ noch an die Richtigkeit der eigenen Geschichte glaubte, war von anderen, „lokalen Medien“ als Quelle noch nicht die Rede gewesen.

PS: In einem großen Artikel über die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Presse hatte die „Bild am Sonntag“ zum Tag der Pressefreiheit vor zwei Monaten übrigens erklärt:

Viele Medien, wie auch BILD am SONNTAG, haben zudem einige praktische Regeln für ihre Arbeit. Dazu gehört zum Beispiel das Zwei-Quellen-Prinzip. Das bedeutet: Es genügt nicht, eine Information zu bekommen, sie kann erst verwendet werden, wenn sie durch mindestens eine zweite Quelle bestätigt wurde.

Nachtrag, 12:25 Uhr. „Bild am Sonntag“-Chefredakteurin Marion Horn schreibt auf Twitter, es habe zwei Quellen für den Merkel-Kollaps gegeben, „nicht unbekannte Menschen, die dort waren“.

Ich trink‘ Ouzo, und welche Steuererhöhung erfindest du so?

Bei komplexen Themen greifen Redaktionen gern auf knackige Beispiele zurück, das soll einem Bericht wohl was Griffiges geben. Aus den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP entstand so etwa die breite Chlorhühnchen-Debatte, die einige viel diskussionswürdigere Aspekte aus den Schlagzeilen und Artikeln verdrängt haben dürfte.

Als am Montag in Griechenland die vom Parlament beschlossenen Mehrwertsteuererhöhungen in Kraft traten, gab es wieder ein mediales Massenherunterbrechen. Und was picken sich die Journalisten da am liebsten raus? Klar, Sirtaki, Tzatziki oder:

Im welt.de-Text kommt auch ein griechischer Kellner zu Wort:

„Unser Ouzo und Moussaka werden ab Montag leider teurer“, sagte Kostas Sarafis, ein Kellner in der Taverne „Zorbas“ unterhalb der Akropolis von Athen.

Das Zitat stammt aus einer dpa-Meldung. Bloß: Entweder hat der Kellner nicht die Wahrheit gesagt, oder der Reporter hat was durcheinandergebracht. Denn für Moussaka mag die Aussage stimmen, weil die Mehrwertsteuer für Restaurantrechnungen am Montag von 13 auf 23 Prozent gestiegen ist. Für den Ouzo stimmt sie aber nicht. Alkohol unterliegt in Griechenland laut einer Liste der Europäischen Kommission (PDF, Griechenland = „EL“) schon seit Jahren der höchsten Mehrwertsteuer. Und dabei ist es egal, ob der Kunde ihn im Supermarkt, am Kiosk oder in der Taverne kauft:


Niedrigere Mehrwertsteuersätze für Alkohol (wie für alles andere auch) gab es bis Sonntagnacht lediglich auf den griechischen Inseln, nicht aber in der Athener Taverne „Zorbas“.

Nun passte den Redaktionen die dpa-Passage vom teureren Ouzo aber so gut ins Griechenland-Klischee, dass sie sie massig verbreiteten. Manche dachten sich noch flotte Überschriften und Dachzeilen aus …


(fr-online.de)


(n-tv.de)


(nordkurier.de)

… andere übernahmen einfach den dpa-Text und mit ihm das Zitat des griechischen Kellners.

Daneben gab es aber auch einige Medien, die nicht einmal die Agentur-Vorlage brauchten, um den OuzoUnsinn aufzuschreiben.

Mit Dank an Jörg B. und Michalis P.

