Das „BamS“-Märchen vom Weihnachtsmarktverbot

Heinrich (Name geändert) ist stinkesauer.

Ekelhaft diese Unterwürfigkeit und Arschkriecherei gegenüber dem Islam!
Das wird sich noch mal bitter rächen..

Auch Udo (Name geändert) kann es kaum fassen.

Diese grün-lings verseuchten Spinner bringen immer wieder etwas absurdes zustande !

Und bei der „Bild am Sonntag“ packen sie sich sowieso nur noch an den Kopf:

Den Anlass für die Empörung erklärte das Blatt in der vergangenen Ausgabe so:

Heute ist der erste Advent. Und viele werden den Sonntag für einen Spaziergang nutzen zu jener vorweihnachtlichen Festivität, die als Weihnachtsmarkt volkstümlich geworden ist, in Süddeutschland als Christkindlmarkt. Genau das passt aber nicht allen.

So muss etwa in Berlin, nicht nur in Kreuzberg, aber dort ausdrücklich, der Weihnachtsmarkt neuerdings „Winterfest“ heißen.

Die Botschaft ist eindeutig: Jetzt klauen uns die politisch Korrekten sogar schon unsere Weihnachtsmärkte!

Und um gleich zum Punkt zu kommen: Das ist alles Quatsch. Kein Kreuzberger Weihnachts- oder Wintermarkt musste sich umbenennen, und es hat sich auch keiner umbenannt. Es gibt auch keine Vorschriften oder Regeln dafür. Ob „Winter“ oder „Weihnacht“, ist den Behörden völlig wurscht. Jeder Markt heißt so, wie er will, und neu ist das alles auch nicht.

Das „Winterfest am Mehringplatz“ gibt es schon seit 2012 und heißt seitdem so — ganz freiwillig, wie uns das Quartiersmanagement auf Nachfrage mitteilte.

Auch die Sprecherin des „Kreuzberger Wintermarkts“, der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet, erklärte uns, dass der Name uns das Konzept aus freien Stücken gewählt wurden. So steht es auch extra auf der Website:

Entgegen anderslautender Berichte geschah dies nicht auf Druck des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg

Wie kommt die „BamS“ also auf die Idee, die Kreuzberger Politiker wollten uns die Weihnachtsmärkte verbieten? Nun:

In einem Sitzungsprotokoll des Kreuzberger Bezirksparlaments heißt es dazu: „Das Bezirksamt verständigt sich darauf, dass grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum erteilt werden.“

Auf diesem einen Satz basiert die ganze Geschichte.

Und es gibt ihn zwar tatsächlich, allerdings steht er nicht im Protokoll des Bezirksparlaments, sondern in dem des Bezirksamts — okay, kann passieren, aber was viel wichtiger ist: Er hat überhaupt nichts mit den Weihnachtsmärkten zu tun.

Sascha Langenbach, Sprecher des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, sagte uns auf Nachfrage, die zitierte Entscheidung der „BamS“ (die übrigens von 2007 ist) beziehe sich auf Veranstaltungen, bei denen es um religiöse Selbstdarstellung im öffentlichen Raum gehe (das mit der Selbstdarstellung steht auch im Original-Zitat, die „BamS“ hat es aber einfach rausgekürzt). Weihnachtsmärkte seien davon allerdings gar nicht betroffen. Kurzum:

Ich kann alle beruhigen: Das Abendland bleibt weiter bestehen, genauso wie die Weihnachtsmärkte in Friedrichshain-Kreuzberg — in diesem Jahr und auch in den nächsten Jahren. Wie die Märkte sich nennen, ist uns total egal.

Genau das hätten auch die drei (!) „BamS“-Autoren herausgefunden, wenn Sie beim Bezirksamt nachgefragt hätten, aber das haben sie nicht, so wie sie auch sonst alles vermieden oder verschwiegen haben, was das Märchen vom Weihnachtsmarktverbot als solches entlarvt hätte. Zum Beispiel erwähnen sie mit keinem Wort, dass es in Friedrichshain und Kreuzberg in diesem Jahr sehr wohl Weihnachtsmärkte gibt, etwa den „Weihnachtsmarkt in der Neuen Heimat“, den „Kiezweihnachtsmarkt am Café Eule“, den „Finnischen Weihnachtsmarkt“, den „Stralauer Weihnachtsmarkt“…

Aber statt erhellender Fakten liefert die „BamS“ lieber: düstere Fragen.

Wird auf dem Altar der politischen Korrektheit die christliche Tradition geopfert?

Und überhaupt:

HABEN DIE NOCH ALLE LICHTER AM CHRISTBAUM?

Natürlich ist die Institution Weihnachtsmarkt an sich nicht wichtig. Aber wo führt es hin, wenn es schon verpönt ist, das Wort Weihnachten nur im Munde zu führen? Sind das christliche Erbe, unsere Kultur, unser Selbstverständnis, unser Wertekanon, auf das Treiben einer „Religionsgemeinschaft“ geschrumpft?

