Das besondere „Bild“-Mitgefühl

Was mag in Eltern und Freundin des Todes-Piloten vorgehen? Sind sie mit der Tat des Sohnes nicht gestraft genug?

Gemeint sind in diesen zwei Fragen die Eltern und die frühere Freundin von Andreas L., dem Co-Piloten des Germanwings-Flugs 4U9525. L. hatte im März vergangenen Jahres ein Flugzeug in die französischen Alpen gelenkt, wodurch er und 149 weitere Menschen ums Leben kamen. Die oben zitierte Passage stammt aus einem Artikel, den „Bild“ und Bild.de am Dienstag veröffentlichten:



(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Der Mann, der Anzeige gegen die Eltern von Andreas L. erstattet hat, hat bei dem Unglück vor 16 Monaten seine Tochter und sein Enkelkind verloren. Der Lebensgefährte seiner Tochter ist ebenfalls gestorben. Die „Bild“-Medien schreiben dazu:

Der schwere Vorwurf des Düsseldorfer Unternehmers: Die Eltern [von L.] hätten sich mitschuldig gemacht. […]

Konkret geht es um die zahlreichen Arztbesuche des kranken L[.]. Eltern und Freundin hätten davon gewusst und den späteren Amok-Piloten zu den Medizinern begleitet, ihn jedoch nicht davon abgehalten zu fliegen, so die Anzeige. […]

Sein juristischer Beistand, Klaus Brodbeck, zu BILD: „Die Anzeige ist für uns die einzige Möglichkeit, dass in diese Richtung ermittelt wird.“ Für ihn komme der Straftatbestand der Beihilfe zur fahrlässigen Tötung in 149 Fällen in Frage.

Und nun fragt das Dreierautorenteam von „Bild“ also mitfühlend, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon genug gestraft seien.

Dass „Bild“-Mitarbeiter sich ums Wohlbefinden von Angehörigen von Tätern sorgen, ist, gelinde gesagt, überraschend. Gerade im Fall von Andreas L. Denn die „Bild“-Medien hatten wenige Tage nach der Tat von L. kein Problem damit, auch seine Eltern in den Fokus der Berichterstattung zu zerren:

Autor Tim Sönder nannte in dem Artikel die Berufe der beiden Eltern und ließ einen „Trauma-Experten“ eine Ferndiagnose über sie anstellen.

Nur wenige Tage später ging es in einem weiteren Artikel noch einmal um das Ehepaar L.:

Erneut wurden die Berufe genannt, dieses Mal von „Bild“-Mitarbeiter Philipp Blanke. Er ließ den „Trauma-Experten“ ebenfalls zu Wort kommen. Und bei seiner Recherche hat er offenbar auch im Umfeld der Familie rumgeschnüffelt — eine Nachbarin der Großeltern von L. erzählt in dem Text nämlich über die Kindheit des Piloten.

Nun kann man Andreas L. aufgrund seiner Tat als Person der Zeitgeschichte sehen. Doch seine Eltern sind kein Teil dieser Tat, dieses zeitgeschichtlichen Ereignisses. Sie haben das Recht auf Privatsphäre.

Davon unabhängig sollte man ihnen auch ein Recht auf Trauer zugestehen. Neben dem Verlust ihres Sohnes müssen sie auch verarbeiten, dass dieser für den Tod vieler weiterer Menschen verantwortlich ist. Doch wie soll das funktionieren, wenn die „Bild“-Medien jede Kleinigkeit nutzen, um über ihren Sohn zu berichten? Zum Beispiel wenn sich ein früherer Bekannter im Fernsehen über ihn äußert …

… oder wenn die „Tagesschau“ zum Jahrestag des Unglücks sein Gesicht nur verpixelt zeigt …

… oder wenn „Bild“ einen Mann findet, der genauso heißt wie ihr Sohn:

Sie müssen mit ansehen, dass Bild.de Fotos vom Grab ihres Sohnes veröffentlicht. Und dass Bild.de aus angeblichen privaten E-Mails ihres Sohnes zitiert:

Und dass Bild.de, gerade erst vor zwei Wochen, Fotos aus Ermittlungsakten veröffentlicht, die die private Wohnung von L. …




… und auch sein Kinderzimmers im Haus der Eltern zeigen:

Autor des Artikels ist Mike Passmann. Passmann ist es auch, der am Dienstag mit seinen zwei Kollegen fragte, ob die Eltern von Andreas L. nicht schon gestraft genug seien.

Hoax erkennen, Anschlagsadoption, Schwiegertochter gesucht

1. Hoax: Wie erkenne ich Falschmeldungen?
(digitalcourage.de)
Immer wieder werden Falschmeldungen im Internet lanciert, die teilweise jahrelang die Runde machen. Ob über E-Mail oder Messenger, als Tweets oder auf Webseiten. Doch wie erkennt man, dass es sich um ein falsches Digitalgerücht („Hoax“) handelt? Der sich für „Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“ engagierende Verein „Digitalcourage“ listet die Indizien auf, die für einen Hoax sprechen könnten und gibt Tipps für einen Faktencheck. Damit man sich „hinterher nicht auslachen lassen muss, weil man irgendeinen Unsinn geglaubt und weitergegeben hat.“

2. Die Schlacht um die Netzneutralität ist geschlagen und wir Journalisten haben es versemmelt
(djv-bw.de, Peter Welchering)
Beim Thema Netzneutralität haben die Netzaktivisten trotz einer groß angelegten Petition anscheinend die entscheidenden Schlachten verloren. Es gelang nicht, eine breitere Öffentlichkeit für das Thema zu interessieren. Journalist Peter Welchering lastet dies in seinem Zwischenruf vor allem seinen Berufskollegen an. „Nicht selten steckte da die mangelnde Bereitschaft dahinter, sich mit technischen Fragen auseinanderzusetzen. Unschöne Erinnerungen an den Mathematikunterricht längst vergangener Tage waren da leider allzu oft Triebfeder des Nicht-Handelns. Also müssen wir Journalisten mit dem Vorwurf vieler Internet-Ingenieure leben: Das mit der Netzneutralität haben wir Journalisten versemmelt. Und wir haben keine Entschuldigung dafür.“

