Der Griechen-Teufel mit dem Einzack

Endlich hat die „Bild“-Zeitung ein neues und von nun an bis in alle Ewigkeit gültiges Label für Yanis Varoufakis gefunden.

Bislang war sich das Blatt selbst nicht ganz einig, ob es den griechischen Finanzminister nun als „Griechen-Raffke“ bezeichnen soll oder doch lieber als „Radikalo-Griechen“ oder als „lederbejackten Rüpel-Rocker“ oder als „Posterboy-Finanzminister“ oder als „Griechenlands Radikalo-Naked-Bike-Rider“. Aber jetzt!

Jetzt ist er der Lügen-Grieche. Jeder kann ihn jederzeit darauf reduzieren: „Mister Stinkefinger“.

Ja, das steht da wirklich, und wir können nur erahnen, wie schwer es „Bild“-Reporter Peter Tiede gefallen sein muss, den Artikel nicht noch mit einem „HURRA!“ zu beginnen. Für ihn und „Bild“ steht fest: Varoufakis hat sich mit der Finger-Nummer endlich und endgültig selbst „zur Strecke gebracht“. Darum ist der heutige Artikel auch ein „BILD-Nachruf [!] auf Athens bekanntesten Selbstzerstörer“.

So schnell kann es gehen. Raketen-Aufstieg. Turbo-Abstieg.

Peinliche Nummer statt cooler Typ. (…)

Denn wer Yanis Varoufakis (53) sieht, sieht nun immer auch den Stinkefinger. Wer ihm zuhört, der hört nun auch immer „Stick the Finger to Germany!“ – egal, was er sagt. Er könnte auf ewig schweigen, sich die linke Hand abhacken – der Mittelfinger, den er 2013 auf einer Konferenz in Zagreb gen Deutschland reckte, wäre noch da.

Schließlich hat die „Bild“-Zeitung auch hart daran gearbeitet:

Auch andere Medien und Plattformen – vor allem Günther Jauchs Talkshow im Ersten – haben eifrig dazu beigetragen, den Finger in die Köpfe der Leser und Zuschauer zu prügeln. Seit Tagen wird er nicht wie das behandelt, was er ist — eine banale Randnotiz –, sondern zum wilden „Politikum“ hochgejazzt.

Um es nochmal zusammenzufassen: Vor zwei Jahren, als Varoufakis noch kein Minister, aber scharfer Kritiker der griechischen Regierung war, sprach er bei einer Veranstaltung darüber, dass er drei Jahre zuvor, also 2010, die damaligen Bedingungen, die von Deutschland und Europa für die Griechenland-Hilfe gestellt wurden, abgelehnt hätte. Stattdessen hätte er, so wie Argentinien, den Weg in den Staatsbankrott gewählt und Anfang 2010 erklärt, dass Griechenland pleite ist — und Deutschland damit „den Finger gezeigt“ und gesagt: „Jetzt könnt Ihr das Problem alleine lösen“.

Oder wörtlich:

My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“

(Ein längeres Transkript der Rede samt Anmerkungen hat „Spiegel Online“ hier veröffentlicht.)

Anders gesagt: Varoufakis hat „uns“ den Finger gar nicht gezeigt. Also faktisch schon, aber gemeint war er bloß hypothetisch („hätte ihn zeigen sollen“), und zwar nicht in Richtung der deutschen Steuerzahler, sondern der deutschen Banken. Und er bezog sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf 2010, als Varoufakis noch gar nicht Minister war und Griechenland noch keine Kredite bekommen hatte. Letzteres ist insofern wichtig, als „Bild“ und andere Medien gerne suggerieren, der Finger sei eine Reaktion auf die Hilfspakete gewesen, nach dem Motto: Wir geben denen Milliarden — und kriegen dafür den Stinkefinger! Was Varoufakis aber (vereinfacht gesagt) eigentlich meinte, ist: Wenn man Euch den Finger damals gezeigt hätte, hättet Ihr womöglich gar nicht erst so viele Milliarden ausgeben müssen.

Das alles fanden die Redaktion von „Günther Jauch“ und die „Bild“-Zeitung aber entweder zu kompliziert oder zu unknallig für ihre Zuschauer und Leser, darum erweckten sie den Eindruck, die „drastische Geste“ („Bild“) beziehe sich auf die Gegenwart oder solle Deutschland beleidigen. Womöglich haben sie die Sache auch ganz bewusst verzerrt dargestellt, um Varoufakis schlecht dastehen zu lassen, was zumindest für „Bild“ bei Weitem nicht das erste Mal wäre.

Allerdings trägt Varoufakis auch eine Mitschuld daran, dass die Sache heute immer noch ein Thema ist. Bei Günther Jauch behauptete er sofort, das Video sei gefälscht oder manipuliert („doctored“) worden und sagte: „I’ve never given the finger ever.“

Die Redaktionen von „Jauch“ und „Bild“ ließen das Video daraufhin von sogenannten Experten auf seine Echtheit prüfen. Ergebnis: Kein Hinweis auf eine Fälschung erkennbar. Auch Zeugen wurden aufgetrieben, die bei der Veranstaltung damals dabei waren und bestätigen konnten, dass der Finger zu sehen gewesen sei.

Denkbar ist nun aber auch, dass Varoufakis mit „manipuliert“ nicht das Video an sich meinte, sondern den irreführenden Einspieler bei Günther Jauch. So würde dann auch dieser Tweet Sinn ergeben, in dem Varoufakis einen Tag nach der Sendung das vollständige (und damit „unverfälschte“) Video der Rede selbst veröffentlichte:

Aber eine solche Interpretation kommt für die „Bild“-Zeitung natürlich nicht infrage. Für sie ist Varoufakis’ Reaktion nur eins: der Beweis dafür, dass er ein rotzfrecher Lügner ist.