Zur Illustration der bedrohlichen Lage listet das Blatt noch andere Beispiele auf, etwa das aus Brüssel,

wo man den altehrwürdigen Weihnachtsbaum auf dem Grand Place aus Rücksichtsnahme auf religiöse Minderheiten durch eine abstrakte Konstruktion ersetzt hat.

Dabei ist die Motivation für den Austausch des Baums gar nicht eindeutig geklärt. Der Sprecher des damaligen Brüsseler Bürgermeisters etwa teilte schon vor zwei Jahren mit, dass die Rücksichtnahme auf andere Religionen keine Rolle gespielt habe. Die Stadt habe einfach etwas Neues ausprobieren wollen.

Ähnlich irrefürend auch das „BamS“-Beispiel aus Madrid,

wo Real jetzt das Kreuz aus seinem Vereinswappen getilgt hat, um die Fans im arabischen Raum und Kunden der sponsernden National Bank of Abu Dhabi nicht zu irritieren.

Was die Autoren nicht erwähnen: Real hat das Kreuz nur in arabischen Ländern gestrichen; in Europa wird weiterhin das ursprüngliche Wappen verwendet.

Und so konstruiert sich die „BamS“ weiter ihre Geschichte zusammen, um am Ende frustriert festzustellen:

Uns ist wirklich nichts mehr heilig.

Natürlich hat das Blatt auch gleich eine Umfrage in Auftrag gegeben, und natürlich finden es demnach die meisten Deutschen voll blöd, „dass Weihnachtsmärkte in manchen Regionen in Wintermärkte umbenannt wurden, um Andersgläubige nicht zu stören“, und natürlich durfte auch „Bams“-Kolumnistin Margot Käßmann noch ihren Senf dazugeben („Wenn wir alle Traditionen über Bord werfen, verlieren wir auch den Halt“), und natürlich verlief die „Diskussion auf Facebook“, die die „Bams“ noch abgedruckt hat, ebenfalls sehr eindeutig:

Und klar darf man über die Frage „Winter“ vs. „Weihnacht“ oder über den vermeintlichen Verfall christlicher Werte diskutieren, aber dann sollte man doch bitte bei den Fakten bleiben. Die „BamS“ aber verschweigt einfach die Hälfte, setzt falsche Behauptungen in die Welt, schreibt den Untergang des Abendlandes herbei — und die Leute kaufen es ihr reihenweise ab.

Der „Münchner Merkur“ zum Beispiel, der lieber alles nachplapperte, statt selbst zu recherchieren. Oder Josef Zellmeier, seines Zeichens Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, der zur „Zwangsumbenennung des Weihnachtsmarktes“ sogar eigens eine Pressemitteilung herausgab, in der er darüber schimpft, dass die deutschen Traditionen einer „extrem linken Sprachdiktatur geopfert“ würden:

Das ist ein Rückfall in kommunistische Zeiten, in denen man versucht hat, Nikolaus und Christkind durch Väterchen Frost zu ersetzen. Die Missachtung der eigenen kulturellen Prägung hat nichts mit Toleranz zu tun, ist vielmehr ein Auswuchs falsch verstandener Multikulti-Ideologie.

Das Schlimmste aber ist, dass die „Bild am Sonntag“ mit ihrer Panikmache gerade jenen Leuten Munition liefert, die die Schuld nicht mehr nur bei den Politikern suchen, sondern vor allem bei den Moslems:

Die Umbenennung von Weihnachtsmarkt in Wintermarkt is der totale Schwachsinn, ich akzeptiere den Islam als Religion, warum akzeptieren vereinzelne Mosleme nicht die deutsche Kultur, in arabischen Laendern wie z.B. UAE oder Oman werden christliche Weihnachtsgebraeuche akzeptiert, in Geschaeften Weihnachtssachen verkauft Merry Xmas gewuenscht. In Berlin ist es nicht erlaubt (…)

(…) dass die Weisse Rasse so behandelt wird, ist unglaublich.
Unsere Braeuche und Kultur ist unser Leben.
Und die Neger und Muslime koennen bleiben wo der Pfeffer waechst!
Was waere denn wenn wir Weissen die Neger und Muslimenlaender in so einem Ausmass fluten wuerden wie die unser geliebtes Deutschland!
Nein, das duerfen Weisse nicht. Aber Neger und Muslime duerfen das!
Antirassismus ist gegen die Weissen!
So ists und nicht anderst. Wir sollen ausgerottet werden.
Wir brauchen keine Neger und Muslime. Wir haben bis jetzt auch ohne euch gut gelebt!
Denn wir tun was. Wir arbeiten. Und nicht betteln und 5mal am Tag den Kopf auf den Boden hauen und dann meinen man sei was besseres!

Von solchen Kommentaren finden sich im Internet Tausende. Gerade bei Facebook und auf rechten Blogs wurde der „BamS“-Artikel fleißig rumgereicht; für die Rassisten und Islamfeinde dient er seither als erschreckendes Beispiel dafür, dass die bösen Moslems und die Spinner von Grün-Dings die Islamisierung unseres schönen Landes vorantreiben. Auch die Rechtspopulisten von „Pegida“ nutzen die Geschichte gerne als Beleg für die Abschaffung der christlichen Kultur.