3. 100 Jahre Elektrischer Reporter: So geht es weiter
(sixtus.net, Mario Sixtus)
Mario Sixtus feiert das zehnjährige Jubiläum des „Elektrischen Reporters“. Knapp 200 Folgen des Kurzmagazins rund ums Digitale entstanden bis zur aktuellen Sendung, die zugleich die letzte Sendung ist. Doch keine Sorge: „Aber das ist mitnichten das Ende des Elektrischen Reporter, im Gegentum! Künftig werden wir unter diesem Label für ZDFinfo Dokumentarfilme zu Digitalthemen produzieren. Die Zeiten haben sich geändert, vierminütige Beiträge werden dem Digitalen des Jahres 2016 einfach nicht mehr gerecht. Deswegen werden es künftig 45 Minuten sein. Zwei dieser Filme befinden sich bereits im Stadium der Vorproduktion.“

4. Wenn der IS Anschläge adoptiert
(zeit.de, Yassin Musharbash, Video, 5:05 Min.)
Der für das Investigativressort der „Zeit“ tätige Journalist Yassin Musharbash spricht über die Probleme bei der Täterzuschreibung nach Attentaten. Die Anschläge von Orlando, Nizza und Würzburg seien beispielsweise von der IS-nahen Medienstelle Amaq dem IS zugeschrieben worden. Musharbash sortiert und bewertet die verschiedenen Aspekte und rät zum Schluss zu Skepsis und sorgfältiger Prüfung. Auch, wenn dies Zeit koste: „Alleine, weil der IS etwas behauptet, ist es noch nicht wahr. Es ist oft wahr, es ist aber oft auch nur halbwahr. Und dann gilt es auch die Ermittlungsarbeiten der Sicherheitsbehörden abzuwarten, was sich in Übereinstimmung bringen lässt. Und ehrlich gesagt: Dann dauert es halt eine Woche, bis wir wissen, ob Amaq und der IS die Wahrheit gesagt haben.“

5. 21.07.1816 – Geburtstag von Paul Julius Reuter
(wdr.de, Ronald Feisel, Audio 14:36 Min.)
Mit vierzig Brieftauben überbrückte Paul Julius Reuter 1849 die Telegrafen-Lücke zwischen Aachen und Brüssel. Was so klein begann, sollte später Milliarden wert sein: Die nach Reuter benannte Nachrichtenagentur wechselte im Jahr 2007 für stolze 13 Milliarden den Eigentümer und ist nun im Besitz der kanadischen Thomson-Gruppe. In „WDR-Zeitzeichen“ geht es um den umtriebigen Agenturgründer und die bewegte Unternehmensgeschichte.

6. Regeln gesucht
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Es gibt Sendungen, in denen regelmäßig medienunerfahrene Menschen mit oft geringem Bildungsgrad vor den Augen der Fernsehnation lächerlich gemacht werden. „Schwiegertochter gesucht“ von RTL ist ein derartiges Format. Nachdem Jan Böhmermann („Neo Magazin Royale“) RTL einen falschen Bewerber untergejubelt hatte, gelobte der Sender Besserung. Nun hat man mit der Niedersächsischen Landesmedienanstalt „eine Reihe von Vorgaben zur Auswahl und Präsentation der Bewerber“ vereinbart. Boris Rosenkranz hat sich die Angelegenheit näher angeschaut und nachgefragt. (Um es positiv auszudrücken: Fans des unappetitlichen Demütigungs- und Voyeurformats mit ihren über den Tisch gezogenen und als skurril-schaurige Jahrmarktsattraktionen vorgeführten Mitwirkenden, brauchen sich keine allzu großen Sorgen um ihre Lieblingssendung machen.)

Genies unter sich

Kaum zu glauben, aber wahr:

Hein-Georg wird heut‘ siebzig J …

Ach nee, doch nicht:

Kaum zu glauben, aber wahr: In diesem Bild sind mehr als nur drei Gesichter zu erkennen!

„Dieses Bild“ ist das hier, das die Leute von Bild.de, wie sie schreiben, auf einem Instagram-Account namens „brainteaserss“ gefunden haben, auf dem vor einiger Zeit immerhin zehn verschiedene Rätselbilder gepostet wurden und der seit rund zweieinhalb Jahren inaktiv ist:

Von „brainteaserss“ (bzw. von irgendeiner, bis zu 15 Jahre alten, anderen Internet-Quelle) hat Bild.de auch die Auswertung des Rätsels übernommen:

Wenn du …

  • … sechs findest, hast du eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.
  • … sieben findest, hast du eine überdurchschnittliche Beobachtungsgabe.
  • … acht findest, bist du ein sehr aufmerksamer Mensch, Glückwunsch!
  • … neun findest, bist du extrem aufmerksam, sehr intuitiv und kreativ.

Oder, wie Bild.de es dann in eigenen Worten in der Überschrift formuliert:

(Um herauszufinden, warum Bild.de die Leser in dem Artikel eigentlich duzt, muss man vermutlich zwölf Personen auf dem Bild finden.)

Nun wird es aber etwas schwierig, die gesuchten neun Personen tatsächlich zu finden, denn das Gemälde („The General’s Family“ von Octavio Ocampo) ist bei „brainteaserss“ — wie an vielen anderen Stellen im Internet — am linken Rand ein bisschen zu weit beschnitten.

