Archiv für Dezember, 2017

Kein Nikoloverbot, „Forbidden Stories“, Rheinland-Pfalz-Klüngel

1. Zehn Festnahmen im Mordfall Galizia
(taz.de)
Wenige Wochen nach dem Mord an der Investigativreporterin Daphne Caruana Galizia in Malta wurden bei Razzien zehn Verdächtige festgenommen. Caruana Galizia hatte unter anderem zu Korruption, Geldwäsche und Briefkastenfirmen recherchiert und sich zwei Wochen vor ihrer Ermordung wegen Todesdrohungen an die Polizei gewandt. Im vergangenen Jahr hatte die Reporterin im Rahmen der „Panama Papers“ enthüllt, dass Mitarbeiter des maltesischen Premierministers Offshorekonten eröffnet hätten, was vom Premierminister als Lüge zurückgewiesen worden war.

2. Verbotene Geschichten
(tagesspiegel.de, Felix Hackenbruch)
Bei „Forbidden Stories“ geht es darum, die Recherchen getöteter und inhaftierter Journalisten fortzusetzen. „Wir möchten die Geschichten am Leben erhalten und sicherstellen, dass so viele Menschen wie möglich Zugang zu unabhängigen Information haben“, so der Initiator und Gründer der Plattform „Freedom Voices“, der sich für das Projekt unter anderem mit den „Reportern ohne Grenzen“ zusammengetan hat. Einen ersten Erfolg hätten die „Forbidden Storys“ bereits verzeichnen können: Nach dem Tod eines mexikanischen Enthüllungsjournalisten konnte nachgewiesen werden, dass ein Politiker Verbindungen zu einem Drogenboss unterhielt.

3. Handyverbot: möglich, aber aufwendig
(omr.com, Martin W. Huff)
Kann ein Vorsitzender Richter das Twittern aus dem Gerichtssaal verbieten wie er auch das Telefonieren untersagen kann? Ohne Begründung dürfte das rechtlich kaum möglich sein, führt Rechtsanwalt Martin W. Huff aus: „Gerichtsverhandlungen sind öffentlich. Der Zugang zum Saal muss ebenso jederzeit möglich sein wie das Verlassen eben jenes. Jeder Zuschauer kann und darf also den Saal verlassen und draußen erzählen, was drinnen passiert ist. Er kann dazu Stellung nehmen und seine Einschätzung wiedergeben. Wer nun aus dem Saal mittels eines zugelassenen Geräts Meldungen schreibt, tut nichts anderes. Er benimmt sich nur unauffälliger und leiser, als wenn er den Saal verließe. Einen anderen Charakter hat sein Verhalten nicht.“

4. Brauchtum: Die Legende vom Nikolo-Verbot
(kurier.at, Katharina Zach)
Fast gewohnheitsmäßig tauchen in Österreich kurz vor dem 6. Dezember Meldungen über ein angebliches „Nikolo-Verbot“ in Kindergärten auf. Diese gehen wohl auf eine falsch interpretierte Meldung zurück, nach der auf Fremde als Nikolaus-Darsteller verzichtet werden solle, damit Kinder der Figur ohne Angst begegnen können. Verkürzt wurde daraus dann das angebliche „Nikolo-Verbot“.
Weiterer Lesehinweis: Die Meldung der Stadt Wien, die einen Bericht in der Tageszeitung „Österreich“ als „vollständig falsch“ bezeichnet: „Entgegen eines heutigen Berichts in der Tageszeitung „Österreich“ sind Nikolo und Christkind nicht nur prinzipiell an Wiens Schulen willkommen und somit Teil des schulischen Alltags, sondern stimmen die im Bericht genannten Vorwürfe gegenüber einer Schule in Wien-Floridsdorf ausnahmslos nicht.“

5. „Beim Wort ‚Muslime‘ geht das Kopfkino an“
(mediendienst-integration.de, Daniel Bax)
Wird sich der Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung aufgrund von Einwanderung und höherer Geburtenrate bis zum Jahr 2050 verdoppeln, wie es das „Pew Research Center“ vorausgesagt hat? Im Interview mit dem „Mediendienst Integration“ erklärt die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, was von diesen Prognosen zu halten ist, welche Reaktionen sie hervorrufen und worauf wir uns tatsächlich einstellen sollten.