In diesem Artikel (heute erschienen) gibt sich Peter Tiede dann auch keinerlei Mühe, den Kontext des Stinkefingers auch nur annähernd zu erklären. Der Leser erfährt bloß, dass Varoufakis den Mittelfinger 2013 „gen Deutschland reckte“ und hinterher behauptete, das Video sei manipuliert worden. Ach, und natürlich, dass Varoufakis, der „Problem-Minister“ und „Lügen-Grieche“, „nicht der sein will, der er ist“, und dass dieser „coole Typ ohne Schlips und mit Hemd über der Hose“, der „statt Dienstwagen 1300er Yamaha fuhr“ und sich von „Yannis“ in „Yanis“ umbenannte („Weil fast jeder zweite Mann in Griechenland ‘Yannis’ heißt, und Yanis mit einem ‘n’ da schon etwas Besonderes ist“), sich „selbst zu Kopf gestiegen ist“. Umso beruhigender, dass wenigstens die deutschen Journalisten auf dem Teppich bleiben.

Nachtrag, 20. März: Der Stinkefinger ist übrigens nicht von Jan Böhmermann & Crew in das Video hineinmontiert worden, wie sie seit Mittwochabend behaupten. Tatsächlich war #varoufake — zumindest spricht inzwischen alles dafür — ein geschickter Fake-Fake. Und falls Sie sich jetzt nur fragend am Kopf kratzen: Bitte einmal hier oder hier oder hier entlang.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Regenbogenpresse, Roland Tichy, Giovanni di Lorenzo

1. „Wie breit ist der Boulevard?“
(ndr.de, Video, 11:01 Minuten)
Die Klasse 52A der Deutschen Journalistenschule fragt 18 Redaktionen an, um etwas über die Regenbogenpresse zu erfahren. Erfolglos, denn Auskunft geben will ihnen niemand.

2. „Schweizer Mauer“
(faz.net, Jürg Altwegg)
Jürg Altwegg schreibt zum Verkaufsstopp einiger Zeitschriften aufgrund von nicht an die Kunden weitergegebenen Wechselkursvorteilen: „Dass die ausländischen Verlage es mit einer Preisreduktion nicht besonders eilig haben, hat indes kaum mit höheren Erlösen zu tun. Für sie ist die Schweiz als Markt nicht besonders wichtig und der Auslandsvertrieb ein Defizitgeschäft. Die Verleger mögen darauf spekulieren, dass die Schweizer angesichts der abschreckenden Preise merken, dass sie die Zeitungen einzeln und im Abonnement online zu Euro-Preisen beziehen können.“

3. „BILD feuert neue Breitseite gegen die Energiewende“
(sfv.de, Rüdiger Haude)
Eine Kritik des Artikels „Kassiert die Solar-Lobby die Kindergelderhöhung?“ (bild.de, Roland Tichy): „Bei dem Ausmaß an Gepolter, das Tichy entfaltet, und bei der Absurdität der demagogischen Komposition fragt man sich, ob hier eine in die Ecke gedrängte, waidwunde Raubkatze in letzter Verzweiflung um sich beißt (die Arroganz der Macht, wie in früheren Zeiten, ist das jedenfalls nicht mehr). Hoffen wir, dass es so ist. Lassen wir Tichy und BILD schäumen – es gilt den Klimawandel zu begrenzen!“

4. „Von Charlie Hebdo bis Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg der Selbstmit-Leid-Medien“
(zeitgeisterjagd.de, Matthias Heitmann)
Matthias Heitmann sieht eine „vollständige Auflösung des einstigen Selbstverständnisses von Medien und dem daraus abgeleiteten Recht auf Meinungsfreiheit. Ursprünglich ging es bei dessen Verteidigung darum, sich selbst – und damit auch den Bürgern – die eigene Meinung durch herrschende Kräfte, also durch die weltliche oder religiöse Macht im Staat, nicht verbieten zu lassen. Heute hingegen verstehen sich Medien als Bestandteil des Herrschaftsapparates und meinen nun, sich gegen den etwaigen Leserzorn abschotten zu müssen. Die größte Gefahr für die Debattenkultur im Lande geht dieser Sichtweise folgend nicht mehr von ‘den Mächtigen’ aus, sondern von sogenannten ‘Trollen’.“

5. „Kontext is Queen“
(socialmediawatchblog.org, Christian Simon, teilweise englisch)
Christian Simon befragt Jane Reynolds, die auf einem Instagram-Foto zu sehen ist, dessen Veröffentlichung durch Tilo Jung dazu geführt hat, dass dieser „vorübergehend keine neuen Beiträge“ auf Krautreporter.de veröffentlichen darf. Reynolds: „If that picture was used to promote violence against women, or any violence for that matter, I would hate it. I don’t think it ever will, because it’s just a joke, but there’s definitely people who could use it in that context.“

6. „Endlich: das Prinzessinnen-Pitch-Video!“
(prinzessinnenreporter.de, Video, 4:39 Minuten)

Presserat rügt Vergewaltiger-Selfie

Vor gut sechs Monaten berichtete „Bild“ über einen Mann, der zwei Frauen vergewaltigt und sich währenddessen mit den Opfern fotografiert hatte. „Selfie-Vergewaltiger“ nannte „Bild“ den Mann — und druckte eines der bei den Taten entstandenen Fotos unfassbarerweise auf der Titelseite ab:


(Verpixelung von uns.)

Für die Veröffentlichung sind „Bild“ und Bild.de am Freitag vom Presserat öffentlich gerügt worden. Obwohl das Gesicht des Opfers unkenntlich gemacht worden war (online soll es, wie uns eine Leserin schrieb, kurzzeitig sogar ohne jede Unkenntlichmachung zu sehen gewesen sein), erkannte der Beschwerdeausschuss einen Verstoß gegen die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde), 8 (Schutz der Persönlichkeit) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Als besonders gravierende Verletzung der Würde des Opfers bewertete er den Umstand, dass BILD und BILD Online ein Foto veröffentlichten, welches der Täter während der Tat als „Trophäe“ angefertigt hatte.

… heißt es in der Mitteilung des Presserats.

Es war bei Weitem nicht die einzige „Sanktion“, die der Beschwerdeausschuss gegen die „Bild“-Medien ausgesprochen hat: Insgesamt erhielten sie drei öffentliche Rügen, sechs Missbilligungen und vier Hinweise, also mal wieder mehr als jedes andere Medium.