Es fehlt diese zweite, äußere Säule, die eigentlich nicht fehlen darf, wenn man die neun Personen finden will. Denn die Säule formt auch noch eine Gesichtssilhouette:

Das ist den Leuten bei Bild.de aber egal, die haben einfach ganz woanders noch ein Gesicht gefunden (hier mit der roten 8 „hervorgehoben“):

Für alle, die an der richtigen Lösung des Rätsels interessiert sind — die gibt es hier.

Mit Dank an Stefan W.

Abgetrumpte Michelle, Kollateralschäden, Titelmühle Focus

1. Melania Trump: Wie Jarrett Hill die Schummelei aufdeckte
(spiegel.de, Veit Medick)
Viele haben die Gegenüberstellung der Passagen in den letzten Tagen gesehen: Melania Trump kupferte Teile ihrer Rede bei Michelle Obama ab! Losgetreten wurde die Affäre jedoch nicht von professionellen Faktencheckern oder dem gegnerischen Wahlkampfteam, sondern von einem Ex-Journalisten, der in Los Angeles in einem Café saß und von seiner Beobachtung twitterte. Veit Medick über die Geschichte eines Zufalls und seine weitreichenden Folgen.

2. Holt uns die Gewalt bei Facebook ein?
(wired.de, Max Biederbeck, Audio, 10:43 min)
Ob wir es wollen oder nicht: Unsere Feeds werden von der aktuellen Nachrichtenlage bestimmt und das bedeutet, dass wir immer öfter Augenzeuge von Gewalt werden. „Wired“-Redakteur Max Biederbeck diskutiert im „detektor.fm-Interview“, was das mit Staat, Medien und Usern macht.

3. Brief an die WAZ
(facebook.com, Pascal Hesse)
Die „WAZ“ berichtete umfangreich über die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz, die ihren Lebenslauf gefälscht hat und gegen die es seit längerem Mobbingvorwürfe gibt. Dies geht jedoch auf die Recherchen von Pascal Hesse zurück, der beim „Informer Magazine“ als Erster davon berichtete, wie er auf Facebook schreibt. Die „WAZ“-Kollegen hätten seine Rechercheergebnisse ohne Quellenangabe einfach übernommen. Entsprechend reagiert Hesse: „Schade, dass es offenbar in Essen keine Fairness mehr unter Kollegen gibt. Und die WAZ die Erfolge anderer nun bundesweit medial für sich beansprucht. Und die Bild, n-tv Der Nachrichtensender, DER SPIEGEL, tagesschau und andere dann auch noch die falsche Quellenangabe übernehmen. Weil sie es nicht anders wissen können und darauf vertrauen, dass das, was ihr schreibt, liebe WAZ, richtig ist.“ Die „WAZ“ hat in den Kommentaren geantwortet, (was eine weitere Diskussion auslöste), ihren Text nachträglich angepasst und die Quelle genannt.

4. Trotz Web 2.0: Gatekeeper bleiben relevant
(de.ejo-online.eu, Nadia Leihs)
Nadia Leihs hat sich das Buch „Gatekeeping“ von Ines Engelmann angesehen, in dem diese einen Zeitraum von knapp 70 Jahren auf etwa 100 Seiten anschaulich zusammengefasst habe. Damit empfehle sich der Band vor allem für Studienanfänger, die einen ersten Überblick über das Forschungsfeld erhalten wollen, aber auch zur Rekapitulation und Auffrischung vorhandenen Wissens.

5. Kollateralschäden eines unsinnigen Gesetzes
(zeit.de, Patrick Beuth)
Seit drei Jahren ist das „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“ in Kraft. Es geht auf den Wunsch der Verlage zurück, daran mitzuverdienen, wenn Suchmaschinen und andere Dienste Textauszüge („Snippets“) einblenden. Doch das Gesetz ist handwerklich schlecht gemacht wie viele Juristen finden. Gerechnet hat sich das Ganze eh nicht. Eingenommen hat man laut „irights.info“ gerade mal 715.540 Euro, die Kosten für die juristische Auseinandersetzung betrugen jedoch mehr als drei Millionen Euro. Vom Branchenriesen Google hätten die Verleger keinen Cent bekommen. Stattdessen ginge es nun kleinen Startups an den Kragen, mit denen man sich juristische Scharmützel liefert.

6. Was meint ihr?
(facebook.com, Steve Kroeger)
Die Leistung von Coachs, Motivatoren und Speakern ist wegen ihrer Abstraktheit (und im Einzelfall wegen der vielen heißen Luft) nicht einfach anzupreisen. Da ist man besonders glücklich, wenn man auf Awards, Siegel und andere prestigeträchtige Auszeichnungen verweisen kann. Dies weiß anscheinend auch der „Focus“. Steve Kroeger macht auf seiner Facebookseite ein unmoralisches Angebot des Magazins öffentlich: „Für nur €5.000,- zzgl. MwSt. kann ich mir das unabhängige! FOCUS-Siegel kaufen.“ Kroeger hat das „Focus“-Anschreiben samt schicker Urkunde gepostet, dem praktischerweise gleich ein Bestellschein beiliegt.

Falsches Spiel des Jahres

In der Kindersendung „Kakadu“ vom „Deutschlandradio Kultur“ gibt es all die Themen, die Kindern beim Radiohören Spaß machen könnten: Eine Reportage vom „Kinderabenteuerhof in Freiburg“ oder ein Hörspiel über einen „Elefanten im Krankenhaus“ oder einen Beitrag über „Kaninchenköttel, Kuhfladen, Katzenkacke“.

