Archiv für November 6th, 2017

Wer bietet mehr?

Hier geht es um die heißeste redaktionelle Umsetzung zu einem vermutlichen illegalen Autorennen in Köln am vergangenen Wochenende.

Dann mal her mit den Geboten!

Screenshot ksta.de - Illegales Autorennen - 28-jähriger Audifahrer rast mit 100 km/h über Mülheimer Brücke
(ksta.de)

Schon nicht schlecht. Und laut Polizeiangaben auch richtig. Irgendjemand mehr?

Screenshot rundschau-online.de - Illegales Autorennen in Köln - 70 km/h zu schnell über die Mülheimer Brücke gerast
(rundschau-online.de)

50 Stundenkilometer dürfen Pkw auf der Mülheimer Brücke fahren. Wären wir also schon mal bei 120 Sachen. Aber da geht doch noch was?!

Screenshot express.de - Wieder illegale Autorennen - Audi-Rambo (28) rast mit bis zu 140 km/h durch Köln
(express.de)

Jawoll — das war laut Polizei das Spitzentempo der nächtlichen Raserei durch Köln, allerdings nicht auf der Mülheimer Brücke!

Und weil sie es als einzige hinbekommt, auch noch ein falsches Datum mitzuteilen, wann das Autorennen stattgefunden haben soll („in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ statt richtigerweise in der Nacht von Freitag auf Samstag), geht der Zuschlag für die heißeste Umsetzung an die Online-Redaktion des „Express“.

Mit Dank an Norbert E. für den Hinweis!

Bild  

Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer bloß nicht von diesem „Bild“-Quiz

Die „Bild“-Redaktion will ja nicht nur Erwachsene mit falschen Fakten versorgen informieren, sondern auch junge Leute. Deswegen ist sie auch auf den Plattformen aktiv, die junge Leute eben so nutzen, zum Beispiel Snapchat.

Und wie ließe sich Wissen komprimiert besser vermitteln als in einem Quiz?

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer von diesem Quiz

Ähm, ja, nee. Besser du erzählst niemandem von diesem Quiz. Und erst recht nicht deinen Erdkunde- und Politik-Lehrern.

Denn während die „Bild“-Redaktion es noch hinbekommt, den Kölner Dom in Nordrhein-Westfalen zu verorten, Nürnberg als zweitgrößte Stadt in Bayern zu nennen und Helgoland, Föhr sowie Sylt nicht zu den Ostfriesischen Inseln zu zählen, geht bei dieser Usedom-Frage schon mal alles schief:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der größte Teil der Insel Usedom gehört zu - die vier Antwortmöglichkeiten: Polen, Niederlande, Österreich, Dänemark - laut Bild richtig: Polen

Es verläuft zwar ein Stück der deutsch-polnischen Grenze auf Usedom — die Insel gehört also zum Teil zu Polen. „Der größere Teil der Insel Usedom gehört“ allerdings zu Mecklenburg-Vorpommern — und damit zu Deutschland.

Bei einer anderen Frage in ihrem Erzähl-das-mal-deinem-Lehrer-Quiz gibt die Redaktion ein noch traurigeres Bild ab:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten ist ... - die vier Antwortmöglichkeiten: das Berghain, Schloss Bellevue, der Bundestag, Schloss Charlottenburg - laut Bild richtig: Schloss Charlottenburg

In den Jahren 2004 bis 2006 wurde das Schloss Charlottenburg tatsächlich mal vom Bundespräsidenten genutzt, allerdings nur als Zwischenlösung, als der eigentliche Amtssitz, Schloss Bellevue, renoviert wurde.

Wenn das Schloss Charlottenburg aktuell „der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten“ sein soll, dann ist das Axel-Springer-Hochhaus der Berliner Amtssitz versierter Quizmaster.

Mit Dank an @politischernate, @PatKloe und für die Hinweise!

Paradiespapiere, China-Geschäfte, NSU-Verschwörungs-Murks im ZDF

1. Das sind die Paradise Papers
(projekte.sueddeutsche.de)
Der „Süddeutschen Zeitung“ wurden vertrauliche Unterlagen aus dem internationalen Briefkastenfirmen-Business zugespielt. Und zwar nicht ein paar Zettel, sondern 13,4 Millionen Dokumente. Die „Paradise Papers“ zeigen nach Angaben der „SZ“, wie Konzerne wie Nike, Apple, Uber oder Facebook ihre Steuern auf lächerlich geringe Sätze schrumpfen lassen. Die Unterlagen würden Anlagen der britischen Königin in Steueroasen belegen, des Rockstars Bono oder von Stephen Bronfman, dem Spendensammler des kanadischen Premiers Justin Trudeau. Mehr als 120 Politiker aus beinahe 50 Ländern sollen auf die eine oder andere Art involviert sein. Wie schon bei den „Panama Papers“ hat die „SZ“ die Daten mit dem „International Consortium of Investigative Journalists“ geteilt. Insgesamt hätten an der Aufarbeitung des Falls mehr als 380 Journalistinnen und Journalisten von 96 Medien aus 67 Ländern mitgewirkt.
Siehe auch: Die ARD-Doku „Paradise Papers: Geheime Geschäfte — Die Milliarden-Deals der Rohstoffkonzerne“ (45 Minuten).