Die zweite Rüge erhielt Bild.de für die identifizierende Berichterstattung über ein Mordopfer. Das Portal hatte ein unverpixeltes Foto der Frau bei der Arbeit gezeigt und verstieß damit gegen Richtline 8.2 des Pressekodex, nach der die Identität von Opfern besonders zu schützen ist.

Die dritte Rüge ging an die Hamburger „Bild“-Ausgabe, die den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen, den Wohnort sowie ein Porträtfoto eines 16-Jährigen veröffentlicht hatte, der wegen Mordverdachts vor Gericht saß.

Über einen jugendlichen Straftäter derart identifizierend zu berichten, wertete der Ausschuss als einen schweren Verstoß gegen den Pressekodex (Ziffer 8, Schutz der Persönlichkeit, Richtlinien 8.1 und 8.3). Die Identität von Kindern und Jugendlichen genießt besonderen Schutz, auch bei schweren Straftaten.

Kritisiert wurde auch dieser Artikel der Dresdner „Bild“-Ausgabe:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Im Text behauptete der „Bild“-Reporter:

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Bautzen kaufte dem Rettungsdienst stich- und schusssichere Westen. (…) Offenbar geht es vor allem um Einsätze im Spreehotel – der Vier-Sterne-Herberge, wo neuerdings Asylbewerber untergebracht sind.

Allerdings haben die Polizei, das DRK und der Betreiber des Heims schon mehrfach klargestellt, dass diese Darstellung falsch ist. Denn erstens ist das Hotel keine „Vier-Sterne-Herberge“ mehr (der Hotelbetrieb wurde vor geraumer Zeit eingestellt), zweitens sind es höchstens stich- und keine schusssicheren Westen, und drittens wurden sie nicht „aus Angst vor Attacken aus dem Asyl-Hotel“ besorgt, wie „Bild“ behauptet, sondern um die Rettungskräfte ganz allgemein und bei allen Einsätzen zu schützen (BILDblog berichtete hier und hier.) Auch der Presserat erkannte in dem Artikel einen Verstoß gegen Ziffer 2 (Sorgfalt) und sprach eine Missbilligung aus.

Ebenfalls beanstandet wurde die Veröffentlichung eines Fotos bei Bild.de, auf dem ein Baby zu sehen ist, das von seinem Vater schwer verletzt worden sein soll. Da das Foto im Krankenhaus entstanden ist, einem laut Pressekodex besonders geschützten Raum, erhielt Bild.de eine Missbilligung.

Missbilligt wurde auch dieser „Bild“-Artikel:


(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

„Bild“ hatte die Bilder der Überwachungskamera (auch auf der Titelseite) veröffentlicht, ohne die Staatsanwaltschaft oder die Angehörigen des Opfers um Erlaubnis zu bitten (BILDblog berichtete). Der Presserat wertete die Veröffentlichung als unangemessen sensationelle Darstellung (Verstoß gegen Ziffer 11) und sprach eine Missbilligung aus.

Und dann war da ja noch dieser Artikel:

„Bild“ hatte kurz vor Weihnachten suggeriert, dieser Vorschlag sei vom Grünen-Politiker Omid Nouripour eingebracht worden (in der Print-Ausgabe hieß es gar: „Politiker fordern“). Doch tatsächlich stammte er von der Zeitung selbst (BILDblog berichtete): Nouripour erklärte uns, dass ihn eine „Bild“-Reporterin angerufen und gesagt habe:

Wir bringen zu Weihnachten ja immer gute Nachrichten. Und da haben wir uns gefragt, ob es nicht eine schöne Idee wäre, wenn in christlichen Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen würden.

Daraufhin habe er geantwortet: Nein, das sei keine gute Idee. Wenn, dann sollte es eine Art Tausch geben: Muslimische Lieder in der Kirche, christliche Lieder in der Moschee.

In einer Pressemitteilung erklärte die „Bild“-Zeitung später, sie habe die Zitate im Artikel korrekt wiedergegeben, was ja auch stimmen mag. Dass die Schlagzeile den Sachverhalt trotzdem falsch zusammenfasst, befand aber auch der Beschwerdeausschuss des Presserats, der deshalb eine weitere Missbilligung gegen „Bild“ aussprach.

Einen sogenannten Hinweis bekam Bild.de außerdem wegen der Verwendung der Lach-Wein-Wut-Wow-Staun-Leiste unter einem Artikel über ein Attentat mit mehreren Toten.

Die Möglichkeit, diese Nachricht auf Basis von positiven Emotionen zu bewerten, verstößt aus Sicht des Beschwerdeausschusses gegen das Ansehen der Presse gemäß Ziffer 1 des Pressekodex. Die Redaktion hätte diese Bewertungsmöglichkeit für den Artikel vorab deaktivieren müssen.

Auch unter anderen Artikeln können die Leser bei Bild.de über Tote und Verletzte lachen, was sie auch tun (BILDblog berichtete, andere auch). Dass der Presserat nur diesen einen Fall kritisiert hat, liegt daran, dass nur dazu Beschwerden eingegangen sind. Deaktiviert wird die Leiste im Übrigen nur selten — bei Kommentaren von „Bild“-Chef Kai Diekmann zum Beispiel.

Die „Goslarsche Zeitung“, die Zeitschrift „Welt der Wunder“ und die „TV Hören und Sehen“ fingen sich jeweils eine Rüge ein, in allen drei Fällen wegen Verstößen gegen Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion).

Eine weitere Rüge ging schließlich an shz.de, das Nachrichtenportal des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, das im Jahr 2009 in der Berichterstattung über einen laufenden Mordprozess identifizierend über einen Angeklagten und dessen Vater berichtet hatte. Der Ausschuss stellte einen Verstoß gegen Ziffer 8 fest: Die identifizierende Berichterstattung vor Abschluss des Strafverfahrens sei unzulässig.