Vorgestern ging es unter anderem um eine der wichtigsten Preisverleihungen für die „Kakadu“-Hörerschaft:

Das wird jedes Jahr von einer Jury gekürt, und gewonnen hat dieses Mal das Sprachspiel „Codenames“. Um die diesjährige Entscheidung der Jury zu kommentieren, ist extra die „Spiele-Expertin“ Christina Valentiner-Branth ins „Kakadu“-Studio gekommen. Und als die Moderatorin von Valentiner-Branth wissen will, ob die Wahl der Jury eine „gute Wahl“ war, hat die eine klare Antwort:

Nee, leider nicht. Dieses Jahr leider überhaupt kein bisschen. Und ich bin auch echt, ich bin, ich bin sogar richtig ein bisschen böse.

In der Vergangenheit habe man sich als Käufer immer sicher sein können, dass das „Spiel des Jahres“ ein „Super-Top-Familienspiel“ ist. Das könne man mit Oma spielen, das könne man mit den Kindern spielen, das könne man mit der ganzen Familie spielen, nicht zu schwer, nicht zu viele Regeln. „Codenames“ sei nun ab 14 Jahren empfohlen, dazu ein Sprachspiel, bei dem man gut lesen können müsse, und es funktioniere erst ab vier Leuten, „die richtig gut und kreativ sind.“

Also:

Finger weg vom diesjährigen „Spiel des Jahres“, wenn ihr eine Familie seid.

Soweit, so nachvollziehbar.

Moderatorin: Gucken wir doch dann, was bei den restlichen Nominierten, die aber heute keinen Preis bekommen haben, vielleicht noch dein Tipp wäre, was so ein Familienspiel ist.

Valentiner-Branth: Also wenn jetzt Weihnachten naht oder ihr demnächst Geburtstag habt, und ihr wollt euch was …

Moderatorin: Ja, „O Tannenbaum“ lief schon im Radio.

Valentiner-Branth: Ja, du warst schon voll dabei. Also wenn ihr da irgendwie was sucht und ihr seid so Familie, habt vielleicht so einen Achtjährigen, einen Zehnjährigen, vielleicht auch noch einen Zwölfjährigen dabei, dann kann ich das Spiel „Karuba“ empfehlen. „Karuba“ stand auf der Nominierungsliste, also drei Spiele waren vorgeschlagen für den „Spiel des Jahres“-Preis. Das ist ein Spiel für Kinder ab acht Jahren. Die Regeln sind super einfach. Man kann es ganz schnell lernen. Und eigentlich hatten ganz viele gewettet, dass „Karuba“ „Spiel des Jahres“ wird. Die waren natürlich alle ein bisschen enttäuscht.

Einer, der besonders enttäuscht gewesen sein dürfte, ist der Ehemann von „Spiele-Expertin“ Christina Valentiner-Branth. Der war als Redakteur nämlich maßgeblich an der Entwicklung von „Karuba“ beteiligt (PDF) und dürfte großes Interesse daran haben, dass Achtjährige oder Zehnjährige oder auch Zwölfjährige bei „Kakadu“ von seinem „Karuba“ hören und es sich dann zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünschen.

Über die Sendung „Kakadu“ steht auf der Homepage vom „Deutschlandradio“:

Die Kindersendung läuft täglich live im Programm von Deutschlandradio Kultur und ist bundesweit und werbefrei zu hören.

Der Werbeblock von Christina Valentiner-Branth hat es dann aber doch ins Programm geschafft.

Auf Nachfrage schreibt und das „Deutschlandradio Kultur“, dass Christina Valentiner-Branth die Redaktion darüber informiert habe, dass ihr Ehemann „an dem Spiel ‚Karuba‘ beteiligt war, aber eben als Redakteur.“ Man habe „keinerlei Anzeichen von Schleichwerbung o.ä. gesehen oder auch beabsichtigt. Insofern haben wir kein Problem darin gesehen, sie als Kritikerin für die Preisverleihung ‚Das Spiel des Jahres‘ zu befragen.“ Man schätze „Frau Valentiner-Branth wegen ihrer kritischen und objektiven Berichterstattung.“

Mit Dank an den Hinweisgeber!

Die bigotten Hüter des Urheberrechts

Gestern konnte man bei Bild.de richtig was lernen — ohne Witz. Vor allem die Mitarbeiter des Portals selbst dürften durch diesen Artikel eine Menge Neues erfahren haben:

Denn die Fragen, die die Redaktion erst stellt und dann mit Hilfe eines Beitrags aus der Zeitschrift „Finanztest“ beantwortet, haben sich die Leute bei Bild.de unserer Meinung nach bisher viel zu selten durch den Kopf gehen lassen:

Doch darf man andere Personen einfach fotografieren? […] Wer darf fotografiert werden und wer nicht? Was darf ich veröffentlichen? Wann brauche ich das Einverständnis der Abgelichteten?

Also: Zettel und Stifte raus und mitschreiben, liebe Bild.de-Mitarbeiter — in nur zwei Schritten zum rechtschaffenen Boulevardredakteur.

Lektion 1: das Recht am eigenen Bild.

Jeder darf selbst bestimmen, ob er fotografiert oder gefilmt werden möchte oder nicht

Und wie sieht’s mit dem Veröffentlichen von Fotos aus?

Jeder Mensch hat das Recht zu entscheiden, ob ein Bild von ihm veröffentlicht wird. […] Gesetzlich gewährleistet ist letztlich das Recht des Menschen auf Anonymität.

Und Fotos von Kindern — muss ich da was Besonderes bei der Veröffentlichung beachten?

Nur mit Einwilligung der Eltern! Darüber hinaus muss auch das minderjährige Kind gefragt werden — sofern es in der Lage ist, die Bedeutung und Tragweite seiner Einwilligung zu überblicken.

Alles klar.