Florida-Rolf, Selbstinszenierung, Smoothies gegen Wagner

1. „Die ‘zweite Erde‘ die schon wieder mal keine zweite Erde ist!“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Die Nasa gab gestern die Entdeckung des „first near-Earth-size“ Planeten Kepler-452b bekannt. Es handele sich dabei „um eine sogenannte Supererde und keinen erdähnlichen Planeten“, schreibt Florian Freistetter, auch wenn Webseiten wie „Focus Online“ anderes berichten. Freistetter, der seit Jahren auf scienceblog.de Fälle von angeblichen Erd-Entdeckungen dokumentiert, sagt, dass die heutigen Teleskope noch nicht so weit seien:

Wir werden die zweite Erde schon noch finden. Wenn die Erde kein Einzelfall ist und dort draußen noch andere Himmelskörper mit entsprechenden Umweltbedingungen vorhanden sind, dann werden wir sie in den nächsten 20 Jahren entdecken. Aber jetzt geht das eben noch nicht.

2. „Ich will nicht immer alles als Risiko sehen“
(horizont.net, Roland Pimpl)
Soziale Netzwerke wie Facebook, aber auch Google, Apple oder Online-Kioske wie „Blendle“ besetzten weiter klassische Verlagsaufgaben. Stefan Plöchinger, Digital-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, sieht in der Zusammenarbeit mit den neuen Vertrieblern journalistischer Inhalte „größere Chancen“. Doch die relevanteste Frage bleibt für ihn, „wie der Journalismus (…) – unabhängig, investigativ, tief und kenntnisreich – den digitalen Medienbruch überleben kann“.

3. „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“
(sebastian-doerfler.de, Sebastian, Audio, 58:29 Minuten)
„Florida-Rolf“, „Fetti“ oder „Assi“ – in einem „BR“-Radiofeature gehen Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche der Frage nach, woher die Bilder vom „faulen Arbeitslosen“ und „faulen Griechen“ kommen. „Es ist eine kleine Ideologiekritik zum laufenden Sozialstaatsabbau geworden, mit allerhand Beispielen aus Funk, Fernsehen und Politik“, schreibt Dörfler in seinem Blog.

4. „Datenschutz? Ist mir doch egal!“
(eaid-berlin.de, Peter Schaar)
Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, mahnt: „Die meisten datengetriebenen Geschäftsmodelle gleichen einem venezianischen Spiegel, der nur einseitig durchsichtig ist.“ Mit Blick auf die Nachlässigkeit beim Datenschutz sei zu befürchten, „dass wir unsere Ignoranz teuer bezahlen müssen.“

5. „Es ist in Ordnung, dass wir uns online selbst inszenieren“
(blog.neon.de, Angela Gruber)
„Auch mit einem Beme-Video wollen Nutzer Aufmerksamkeit und Zuspruch von anderen“, schreibt Angela Gruber. Die neue Video-App sei im Kern eine weitere Möglichkeit der Selbstdarstellung. Und das Internet brauche egozentrische User, die den Anspruch hätten, ihre online geteilten Inhalte zu inszenieren.

6. „Mit Smoothies gegen Franz Josef Wagner“
(meedia.de)
„Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner meint zu wissen, warum „wir“ jedes Jahr „um 200 000 Menschen ärmer“ werden. Schuld seien Smoothie-trinkende Frauen. „Meedia“ sammelt Reaktionen dazu aus dem Netz. Siehe auch: „11 Beweise, dass berufstätige Frauen Deutschland ruinieren“ (buzzfeed.com, Juliane Leopold).

„Focus Online“ ruft 27 Millionen Ikea-Kommoden zurück

In den vergangenen eineinhalb Jahren sind zwei Kinder in den USA von umfallenden Ikea-Kommoden der Serie „Malm“ getötet worden.

So weit ist der Artikel, den „Focus Online“ heute früh veröffentlicht hat, korrekt.

Nun wird Ikea aktiv und ruft 27 Millionen Exemplare der Kommode zurück.

Das ist dann allerdings Quatsch. Und „Focus Online“ schreibt sogar selbst, warum:

Genauer gesagt erhalten „Malm“-Kunden ein kostenloses Kit zum Anschrauben der Kommode an ihre Wand.