Ähnlich verhielt es sich schon im vergangenen Jahr bei einem Artikel der „B.Z.“ (gleiches Thema: „Kreuzberg verbietet Weihnachten“), der sich zwar später als irreführend herausstellte, die islamfeindliche Stimmung aber dennoch (oder: gerade deshalb) weiter anheizte. Oder bei der Idee mit dem „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“, die von den Medien ebenfalls verzerrt dargestellt und massiv attackiert wurde, womit sie vor allem den rassistischen Hetzern in die Karten spielten (BILDblog berichtete).

Die „B.Z.“ hat in diesem Jahr übrigens auch schon gegen die „Wintermärkte“ gewettert: Vor drei Monaten ereiferte sich Kolumnist Gunnar Schupelius ziemlich unentspannt darüber, warum „diese kirchenferne Gesellschaft“ denn nicht mal „entspannt bleiben“ könne, und bekam dafür vor allem aus der rechten Ecke viel Beifall.

Aber es sind leider nicht nur die Boulevardmedien, die solche ausländerfeindlichen Auswüchse durch ihre irreführende Berichterstattung befeuern. In der „FAZ“ etwa erschien vor drei Tagen dieser Artikel:

Abgesehen davon, dass die Aussage ohnehin Blödsinn ist, macht die „FAZ“ sogar den gleichen Flüchtigkeitsfehler wie die „BamS“ (Bezirksparlament statt -amt), offenbar hat sich der Autor also nicht mal die Mühe gemacht, irgendwoanders zu recherchieren. So kann er zwar ebenfalls nur falsche Fakten bieten, aber hey, auch voll die lustigen Wortspielchen:

Und wo wir schon dabei sind, hätten wir, zur Adventszei-, Entschuldigung: zu dieser winterlichen, geruhsamen Zeit noch Vorschläge einzureichen: Wie wäre es, den Weihnachtsmann künftig anders anzusprechen, sagen wir, als „Mann mit der roten Mütze“? Wobei ja auch die Farbe rot eine christliche und jüdische Tradition hat. Wie wäre es also einfach mit „Mann“? So wird wirklich niemand mehr diskriminiert. (Aber was sagen dann die Frauen?) Denn darum geht es bei diesem besinnlichen – zum Teuf-, äh, Henker mit der Sprache: Darum geht es bei diesem „Fest“ ja auch. Alles andere wäre unchristli-, alles andere wäre nicht feierlich.

Jahahaha. Witzig. Und genauso wertlos wie der Lügenartikel der „BamS“, jedenfalls wenn man an einer ernsthaften Debatte interessiert ist. Aber das sind die Journalisten ja offenkundig leider nicht. Schön zu erkennen auch am Beitrag von „stern TV“. Das Magazin hatte zwar extra ein Kamerateam zum Bezirksamt geschickt, um die Lage vor Ort zu recherchieren („Frohe Weihnachten, falls man das hier noch sagen darf“), trotzdem behauptet der Beitrag permanent, in Kreuzberg seien nur noch „Wintermärkte“ erlaubt, weil das politisch korrekter sei. Moderator Steffen Hallaschka spricht von einer „unglaublichen Geschichte“ und von „galoppierendem Wahnsinn“, das Bezirksamt bekommt schließlich sogar den Negativpreis „Stern der Woche“ überreicht — obwohl die Leute von „stern TV“ wussten, dass es die „Vorschrift“, von der sie berichten, gar nicht gibt und dass es auch weiterhin Weihnachtsmärkte geben wird. Der Bezirksamtssprecher hat es ihnen nämlich mehrmals erklärt. Auch vor laufender Kamera, aber das wollte „stern TV“ dann lieber nicht senden.

Aber zurück zur „Bild am Sonntag“. Bei der hat sich das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg kurz nach der Berichterstattung über die falsche Darstellung beschwert. Und tatsächlich wird die Sache in der aktuellen Ausgabe endlich richtiggestellt. Allerdings auf „BamS“-Art: Statt einer Korrektur hat das Blatt nur ein winziges Statement der Bezirksbürgermeisterin abgedruckt — schön versteckt am unteren Rand der Leserbriefseite:

Der Artikel ist übrigens — obwohl die Leute von der „Bams“ spätestens jetzt ganz genau wissen, dass er nicht der Wahrheit entspricht und sie damit Hass gegen Ausländer schüren — immer noch unverändert online.

Nachtrag, 15.15 Uhr: Wenigstens die „FAZ“ hat ihren Online-Artikel inzwischen transparent korrigiert.