Weiter zu Lektion 2: das Urheberrecht.

Prinzipiell gilt: Wer das Foto knipst, ist auch der Urheber des Fotos. […] Er muss immer im Zusammenhang mit seinem Foto genannt werden.

Und was passiert, wenn das — mal rein theoretisch — ein Boulevardblatt missachtet?

Ohne Einverständnis des Urhebers darf ein Foto nicht veröffentlicht werden, sonst drohen empfindliche Geldstrafen.

Aber gilt das auch für dieses Internet?

Selbstverständlich gilt das Urheberrecht auch fürs Internet. […] Eine Veröffentlichung des Fotos liegt bereits vor, wenn es im Internet verwendet wird, denn dort wird es wieder anderen Nutzern zugänglich gemacht.

So einfach ist das, alte Rechtsmissachter von Bild.de. Und jetzt könnt ihr euer neues Wissen anwenden, indem ihr euch eure Kollegen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ schnappt und mal euer gesamtes Archiv nach Verletzungen der oben aufgeführten Grundsätze durchsucht. Die gibt es nämlich massenweise.

Zum Start könntet ihr euch beispielsweise hiermit beschäftigen …

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder hiermit

… oder mit all den anderen Fällen, in denen ihr auf Facebook-Profilen von Privatleuten gewildert, deren Fotos geklaut und ohne Nachfrage veröffentlicht habt; in denen euch das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild und das Urheberrecht völlig Wurscht waren.

Nachrichtenkanal, Lehrstück, Livestream

1. WikiLeaks veröffentlicht AKP-Mails
(tagesschau.de)
Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat ihre Ankündigung wahrgemacht und unzählige E-Mails (es sollen mehr als 294.000 sein) der türkischen Regierungspartei AKP öffentlich zugänglich gemacht. Die neueste Mail sei am 6. Juli dieses Jahres verschickt worden, die älteste stamme aus dem Jahr 2010. Viele Mails seien auf Türkisch, ein Teil der Korrespondenz aber auch auf Deutsch. Die Mails sind in einer Datenbank erfasst und lassen sich nach darin vorkommenden Begriffen durchsuchen.

2. Warum es keinen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender geben wird
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
In bewegten Nachrichtenzeiten wird immer wieder der Ruf nach einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal laut, der rund um die Uhr sendet. Warum es dazu nicht kommen wird, schreibt Stefan Winterbauer: „Es fehlt im bestehenden System also am Geld und am Willen, einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal aufzubauen. Möglich wäre dies nur, bei einer umfassenden, grundlegenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt. Und die wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Der öffentlich-rechtliche Newskanal in Deutschland bleibt also leider Wunschdenken.“
Ergänzung: Auch der „Tagesspiegel“ beschäftigt sich mit den „News als Politikum“.

3. Live: Kleine Chronologie der vergangenen Wochen
(mobile-journalism.com, Marcus Bösch)
Marcus Bösch hat sich die Mühe gemacht und eine kleine Chronologie der Liveberichterstattung der letzten Wochen zusammengestellt. Unterteilt in fünf Kapitel „zur Dokumentation eines neuen Status Quo mit neuen Gatekeepern und alten Verhaltensregeln“.

4. „Ein Chronist, der lügt, ist erledigt“: Ein Lehrstück über Fehler, ihre Entstehung und die Entschuldigung
(kress.de, Paul-Josef Raue)
Wenn ein Journalist und Herausgeber des Buchs „Das neue Handbuch des Journalismus“ über eine Veranstaltung des „Netzwerk Recherche“ schreibt und in dem Beitrag Leute zu Wort kommen lässt, die gar nicht anwesend waren, ist dies ein besonders bemerkenswerter Vorgang. Nachdem Stefan Niggemeier den „Rutschunfall“ des Kollegen bereits bei „Übermedien“ aufgearbeitet hat, meldet sich dieser mit einigen Tagen Verspätung bei „kress.de“ wortreich zu Wort. Zu Beginn des Beitrags bittet der Autor kurz um Entschuldigung, das gerät jedoch im weiteren Verlauf immer mehr in den Hintergrund. Die Angelegenheit sei ein „Lehrstück“, er verfüge über keine Dokumentations- und Verifikationsabteilung wie „Spiegel“ und „Stern“ und – so lässt er den Beitrag enden – auch Reporterlegende Egon Erwin Kisch hätte sich dereinst mal was aus den Fingern gesaugt.

5. Alles muss ans Licht
(faz.net, Harald Staun)
Millionen von Menschen haben das Video von Lavish Reynolds gesehen, das sie nach dem tödlichen Schuss auf ihren Freund via Livestream auf Facebook postete. Der Tod werde heute live im Internet übertragen. Der wahre Horror aber sei, was wir nicht sehen, findet Harald Staun in seiner Auseinandersetzung mit der radikalen medialen Transparenz. Gegen Rassismus würden keine Bilder helfen und: „Wenn gesellschaftliche Probleme nur noch danach entschieden werden, wer die glaubhafteren Beweise hat, wird nicht nur das Vertrauen zerstört, ohne das keine Gemeinschaft überleben kann; sondern, was womöglich viel schlimmer ist, auch das Misstrauen in die Bilder, die tun, als zeigten sie eine objektive Wahrheit.“