Noch „genauer gesagt“ ist die Rückruf-Aktion überhaupt keine Rückruf-Aktion. Sondern eine Kampagne, mit der die amerikanische Behörde für Produktsicherheit (CPSC) und Ikea vor umkippenden Möbeln im Allgemeinen warnen wollen.

So schreiben es auch die meisten Medien:



Nur „Focus Online“ behauptet seit über zehn Stunden, Ikea rufe die 27 Millionen Möbelstücke zurück:

Als Quelle gibt das Portal den US-Sender CNBC an. Dort steht auch tatsächlich:

In einem Update unter dem Artikel heißt es allerdings:

Update: This article has been updated to reflect that the recall does not require owners to return the furniture to the stores.

Aber davon wollen die Leute bei „Focus Online“ nichts wissen. Auch auf der Startseite schreiben sie:

Und bei Facebook legen sie und ihre Clickbait-Kumpels von der „Huffington Post“ noch eine Schippe Panik drauf:



(Markierung von uns.)

Und es wirkt:


Die Pressestelle von Ikea hat uns heute Abend auf Anfrage bestätigt, dass die Behauptung von „Focus Online“ falsch ist. In einem Statement heißt es:

IKEA hat aktuell in den USA die Secure it! Kampagne veröffentlicht, die auf die Gefahr von umkippenden Möbeln im Allgemeinen hinweist, wenn diese nicht an der Wand befestigt sind. Bei der Kampagne handelt es sich nicht um einen Produktrückruf. IKEA möchte mit dieser Kampagne in Zusammenarbeit mit der Consumer Product Safety Commission (CPSC) auf dieses Gefahrenpotential hinweisen und so Unfälle verhindern.

Und das Traurigste ist: „Focus Online“ weiß das schon seit Stunden. Ikea teilte uns mit, man habe „bereits heute morgen bei focus.de darum gebeten, dass die [Falschmeldung] korrigiert wird“. Der Artikel ist noch immer online.

Mit Dank an Bastian B.

Siehe auch: Ikea warnt vor umkippenden Möbeln (test.de)

Nachtrag, 21.40 Uhr: Jetzt hat „Focus Online“ den Artikel doch noch (unauffällig) geändert. Die Überschrift lautet nun: „Wegen kippender Möbel: Ikea bietet Kunden Sicherheitskits an“. Einen Hinweis auf den eigenen Fehler gibt es (schon aus Traditionsgründen) natürlich nicht.* Dafür aber einen neuen Artikel zum Thema. Auf der Startseite schreibt „Focus Online“:

*Nachtrag, 1.10 Uhr: Inzwischen findet man am Ende des Artikels doch einen Hinweis:

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war von einer Rückrufaktion die Rede. Dies ist nicht richtig. Ikea warnt in den USA davor, dass das Möbelstück kippen kann und liefert die Befestigungen nach.

Steuertipps, queerer Blätterwald, Til Schweiger

1. „Geheime Straftäter“
(3sat.de, Video, 6:51 Minuten)
Der Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat wegen „des Verdachts des Verrates von Staatsgeheimnissen“ Strafanzeige gegen netzpolitik.org Unbekannt gestellt, netzpolitik.org hatte im letzten Jahr unter anderem zwei Haushaltspläne des Verfassungsschutzes veröffentlicht. „Kulturzeit“ spricht mit den Netzaktivisten Markus Beckedahl und Anke Domscheit-Berg.

2. „Das Internet, das wir bewahren müssen“
(zeit.de, Hossein Derakhshan)
Für Dinge, die er in seinem Blog schrieb, musste Irans „Blogfather“ Hossein Derakhshan sechs Jahren in ein Teheraner Gefängnis. „Im Jahr 2008, als ich verhaftet wurde, waren Blogs pures Gold und Blogger waren Rockstars“, schreibt Derakhshan. Er äußert Bedauern darüber, dass der Einfluss von Blogs beschnitten und durch Soziale Medien ersetzt worden sei.