6. Neues aus der Anstalt: Rettet Rechtsanwalt Rechtsstaat Rheinland-Pfalz?
(kanzleikompa.de)
Für den Chefposten der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt soll unter konspirativen Umständen ein Ex-Staatssekretär der SPD ausgekungelt worden sein. Rechtsanwalt Markus Kompa kritisiert das Verfahren, das er als „pseudodemokratische Ritual“ bezeichnet: „Diese Wahlvorbereitung ohne Ausschreiben oder sonstig transparentes Verfahren scheint mir eine originelle Interpretation des eigentlich auch in Rheinland-Pfalz geltenden Art. 33 Abs. 2 GG zu sein, der bei Besetzung von Staatsämtern eigentlich den Leistungs- und Wettbewerbsgedanken vorsieht.“ In einer ironischen Videobotschaft bewirbt sich Kompa nun seinerseits um das Amt. Update: Der ausgekungelte SPD-Politiker wurde tatsächlich gewählt, wenn auch sehr knapp, wie Michael Hanfeld in der „FAZ“ berichtet.

Einzelhaft beendet, Döner für den Ombudsmann, blaue Schlammlawinen

1. Deniz Yücel ist nicht mehr in Einzelhaft
(welt.de, Daniel-Dylan Böhmer)
Gute Nachrichten aus der Türkei: Deniz Yücel befindet sich zwar immer noch in Haft, ist jedoch in eine Zelle verlegt worden, die über einen kleinen Innenhof mit zwei anderen Zellen verbunden ist. Nach 290 Tagen Einzelhaft ist ihm damit zumindest der Kontakt zu einem Mitgefangenen möglich, dem Journalisten Oguz Usluer, der für die türkische Tageszeitung „Habertürk“ gearbeitet hat. Nach wie vor freut sich Yücel über Post, die zur Übersetzung ins Türkische an die „Welt“ gesendet werden kann.

2. EU-Wahnsinn: Brüssel verbietet uns den Döner! Nicht.
(blogs.deutschlandfunk.de, Thomas Otto)
Droht dem Döner wirklich das Aus, wie es „Bild“ behauptete? Natürlich nicht, wie Thomas Otto im Blog des „Deutschlandfunks“ erklärt und süffisant den Gang zum „Bild“-Ombudsmann empfiehlt: „Für die Kritik am Artikel von Dirk Hoeren und Kollegen sollte Ombudsmann Ernst Elitz doch ein offenes Ohr haben. Immerhin kennt er sich mit gut recherchierter und ausgewogener Berichterstattung aus — war er doch der erste Intendant des Deutschlandradios.“

3. Blaue Schlammlawinen gegen Journalistinnen
(kurier.at, Philipp Wilhelmer)
„Ich wünsche Ihnen, dass Sie von einem Afghanen vergewaltigt werden.“ Derartige Freundlichkeiten bekommt Corinna Milborn, Moderatorin und Infochefin des österreichischen Privatfernsehsenders „Puls4“, zu lesen, wenn jemand wie der FPÖ-Politiker Heinz-Christian „HC“ Strache auf seinem Facebook-Profil Stimmung gegen sie gemacht hat. Vor jedem Interview mit einem FPÖ-Politiker seien deshalb entsprechende Maßnahmen notwendig, so Milborn: „Ich weiß, ich muss mein persönliches Facebookprofil vorübergehend sperren und darauf achtgeben, dass meine Kinder nicht darauf schauen. Außerdem muss die Online-Redaktion des Senders besetzt sein, um strafrechtlich Relevantes auf der eigenen Seite sofort zu löschen.“