6. Kann ich bitte alle Informationen schon vor der ersten Eilmeldung haben?
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl ist Journalist, Redakteur und Mitbetreiber der „Floskelwolke“, die täglich 2000 Nachrichtenseiten auf Phrasen hin untersucht und daraus ein Ranking erstellt. Weil er sich derzeit im Urlaub befindet, hat er die aktuellen Nachrichten und Reaktionen aus einem anderen Blickwinkel, nämlich dem des Konsumenten, verfolgt. Dem in den sozialen Medien oftmals erschallenden Ruf nach Schnelligkeit setzt er entgegen: „Es ist dringend geboten, dem rasenden Geschäft der „Klick-Geier“ und „Schnell-Melder“ mit Qualität und Recherche das Handwerk zu legen. Ja, das kostet im Berichtsfall Zeit, die man uns nachträglich als Versäumnis vorwerfen wird. Und es kostet Geduld, die uns – insbesondere bei öffentlich-rechtlichen Medien – als Geldschneiderei unterstellt wird. Aber wenn wir dem Druck nachgeben und damit journalistische Grundwerte über Bord werfen, dann haben wir vielleicht sogar kurzfristig eine tolle Quote, aber langfristig das eigene Grab gegraben.“

Internet-Wegezoll, Terrorhelfer Zuckerberg, Rentner-Bravo

1. Netzneutralität: Warum der Internet-Wegzoll verhindert werden muss [Kommentar]
(t3n.de, Stephan Dörner)
„t3n.de“-Chefredakteur Stephan Dörner begründet in seinem Kommentar, warum er die bedrohte Netzneutralität für wichtig hält und warum eine Abschaffung das Internet als großen Innovationsmotor gefährden würde. Die ungehinderte Kommunikation aller Teilnehmer untereinander sei die Grundidee des offenen und freien Internets – und die Basis für seinen Erfolg. Dörners Kritik an der Politik: „Oettinger und andere EU-Politiker scheinen derzeit vor allem eine Politik zu betreiben, die Europas Industrie-Giganten hilft. Wer den Worten eines Telekom-Lobbyisten lauscht und diese mit den Reden von Oettinger vergleicht, wird auffällig viele fast wortgleiche Formulierungen finden.“

2. Ohne Kompass
(faz.net, Mathias Müller von Blumencron)
„Ist Zuckerberg ein Terrorhelfer, ein gewissenloser Förderer von Gewalt und Mord?“, fragt Mathias Müller von Blumencron provozierend und überlegt, wieviel Verantwortung einem Kommunikationsunternehmen wie Facebook zukomme. Die Fragen sind vielfältig, Antworten darauf nicht einfach. Blumencron kommt am Ende zu dem Schluss: „Hätte es Facebook im 20. Jahrhundert schon gegeben, wäre der Menschheit kein Blutvergießen erspart geblieben, keine Machtergreifung und kein Regime. Zuckerberg ist da nichts anders als der Wirt einer gigantischen Stammtischkneipe. Er verdient an der Wahrheit, er verdient an der Lüge. Zumindest, solange die Gäste die Einrichtung nicht zerlegen.“

3. Rory McIlroy oder: Wie ehrlich wollen wir unsere Sportler?
(spieltgolf.de, Rüdiger Meyer)
Ein Golfer gibt auf einer Pressekonferenz seinen Olympiaverzicht bekannt, ohne sich allzu diplomatischer Floskeln zu bedienen oder gesundheitliche Gründe oder andere Dinge vorzuschützen. Dies wird ihm nun von allen Seiten um die Ohren gehauen, so Rüdiger Meyer: „Er hat den Kardinalsfehler begangen, das zu sagen, was er denkt. Das negative Echo darauf und die Art und Weise, wie man sich auf bestimmte Teilaspekte einer äußerst bemerkenswerten Pressekonferenz stürzt, beweist allerdings wieder einmal, dass wir das nicht wollen. Wir wollen von unseren Sportlern angelogen werden. Wir wollen von ihnen hören, was wir empfinden und nicht was sie empfinden.“

4. Vertrauensfrage
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
„Tagesspiegel“-Autor Markus Ehrenberg beschäftigt sich mit der oft als „Rentner-Bravo“ geschmähten „Apotheken Umschau“. Die Werbepostille sei ein findiges Geschäftsmodell: Gut 90 Prozent der 20 000 Apotheken hierzulande würden dem „Wort & Bild Verlag“ die Auflage von 9,5 Millionen Heften abkaufen. Fast jeder dritte Deutsche lese Monat für Monat das Magazin. Ob das vermehrt in die Hypochondrie treibe, sei jedoch unbekannt, so Ehrenberg.

5. Rolf-Dieter Krause „Ich muss den Fahrtwind spüren“
(berliner-zeitung.de, Peter Riesbeck)
Rolf-Dieter Krause, 65, hat mehr als 20 Jahre als EU-Korrespondent für die ARD berichtet. Bevor es nun in den Ruhestand geht, hat Krause der „Berliner Zeitung“ ein Interview gegeben. Es geht um Stationen seiner Karriere, aber auch um Reaktionen der Politik auf seine Arbeit. Zum Schluss spricht Krause noch über sein Motorrad-Hobby: Ich muss den Fahrtwind spüren. Das macht großen Spaß. Aber keine Sorge, ich fahre nicht riskant. Ich bin nun eindeutig zu alt, um Organe zu spenden.“

6. Hörbar Rust: Patricia Schlesinger
(radioeins.de, Bettina Rust, Audio 1:08 h)
In der auch als Podcast verfügbaren Radiosendung „Hörbar Rust“ plaudert Bettina Rust jeden Sonntag zwei Stunden mit einem Promi über dessen Leben. Unterbrochen von Musikstücken, die Gast und Gastgeberin ausgesucht haben. In der aktuellen Folge ist die Journalistin und Fernsehmoderatorin Patricia Schlesinger zu Besuch, die auf ein bewegtes Journalistenleben zurückblicken kann mit Stationen in Singapur und Washington. Die Journalistin war aber auch häufig beim Satire-Magazin „Extra 3“ zu sehen und moderierte mehrere ARD-Brennpunkte. Seit 1. Juli 2016 ist Patricia Schlesinger nun Intendantin des RBB.