Siehe auch: Mitteilung des Presserats

Wechselkursvorteile, Muslime, Focus Online

1. „Coop listet ausländische Zeitschriften aus“
(coop.ch)
Weil ausländische Zeitschriften Wechselkursvorteile nicht an die Kunden weitergeben, nimmt sie der Schweizer Einzelhändler Coop aus dem Angebot: „Ab sofort und bis auf weiteres werden folgende Zeitschriften nicht mehr bei Coop verkauft: In der Deutschschweiz Gala, Spiegel, Micky Maus, Neue Post, Freizeit Revue sowie die deutschsprachige Ausgabe der Vogue. In der französischen Schweiz sind es die Titel Grazia, Elle, Paris Match, Point de Vue sowie die französischsprachige Ausgabe der Gala. In der italienischen Schweiz die Titel, Grazia und Chi.“ Siehe dazu auch „Heftli-Boykott: Für den Preisüberwacher nur der Anfang“ (srf.ch, Philip Kempf).

2. „Der Terrorismus als Kind der Medien“
(tagesanzeiger.ch, Bruno S. Frey)
Bruno S. Frey schlägt vor, Terrorakte nicht mehr konkreten Tätern und Organisationen zuzuordnen: „Journalisten versuchen verzweifelt, herauszufinden, ob sich jemand zu einem Terrorakt bekennt. Sie betteln beinahe darum, dass sich jemand damit brüstet. Sobald dies eine Organisation tut, erreicht sie riesige Aufmerksamkeit. Damit wird der Terrorismus belohnt. Wenn die Medien hingegen auf eine Zuordnung verzichten und vielmehr glaubwürdig berichten, dass viele verschiedene Gruppen und Personen das Verbrechen für sich in Anspruch nehmen, werden die tatsächlichen Täter und deren Organisationen frustriert.“

3. „Why Mail Online is wrong to publish a photograph of a dying woman“
(theguardian.com, Roy Greenslade, englisch)
Roy Greenslade schreibt zur Veröffentlichung eines Bilds einer sterbenden Frau (BILDblog berichtete): „I think my friend is right to say that this woman did have rights of privacy. And her relatives and friends will probably find it very upsetting indeed. It will appeal only to the ghoulish and I cannot see any public interest reason for its publication.“

4. „Dieser böse, böse Islam“
(taz.de, Eren Güvercin)
Muslime in den deutschen Medien: „Extreme dominieren das Islambild, und die breite Mitte der Muslime bleibt erschreckend abwesend. Zumindest auf der medialen Plattform.“

5. „Fair play bei der Tagesschau“
(wahrheitueberwahrheit.blogspot.de, Thomas)
Tagesschau.de zieht im Artikel „Barcelona top – Sotschi Flop“ eine „Bilanz bisheriger Olympiastädte“.

6. „Profitieren Sie von der geballten Wissenskompetenz von ‘Focus Online’!“
(stefan-niggemeier.de)
Die „geballte Wissenskompetenz“ von „Focus Online“ bezüglich Rechtschreibung.

Auf 799,2 Milliarden mehr oder weniger kommt es bei Griechenland auch nicht mehr an

Laien-Darsteller / Janis Varoufakis ist angetreten, die Elite des Landes zur Kasse zu bitten. Doch in Wirklichkeit lässt er sie in Ruhe. Auch die 800 Milliarden Euro griechischen Vermögens in der Schweiz rührt er nicht an

Die „Welt am Sonntag“ nennt Yanis Varoufakis, den griechischen Finanzminister, einen „Laien-Darsteller“. Weil er griechische Vermögen, die auf Schweizer Konten liegen und womöglich nicht versteuert wurden, unbehelligt lasse. Es handele sich um 800 Milliarden Schweizer Franken, weiß das Blatt. 800 Milliarden!

800 Milliarden Schweizer Franken (was sehr grob auch 800 Milliarden Euro entspricht), das wären mehr als dreimal so viel, wie in Griechenland insgesamt im Laufe eines Jahres erwirtschaftet wird. Das komplette Bruttoinlandsprodukt Griechenlands von drei Jahren soll auf Schweizer Konten liegen?

Die Zahl ist natürlich falsch. Sie ist sogar um den Faktor 1000 falsch. Gemeint haben die Profi-Journalisten von der „Welt am Sonntag“ 800 Millionen Schweizer Franken.

Es handelt sich nicht um einen einmaligen Tippfehler. Die falsche Angabe zieht sich durch den Artikel, über dem nicht weniger als drei Autorennamen stehen: Jan Dams, Martin Greive und Sebastian Jost. Sie findet sich auch in einem Kasten und einer Infografik, unter der verlockenden Überschrift „Ein Schatz, der nur gehoben werden muss“:

Die groteske Zahl hat es in besonders gehässiger Form auch auf die Titelseite der „Welt am Sonntag“ geschafft:

Janis Varoufakis: Warum ihm 800 Milliarden Schweizer Franken egal sind

Und ins Editorial des stellvertretenden Chefredakteurs Beat Balzli, der hämisch schreibt:

Das Netz spottet über einen Mann, der eigentlich Athens Finanzen in Ordnung bringen soll und stattdessen wie ein Popsternchen auf jede Bühne springt. So warten etwa die Schweizer bislang vergeblich auf seinen Besuch. Im Alpenland liegen griechische Vermögen im Umfang von mindestens 800 Milliarden Franken. Die Regierung in Bern ist längst bereit für ein Steuerabkommen. Varoufakis offenbar nicht.

Die Zahl ist so unglaublich, dass die Nachrichtenagentur dpa beschloss, sie ungeprüft weiter zu verbreiten. Am Sonntagmittag meldete sie unter Berufung auf die „Welt am Sonntag“:

Nach Statistiken der Schweizer Notenbank sind rund 800 Milliarden Euro griechisches Vermögen in der Schweiz. Diese Zahl wurde Ende 2013 ermittelt. Ein großer Teil der Zinseinnahmen auf dieses Geld dürfte unversteuert geblieben sein. Mittlerweile könnte es um noch mehr Geld gehen, weil viele Griechen in der aktuellen Krise ihre Bankkonten leergeräumt haben.