Siehe auch: Ein Weihnachtsmärchen (taz.de)

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Karl Dall, Jürgen Elsässer, Zivilcourage

1. „Freispruch für Karl Dall“
(nzz.ch, Brigitte Hürlimann)
Karl Dall wird vor dem Bezirksgericht Zürich vom Vorwurf der Vergewaltigung und der versuchten Nötigung freigesprochen: „Marc Engler, der Verteidiger des 73-jährigen Komikers, listet vor dem Bezirksgericht Zürich die Parallelen im Vorgehen der Frau auf: Sie nutzt ihre Stellung als Journalistin, um mit prominenten Männern in Kontakt zu kommen. Das anfänglich berufliche Interesse wechselt rasch in ein privates, erotisches über, wobei die Avancen von ihr ausgehen. Entwickelt sich die Beziehung mit dem Prominenten nicht so, wie sie es sich wünscht, fangen Bedrohungen und Belästigungen an, die sie auch auf die Familie der Männer ausdehnt. (…) Sogar Staatsanwalt Edwin Lüscher räumt ein, es sei nicht klar, was in jener Nacht in jenem Zürcher Hotelzimmer geschehen sei. Die Schilderungen der beiden Beteiligten stünden sich diametral gegenüber, es bestehe eine eigentliche Pattsituation, und er beneide das Gericht nicht darum, diesen Fall entscheiden zu müssen.“

2. „Spiegel vs. Online: Das Erwachen der Macht“
(gutjahr.biz)
Richard Gutjahr rekapituliert seine Erfahrungen mit verschiedenen Redaktionen: „Jedes Haus besitzt kreative Köpfe. Visionäre, Querdenker, Rock’n Roll. Aber selten sitzen diese Leute in den Positionen, in denen sie eigentlich sitzen müssten. Dort sitzen die kleinen Fürsten, die Karrieristen, mit ihren lieb gewonnenen Privilegien – das eigentliche Problem.“

3. „TV-Leute veralbern den Islamischen Staat“
(nzz.ch, Cigdem Akyol)
Cigdem Akyol stellt die Comedy-Serie „Dawlat al-Khurafa“ (Staat der Mythen) vor: „Produziert wurde die Comedy in Bagdad; das irakische Staatsfernsehen al-Iraqiya TV strahlte sie im September aus. Alle Folgen sind auf Youtube auf Irakisch-Arabisch abrufbar, leider ohne englische oder hocharabische Untertitel. Aus Furcht vor Fundamentalisten wollten einige Akteure nicht im Abspann erwähnt werden.“

4. „Ist halt so, ist die Wahrheit!“
(faz.net, Anna Prizkau)
Anna Prizkau schaut sich YouTube-Videos an, die „Kopf- bis Bauchschmerzen machen, wenn man sie anschaut“. Und hört Jürgen Elsässer zu, dessen Parolen sie als „böse und schlimm“ bewertet: „Doch das Allerschlimmste ist es, mitanzusehen, wie die Menschen auf ihn reagieren. ‘Ami, go home!’, sagt Elsässer unaufgeregt in ein Mikrofon, nachdem er über Amerika – das Lieblingshassthema auf Montagsveranstaltungen – gesprochen hat. Eine berauschte Menge schreit es ihm darauf nach. ‘Ami, go home!’ Immer und immer wieder.“

5. „Mediale Zivilcourage: Wo ist der Unterschied zwischen Tugce und Joey?“
(wissensschmiede.wordpress.com)
Die Wissensschmiede fragt sich, weshalb ein Fall von Zivilcourage zur deutschlandweiten Debatte wird – und ein anderer Fall nicht.

6. „Manche lernen es wohl nicht anders“
(facebook.com/TimHeiligOfficial)

Kobane, Dmitri Kisseljow, §201a StGB

1. „Die ‘Entscheidungsschlacht’ um Kobane“
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Die Berichterstattung über die syrische Stadt Kobane als „Paradebeispiel für die Mechanismen im Nachrichtenjournalismus“: „Die Stadt liegt an der Grenze und eignet sich deshalb besonders für die Berichterstattung. Denn während Journalisten auf syrischer Seite nur in größter Lebensgefahr arbeiten können, hat man von der türkischen Seite aus sicherer Entfernung einen Blick auf das umkämpfte Städtchen. Und so hatten internationale Medienanbieter dort ihre Übertragungstechnik aufgebaut. Doch als nach mehreren Wochen die Schlacht um Kobane keine Entscheidung brachte, zogen die Übertragungswagen wieder ab. Und damit endete die Berichterstattung.“

2. „Der Böse ist immer der Westen“
(cicero.de, Moritz Gathmann)
Seit Februar 2014 laufe die russische Propagandamaschine auf Volldampf, schreibt Moritz Gathmann: „Die Erzählung, die der russische Fernsehzuschauer seitdem in jeder Nachrichtensendung in Variationen serviert bekommt, geht so: In Kiew haben Faschisten, unterstützt und instruiert von den Amerikanern, den demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt und die Macht errungen. Nun geht von ihnen eine physische Bedrohung gegen alle Russen, ja alles Russische an sich aus.“

3. „Politische Berichterstattung im Russland-Ukraine-Konflikt“
(deutschlandfunk.de, Thomas Franke)
Wer eine Interviewanfrage schickt an den „Anführer der medialen Truppen in Russland“, so nennt Thomas Franke Dmitri Konstantinowitsch Kisseljow, erhält einen Fragebogen zurück: „Ihre Antworten werden mir helfen zu verstehen, wie sehr Sie die Meinungsfreiheit schätzen: – Sind sie der Ansicht, die EU-Sanktionen gegen den Journalisten sind legitim? – Sind Sie bereit, Ihre Position öffentlich zu vertreten, indem Sie sie in ihrem Artikel aufnehmen? – Sind Sie bereit, Herrn Kiseljow zu zitieren? – Haben Sie Dmitri Kiseljows Artikel ‘Russland und der Westen tauschen bei der Meinungsfreiheit die Plätze’ gelesen, der im ‘Guardian’ erschienen ist.“

4. „60 Prominente gegen den Krieg sind keine Nachricht für ARD und ZDF“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier fragt nach, warum in den TV-Nachrichten von ARD und ZDF nicht über den Aufruf „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ berichtet wird.