4. Zur Berichterstattung über das chinesische Sozialkreditsystem in der deutschen Presse am Beispiel der Kinderplattform „bento“.
(facebook.com, Christian Y. Schmidt)
Christian Y. Schmidt kritisiert einen „bento“-Artikel über das chinesische Sozialkreditsystem: „Ich habe diesen Text ausgewählt, weil es so wie hier inzwischen in vielen China-Texten zugeht. Leute, die wahrscheinlich noch nie oder sehr kurz in China waren und nichts über den Kontext wissen, setzen stark eingefärbte Nachrichten in die Welt, die sie aus zweiter oder dritter Hand haben. Die Summe dieser Artikel und Berichte ergibt dann das China-Bild in den deutschen Köpfen.“

5. The Final Countdown
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Nach sieben Jahren im Bezahlfernsehen will der Musiksender „MTV“ ins Free-TV zurückkehren. Hans Hoff erzählt nochmal von den guten Zeiten des Senders, in denen sich Talente wie Christian Ulmen oder Joko und Klaas austoben konnten und aus der Improvisation heraus der typische „MTV“-Stil entstand: „Waren etwa Wackelkameras bei MTV anfangs nur Zeugnis einer unzulänglichen technischen Ausstattung, avancierten sie rasch zu einem bewusst eingesetzten Stilmittel. Und weil der Platz in den Studios nicht reichte, mietete man nebenan eine Wohnung an, die aber nur mit einer Kamera zu erfassen war, die Bilder aus einer Art Froschaugenperspektive lieferte.“ Trotz aller Nostalgie bleibt Hoff skeptisch, was die Rückkehr des Musiksenders anbelangt.

6. Das Antidepressivum der Berliner Eliten
(tagesspiegel.de, Torsten Körner)
Der Dokumentarfilmer und Schriftsteller Torsten Körner war mit 2300 anderen Gästen beim 66. Bundespresseball, der von der „Bundespressekonferenz“ veranstaltet wird, der Vereinigung der deutschen Parlamentskorrespondenten. Wer sich etwas Zeit für das Lesestück nimmt, bekommt schöne Bilder einer Ballnacht und ihr Ende in den Morgenstunden geliefert: „Der vielfältige Möglichkeitsraum ist plötzlich ein Schrumpfpalast, die letzten Gäste wirken wie gerupfte Nachtträumer. Eben noch ertrank man in Gesichtern, plötzlich erscheinen alle gesichtslos. Eben noch dachte man, hier beginnt ein Roman, jetzt zerfließt alles zu Impressionspfützen, dünnhäutigen Sätzen.“

7. Mich widert es einfach nur an, dieses dämliche Möchtegern-Befreiungs-Gesülze von Frauen, denen angeblich der Gang ins Bordell angenehmer erschien als der Gang in die böse, weil männderdominierte Uni.
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Außer der Reihe ein Link zu einem Rant des „6vor9“-Kurators über „pseudo-aufklärerische Ego-Artikel, die einige richtige Dinge über Prostitution sagen, aber eben auch viel Mist erzählen und Wichtiges weglassen.“ Verbunden mit einem Appell: „Nein, liebe Medien, verschont uns mit dieser Literaturgattung, die an eine mit allerlei Gesellschaftstrallala und persönlichem Betroffenheitsgesäusel aufgemotzte Version der Julia-Roberts-Schmonzette „Pretty Woman“ erinnert. Nur heimtückischer, denn dort wussten wir wenigstens sofort, dass es Stuss ist.“

„none of your business“, Kein Rauch, Hochzeitsplatzung

1. Das geht dich nichts an, Schufa-Facebook-Google
(zeit.de, Patrick Beuth)
Vor sechs Jahren legte sich der Österreicher Max Schrems als Einzelkämpfer mit Facebook an und setzte den Konzern so sehr unter Druck, dass das Unternehmen seine Gesichtserkennungstechnik in Europa deaktivierte. Seiner Klage sei es auch zu verdanken, dass der Europäische Gerichtshof das Safe-Harbor-Abkommen zum Austausch von Daten zwischen den USA und der EU kippte. Nun hat Schrems die Organisation „noyb“ gegründet — „none of your business“, zu Deutsch: das geht dich nichts an. Mit Beschwerden bei Datenschutzbehörden sowie strategischen Klagen vor Gericht will er dafür sorgen, dass das europäische Datenschutzrecht eingehalten wird. Natürlich kostet das Geld. Schrems hat deshalb eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