Die absurde Zahl schaffte es in der Folge unter anderem in die Online-Auftritte von „Spiegel Online“, n-tv, „Manager Magazin“, „Bild“, „Stuttgarter Nachrichten“, „Oberbayerisches Volksblatt“, „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Es dauerte bis 20:38, bis dpa sich – wiederum unter Berufung auf die „Welt“ – korrigierte. In einer neuen Version der Meldung „(Berichtigung: Vermögenssumme im 3. Absatz korrigiert)“ standen nun Millionen statt Milliarden. „Welt Online“ ergänzte seinen korrigierten Artikel um den Absatz:

In einer früheren Version des Textes hieß es, nach Statistiken der Schweizer Notenbank lagerten rund 800 Milliarden Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Richtig ist: Es lagerten 800 Millionen Franken griechisches Vermögen in der Schweiz. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.

Trotzdem steht die falsche Zahl heute in vielen Tageszeitungen, im „Tagesspiegel“, in der „Berliner Zeitung“, im „Hamburger Abendblatt“, in der „Rheinischen Post“, in der „Nürnberger Zeitung“, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, in den „Salzburger Nachrichten“ …

In all diesen Redaktionen war keinem der Journalisten, deren Beruf es ist, Artikel über Griechenland zu verfassen oder redigieren, aufgefallen, dass die Zahl von 800 Milliarden Schweizer Franken so grotesk hoch ist, dass sie gar nicht stimmen kann. Sie alle haben eine um den Faktor tausend (oder in absoluten Zahlen: um 799,2 Milliarden Schweizer Franken) zu hohe Zahl für realistisch gehalten. Oder sich nicht damit aufgehalten, das, was sie in ihre Zeitung drucken, einem Realitätscheck zu unterziehen.

Sie alle haben die irrwitzige Zahl übernommen, die aus einem Artikel der „Welt am Sonntag“ stammt, der dem griechischen Finanzminister vorwarf, laienhaft zu agieren.

Tilo Jung, Peter Sloterdijk, VPRT

1. „Drei in einem Boot“
(faz.net, Michael Hanfeld)
Gemäß einem „Spiegel“-Bericht hat der Verband Privater Rundfunk und Telemedien VPRT eine Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen den Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ eingelegt: „Dieser Verbund, so der VPRT, verzerre den Wettbewerb und entspreche nicht dem Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Er lasse die von allen Beitragszahlern entrichtete Gebühr auch der SZ zugutekommen, stelle mithin eine kommerzielle Tätigkeit dar, verschaffe der Zeitung unbezahlbare crossmediale Vorteile und verstoße gegen das Rundfunk-, das Vergabe- und das EU-Beihilferecht.“

2. „Media blackout: would I be happier if I didn’t read the news?“
(theguardian.com, Jesse Armstrong, englisch)
Jesse Armstrong, nach eigenen Angaben ein „heavy user“ von News, konsumiert während einem Monat keine Nachrichten: „Well, at this point in my life, is there any chance I will change my essential views? I’ve developed a herd-immunity theory of the news: it is probably important someone is reading about all the horrible and boring things in the world. But does that need to be me? I know how I will vote. I’m signed up to my pathetic monthly direct debits to charities and campaigning organisations. I have built a confirmation bias so strongly into my own fabric that it’s hard to imagine a fact that could wonk me. At some level, the news has become a vast apparatus for continually proving me right in my pre-existing prejudices about the world.“

3. „Ein Fehltritt, schon sind alle auf der Palme“
(faz.net, Rainer Meyer)
Die Diskussion um einen Instagram-Beitrag von Tilo Jung und seine Beziehung zu Krautreporter.de: „Der komplizierte und von diversen Interessen geprägte Konflikt macht deutlich, wie riskant die Idee werden kann, sich direkt über Leser zu finanzieren, die es zudem gewohnt sind, ihre Kritik schnell und deutlich zu äußern.“

4. „Der Fall Tilo Jung und die Empörung über die Empörung“
(publikative.org, Patrick Gensing)
Auch Patrick Gensing schreibt über Tilo Jung: „Er lässt die von ihm ausgewählten Leute ausführlich zu Wort kommen, so dass sich die Zuschauer aus einem Wust von Statements nicht nur die relevanten Stellen raussuchen sollen, sie sollen diese auch noch einordnen bzw. auf Glaubwürdigkeit / Wahrheitsgehalt überprüfen. Da wo die Arbeit des Journalisten anfängt, hört Jung & Naiv sozusagen einfach auf.“

5. „‘Der Zeitgeist ist heute grün, 
und der ist in mir auch am Werk'“
(tagesanzeiger.ch, Rudolf Burger)
Peter Sloterdijk hat sich kürzlich einen neuen Fernseher einbauen lassen, „aber nur, um festzustellen, dass ich ihn nicht brauche“: „Fast jedes Mal, wenn ich doch noch fernsehe, beobachte ich Dinge, die mir nicht gefallen. An manchen Tagen gibt es nur noch Müll, der unterbrochen wird von Abfall, der unterbrochen wird von Schwachsinn.“

6. „Missverständliche Titel II: ‘BZ'“
(blogs.taz.de/reptilienfonds, Jakob Hein)

Sterben live (2)

Gestern ist vor der Küste Mexikos ein Boot mit einem Wal kollidiert. Dabei erlitt eine 35-jährige Frau so schwere Verletzungen, dass sie wenig später verstarb. Und weil aus irgendeinem Grund auch ein Fotograf anwesend war, der festhielt, wie die Freunde nach dem Unglück verzweifelt versuchen, die Frau wiederzubeleben, haben Bild.de und andere Medien nun auch das passende Bildmaterial, um den Pressekodex mal wieder mit Füßen zu treten:

Bild.de:

Blick.ch:

20min.ch:

In Ziffer 11 des Pressekodex heißt es:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

Und in Richtlinie 11.1:

Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Apropos Jugendschutz: Die Fotos der sterbenden oder bereits gestorbenen Frau (deren Gesicht immerhin nicht zu erkennen ist, weil ein Tuch darüber liegt) haben es sowohl bei Bild.de als auch bei Blick.ch und 20min.ch bis auf die Startseite geschafft.