5. „Strafbarkeit unbefugter und ehrverletzender Fotos: Änderung §201a StGB“
(rechtambild.de, Dennis Tölle)
Dennis Tölle berichtet über die Änderungen am Paragraph 201a des deutschen Strafgesetzbuchs, in der es um die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ geht.

6. „10 tolle Weihnachtsgeschenke für Journalisten“
(journalisten-tools.de)

Focus, Russland, Misstrauen

1. „‘Unfassbar, was der Kerl sich erlaubt'“
(zeit.de, Henning Sussebach)
Fußballer Per Mertesacker und Reporter Boris Büchler unterhalten sich über ihr Gespräch nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Algerien. Büchler: „Das werfe ich euch Medienjournalisten von den überregionalen Zeitungen ja immer vor: das Verwissenschaftlichen und Bemäkeln dieser 90 Sekunden! Natürlich gibt es unten am Spielfeldrand nur einen begrenzten Fragenkanon! Ich kann direkt nach dem Abpfiff – schon aus Achtung vor dem Athleten – doch keine Fragen stellen, für die ich später vielleicht einen Poetenpreis bekomme. Einige Kritiker in ihren Büros machen es sich da sehr einfach: mokieren sich immer über unsere vermeintlich sinnentleerten Fragen. Aber wenn eure Blätter alle paar Jahre – immer, wenn EM oder WM ist – mal ein paar Kollegen schicken, fragen viele gar nicht, sondern halten nur still ihre Tonbandgeräte mit rein.“

2. „Exklusiv im ‘Focus': Das erstletzte Interview mit Schweinsteiger nach der WM“
(stefan-niggemeier.de, Boris Rosenkranz)
Der „Focus“ verkauft auf der Titelseite seiner aktuellen Ausgabe ein Gespräch mit Bastian Schweinsteiger als das „erste Interview nach dem WM-Titel“.

3. „Video: Medienkrieg“
(daserste.de, Video, 6:39 Minuten)
Ein „Weltspiegel“-Beitrag über verschiedene Manipulationen im russischen Fernsehen. Siehe dazu auch „Russisches Fernsehen bei homophober Manipulation erwischt“ (queer.de).

4. „Die rührende Hilflosigkeit der Holzwirtschaft“
(zeit.de, Jochen Hörisch)
Germanist und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch schreibt über den Medienwandel: „Jeder, der nicht über exquisite Verdrängungsleistungen verfügt, kann seit Langem wissen, dass die Internet-Revolution die klassischen Printmedien unumkehrbar marginalisiert. (…) Gedruckte Zeitungen werden wieder das, was sie in ihrer Frühzeit einmal waren – ‘hinkende Boten’, langsame Reflexionsmedien. Der schnell reitende Bote kam mit der Siegesnachricht, der hinkende Bote machte darauf aufmerksam, dass man noch mehr Siege nicht verkraften könne.“

5. „Morgen fangen sie an“
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun stellt neue deutsche TV-Serien vor: „Ein gutes Dutzend neuer Serien ist in Planung – und kaum eine von ihnen kommt ohne den Hinweis auf die Inspiration durch internationale Standards aus.“

6. „5 Thesen zum Misstrauen in die Medien“
(tageswoche.ch, Thom Nagy und Matthias Oppliger)
Thom Nagy und Matthias Oppliger stellen fünf Thesen zum Misstrauen in die Medien zur Diskussion.

Mittermeier muss doch nicht kotzen, wenn er Helene Fischer sieht

Also… genau wissen wir das natürlich nicht, aber zumindest hat er es so nicht gesagt:

Und wie immer, wenn’s um Helene Fischer geht, stiegen die anderen Klatschmedien auch gleich mit ein und verbreiteten im Oktober die Meldung von Mittermeiers „Hass-Attacke“: Der Satz erschien unter anderem bei Bild.de, „Focus Online“, Blick.ch, auf der Seite der „inTouch“ und News.de. Wenig später mussten sie alle eine Gegendarstellung bzw. Richtigstellung veröffentlichen:

Einige Medien haben sich sogar für den Fehler entschuldigt. Nur Bild.de schiebt bockig hinterher:

Anm. d. Red.: Unabhängig vom Wahrheitsgehalt sind wir zum Abdruck dieser Gegendarstellung verpflichtet

FTD, Amok-Alarm, Quantified Self

1. „250 Leben nach Lachsrosa“
(opinion-club.com, Falk Heunemann)
Falk Heunemann listet auf, was aus den Mitarbeitern der im November 2012 eingestellten Financial Times Deutschland geworden ist.

