Ein Abend mit Bundesbruder Diekmann

Der große Kneipsaal des Frankenhauses, dem „Mittelpunkt des Aktivlebens“ der Burschenschaft Franconia in Münster, ist gut gefüllt. Die Wände sind geschmückt mit zahlreichen Devotionalien der Burschenschaft: gekreuzte Säbel, schwarz-rot-golden geflaggt, die obligatorische Ahnengalerie. Eine Gedenktafel erinnert an gefallene Mitglieder der Burschenschaft im ersten und zweiten Weltkrieg. Ebenfalls in ihrem Besitz ist einer der letzten Frontberichte der Wehrmacht von 1945. Rund hundert Anwesenden sind im Saal: zahlreiche „Senioren“ der Verbindung, meist nebst Anhang, aber auch der Nachwuchs, ausstaffiert mit bunten Mützen und violett-weiß-roten Bändern, Gäste. Sie warten geduldig auf die Ankunft des prominenten Gastes: Aber Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung und selbst Franconia-Mitglied, lässt sie eine halbe Stunde warten.

Kai Diekmann, Foto: Philipp Neuhaus, wikipedia@dodekatex.deEs ist nicht sein erster Vortrag bei der Burschenschaft. Und auch darüber hinaus ist ihm die umstrittene Verbindung (wie berichtet) alles andere als fremd. Sein Vater zählt bei der Franconia zu den „alten Herren“, und der Junior lässt es sich nicht nehmen, an Pfingsten zu den „Stiftungsfesten“ nach Münster zu kommen.

Diekmann trat nach eigenen Angaben 1983 als Bundeswehrsoldat in die Franconia ein. Zwei Jahre lang war er „Militärfuchs“ und immatrikulierte sich an der Westfälische Wilhelms-Universität Münster. „An der Uni bin ich überhaupt gar nicht aufgefallen“, sagt Diekmann. Stattdessen ging er nach Hamburg, absolvierte ein Volontariat beim Axel-Springer-Verlag, machte Karriere. In die Franconia sei er „erst vor kurzem wieder eingetreten“.

Sein eigentlicher Vortrag — über den „Erfolg der Marke BILD“ — ist bekannt.

Unumstritten, das zeigt die anschließende Diskussionrunde, sind Diekmann und sein Blatt auch in Münster beileibe nicht. Er selbst reagiert auf kritische Fragen rhetorisch geschickt, auf die Frage nach großformatigen Fotos des misshandelten Kevin in „Bild“ jedoch eher ausweichend: Es gebe Fotos, die selbst die „Bild“ nicht veröffentlichen sollte, doch erfüllten sie eben den Zweck und dieser sei es eine öffentliche Diskussion einzuleiten. Und bei den „BILD-Leser-Reportern“ sieht er nicht etwa die möglicherweise verletzten Persönlichkeitsrechte als das größte Problem, sondern vielmehr die Gefahr, auf Fälschungen hereinzufallen. „Bild“ habe bereits Abhilfe geschaffen, eine große, eigene Redaktion recherchiere die Hintergründe zu jedem einzelnen Bild. Viel Arbeit bei bis zu 4000 Fotos täglich.

Am Ende wird eifrig applaudiert. Und obwohl es sich um eine Privatveranstaltung handelt, bei der zwar die Öffentlichkeit willkommen ist, die Presse aber nicht sehr, und Aufzeichnungen des Vortrags ausdrücklich untersagt sind, dürfen anschließend nicht nur Besucher ihre Erinnerungsfotos vom „Bild“-Chef machen, sondern auch Wikipedia (siehe oben). Der „Bundesbruder Diekmann“ signiert ein Buch, gibt der Lokalpresse Kurzinterviews und fühlt sich offensichtlich wohl. Ein älterer Herr bringt ihm schließlich ein Bierchen und fragt ihn: „Wo bleibst du denn?“

Nicolas Schweers / Radio Q

 

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