Swissleaks, Elektro-Smog, IS

1. „Journalismus aus dritter Hand? Die SZ und ihre Leaks“
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal schreibt zu den Swissleaks: „Die Süddeutsche Zeitung präsentierte ihre neueste Datenleck-Story offenbar unter dem Motto: Wir wissen eine ganze Menge, aber wir sagen nix. (…) Im fünften Absatz folgt dann die herbe Enttäuschung, das journalistische April, April: ‘Die Süddeutsche Zeitung wird deren Namen nicht nennen.’ Weil es Ärger mit den Anwälten geben könnte. Weil nicht so recht klar ist, ob das Ganze nicht völlig legal ist. (…) Ja, ne, is klar. Erst zwei volle Breitseiten ‘Enthüllung’ abschießen, um anschließend bei Formulierungen zu landen wie ‘zwar Verdachtsmomente’, ‘könnte sein’, ‘deutet darauf hin’, ‘wird noch geprüft’, ‘ist nicht bekannt’. Und das wird dann an die große Glocke gehängt?“

2. „Eine Frage der Glaubwürdigkeit“
(medienspiegel.ch, Christof Moser)
Christof Moser kritisiert den Umgang von Schweizer Medien mit Native Advertising.

3. „DRadio: Angst essen Journalismus auf“
(aargks.wordpress.com)
Aargks recherchiert den Deutschlandradio-Kultur-Beitrag „Elektro-Smog: Die unsichtbare Belastung“ nach.

4. „Propaganda, Wahrheit und der Westen: Was tun?“
(medienwoche.ch, Fabian Baumann)
Fabian Baumann gibt Tipps zum „Umgang mit der russischen Propaganda“: „Wollen die westlichen Medien dem eigenen Anspruch auf Ausgewogenheit nachkommen, ist es zentral, die Einseitigkeit der Putin-Medien zu vermeiden und auch deren Argumente zu Wort kommen zu lassen, zum Beispiel in Interviews mit russischen Politikern und Journalisten. Wenn man auch mit dem allgemeinen Standpunkt der russischen Regierung nicht einverstanden ist, so können einzelne Aspekte davon doch bedenkenswert sein.“ Siehe dazu auch „Die Wahrheit liegt eben nicht in der Mitte“ (zeit.de, Alice Bota).

5. „Presserat: ‘Krone’ vor ‘Österreich’ mit den meisten Verstößen“
(derstandard.at, Oliver Mark)
35 Verstöße gegen den Pressekodex in Österreich 2014: „Der überwiegende Teil, nämlich 32, ging auf das Konto von ‘Kronen Zeitung’ (16), ‘Österreich’ (11) und ‘Heute’ (5) – jenen drei Boulevardmedien, die sich nicht der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen haben.“

6. „Milde Vernunft“
(freitag.de, Romy Straßenburg)
Ein Interview mit Journalist Nicolas Hénin, der von der Terrororganisation Islamischer Staat entführt und während zehn Monaten gefangen gehalten wurde: „Man kann den IS in vielen Punkten mit einer Sekte vergleichen. Es herrschen die gleiche totalitäre Organisation und Konditionierung. Menschen, die einer Sekte entkommen wollen, wird in unserer Gesellschaft Hilfe angeboten. Doch als Dschihadist kannst du nicht einfach aussteigen.“

Momonews, Eric Gujer, Photoshop

1. „Manipulierte Fotos: World-Press-Jury siebt aus“
(ndr.de, Video, 5:23 Minuten)
In der vorletzten Runde des World Press Award konnten jeder fünften eingereichten Fotoarbeit nachträgliche Bildmanipulationen nachgewiesen werden.

2. „Wer sagt denn, dass inszenierte Fotos lügen?“
(welt.de, Ronja Larissa von Rönne, 6. März)
Der Aufgabenbereich des Journalismus müsse mehr „als die Realität und ihr originalgetreues Abbild“ umfassen, findet Ronja Larissa von Rönne: „In einer Welt, in der jeder Zwölfjährige seine Bilder durch den Retrofilter schickt, bevor er sie in die sozialen Netzwerke einspeist, wirkt der Photoshop-Bann so veraltet wie das Wort Bandsalat. Je besser arrangiert und schöner aufbereitet ein Bild wirkt, desto mehr Likes und Aufmerksamkeit gibt es. Die ästhetischen Maßstäbe haben sich verändert, die des Fotojournalismus verharren tief in den Zeiten der Analogfotografie und des analogen Daseins.“

3. „Ein Mann legt Dortmund lahm“
(faz.net, Melanie Mühl)
„Mohamed Satiane ist dafür bekannt, Mohamed Satiane zu sein“, schreibt Melanie Mühl über Momonews: „Satiane postet gern Handyvideos, Selfies, mag Hiphop und spielt Fußball. ‘Shades of Grey’ hat er im Kino gesehen, fand er aber doof. Sein Lächeln ist niedlich, die Oberarme sind durchtrainiert. Ansonsten? Nichts. Was er der Öffentlichkeit präsentiert, ist atemberaubend talentfrei. Darin besteht offenbar die Pointe.“

4. „A propaganda merry-go-round: what North Koreans watch on TV“
(theguardian.com, Subin Kim, englisch)
Staatsfernsehen in Nordkorea: „With little diversity on North Korean TV and extensive repetition – schedules show that a majority of the movies are re-runs – perhaps it’s not surprising that South Korean dramas are so popular among ordinary North Koreans, despite harsh penalties if they are caught.“

5. „‘Wir sind kein Parteiblatt'“
(tagesanzeiger.ch, Jean-Martin Büttner und Christian Lüscher)
Ein Interview mit Eric Gujer, dem neuen Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Die Linie der Zeitung ist in den Statuten vorgegeben und bleibt gültig: Die NZZ bleibt eine Zeitung mit liberaler Haltung.“

6. „‘Der überwältigende Rausch blieb aus'“
(nzz.ch, Nina Fargahi)
Ein Interview mit Journalist Reda El Arbi, der während 15 Jahren heroinabhängig war: „Wenn ich die extremen, spannenden und aufregenden Momente in den 15 Jahren Sucht zusammenzähle, komme ich vielleicht auf drei Wochen. Es ist hart, jeden Morgen dem Stoff nachrennen zu müssen, die Leute in seinem Umfeld anzulügen, weil man ein Doppelleben führt, das Geld für die Drogen zu jonglieren, nur damit man abends schlafen kann. Es ist ein langweiliges, eintöniges und sehr anstrengendes Leben.“

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„Die von der ‘Bild’ sind ja nicht doof — aber eben schlechte Menschen“

Seit fast fünf Jahren verkauft Winfried Buck in seinem Kiosk in Hamburg-Ottensen keine „Bild“-Zeitung mehr. Wir haben ihn besucht.