2. „Quantified Self: Märchenstunde im Bayerischen Rundfunk“
(buggisch.wordpress.com)
Christian Buggisch hört sich das Computermagazin von B5 zum Thema Quantified Self an: „Ein interessantes Thema wird vom Bayerischen Rundfunk mit viel Halbwissen und Schwarzmalerei journalistisch gegen die Wand gefahren.“

3. „Mehr Licht“
(juliane-wiedemeier.de)
Lokaljournalistin Juliane Wiedemeier studiert den „unübersichtlichen, 800 Millionen schweren Haushalt des Berliner Bezirks Pankow mit seinen fast 400.000 Einwohnern“: „Die Kollegen, die jeden Tag in der gut gefüllten Bundespressekonferenz sitzen, können sich das wohl kaum vorstellen. Aber im Lokaljournalismus ist man oft allein auf weiter Flur. Jeder, der dort irgendwas macht und veröffentlicht, ist schon ein Gewinn. Dennoch fühle ich mich oft wie jemand, der mit einer kleinen Taschenlampe in einem riesigen Keller steht und mal hierhin leuchtet, mal dorthin. Ich hätte aber gerne Flutlicht.“

4. „Amok-Alarm im Toni-Areal und die Vorgehensweisen der Medien“
(blog.meugster.net, Michael Eugster)
Wie Schweizer Medien über einen Amokalarm in Zürich berichten, der sich als Fehlalarm herausstellt.

5. „Von schwarzen Kästen und schweigenden Chefredakteuren“
(newsroom.de, Froben Homburger)
Froben Homburger berichtet aus der Historie des Journalismus in Nachrichtenagenturen: „Die telefonische Textaufnahme – in der Zentrale des deutschen AP-Dienstes in Frankfurt am Main übernahmen das so genannte Redaktionstechnische Assistentinnen (RTA) – barg natürlich ein gewisses Fehlerrisiko. Namen mussten grundsätzlich buchstabiert und von den RTA noch einmal wiederholt werden, aber ob ein ‘vielmehr’ am Ende auch genau so oder aber als ‘viel mehr’, ‘viel eher’, ‘viel näher’ oder gar ‘fiel mehr’ auf den Agenturdraht ging, hing nicht zuletzt von der Aussprache des Reporters und der Auffassungsgabe der Assistentin ab.“

6. „Experten zerpflücken das Leistungsschutzrecht“
(golem.de)
Ein „öffentliches Fachgespräch im Ausschuss Digitale Agenda“ des Bundestags über das Leistungsschutzrecht für Presseverleger.

Avarija, E-Zigaretten, Tatort

1. „Wie aus einer Panne ein Atomunfall wurde“
(tagesschau.de, Bernd Großheim)
Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk verwendet an einer Pressekonferenz das Wort „Avarija“ im Zusammenhang mit einem Atomkraftwerk, worauf Journalisten eine Katastrophe fürchten.

2. „Für keine Handvoll Dollar“
(tagesspiegel.de, Patrick Wehner)
In der syrischen Stadt Homs dient Abu Emad Journalisten von BBC und CNN als Informant: „Abu Emad sagt, er habe die Journalisten ein paar Mal nach Geld gefragt, um das Internet bezahlen zu können. Und um die Akkus seiner Kamera und seines Handys aufladen zu können. Bekommen habe er nichts. ‘Vor ein paar Wochen habe ich mit einer CNN-Moderatorin telefoniert. Ich habe ihr gesagt, dass das Leben gerade richtig hart ist. Dass ich ein paar Dollar gut gebrauchen könnte.’ Sie habe geantwortet, ihr Sender könne ihm nichts bezahlen. Die Journalisten müssten unparteiisch bleiben. Bei allen anderen Medien sei es ganz genauso gewesen, sagt Abu Emad.“

3. „‘Ich muss weitermachen'“
(taz.de, Anne Fromm)
Ein Interview mit der afghanischen Journalistin Farida Nekzad: „Dass heute fast jeder Afghane ein Handy besitzt, ist der größte Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Das eröffnet uns Journalisten ganz neue Möglichkeiten: Plötzlich erreichen wir junge Leute und Frauen – und vor allem sie uns.“

4. „Ein Ausflug in die Datenminen“
(krautreporter.de, Theresia Enzensberger und Hannes Grassegger)
Handel mit persönlichen Daten von Lesern: „Während die Redaktion der ‘Zeit’ seit Jahren engagiert gegen den Datendiebstahl durch Geheimdienste anschreibt und über die Gefahren des Missbrauchs persönlicher Daten aufklärt, bietet der Verlag des Blattes seine eigenen Kundendaten auf dem freien Markt an.“

5. „Keine Panik, liebe Raucher: Ihr dürft auf E-Zigis umsteigen“
(watson.ch, Roman Rey)
Watson.ch dementiert den eigenen Artikel „E-Zigaretten sind schädlicher als klassischer Tabak“, der jedoch unverändert online bleibt inzwischen mit einem Hinweis versehen wurde.