Wie „Bild“ mit „Sex-Mob-Alarm“ Vorlagen für rechte Hetzer liefert

Die Geschichte, um die es hier geht, ist zwar bereits zwei Wochen alt. Da sie aber einmal mehr zeigt, wie „Bild“ und Bild.de mit unsauberen Recherchen Rechtspopulisten und Internethetzern Vorlagen liefern, wollen wir sie dennoch aufgreifen.

Am 3. beziehungsweise 4. Juli erschienen diese Artikel bei Bild.de (hinter einer Paywall) und „Bild“:


Die Düsseldorf-Ausgabe hatte die Geschichte sogar auf der Titelseite angeteasert:

Das „Geheimpapier“ ist eine internes Dokument der Düsseldorfer Polizei. Darin geht es vor allem um Verhaltensregeln für Polizeibeamte, die bei künftigen Sexualdelikten die Beweisaufnahme verbessern und spätere Identifizierungen ermöglichen sollen: Telefonnummern der Beschuldigten sollen aufgenommen werden, genauso tatsächliche Aufenthaltsorte und die Beschreibung der getragenen Kleidung oder körperlicher Merkmale. Außerdem sollen, wenn möglich, Fotos von den Verdächtigen gemacht werden.

In dem Dokument stehen neben diesen Handlungsanweisungen für Polizisten aber auch einige Sätze zu Art und Anzahl von sexuellen Übergriffen. Und auf die stürzten sich die „Bild“-Medien:

Laut eines Geheimpapiers gibt es immer mehr sexuelle Übergriffe in Badeanstalten, bei denen gleich mehrere Täter ihr Opfer bedrängen, begrapschen und missbrauchen.

In einer internen Mail an ihre Kollegen schreiben die Beamten vom Kriminalkommissariat 12, zuständig für Sexualdelikte und Vermisstenfälle: „Das KK 12 stellte dar, dass die Sexualstraftaten einen enormen Anstieg verzeichnen. Insbesondere die Tatbestände Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern in den Badeanstalten schlagen hier ins Gewicht.“ Die Täter seien „zum größten Teil Zuwanderer“.

Klar, über solche Missstände muss berichtet werden.

Wäre nur gut, wenn man auch konkrete Zahlen hätte, die den „enormen Anstieg“ bestätigen. Und die liefern „Bild“ und Bild.de vorerst nicht.

Dennoch sprangen andere Medien auf die „Bild“-Schlagzeile auf. Welt.de zum Beispiel:

Oder die „Huffington Post“:

Selbst in Großbritannien wurde berichtet, vom Knallblatt „Daily Mail“:

Besonders heftig hat der „Bayernkurier“, das Polterorgan der CSU, das Thema aufgegriffen:

Redakteur Wolfram Göll schreibt:

Ein Problem, von Medien, Verantwortlichen und manchen Behörden lange verharmlost und von linken Politikern mit einem Sprechverbot belegt: moslemische Zuwanderer, meist aus Afghanistan, Pakistan, Marokko, aber auch Syrien, dem Irak und anderen moslemischen Ländern, stellen in deutschen Schwimmbädern Jugendlichen nach, oft minderjährigen Mädchen, aber auch Buben, um sie sexuell zu missbrauchen.

In vielen Schwimmbädern wurden mittlerweile verschärfte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, aber manche sprechen immer noch von Einzelfällen. Wie viele „Einzelfälle“ sexuellen Missbrauchs braucht es, damit die Politik reagiert?

Es gab allerdings auch Medien, die nicht blind der Geschichte von „Bild“ und Bild.de gefolgt sind, sondern recherchiert haben, allen voran die „Rheinische Post“. Die Redaktionen haben bei der Polizei nachgefragt, bei der „Deutschen Gesellschaft für Badewesen“, bei örtlichen Schwimmbadbetreibern.

Die Ergebnisse für Düsseldorf in Bezug auf sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe:

2014: sieben Anzeigen
2015: 17 Anzeigen
2016: bis Anfang Juli acht Anzeigen

Das soll der „enorme Anstieg“ sein, den „Bild“ und Bild.de in die Welt gesetzt und aufgrund dessen sie den „Sex-Mob-Alarm“ ausgerufen haben.

Wohlgemerkt: Hierbei geht es erstmal nur um Anzeigen, nicht um Verurteilungen. Und: Die Taten, die als Sexualdelikte angezeigt werden können, sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von penetrantem Beobachten und Fotografieren in der Umkleidekabine übers Grapschen bis zu Vergewaltigungen. Nichts davon ist zu verharmlosen und jeder Vorfall muss verfolgt werden, aber es besteht eben doch einen Unterschied in der Schwere der Tat. Und: Diese Zahlen sagen noch nichts darüber aus, ob sich die Anzeigen „zum größten Teil“ gegen Zuwanderer richten. In ganz Nordrhein-Westfalen, auch das hat die „Rheinische Post“ recherchiert, gab es im laufenden Jahr 103 Anzeigen wegen Sexualdelikten, davon 44, bei denen die Beschuldigten Zuwanderer waren.

Die „Berliner Zeitung“ hat bei Polizeistellen in ganz Deutschland nachgefragt. Von „einem massiven Anstieg sexueller Übergriffe in Schwimmbädern“ könne in keinem Bundesland die Rede sein. Selbst Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und Urheber der These „Mehr Verkehrstote durch Flüchtlingskrise“, versucht im Artikel zu deeskalieren: „‚Wir sprechen hier nicht von einem Massenphänomen.'“

Wie kommen „Bild“ und Bild.de dann auf die Bedrohung des deutschen Badevergnügens?

Ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei erklärte noch am Montag, dem Erscheinungstag der „Bild“-Geschichte zum „Geheimpapier“, gegenüber dem WDR:

„Die Übergriffe in der Silvesternacht haben die Statistik nach oben getrieben, denn das Papier bezog sich auf die Gesamtzahl von Sexualdelikten.“

Und eben nicht nur auf Vorfälle in Schwimmbädern. Die etwas unklare Formulierung in dem Polizeidokument hatte die „Bild“-Redaktion anscheinend falsch interpretiert.

Wir haben ebenfalls bei der Polizei Düsseldorf nachgefragt: Warum hat man nicht auch schon „Bild“ die Fallzahlen mitgeteilt? Das hätte schließlich die alarmistische Überschrift verhindern können. Eine Sprecherin sagte uns, dass die „Bild“-Anfrage am Sonntag reingekommen sei. Da sei man nicht in der Lage, entsprechende Zahlen zu recherchieren. Am Montag sei das dann kein Problem gewesen. So lange wollten die „Bild“-Medien aber offenbar nicht warten.

Als die Zahlen dann am Montag bekannt wurden, veröffentlichten sie auch Bild.de und die Düsseldorf-Ausgabe von „Bild“:


Gut, dass „Bild“ und Bild.de einen klärenden Artikel nachgeliefert haben.

Blöd, dass der „Sex-Mob“-Ursprungsartikel da schon fest im Gedankengut rechter Dumpfbacken verankert war:






Mit Dank an Martin und Boris R.!

Dachdecker-Journalisten, Kopflose Frauen, Türkei

1. Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal schreibt über das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung und macht dies an der Amokfahrt von Nizza und dem Putschversuch in der Türkei fest: Die Berichterstattung unter dem Diktat der Hochgeschwindigkeit werde für den Leser zu einem zeitfressenden, sich endlos dahin windenden Annäherungsprozess an die Wahrheit. Michal hat für die vorschnelle Berichterstattung der Medien einen Vergleich: „Das ist so, als würde ein Dachdecker einem Hausbesitzer sagen, ich habe zwar keine Ahnung vom Dachdecken, aber Sie können mir dabei direkt über die Schulter schauen, oder noch besser: Wir decken das Dach gemeinsam. Eine solche Haltung mag außerordentlich sympathisch sein, führt aber über kurz oder lang zu der Einstellung, dass man besser nichts von dem glauben sollte, was berichtet wird. “

2. “Deutsches Serial” – gute Podcasts, miese Vermarktung
(marckrueger.tumblr.com)
Der „Rundfunkfritze“ Marc Krüger freut sich über den amerikanischen Podcast-Erfolg „Serial“. Dadurch könnten Radiomacher immer etwas Großes, Erfolgreiches nennen, wenn sie nach Innovationen gefragt werden. Krüger beschreibt, warum „Serial“ so erfolgreich geworden ist. Aber auch in Deutschland seien einige serial-artige Produktionen entstanden, die jedoch wenig bekannt seien. Damit dies nicht so bleibt, nennt er einige seiner Lieblingsproduktionen, inklusive Inhaltsbeschreibung und Downloadlink.

3. Warum die Medien sofort aufhören müssten, über Nizza zu berichten
(vice.com, Matern Boeselager)
„Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach“, fragt Matern Boeselager. Terror funktioniere nur, weil wir ihm Aufmerksamkeit schenken. „Angenommen, die Medien würden nach einem solchen Anschlag nur melden, dass er passiert ist. Ansonsten würde nur mitgeteilt, was unbedingt notwendig ist: Die Opferzahlen, ob der Täter noch auf freiem Fuß ist oder nicht, ob der Flughafen gesperrt ist. Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen.“

4. Verschleiern oder «köpfen», das ist hier die Frage
(infosperber.ch, Jürgmeier)
Die Webseite «The Headless Women of Hollywood» (Die kopflosen Frauen von Hollywood) sammelt Filmplakate, auf denen Frauen als gesichtslose, austauschbare Objekte vorkommen. Der Artikel des „Infosperber“ zieht einen Vergleich der „geköpften“ Filmplakatfrauen mit der Verschleierung. Dabei geht es vor allem um den Mann: „Ein kurzer Blick auf nackte Haut kann ihn nachhaltig verwirren & ins sündige Elend stürzen. Davor muss er mit der Verschleierung «des Weiblichen» geschützt oder durch das Köpfen «der Frau» zumindest verhindert werden, dass sie ihn, so die Unterstellung, bei gierigen Blicken oder unzüchtigen Phantasien angesichts ihres (zerstückelten) Körpers ertappt. Das heisst für «die Frau»: Asexueller Kopf oder verführerischer Leib. Verschleiern oder «köpfen». Das ist hier die Frage.“

5. „So etwas interessiert einfach jeden“
(taz.de, Jens Mayer)
Jens Mayer von der „taz“ macht auf das vielfach ausgezeichnete Interaktiv-Team der „Berliner Morgenpost“ und ihre Produktionen aufmerksam. Neben „Zeit Online“, der 2010 gegründeten Agentur „Open Data City“ und dem gemeinnützigen Recherchezentrum „Correctiv“ gehöre die „Berliner Morgenpost“ zu den populärsten Vorreitern des Datenjournalismus in Deutschland. Mayer hat mit Teamleiter Julius Tröger über einige der populären Anwendungen wie den „Zugezogen-Atlas“ gesprochen, für die die Morgenpost Netz-Berühmtheit erlangte.

6. „6 vor 9“-Sonderausgabe zu den aktuellen Geschehnissen in der Türkei
(bildblog.de, Lorenz Meyer)
Ausnahmsweise ein BILDblog-Verweis: Unsere „6 vor 9“-Sonderausgabe von gestern. Mit ausgewählten Medienlinks zum Geschehen in der Türkei.

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