2. Wer in China Geschäfte macht, zahlt einen hohen Preis
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Der deutsche Wissenschaftsverlag „Springer Nature“ hat Teile seines Internetangebots in China zensiert. Und zwar auf Druck der Regierung in Peking. Der Fall zeige symptomatisch, welchen Preis westliche Konzerne für Geschäfte in China zahlen, so Niklas Dummer in der „Wirtschaftswoche“. Den Unternehmen fehle es an einer Strategie, wie man mit den Zensurforderungen Chinas umgehen soll. Ihnen bleibe aktuell nur, sich auf die Forderungen einzulassen oder die Forderungen zu ignorieren.

3. Arte – eine schöne Insel, der das Profil fehlt
(dwdl.de, Hans Hoff)
„DWDL“-Kolumnist Hans Hoff liebt den Fernsehsender „Arte“ wegen der Ruhe, des Niveaus, den alten Filmen und neuen Dokus. Trotzdem sei er kürzlich ins Schleudern gekommen, als er gefragt wurde, was denn „Arte“ im Kern ausmache. Was auch damit zu tun habe, dass es an Moderatorenpersönlichkeiten fehle, die sich beim Zuschauer als „Arte-Gesichter“ festsetzen und am Fehlen eines wahrnehmbaren Profils. „So wie Arte sich aktuell präsentiert, ist es eine Insel. Eine sehr schöne Insel. Aber vielleicht sollte man sich dort in Zukunft ein bisschen deutlicher klarmachen, dass auch schöne Inseln von einem steigenden Meeresspiegel bedroht werden, wenn sie keine Berge, also kein wirkliches Profil zu bieten haben. Auch Gutes kann besser werden.“

4. Die digitale Schranke
(zeit.de, Daniel Bouhs)
Die Mediatheken von ARD, ZDF und „Deutschlandfunk“ bieten Hunderttausende von Audio- und Videobeiträgen. Viele davon sind jedoch mit einem knappen Verfallsdatum versehen. Um diese Schranke wird erbittert gerungen. Nun könnte eine Ausweitung erfolgen, doch einen allumfassenden freien Zugang zu öffentlich-rechtlichen Inhalten werde es auch weiterhin nicht geben, so Daniel Bouhs: „Und so deutet sich zwar — aus Sicht des Beitragszahlers — tatsächlich ein besseres Angebot in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken an. Der große Wurf wird es aber nach wie vor nicht werden, weil die Medienpolitik immer auch andere Anbieter im Blick hat, in diesem Fall RTL, Netflix und andere.“

5. Rechnen mit falschen Zahlen
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Der „Faktenfinder“ beschäftigt sich mit den jüngsten Artikeln zum Verbleib von Asylbewerbern, den anfallenden Kosten und dem Familiennachzug. Das Thema Flüchtlinge sei hoch emotional. Doch anstelle von Fakten werde in der Öffentlichkeit oft mit falschen Zahlen hantiert (auch BILDblog berichtete dazu: „30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn“ Teil 1, Teil 2, Teil 3). Dies liege auch daran, dass es nicht so einfach sei, die Kosten zu ermitteln. Die finanzielle Hauptlast trügen die Länder, nicht der Bund. Eine exakte Aufstellung der Kosten würden diese aber nicht liefern.

6. Ein gefährliches Spiel
(sueddeutsche.de, Annette Ramelsberger)
Heute Abend zeigt das ZDF den Polit-Thriller „Dengler — Die schützende Hand“ nach dem Bestseller von Wolfgang Schorlau (vorher schon in der Mediathek zu sehen). Dort werden die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt zu Opfern eines Mordanschlags gemacht. Annette Ramelsberger fragt sich in der „SZ“, ob man Fakten ignorieren darf, um die große Verschwörung zu inszenieren: „Diese Liebe zur Verschwörung hat allerdings eine Nebenwirkung, die den Verantwortlichen in den Sendern vermutlich nicht einmal bewusst ist: Sie spielen ein Spiel mit, in dem andere versierter sind. Leute aus der rechten Szene, die Akten fleddern und Teile daraus ins Netz stellen, um ihre Theorie zu belegen: Den NSU hat es nie gegeben, er ist eine Erfindung des Verfassungsschutzes. Die zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge: vom Staat inszeniert. Der ganz große Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat, er wird transportiert als Spielfilm zur Primetime.“
Weiterer Lesetipp: Katharina König-Preuss (gehört als Abgeordnete von „Die Linke“ im Thüringer Landtag dem NSU-Untersuchungsausschuss an) mit ihrem Beitrag „Entsorgte Hirnmasse“ auf freitag.de, in dem sie empfiehlt: „Machen Sie was Schönes am 6. November. Gehen Sie essen, ins Theater, treffen Sie sich mit Freundinnen bzw. Freunden oder aktualisieren Sie alle zehn Sekunden Ihre Facebook- oder Twitter-Timeline. Alles ist relevanter, als sich die Verfilmung des achten Schorlau-Romans Dengler — Die schützende Hand im ZDF anzuschauen.“