6. „Krimisendung ‘Tatort': 12 Fußballer als verdächtige Verbrecher“
(90minuten.at, Martin Böswarth)
Fahndungsfotos im „Tatort“, die aus dem Panini-Album stammen.

Wie „Bild“ den Tod einer Studentin ausbeutet

Vor zweieinhalb Wochen wurde in Offenbach eine Studentin auf einem McDonald’s-Parkplatz von einem Mann so schwer verletzt, dass sie zuerst ins Koma fiel und wenige Tage später starb. Offenbar hatte sie versucht, einen Streit zu schlichten.

Der Fall sorgt seither für großes Aufsehen. Und vor allem die „Bild“-Medien schlachten ihn seit Tagen auf beispiellose Weise aus:












































49 Artikel haben „Bild“, Bild.de und die „Bild am Sonntag“ seit dem Vorfall rausgehauen, im Schnitt fast drei Artikel täglich. Sie zeigten unzählige Fotos des Opfers und des mutmaßlichen Täters (meist von Facebook kopiert und natürlich kein bisschen verpixelt), veröffentlichten private Details, Informationen aus dem Krankenhaus („Nach BILD-Informationen begann gegen 21.30 Uhr die Organentnahme“), besuchten den Tatort, die Trauerfeiern, den Friedhof, die Moschee, die JVA, fotografierten Trauernde, wühlten in Facebook-Profilen, bastelten Klickstrecken, aber offensichtlich war die Gier der lüsternen „Bild“-Macher und -Leser damit immer noch nicht befriedigt.

Am Montag folgte, „exklusiv“ in „Bild“:

Sowohl in der Print-Ausgabe als auch bei Bild.de werden die Szenen der Überwachungskamera — „die letzten Minuten, die Tugce bewusst erlebte!“ — detailliert dokumentiert, die entscheidenen Momente hat die Redaktion sogar extra von einem Illustrator nachzeichnen lassen.


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

Schon in den Tagen davor hatte das Blatt stolz verkündet:

Und als wäre das nicht schon dreist und eklig genug, versuchten die „Bild“-Geier auch noch, Geld damit zu verdienen: Das exklusive „Protokoll des Überwachungsvideos“ gab es nur gegen Bezahlung — hinter der „Bildplus“-Paywall.

Inzwischen dürfen sich auch nicht-zahlende Leser bei Bild.de anschauen, was auf dem Parkplatz passierte; das „Beweis-Video“ ist frei verfügbar.

Laut Angaben des „Hessischen Rundfunks“ ermittelt deshalb nun die Staatsanwaltschaft:

„Es handelt sich um ein unmittelbares Beweismittel“, so [Axel Kreutz, Sprecher der Zweigstelle Offenbach der Staatsanwaltschaft Darmstadt]. Und ein solches gehöre nicht in die Öffentlichkeit, sondern müsse vor Gericht analysiert und bewertet werden. Die Behörde will herausfinden, woher die Zeitung das Video bekommen hat. Sie ermittelt „gegen Unbekannt“.

Durch die Veröffentlichung des Videos werde das Beweismittel zwar nicht wertlos für den Gerichtsprozess, allerdings bestehe die Gefahr, dass dadurch Zeugen in ihrer Aussage manipuliert werden könnten. „Man muss damit rechnen, dass sich Zeugen vor ihrer Vernehmung das Video anschauen und ihre Aussage dann damit abgleichen“, so Kreutz. Dadurch könnten unter anderem subjektive Erinnerungen an das Geschehen eingefärbt werden.

Auch Interpretationen des Videos, die im Vorfeld eines Prozesses über die Medien verbreitet würden, könnten einen Einfluss auf Zeugenaussagen haben – womöglich auch auf die Schöffen in einem Gerichtsverfahren.

Auch die Familie der Verstorbenen zeigte sich entsetzt über die Veröffentlichung. Auf einer Facebookseite, die von Freunden und Angehörigen betrieben wird, verurteilen sie die Verbreitung des Videos als „bodenlose Frechheit“:

Das Video kannte die Familie, da es als Beweismittel gilt. Jedoch war es nicht mit ihr abgesprochen, dass es in der Öffentlichkeit landet. Wir teilen das Video hier auch nicht.

Ihr könnt euch vorstellen, wie es für die Eltern oder Brüder sein muss, ihre geliebte Tuğçe „live“ sterben sehen zu müssen.

Nur den Leuten von „Bild“ ist das wie immer scheißegal.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Fernsehprogramm, Don Lemon, Demonstration

1. „Die Stunde der Experten“
(medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Welche Experten wählen Redaktionen in russischen und deutschsprachigen Gebieten aus, wenn sie übereinander berichten? „Hierzulande werden zwar keine Expertenfiguren erfunden, aber Putins Verteidiger kommen nur selten zu Wort. Beliebt bei westlichen Medien sind insbesondere Intellektuelle und Oppositionelle. Über deren Rolle und Verankerung in Gesellschaft und Politik erfährt man nur selten etwas.“

2. „Wenn die 30-Prozent-Quote eingeführt würde …“
(edito.ch, Bettina Büsser)
Der Frauenanteil in den Unternehmensleitungen und Verwaltungsräten von Schweizer Medienunternehmen.