2. Kurzer Prozess im Sendebetrieb
(taz.de, Dorothea Hahn)
In der amerikanischen Medienindustrie hat „unangemessenes sexuelles Benehmen am Arbeitsplatz“ erneut zu Entlassungen von zwei prominenten Medienschaffenden geführt. Im Vergleich zur Filmindustrie und den Medien sei der politische Betrieb in Washington jedoch immer noch ein sicherer Platz für Männer, die sexuell belästigen, kommentiert Dorothea Hahn: „Trump wurde zum Präsidenten gewählt, obwohl er geprahlt hatte, Frauen zu begrabschen und obwohl 16 Frauen mit Details über sein sexuelles Fehlverhalten an die Öffentlichkeit gegangen waren.“

3. „mal ehrlich…wozu brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“
(swrmediathek.de, Video, 60:49 Minuten)
In der SWR-Sendung „mal ehrlich …“ diskutierte der SWR-Intendant mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und dem AfD-Bundessprecher und Parteivorsitzenden Jörg Meuthen die Fragen „Wozu brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“ und „Sind die Bürger zufrieden mit den Programmen der ARD?“ Mit Meuthen kam ein ausgewiesener Kritiker des Rundfunkbeitrags zu Wort. Aber auch das anwesende Publikum äußerte teils heftige Kritik, zum Beispiel an den vielen Wiederholungen. Zur Verteidigung erklärte der Intendant (37. Minute), dass Hansi-Hinterseer-Sendungen so ähnlich wie abgeschnittenes Brot seien, das zu schade zum Wegwerfen ist.
Nachtrag: Für alle, die wissen wollen, wie es bei einer Sendung so zugeht: Torsten Dewi war einer der Gäste der „SWR“-Sendung und hat einen interessanten Hintergrundbericht geschrieben: „mal ehrlich…“: Vor und hinter den Kulissen

4. Kein Rauch zu sehen
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
In der „Spiegel“-Titelgeschichte „Lasst es krachen“ nach dem G20-Gipfel stimmte eine der beschriebenen Szenen nicht. Über die Mutter des 2001 beim G8-Gipfel in Genua getöteten Carlo Giuliani hieß es dort: „Sie selbst marschierte nicht mit, dafür sei sie zu alt. Aber sie kam als Kassandra, als friedvolle Warnerin, sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus.“ Das stimmte so nicht. Der „journalist“ hat nachgefragt, wie es zu dem Fehler kam.

5. „Lügenpresse“: Die Kluft zwischen Journalisten und Publikum
(derstandard.at, Thomas R. Schmidt)
In den USA lasse sich gerade beobachten, was passiert, wenn aus der Vertrauenskrise eine Legitimitätskrise wird, findet Thomas R. Schmidt im „Standard“. Dort sei das Vertrauen in den Journalismus im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefpunkt gesunken. Diese Vertrauenskrise habe viel mit der spezifischen politischen Situation in den USA zu tun. Vor allem in Österreich sei das Vertrauen in die Medien im internationalen Vergleich relativ hoch.

6. Prinz Harry lässt Hochzeitsplatzung platzen
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer hat sich auf „Übermedien“ die aktuelle Berichterstattung der Regenbogenblätter über Prinz Harry vorgeknöpft. Schönauers Fazit: „So fördern auch deutsche Medien die gnadenlose Jagd auf das Prinzenpaar, als wäre es völlig normal, dass Menschen, die zufällig in eine berühmte Familie hineingeboren werden, automatisch ihr Recht auf ein Privatleben verlieren.“

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