3. „Zwischen Leichtigkeit und Seichtigkeit“
(freitag.de, Luisa Hommerich) 
Mit „Straight“ gibt es ein neues Magazin auf dem Printmarkt. Die porträtierten Paare hätten das gleiche Geschlecht, ansonsten dekliniere die erste „Straight“-Ausgabe bekannte Frauenmagazin-Schemata durch, schreibt Luisa Hommerich. Ein „Lifestyle-Sprachrohr lesbischer Bürgerinnen“ brauche es trotzdem: „Straight macht den queeren Blätterwald bunter – und Lesben womöglich ein Stück sichtbarer.“

4. „Buchhaltung steuern – praktische Tipps für freiberufliche Fachjournalisten“
(fachjournalist.de, Birgit Groschwitz-Fiebig)
Wie steht es um Verpflegungspauschalen, Abschreibungen, Umsatzsteuer und Urheberrecht? Volkswirtin Birgit Groschwitz-Fiebig gibt Steuertipps für Freie.

5. „Warum wundert sich Til Schweiger über seine Fans?“
(siegstyle.de, Alf Frommer)
Nachdem Schauspieler Til Schweiger am vergangenen Samstag bei Facebook einen Aufruf zur Hilfe für Flüchtlinge des „Hamburger Abendblatts“ geteilt hatte, hagelte es von einigen seiner Fans üble Kommentare. Blogger Alf Frommer fragt, warum sich „der derzeitige Gott des Mainstreams“ darüber wundert.

6. „Die Premium-Community von stern.de“
(stefan-niggemeier.de)

Mörder auf der Titelseite

Die Mitarbeiter von „Bild“ und Bild.de können sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass auch Täter — und sei ihr Verbrechen noch so abscheulich — Rechte haben. Zum Beispiel Menschenrechte, aber auch Persönlichkeitsrechte. Oder das Recht, nach der Verbüßung ihrer Strafe wieder vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Damit das klappt, müssen ihnen die Gesellschaft und die Medien natürlich erstmal die Chance dazu geben.

Am vergangenen Freitag haben „Bild“ und Bild.de ein Paradebeispiel geliefert, wie das zu verhindern ist:


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Wenn eine Redaktion von einem solchen Vorfall in einer Justizvollzugsanstalt hört, mag sie sich dazu entscheiden, darüber zu berichten. Und dass „Bild“ das in einer boulevardesk-knalligen Aufmachung tut — geschenkt. Problematisch ist der Umfang der identifizierenden Berichterstattung: auf der Titelseite mit unverpixelten Fotos, Vornamen, abgekürzten Nachnamen und Kurzabriss der Taten; im Innenteil großflächig noch einmal Fotos der „zwei besonders brutalen Killer“, dazu ausführlichere Schilderungen ihrer Verbrechen, ein Foto aus der JVA und Archivfotos der damaligen Tatorte:

Die Taten liegen inzwischen zehn beziehungsweise 14 Jahre zurück. Ihre erneute Ausbreitung durch die „Bild“-Medien ist in diesem Fall besonders gravierend, weil der eine Häftling (der Zusammengeschlagene) in einem Jahr entlassen werden könnte. Das weiß auch Autor Peter Rossberg, er schreibt es schließlich selbst. Beim anderen Insassen ist die zehnjährige Haftstrafe auch bald rum, allerdings gab es aufgrund weiterer Vorfälle in der Haft weitere Verurteilungen.

Damit sei die Veröffentlichung von „Bild“ und Bild.de rechtswidrig, sagt der Medienrechtsprofessor Udo Branahl auf Anfrage:

Bei Straftaten, die so lange zurückliegen, dass potenziell eine Entlassung bervorsteht, genießen die Täter einen Resozialisierungsschutz. Über die Prügelei mag man berichten können, aber nicht flächendeckend über die Taten von damals.