3. „TV-Programm 2.0: Suchmaske statt Tabelle?“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi vermisst TV-Programm-Zeitschriften, die auch „Angebote der Streaming-Portale präsentieren“, für Konsumenten, „die nicht permanent den Computer konsultieren wollen, um ihre Lieblingssendungen zu finden“.

4. „Faxen machen in Ferguson“
(faz.net, Nina Rehfeld)
Nina Rehfeld beschäftigt sich kritisch mit der Arbeit von CNN-Reporter Don Lemon, der „zum Hofnarren von CNN avanciert“ sei.

5. „Komposition ist der König“
(lesenmitlinks.de, Jan Drees)
Jan Drees liest das Buch „Blätter machen: Bausteine zu einer Theorie journalistischer Komposition“ von Jakob Vicari: „Die Daten von Jakob Vicari lassen nach den 16 Redaktionsbesuchen und Leitfadeninterviews nur darauf schließen, dass der Blattmacher am Ende wichtiger ist als der einzelne Autor und dass es Titelmeldungen gibt, die es nur deshalb nach vorne schaffen, weil sie auf gestalterischer und inhaltlicher Ebene einen Kontrast setzen.“

6. „Wer ist hier das Volk?“
(zeit.de, Lenz Jacobsen)
Journalist Lenz Jacobsen versucht, an einer Demonstration in Dresden mit Demonstranten zu reden: „Zwölf Anläufe, niemand will mit Journalisten sprechen.“

Schreibblockade, Formulierungshilfe, Google

1. „Sprechen wir übers Geschäft: Die Bilanz“
(journalist.de, Benjamin O’Daniel)
Freie Journalisten in Deutschland: „Das Einkommen wird offenbar auf zwei unterschiedliche Arten gedrückt. Bei der regionalen Tagespresse gibt es schlicht unterirdische Zeilenhonorare. Bei renommierten Magazinen gibt es zwar bessere Pauschalen. Das Honorar wird dort allerdings über den Qualitätsanspruch gedrückt. Hier einen Absatz umschreiben, dort nachrecherchieren – und am Ende wird die Geschichte auf zwei Seiten eingedampft, weil etwas anderes wichtiger war.“

2. „Was tun gegen Schreibblockade?“
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
Schreibblockade? Man könne auch schreiben, wenn man keine Lust dazu habe, glaubt Florian Freistetter: „Schreiben ist zum überwiegenden Teil Handwerk und es fällt um so leichter, je mehr man übt.“

3. „Ehrenmord oder Familientragödie? Wie die Neuen Deutschen Medienmacher die Suche nach den richtigen Worten sabotieren.“
(ruhrbarone.de, Julius Hagen)
Julius Hagen befasst sich mit dem „Glossar der Neuen deutschen Medienmacher: Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ (neuemedienmacher.de, PDF-Datei): „Die manierierten Sprachcodes der Neuen Deutschen Medienmacher entfremden den Journalismus dabei zunehmend von seinen Lesern, Zuhörern und Zuschauern. (…) Der Leser nimmt die Sprachcodes oft als impliziten Vorwurf wahr: Die Neuen Deutschen Medienmacher konstatieren mit ihrem Glossar die Betreuungsbedürftigkeit einer zur Mündigkeit unfähigen Öffentlichkeit und geraten unter Manipulationsverdacht. Auf jede Wortneuschöpfung folgt routinierter Verweis auf George Orwells Roman ‘1984’. Wenn sich die Sprache der Medienmacher von der Sprache der Leser zu weit entfernt, ist der öffentliche Diskurs gestört. Schlimmstenfalls wandern die Leser dorthin ab, wo ‘Klartext’ geredet wird.“

4. „High Heels statt Enthüllung“
(berliner-zeitung.de, Jonas Rest)
Die ARD-Doku „Die geheime Macht von Google“ (ardmediathek.de, Video, 44:02 Minuten) hat es verpasst, zu fragen, was wirklich mit den von Google gesammelten Daten geschieht, kritisiert Jonas Rest: „Stattdessen fokussiert sich der Film auf die Klage von Internetfirmen, die sich in der Darstellung der Google-Suchergebnisse benachteiligt fühlen.“

5. „Der Wert von Papier im digitalen News-Zeitalter“
(netzpiloten.de, Jakob Steinschaden)
Jakob Steinschaden hat sich entschieden, wieder Print zu abonnieren, denn: „Nie ist eine Story fertig erzählt, das nächste Update wartet schon an der nächsten Ecke, die Personalisierung ließ mich in Details verlieren.“ Und: „In der digitalen Welt ist die Verlockung fast immer zu groß, sich schnell mal etwas anderem zu widmen, seine Aufmerksamkeit jemandem oder etwas anderen zu schenken.“

6. „Haste mal ’ne PIN?“
(freitag.de, Helen Russell)
Obdachlose in Schweden mit Kreditkarten-Lesegeräten.

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