BILDblog: Auf dem Weg hierher habe ich eine Passantin gefragt, wie ich denn zu dem Kiosk komme, bei dem es keine „Bild“ mehr zu kaufen gibt. Sie sagte: „Sowas gibt’s hier nicht. Ein Kiosk ohne ‘Bild’ kann ja gar nicht überleben.“ Nagen Sie schon am Hungertuch, Herr Buck?

Nein, mir geht’s prima. Fairerweise muss man aber sagen, dass hier in dieser Gegend die „Bild“ nicht das vorherrschende Medium ist. Hätte ich jetzt einen Laden im Hamburger Hafen oder im Industriegebiet von Duisburg, dann wäre das sicherlich eine andere Geschichte.

BILDblog: Warum haben Sie damals entschieden, die „Bild“-Zeitung zu boykottieren?

Das war eine ganz spontane Idee. Damals kam diese berühmte Ausgabe raus, die mit dem Sarazzin-Thema …

BILDblog: … „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Buck: Genau. Und da waren der Herr Krause [der ein paar Meter weiter eine Bäckerei betreibt, Anm.] und ich dermaßen wütend, dass wir gesagt haben: Jetzt ist Schluss. Wir verkaufen die nicht mehr.

BILDblog: Wie haben die Leute darauf reagiert?

Wir wurden regelrecht überflutet. Viele haben uns gelobt und beglückwünscht, manche haben uns auch gehasst und gefragt, was das soll, und dann kamen der Deutschlandfunk und die „taz“ und andere Medien, das war aber alles gar nicht beabsichtigt. Ich meine, wir haben nur ein Blatt rausgenommen. Das riesige Echo hat uns total überrascht. Dann breitete sich auch im Internet ein tierischer Schwall aus, auch in den rechtsradikalen Foren, sogar mit Drohungen gegen uns. Da kann man auch schon sehen, in welchem Spektrum die Freunde der „Bild“-Zeitung angesiedelt sind.

Ein Kunde kommt rein, legt wortlos die „Süddeutsche“ auf den Tresen, stellt sich in eine Ecke und hört dem Interview zu. Offenbar kommt er öfter hierher.

BILDblog: Das heißt, Sie haben sich auch vorher schon über die „Bild“-Zeitung aufgeregt, nicht nur über die Sarazzin-Geschichte?

Buck: Die „Bild“-Zeitung hab’ ich immer schon gehasst. Ich hab’ auch noch nie in meinem Leben eine gekauft. Das war schon in meinem Elternhaus ein No-Go. Aber wenn du so einen Laden hast, verkaufst du halt auch alles, was dazugehört.

Kunde: Musst du auch, Winnie. Auch wenn’s wehtut. Das ist Pluralismus. Geht nicht anders.

BILDblog (zum Kunden): Sie finden es also nicht gut, dass es hier keine „Bild“-Zeitung gibt?

Kunde: Eigentlich kannst du das nicht machen.

Buck: Hmm …

Kunde: Das ist so! Das ist Pluralismus. Was man machen kann: Die Leute, die das Ding kaufen, mal ein bisschen strafend angucken. Aber zu sagen: „Bild“ verkaufe ich nicht, ist eigentlich nicht haltbar im demokratischen Sinne.

Buck: Streng genommen hast du da recht.

BILDblog: Aber es ist auch nicht haltbar im demokratischen Sinne, gegen die Griechen zu hetzen.

Kunde: Ja, aber … es ist schwierig. Wo die Meinungsfreiheit enden darf und kann, ist ja immer auch von Subjektivität getragen.

Buck: Presserechtlich ist es auf jeden Fall interessant. Ich bin zum Beispiel verpflichtet, das, was ich geliefert bekomme, auch anzubieten. Das mache ich natürlich nicht, weil ich so viele Sachen geliefert bekomme, von denen ich weiß, dass ich sie auf keinen Fall verkaufen werde. „Fisch & Wurm“ und „Angel & Watt“ und so, die remittiere ich, das machen auch de facto alle so. Und wenn ich die [rechtsextreme, Anm.] „National-Zeitung“ kriege, schicke ich die auch zurück, obwohl ich sie eigentlich anbieten müsste. Es gibt ja auch Einzelhändler, die sagen: Ich verkaufe keine Produkte von Nestlé. Oder Produkte mit Gen-Food von Monsanto.

Kunde: Es ist schwierig. Ich hab’ einfach schnell Bauchschmerzen, wenn es darum geht, das Recht der Medien zu kappen. Ich finde aber auch: Wenn man eine Zeitung machen will, muss man sich verdammt im Klaren darüber sein, was für eine Verantwortung man da hat.

Buck: Zwei „Bild“-Ausgaben kriege ich auch immer noch geliefert. Also wenn jetzt jemand unbedingt darauf bestehen würde, sie zu bekommen, dann würde ich sie ihm auch geben. Und es ist ja nicht so, dass es hier keine „Bild“ sonst gäbe. Man muss nur ein paar Meter weiter gehen, zum Griechen, der verkauft sie noch.

Der Kunde muss los, seine Tochter wartet schon, er bezahlt und geht.

BILDblog: Diskutieren Sie häufiger mit Kunden über das Thema?

Buck: Am Anfang war das schon so, ja. Inzwischen wissen die Leute, die hier herkommen, aber meistens schon Bescheid, darum kommen solche Grundsatzdiskussionen nicht mehr so häufig vor. Wobei die allermeisten ohnehin gesagt haben, dass sie die Aktion gut finden.

BILDblog: Haben Sie denn auch Kunden verloren?