Das sieht auch das Bundesverfassungsgericht so. Und das nicht erst seit Neuestem, sondern schon seit 1973:

Die für die soziale Existenz des Täters lebenswichtige Chance, sich in die freie Gesellschaft wieder einzugliedern, und das Interesse der Gemeinschaft an seiner Resozialisierung gehen grundsätzlich dem Interesse an einer weiteren Erörterung der Tat vor.

Für den Fall, dass ein Medium — warum auch immer — doch unbedingt über eine länger zurückliegende Tat berichten will, hat der Deutsche Presserat im Pressekodex festgehalten, was dabei zu vermeiden ist:

Wenn erneut über ein zurückliegendes Strafverfahren berichtet wird, sollen im Interesse der Resozialisierung in der Regel Namensnennung und Fotoveröffentlichung des Täters unterbleiben. Das Resozialisierungsinteresse wiegt umso schwerer, je länger eine Verurteilung zurückliegt.

„Bild“ und Bild.de haben es mit der Veröffentlichung vom vergangenen Freitag geschafft, nicht einmal diesen Mindeststandard einzuhalten.

FIFA, Insel-Märchen, Robo-Reporter

1. „Das Märchen von der Buffett-Insel“ 
(capital.de, Christian Kirchner)
Am Wochenende machte eine Falschmeldung die Runde: Der Milliardär Warren Buffett soll eine griechische Insel für 15 Millionen Euro erworben haben. Der angebliche Kauf löste internationale Empörung aus. Diese Meldung wurde unter anderem von Bild.de, „Spiegel Online“ (Klarstellung) und manager-magazin.de (Klarstellung) verbreitet. Christian Kirchner mahnt deshalb:

Der Fall zeigt aber, dass eine verbale Abrüstung Not tut, weil derartige Meldungen wie der Kauf einer Insel durch einen US-Großinvestor Ressentiments schüren und entscheidend zur Meinungsbildung in Sachen Griechenlandkrise beitragen. Das erfordert entsprechende Vorsicht (…).

2. „Die Schreib-Maschinen“
(brandeins.de, Lars Jensen)
Lars Jensen besucht die Agentur „Associated Press“ und die Erfinder des Schreibroboters „Wordsmith“. Beide Unternehmen zeigen sich zufrieden mit der Arbeit, die die „Robo-Reporter“ leisten, auch wenn Autor Lars Jensen anmerkt, die Meldungen läsen sich, „als hätte sie ein leicht gelangweilter Redakteur geschrieben“. Angst müssten Journalisten aber keine haben, sagt Robbie Allen, Gründer von „Wordsmith“, denn: „Eine Filmkritik oder einen Kommentar zu Obamacare kann kein Algorithmus schreiben.“

3. „Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen”
(meedia.de, Christoph Driessen)
„In einem kollektiven Empörungssturm können sich große gesellschaftliche Fragen zeigen“, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview. Er schlägt vor, einen Shitstorm als gesellschaftliche Komponente und nicht als Kampfbegriff zu betrachten. Es ließen sich daraus gar Wertkonzepte aufzeigen.

4. „That FIFA Movie Really Was As Much Of A Bomb As You Heard“
(fivethirtyeight.com, David Goldenberg, englisch)
David Goldenberg entlarvt den 27 Millionen Dollar teuren FIFA-Film „United Passions“ als großen Flop in den USA. Bis in die deutschen Kinos schaffte es der Streifen nicht. Hauptdarsteller Tim Roth, der den FIFA-Boss Joseph Blatter spielt, schäme sich heute für den Film.

5. „Warum machst du es dir so schwer?“
(girlsguidetoblogging.de, Sandra)
Sandra Konrad gibt drei Tipps, die den Einstieg ins Blogger-Dasein erleichtern und sich zum Teil auch Journalisten zu Herzen nehmen können: „Du wirst es nie allen recht machen können. Das ist einfach so. Punkt! Das Gute daran: Du musst es auch nicht.“

6. „Was ich sehe, wenn ich versehentlich auf der Startseite vom FOCUS lande“
(torbenfriedrich.de)

Blättern:  1 2 3 4 ... 750