Buck: Natürlich. Aber auch viele neue dazugewonnen, die ihre „Zeit“ oder ihr „Abendblatt“ jetzt eben bei mir kaufen. Aber das war wirklich nicht beabsichtigt.

BILDblog: Konnten Sie auch Leute dazu bewegen, die „Bild“-Zeitung nicht mehr zu lesen?

Buck: Es gab, wie ich gehört habe, tatsächlich einige Familiendiskussionen über das Thema. Und mir sind drei Leute bekannt, die gesagt haben: Im Grunde ist das richtig — und sie seitdem nicht mehr lesen. Ich habe auch einen Brief aus Süddeutschland bekommen: Da hat jemand den „taz“-Artikel ausgeschnitten, ist damit zu seinem Kiosk gegangen und hat gesagt: Hier, guck mal, es geht!

BILDblog: Hat er die „Bild“ dann auch rausgenommen?

Buck: So weit ich weiß, nicht.

BILDblog: Kennen Sie denn andere Kioskbetreiber, die keine „Bild“ mehr verkaufen?

Buck: Nein, nur den Kollegen Krause hier aus der Straße.

BILDblog: Was glauben Sie, woran das liegt?

Buck: Mein Eindruck ist, dass es vielen Kioskbetreibern eigentlich völlig egal ist, was sie verkaufen. Die verkaufen auch Biersorten, die ich nie anbieten würde. Das sind Gewinnmaschinen, denen ist das egal.

BILDblog: Wie viele „Bild“-Ausgaben haben Sie vorher pro Tag verkauft?

Buck: 15 bis 20.

BILDblog: Und wie hoch ist da der Gewinn?

Buck: In der Regel 18 bis 20 Prozent.

BILDblog: Also gut 13 Cent pro Ausgabe. Insgesamt drei Euro pro Tag.

Buck: Ja, es hält sich also in Grenzen. Aber wenn du einen Kiosk hast, ist es ja so: Der Kunde kauft nicht nur die „Bild“, sondern nimmt auch eine Schachtel Zigaretten mit oder den „Stern“ oder was auch immer.

BILDblog: Ihnen geht also schon Geld durch die Lappen.

Buck: Im ersten Schritt, ja. Aber jeder Kioskbetreiber verkauft natürlich lieber eine „Zeit“ für 4,50 als eine „Morgenpost“ für 80 Cent. Ich kann 12 „Mopos“ verkaufen oder einmal die „brand eins“ oder den „Cicero“, und da verkauft man natürlich lieber das höherwertige Produkt.

BILDblog: Was sagt eigentlich der Grossist, der Sie mit Zeitungen beliefert?

Buck: Erstmal war natürlich großer Aufruhr. Der Grossist hier in Hamburg gehört ja zum Axel-Springer-Verlag, der dachte sich bestimmt: Was macht der Irre aus Ottensen denn jetzt schon wieder?

BILDblog: Hatten Sie ihm denn vorher Bescheid gesagt?

Buck: Nö, der hat das auch erst aus der Presse erfahren. Er meinte zwar, dass das so nicht geht, aber er wollte es vermutlich nicht an die große Glocke hängen, und jetzt ist es halt so. Ich hab’ aber auch nicht damit gerechnet, dass der Springer-Verlag irgendwas gegen uns macht. Das kann ja nur peinlich für so einen Konzern werden, wenn er sich einen 15-Quadratmeter-Kiosk vorknöpft.

BILDblog: Andere Zeitungen von Springer verkaufen Sie aber weiterhin.

Buck: Ja. Das wird von den Leuten auch häufiger mal angesprochen. Die sagen: Wenn du konsequent wärst, dürftest du die „Mopo“ auch nicht mehr verkaufen. Ich sehe das nicht so. Die „Mopo“ ist auch ein Boulevardblatt, aber der Unterschied zur „Bild“ ist, dass die „Bild“ definitiv eine politische Agenda hat. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich verkaufe auch die „Bild der Frau“ oder die „Auto Bild“. Springer stellt ja auch vernünftige Zeitungen her. Das Entscheidende ist, dass die „Bild“-Zeitung diese widerliche politische Agenda hat. Und für dieses Ansinnen ist die schon verdammt gut gemacht: Die Anordnung, wie Themen zusammengebracht werden, wie Dinge immer wiederholt werden, wie Meinungshoheit geschaffen wird, wie Themen überhaupt erst angerührt werden, das machen die schon sehr gut. Die sind nicht doof. Aber eben schlecht. Das sind schlechte Menschen.

Ein älterer Herr steht schon länger im Laden und verfolgt kaffeetrinkend das Interview.

Buck (zeigt auf den Kunden): Der Herr da drüben war übrigens dabei, als alles losging. (Zum Kunden:) Du hast doch damals sogar noch eine „Bild“-Zeitung gekauft und zerknüllt draußen hingelegt.

Kunde (grinst): Echt? Zerknüllt? Pfui, war ich damals radikal! Gut, dass ich inzwischen die Altersmilde erworben habe.

Buck: Das Problem an der „Bild“-Zeitung ist auch, dass sie permanent spaltet. Mal sind es Rentner gegen Beamte, dann Beamte gegen Selbstständige, dann Selbstständige gegen Griechen … und immer wieder: Islam. Islam. Islam. Wie Hagen Rether schon im Kabarett sagt: Das Wort muss man immer nur wiederholen, dann spürt man schon, wie die Angst den Rücken hochgekrochen kommt: Islam. Islam. Islam. Die spalten halt immer — unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit.

Kunde: Sie benutzen das größte Machtmittel: Angst.

Buck: Genau. Verlustangst, Rentenangst …

Kunde: Das haben schon alte Philosophen gesagt: Beherrsche die Angst eines Volkes, und du hast es in der Hand.

Buck: … Krebsangst, Arbeitsplatzangst, Griechenangst, Islamangst …

Kunde: Die Angstkette darf nicht abreißen.

BILDblog: Und wie lange wollen Sie mit Ihrem Boykott noch dagegensteuern?

Buck: Bis zum Schluss. Solange ich hier drin bin, wird es keine „Bild“-Zeitung geben.

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